Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

101 Wien

Wien mit Reiseband – ist das wirklich notwendig? An jeder Ecke ist doch irgendwas zu sehen, was sehenswert ist. Zur Not folgt man unauffällig irgendeiner Gruppe und man gelangt garantiert zur nächsten Attraktion. Mag sein. Aber dann sieht man nur irgendetwas und weiß nicht was und warum es so bedeutsam ist. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja!

Einer Autorin wie Sabine Becht kann man vertrauen. Zusammen mit Sven Talaron steigt sich nicht nur in die Tiefen der Stadt hinab, sie holt auch das ans Tageslicht, was man beim Hinterhertraben in der geführten Masse nur als sehenswertes Etwas wahrnimmt. Wien birgt die Gefahr in sich, dass man nach ein paar Tagen der Attraktionen müde wird. Es ist einfach zu viel. Bekommt man allerdings Hintergrundinfos an die bzw. in die Hand wird Wien wieder zum Sehnsuchtsort, den man sich erhofft hat.

Und wenn man die ersten Highlights der Stadt (Stephansdom, Kunsthistorisches oder Naturhistorisches Museum, Stadtpark, Bellevue …) als durchaus sehenswert, aber teilweise derart überlaufen, abgearbeitet hat, kann man sich der Wiener Küche zuwenden. Auch hier gilt es wieder Akzente zu setzen. Der Gaumen soll doch nach dem Urlaub nicht der einzige sein, der abgefrühstückt wurde, oder?! Ja, Figlmüller und seine Schnitzel sind weltberühmt, doch wer in der Hauptfiliale speisen möchte, muss erstmal anstehen. Und das nicht nur ein paar Minuten. Ebenso im Griechenbeisl, um die Ecke, dem ältesten Schnitzelrestaurant der Stadt. Ankommen, hinsetzen, genießen, zahlen und weiter geht’s – illusorisch, wenn man zu einer zivilen Zeit dem Magen was Gutes gönnen will. Die Autoren haben Alternativen zur Auswahl, die sich schon zu den etablierten Einkehrmöglichkeiten zählen dürfen.

Wer an Wien denkt, kommt an der zentralen Sammelstelle für Touristen nicht vorbei. Schloss Schönbrunn. Wer meint, dass die Wartezeit vor dem Figlmüller schon unmenschlich ist, der war noch nie in Schönbrunn. Ein riesiges Kassenhäuschen mit zahllosen Warteschlangen. Und ist man endlich im Schloss, geht’s im Gänsemarch durch die Gemächer derer von Habsburg. Schön ist anders! Aber die Anlagen um das Schloss sind sehenswert und wirkliche Erholung. Wer dem Ganzen aber noch die Krone aufsetzen will, fährt ein paar Haltestellen mit U-Bahn stadtauswärts in den Stadtteil Hietzing. Hier lebte Hans Moser, heute die Botschaft Aserbaidschans. Hier lebten Beethoven, Strauss, starb Liszt, und hier wirkte einer der größten Künstler Wiens, Österreichs, Europas, wenn nicht gar der Welt: Gustav Klimt. In einer kleinen Straße (nicht ganz so leicht zu finden, da nicht überall Hinweisschilder hängen) lebte und arbeitete er. Die kleine Villa beherbergt immer noch das Atelier des Künstlers, so als ob er vor seiner Siesta hier noch den einen oder anderen Pinselstrich getan hat.

Allen, die meinen, dass Wien mehr als nur einhundertundeinen Tipp zu bieten hat, sei versichert, dass sie recht haben und die im Buch angepriesenen einhundertundein Tipps Ausgangspunkte für weitaus mehr als hundert Tipps mehr sind. Auch wenn man nicht gezielt nach Höhepunkten der Donaumetropole sucht, empfiehlt es sich dieses Buch auf alle Fälle dabei zu haben. Wie soll man sonst das eine oder andere Highlight erkennen? Die Mischung macht’s: Das, was jeder sieht (was man schon zu kennen glaubt), gepaart mit dem, was man nur sieht, wenn man nicht nur vorwärts schaut, sondern auch links und rechts nach oben und unten schaut, in Verbindung mit naiver Neugier – die Autoren lassen jedem Wienbesucher den Freiraum Wien auf eigene Faust zu erkunden, stupsen ihn aber wieder an innezuhalten und sich umzuschauen. Der Lohn: Wien mit ganz anderen Augen sehen zu können!

Musashimaru

Ein Käfer, der zwischen Buchstaben herumkrabbelt – Mu – Sashi – Maru kann man durch den gedrungenen Körper mit den filigranen Beinen erkennen. Bei dem einen oder anderen Sportfan klingelt ein kleines Glöckchen im Hinterkopf. Das war doch der Sumo-Ringer. Ein fast zwei Meter Koloss mit fast fünf Zentnern Lebendgewicht, an die Gegner der unteren Ränge regelmäßig abprallten. Stimmt. Aber um den geht es hier nicht! Obwohl Herr K., der Autor Choukitsu Kurumatani, sein Haustier nach dem massigen Yokozuna (der höchste Rang, den ein Sumo-Ringer erreichen kann) benannt hat. Sein Haustier ist … ein Nashornkäfer.

Nach einigen Fehlschlägen – Choukitsu Kurumatani wuchs nicht gerade mit dem so genannten goldenen Löffel im Mund auf, was ihn diese Fehlschläge einigermaßen gut verkraften ließ – geht es wieder aufwärts. Er kann sich ein geräumiges Haus leisten, das er und seine Frau nach ihren Wünschen einrichten. Der Kauf selbst gestaltet sich etwas kurios. Die Verkäuferfirma verlangt Barzahlung, die Zusatzkosten sind höher als gedacht. Doch Choukitsu Kurumatani kann die Mehrbelastung durchaus stemmen. Schon im Haus, das das Paar zuvor bewohnte, beherbergten sie ein außergewöhnliches Haustier. Und so kommt es, dass in die „Käferklause“ der Nashornkäfer Musashimaru einziehen darf.

Ein ungewöhnliches Tierchen. Wiegt nur ein paar Gramm. Hat aber Kräfte wie ein Stier. Seine Behausung, ein Korb, wird von ihm regelmäßig hin und hergeschoben. Das dichte Geflecht wird aufgebogen, so dass der kleine Racker immer wieder ausbüchst. Herr und Frau Kurumatani amüsiert das und mit wachsendem Interesse und fortwährender Neugier verfolgen sie die Entwicklung ihres tierischen Gastes. Wohl wissend, dass sein Ende vorhersehbar ist. Denn Nashornkäfer haben keine große Lebenserwartung. Freunde von ihnen haben ebenfalls einen Käfer bei sich aufgenommen und werden nicht müde in Briefen darauf hinzuweisen, dass ihr Käfer doch viel älter werden kann. Hochmut kommt vor dem Fall!

Doch eines Tages bemerkt Choukitsu Kurumatani, dass Musashimaru langsam die Kräfte schwinden. Zuerst ist es nur eine Klaue, die ihm fehlt, schon bald sind es ganze Gliedmaßen, die es ihm unmöglich machen auf eigene Faust die Welt der „Käferklause“ zu erkunden. Schließlich stirbt der neun Gramm leichte Musashimaru.

Choukitsu Kurumatani wurde früh mit dem Tod konfrontiert. Das Thema Tod zieht sich durch sein gesamtes Leben und Werk. Als Schriftsteller erster Garde – zahlreiche Preise wurden ihm zu Lebzeiten zuteil – versteht er es meisterhaft die Trauer in Worte umzusetzen. Die Übersetzung der Verlegerin Katja Cassing bringt diese Wortgewalt nun auch dem deutschen Lesepublikum nahe. Als Delikatesse – nur ein Merkmal der Reihe „cass schilfboot“ – sind die Seiten mit aufwändigen Zeichnungen von Inka Grebner illustriert. Japan zu verstehen kommt manchmal einer Mammutaufgabe gleich. Zu groß die kulturellen Unterschiede, zu ungewöhnlich die Namen der Protagonisten in den Büchern. Wer sich jedoch die Mühe macht die fremden Silbenformationen als ganz normale Namen anzuerkennen, dem wird mit Band Eins dieser hochwertigen Bücherreihe einen unermesslicher Wissensfundus offenbart. Mehr als nur eine Einstieg in eine doch so fremde Kultur.

In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

Der Wahnsinn geht weiter! Nordkorea hat sich in Fukuoka eingerichtet. Die abgetrennte japanische Provinz (Japans Regierung hat keinen Mumm eigenes Territorium zu verteidigen und überlässt die Halbinsel ihrem Schicksal) ist fest in nordkoreanischer Hand. Im Fernsehen läuft Propaganda. Und für die nachrückenden Einheiten, immerhin 120.000 Soldaten, wird bald schon eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Freie Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Volksverräter – und nur die Invasoren bestimmen wer Freund und wer Feind ist – werden ausgemacht und ihr Leben ausgelöscht.

Im Krieg gibt es, laut General von Clausewitz, einfache Regeln. Es gibt nur eine Nummer Eins – sie agiert. Es gibt nur eine Nummer Zwei – sie reagiert auf die Aktion von Nummer Eins. Und es gibt zahlreiche kleine „Nummern Drei“ – sie versetzen mit kleinen Nadelstichen Nummer Eins und Zwei immer wieder kleinere Blessuren. Sobald jedoch die Nummer Eins beginnt auf die Aktionen von Nummer Zwei zu reagieren, schwächt man die eigene Position. Aber ganz ehrlich: Am spannendsten ist die Nummer Drei. Mori und Toyohara gehören dieser Nummer Drei an. Ihr Leben ist nach offizieller Lesart eh nicht viel wert. Toyohara wuchs bei seinem Großvater auf. Ein ehrenwerter Mann mit ruhmreicher Ahnenlinie. Eines Tages beschloss er seine Mutter zu finden, stieg in den Zug und wurde prompt erwischt (Schwarzfahren ist ein gefährliches Unterfangen, wie man gleich sehen wird). Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal. Dieses Mal mit einem Samurai-Schwert, eines aus Großvaters Sammlung. Ein Schaffner überlebte die freundliche Aufforderung den Zug zu verlassen nicht… Mori ist nicht minder aggressiv, hat außerdem ein sehr auffälliges Äußeres. Fast wie eine Eule.

Nur zwei Menschen aus einer Gruppe, die in der abgeriegelten Zone den Truppen folgen und ihrem Anführer Bericht erstatten. Sie sind die Nummer Drei. Sie stehen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind sie japanisch, verachten aber die gegenwärtige Situation, die es ihnen verbietet ein „normales Leben“ führen zu können. Sie sind Anarchisten, Terroristen, teils sogar soziopathisch veranlagte Gangster.

Die Nordkoreaner sehen sich bald schon einer neuen Herausforderung gegenüber. Denn mit einer plumpen Invasion ist die Inbesitznahme Japans (beziehungsweise eines Teils davon) noch lange nicht erfolgreich.

Ryū Murakami lässt dem Leser keine Chance. Lachend und weinend zugleich liest man sich durch ein Szenario, das in der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr so unwahrscheinlich erscheinen mag. Ehemalige, unverrückbare Bündnispartner drehen Japan den Rücken zu und lächeln Nordkorea an. Die schwache Regierung eines an sich starken Landes (wohl eher eine starke Wirtschaft, was die Abwendung der Amerikaner mehr als erklärlich macht) ist nach jahrzehntelanger intellektuell progressiver Hirnverfettung ist kopf- und planlos. Die politischen Gegner sehen nun ihre Chance gekommen nicht mehr nur Nadelstiche zu setzen, sondern gezielt höhere Positionen anzustreben.

Die satirischen Übertreibungen sind derart real geschrieben, dass es für diese Dystopie nur eine Devise gibt: Eine Lesemuss für jeden geistig aktiven Menschen!

Mord im Piemont

Ein paar Tage Piemont. Trüffel einkaufen für die Münchner Food Anarchist, die Firma, die Sinistra Cassotto, Sina für alle, die sie kennen, damit beauftragt hat, das Beste vom Besten zu besorgen. Sina ist Halbitalienerin und somit bestens geeignet direkt vom Produzenten einzukaufen. Blöd nur, dass im Piemont, wo die kulinarischen Verlockungen hinter jeder Straßenecke lauern, gerade eher Saure-Gurken-Zeit ist als Trüffel-Zeit. Der zu heiße Sommer hat die Knollen sich ins Dickicht zurückziehen lassen. Naja, wenigstens ein paar ruhige Tage bei Michael, bzw. in seinem Haus, irgendwo in nirgendwo. Wenn sie das Haus doch nur finden könnte. Ja, der Plan war gut, die Aussichten eher mittelprächtig. Real ist jedoch der Pistolenlauf, in den Sina nun schaut. Eingekerkert. Die Polizei im Anmarsch. Irgendwas ist hier gewaltig schiefgelaufen. Statt seltenen weiße Trüffeln aus Alba gibt es, wenn nicht bald was passiert, blaue Bohnen – als Henkersmahlzeit?

Ganz schön viel los auf den ersten Seiten von Gabriele Kunkels kulinarischem Krimi. Ein paar Seiten zuvor lässt sie den Leser schon mit der Vorstellung von Gnocchi in Käsesauce einen Gruß aus der piemontesischen Küche schicken. Ganz zu schweigen von den allgegenwärtigen Trüffeln…

Kurze Zusammenfassung: Sina will trüffel im Piemont kaufen. Sie will bei Michael wohnen. Den Schlüssel zu seinem Haus hat. Dort lässt sie auch das Geld, das sie für den trüffelkauf braucht. Barzahlung ist in diesem Fall üblich. Auf dem Weg zu Michaels Haus, erschrickt sie sich, begegnet einem Monster. Nun sitzt ihr Commissario Andrea (der Vorname sorgt allerorten für Erheiterung) Falcone. Ihr Geld ist bei einer Hausdurchsuchung in Michaels Haus sichergestellt worden. Auf dessen Grundstück wurde Cannabis-Pflanzen entdeckt, eine Plantage. Michael spricht von nur zwei Pflanzen. Und zu allem Übel wird ihr Trüffellieferant tot aufgefunden. Nicht der einzige Tote, den Sina kennt. Die Suche geht nun erst richtig los. Allerdings stehen nicht Trüffel auf dem Plan, sondern ein Mörder. Commissario Falcone weiß, wo er mit der Suche beginnen will…

Gabriele Kunkel gelingt es mit Leichtigkeit den Leser in einen Krimi hineinzuziehen, der ganz dem Klischee eines Italien-Krimis entspricht. Gutes Essen und ein vertrackter Fall – basta. Sina ist jedoch dem Commissario immer ein bisschen voraus. Und der Commissario kann Sina nicht recht einschätzen. Vielleicht hat sie ja doch was mit den Morden zu tun? Zwanzigtausend Euro in cash, nur um Pilze zu kaufen? Und das in einer offensichtlichen Drogenhöhle! Sinistra Cassotto ist allerdings nicht allein auf sich gestellt. Sie hat Helfer, die ihr tatkräftig zur Seite stehen. Das muss doch auch den Commissario überzeugen!

USA Südwesten und Kalifornien

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, Grenzen im flirrenden Licht des Horizonts verschwimmen lassen, das Auge einen wahren Sinnesrausch erfahren lassen – auf eigene Faust durch den Südwesten der USA zu reisen nimmt man gern als Synonym für echte Freiheit. Individuelles Reisen auf dem höchsten Niveau und Entspannung mit dem allerhöchsten Lerngehalt. Das mag stimmen, wenn man nicht gerade Reisebuchautor ist. Autor Volker Feser lag die Planung und die Umsetzung dieses Buches sehr am Herzen. Jahrelang (!) ist von San Francisco nach Phoenix, von San Jose nach Las Vegas, von El Paso ach Fresno, von … immer wieder kreuz und quer durch Nevada, die Sierra Nevada, Südutah, New Mexico, Arizona und Südkalifornien gereist, um die Plätze zu finden, die den amerikanischen Südwesten zum Abenteuerspielplatz für alle Altersklassen machen.

Neunhundertzwölf Seiten sind das Extrakt von zahllosen Reisen. Und die stehen nun endlich den Pionieren der Neuzeit zur Verfügung.

Steht also fest, dass der Südwesten das Ziel der Sehnsucht nach Erholung und Sinnesrausch (im positiven Sinne) ist, gibt es nur noch eine Suche: Die nach dem richtigen Reiseband. Die Suche hat ein Ende, hat man diesen hier gefunden. Nun muss man sich nur noch durch neunhundert Seiten durcharbeiten und schon kann’s losgehen! Ja, neunhundert Seiten liest man nicht eben mal schnell durch, um den Werbeblock des Abendkrimis zu überbrücken. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen. Nicht allein wegen des Umfanges. Sondern wegen der jederzeit brauchbaren Tipps, die Volker Feser übersichtlich und nachvollziehbar dem Reisenden präsentiert. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie dem Yosemite-Nationalspark (kennt jemand ein Impressum, in dem mehr als ein Schlagwort mit einem Y steht?, hier sind es gleich sechs) stehen Aktivitäten wie Radfahren im Sand Flats Recreation Area, einem der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten Kurse weltweit auf dem Plan. Oder doch lieber Hollywood? Oder die Route 66 entlang? Oder im Hualapai Indian Reservation der Diamond Creek Road folgen die Augen funkeln lassen? Oder dann doch lieber Walter White (der „Koch“ aus der Serie „Breaking Bad“) noch einmal auferstehen lassen?

Zur Einstimmung sollte man das Buch am Ende beginnen. Auf rund einhundertfünfzig Seiten wird diese sonnenverwöhnte Gegend umfassend von Volker Feser vorgestellt. Da er nachweislich nicht nur Internetdatenbanken durchforstet hat, sondern tatsächlich vor Ort recherchierte, um die Routen zusammenzustellen und – als Entspannung beim Lesen unerlässlich – die farbigen Kästen mit Hintergrundinformationen, die in keinem anderen Buch stehen, zu füllen.

Das komplette Buch „zu bereisen“, bedarf eines wirklichen langen Urlaubs. Wer sich abseits der Massenströme unter dem blauen Himmel des Südens die schönste Zeit des Jahres bescheren will, hat nur eine Wahl: Dieses Buch als gefährlich gutes Reisegepäck im Handgepäck mitzuführen und schon auf dem Hinflug erste Reisefieberattacken über sich ergehen zu lassen.

Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.

Der Schmerz

Thérèse Delombre ist verwitwet. Sie lebt mit ihrem Sohn Georges in einem kleinen Dorf in der Provence. Die junge Frau ist einsam. Das ist sie schon lange. Ihr Mann, Hauptmann im Krieg gefallen, kann als Grundübel ihrer Einsamkeit angesehen werden. Sie lernt früh das Paradoxon des Lebens kennen. Seit dem Krieg ist das Gras dichter, die Flüsse bevölkern mehr Fische, in den Bäumen nisten mehr Vögel, die vor dem Kanonendonner des Stellungskrieges im Norden geflohen sind. Thérèse ist die Frau eines Offiziers, man neidet ihr ihre Sonderstellung. Schließlich fallen im Kampf mehr einfache Soldaten als Offiziere. Das ändert sich als auch der Hauptmann nicht mehr nach Hause kommen wird. Die arme Witwe mit dem kleinen Jungen, die so zurückgezogen lebt. Das arme Ding. Doch Thérèse und Georges haben es sich zurechtgemacht in ihrem Exil im Süden Frankreichs. Dorftratsch interessiert sie nicht. Sie haben einander. Dennoch fehlt Thérèse etwas. Etwas Essentielles. Etwas, was ihr Georges nicht geben kann. Sie kann es sich nur nicht eingestehen.

So makaber es klingt, aber je schlechter es Thérèse Delombre geht, desto mehr findet sie Zugang zur Dorfgemeinschaft. Der Krieg schweißt zusammen, auch wenn statt Pulverdampf nur der Mistral durch die Gegend zieht. Der Krieg ist weit weg. Bis die Deutschen kommen. Nicht in Gestalt von uniformiertem Stiefelgleichschritt, sondern als büßende Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen. Ihre Aufpasser schauen genau hin, ob sie auch korrekt arbeiten. Im Laufe der Zeit dürfen sich die Gefangenen immer öfter und freier im Dorf bewegen. Sie gehören zum alltäglichen Bild so wie all die Alteingesessenen. Unter ihnen ist auch Otto Rülf. Wie alle zugeben müssen der ansehnlichste Mann unter den Boches, wie die Deutschen verächtlich genannt werden.

Doch seine Zeit im Dorf ist endlich. Er wird bald nicht mehr hier sein. Doch er wird nie ganz verschwinden. Georges‘ kindliche Sinne spüren den kalten Hauch, den Otto hinter sich herzieht. Thérèse hingegen sieht in Otto die Erlösung ihrer Sehnsüchte. Und wieder schlägt das Paradoxon des leben erbarmungslos zu. Als Offiziersgattin Witwe mit Kind war sie ausgestoßen. Als Witwe geachtet. Als erfüllte Frau wird sie keinen Frieden finden…

„Der Schmerz“ ist der erste Roman von André de Richaud, der in deutscher Sprache erschien ist. Ein Wiederentdeckung, die für Furore sorgen wird. Denn woran erkennt man ein gutes Buch? An wohlwollender Kritik (Albert Camus verleitete es zum Schreiben)? Am schicken Einband? An fesselnden ersten Seiten? Am verheißungsvollen Nachwort? Wenn ja, wie nennt man dann ein Buch, auf das all das zutrifft? „Der Schmerz“ tut nicht weh, man leidet nur unter der Tatsache, dass auch dieses Buch einmal ein (viel zu frühes) Ende findet.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Dein Schatten ist ein Montag

Delete – gelöscht – nicht mehr da. Nur ein Tastendruck genügt, um eine Datei, ein Bild, einen Text, ein Video zu löschen. Dongchi Gu kann von sich behaupten mit einem Tastendruck ein ganzes Leben zu löschen. Und er verdient damit sein Geld. Er ist Deleter. Ein digitaler Leben-Auslöscher. Es soll kein Weg mehr zu den Menschen führen können. Zumindest auf digitaler Ebene. Doch wenn etwas, das man anfassen kann, verschwinden soll, ist Gu der richtige Mann. Ab und zu behält er aber auch ein paar Stücke für sich, in seinem Aktenschrank.

Als er eines Tages in sein Büro im Crocodile Building kommt, hat sich jemand am Schloss zu schaffen gemacht. Die Tür lässt sich zu einfach öffnen. Und es war jemand an seinem Aktenschrank. Es scheint aber nichts zu fehlen. Ob das mit seinem neuen Fall zusammenhängt? Donghun Bae weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er bat Gu noch zu Lebzeiten alles zu vernichten, was seinem (Nach-) Ruf schaden könnte. Ein Tablet muss unbedingt unbrauchbar gemacht werden. Blöd nur, dass Gu alles Mögliche löschen kann. Nur dieses Tablet ist nicht aufzufinden.

Sein Ex-Kollege Inspektor Kim – Gu war mal Polizist, bis man ihm einen exklusiven, sehr gut bezahlten Job anbot – arbeitet auch an dem Fall Donghun Bae. Selbstmord oder Mord – das muss der Inspektor klären. Das alte Gespann wieder vereint bei der Suche nach der Wahrheit. Für Gu auch die Suche nach dem Tablet.

Gu beginnt vor der eigenen Haustür. Das Crocodile Building ist seine Arbeitsstätte. Der üble Geruch, der durch die Gänge zieht mutet wie ein unheilvolles Signal an. Im dritten Stockwerk, da wo Gu arbeitet, ist der Gestank noch halbwegs erträglich. Beim Italiener von Chan’il Park ist es nur auszuhalten, wenn der gerade frische Kräuter verwendet. Und ganz gewaltig scheint es bei Noble Entertainment zu stinken. Die Produktionsgesellschaft, vor allem ihr Chef Ilsu Chon, scheinen genug Dreck am Stecken zu haben, dass es sich lohnen könnte, hier mal richtig auszumisten und das Loch auszuräuchern. Doch bis dahin hat Gu, haben er und Kim noch einen Menge Arbeit vor sich…

Jung-Hyuk Kim macht keine Gefangenen! Sein Gu ist ein Trüffelschwein, der seine einzigartigen Fähigkeiten nicht im Bauchladen spazieren trägt. Schnodderschnauze und untrübliches Gespür für Menschen machen aus ihm einen Ermittler, von dem man sich wünscht noch viele weitere Fälle lesen zu können. Ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, wäre fatal.