Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

Die Lehmbauten des Lichts

Jedem den Jemen. So einfach lässt es sich leider nicht machen. Der Jemen gehört noch lange nicht zu den Top-Destinationen für Erholungssuchende. Schon gar nicht für die, die schon am Morgen im Pool ihr erstes Heineken-„Bier“ intus haben und sich am Büffet ein cholsterinwertversauendes Würstchen mit pappigem Rührei einverleiben. Es ist ein Land für Abenteurer oder Leute, auf Einladung von Kulturorganisationen im Land ein ausgedehnter Aufenthalt ermöglicht wird. Dann sollte aber auch darüber berichtet werden. Guy Helminger gehört zur letzten Sorte und hat seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. So nüchtern darf man sich diesem Buch aber nun auch nicht nähern. Denn Guy Helminger hat ein realistisches, gefühlvolles und lebensnahes Portrait eines Landes erstellt, das von der Geschichte und ihren Akteuren arg gebeutelt wurde. Im folgenden Jahr, 2020, begeht man – wie auch immer – den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung des Jemens. Damit sind die möglichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Land am Golf von Aden und dem Roten Meer aber auch schon erschöpft.

Erschöpft wirkt Guy Helminger nicht im Geringsten, wenn er davon berichtet wie er im Jemen ankommt, sich durch ein fremdes Land vorsichtig bewegen muss und es nach einigen Wochen wieder verlassen hat. Das war 2009. Bis heute haben sich die Nachrichtenmeldungen über das Land kaum verändert: Elend, Krieg und Hunger sind die Hauptschlagworte, wenn über das Land berichtet wird.

Lange suchen musste der Autor nicht, um seine Geschichten zu finden. Jeder, mit der durchs Land reiste, mit dem er faszinierende Orte besichtigte, sprach über Korruption. Ohne Bakschisch geht hier nichts. Was den Gesamteindruck von Land und Leuten nicht im Geringsten trübte. Denn so manche vermeintlich gefährliche Situation löst sich nach einigem Hin und Herr schnell in Wohlgefallen auf. Etwa bei einer Verfolgung wie in einem Agententhriller: Guy Helminger wird – wie so oft – von einem Fremden angesprochen. Er möchte jedoch nicht dessen Dienste in Anspruch nehmen. Helminger sieht wie der Verschmähte sich mit einem Anderen unterhält. Beide Männer verfolgen den Autor. Schon bald ist ein Dritter im Spiel und man trifft sich in einem dunklen Keller wieder – Geheimpolizei! Doch die haben sich nur gewundert, warum jemand so viel fotografiert.

Der Jemen ist heute – zehn Jahre nach Guy Helmingers Reise – immer noch kein Land, das zusammengewachsen ist, und in dem man als Tourist barrierefrei von A nach B kommt. Für die Menschen im Land, die mehr unter der Knute von Rebellen leiden als in den meisten Diktaturen der Welt, ist es ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Da scheint die Sehnsucht nach diesem Land, die in diesem Buch durchaus geschürt wird, wie ein unanständiger Wunsch.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Roter Staub, Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Isabela Figueiredos Kindheit ist wie die von Millionen, Milliarden vor ihr auch. Sie bestimmt mit dem sie spielt. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle. Und doch ist ihre Kindheit etwas ganz Besonderes. Sie wächst als Weiße in Mosambik auf. Die Hautfarbe spielt also doch eine Rolle. Leider. Denn ihr Vater, ein Weißer, der aus Portugal in die – mittlerweile – Kolonie im Osten Afrikas auswanderte, wo die Autorin geboren wurde. Ihr Vater ist der Elektriker der heutigen Hauptstadt Maputo. Ihr Vater ist für mehrere Block  verantwortlich. Ihr Vater hat es in der Hand, wie seine Angestellten – undwieder einmal muss die Rede von der Hautfarbe sein, es sind Schwarze – arbeiten. Spuren diese nicht, wird es laut, wird er brutal. Und er nimmt sich, was er will, was er braucht. So wie so viele der Weißen. Der Machthaber. Derer, die meinen über den Einheimischen, den Schwarzen zu stehen.

Doch der vermeintliche Traum platzt, als in Portugal die Nelkenrevolution die Wende einleitet und kurze Zeit später Mosambik, scheinbar ebenso sanft in die Unabhängigkeit entlassen wird. Und Isabela in die tiefste portugiesische Provinz geschickt wird. Ihre Eltern wird sie erst als junge Frau wiedersehen.

Das, was sie in Mosambik erlebte, wird dann kein Thema mehr sein. Erst durch dieses Buch, das Schreiben daran, wird sie sich der Tragweite ihrer eigenen Vergangenheit bewusst. Aus Respekt ihrem Vater gegenüber wird dieses Buch erst geschrieben sein, wenn er tot ist. Denn die retornados, die Rückkehrer aus den Kolonien, werden nun auch in der Heimat mit anderen Augen gesehen.

Ab der ersten Seite legt die Autorin richtig los. Sie sucht nicht nach Ausflüchten, da sie sich nicht schuldig fühlen kann. Sie war ein Kind in einer Zeit, die sie nicht zu verantworten hatte. Ihr Beitrag dazu, dass solche Zeiten nicht vergessen werden, dass sie nie wieder passieren, ist mehr als die meisten Politiker / Verantwortlichen je getan haben, je tun werden. Aufrüttelnd, schonungslos und mit der Distanz der Jahre kratzt Isabela Figueiredo nicht an der Oberfläche eines der dunkelsten Kapitel portugiesischer Geschichte. Sie legt Wunden frei, was vielen nicht gefiel als das Buch 2009 erstmals erschien. Rassismus und Feigheit, Allmachtsfantasien und Überheblichkeit sind essentieller Bestandteil der Aufarbeitung dieses Kapitels. Einmal verübtes Leid kann nicht ausgelöscht werden. Zwischen Liebe und Zorn wirft sie den Leser Hin und Her zwischen Erstaunen, Wut und Mitgefühl.

Das Mundstück

Bei der Vergabe von sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften fragt man sich des Öfteren nach den Gründen, warum gerade dieses Land oder diese Stadt ausgewählt wurden. Dass dabei immer der finanzielle Aspekt mehr als nur das Zünglein an der Waage war, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie war das im Juni 2012? Polen und die Ukraine richten die Fußball-EM aus. Zwei Länder, deren Nationalmannschaften zwar nicht zum Fallobst für die vorherrschenden Größen im europäischen Fußball gelten, aber an diese beiden Länder hätte man niemals zuerst gedacht. Es wurde ein Fest für alle Beteiligten, schlussendlich. Und besonders die Ukraine rückte erstmals in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Kiew kannten viele. Auch Donezk war dank dem Verein Schachtjor Donezk bekannt. Aber Charkow (russisch) bzw. Charkiw (ukrainisch) kannte doch kaum jemand. Für ein paar Wochen, ein drei Vorrundenspiele war sie für jeweils neunzig Minuten der Nabel Europas. Die Millionenstadt fristet nun aber wieder ein Mauerblümchendasein.

Eine österreichische Fremdsprachenlektorin soll einen Reiseband verfassen. Dass es sich hierbei um die Autorin Bianca Kos handelt, lässt sich nicht von der Hand weisen. Fiktion und Realität treffen in „Das Mundstück“ auf exzellente Weise aufeinander. Die Suche nach Stoff für den Reiseband darf der Leser miterleben. Und bekommt so einen Einblick in das Leben einer Millionenstadt im Osten Europas, die blühen kann, es aber nicht darf.

Die Lektorin ergibt sich in ihr Schicksal. Arbeiten in einem Land, das ja eigentlich gar nicht so weit weg ist von zu Hause. Aber vor Ort sind die Unterschiede gravierend. Bürokratische Hürden sind da noch die lösbarsten. Sollte man meinen. Doch schlussendlich sind es genau die, die ihren Aufenthalt prompt und endgültig beenden werden. Es sind die Kleinigkeiten, die den Alltag so beschwerlich machen. Schuhe beim Schuster abgegeben, Anzahlung geleistet und … den Laden, die Baracke, die Hütte einfach nicht mehr wiederfinden. Sie ist einfach weg. Einfach so! Oder die Studenten, die ihr anvertraut wurden. Disziplin – mangelhaft! Stoisch wollen sie lieber lauschen als selbst aktiv zu werden. Und wenn sie sich regen, dann alle auf einmal und alle durcheinander.

„Das Mundstück“ ist nicht für einen Werbeprospekt der Stadt Charkiw geeignet. Die Liebenswürdigkeit der Menschen, hat man sich ihnen endlich nähern können, ist eine Erwähnung außerhalb der Stadt auf alle Fälle wert. Hier ist nicht alles perfekt. Im Gegenteil. Ebenso lässt das Engagement etwas zu ändern zu Wünschen übrig. Dennoch ist dieses Buch ein Muntermacher für die ermüdeten Ukraine-Nachrichten-Seher unserer Zeit. Mit Witz und Empathie der Autorin kommt man der ukrainischen Seele auf die Spur.

Liebe ist Nuttengerede

Es sind keine wildromantischen Country roads, die das Leben der Menschen in West-Virginias kleinen Orten durchziehen. Es sind Straßen, die einem von A nach B bringen. Sofern denn überhaupt nach B will. Chicago ist schon verdammt weit weg und nur für Wenige ein Sehnsuchtsort. Hier in den Bergen ist man unter sich. Enoch, Skeevy, Bo und wie sie alle heißen mögen, sitzen an der Bar. Trinken Bier, Whiskey. Wenn mal ein Sonnenstrahl ins Dunkel fällt, wirbelt er gleich Staub auf.

Breece D’J Pancake hat nur diese zwölf Geschichten aus seinem 27 Jahre währenden Leben hinterlassen, das vor vierzig Jahren zu Ende ging. Doch diese Geschichten zeugen von einem Leben, das von Entbehrung gekennzeichnet ist, das im Untertitel Desillusion aufblitzen lässt, das Träume zwar keimen, aber niemals gedeihen lässt. Doch am Ende des Tages dreht sich doch alles nur noch darum, dass es irgendwie weitergehen muss. Träume sind im besten Fall die Kirsche auf dem schmutzigen Eisbecher mit verdreckter Sahne.

Jagen, arbeiten, saufen. Mit den Huren quatschen. Sie alle nehmen sich nicht allzu ernst. Loyalität steht da schon höher im Kurs. Wer einmal die Hügel der Heimat verlassen hat, sollte am besten auch gleich fortbleiben. Wer wiederkehrt und sich als was Besseres sieht, ist unten durch.

Die Schnörkel in den zwölf Geschichten sind lange Geraden, die man niemals bis zum Ende beschreitet. Geographisch ist das nicht möglich, und so sind auch die Sinne maximal bis zur nächsten Biegung geschärft. Was dahinter liegt, ist erst einmal in weiter Ferne. Wenn man dort ist, kann man ja weitersehen. Doch schon vorher einmal den Kopf einschalten, wäre reine Verschwendung.

Roh, brachial, davon beseelt ein besseres Leben führen zu können, davon erzählen die Akteure. Wie sie das bewerkstelligen wollen, geschweige denn wie sie es anpacken wollen, davon ist keine Spur zu lesen. Es ist ein pures Leben. Das Weiß der Hoffnung liegt regungslos unter einem grauen, fettigen Schleier, dem selbst Omas Hausmittelchen nicht anhaben können.

Breece D’J Pancake – das D’J steht für Dexter – konnte dieser Wirklichkeit eine Zeitlang entkommen. Doch „die Welt da draußen“ war nichts für ihn. Wie so viele Große – Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Amy Winehouse, Kurt Cobain – nahm er sich mit 27 Jahren das Leben. Spötter verweisen nur allzu gern auf die lediglich zwölf veröffentlichten Geschichten, die er hinterließ. Nicht mehr! Doch ist es doch genau dieses dreckige Dutzend, das so nachhaltig weiterleben wird. Schon allein der Titel „Liebe ist Nuttengerede“ lässt den Buchsucher aufblicken. So direkt – da muss doch mehr dahinterstecken. Tut es auch! Da mögen Kritiker ihm fehlende Tiefe vorwerfen – pah! Wenn der Boden gefroren ist, bohrt man einfach keine Löcher, möchte man ihnen ins blasierte Gesicht schreien. Die Oberfläche, die Breece D’J Pancake nicht nur an, sondern zerkratzt, hat mehr zu bieten als so mancher tiefgründige (preisgekrönte) Roman, den nach zwei Monaten kein Mensch mehr lesen kann. Diese Geschichten sind auch nach einem halbe Jahrhundert immer noch lesenswert!

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Stadtabenteuer New York

The Ramones, Wale, Essen wie bei Oma und der wohl langweiligste Sport der Welt, wenn man die Regeln nicht kennt. Na klingt das nach Urlaub? Ein entschiedenes JEIN kann da nur die Antwort sein. Doch das monotone Rock Rock Rockaway Beach von Joey, Tommy und Johnny und Deedee macht noch keinen Urlaub perfekt, es sei denn, dass Rumhängen und Schmähgesänge auf Disco singen das Eilixier sind. Da braucht es schon mehr. So was wie Futtern bei Muttern. Oder noch besser: Nonnas, die ihre Küche der Kindheit für andere öffnen. Wie in der Enoteca Maria in Staten Island. Gar nicht weit vom Rockaway beach. Und überhaupt nicht monoton. Ein Baseballspiel für ein paar Dollar – auch wenn die Regeln nur Amerikanern wirklich sinnvoll erscheinen – kann auch schon eine Abwechslung sein. Monotonie? Nicht bei den Staten Island Yankees. Die haben mit den Yankees eines Babe Ruth oder Joe DiMaggio nur den Namen, aber nicht einmal die Spielklasse gemeinsam. Das Feuerwerk am Ende des Spiels – immerhin sind 14 zwischen Juni und September – hat Autorin Dorothea Martin noch am besten gefallen. Auch Monotonie kann aufregend sein. Was fehlt noch? Ach ja, Wale wurden eingangs erwähnt. Ist hier in Queens – wir sind zurück am Rockaway beach – etwa ein amerikanisch riesiges Aquarium mit den sanften Riesen der Meere? Ney, die tummeln sich hier nur a few miles vor dem beach. Wenn man Glück hat, kann man sie auftauchen und herumtoben sehen. Whalewatching ist immer Glückssache.

Eine Glückssache im herkömmlichen Sinn ist der außergewöhnlichste Titel der ersten Bände der Stadtabenteuer-Reihe. Denn New Yorks Extravaganzen in ein derart handliches Buch zu pressen, scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Ohne groß nachzudenken, fallen jedem sofort ein Dutzend Dinge ein, die man in New York tun muss. Dann wäre das Buch schon voll. Dann hätte man aber auch nur das erlebt wie Millionen andere auch. Und dafür 300 Euro aus- und fast neun Stunden im Flieger in Kauf nehmen?

Dorothea Martin zeigt Big Apple wie er nur ansatzweise in ausgewählten Bänden am Rande vorgestellt wird. In ihren Stadtabenteuern kommt niemand auf die Idee völlig überdrehte Shoppingtouren auf der Fifth Avenue zu unternehmen oder stundenlang für die Besteigung von Lady Liberty auf sich zu nehmen. Das sind nur Nebenschauplätze, die für Erstbesucher interessant sind. Doch das New York in diesem Buch wird dem Besucher auf ewig verfolgen, in Gesprächsrunden (After-Vacation-Talks, gibt es sowas? Wenn nicht, dann jetzt) für Furore sorgen, und ein anderes New York sein als man es sich jemals vorstellen konnte. Dafür nimmt man doch gern Fluggebühren und Flugzeit in Kauf, oder?!

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.