Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Was das Leben will

Elli ist Anfang Dreißig, und ihr wurden gerade beide Brüste abgenommen. Brustkrebs, so wie schon ihre Mutter, die sie mit vierzehn verlor. Für viele ein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Ihr Zimmer- und Leidensgenosse Gustav gibt ihr einen Zettel. Darauf eine Adresse, zu der Elli gehen kann oder auch nicht. Aus Neugier und der Tatsache, dass ihr eh nicht Schlimmeres mehr passieren kann, betritt sie das Haus. Solara kommt ihr freudig strahlend entgegen. Sie sei das Leben. In einer Ecke hocken noch die Vergangenheit, Karl, und die Zukunft, Trudi. Der Tod lässt ein wenig auf sich warten, Martin ist schon wieder auf dem Sprung. Hat noch ein Date. Er ist der Einzige, der nicht autonom handeln darf. Er muss auf Jolas Anweisung warten. Sie ist das Schicksal. Ein makabrer Haufen, wie Elli meint.

Klingt ziemlich verrückt für so ein ernstes Thema. Mag sein. Aber wer, wenn Elli kann in einer aussichtslosen Situation lachen? Und wer will ihr verbieten dieses Lachen mit anderen zu teilen?

Auf alle Fälle kann sie mit dem Erlebten im Café Himmel nicht viel anfangen. Wem soll sie davon erzählen? Vom Café, in dem die Vergangenheit in Depressionen verfällt, weil sie von niemandem mehr erkannt wird. In dem die Zukunft auf den Marschbefehl des Schicksals wartet. In dem das Leben so schön, so einzigartig, so demütig ist. In dem der Tod unausstehlich ist.

Ellis Weg führt direkt dahin, wo man mit „solchen Leuten“ umzugehen weiß. Ins Irrenhaus. Doch auch hier sind alle ein bisschen anders als man es vermutet…

Bina Kratsch lässt ihrer Elli freien Lauf, wenn es darum geht Solara in sich aufzusaugen. Es gibt nicht nur Tod oder Leben, Solara oder Martin. Elli wird sich nach und nach bewusst, dass Karl und Trudi wie Solara und Martin, und vor allem Jola, Bestandteil ihrer selbst sind. Allein ist jeder nicht auszuhalten. In der Gruppe erst funktionieren sie wie ein geöltes Räderwerk.

Mit einer Träne in den Augen kommt man bei diesem herzhaften Roman nicht aus. Es müssen schon mehrere Tränen der Freude sein, um bis zum Schluss durchhalten zu können. Mit Wärme und Witz verführt Bina Kratsch den Leser ihr zu folgen in eine Welt, die rational nicht erklärbar ist. Und das ist gut so!

Die Möpse der Beklagten

Zwei Männer im Haus, die Haushaltskasse immer gefüllt – die Beklagte, die mit den Möpsen – kann eigentlich zufrieden sein. Sie ist es dennoch nicht. Denn der eine Mann, ihr Mann, ist ein Tunichtgut. Hängt nur rum und ihr das Gefühl zu geben, seine geachtete Frau zu sein, liegt ihm fern. Sein Kumpel, Kollege, Compagnon, ist auch nicht viel besser. Seit geraumer Zeit hat er sich in der Wohnung der Eheleute einquartiert – Ende offen. Auch wie die Haushaltskasse stets und ständig gefüllt wird, ist ihr schleierhaft. Tagein, tagaus sitzen die beiden Gauner und lesen Zeitung. So kann man doch kein Leben führen. Aber, was will sie denn nur, die Kohle stimmt doch immer, raunen die beiden Ganoven. Als Wiedergutmachung für den üblen Streit wird die Dame des Hauses belohnt. Mit zwei Möpsen – ach, doch kein Sex and Crime in diesem Buch! Crime schon, Sex nicht wirklich.

Die beiden Hunde wachsen ihr binnen kürzester Zeit derart ans Herz, dass sie aus allen Wolken fällt als die rechtmäßige Besitzerin ihre beiden Lieblinge zurückfordert. Mann Nummer Eins und Zwei fordern hingegen eine unverschämt hohe Summe, um die beiden Bellos wieder raus zu rücken.

In der Zwischenzeit ist die Beklagte – schließlich wollte sie auch nicht ihre beiden Geschenke wieder hergeben – bei einem Freund eingezogen. Ihm schilderte sie ihre Misere. Bei dem Wort Möpse hingegen wurde dessen Blutzufuhr in die obere Etage schlagartig abgeschnürt. Bei so vielen Möpsen war er wohl etwas durcheinander gekommen…

Detlef Sasse hat seine Berufszeit vor Gericht verbracht. Aber auf der richtigen Seite, leicht erhoben und mit enormem Rechtswissen, als Anwalt und Richter. Seit 2006 ist er pensioniert und hielt es für an der Zeit gekommen, die kuriosesten Fälle der deutschen Gerichtsbarkeit in Buchform festzuhalten. Mit Hingabe führt er sich noch einmal so manche Kuriosität vor Augen und hält sie dem Leser als Warnung vors Gesicht. Es gibt nichts, was sich Kriminelle nicht einfallen lassen! Einem Mann wird an einer Buchhaltestelle einfach ein Kind in die Hand gedrückt. Kurze Zeit später wird er erpresst. Wie das? So recht konnte der Mann das auch erst viel später fassen. Da war es ihm mittlerweile schon fast egal. Ein Lottogewinn half ihm über so manches Fragezeichen über seinem Kopf hinweg.

Zwanzigmal muss sich der Leser kopfschüttelnd und sich vor Lachen krümmend durch dieses Büchlein lesen. Eine schöne Strafe, wenn man „Die Möpse der Beklagten“ als Strafe ansehen möchte. Ist es aber nicht! Es ist freiwilliger Dienst am Gemeinwesen. Oder eine mildes – warnendes – Urteil für angehende Ganoven. Wie man es dreht und wendet, es bleibt ein köstliches Lesevergnügen! Für Rechtschaffende!

24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene

Das Tagwerk ist geschafft, nun winkt endlich der ersehnte Schlaf. Doch das Erlebte lässt einen nicht mehr los. Es arbeitet im Hirn auf Hochtouren. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Als alt bewährtes Mittel hilft da Schäfchenzählen. Ein Schaf, zwei Schafe, hilft nichts. Diese wolligen Biester lassen einen auch nicht einschlafen. Das ist gemein.

Klar, denn, was man da zählt sind GemeinSchafe. Die blöken nicht nur, sie falten Papier und schnipsen es im hohen Bogen gegen alles, was nicht schnell genug ausweichen kann. Und dann lachen sie einen auch noch aus. Moment. Hier läuft doch was schief! Nein, hier läuft gar nichts schief!

Anna Derndörfer haben es die Schafe angetan. Vierundzwanzig Geschichten bringt sie in diesem (durchaus auch als Einschlaflektüre geeignet, obwohl die Geschichten überhaupt nicht einschläfernd sind) Buch an den Sch(l)afenden.

Noch gemeiner als das GemeinSchaf ist das LebensgemeinSchaf. Mutter- und VaterSchaf hingegen sind liebevoller.

Wer beim Titel auf erfolgversprechende Einschlafgeschichten hofft, wird schon bald eines Besseren belehrt werden. Denn es sind wirklich Geschichten von Schafen. Schafe, die einem das Leben erschweren, aber auch erleichtern können. Man kann sie zählen, aber wenn man sich dann an die gelesenen Geschichten erinnert, muss man automatisch loslachen. Also wieder kein Schlaf!

Doch, doch. Jede einzelne Geschichte – man steigt doch ziemlich schnell dahinter, dass die Schafe nur allzu menschliche Züge haben – eignet sich ebenfalls als Gute-Nacht-Geschichte. Das liegt in erster Linie an der Länge bzw. Kürze der Geschichten, zum Anderen aber vor allem an der Leichtigkeit der Worte. Die Schwere des Tages verliert sich in den Zeilen wie die Schafe im Frühjahr sich ihrer Haarpracht entledigen. Mal muss man innehalten, mal sich den Bauch vor Lachen.

Der Auserwählte

Wie war das nochmal? Ploing, oder doch Umpff, oder doch ein Plumps? Als Konrad Sammer zur Welt kam, blitzte es, es donnerte, als er mit viel Getöse zu Boden rauschte. Direkt aus den Händen der Hebamme flutschte. Ein Glückskind! Hat schließlich den Blitzeinschlag überlebt! Wird bestimmt mal ein ganz Großer. Denken sich seine Eltern und haben seit dem Tag seiner Geburt nur noch eines im Sinn: Ihm zu einem Großen zu machen. Die Anstrengungen dauern jedoch nur drei Jahre. Konrads Eltern ertrinken in einem See. Ein reichliches halbes Jahrhundert lang passiert nichts. Gar nichts! Konrad wird Journalist. Nun ist er zweiundfünfzig und … auf einmal wird die „normale“ Welt des Mannes mit dem farnförmigen Mal auf dem Po auf den Kopf gestellt.

Das mit dem „Gar nichts“ stimmt allerdings auch nicht so recht. Als kleiner Bub hat er mal ein Pärchen vor einem Blitzeinschlag(!) gerettet, in dem er dicht neben das kopulierende Parr pinkelte. Noch im Wegrennen, schlug der Blitz in den Baum ein, unter dem sich das Pärchen vergnügte.

Und nun das! Auf der befahrensten Straße des Ortes, in dem Konrad mittlerweile lebt, steht ein Mann auf dem Zebrastreifen. Ein gellendes Hupkonzert ist die Folge. Dann kracht es. Mehrfacher Blechschaden. Personenschaden gleich Null. Den Mann einfach so hinfort zu tragen ist unmöglich. Nicht wie angewurzelt, bleibt er an Ort und Stelle. Sondern Angewurzelt. Ja, er hat Wurzeln geschlagen. Mitten in den Asphalt. Konrad beobachtet dieses seltsame Schauspiel. Er erinnert sich. Als die Oma, bei der er aufwuchs, ihm die Geschichte seiner Geburt erzählte. Er erinnert sich an das Pärchen, das er so gewitzt wie hartnäckig vor dem Blitz beschützte. Ist er doch zu Höherem berufen?

Als Journalist wurde er entlassen. Einen Hof darf er sein eigen nennen. Ausgesorgt hat er zwar nicht, aber sich großartig ein Bein ausreißen, muss er auch nicht mehr. Die Frage, die sich einst sein Vater stellte, ob Konrad Sammer Fluch oder Segen sei, stellt sich ihm zum ersten Mal im Leben.

Mit einer ordentlichen Portion Witz nimmt sich Hermann Knapp dieses Auserwählten an. Er hat ihn schließlich auch erfunden, erschaffen. Mit einem schelmigen Lächeln lässt er den Dornbusch noch einmal brennen und die Jünger vor Verzweiflung in Andacht erstarren. Und Konrad? Er weiß gar nicht wie ihm geschieht. Alles nur ein Spaß oder bitterer Ernst?

Grünmantel

Irgendwo im erweiterten Speckgürtel von Berlin, in Grünmantel, sollte für die Bewohner das Paradies Wirklichkeit werden. Die alte Dorfgemeinschaft gibt es schon lange nicht mehr. Wenn es sie jemals gegeben hat. Vielleicht war auch sie nur eine Illusion, ein Klischee. Nun hat der Wandel auch diesen Flecken Erde erreicht. Nur das schnelle Internet weigert sich hier Einzug zu halten…

Da ist ein pensionierter Schuldirektor aus Düsseldorf. Typischer Lebensweg, wenn es auf die Zielgerade geht: Das fette Pensionskonto reicht zwar nicht für die Kanaren, aber für die brandenburgische Ebene ist es gut genug. Als Lebensziel hat sich Benzler den Naturschutzpark ausgesucht. Den will er zu einer Pracht verhelfen, die man noch nie gesehen hat. Opfer, sind diejenigen, die Land dafür aufgeben mussten. Dass er eine „Schwäche“ für jüngere Frauen, fast noch Mädchen hat, hilft ihm keineswegs bei der Verwirklichung seiner Träume.

Dass auch seien Ex-Frau Lena hier wohnt, macht es auch nicht besser. Sie und Dagmar, ihre jüngere Schwester hecken einen Plan aus, um nicht weiterhin von der dürftigen Abfindung Lenas leben zu müssen. Die ist eh schon aufgebraucht.

Rolle könnte dabei eine entscheidende, ja was schon? Rolle spielen. Er ist 15. Und bei der geplanten Entführung des „Pädos“ fällt bestimmt auch was für ihn ab. Seine „Mutter“, der so genannten Kameradschaft, Dorffaschos, die jedem Klischee entsprechen, hätte bestimmt nichts dagegen, wenn es mal ein bisschen rauer zugeht in der Uckermark.

Auch Karl Krassow wünscht sich Veränderungen. Sein Stottern behindert ihn schon sein ganzes Leben lang. Genauso wie seine unrühmliche Vergangenheit – jeder trägt halt sein Scherflein mit sich herum. Dass er der einzige Handwerker im Umkreis von gefühlten Tagesmärschen ist, lässt ihn allerdings so manchen Spott ertragen.

Manfred Maurenbrecher lässt in dem fiktiven Ort die Puppen tanzen. Woller Wortwitz und mit gerechtfertigter Zuneigung wird Grünmantel zum Schmelztiegel der Kulturen. Von wegen eingefleischte Dorfgemeinschaft. Hier kocht jeder sein eigenes Süppchen. Allianzen sind Zweckgemeinschaften, die alsbald wieder gelöst werden. Man muss sich arrangieren. Wer also meint der Großstadt Berlin den Rücken kehren zu müssen, weil Gentrifizierung und Stress zu viel werden, der wird in Grünmantel auf veränderte Bedingungen treffen. Ob die allerdings besser gehandhabt werden können als in Neukölln, Charlottenburg oder Köpenick?

Kein Atlas kennt Grünmantel. Das ist alles nur erfunden. Doch so real und nah wurde Fiktion selten beschrieben.

Wie ein Spatz am Alexanderplatz

Man stelle sich vor, dass man „uff’m Alex herumstromert“ und die Spatzen trällern Gedichte vor sich her. Was wären das für Gedichte? Schiller, Hölderlin oder gar Goethe? Wohl kaum! Eher Hans Gustav Bötticher, besser bekannt als Joachim Ringelnatz. Ein bisschen naseweiß, ein bisschen frivol, ein bisschen nachdenklich, aber immer echte Schenkelklopfer, die die Hirnwindungen in Schwingung versetzen.

Die Gedichte von Ringelnatz sind das, was man getrost als Schatz bezeichnen kann. Nichts Hochtrabendes, mit Erkenntnissen überfülltes Wortgut, sondern Beobachtungen und mit viel Empathie und Wortwitz zu Papier gebrachte Gedanken. Sie laden zum Innehalten ein. Sich auf einer Bank niederlassen und ein-, zweimal umblättern bis man sich wieder erhebt und den Spaziergang fortsetzt. Im Kopf schallt es immer noch nach. Wie ein Vogelgezwitscher.

Tja, die Spatzen (auf dem Alex) werden weniger. Das Verhältnis von Spatzen zu Ringelnatz-Verehrern schlägt immer mehr zu Letzterem aus. Auch und gerade wegen Büchern wie diesem. Als besonderes Bonbon gibt es im hinteren Teil des Buches das Fragment von Ringelnatz‘ „… liner Roma…“. Einem, oder besser, seinem BerLINER ROMAn. Polizeimeldungen eröffnen jedes Kapitel, und die wenigen Einführungszeilen jagen dem Leser einen Schauer über den Rücken. Raub und Leichen sind das Blut, das die folgenden Zeilen mit Leben füllt.

Der Roman wurde leider niemals fertig. Als Ringelnatz 1930 endgültig aus München, wo er als Kabarettist Erfolge feierte, nach Berlin übersiedelte und mit seiner Frau, die er liebevoll Muschelkalk nannte, war ihm das Ausmaß dieses Ortswechsel noch nicht bekannt. Keine drei Jahre später wurde er mit Auftrittsverbot belegt und seine Bücher verbrannt. Im November 1934 starb der gebürtige Sachse an Tuberkulose. Zehn Jahre waren das die ersten Zeilen seines Romans schon alt. Zur Vollendung konnten sie nie gebracht werden. So bleiben uns auch fünfundachtzig Jahre nach seinem Tod so freundvolle Zeilen über die See, das Theater, Autorennen, Mode, das Leben an sich.

Die Reihe „Berliner Orte“ hebt sich durch die Exklusivität der ausgesuchten Texte von so mancher Reihe um und über Berlin ab. Berlin ist immer gut für eine Anekdote, dieses Buch ist der gedruckte Beweis dafür.

Welt ohne Skrupel

Bei dem Namen Klinger muss jeder Fenrsehserienfan erst einmal schmunzeln. Das ist doch der auch „MASH“, der sich mit allerlei Dummheiten um den Militärdienst drücken wollte. So einer ist dieser Klinger hier nicht. Ein Schlitzohr. Ein ausgemergelter Kleinganove, dessen „Einkünfte“ immer nur bis zur nächsten miete reichen … sollen. Eine Lebensplanung für ihn zu erstellen, scheitert an nicht vorhandener Bereitschaft.

Gerade eben hat er mit seinem Kumpel Chainbang wieder ein Ding gedreht, da schleudert es seine Karre, einen Miata, in Europa als Mazda MX-5 bekannt, gegen einen Laternenmast. Zu blöd nur, dass ein paar Block weiter die Feuerwehr von San Francisco stationiert ist. Sobald erklingt auch schon das Tatütata der Sirenen. Das können Klinger und Chainbang momentan überhaupt nicht vertragen. Zum Einen brummt ihnen der Schädel, auch wenn Chanbang den geöffneten Airbag mit einem Messer durchstochen hat (der Vergleich mit dem Pitbull, der durch einen Kindergarten rennt, fesselt den Leser ratzfatz an den Krimi und lässt ihn bis zum Schluss nicht mehr los). Zum Anderen liegt im Wagen auch noch die Beute. Und das Tatwerkzeug.  Klinger macht sich aus dem Staub. Chainbang hat weniger flinke Füße und demzufolge Glück. Und schon bald hat Klinger auch ein Smartphone. So was braucht er sonst nicht. Einen (und noch einen und noch einen und …) Whiskey hat er schon eher nötig.

Ach ja, im Kopfrechnen ist Klinger ein Ass. Besonders, wenn an die Ziffernfolgen ein Dollarzeichen angehängt ist. Im Handumdrehen kann er Gewinnmarchen und Beteiligungen ausrechnen. Gehört wohl zum Handwerk eines Kleinkriminellen. Das erwähnte Smartphone soll Klingers kleine Welt jedoch gehörig durcheinanderwirbeln. Denn jetzt winkt die große Kohle. Ein App-Entwickler verdient sich mit seinen Fähigkeiten schnell mal eine goldene Nase – so viel kann Klinger schon mal ausrechnen. Und Marci – nicht minder durchtrieben wie Klinger, im Zweifelsfall um Längen gerissener und skrupelloser, weiß wie man auch ohne großen Aufwand sich ein Stück vom appetitlichen Geldkuchen etwas abschneiden kann. Klinger ist für sie ein williges und naives Werkzeug. Doch mit seiner Chuzpe hat sie nicht gerechnet.

Jim Nisbet knallt dem Leser eine Geschichte vor die Augen, die vor augenscheinlicher Brisanz nur so funkelt. Hier gibt es kein Versteckspiel, kein Sich-Hinter-Regeln-Verstecken, hier wird Klartext gesprochen und nicht minder offen gehandelt. Klinger ist kein Dummer. Auch ist es nicht die schiere Gier nach Geld, die ihn antreibt. Er hasst das System, und findet Gefallen daran es nach Schlupflöchern zu durchsuchen. Mal stolpert er, mal knallt er der Länge nach hin. Doch Liegenbleiben kommt für ihn nicht in Frage.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Saison der Wirbelstürme

Da liegt sie nun, friedlich, fast meint man ein Lächeln auf ihrem entstellten Gesicht erkennen zu können. Doch wie kann ein so grässlicher Mensch lächeln, kann menschliche Züge haben? Und wie kann ein Mensch lächeln, dem so übel mitgespielt wurde? Bruja, die Hexe ist tot. Kein Kinderreim! Realer Wahnsinn in La Matosa, einer Gegend in Mexico, die nur Einheimische aus Mangel an Alternativen betreten. Wer kann, haut ab. Wer es nicht kann, und das sind die meisten, muss bleiben und zusehen, dass der nächste Tag nicht der letzte sein wird. Kinder haben den Leichnam bei ihren Streifzügen durchs Zuckerrohrdickicht entdeckt. Das Entsetzen werden sie nie mehr los.

Bruja stammte aus einer alten Familie verwahrloster Hexen. Wer ein Wehwehchen hatte, kam schon immer zu ihr. Ebenso, wem es im Schritt juckte. Dem Ruf der Hexe tat das keinen Abbruch mehr. Sie stand für alle eh im Bunde mit dem Teufel, dessen Gemächt sie Nacht für Nacht ritt. Das ihres Ehemannes konnte sie nicht mehr reiten. Der war schon lange tot. Sie, die Hexe habe ihn umgebracht, um Land und Geld zu erben. Ein echtes Herzchen eben. Wer konnte, machte einen großen Bogen um sie und ihr Haus. Doch irgendwer konnte nicht anders. Irgendwer fasste sich ein Herz und tötete die Hexe, bevor sie sein Herz zu fassen bekam. Nicht sinngemäß, wortwörtlich!

Fernanda Melchor beschreibt Menschen, die durch einen Landstrich Mexicos geprägt sind. So unwirtlich die Gegend, so rau sind ihre Bewohner. Hier wird nicht lang gefackelt, hier wird gehandelt. Und das nicht immer mit sanfter Hand, oft, fast immer mit der Faust, Machete oder dem Messer. Für Schmeicheleien ist hier kein Platz.

Und Frauen haben schon mal gar nichts zu melden. Sie sind vogelfrei. Wer sie will, nimmt sie sich. Brutal und schnörkellos wird der Leser durch diesen aufrüttelnden Roman gehetzt. Das liegt nicht nur an der ungeschminkten Wortwahl, sondern auch dem besonderen Stil der Autorin. Ohne Punkt – zumindest mit nur wenigen – dafür aber mit der geballten Ladung Kommas gibt sie dem Leser kaum eine Chance durchzuatmen. Genau wie ihre Protagonisten. Wenn man also davon spricht sich in eine Geschichte vertiefen zu können, dann ist „Saison der Wirbelstürme“ das Paradebeispiel dafür.

Dafür erhält sie 2019 den Anna-Seghers-Preis und ist außerdem für den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt nominiert.

Mobbing Dick

Dick Turpin war im 18. Jahrhundert ein gefürchteter Straßenräuber, der sich mit Degen und Pistole gegen den Adel auflehnte. Dickie Greenleaf lehnt sich gegen  das Establishment (besonders das in Person seiner Eltern) auf, um schlussendlich von Tom Ripley ins Jenseits befördert zu werden. Und Dick Meier? Um die Zwanzig, lebt in Witikon, Zürich, bei seinen Eltern, Reihenhaus. Wenn das Leben eine Linie mit Ausschlägen nach Oben und Unten, für Freude und Leid, ist, dann verläuft sein Leben geradlinig, monoton. Von den Eltern kann er diese Eigenschaft nicht haben. Die sind selber so monoton, einschläfernd, rechtschaffen, langweilig, borniert, enervierend. Es ist zum Haareraufen! Dick bricht das Studium ab, heuert bei der Schweizerischen Bankanstalt an, sucht sich eine Wohnung. Sagt den Eltern nichts. Warum auch. Für ihn hat sich ja nichts verändert. Er hat zwar einen Job, doch Lebensfreude will einfach nicht bei ihm aufkommen. Er ist schnippig, aufmüpfig, spielt Streiche – nix! Dick droht in der scheinbaren Routine seiner Arbeit, zwischen Mutters permanenter Sorgenmacherei und seinem misanthropischen Vater zu ersticken. Die Gefängnismauern um ihn herum rücken immer näher und rauben ihm die letzten Lebensgeister.

Der erste Schritt ins die sauerstoffreiche Zukunft lauert in einer heruntergekommenen Gegend mit horrenden Mieten. Aber das ist der Preis, den Dick zahlen muss, um endlich so etwas wie Freiheit auf der Haut spüren zu können. Die jahrelange Gängelei hat tief in ihm einen Hass aufkeimen lassen. Und der muss nun raus! Potentielle Anwärter, die nur darauf warten Dicks Lebensgeister um sich herum schwirren zu sehen, gibt es ja zum Glück haufenweise.

Vielleicht wendet sich doch alles zum Guten. Amy, seine Schwester zieht wieder zurück ins elterliche Haus. Dass sie von Dick dafür bezahlt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Dick entscheidet sich für einen anderen Weg. Jeden Tag, wenn er im Büro in Besprechungen sitzt, mit Kollegen redet, wird ihm die Verkommenheit des Bankenwesens im Speziellen, der Welt im Allgemeinen vor Augen geführt bzw. ins Ohr geschrien. Gutes Benehmen, Scham, Ehrlichkeit – pah, wenn überhaupt, dann war das einmal! Hier wird hinter den Rücken der Leute das Fallbeil gewetzt und der Auslöser fortwährend auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Dick lässt sich davon anstecken. Das Telefon ist sein roter Knopf in die Freiheit. Ein kleiner Anruf hier, ein Anklingeln da. Ein blöder Spruch, der dem Angerufenen den Schweiß auf die Stirn treibt. Ein gewisses Gefühl von Freiheit stellt sich bei Dick ein. Befriedigung selbst etwas geschaffen zu haben. Ohne das Zutun anderer. Und ohne, dass andere ihren Vorteil daraus ziehen können. Waren es bisher Mutter, Vater und Chefs, die ihn antrieben, so treibt er nun die Herde der ihn zerpflückenden Meute vor sich her. Doch kennt er wirklich seine Grenzen und die dieses perfiden Spiels? Kann er diese Grenzen erkennen und sie auch einhalten?

Tom Zürcher schreibt genüsslich über einen jungen Mann, dessen Welt bisher auf engen Pfaden verlief. Einmal abgebogen, findet er schwer den Weg zurück. Geheimnisumwitterte Konten, ein knausriger Vater, der plötzlich in einem ganz andere Licht erscheint, eine Mutter, die endlich aufwacht, Kollegen, deren Moral so weit im Keller ist, dass wohl niemals ein Lichtstrahl diesen erhellen könnte – und aus Dick Meier wird Mobbing Dick. Der Lesegenuss des Jahres!