Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Die Schiffbrüchige

Es gibt sicherlich Wichtigeres in einem tödlichen Sturm Fremden aus seinem Leben zu erzählen. Dennoch ergreift Anguille die Gelegenheit und redet sich in einen Rausch ohne Punkt, dafür aber mit umso mehr Kommas. Anguille, dieser ungewöhnliche Name hat sie von ihrem Papa bekommen. Er bedeutet Aal. Als Fischer stand für ihn ab dem Moment, in dem er von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, fest, dass sein Nachwuchs einmal so heißen wird. Dass es Zwillinge werden, konnte keiner ahnen. Auch dass sich beide Schwestern so unterschiedlich entwickeln werden, stand in den Sternen. Connaît-Tout, ihr Vater – auch sein Name hat eine tiefschürfende Bedeutung: Rechthaber – schaut oft in die Sterne. So weiß er wie am nächsten Tag das Wetter wird. Für einen Fischer fast wichtiger als der Ruf des Muezzin.

Ali Zamir zeigt in seinem preisgekrönten Erstling „Die Schiffbrüchige“ dem Leser seine Welt, seine Heimat, die Komoren. Die kleine Insel im Indischen Ozean findet so gut wie gar nicht in der breiten Öffentlichkeit statt. Vielleicht mal als Frage in einer Quizshow oder als mutiges Neugier-Mach-Stück in einem Auslandsmagazin. Hier rumort es seit Jahren. Die Komoren beanspruchen die Insel La Mayotte, die ein Überseedepartement Frankreichs ist. Politisch gehört es also zu Europa, zur EU, was besonders unter denen, die nichts mehr zu verlieren haben, für Begehrlichkeiten sorgt.

Die abgedroschene (und vor allem blödsinnige) Floskel von den Armen, die trotz alledem das Leben genießen und feiern, trifft hier schon lange nicht mehr zu. Gefeiert wird, wenn man feiern will. Gekämpft wird, weil man kämpfen muss … ohne Uhr und ohne Kalender.

Erste Liebe, die erste Zigarette, jugendliche Frotzeleien und ungestüme Annäherungsversuche gehören hier genauso zum Alltag wie das Scheitern darin. Es ist die durchgehend poetische Sprache – die phantasiereiche Namensgebung ist da nur ein Bruchteil des Ganzen – die diesen Roman zu einem echten Pageturner macht. Das anhaltend hohe Tempo lässt den Leser mit der Schiffbrüchigen – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – mitfiebern. Die Wogen der Emotionen sind von den Wellen des Sturmes eingerahmt. Die Umstände, die zu dieser einzigartigen Schau-In-Meine-Welt-Geschichte führen, sind dramatisch. Dennoch blühen diese Erinnerungen einer Frau, die im Ozean mit dem Leben ringt, wie ein Blüte so wie die Gischt auf den Kronen der Wellen.

Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim befindet sich seiner Meinung nach in der dritten Phase seines Lebens. Nach Kindheit und Erwachsensein genießt er nun das Rentnerleben. Doch das Leben hält eine vierte Phase für ihn parat: Das Vergessen. Alzheimer. Was gestern war, liegt im Nebel. Bald auch das, was einmal war. Byongsu Kim ist aber ein normaler Rentner. Und seine Erwachsenenphase war es keinesfalls. Denn er war Killer.

Alles begann als er mit sechzehn den prügelnden Vater das Handwerk legte. Es folgten Jahrzehnte des Mordens. Unhi, seine Tochter, ist mehr oder weniger direkt die Folge seines Berufes. Er adoptierte sie als ihre Mutter nicht mehr ihre Mutter sein durfte, so Byongsu Kims Wille. Das Leben plätschert so vor sich hin. Bis er eines Tages Jutae Park begegnet. Offensichtlich ein Kollege. Byongsu Kim kann es noch erkennen, ob jemand aus seiner Gilde seinen Weg kreuzt. Und immer öfter kreuzt Jutae Park in der Nachbarschaft auf.

Und das gerade jetzt, als Unhi ihrem Vater den neuen Mann an ihrer Seite vorstellen möchte. Offenbar ein Jäger – das schließt Byongsu Kim aus dem Fahrzeug. Doch er erkennt den Mann nicht. Nicht sofort. Denn der Mann, der Unhi einmal heiraten will, ist Jutae Park. Der Mann, den Byongsu Kim umbringen muss, damit der nicht mit ihm oder Unhi dasselbe tun kann. Und das muss schnell gehen, bevor Jutae Park endgültig aus dem Gedächtnis des pensionierten Killers verschwindet.

Die Zeilen, das Tagebuch, das der Killer Byongsu Kim führt, klingt schlüssig. Er hat in seinem Leben viele Menschen umgebracht. Aus Reue hat er die Tochter eines der Opfer zu sich genommen. Im Alter lässt sein Gedächtnis nach, zur Vorbeugung führt er Tagebuch. Und der Jutae Park ist der Geheimnisvolle, der Mann im Dunkeln, der, den Byongsu Kim – als letzten Akt – beseitigen muss. Doch es ist alles ganz anders!

In Korea waren King Young-Has „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ die Buchsensation des Jahres. Er selbst ist ein gefeierter und geehrter Autor. Endlich nun ist dieses Werk auf Deutsch erhältlich. Was wie ein Katzenjammer beginnt wandelt sich im Laufe des Umblätterns in einen Thriller noir, der weltweit seinesgleichen sucht. Je weiter man im Tagebuch blättert, je deutlicher wird der Widerspruch zwischen Realität und Einbildung – wunderbar durch die immer mehr verblassende Schwärze der Seitenzahlen. Wenn das Gedächtnis einem so viele Streiche spielt, dass man schlussendlich nur noch eine Wahl hat – zu kapitulieren – kann man als Leser nur hoffen, dass der Wahnsinn kein Ende findet. Die Erlösung wird dem Protagonisten verwehrt, dem Leser steht ein überraschendes Ende bevor…

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.

Golf von Neapel: Ischia, Sorrent, Capri, Amalfi

Es ist noch gar nicht so lange her, dass – wenn man es zuspitzt – Neapel für viele Touristen als so genannte „No-Go-Area“ galt. Also ein Gebiet, das man lieber nicht betritt. Straßenraub am Tage, Müllberge, die zum Himmel stanken – so sah Neapel in den Köpfen vieler aus. Doch mittlerweile mausert sich die Perle am Vesuv zu dem, was sie wirklich ist: Eine Stadt voller vollgestopft mit Geschichte und Kultur. Hier wurde die Pizza Margherita erfunden, hier herrschten Könige aus aller Welt, hier kickte der Goldjunge Maradona. Dessen Verehrung übertrifft mancherorts sogar die echter Heiliger.

Heute ist Neapel aber auch der Ausgangspunkt für viele, die der Quelle von bella italia näherkommen wollen. Es ist nur ein Katzensprung bzw. eine kurze Bootsfahrt bis Capri, Ischia liegt in Spuckweite, und die Küste amalfitanische Küste mit den märchenhaften Orten Positano und der Landspitze bei Sorrent sind ebenso schnell wie leicht zu erreichen. Limoncello schlürfen, den Vesuv beim Schlafen zuschauen und im quirligen Neapel durch pittoreske Gassen schlendern – hier lässt man es sich gutgehen.

Das und noch vieles mehr weiß auch Autor Andreas Haller. Vom Ein-Tages-Trip durch die Stadt am Vesuv bis zu ausgedehnten Wanderungen zu und in den Phlegräischen Feldern präsentiert er die ganze Vielfalt dieser Region. Wie in einem nervenaufreibenden Krimi liest man von einem Furore-Fjord, bestaunt moderne Kunst, die in die antike Umgebung passt wie ein Kleinkind zu seiner Mutter und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn man auf den über vierhundert Seiten unzählige Möglichkeiten findet wandernd, genießend und unterhaltend die schönste Zeit des Jahres zu verbringen. Wetter, Menschen und Landschaft meinen es gut mit Einwohnern und Besuchern.

Das Freshup der Reisebände aus dem Michael-Müller-Verlag macht es noch schwerer den Reiseband im Rucksack zu lassen. Immer wieder holt man ihn raus und braucht nicht einmal mehrere Finger einer Hand, um die zahlreichen Tipps im Auge zu behalten. Hier verheißen schon die Ortsnamen wohliges Erschauern. Salerno ist nicht erst seit gestern so ein Ort. Nicht selten wurde man aber enttäuscht. Eine einfallslose Architektur und die Umgebung waren nicht unbedingt das, was man Touristen als Erstes vor die Nase setzen will. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Ein schmuckes Städtchen putzt sich mittlerweile 365 Tage (2020 sogar 366 Tage) im Jahr heraus, um mit ihren Reizen nicht zu geizen. Andreas Haller will da in nichts nachstehen und gibt einer ganzen Region den verdienten Reisebuchrespekt, den sie verdient. Er weiß ganz genau, was, wann und wie bereist werden kann und sollte. Die eindrucksvollen Bilder – übrigens allesamt mit azurblauem Himmel, da muss ja was dran sein – sind nicht nur Beiwerk, sondern Botschafter der Region und Aushängeschild eines der beeindruckendsten Reisebücher des in Tourismusfragen versierten Italiens. Dieser Reiseband eignet sich auch ideal als Bettlektüre – süße Träume garantiert.

Lesereise Australien

Würde Stefanie Bisping um die Welt reisen und ein Abenteuer nach dem anderen erleben ohne darüber zu berichten, könnte man einfach nur neidisch werden. Doch sie berichtet fleißig von ihren Reisen und erlaubt jedem Leser ihre Reisen – wenn auch „nur mit den Augen“ – nachzuerleben. Nicht zum ersten Mal ist sie am anderen Ende der Welt in Australien. Nicht nur wegen der schier endlosen Weite findet sie auch immer wieder Abenteuer, die man eben nur hier erleben kann.

Da kann es auch schon mal passieren, dass beim Dinner jemand aufspringt und laut schreit: „Vorsicht Schlange!“. Und was für eine! Eine King Brown Snake. Der Biss tut nur kurze Zeit weh, dann merkt man eh nichts mehr. Sie gehört zu den seltenen Arten, deren Biss ein vorhersehbares Ende hat. Auf dieses spezielle Abenteuer hat Stefanie Bisping dann doch verzichtet …

Auch beim Gleiten durch die Baumkronen sind die kriechenden Angstmacher immer ein Thema. Kann schon sein, dass auf der anderen Seite ein zusammengerolltes Exemplar auf die Adrenalisten wartet. Wird schon nicht so schlimm werden! Wer sich auf Australien einlässt, muss mit gefahren rechnen, die ihm oder ihr in einer mitteleuropäischen Stadt niemals begegnen können. Wohl auch deswegen ist Australien so beliebt bei Aussteigern und Langzeiturlaubern.

Das Great Barrier Reef ist das größte seiner Art weltweit. Aber auch eines der bedrohten Naturschauspiele unserer Erde. Nachhaltigkeit in allen Belangen wird hier ganz groß geschrieben. Wenn man vor einem halben Jahrhundert noch kichernd auf einer Schildkröte posierte, erntet man heute nur noch Kopfschütteln, und es erwartet einem bei weiteren Verstößen gesalzene Strafen. Da gönnt man sich doch lieber eine Nacht auf dem Ozean. Eine schwimmende Plattform sorgt für wohliges Schaukeln und Sonnenauf- wie untergang sind eine Sinnesweide, die man niemals vergessen wird.

Man muss Australien nicht besuchen, um sich vorzustellen wie abwechslungsreich das riesige Land auf der Südhalbkugel ist. Es reicht schon dieses Buch zu lesen. Mit einem Fingerschnipp ist man dort, wo Wallaby und Koala sich eine gute Nacht wünschen. Selbst der nicht gerade einladend aussehende Tasmanische Teufel verliert an Wirkung, wenn man von seinem tragischen Schicksal erfährt.

Stefanie Bispings „Lesereise Australien“ ist kein Jahrmarkt der Sensationen. Dieses Buch ist ein Kaleidoskop echter Abenteuer, die man tatsächlich noch erleben kann. Fernab von durchgestylten Straßenzügen, die nur dazu dienen, dass man sich bloß nicht als Fremder in der Fremde fühlt, zeigt sie ein Land, das faszinierend anders ist und sich alle Mühe gibt diesen Anspruch auch zu behalten. Wie auf einem sanften Strom gleitet man lesend dahin und darf sich an der Vielfalt dieses Andersseins erfreuen. Nicht umsonst wurde Stefanie Bisping wiederholt für ihre Reisereportagen ausgezeichnet.

Andalusien

Das Dutzend ist voll. Eine Fußballmannschaft und ein Ersatzmann. Es ließe sich vortrefflich (ein Volltreffer!) über das Dutzend Auflagen des Andalusien-Reisebandes von Thomas Schröder fabulieren. Aber warum etwas Zerreden, wenn es nichts zu zerreden gibt. Fakt ist: Wer Andalusien besuchen will, hat beim Kauf dieses Buches nicht nur den ersten Schritt getan, sondern den wichtigsten, den richtigen Schritt und die richtige Richtung gewählt.

Das Land des Lichts kann man ohne Umschweife den Süden Spaniens nennen. Und es wird für jeden eine erhellende Reise. Die Sonnenstunden zu zählen ist mühselig, die paar Tagesstunden ohne Sonnenlicht kann man fast an einer Hand abzählen.

Wer Andalusien sagt, meint auch und vor allem die Alhambra in Granada. Kein Monument, kein Museum, keine andere Attraktion in Spanien wird häufiger besucht. Wer meint dieses Kunstwerk islamischer Baukunst allein besichtigen zu können, ist ein Träumer. Umso traumhafter ist es jedoch, wenn man dem Ratschlag Thomas Schröders folgt und seine Karten vorbestellt. Dann hat man zumindest Karten. Denn nicht alles hier ist kostenfrei besuchbar. Und das Kartenkontingent ist beschränkt. Muss man wissen, sonst ist der gesamte Urlaub futsch!

Was fällt einem noch zu Andalusien ein? Klar, Flamenco. Man muss nicht lange suchen, um den harten Tanzschritten und den fordernden Saitenklängen auf die Spur zu kommen. Doch Vorsicht vor zu viel Touristenabzocke. Auch hier gilt wieder: Nicht verzagen, Schröder fragen! Was sofort auffällt an diesem Reiseband sind die gefällig geschriebenen Tipps und die strahlenden Fotos. Sicherlich hat Thomas Schröder sich immer die schönsten Stunden und Tage ausgesucht, um den Auslöser zu drücken. Doch so viel Glück hat selbst der Autor nicht. Es herrscht halt immer klarstes Fotografierwetter in Andalusien. Da fällt es auch nicht schwer, die Kachelbänke an der Plaza des España im Parque María Luisa ins rechte Licht zu setzen. Wenn man aber nicht weiß, dass sie überhaupt existieren …

Ob genussvoll den Tag mit Schinkenverkostung zu verbringen oder sich am Strand die Sonne auf die Haut scheinen zu lassen, Kultur im ganz großen Stil zu tanken – Andalusien bietet mehr als so mancher Prospekt vorzugeben vermag. Der Reiseband „Andalusien“ von Thomas Schröder bündelt nicht nur sämtliche Informationen, der Autor findet selbst die geheimsten Ecken, die einen Urlaub in Andalusien erstrahlen lassen. Die gelben Infokästen, für die der Michael-Müller-Verlag bekannt und beliebt ist, lassen jeden Fremdenführer vor Ort einen Anflug von Schamesröte ins Gesicht zaubern. Denn die Geschichten hinter der Geschichte machen Ausflüge erst nachhaltig. Der sprichwörtliche Traum vom Süden wird mit diesem Reiseband zu einem greifbaren Traum.

Die Frauen meines Vaters

Wenn man sich am Freitagabend durch die Fernsehsender zappt, schwappt einem eine Überzahl an Talkshows entgegen. Es gab Zeiten, da wurde mit dem Hackebeil ein politisches Statement abgegeben. Oder Rockröhren zeigten vor laufender Kamera wie sich Geschlechtsgenossinnen mal was Gutes tun können. Und heute? Quietschvergnügt dahockende Moderationsmarionetten freuen sich tierisch, dass „Promis“ in „ihrer Show“ Belanglosigkeiten absondern, die nun wirklich keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken. Geschichtenerzähler sind echte Mangelware geworden. Die verantwortlichen Redakteure sollten Mal José Eduardo Agualusa einladen. Der kann erzählen… und zwar die Geschichte von Faustino Manso, einem angolanischen Musiker, dessen Geschichte nur auf dem Papier vorbei ist. Denn da ist von Laurentina, seine Jüngste. Die bis vor Kurzem noch gar nicht wusste, das Faustino im Stunden Flugkilometer entfernten Angola ihr Erzeuger ist. Ihre Mutter hat ihr auf dem Sterbebett eine Briefbeichte hinterlassen. Von nun an kennt Laurentina nur noch ein Ziel: Ihren Vater kennenlernen.

Auf dem Flug nach Angola liest sie in Zeitungen einen Artikel über ihren bekannten unbekannten Vater. Eine Legende war er! Lebte im gesamten südlichen Afrika und gründete Familien, wo er sein Haupt bettete. Aber er war und blieb ein Rolling Stone. Die Todesanzeigen in derselben Zeitung übertreffen sich in Huldigungen und Lobeshymnen. Wird sie wirklich willkommen sein? So viele Frauen und Mütter und Kinder – und dann sie. Die Frau, die im vermeintlich reichen Portugal aufwuchs, sie nie meldete? Doch hier ist Afrika. Und Familie ist eben nun mal Familie. Da gibt es keine Ausnahmen. Und so taucht Laurentina in ein Leben ein, das sie niemals vermisst hat bis zu den Tagen, die ihr weiteres Leben verändern werden.

Man kann José Eduardo Agualusa nicht vorwerfen phantasielos zu sein. Schnell vertieft man sich in sein Buch und merkt gar nicht wie die Zeit vergeht. Zwanzig, fünfzig, hundert, zweihundert Seiten verfliegen im Nu. Erst wenn man die letzte Seite erreicht hat, nimmt das beklommene Gefühl von einem Besitz, dass diese Geschichte nun doch ihr unwillkommenes Ende gefunden hat. Es ist nicht die Eleganz der Worte, die hier brilliert, sondern der Einklang aus zwei Welten, der zu einer Sinfonie für die Sinne anhebt. Ein bisschen Lagerfeuerromantik kommt auf, wenn man über die Zeilen fliegt. Fast scheint der Autor im flackernden Licht der Flammen zu sitzen und vom Leben, vom Hier und Da, von Einst und Heute zu berichten. So als ob Faustino Manso immer noch unter den Lebenden weilen würde. Wer Afrika verstehen will, wer wissen will wie Familie richtig funktioniert – und warum –  kommt um dieses Buch nicht herum.

Schlachthof und Ordnung

Ma-ra-ze-pam. Marazepam, auf dem Markt als Maram vertrieben, ist in einer sehr nahen Zukunft (fast noch Gegenwart), die nicht die unsere ist, ein Wundermittel. Kopf- und Gliederschmerzen kennt man nur noch aus Erzählungen. Angstzustände und Antriebslosigkeit? Pah, was is das denn! Einmal eingenommen, hilft es in jeder Lebenslage. Alle nehmen es. Alle wollen es. Manche schreiben Lobeshymnen auf das Präparat an die Hersteller, andere dichten.

Die Welt, also Deutschland, Frankreich und die USA, in denen „Schlachthof und Ordnung“ spielt, ist eine zufriedene Welt. Dass Marazepam in einem Schlachthof entwickelt wurde, spielt da fast schon keine Rolle mehr. Widerstand ist vorhanden. Selbst in den Reihen des Herstellers zuckt das Gewissen Vereinzelter sporadisch auf. Und die, die diese perfekte Welt bekämpfen sollen, wollen und auch können, sind selbst Konsumenten des Psychopharmakons. Da bedarf es einigen Wortwitzes, um dem Leser kein Schwindelgefühl einzuflößen. Kein Problem für Christoph Höhtker. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragt man am besten den dieses Romans. Die, die – im biblischen Sinne – den ersten Stein werfen können, sind unwillens und so stark beeinflusst von der teuflischen Droge, dass man alle Schutzhelme getrost beiseite räumen darf. Tieffliegende Steine, derer, die den ersten Stein werfen, gibt es nicht mehr. Wie erzeugt man also Spannung in einem von Problemen bereinigten Umfeld?

Hier liegt der Hase im Pfeffer! Denn das Feld ist bei Weitem nicht bereinigt. Vielmehr stapft man durch von Flurschäden versifftes Gebiet. Perfektion ist niemals das, was sie vorzugeben gibt. An einem Gummiseil gesichert steig(er)t man (sich) in dieses Buch hinein. Oder hinauf? Maram könnte bei der Antwortfindung vielleicht helfen? Immer wieder schüttelt es einen durcheinander. So was kann es doch niemals geben! Doch tut es. Und das schon im Jahr 2022/2023. Die Zukunft ist greifbar in diesem Buch.

Eine Droge, die Erschöpfung vergessen lässt. Schlafstörungen mit der Unterstützung eines Glas Wassers hinwegspült. Eine kleine Pille, die leistungsbereit und leistungsstark macht – so viel Gutes muss auch eine Kehrseite haben. Und wie! Nationalismus und Xenophobie, Allmachtsphantasien sind ebenso verbreitet wie Irrsinn und Realitätsverlust.

Wem bisher erschiene intellektuelle Zukunftsvisionen in geschriebener Form die Hirnzellen in Wallung brachten, wird ab sofort auf ein höheres Level dieser Art der Befriedigung gehoben. Selten trafen Intellekt und Witz auf einmal auf so hohem Niveau zusammen. Fragen Sie nicht nach Risiken und Nebenwirkungen. Noch nie stand so früh fest: Das beste Buch der Saison hat einen weißen Einband mit roter Schrift und trägt den Namen „Schlachthof und Ordnung“. Das muss reichen!