Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Mecklenburgische Seenplatte

Man mag es kaum glauben, aber auch Mecklenburg (mit lang gezogenem e und nicht dem knackigen ck, gaaanz wichtig!) hat seine eigene Schweiz. Das hat weder was mit Steuersünder-CDs noch mit Schneesicherheit zu tun, sondern mit der Tatsache, dass jede Region mit ein paar Hügeln eben diesen Landstrich postwendend mit der Alpenrepublik in Verbindung setzen will. Aber hier oben, hoch im Norden ist das schon eine kleine Sensation. Während allerdings im Süden die Gipfelspitzen rund 3000 Meter an die Sonne heranreichen, sind es hier – man getraut es sich fast kaum zu sagen – einhundertundzehn Meter. So hoch wie ein Hürdenlauf der Männer in der Leichtathletik. Die brauchen nur knapp elf Sekunden, um die Ziellinie zu erreichen. In Mecklenburg kann das schon mal einen ganzen Tag dauern. Das liegt vor allem an der Ablenkung links und rechts der Strecke, die vor einem und hinter einem liegt.

Und wer sich ein bisschen mit den Reisebüchern aus dem Michael-Müller-Verlag auskennt, brennt nach dem Kauf, oft schon vorher beim Durchblättern, was alles in den farbig abgesetzten Kästen an Anekdoten auf den Urlauber wartet. Wie der Teterower Hecht – wir bleiben vorerst in der Mecklenburgischen Schweiz. Schilda ist bekannt für seine Schildbürgerstreiche. Teterow ist das mecklenburgische Gegenstück. Die Legende besagt, dass ein kapitaler Hecht als Festschmaus für die Bürgermeisterin gedacht war. Doch der war viel zu groß für eine einzelne Person. Ein paar Tage später sollte der Fisch beim Schützenfest für alle zum Verzehr angeboten werden. Selbst, wenn es damals schon so etwas wie Kühlschränke gegeben hätte, so war der Hecht doch zu kapital, um darin verstaut zu werden. Wieder in den Teich? Ja, aber mit Glöckchen, damit man ihn wiederfindet. Naja, man sucht ihn wohl noch heute…

Wer sich die Landkarte der Seenplatte anschaut, wird wenig überrascht sein, dass neben so viel Grün auch jede Menge Blau vorhanden ist. Der Name Seenplatte lässt es vermuten. Tatsächlich ist Mecklenburgs Festland löchrig wie ein Schweizer Käse. Was ein Zufall! Alle Seen in einem Urlaub abzupaddeln, abzuschwimmen, abzuwandern – unmöglich. Die Schönsten Seen erleben und in Ruhe zu genießen? Möglich, ABER: Nur mit diesem Reisebuch! Sabine Becht und Sven Talaron haben ihr Bestes gegeben, um die so genannten Highlights herauszupicken. Es sind trotzdem fast 350 Seiten geworden. Zum Glück! Denn nur so werden Güstrow, Krakauer See, Nossenthin, Bollewick und Müritz zu Orten, an denen man sich heimisch fühlt ohne je da gewesen zu sein. Die Hingabe der beiden Autoren zu diesem Reisgebiet, das voller Naturschätze ist, spürt man mit jeder Silbe. Fast möchte man meinen, dass man niemanden hier hinschicken möchte, weil es dann mit der Ruhe vorbeisein könnte. Wer sich also für die mecklenburgische Seenplatte entscheidet, muss sich auch für diesen Reiseband entscheiden. Und die Ruhe und Gelassenheit mit der man dem Paradies begegnet.

Highlights Schottland

Da, wo man sich wohlfühlt, lass Dich nieder. Böse Menschen haben keine schönen Bilder. Und wer diesen Bildband auch nur oberflächlich betrachtet – was man eh nicht tut, weil er zum Eintauchen einlädt – wird niemals mehr kariert aus der Wäsche schauen!

Schottland und Sehnsucht – diese Mixtur treibt viele an dieses Land einmal zu besuchen. Ein schier endloser Horizont, der auf dem Weg die gesamte Farbpalette präsentiert. Historische Bauten, die vor lauter Geschichte zu beben scheinen. Und ein einzigartiges Licht, das nur hier seine Wirkung entfalten kann.

Fünfzig Ziele sollen es sein, die in diesem Buch dem Leser ein inneres Beben der Sehnsucht hervorrufen werden. Die Ortsnamen sind gewöhnungsbedürftig. Glen Shiel – wo die Spanier untergingen (wenn man der Überschrift des Kapitels glaubt) – klingt da noch verhältnismäßig eingängig. Auch mit Mull of Kintyre kann man sich anfreunden, besonders wenn man ein Beatles-Fan ist und bei Paul McCartney immer noch ins Verzücken gerät. Und Whisky, ohne e vor dem Ypsilon – das wird den Amerikanern überlassen – gehört zu Schottland wie die Frage, was die Männer unterm Rock, pardon, Kilt, tragen. Um es vorweg zu nehmen, sie tragen … nein, auch in diesem Buch wird diese Frage nicht abschließend beantwortet. Es ist schließlich ein Bildband!

Und der hat es in sich. Schon auf den ersten Seiten, genauer gesagt auf Seite Elf schlägt die Stunde der Wahrheit. Denn Schottland ist nicht nur Glasgow, Edinburgh und ein paar Seen mit Bergen. Die ganze Karte ist übersät mit Highlights, die man gesehen haben muss. Und die natürlich in diesem Band vorgestellt werden.

Jedes einzelne Kapitel schottisiert den Leser mit jeder Zeile. Doch das Highlight sind die erstklassigen Abbildungen! Exakt gegärtnerte Landschaftsoasen, feierliche Zeremonien mit blankgeputzten Uniformen, perfekt ins rechte Licht gesetzte Burgen und Schlösser, aussagekräftige Detailaufnahmen … ach, man müsste jetzt in Schottland sein. Denkt man sich bei jedem Umblättern. In der Umgebung von Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands, liegt Lothian. Hier beginnt für die meisten der Kampf mit der Sprache. Setzt man sich – fast schon typisch schottisch – darüber hinweg, wird man mit rauer Natur belohnt.

Weiter im Westen, in den westlichen Highlands und auf den Hybriden, kann das sogar noch getoppt werden. Alles ein bisschen noch rauer, wilder, ungestümer, sehnsuchtsvoller.

Petra Woebke und Peter Sahla wecken nicht nur die Reiselust auf Schottland, sie haben auch gleich das fiebersenkende Mittelchen parat. Jetzt liegt es an einem selbst. Den Kopf voller Bilder, Ideen en masse für den nächsten Urlaub. Fehlt nur noch die Reise…

Die Frau am Dienstag

Die Zeiten, in denen Bonamente Fanzago immer seinem Mann stehen konnte sind vorbei. Als Darsteller in einschlägigen Filmchen sinkt sein Stern unaufhörlich am Firmament des Ruhms.
Die Zeiten von Nanà Malacrida sind auch vorbei. Die Zeiten, in denen sie Männer glücklich machte, die Zeiten, in denen ihr Körper ihr einziges Kapital war.
Auch die Zeiten, in denen der Transvestit Signor Alfredo mehr war als nur der Besitzer der Pension Lisbona, sind vorüber. Von allen begafft, von einigen begehrt, doch immer am Rande der Gesellschaft.
Auch Tommaso Fontana hat schon bessere Zeiten erlebt. Als Anwalt hat er so manchen Ganoven rausgehauen. Einmal jedoch konnte er seiner Mandantin nicht helfen. Reuig nahm er sie bei sich auf. Doch bald schon wird er tot sein. Überfahren. Von einem übereifrigen Angsthasen, der seine Felle davonschwimmen sieht.
Vier Menschen, die mitten im Leben stehen und dennoch das Geschehen auf dem Spielplatz des Lebens von außen betrachten müssen. Wer am Rande steht, kann nicht weiter nach Außen gedrängt werden. Mut und Verzweiflung liegen bei den Vieren eng beieinander. Sie alle haben einmal im Leben Entscheidungen getroffen, die ihr gesamtes Leben beeinflussten. Nun stehen sie da. Zusammen und trotzdem einsam. Das Band, das sie verbindet, ist unsichtbar. Es soll jedoch bald schon zu einem starken Tau werden, das kaum noch zu übersehen sein wird.
Massimo Carlotto lässt in seinem Buch Menschen aufeinandertreffen, einschlagen, davonrennen, kämpfen, weinen und lachen zugleich. Da mordet der Eine. Ein anderer trifft sich jeden Dienstag zwischen Drei und Vier mit einer Frau. Neun Jahre geht das schon so. Zwischenzeitlich gestand er ihr seine Liebe, was sie mit einer mehrmonatigen Abstinenz würdigte. Es fließen viele Tränen im Leben dieser vier Menschen.
Die Polizei sucht einen Mörder. Ein terrierartiger Journalist mit gnadenloser Spürnase und unnachgiebigem Biss wittert wieder einmal einen Scoop. Und ein Typ in Cowboystiefeln wandelt sich vor dem Auge des Lesers vom unheilverkündenden Engel mit Hörnern zu einem echten Freund.
Hier ist lange nicht klar, wer welche Rolle spielt. Nur dass es Rollen sind, die hier gespielt werden, ist von Anfang an klar. Ein spettacolo furioso, das mit so viel Liebe dargeboten wird, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann. Jeder der Vier ist ein Mensch, den man ins Herz schließen muss. Alle wurden vom Leben gefeiert und fallengelassen. Wenn sie einander vertrauen würden, wären sie ein unschlagbares Team. Doch das Misstrauen wird sie trennen.

Die fliegenden Menschen

Peter Wilkins und das Glück gingen sein ganzes Leben lang getrennte Wege. Bis er Patty kennenlernte. Doch auch dieses Glück stand unter keinem guten Stern. Ihre Schwangerschaft musste er geheim halten. Als seine Mutter stirbt er vollends am Boden zerstört. Denn sein Stiefvater hat sich den gesamten Besitz der Mutter bereits unter den Nagel gerissen. Peter Wilkins beschließt die Welt zu bereisen. Ohne Patty, ohne die Tochter. Das ist unmöglich. Als Schreiber an Bord, verbringt er die ersten Wochen in seiner Kajüte – die Seekrankheit macht ihm zu schaffen. Doch das ist bei Weitem noch die das Übelste, das ihm passieren wird.

Das Schiff wird gekapert. Die Crew wird verschleppt. Irgendwo in Südwest-Afrika hält ihn nur noch die Hoffnung aufrecht. Sie wird ihn nicht enttäuschen. Ihm gelingt mit anderen die Flucht. Eine Flucht in eine ungewisse Zukunft. Wohin es ihn verschlagen wird? Das kann ihm keiner sagen. Und wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Auf Wache mit einem Matrosen reißt sich im Sturm das Schiff los als der Rest der Besatzung Wasser fasst. Orientierungslos irren die beiden auf dem Meer herum. Und sie treiben auf eine Insel zu. Genauer gesagt, auf die Felsen einer scheinbar einsamen Insel. Das Schiff zerschellt an den Klippen. Peter ist mit einem Mal auf sich allein gestellt.

Wie Robinson Crusoe nimmt er die Insel in Besitz. Bis ihm eines Tages eine Frau, ein Wesen erscheint. Mit Youwarky stellt sie sich im vor. Ein bisschen seltsam ist diese Frau schon. Sehr liebenswert, wie Peter schnell feststellt. Auch sie ist Peter nicht abgeneigt. Doch das ist etwas an Youwarky, das ihn neugierig macht. Es ist ihr Gewand. Dass sie schon seit ihrer Geburt trägt, wie sie ihm versichert. Es sind Flügel. Ja, diese Frau kann fliegen!

Youwarky und Peter finden das Glück, das sie selbst nie zu suchen wagten. Er lehrt ihr seine Sprache, sie unterrichtet ihn in ihrer Kultur. Sie bekommen Kinder. Im Märchen würde man nun vom „… und wenn sie nicht gestorben sind“ sprechen. Doch Autor Robert Paltock hat anderes mit ihnen vor…

Eine phantastische Geschichte, die die Schlaflosreihe des Verlages Ripperger & Kremers mehr als nur um ein paar bedruckte Seiten verstärkt. Fliegende Menschen in einem Buch, das ganz ohne technische Phantastereien auskommt. Keine Beschreibung von hydraulischen Vorrichtungen, wie man sie bei Jules Verne verortet. Dessen „Zwei Jahre Ferien“ kommen jedem Leser sofort in den Sinn. Ebenso wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder Jonathan Swifts Gulliver. Das Leben auf dem heimischen Eiland wird bald beendet, als Youwarky den Wunsch äußert ihren Vater zu besuchen. Sie fliegt zusammen mit zwei ihrer Kinder. Drei Tage wird die Reise dauern. Und Peter? Er sehnt sich nach Youwarky. Wird bald schon von ihren Verwandten besucht und eingeladen die Familie kennenzulernen. Die Abwechslung wandelt sich vom freudigen Ereignis zu einer Art déjà vu…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.

Reisen

Bisher verlief alles eigentlich mehr oder weniger normal im Leben des nigerianischen Mannes, dessen Reisen in diesem Buch so wie „das Normalste auf der Welt“ beschrieben werden. Er lebt in den USA, seine Frau ist Künstlerin. Ihn plagen auch keine Sorgen.

Das wird sich ändern als Gina, seine Frau ein begehrtes Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin erhält. Das war im Herbst 2012. Das Jahr, in dem die Welt untergehen sollte … laut den Berechnungen der Mayas. Naja, wenn man es pessimistisch betrachtet…

Schon bald lernt er Mark kennen. Ein Typ, den man sich nicht besser malen kann. Student, keiner Protestaktion abgeneigt, stur, immer mit dem Kopf durch die Wand. Mit einem Augenzwinkern könnte man ihn als Hallodri bezeichnen. Nun sitzt er im Gefängnis. Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dabei kommt heraus, dass seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Zum Glück hat er Freunde wie Ginas Ehemann. Sie, Gina, ist weniger erfreut über die Hilfsbereitschaft ihres Gatten. Denn Mark ist nun gar nicht der, der er vorgibt zu sein…

Eine verrückte Geschichte, die unserem Helden da passiert ist. So etwas schärft die Sinne. So was wird ihm nie wieder passieren! Da mag er recht haben. Doch ihm werden noch ganz andere Dinge passieren. Er verliebt sich neu, reist in die Schweiz, um einen Tod aufzuklären und landet unversehens in einem Flüchtlingstreck. Das „Schokolade, Schokolade“, das ihm Kinder in Berlin kindlich-naiv hinterherrufen, erscheint ihm bald schon als Randnotiz in seinem Leben…

Helon Habila greift ganz tief in die Ironiekiste. Unbeirrt lässt er seinen akademisch ausgebildeten Helden die soziale Leiter hinabsteigen. Doch nicht der Verlust irgendwelcher materiellen Werte lässt ihn verzweifeln, sondern die Hoffnungslosigkeit die ihm, dem Mann, dem bisher alle Türen geöffnet wurden, ohne passenden Schlüssel vor den Toren der Zukunft leiden lassen. Helon Habila hat mit „Öl auf Wasser“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass ihm gesellschaftliche Themen am Herzen liegen. Und dass er sie schwungvoll einem breiten Publikum vermitteln kann. Mit „Reisen“ verfolgt er ganz stringent einen Mann, dem das Leben ins Gesicht spuckt. Zuerst mit kleinen Nickligkeiten. Die nimmt man unüberlegt als gegeben hin. Doch wie unser Held stolpert man als Leser gleichsam in einen Strudel aus Korruption, Vorurteilen und Hoffnungslosigkeit, dem man sich nicht entziehen kann. Wäre es nicht so traurig – wie unsere Welt ist – man könnte stundenlang darüber lachen. Es liegt an einem selbst, wie sehr man dem nachgibt.

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Maria in der Hafenkneipe

Wenn man in einer Stadt wohnt, die von vielen besucht wird, passiert es schon mal, dass man nach dem Weg gefragt wird. Man hilft gern aus, zeigt den Weg, erste rechts, zweite links usw. Sprachbarrieren sollten da keine Rolle spielen. Wozu hat man Hände und Füße?! Die Technik auf den Smartphones macht solche Begegnungen aber immer seltener.

Antwerpen im Jahr 1938 – da hilft keine satellitengesteuerte Navigation. Da muss man fragen, wenn man das Gesuchte nicht sofort verorten kann. Und passiert es, dass einem Mann, Frans Laamans, drei Männer – wie sich später herausstellt aus Afghanistan – ansprechen. Sie sollen zu Maria. Sie kam an Bord ihres Schiffes, um Säcke zu flicken. So hilfsbereit, diese Maria. Man redet ein bisschen miteinander, trank Tee, rauchte. Und verabredete sich für den Abend. Am Boden einer Zigarettenschachtel hat sie ihre Adresse geschrieben.

Nun sind diese Drei auf dem Weg zu Maria. Doch wie hinkommen? Drei Männer, die zu einer Maria wollen? Da war doch was! Das gab’s schon einmal. Laamans hilft gern. Eigentlich wollte er nach Hause, zu Frau und Kindern. Sich hinter der Zeitung verkriechen und den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Nun stapft er mit den drei Fremden durch Antwerpen.

Da er selbst den Weg nicht kennt, dennoch ihn Maria mehr als brennend interessiert- die Drei haben ihn mächtig angefixt – fragen sie unterwegs, ob denn nicht jemand diese eine spezielle Maria kennt. Es gibt Ecken in Antwerpen, auch heute noch, da könnte das für Missverständnisse sorgen. Gar nicht weit vom Museum aan de Stroom findet man Damen, die sich gern als Maria vorstellen… Doch dort wird das Quartett ihre Maria nicht finden. Auch wenn Laamans inzwischen den routinemäßigen Kneipenbesuch schon ad acta gelegt zu haben scheint.

Willem Elsschot erzählt eine der ältesten Geschichten neu. Die drei Afghanen haben zu viel Ähnlichkeit mit Caspar, Melchior und Balthasar. Sie folgen keinem Stern, sie folgen Laamans. Doch auch der kennt den Weg nicht, hilft aber, wo er nur kann. Sie kommen sie ins Gespräch. Über Gott und die Welt. Und das nicht nur sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ein Buch das Attribut „Weihnachtsbuch“ im Jahr 2020 verdient hat dann dieses Buch! Die elegante Aufmachung – wer bei diesem Rot nicht sofort an Weihnachtsplätzchen und Geschenke denkt, ist ein Weihnachtsmuffel – und die zum Nachdenken einladende Kurzgeschichte unterhalten und hinterlassen besinnliche Gedanken. Kann man immer wieder lesen und sich amüsieren.

Kommissar Gennat und der BVG-Lohnraub

Berlin Mariendorf, 14. Mai 1932, ganz früh am Morgen. Ach nee, die Presse ist schon da. Kriminalrat Gennat, der Tausendsassa, der die Berliner Polizei mit wissenschaftlicher Recherche vertraut gemacht hat (noch nicht komplett, aber die Anfänge seiner Arbeit tragen schon erste zarte Früchte), ist erstaunt, dass Max Kaminski vom Berliner Echo schon am Tatort ist. Ein Kneipenüberfall, mit Schießerei. Und die schreibende Zunft zückt schon wieder den Bleistift. Naja, was soll’s, der Kaminski is in Ordnung! Ein paar Tage später hockt man zusammen beim Dinner und schwatzt über den Fall. Bei Kaminski zuhause. Gennat mag Kaminski und weiß um die Hilfe der Presse. Der Freitag vor Pfingsten, dem Tag des Raubmordes – ein Opfer ist inzwischen verstorben –  war ein heißer Tag. Noch vor drei Tagen fröstelte man bei knapp über zehn Grad, nun war es mehr als doppelt so warm.

Die Polizei tappt im Dunkeln. Sucht Verdächtige, findet sie aber nicht. Kaminski schon. Wie? Ihm stehen andere Mittel als der Polizei zur Verfügung… Der Sommer kommt, die Ermittlungen stocken.

Im September nehmen sie allerdings wieder Fahrt auf. Ein Geldtransporter wurde überfallen. Ein verlassener Fluchtwagen, geklaut, natürlich, blockiert die Kreuzung. Erinnert verdächtig an den Überfall auf die Kneipe in Mariendorf.

Die Beute von 34.000 Mark sprengte alles bisher Dagewesene. So viel wurde noch nie erbeutet. Ein Toter und ein Schwerletzter gingen ebenfalls auf das Konto der Bande, die mit Akribie und Raffinesse von Polizei und dem Journalisten Max Kaminski verfolgt wird. Kaminski spannt für seine Recherchen sogar seine Ehefrau Lissy ein. Mit Wissen von Kriminalrat Ernst Gennat. Und nach einigen Monaten führen die Ermittlungen zum Erfolg.

In der Zwischenzeit haben die Nazis die Macht ergriffen. Das Urteil ist verheerend: Todesstrafe bis hin zu langjährigen Haftstrafen. Für Gennat geht die Zeit im Polizeipräsidium bald zu Ende. Die neuen Herren haben keine Verwendung mehr für den umtriebigen Schnüffler.

Dr. Regina Stürickow kann nicht nur Sachbuch. Dieser historische Roman fußt auf den noch zahlreich vorhandenen Akten. Max Kaminski ist ihrer Phantasie entsprungen. Er hatte jedoch ein reales Vorbild. Gennat ist so real wie die Spuren, die er hinterließ. Er war es, der das wilde Herumsuchen am Tatort unterband und Spuren nahm, die bisher im Chaos der ersten Ermittlungen unwissentlich zerstört wurden.

Die Aufmachung des Buches wie ein Dick-Tracy-Comic ist sicher kein Zufall. Es ging heiß her im Berlin der beginnenden 30er Jahre. Immer mehr verloren ihre Arbeit und sahen der Zukunft nur widerwillig und geknickt entgegen. Die Kriminalitätsrate schnellte in ungekannte Dimensionen. Gennat brachte Ordnung ins Chaos. Die Lösung des größten Kriminalfalls in Großberlin ist sein Vermächtnis.

Ein Irokese am Genfersee

Schaut sich das Gebiet zwischen Huron-, Erie- und Ontariosee an, und zoomt in der Karte, findet man den Hinweis auf das Six Nations Indians reserve, no. 40. Nicht viel zu sehen, doch die Geschichte dieses Reservates hat viel zu bieten. Sie ist verbunden mit Deskaheh, Chief der Cayugas, einem Stamm der Irokesen, ein echter Indianerhäuptling, der 1923 in die Schweiz reiste und für Furore sorgte. Während heute jeder, der nichts zu sagen hat, jedoch auffallen will, sich „‘nen Iro“ stehen lässt, hatte Levi General – Deskaheh – ein ehrliches und zutiefst menschliches Ansinnen. Er wollte sein Volk vor der endgültigen Vertreibung und Des Raubes seiner Kultur bewahren. Dafür sprach er vor fast einhundert Jahren beim Völkerbund, dem Vorläufer der UNO vor.

Im ersten Weltkrieg soll sein Volk an der Seite der Kanadier gegen die Deutschen kämpfen. Deskaheh lehnt es ab. Wer nicht wählen darf, muss auch nicht an der Seite seiner Peiniger kämpfen. Eine logische Schlussfolgerung. Die Repressalien nehmen nicht ab. So beschließt er sich an den Völkerbund zu wenden. Wozu soll der denn sonst gut sein? Als die Regierung davon Wind bekommt, schlottern denen die Knie. Wie wird sich Dekahehs Ansinnen auf die Reputation des zweitgrößten Landes der Erde auswirken? Doch Deskaheh ist fest entschlossen. Wenn schon der englische König – formal der „Chief“ seines Volkes – wenn auch nur auf dem Papier – ihn nicht empfangen will, dann eben gleich zur höchsten Instanz, wenn es um Völkerrechte geht.

Doch niemand will mit ihm reden, geschweige denn ihn empfangen. Er ist kein Vertreter eines Landes, sondern nur einer Volksgruppe. Das reicht nicht, um gehört zu werden. Er wird jedoch gehört. Er darf reden. Nicht mit Politikern. Es sind die Zeitungen, die über den „roten Mann“ schreiben. Er hat Gönner, doch auch die sind in ihrer Macht eingeschränkt. Er hält Vorträge, die Beachtung finden.

Eine Rückkehr zu den Seinen ist ausgeschlossen. Der Pass ist abgelaufen, einen neuen Pass zu bekommen, ist fast aussichtslos. Und dann tritt das Unerwartete ein. Plötzlich stirbt Levi General, Deskaheh…

Ein Krimi? Eine Biographie? Auf alle Fälle eine mehr als spannende Periode im Leben eines vergessenen Kämpfers, das Willi Wottreng so detailreich der unwissenden Mehrheit preisgibt.