Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Das Ende des Schweigens

Ein Bulle, der mal im Knast saß. Ein Ex-Major der Nationalen Volksarmee, der im Knast hätte sollen. Und eine Journalistin, die mit dem Knast noch nie in Berührung gekommen ist. Das sind die Zutaten von Claudia Rikls Krimi „Das Ende des Schweigens“.

Susanne Ludwig kommt endlich mal raus. Ein paar Tage frei. Die Tochter freut sich wie Bolle bei der Oma sich austoben zu können. Und Susanne kann Ex-Mann und Scheidung hinter sich lassen. Ein Haus hat sie gemietet. Der Besitzer macht es sich so lange im Haus ihrer Eltern bequem. Couchsurfing für Hausbesitzer. Die Ruhe Mecklenburgs soll ihre Tankstelle sein. Sie ahnt noch gar nicht wie sehr sie ihre Kräfte noch brauchen wird!

Denn als sie an einem Frühlingssonntag endlich das Haus gefunden hat, schlägt ihr ein bestialischer Gestank entgegen und sie auf den Boden. Erst die Polizei holt sich ins Leben zurück.

Kriminalhauptkommissar Michael Herzberg leitet die Ermittlungen. Nicht, weil die Journalistin zu Boden gegangen ist, sondern wegen der Ursache des Gestanks. Die Magengrummeln verursachende olfaktorische Herausforderung stammt von Hans Konrad. Der liegt in seinem eigenen Blut. Reden kann er nicht mehr, doch selbst wenn er den massiven Blutverlust überlebt hätte, würde es ihm schwerfallen noch zu reden. Der Mörder hat ihm die Zunge herausgeschnitten. Auffällig ist weiterhin, dass der Tote keine Papiere bei sich hatte.

Schließich stellt sich heraus, dass die Leiche einmal Major bei der NVA war. Herzberg verursacht diese Erkenntnis Übelkeit. NVA. Stasi. Bautzen II. Das Stasigefängnis. Auch er hatte das zweifelhafte Vergnügen dort einmal die Gastfreundschaft des Überwachungsapparates am eigenen Leib spüren zu dürfen. Wie soll man da noch objektiv bleiben? Michael Herzberg stößt an seine Grenzen. Dass Susanne Ludwig auch nicht das tut, was man als Rekonvaleszente so tut – sich ausruhen, erholen, wieder zu Kräften kommen – steigert seine Laune nicht im Geringsten. Auch nicht die Ermittlungsergebnisse. Und deren Folgen. NVA – Stasi – Mobbing auf höchstem (und körperlichen) Niveau – sowie Seilschaften, die bis heute noch existieren und exzellent funktionieren. Doch nicht wie im Film weit weg … nein, gleich um die Ecke, im Büro nebenan. Vor der eigenen Spürnase.

Ein Knabenchor ist keine Armee der Welt. Wer sich gern aufspielt und die Macht dazu erhält, nutzt sie gnadenlos aus. In der NVA war das Schildkrötenspiel, bei einem Frischling Stahlhelme an Ellenbogen und Knie geschnürt wurden, so dass er auf dem Boden herumgestoßen werden konnte, eines der harmloseren Spielchen. Claudia Rikl holt noch ganz andere, perfidere Spielchen ans Tageslicht. Ihr Hauptkommissar bezieht dafür heftig Prügel, sie macht alles publik.

Stockholm

Det är fint! Beginnen wir mit dem Ende des Reisebandes. Ja, er wird jedem gefallen, der Stockholm auf eigene Faust, auf eigenen Füßen, mit allen Sinnen begegnen und darin eintauchen will. Der beiliegende Stadtplan war eine echte Erleichterung in der Stadt, die Lisa Arnold zu Beginn des Buches als „anders“ beschrieben hat. Anders sind viele Städte, jede auf ihre Art. Doch Stockholm ist es wirklich. „Lagom“ nennen die Schweden das, was man den goldenen Mittelweg zum Glück bezeichnen könnte. Kein endloses Abwegen, was wem am wenigsten schadet. Nein, wahrhaftes Glücklichsein, darum geht es. Und fast scheint es so als ob die Neu-Stockholmerin Lisa Arnold dem Leser mit diesem Buch einen kräftigen Schubs in diese richtige Richtung geben möchte.

Stockholm – noch nie da gewesen, aber schon immer dort hin gewollt? Was fehlte? Der reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag? Weil die immer so tolle Tipps haben und das ganze Buch erst vor Ort seine Reize preisgibt. Jetzt gilt dieses Argument nicht mehr. Erstauflage im Mai 2018, 264 Seiten, 121 Farbfotos, herausnehmbare Karte, Hintergrundinfos in gelben Kästen, neun Touren plus ein je Kapitel zu Ausflügen und den Schären.

Ja, dann haben wir doch alles! Auf geht’s nach Stockholm. So einfach ist es dann doch nicht! Erstmal einen Blick ins Buch werfen. Das ist ganz einfach. Denn jedes Kapitel ist klar strukturiert. Am Beginn einer jeden Tour, eines jeden Kapitels gibt es eine kleine Übersicht, was einen erwartet. So kann man schnell entscheiden, ob man dieses Kapitel sofort liest oder erst später. Man wird es so oder so lesen. Versprochen. Denn Stockholm – und schon lässt man die Seiten durch die Finger gleiten – ist ein Augenschmaus. Nimmt man alle Bilder zusammen, so streicht man die Worte Hektik und Stress postwendend aus seinem Sprachgebrauch. Das gilt übrigens auch für die Texte. Lisa Arnold hat nicht nur einen erstklassigen – Achtung Kritik! – und endlich einen Reiseband für diejenigen geschrieben, die gern auf eigene Faust eine Stadt erkunden. Ein kleiner Schubser hier, ein Fingerzeig da. Mehr braucht sie nicht, um auf den richtigen Pfad zu führen.

Und so kommt man durch Straßenzüge, die man hier nicht vermutet hätte. Der Architekt Sven Wallander, der hieß wirklich so und löste wohl den kniffligsten Fall der schwedischen Stadtplanungsgeschichte, schuf hier zum Beispiel den ersten Wolkenkratzer Europas. 1925 war das. Sechzig Meter hoch sind die Zwillingstürme Kungstornen in der Kungsgatan, der Königsstraße. Die besticht nicht so sehr durch lauschige Geschäfte – auch dafür hat die Autorin mehr als nur ein paar Zeilen eingearbeitet – sondern durch die bauliche Komposition. Nicht lang schnacken, Kopf … Apropos Kopf. Den sollte man keine Sekunde lang ausschalten. Genauso wie man das Buch immer dabei haben sollte. Denn sonst verpasst man womöglich noch die Möglichkeit zu einer Paddeltour, was in einer Stadt im (nicht am) Wasser fatal wäre. Oder ist erst weit nach 16.30 Uhr am ABBA-Museum. Dann kommt man nicht mehr rein. Was auch nicht schlimm wäre, da man sich in diesem Fall in der wohl längsten Galerie der Welt Kunst anschauen kann. Kostet nur so viel wie ein U-Bahn-Ticket und liegt auch genau auf gleicher Höhe. Die Rede ist von der Metro in Stockholm. Jede der einhundert Stationen wurde mit Skulpturen, Mosaiken, Malerei und Installationen gekrönt. Klar, Schweden ist ja auch eine Monarchie. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass im Buch unzählige Tipps für den verwöhnten Gaumen, verwöhnte Häupter und verwöhnte Sportenthusiasten aufgelistet sind? Ja? Sie sind es! Ob nun auf dem Montäliusvägen die romantische Aussicht genießen, im Kungstgrädgården den Wasserspielen fasziniert zuzuschauen oder in einer der zahlreichen Galerien sich ein bisschen Kunst zu gönnen: Zwischen der Sehnsucht und dem Erlebnis hat ab sofort der Michael-Müller-Verlag das ideale Bindungsglied im Programm.

Die Reise zum ersten Kuss

Wenn der, der seine Versprechen hält mit der Blume en Kind zeugt, ist es frei wie der Wind. Besnik und Lule haben Era in die Welt gesetzt. Sie wohnen in Prishtina, im Kosovo. Sie sind Kosovo-Albaner. In den 90ern kein Zuckerschlecken, vielmehr die Hölle auf Erden. Der Weg zur Schule wird von serbischen Milizen gesäumt, die je Lust und Laune die Bevölkerung drangsalieren dürfen. Ihr Vater ist politisch aktiv. Und zwar so sehr, dass er für zwei Jahre verschwindet. Oma Emine ist der ruhende Pol in der Familie. Für Era bäckt sie Schokoladenbrötchen. Daran kann sich die Kleine einfach nicht sattessen. Ein Jammer, wenn es Emine und ihre Schokoladenbrötchen nicht mehr geben würde. Unvorstellbar!

Doch das Leben hält eine Wendung für Era und ihre Familie parat. Sie folgen dem Vater, der nach zwei Jahren endlich wieder aufgetaucht ist, nach Berlin. Als politisch Verfolgter darf er in Deutschland bleiben. Und der Familiennachzug ist auch kein Problem. Nur Oma Emine will nicht weg. Nicht weg von ihrem angestammten Platz. Trotz des serbischen Milizenterrors. Drei Tage hat Era Zeit. Die Musik von Madonna und der Walkman sind das wichtigste. Die Kassette hat ihr Onkel Agim einmal bespielt. Er fiel dem Terrorregime zum Opfer. Damals sah Era ihren Vater zum ersten Mal weinen.

Berlin ist kalt im November. Grau. Und es fällt der erste Schnee. Die Familie wird in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Alles kahl, kalt, unfreundlich, trostlos. Nach drei Monaten darf Era endlich zur Schule gehen. „Kaba, Autobahn und Tschüss“ kennt sie bereits. Ihr offenes, unschuldiges Wesen macht es ihr einfach Freunde zu finden. Auch ihr Deutschnachhilfelehrer Daniel erleichtert es die fremde Sprache und Kultur zu verstehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Dinge: Karten für das bald anstehende Madonna-Konzert zu bekommen und einen deutschen Jungen zu küssen…

Arta Ramadani stammt selbst aus Prishtina. Sie hatte eine glückliche Kindheit im Kosovo und eine glückliche Jugend in Mannheim. Era und Arta sind zwei Frauen mit ähnlichen Schicksalen. Eras ist fiktiv mit realen Bezugspunkten. Mit echter Lebenslust beschreibt Arta Ramadani das Heranwachsen eines Mädchens, das früh lernen muss, dass Verlust schmerzhaft ist, im Gegenzug aber auch immer einen nächsten Schritt bedeutet. Die ungeschminkten (positiven wie negativen) Erinnerungen an Prishtina schnüren dem Leser fast die Kehle zu. Die unverblümt geäußerten Gedanken in Deutschland rühren zu Tränen. Era wird gezwungenermaßen in ihr neues Leben geschubst. Ehrlich und echt nimmt sie mit, was ihr beigebracht wurde und ist nun mittendrin im neuen Lernprozess des Lebens. Traditionen beißen sich in Berlin noch offener als in der beruhigend anmutenden Heimat im Süden. Doch Era weiß sich zu helfen und die besten Ratgeber der Welt hinter sich: Ihre Eltern.

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Stallungen

Das kann ja heiter werden. Eine Party ohne Frauen. Don Guido Carrión feiert vielleicht einen seiner letzten Geburtstage. Ein paar hundert Gäste treffen sich auf dem ausgedehnten Anwesen des angesehenen Pferdezüchters in den Höhenlagen Guatemalas. Alle sind ausgelassen. Es gibt viel zu trinken. Und viel zu bestaunen. Die Pferde von Don Guido sind erlesene Schätze. Als die ersten maulen – schließlich sind ja keine Frauen zur Party eingeladen worden – und zu gehen drohen, knallt’s. Und zwar wirklich. Mit einem Rumms stehen die Stallungen in Flammen. Auch Duro II, der Stolz seines Besitzers und der gesamten Umgebung fällt den Flammen zum Opfer. Der Erzähler, Schriftsteller, der mit seinem Vater die Party besucht, wird von vielen erkannt und beglückwünscht. Sicher haben die meisten sein Buch nicht gelesen, wohl aber von dessen Veröffentlichung gehört. Und sie kennen ihn. So wie der Anwalt Jesús Hidalgo. Er überreicht ihm seine Karte mit einer Bitte und einem Hinweis: „Darüber sollten Sie mal schreiben!“.

Kurzerhand nimmt er Einladung an. Ob er am Ende des Buches noch einmal so reagieren würde? Ein zwielichtiger Typ, dieser Anwalt. Er scheint alle Fakten zu kennen, die zu der Brandkatastrophe führten. Aber er will auch niemandem auf die Füße treten. Deswegen soll ein fiktiver Roman entstehen. Doch warum das alles?

Das Gespräch geht in einen Ausflug über und unversehens blicken der Zarte, die rechte Hand des Dons, Dona Barbara, von der keiner so recht weiß, warum sie ihre deutsche Heimat verließ und in Guatemala nun Pferde züchtet, der Anwalt und der Erzähler in den Lauf einer Pistole. Ein Stallbursche am anderen Ende des Revolvers.

„Stallungen“ ist keineswegs einfach nur ein kleiner Roman aus einem kleinen fernen Land. Aus der Idee innerhalb des Romans einen Roman aus den Geschehnissen rund um eine Geburtstagsparty zu schreiben, wird schnell Ernst. Ds Machtgefüge innerhalb der Finca Palo Verde, seinem Patron und dessen Gefolge wird eher beiläufig erwähnt. Hier herrschen Zustände wie im Mittelalter. Wer nicht spurt, spürt die Knute. Wer aufbegehrt, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Dass immer wieder rebelliert wird, zeigt nur, dass der Funke Hoffnung immer noch mehr als nur glimmt.

Rodrigo Rey Rosa ist ein Künstler mit der Feder. Die bedrohliche Situation am Tisch als plötzlich der Stallbursche die Waffe zieht, wirkt für alle wie im Film. Sie rechnen nicht mit dem alles verändernden Knall. Manche aus Arroganz, weil sie weit über dem Burschen stehen, obwohl der das bessere Argument in den Händen hält. Manche sind fast schon furchtlos, weil sie in ihm das Gute sehen. Die vierzehn Kapitel dieses Buches fliegen im Nu an einem vorbei. Erst nach dem Absetzen fühlt man die Kraft, die von diesem Buch ausgeht.

Das Casting

Sieben Jahre ist es her, dass Aoyama seine Frau verlor. Krebs. Seitdem ist der Dokumentarfilmer allein mit seinem Sohn Shige. Der ist mittlerweile schon fünfzehn und geht immer öfter eigene Wege. Und macht sich auch seine Gedanken. „Willst Du nicht wieder heiraten?“, platzt es eines Tages aus dem Teenager heraus. Aoyama wird plötzlich aus seiner Lethargie gerissen. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Kollegen Yoshikawa. Der ist begeistert, das Aoyama wieder auf andere Gedanken kommen will. Er weiß allerdings auch, dass sein Freund besondere Ansprüche an die neue Neue stellen wird. Zwei kreative Medienmacher zusammen in einem Restaurant . klar, dass das was rauskommen muss. Yoshikawa fährt auch gleich die ganz großen Geschütze auf. Ein Casting. Für einen Film. Betrug entfährt es gleich Aoyama. Die Bedenken kann Yoshikawa sofort beiseiteschieben. Im Nu hat er einen Marketingplan parat. Werbung im Radio, er hat sogar schon die Zielgruppe und somit die Sendezeit im Kopf. So als wenn er den Plan schon seit Jahren in der Brieftasche mit sich herumträgt und nun endlich das zerknitterte Papier mit einem Taraaaa präsentieren kann. Naja, wenn’s gar nicht anders geht?!

Schon vor der eigentlichen Fleischbeschau, die für Aoyama den erhofften Segen bringen soll, fällt dem Witwer eine Dame besonders auf: Yamasaki Asami. Sie hat was. Sie wird es werden. Der neue Star! Dass das Casting eigentlicheinen anderen Grund hatte, wird er ihr schon irgendwann erklären können.

Und siehe da. In der Fragerunde, in der sich so manche wie typische Casting-Touristen gebärden – von bis auf die Knie fallen bis hier zum Striptease ist alles dabei – erweist sich Yamasaki Asami als die einzige geeignete Kandidatin. Das Ballett war mal ihre Leidenschaft, ihr Ausweg aus der Schwiegervaterhölle. Doch eine Verletzung beendete jäh den Traum. Aoyama und Yamasaki Asami verbringen von nun an mehr Zeit miteinander. Der Altersunterschied von einer Generation ist nicht existent. Sie lernen sich kennen, und begehren. Aoyama ist ganz Gentleman und drängt die junge Frau zu gar nichts. Seine Geduld wird belohnt. In einem Hotelzimmer kommen sich die beiden endlich auch körperlich näher. Es wird für Aoyama eine Nacht, die er nicht vergessen wird.

Ryū Murakami legt dem Leser ein kleines Leckerli hin. Ein einsamer Witwer blüht durch eine kleine List, eine Notlüge wieder auf. Er hat Glück, denn selbiges klopft prompt an die Tür. Auch sie ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Glück. Mit einem Karateschlag werden Held und Leser schwer getroffen. Was ist das? Woher kam das? Denn das Glück hat selbst einen Tritt in die Magengrube erhalten. Ein teuflisches Spiel, blutrot getränkt schwing sich auf alles bisher Gelesene in Frage zu stellen. Schon mit „Coin Locker Babys“ spaltete Ryū Murakami die japanische Literaturszene. Und zwar in erfolgreiche Autoren und ihn. Ryū Murakami ist eine Liga für sich.

Kärtner Ecke Ring

Der Zweck heiligt die Mittel. Die große Sache steht über dem Schicksal des einzelnen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Ludwig Bilinski ist von einer gnadenlosen Idee beseelt. Wien muss wieder erblühen. Weg mit dem gentrifizierten Mist. Weg mit dem Schutt des Alltags. Weg mit der Apathie des Hinnehmens. Es ist Zeit zu Handeln.

Große Worte, großes Gedankengut. Norbert und Tamara Bauer sind hierfür wie gemacht. Mit der Mutter bändelt Ludwig an, mit dem Sohn verschlägt es ihn in die Opera Toilet Vienna. Norbert ist vom Leben nicht nur enttäuscht, es kotzt ihn an. Den Vater hat er früh verloren – wenn er wüsste, dass der erst vor Kurzem ins Gras gebissen hat und als Poet und Sänger in Wien so manchen neuen Gassenhauer ersonnen hat. Die Mutter verbot ihm strengstens eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Als Steppke hat er eine Gitarre mal in der Abstellkammer entdeckt und ein wenig darauf rumgeklimpert. Patsch, peng, Erst ins Gesicht, seines, dann gegen den Türrahmen, die Gitarre.

Jetzt schlägt sich Norbert mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Blowjob da, ein Joint hier. Der Einbeinige, bei dem er lebt, ist auch nicht gerade das Paradies. Doch weniger ist besser als gar nichts.

Man liest sich fasziniert vom Wortschwall des Autors Paul Auer (der Name erscheint nicht nur auf dem Cover, sondern am Anfang und am Ende des Buches als Doktor – auf die Idee muss man erst mal kommen) und merkt gar nicht wie tief man in den Strudel der kommenden Ereignisse hineingezogen wird. Es ist ein Labyrinth. Eines aus dem nur der Leser entkommen kann. Aber warum sollte er? Es ist doch grad so schön!

Ludwig sieht das anders. Nichts ist schön. Alles ist verkommen. Er selbst steckt in einem perfiden Spiel fest. Die Spielregeln kennt er allerdings noch nicht. Nicht mal die Spielanleitung wurde ihm angeboten. Die liegt irgendwo im kranken Hirn von Ludwig Bilinski rum.

Wer Wien besucht, kommt automatisch irgendwann an der Kärntner Ecke Ring vorbei. An der Oper, und der Toilette. Eine Querstraße weiter ist das Sacher. Die Häuserfassaden verschwimmen im Meer der neuen Architektur. Und hier soll das neue Wien erstehen. Aus Ruinen. Doch die müssen erst einmal geschaffen werden. Paul Auer geht mit dem Leser auf einen Trip, von dem man verändert wieder zurückkehren wird. Das monarchische Ambiente reizt immer noch, doch ein Beigeschmack wird immer am Leser hängenbleiben. Viel Spaß beim nächsten Wien-Besuch! Und nicht vergessen: Hinterher immer brav die Hände waschen!

Die Revanche

Was ein Glück. Gleich einen Parkplatz gefunden am Paradeplatz in Zürich. Was ein Glück! Bruno Hollenweger sieht das ein bisschen anders. Seine Frau Barbara hat ihn gerufen. Sie wollte einkaufen, Schnäppchenjagd, und ihre Kreditkarte funktionierte nicht. Seine übrigens auch nicht. Es passt alles irgendwie ins Bild der vergangenen Tage. Ein bisschen Unordnung da, ein bisschen Vergesslichkeit da. Werden Bruno und Barbara ein bisschen tütelig? Nein, denn die zerstochenen Reifen in der (abgeschlossenen!) Tiefgarage sind echt.

Lukas Senn ist neben der angenehmen Eigenschaft ein wahrer Freund der Hollenwegers zu sein bei der Kriminalpolizei. Doch dieses Mal kommt er nicht nur mit seiner Frau zu den Hollenwegers, sondern auch mit einer schlechten Nachricht: Eugen Bischof ist frei. Nach fünfzehn Jahren in staatlicher Obhut inkl. Vollpension und Rundumdieuhr-Bewachung scheint er wieder sein Unwesen zu treiben. Denn er hat mit Bruno Hollenweger noch eine Rechnung offen. Der war es damals, der die Tatwaffe nach tagelanger Suche im Gebüsch fand. Mit der wurde Freund von Bischofs Frau umgelegt. Bischof war damals schon ein brutaler Fiesling, der Fitnesstrainer für seine Frau ein Ausweg. Der allerdings im Drama endete.

Sie konnte sich in Spanien zusammen mit ihrem neuen Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn ein neues Leben aufbauen. Von dem, was in Zürich vor sich geht, erfährt sie erst als die Hollenwegers sich bei ihr ankündigen.

Eugen Bischof kann es eigentlich nicht gewesen sein. Er hat ein Alibi. Ein wasserdichtes. Denn zur Tatzeit, zu den Tatzeiten, wälzte er seinen nicht gerade von der Sonne verwöhnten Körper unter Palmen an Thailands Stränden. One way, selbstverständlich. Doch Lukas Senn hat herausgefunden, dass Bischof noch einmal one way verreisen will. Ein Flug über Barcelona nach Valencia. Dort in der Nähe wohnt … seine Ex-Frau. Klar, dass hier eine Bombenstimmung herrscht. Und das realer als es sich anhört, und auch schneller!

Peter Iwanovsky gönnt dem Rentnerpaar aber auch gar keine Ruhe. Sie könnten es so gut haben in ihrer Wohnung im idyllischen Rüschlikon am Zürichsee. Gleich um die Ecke von Thomas Mann. Ihr Sohn Markus ist auch endlich ein Mann, und endlich mit Frau. Die sehr zum Leidwesen der Hollenwegers nur sehr selten bei Markus und ihnen sein kann. Ihre Tochter ist ebenfalls glücklich in ihrer Beziehung zu Marta. Doch während des Lesens kommen dem Leser Zweifel an dieser Idylle…

Richtig hohe Absätze

Sich verbiegen, um den geraden Weg einschlagen zu können. Su Nuam ist fünfzehn Jahre alt. Und sie arbeitet schon. Als Übersetzerin. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Buenos Aires. Ihr Vater, ein Chinese, wird eines Tages von einem wütenden Mob ermordet. Sie und der Rest der Familie flieht. Nach China, zu den Großeltern.

Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Keine nörgelnde Spanischlehrerin, die ihr Vorhaltungen macht, weil sie die Zeitformen nicht einhält – hier ist wichtig zu wissen, dass es im Chinesischen keine Verbformen dafür gibt. Die Freunde sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr greifbar. Der Platz, der so trostlos ihr Refugium war, weicht dem hektischen Treiben in der Fremde.

Da kommt das Jobangebot als Übersetzerin für ein Unternehmen zu arbeiten gerade richtig. Und sie ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass sie auch auf Reisen mitgenommen wird. Und eine führt sie geradewegs in ihre jüngere Vergangenheit zurück. Der Großvater als Begleiter ist ihr dabei die Stütze, die sie braucht, um nicht von ihrem geraden Weg abzukommen.

Federico Jeanmaire gelingt mit „Richtig hohe Absätze“ das Kunststück Gerechtigkeit in seiner reinsten Form in glaubwürdige politische Unkorrektheit überfließen zu lassen. Natürlich ist das junge Mädchen traumatisiert. Sie musste mit ansehen, wie teilweise sogar Freunde, ihrem Vater das Lebenslicht auslöschen. In Argentinien war sie sich nicht sicher, ob sie Chinesin oder Argentinierin ist. Zurück in China fühlt sie sich als Argentinierin mit chinesischen Wurzeln. Je näher sie dem Flughafen Buenos Aires kommt, desto mehr treten ihre chinesischen Wurzeln wieder hervor. In ihrem Kopf summt es, es klirrt, es scheppert.

Die Reise wird für die Unternehmensdelegation zum Erfolg. Der Deal zum Bau einer Gasleitung kann abgeschlossen werden. Auch dank Su Nuams Mithilfe, die gnadenlos jede Äußerung übersetzt. Ein Handgeld soll ihre Extrabelohnung sein. Und was wird sie sich wohl davon kaufen? Richtig: Schuhe. Aber welche mit richtig hohen Absätzen…

Eine Kurzgeschichte, die den Leser einfach nur amüsiert und von der ersten Seite an in ihren Bann zieht? Ja, und vor allem ein ganz großes Nein. Denn der Reiz der Geschichte liegt zwischen den Zeilen. Su Nuam reist nicht einfach nur zurück nach Argentinien. Sie reist zurück mit ihrem Spanischheft. Das birgt für alle außer ihr ein Geheimnis in sich, das den Leser erst nach und nach auffällt…

Riwan oder der Sandweg

Nach Jahren des Exils kehrt eine junge Frau in ihr Dorf in Senegal zurück. Der Serigne regiert hier. Er ist eine Art Ortsvorsteher, Doktor, Alleskönner. Zu ihm kommt man, wenn man gerufen wird oder ein Problem aus der Welt geschafft werden muss. Der Serigne ist geschickt und furchtlos. Er setzt auf die Kraft der Selbstheilung, die er selbst in Gang setzen kann. Ein echter Weiser.

Und der Serigne hat gleich mehrere Frauen. Nicht zwei, drei oder vier … nein mehr als zwei Dutzend. Die junge Frau, die unverkennbar die Züge der Autorin trägt, beobachtet das Treiben in dem abgeschotteten Kosmos ihrer für sie neuentdeckten Heimat. Da ist Rama. Eine sehr junge Frau. Auch sie „gehört“ dem Serigne. Wie alle Frauen verrichtet sie ihre Arbeit und ist zur Stelle, wenn der Serigne ruft. Beziehungsweise sie rufen lässt.

Aber da ist auch Riwan. Er ist die exotischste Figur an diesem exotischen Platz. Ein stummer Zeuge der Gegenwart. Willfähriger Diener, der sich nicht andient, sondern einfach nur da ist. Sein Schicksal ist es hier zu sein. Er genießt weitreichende Privilegien. Er darf dort hin, wo sonst nur der Herr des Hauses, was eigentlich ein Gehöft ist, Zutritt hat. Er richtet nicht, er richtet sich nach Gottes Geheiß. Ein wundersamer Mensch, der so friedvoll sein Leben beschreitet.

Dann ist es eines Tages doch soweit. Auch die namenlose Erzählerin wird vom Sergine erwählt. Sie soll eine weitere Frau im Harem des Meisters sein. Angst hat sie nicht. Sie lebte in Europa, hat viel gesehen, kennt mehr Kulturen als ihr lieb ist. Sie kam zurück, weil die ständige Suche nach Heimat ihre Reserven angriff. Der Serigne weiß um die Weltgewandtheit seiner neuen Frau. Sie stellt aber keine Gefahr für seine Macht dar …

Ken Bugul ist das Pseudonym von Mariétou Biléoma Mbaye und bedeutet „eine, die unerwünscht ist“. So poetisch der Name klingt, so dramatisch die Geschichte dahinter. Sie lebte in Belgien und Benin und war die achtundzwanzigste Frau in einem Harem. Heute ist sie Schriftstellerin und Kunsthändlerin. Die alles erfassende Beobachtungsgabe macht „Riwan oder der Sandweg“ zu einer Schatztruhe voller Einblicke in eine Welt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ihre Heldin verneint nicht die „Vielweiberei“ wie es einst genannt wurde. Das Leben im Harem ist auch nicht primär die einzige Zuflucht aus einem möglichen Leben in Armut und Angst. Es ist essentieller Bestandteil eines Lebens, das man annehmen kann oder man lässt es. Das brachte der Autorin oft und lautstark Kritik ein. Die Frauen des Harems sind weitgehend frei in ihren Entscheidungen. Sie haben immer noch den Sandweg, der sie aus ihrem Alltag herausholt.