Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Pest & Cholera

Eine Biographie über Alexandre Yersin ist ein Selbstmordkommando. Der Mann war ja ständig unterwegs! Für ihn gab es seit frühester Kindheit kein Halten. Bei Louis Pasteur war er angestellt. Zu dieser Zeit finanziell eine Gelddruckmaschine, aus wissenschaftlicher Sicht ein Sechser im Lotto. Und was macht Yersin? Er will weg. Reisen. Forschen. China, und Vietnam waren seine Ziele. Hier erforschte er den Pestvirus. Und fand ein Gegenmittel. Immer mit besonderer Beachtung seines großen Gönners Louis Pasteur.

Die Art und Weise wie Patrick Deville dem verkannten Genie ein Denkmal setzt, versetzt den Leser in schiere Sprachlosigkeit. Wie ein Getriebener hetzt er dem nicht minder getriebenen Yersin hinterher. Ein knappes Mal umsteigen, um endlich in Asien anzukommen? Kein Problem! Yersin hat überall Spuren hinterlassen. Mal eben Hitler und Göring als Kunstsammler zu bezeichnen – Sarkasmus lag sicher auch dem Erfinder eines köstlichen Limonadengetränkes, das er besser mal zum Patent angemeldet hätte. Dann wäre Yersin heute noch buchstäblich in aller Munde.

Wissenschaftler zu portraitieren ist kein leichtes Unterfangen. Ihre Ausführungen ist mit Schulwissen kaum zu folgen. Und von Spannung sind die Forscher meilenweit entfernt. Patrick Deville kommt nicht einmal annähernd in den Verdacht Langeweile zu produzieren. Wie in einem Fortsetzungsroman reiht er das ereignisreiche Leben des Schweizer Forscher Alexandre Yersin an einer Perlenschnur auf. Man muss das Buch nicht an den Zähnen reiben, um festzustellen, ob die Perle echt ist. Sie ist es!

Paris, der Kanton Waadt in der Westschweiz oder fernes Asien – die Schauplätze sind echte Sehnsuchtsorte für Reisende. Für Yersin waren sie Mittel zum Zweck. Er steckte seine Nase in alles, was nach Forschung roch. Die Pest zu besiegen war eher Zufall für ihn. Die Ehrungen nahm er nicht entgegen. Denn ein Tag ohne Arbeit war ein verschenkter Tag. Selbst im hohen Alter war er nicht zu müde noch Neue zu entdecken. Altgriechisch und Latein wurden seine letzten Leidenschaften.

Heute findet man überall auf der Welt Hinweise auf sein Leben und Wirken. Eine Büste in Hongkong, eine Vogelart in Vietnam trägt seinen Namen, um nur zwei zu nennen. Nach der Lektüre fragt man sich, was wäre geschehen, wenn Alexandre Yersin die Pest in Europa in den Griff bekommen hätte? Oder wenn er die Limo zum Patent angemeldet hätte? Man würde ihn besser kennen. Hätte Yersin das gefallen? Nur, wenn man ihn weiter in Ruhe hätte arbeiten lassen. Er starb zufrieden fast achtzigjährig in Vietnam.

An einem Dienstag geboren

Dantala lebt in einer der gefährlichsten Regionen Afrikas, im Norden Nigerias. Dieser wird seit Jahren von den perfiden Attacken der Boko Haram, einer islamistischen Terrormiliz malträtiert. Seine Freunde kiffen, morden, lungern herum. Die Polizei greift nicht durch solange sie geschmiert wird. Als eines Tages doch einmal eine Polizeiaktion durchgeführt wird, rennt Dantala soweit und solange er kann. In Sokoto kann er endlich haltmachen.

In Sheikh Jamal findet er einen Gönner und Lehrmeister, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Das Zusammenspiel von Religion und Welt fasziniert den aufmerksamen Jungen. Doch die Diskrepanzen verwirren ihn gleichermaßen.

Sein bester Freund Gabriel, der jetzt nur noch Jibril genannt wird, der arabischen Version seines Namens, ist Anker und Triebfeder zugleich. Die beiden unterrichten sich gegenseitig in Englisch und Arabisch.

Die Jahre vergehen. Die beiden Jungen wachsen zu jungen Männern heran. An ihrer Seite ist immer noch Sheikh Jamal. Dann stehen die Wahlen an. Im Vorfeld kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen einzelnen – religiös angestachelten – Gruppierungen. Und das zu einer Zeit, in der Dantala die Liebe entdeckt. Aisha ist die Auserwählte. Sie lässt ihn zappeln, weist ihn jedoch nicht ab. Eine harte Lektion für den jungen Mann, der gerade dabei ist sein Leben für die Zukunft in die rechten Bahnen zu lenken.

Doch das ist bei Weitem nicht das Schlimmste für den jungen Mann. Jibril entfernt sich immer mehr von Dantala. Bis Jibril endgültig nicht mehr greifbar ist. Eine Aktivistengruppe soll Jibrils neues Zuhause werden. In Telefonaten erfährt Dantala von schrecklichen Gräueltaten, die Jibril ihm schockiert erzählt. Doch es ist zu spät. Jibril kann der Gruppe nicht entkommen.

Auch Dantala wird von der Polizei geschnappt. Es scheint als ob es ausreicht Moslem zu sein. Man wirft ihn in den Kerker. Foltert ihn. Will unbedingt wissen, was die islamistischen Milizen vorhaben. Doch Dantala ist ahnungslos. Auch sein Lehrer, Sheikh Jamal kann ihm nicht mehr helfen…

Elnathan John stammt aus dem Nordwesten Nigerias. Er kennt die Befindlichkeiten der Hausa, die vorrangig im Norden ansässig sind. Die Konflikte in dem westafrikanischen Land treten immer öfter und offener zu Tage. Der Norden kann mit dem Süden, genauer mit den Bevölkerungsgruppen Igbo oder Yoruba nichts anfangen. Und umgekehrt haben diese mit Hausa und Fulani nicht viel am Hut. Über dreihundert Ethnien sind unter dem Dach Nigeria versammelt und seit der Unabhängigkeit vor über einem halben Jahrhundert kommt das Land nicht zur Ruhe. Für Außenstehende ein Buch mit sieben Siegeln. Dieses Buch hilft ein wenig am Siegellack zu kratzen und Brocken an Missverständnissen zu lösen.

Sandokan: Die Tiger von Mompracem

Ein Fernsehabend im letzten Quartal des vergangenen Jahrtausends: Frisch gebadet, voller Spannung sitzen tausende von Kindern vor der Glotze und singen lautstark mit: Sandoka-aa-aan. Ein markerschütterndes Geschrei, gefolgt von einem wilden Sprung von der Sofakante. Auf dem Bildschirm springt ein edler Prinz mit dein m Dolch in der Hand unter einem Tiger hindurch und schlitzt ihm den Bauch auf.

Das sind für Generationen die ersten Berührungen mit Sandokan, dem gefallenen Herrscher aus Malaysia, der auf der Insel Momparcem auf Rache sinnt. Als Pirat ist er gefürchtet, die kolonialen Briten würden viel darum geben ihn in die Finger zu bekommen. Hängen soll er, der Tiger von Malaysia.

Sandokan ist ein wütender Mensch. Ein Pirat. An seiner Seite steht treu sein Kamerad Yanez. Ein Draufgänger, der den Mut für sich gepachtet hat. Sandokan ist bestimmt in dem, was er tut. Eines Tages hört er von einer betörenden Schönheit. Einem Engel mit blauen Augen und goldenem Haar. Sie lebt auf Labuan.

Und genau da liegt das Problem. Die englischen Kolonialherren haben einst Sandokans Familie ermordet. Seitdem sinnt er auf Rache. Und auf Labuan könnte sein Traum Rache nehmen zu können endlich wahr werden. Doch die Engländer sind auf der Hut. Sie kennen den Mut von Sandokan. Und seine Gewitztheit. Einfach mal so an Land gehen, wird nicht möglich sein. Eine List muss her!

Doch die misslingt. Seine treuen Gefolgsleute werden im Schlachtengetümmel aufgerieben. Sandokan kann schwer verletzt entkommen. Rettung naht in Gestalt eines seiner ärgsten Feinde. Er nimmt und richtet den Piraten wieder auf, ohne dessen wahre Identität zu kennen. Ein Prinz in seinen Gemäuern behausen zu können, ist ihm Ehre genug. Doch dann erfährt der Wohltäter die ganze Geschichte. Sandokan ist nicht mehr sicher. Der hat sich in der Zwischenzeit in Marianna verliebt. Und sie sich in ihn. Sie, die Perle von Labuan, der goldene Engel mit den blauen Augen, ist dem mutigen Rächer verfallen. Es scheint keine rosige Zukunft für die beiden Liebenden zu geben. Es sei denn…

Emilio Salgari siedelt seine Abenteuergeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts in Malaysia an. Zu einer Zeit, in der Malaysia gerade von den Briten besetzt wurde und man in Europa dieses Land fast gar nicht kannte. Ein Hauch von Exotik umwehte den Landstrich, der so fern war wie kaum etwas Vergleichbares auf der Welt. Bis heute hat diese Geschichte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Unzählige Generationen ergötzen sich bis heute an den Abenteuern des mutigen Piraten, der edlen Geschlechts war und gegen die Aggressoren mit unerbitterlicher Härte kämpfte.

Feuerspuren

Spuren, die das Feuer hinterlässt, sind hartnäckig. Meist sind nur die oberflächlichen Hinterlassenschaften zu beseitigen, die tieferen Schäden werden nur kaschiert. So viel zur Physik und Chemie, dem Sichtbaren.

Doch Feuer reinigt auch. Es vertilgt das Unkraut der Vergangenheit, macht Platz für Neues. Man kann sich verbrennen. Kann sich wärmen und nähren. Oder den züngelnden Flammen beim nach dem Leben haschen zusehen. Feuer ist der Antrieb der Menschheit. Wichtigstes Überlebensorgan.

Neunzehn Sichtweisen auf die Verbindung von Sauerstoff, einer Zündquelle und brennbarem Material – die Gesellschaft für neue Literatur Berlin hat sich des Themas Feuer angenommen und in diesem Buch zusammengefasst.

Weder Pyromanen noch Feuerwehrleute sind die Zielgruppe des Buches. Vielmehr sind es Leser, die nicht einfach nur lesen, weil sie es können, angesprochen, sondern diejenigen, deren Phantasie noch rege sprießt. Von Paranoikern bis zu Träumern reicht die Bandbreite der Hauptakteure. Sie sind dem Feuer verfallen, scheuen es oder lassen es immer wieder hochleben.

Die Gesellschaft für neue Literatur e.V. Berlin (GNL) wurde 2004 von und für Autoren gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin sich gegenseitig Hilfestellung zu geben. Sie leisten Kritik in trauter Runde zum Einen, Ansporn zu neuen Texten auf der Anderen.

Das Thema Feuer ist so vielfältig wie das Leben an sich. Und so sind die Geschichten in „Feuerspuren“ nicht minder abwechslungsreich, spannend und motiviert wie ihre Autoren. Feuer hinterlässt nun einmal Spuren. Sie zu deuten, ins rechte Licht zu rücken, sie zu interpretieren, ist eine willkommene Aufgabe für Denksportler. Als Leser kommt man in den Genuss die eigenen Gedanken, die in einem schlummern, sich aber bisher ganz gut versteckt hielten, an die Oberfläche kommen zu lassen.

Immer wieder entdeckt man beim Lesen persönliche Ideen, die man längst aufgegeben zu sein schienen. Die Sichtweisen der neunzehn Autoren wecken das Interesse nach Eigeninterpretation wie ein brennendes Schwert, das auch die letzte Schicht Vergessen offenlegen will.

„Feuerspuren“ liest man nicht wie einen Krimi Seite für Seite auf der Suche nach dem Täter. Man genießt es Geschichte für Geschichte in kurzen Abständen. Und wenn es einmal brennen sollte, kann man nur hoffen, dass dieses Buch kein Opfer der Flammen wird.

Popcorn melody

Wie stellt man sich das Ende der Welt vor? Lebloses Gestein, abwechslungsfrei, staubig. Wenn das so ist, dann lebt Tom Elliott am Ende der Welt, Shellawick (population: 1,100), irgendwo zwischen Hilflosigkeit und Sinnfreiheit. Er betreibt den örtlichen „Supermarkt“. Die Toreinfahrt zum Glück ist gerade mal so groß wie ein Mauseloch. Nichts gibt es hier im Überfluss. Was zu essen, was zum Waschen, was gegen Fliegen gibt es ausreichend. Alles andere unterwirft sich Lieferschwierigkeiten.

Die Einwohner leben von und durch Buffalo Rocks, die örtliche Popcorn-Fabrik, in der man besser das Maul hält und tut, was einem befohlen wird. Leben sieht anders aus. Alternative Gesprächsthemen sind nur bei Wetterumschwung zu erwarten.

Bis eines Tages ein echter Supermarkt direkt gegenüber vom Toms Hütte öffnet. Buffalo Rocks macht jetzt auch in Verkaufen. Die jammernden Kunden, die bei Tom nie das erhalten als die „Trilogie des Glücks“ (essen, waschen etc.), werden logischerweise fahnenflüchtig. Und Tom? Die Haikus, oder das, was er dafür hält – schließlich hat er mal Literatur studiert – reichen nicht mehr aus, um seinem Leben die nötige Portion Glück zu beschaffen. Er muss aus der Tristesse der Gewohnheit ausbrechen, um überleben zu können.

Okomi hatte schon vor einiger Zeit mit einem Messer vor seiner Nase herumgefuchtelt. Tom solle ihm was dichten. Okomi würde dann ein Lied daraus machen. Ja, es gibt schon skurrile Typen in Shellawick. Die einen klatschen in die Hände, wenn sie Toms Laden betreten, so dass jeder weiß, dass sie da sind, andere bringen nur drei Worte raus. Tom nimmt sie alle wie sie sind.

Doch nun verhält es sich ein bisschen anders. Die Ersparnisse sind weg, Emily an Toms Seite, und Okomis Scheck ist gedeckt. Ja, der Okomi mit dem Messer und dem übersichtlichen Wortschatz. Von den Tantiemen soll Tom nun auch profitieren. Und dank Emilys Drängen zahlt sich Toms Studium der Literatur nun endlich auch aus…

Émilie de Turckheim gelingt mit „Popcorn melody“ das Kunststück aus einem klassischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Stoff eine rührende Geschichte zu schreiben, die fern jeglicher Klischees den Leser in ihren Bann zieht. Tom hat sich mit seinem faden Leben nicht abgefunden. Er flieht so oft er kann in eine andere Welt. Nie für immer, doch kurzzeitig ist er Out of Shellawick ohne alle Brücken komplett abzureißen. Der mächtige Riese gegenüber lässt ihn nicht in Panik ausbrechen. Einst war er das Werbegesicht der Firma, heute lacht er ihr frech ins Gesicht. Einen wie Tom Elliott bekommt man nicht klein.

Schockfrost

Sarah Marten ist Psychologin, geschieden und Mutter eines pubertierenden Teenagers. An den Wochenenden kümmert sie sich rührend um ihre ältere Schwester Rebekka, die im Rollstuhl sitzt. Privat hat sie in Till ihren Anker gefunden. Alles läuft prima soweit das in ihrem Fall jemand behaupten kann.

Doch mit einem Mal laufen die Dinge aus dem Ruder. Die Werkstatt, die nur eine kleine Reparatur erledigen sollte, stellt eine horrende Rechnung, weil Sarah handschriftlich auch noch die Räder gewechselt haben wollte. Davon weiß sie nichts. Ihr neuer Mieter in der Praxis – Spezialgebiet Hypnose – ist auch irgendwie seltsam. Und die Streitereien mit Kaspar, ihrem Ex sind auch nicht gerade das, was man eine willkommene Abwechslung nennen kann. Normal hingegen ist der Zoff mit Dave, ihrem 15jährigen Sohn. Doch auch der verändert sich in einer Geschwindigkeit, der Sarah nicht mehr folgen kann. Zum Glück ist Till immer an ihrer Seite und bringt sie auf Normallevel.

Sohnemann Dave hat in einem Chat Tamara kennengelernt. Und nun will sie ihn treffen. Vor einem Konzert. Dave ist voller Vorfreude und umso mehr enttäuscht, dass snowdrop, wie sie sich im Chat nennt, nicht auftaucht. Doch alles nur Fake und ein Spinner (oder Schlimmeres) am anderen Ende der Leitung? Die Enttäuschung weicht als er zwei Mädels und ihre männliche Begleitung kennenlernt, die ihn in einen Club einladen, in den sonst nie reinkommen würde. Zuhause wird ihn niemand vermissen. Mutter Sarah ist mit Till unterwegs und außerdem hat eine Nachricht hinterlassen, dass er bei seinem Vater schläft. Doch diese Nacht ist für ihn noch lange nicht zu Ende. Denn im Rausch, lässt er sich zu Dingen hinreißen, die die Beziehung zu Tamara / snowdrop gefährden können. Im Chat droht ihm kurz darauf jemand die kompromittierenden Fotos Tamara zu senden, wenn … ja, wenn er nicht ein paar Drogen aus dem Arbeitstisch seiner Mutter klaut. Eine Zwickmühle ist dagegen eine beschwingte Karussellfahrt.

Und so richtig ins Trudeln kommt Dave, als man genau diese Drogen später im Körper von Till findet. Ein Anschlag? Sarah ist mittlerweile jede Erklärung recht. Alles dreht sich, sie weiß nur nicht worum. Und vor allem warum. Und wer hat den Anstoß gegeben? Ist es vielleicht ihr neuer Patient? Georg hat sie von Kaspar, ihrem Ex, übernommen. Der hatte seine Gründe dafür. Und Georg ist nicht ganz ohne. Er hält sich für den Drachentöter – klar, bei dem Namen. Sarah sieht in ihm eine Bedrohung (auch fürs Allgemeinwohl), doch sträubt sich den letzten Schritt zu wagen. Dave verschwindet, Rebekka weist auf einmal überall am Körper blaue Flecken auf, die Praxis ist verwanzt … Es ist zum Verzweifeln. Das ganze Leben scheint Sarah zu entgleiten, alles läuft nur in eine Richtung: Weg von Sarah! Ein perfider Plan steckt dahinter? Wer hat ihn ausgeheckt? Vielleicht doch der Hypnose-Nachbar, denn der hat – mit Zustimmung des Vaters – Dave behandelt. Mit erschreckenden Folgen…

Mitra Devi und Petra Ivanov schreiben endlich zusammen einen Thriller geschrieben, der beider Handschriften trägt. Schonungslos treiben sie ihre Helden in die tiefsten Abgründe und den Leser an den Rand des Wahnsinns. Wer steckt hinter all der Perfidität, der Sarah an allem zweifeln lässt, was ihr lieb und teuer ist? Es ist kaum auszuhalten, an eine Lesepause ist nicht zu denken.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.

Schönheit ist eine Wunde

Dewi Ayu war vor ihrem Tod die bekannteste Hure in Halimunda. Sie gebar drei Töchter. Alle bildhübsch und – wie sie selbst über ihre Töchter sagt – als die Drei wussten wie man die die Knöpfe an der Hose eines Mannes öffnete, verschwanden sie aus dem mütterlichen Haus. Einen Vater kannten alle Vier nicht. Den brauchten sie auch nicht. Dewi Ayu war sich genug für die ihren Nachwuchs. Kurz vor ihrem Tod bekam sie eine vierte Tochter. Die war ganz anders als ihre älteren Geschwister. Schwarz wie Pech, war nicht nur ihr Haar, sondern ihr gesamter Körper. Ihre Nase glich der eines Schweines. Hässlich kam es zur Welt.

Einundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und nun findet Dewi Ayu, dass es an der Zeit ist ihre Letztgeborene endlich kennenzulernen. Sie erhebt sich aus dem Grab. Dabei erschrickt sie einen kleinen Jungen, der sich vor Schreck in die Hosen macht. Sie zeigt sich Schönheit, wie sie die Jüngste genannt hat. Die wartet ihr ganzes Leben darauf, dass sie dem Prinzen begegnet, der sie von ihrem Fluch der Hässlichkeit befreit.

Von Rosinah, der Hebamme, die Schönheit vor einundzwanzig Jahren zur Welt brachte und nun in Dewi Ayus Haus wohnt, erfährt sie, dass Schönheit lesen und schreiben kann, sie ist fleißig und geschickt. Wer ihr das alles beigebracht hat, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel. Ein Fluch scheint auf der matriarchalischen Familie zu liegen. Dewi Ayu hat nur einen Wunsch: Diesem Fluch auf den Grund zu gehen.

Es beginnt eine Reise durch ein Indonesien, das es so gar nicht gibt. Oder doch? Magie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Dass sie so stark in den Vordergrund tritt haben wir Eka Kurniawan zu verdanken, der mit seinem Erstling sofort an die Spitze der Beliebtheitsskala der Autoren gesprungen ist. Bissiger Humor, der ab der ersten Zeile den Leser in seinen Bann zieht. Eka Kuriawan liebt jede einzelne Figur seines Romans. Diese sind beseelt vom Leben und dem, was es für sie bereithält.

„Schönheit ist eine Wunde“ steckt voller Überraschungen. Die einzelnen Schicksale der Menschen sind bedrohlich, angsteinflößend, aber auch hoffnungsvoll und spannend. So tiefgründig und ironisch, dass es fast schon wehtut, wenn man das Buch beendet hat, beschreibt der Autor seine Heimat aus der Sicht der Menschen, denen der Fortschritt nur kurzzeitigen Aufschwung versprechen kann. Sind sie verzweifelt? Nein! Zwischen Phantasie und Realität suchen sie nach dem bisschen Glück, das ihnen zusteht, für das sie aber einen hohen Preis bezahlen müssen.

Paris mon amour

Paris und die Liebe – mehr als nur ein Klischee. Paris und die Liebe – so massenkompatibel wie wahrhaftig. Paris und die Liebe – immer wieder eine Anregung für Autoren ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es bleibt nicht beim Klischee.

Durch die Jahrhunderte hindurch war Paris ein Sehnsuchtsort. Grenouille – ja, genau der Grenouille aus der Feder von Patrick Süßkind – wird gezwungen auch andere Sinne einzusetzen, um sich im Strudel der Düfte zurechtzufinden. Michael, der Held aus F. Scott Fitzgeralds Geschichte, harrt der Dinge, die ihn auf einer Hochzeitsparty ereilen sollen. Ob Jojo Moyes oder Friedrich Glauser – ihre Helden verlieben sich in Paris, sind bereits verliebt oder entdecken die Liebe immer wieder neu. Und mit ihnen auch der Leser.

Immer wieder blitzen Orte in Paris auf, die nach Verführung und Alles-Um-Sich-Herum-Vergessen-Können klingen, wie der Jardin du Luxembourg. Man streift mit den Protagonisten durch die Stadt der Liebe und entdeckt sie immer wieder neu. Ob beim Flanieren am Kanal du Saint Martin oder am Eiffelturm.

Doch kann die Liebe auch auf den Magen schlagen. Zu viel des Guten ist ungesund. Zu wenig eine Schande.

Die Pariser Liebesgeschichten in diesem Buch – Joey Goebel hat eigens dafür eine Geschichte beigesteuert – lassen mindestens noch einmal Urlaubsgefühle aufkommen. Ein Croissant am Morgen zur Stärkung, eine Geschichte auf den Stufen von Notre Dame am Vormittag, das Ablaufen einer Kurzgeschichte an Originalschauplätzen am Nachmittag, und Abend lässt man in einem der erwähnten Restaurants den Tag ausklingen und Revue passieren. Schon verliebt? Garantiert!

Es ist ein Privileg der freien Zeit, dass man sich und die Welt mit anderen Augen sehen kann. Nun ist Paris sicherlich keine Stadt mehr, die gänzlich unbekannt ist, jedoch immer noch Geheimnisse in sich birgt. Ein Reiseband ist ein unerlässlicher Helfer, um sich in ihr bewegen zu können. In sie eintauchen wird man aber nicht können, wenn man nur die Sehenswürdigkeiten wie ein Schwamm aufsaugt. Hier sind die Literaten als Chronisten der Zeit gefragt. Sie zeigen ein Paris abseits von Arc de Triomphe und Centre Pompidou. Sie finden die kleinen Gassen, in denen sich das Leben tummelt. Und dieses Leben ist es letztendlich, das Paris zum Leben erwachen lässt.

„Paris mon amour“ ist ungeschminkt elegant, das kleine Büchlein, dass man immer dabei hat, um bei Rast auch Ruh zu finden. Egal, ob man verliebt ist oder selbige noch sucht – hier wird jeder Paris-Gast wie ein Freund empfangen.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…