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Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Hietzing

Hietzing bei Hitze genießen – da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Stadtteil der Donaumetropole Wien bietet eine Menge an historischen Schmeckerchen, die man auch auf den zweiten Blick nicht erkennen wird. Eine U-Bahn-Haltestelle nach dem Tourismusmassenphänomen Schönbrunn öffnet sich dem neugierigen Besucher eine fast schon als geheimnisvoll zu bezeichnende Welt. Prächtige Villen reihen sich neben unscheinbare Wohnhäuser, deren einstige Bewohner die Welt eroberten. Für Filmfans ein wahres El Dorado.

Gleich schräg gegenüber der U-Bahnstation trifft man schon auf die erste Leinwandikone. Ein Platz ist nach diesem Filmschauspieler benannt. Im deutschsprachigen Raum eine Legende: Hans Moser. Das Haus, in dem er wohnte, befindet sich fußläufig ein paar Minuten entfernt. Dichte Hecken umgarnen die Stadtvilla. Kameras verraten, dass hier etwas zu beschützen ist. Auf den beliebten Volksschauspieler weist erst einmal nichts hin. Um die Ecke jedoch: Botschaft der Republik Aserbaidschan. Die hat die Villa des nuschelnden Schauspielers als ihre neue Heimat in der Fremde angenommen und eine Erinnerungstafel angebracht.

Leopoldine Konstantin ist sicher den wenigsten Filmfans ein Begriff. Doch ihre Rolle als Mutter eines glühenden Nazis in Hitchcocks „Notorious“ machte sie nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit wieder bekannt. Sie lebte einst in der Trauttmansdorffgasse 29. An sie erinnert keine Tafel.

Anders sieht es da in der Maxingstraße 18 aus. Hier komponierte Johann Strauss die „Fledermaus“, im selben Haus starb auch Franz Schubert, dem der Bauchtyphus das Leben kostete.

Bleibt man in der Maxingstraße hat sich das Soll an sehenswerten Promi-Ex-Behausungen noch nicht erschöpft. Maria Lassnig, die Avantgardistin der österreichischen Malerei lebte auf der gleichen Straßenseite nur ein paar Häuser weiter stadteinwärts.

Nun ist sicher nicht jeder darauf erpicht, in seinem Urlaub Plätze zu besuchen, die mehr oder weniger berühmte Menschen mit ihrer Anwesenheit beglückten. Doch das Wissen darum, lässt so manche Fassade in anderem Licht erscheinen. Das Klimt-Haus, das erst nach dem Tod von Gustav Klimt erbaut und an der Stelle seines einstigen Ateliers um seine Wirkungsstätte herum gebaut wurde, ist dagegen ein Anziehungspunkt für alle Wien-Kultur-Reisenden. Hietzing hat gleich zwei Klimt-Orte vorzuweisen. Und einmal Schiele. Alles gut erkennen, wenn man weiß, wo man schauen soll.

Werner Rosenberger setzt dem ehemaligen Wiener-Alltagsfluchtziel Hietzing die Krone auf. Je länger man durch diesen beschaulichen Stadtteil flaniert, und je mehr man in diesem Buch blättert, desto häufiger betritt man historischen Boden. Burgschauspieler, Musiker, Stadtplaner fanden hier den Ort, der sie gewähren ließ.

Als Besucher und Leser findet man hier das Paradies. Die Promis von annodazumal sind nicht mehr. Ihre Häuser, das Dach überm Kopf von damals sind noch da. Man muss sie nur suchen. Nur einen Steinwurf von Sisi und Franz kann man das Wien von Johann, Rudolf, Alban und vielen anderen bedeutend gelassener erkunden als ein, zwei U-Bahn-Haltestellen zuvor. Und mit diesem Buch im Handgepäck entdeckt man Wien immer wieder neu.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Das dunkle Herz der Stadt

Washington D.C., selbst ernannte Welthauptstadt mit dem Anspruch die Welt vor dem Bösen zu bewahren. Und wie sieht’s vor der eigenen Haustür aus? Bronzeplatz bei den Tötungsdelikten. Nur in Baltimore und Detroit werden statistisch mehr Menschen ermordet.

Und in dieser gefährlichen Stadt ist Nick Stefanos Barkeeper – und sein bester Kunde. Außerdem ist er Privatdetektiv, hier ist er allerdings nicht Kunde, sondern Dienstleister. Letzte Runde, letzter Kunde, Glas raus und schon rinnt der Bourbon entspannend die Kehle runter. Tür auf, raus in die Nacht, ein Nickerchen, Krawall. Ein dicker Schädel und keinerlei Erinnerung.

Calvin Jeter würde diese niemals vergessen, wäre er nicht er schossen worden. Ganz leise hat man ihm das Licht ausgeschossen. Schalldämpfer, doch war laut man laut genug, um einen besoffenen Penner kurzzeitig aus dem Schlaf zu holen. Doch der war so sehr im Rausch, dass er nichts mehr mitbekam. Nick Stefanos war der, der im Rausch war.

Nun könnte man vermuten, dass Nick Stefanos so ein hartgesottener Bursche ist, der dem Leben vor die Füße kotzt. Dem Menschen egal sind, weil sie eh alle verkommen sind und lügen. Doch Nick hat auch eine sanfte Seite. Ist er erst einmal nüchtern, kann er ein echter Kuschelbär sein. Als er – aus eigenem Antrieb heraus – Ermittlungen zum Tod des jugendlichen Calvin anstellt, ist er lammfromm als er Calvins Mutter besucht. Sie ist diejenige, der das Leben immer wieder Zitronen schenkt und die sie mit verzogenem Gesicht ausschlürft. Ein echtes Herzchen eben, und Nick auch. Nur anders. Das ist wohl der Einfluss von Freundin Lyla, die ihn immer wieder aufbaut, wenn er abgestürzt ist.

Calvin Jeter und sein Kumpel Roland Lewis sind laut Polizei Mitglieder einer Drogenbande. Also zwei Opfer, die an ihrem Schicksal selbst Schuld tragen. Nick Stefanos und sein eigenwilliges Team (Ex-Säufer, Ex-Bulle) aus Leuten, die jemanden kennen, der jemanden kennt … usw. gehen aber einer anderen Spur nach: Pornos, harte Pornos, für eine ausgewählte Käuferschaft. Herzlos und unnachgiebig ist man in diesem Geschäft. Calvin musste dies bei seiner Hinrichtung – und nichts anderes war es – am eigenen Leib erfahren.

George Pelecanos lässt Nick Stefanos leiden. Erst durch den Alkohol, dann durch die eingebildete Schuld am Tod der beiden jungen Männer und schließlich auch daran, dass die Beziehung zu Lyla in die Brüche geht. Dennoch ist der Fall für Nick auch eine Chance vom Alkohol wegzukommen. Auf geradem Weg ist den Mördern nicht beizukommen. Nick braucht also dringend seine grauen Zellen. Das Sündenbabel Washington wird fernab von White House, Capitol und Jefferson Memorial zum greifbaren Morast aus Peerversion und Perfidität. Da kommt einer wie Nick Stefanos gerade recht!

Die zwielichtige Stunde

Zu faul, zu ungebildet (im Sinne von fehlenden Qualifikationen und Zertifikaten), zu schön, um in der Anonymität der Großstadt unterzugehen. Jean-Françoise Eric L’Hermitte hat es nicht leicht. Der Ärmste. Und so verdient sich Rico, wie er sich selbst nennt, seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am besten kann: Als Gigolo.

Ausgestattet mit einer Waisenrente stürzt er sich ins Leben. Kaum volljährig, denn sobald er vor dem Gesetz Mann ist, erlischt der Anspruch auf die relativ üppige Rente, ist er mit einer Freundin Protégé eines Obersts. Der vergnügt sich mit ihr und ihm. Rico ist das einerlei. Ihm geht es gut. Er lebt sein Leben in Martissant, einer Ortschaft mit etwas mehr als zwanzigtausend Einwohnern, in der man nicht viel tun kann, als zu arbeiten oder zu leben. Er hat sich für Letztes entschieden. Kein großer Luxus, wenn man materielle Güter als Luxus bezeichnen will. Sein Luxus ist das Leben an sich.

Élise ist sein zweiter Luxus. Die recht betagte (gut betuchte) Dame ist die direkte Nachfolgerin vom Oberst. Sie lauscht den Geschichten Ricos. Da er schon in jungen Jahren gelernt hat Geschichten aus Büchern abzuspeichern, ist er zu einem exzellenten Erzähler gereift. Doch Èlise will nicht nur zuhören…

Ob nun Hildegarde, ihr Neffe Patrice oder andere, die Ricos Weg kreuzen, sie alle können ihm nicht die Poesie, die er für das Leben empfindet, nehmen. Wie im Rausch nimmt er Gerüche, Geräusche, Farbenspiele in sich auf. Maler und Poet zugleich besprüht er sich und seine Umgebung mit seinen Eindrücken.

Seine Fischgründe sind das Ibo Lélé. Hier trifft sich wer Vergnügen sucht. Hier findet, wer sucht. Hier ist Rico der Fischer mit dem dichtesten Netz. Charme und Poesie setzt er auch hier ein. Doch aus einem anderen Grund. Er muss arbeiten. Immer wieder. Und immer mit einem Lächeln.

Kettly Mars lässt Jean-Françoise Eric L’Hermitte, genannt Rico, nicht am Leben (ver-)zweifeln. Dafür hat er keine Zeit. Das Leben ist zu kostbar, und vor allem zu kurz als dass man sich pausenlos Gedanken oder gar Sorgen machen sollte. Es ist wie es ist, und man kann es nur in Nuancen ein wenig dehnen. Umkehren kann man es nicht. Es sind die leisen Töne, die dieses Buch zu einem Leuchtstrahl im Dunkel des Schicksals der Insel Haïti machen. Kein Wort des Schwermuts, kein Wort des Bereuens stört die friedliche Atmosphäre, die sich Rico selbst geschaffen hat. Und wenn am Abend Félix, der Angestellte einer Pension pünktlich wie jeden Tag am Sender seines Transistorradios dreht, um den Nachrichten zu folgen, ist für Rico die Welt in Ordnung.

Dreizehn Voodoo-Erzählungen

Stellen Sie sich Folgendes vor: Kabinettssitzung der Regierung. Da erdreistet sich jemand einem Senator Widerworte zu geben. Und was macht der? Er fuchtelt mit einer Säge herum, die er stets im Koffer mit sich herumträgt. Schräg? Irre? In Haïti schon. Zumindest in der Phantasie der Stimme der Insel. Und die gehört Gary Victor.

Diese groteske Geste ist das Ende einer dieser dreizehn Geschichten, die sicherlich keine Urlaubsgefühl verströmen, doch ein Land beschreiben, das uns im Kopf so fern ist wie die geographische Distanz. Dem wilden Fuchteln geht ein ganz pragmatischer Ansatz voraus. Kerou will unbedingt Senator werden – es wird klappen, denn sonst könnte er sich nicht wie die Axt im Walde bzw. die Säge im Koffer benehmen. Der Wunsch, der Drang nach Macht ist so groß, dass er sich einem bòkò, einem Voodoopriester anvertraut. Diese stehen aber oft auf der dunklen Seite der Magie – das, was heutzutage gern als „normaler“ Voodoo-Kult angesehen wird. Ob nun im Ernst oder aus eigenem Machterhalt angestachelt, stellt er dem Senatorenplatzanwärter vor eine schier unlösbare Aufgabe: Er soll mit einer Bettlerin schlafen. Man muss wissen, dass Kerou sehr auf Ordnung und Reinlichkeit achtet. Nicht nur eine olfaktorische Herausforderung für den Günstling der Hölle! Sein Leibwächter Carl bringt ihn zu einem Friedhof. Und siehe da! Kerou wird fündig. Die Bettlerin ist sehr jung, hübsch und entspricht gar nicht dem gängigen (olfaktorisch herausfordernden) Klischee. Kerou ist ein Glückspilz! Carl bringt Kerou und die Aufgabe ins Hotel. Ein lauter Knall erschüttert die Nacht. Carl ist gerade fertig sich aktiv auszumalen, was da oben im Zimmer abgeht, als ihm der Gedanke kommt, dass da irgendwas nicht stimmen kann. So viel Glück kann einer allein doch nicht haben. Dann kam auch schon der Feuerball im Gleichschritt mit dem Knall. Im Kopf lädiert wird Kerou aber dennoch entsprechend belohnt. Nur halt mit dem Manko der Säge … Tja, auch im Voodoo hat die Medaille zwei Seiten.

Auch in diesen Erzählungen muss der Fan des haïtianischen Autors nicht auf Dieuswalwe Azémar verzichten. Er hat einen Assistenten, dem er einen beunruhigenden Bericht mit auf den Weg gibt. Zermahlene Körper und ein Minister. Alles nur fauler Zauber? Oder das Werk eines Wahnsinnigen. Tranpe, der Zuckerrohrschnapps, dem Azémar so gern und reichlich zuspricht, hilft. Nicht gegen die Erinnerungen. Die bleiben, werden aber durch das Gesöff erstaunlich erträglich.

Dreizehn Mal schickt Gary Victor den Leser auf eine Odyssee der Gefühle. Angewidert, schockiert und immer wieder fasziniert betäubt der Autor den Leser mit wilden Ritualen, die eigentlich nur aus einem Märchen stammen können. Doch sie sind real, in einer Welt, die von Macht und Korruption geprägt ist und durch die Kraft der Phantasie immer während neue Nahrung erhält.

Australien – Der Osten

Das andere Ende der Welt übte schon vor Jahrhunderten eine besondere Faszination auf Abenteurer aus. Wer den Traum Australien zu erkunden noch in sich lodern fühlt, weiß, dass er / sie eine Welt betritt, die nicht nur weit weg von zuhause, sondern wahrhaft selbige auf den Kopf stellen kann. Blöd, wenn man dann auf dem neuen Kontinent nicht weiß wo man anfangen soll. Achthundertvierzig Seiten sollten mehr als ausreichend sein wochenlang dreieinhalb Millionen Quadratkilometer einer tiefgreifenden Untersuchung mit stetig steigendem Reisefieber erforschen zu können. Queensland, New South Wales und Victoria – nur drei Staaten? Und die sollen reichen Australiens Osten kennenzulernen? Ja, denn es gibt nur diese drei Staaten. Dementsprechend groß müssen sie sein, und sind sie auch. Allein Queensland ist fünfmal so groß wie Deutschland. Die schiere Größe ist jedoch nicht der Grund, um Australien zu besuchen. Allenfalls ein weiterer. Fakt ist: Wer Australien besucht, will viel sehen und muss sich vorher genau informieren. Denn mal schnell von Melbourne nach Brisbane ist nur mit dem Flieger möglich.

Das herausragende Merkmal dieses Reisebandes sind die kleine Orte, die scheinbar unbekannten Hotspots, die niemand sucht, die den Reisenden jedoch finden. Mornington Peninsula in der Nähe von Melbourne, dort wo Inspector Hal Challis aus den Romanen von Garry Disher das Verbrechen vor sich hertreibt, steht für maximal für Leseratten auf den ersten Plätzen der To-Do-List. Wer an den Stränden (endlos, schließlich ist man in Australien!) sich in der Sonne brät oder das mehr oder weniger kühle Nass genießt, kommt unweigerlich bald an den bunt bemalten bathing boxes vorbei. Es sind solche kleinen Dinge, die einen Australienurlaub so besonders machen. Und für jede Menge „likes“ bei Instagram und ähnlichen Plattformen sorgen. Oder Orte wie Ulladulla. Schon allein wegen des Namens muss man da hin. Nicht nur, wenn man Ursula, Ursel oder Ulla heißt. Zusammen mit Milton bilden diese beiden Orte, die nun wirklich nicht weit voneinander entfernt sind, ein breites Spektrum an Urlaubserlebnissen. Milton, die Stadt mit Geschichte und Bummelparadies und Ulladulla, das Fischerstädtchen, das übersetzt sicherer Hafen bedeutet. Wasser, Strand, Dünen und Boote um es in wenige Worte zu kleiden.

Armin Tima weiß so genau wie kaum jemand anders wie abwechslungsreich, farbenfroh und ereignisgeladen der Osten Australiens ist und auf den Reisenden wirkt. Wohl dosiert gibt er Tipps ohne den Leser zu überfordern und ohne dabei etwas Entscheidendes auszulassen. Ihm kann man vertrauen, bevor der Flieger gen Ende der Welt abhebt. Ist man da, sollte man immer eine Hand freihaben, um nachzublättern, damit auch nichts vergessen wird. Wer weiß, wann man wieder hierher kommen kann. Exzellente Detailkarten sowie die gelb eingefärbten Infokästen mit den Infos, die in illustrer Runde für Erstaunen sorgen, lassen wirklich keine Fragen offen. Und er schaut natürlich über den Tellerrand hinaus. Soll heißen, Ayers Rock. Wer in Australien urlaubt, will, ja muss den berühmten Berg sehen. Der liegt weit im Landesinneren und nicht mehr im buchthematischen Osten des Landes. Doch auch der Autor kommt nicht umhin ein wenig abzuschweifen. Genauso wie Armin Tima dem Leser Platz lässt links und rechts der Routen auf eigene Faust dem Abenteuertrieb freien Lauf zu lassen.

Das offene Geheimnis

Pssst, nichts sagen. Feind hört mit! Argentinien während der Junta in den 70er Jahren. In Malihuel stört ein Mann ganz besonders den Frieden im Ort. Es ist die Zeit, in der Tausende von Menschen von einem Tag auf den anderen spurlos verschwinden. Dario Ezcurra wird einer von ihnen sein. Der Polizeichef hat Order den Unruhestifter entfernen zu lassen oder es selbst in die Hand zu nehmen. Und so geschieht es dann auch. Dario Ezcurra ist nicht länger Bewohner von Malihuel.

Der Journalist Fefe ist auch in Malihuel aufgewachsen. Schon lange war er nicht mehr hier. Nun, 20 Jahre später, kehrt er zurück in den Ort, wo er aufwuchs. Alle kennen ihn noch. Alte Geschichten werden wieder aufgewärmt. Bis, ja bis Fefe Fragen stellt. Unbequeme, peinliche Fragen. Fragen nach Dario Ezcurra. Wie war das damals? Wie verschwand Dario? Wer steckte dahinter? Und warum hat niemand nachgehakt? Auch nach der Diktatur?

Carlos Gamerro webt ein Spennennetz aus Lügen, falsch verstandenem Gehorsam und Angst. Denn wer damals die Stimme erhob, konnte sicher davon ausgehen, dass diese auch gehört wird. Auch und vor allem von den falschen Personen. Nach dem Schrecken von Videlas Junta war aber noch lange nicht Schluss mit den Denunziationen. Jeder musste sich nun in der neuen Gesellschaft zurechtfinden. Manche mussten sich rechtfertigen. Viele mussten sich winden.

Bei seinen Recherchen wird Fefe fündig. Jeder hat auf die eine oder andere Art Schuld auf sich geladen. Wegschauen aus Angst ist noch verständlich. Doch muss es auch den Zeitpunkt geben und gegeben haben, in dem man die Faust erheben musste. Wann war dieser Zeitpunkt gekommen? Hat ihn überhaupt jemand bemerkt? Und wenn ja, warum ballten sich die Fäuste dann weiterhin in den Hosentaschen und reckten nicht gen Himmel?

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein System nur so mächtig wie sein schwächstes Mitglied. Es gab zu viele, die lieber wegschauten oder auch nur gering (bewusst oder unbewusst) Hilfestellung gaben. Jetzt müssen sie Farbe bekennen. Denn Fefe lässt nicht locker. Der gesamte Ort – wer genauer hinsieht, kennt den Ort bereits aus „Der Traum des Richters“ von Carlos Gamerro – steht unter neuerlicher Beobachtung.

Die man nicht sieht

Kaltes Hühnchen in hauchdünne Scheiben geschnitten, Käse, roher Schinken, Pasta – wenn Ismael, Enana und Ajo arbeiten, gibt’s eigentlich fast immer was Leckeres zu essen. Sie sind freischaffend. Arbeiten im Auftrag von Guida, einem Security-Angestellten in einem der vielen noblen Wohnanlagen von Buenos Aires. Sie sind gut, sie sind die Besten. Sie sind Diebe. Und sie sind Kinder. Ajo ist gerade mal sechs Jahre alt. Seine Schwester, Enana nur ein paar Jahre älter, genauso wie Ismael.

Nun wartet ein Großauftrag auf das gewiefte Trio. In Uruguay sollen sie lautlos und unbemerkt mehrere Besitzer von Villen auf die bekannte und bewährte Art um ein bisschen ihres Hab und Gutes bringen. Wie immer nur ein wenig, gerade so viel, dass man Kasse machen kann, aber nicht zu viel, das der Diebstahl und vor allem der Einbruch sofort auffallen. Ismael ist misstrauisch. So wie immer. Doch dieses Mal soll er sich nicht täuschen.

Die Überfahrt nach Uruguay auf dem Schiff ist organisiert. Guidas Cousin, der die Drei ein Stück weit schleust, schüttelt den Kopf. Die sind doch viel zu jung, besonders der Kleine, der permanent Knoblauchzehen lutscht. Und die richtige Kleidung für die Überfahrt auf rauer See haben sie auch nicht.

Was die Drei nicht wissen, ist, dass Guida solchen „Auslandseinsätze“ immerfort organisiert. Dreißigtausend Pesos für jeden von ihnen, für einen Monat Arbeit. Er selbst verwaltet das Geld bis das Trio wieder zurück ist. Insgeheim, rechnet Guida aber selbst mit der Kohle. Die kann er dann im Stundenhotel verprassen oder für einen Urlaub. Und versetzen lassen wird er sich auch wieder. Alles wie gehabt.

Ihr Unterschlupf ist die Frau, die sie „meine Tante“ nennen sollen. Hier verbringen mehrere Kinder die Wartezeit bis zu ihrem Einsatz. Kontakt untereinander ist streng verboten. Wie in einem Internierungslager herrschen strenge Regeln, die bei Verletzung hart bestraft werden. Für die Streifzüge ist alles bestens präpariert: Hackfleisch mit Schlafmittel für die Wachhunde, ein Abwehrspray für alle Eventualitäten, sogar ein Gegengift, falls eine Schlange einem Unvorsichtigen beißen sollte. Besonders Letztes ist für Ismael, Enana und vor allem für Ajo die Lebensversicherung. Denn die Streifzüge werden zu einem Höllenritt…

Lucía Puenzo liebt ihre Figuren, die sie in einem der Villenviertel an den Stränden Uruguays aussetzt. Es sind nicht einfach nur drei Kinder, die mit Diebstählen ihren Lebensunterhalt verdienen, und sich vor ihren Auftraggebern geschickt ducken, um sich nicht ans Messer zu liefern. Es sind ausgereifte Charaktere mit Stärken und – es sind doch immer noch Kinder! – Schwächen. So erwachsen sie in brenzligen Situationen handeln, so zerbrechlich sind ihre Herzen, wenn sich jemand zwischen sie drängt. Ihnen bleibt keine Zeit Kinder oder Jugendliche zu sein. Ihre Erfahrungen machen sie auf dem steinigsten Pflaster, was es gibt. Mit traumwandlerischer Sicherheit erlaubt ihnen Puenzo sich zu entwickeln, um eines Tages doch das lang ersehnte Glück finden zu können.

Stan

In Santa Monica gibt es nur sonnige Tage. Tage, an denen man sich gern des Lebens erfreut. Und da kann es schon mal vorkommen, dass man in Erinnerungen schwelgt. Und je nachdem wie intensiv man gelebt hat, fallen diese Erinnerungen mal mehr, mal weniger eruptiv aus.

Im Oceana Apartment Hotel, den Pazifik in Seh- und Hörweite, room 203, wohnte einst er. Ein Mann, dessen Leben so erfüllt war, dass es nur in einem mehr als fünfhundert Seiten starkes Buch gepresst werden kann. Er war ein Star. Auch nach seiner aktiven Karriere. Allüren hatte er keine. Es sei denn, dass Treue als Allüre durchgeht. Er, der mit seinem Partner Babe Millionen, Generationen von Menschen glücklich machte. Man nannte ihn doof. Doch er war blitzgescheit. Babe ist nun schon Jahre tot. Doch noch immer zerren die Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte vollendeter Schaffenskraft an seinen Nerven. Namen hatte er viele. Sie bedeuteten nicht viel. Und wer ihn erreichen wollte, konnte das tun. Sein Name stand bis zum Schluss im Telefonbuch. Man stelle sich vor, dass heute noch erfolgreiche Stars ihre Nummer öffentlich preisgeben würden…

Die Rede ist von Stan Laurel. Alias Arthur Stanley Jefferson (bis zum 6. August 1931 sein offizieller Name). Alias Doof. Das leicht bescheuert dreinblickende Halbduett von „Dick & Doof“ oder Laurel und Hardy. Oliver Hardy, alias Dick, alias Babe ist vor Jahren gestorben und John Conolly lässt Stan Laurel nun seinen Memoiren schreiben. Er, das ist Stan Laurel, in den Siebzigern. Fünf Ehen klüger. Und wahrscheinlich der liebenswerteste Hollywood-Schauspieler, den es je gab. Es ist wahr, dass jeder ihn anrufen konnte. Und wer bei ihm zuhause eingeladen wurde – und es waren nicht wenige – und dem immer noch lebenslustigen Stan Laurel ein wenig Gesellschaft leisten konnte, hatte vielleicht das Glück ein Souvenir zu erhaschen. Mit Freude verschenkte er billige Melonen, die Kopfbedeckung, die ihn einst so unverwechselbar machte. Und wer weiß, vielleicht setzte er sich selbst eine auf, nahm sie wieder ab und kratzte sich so unvergleichlich am Kopf. Ein Bild für die Götter!

Stan Laurel, er, ist nicht verbittert. Warum auch?! Über einhundert Filme hat er mit seinem Freund Babe, Oliver Hardy gemacht. Zusammengenommen bringen es beide auf weit über dreihundert Filme. Stan Laurel erreicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Cairnrona das gelobte Land. An Bord sind einige Schauspieler, die es nach Amerika zieht. Nach New York, was damals das Zentrum der Filmindustrie am anderen Ende der Welt war. Hollywood war damals noch eine überdimensionale Obstfarm. Zwei dieser Passagiere werden schon bald große Erfolge feiern. Und schon in weniger als einem Vierteljahrhundert Weltstars sein, die wirklich überall bekannt sind und bis heute bei der bloßen Erwähnung ihrer Namen Kriege beenden könnten. Der eine ist Stan Laurel, der andere ist Charlie Chaplin.

Schon bald kann sich Chaplin niemand mehr leisten. Stan Laurel begnügt sich mit 33.000 Dollar pro Film. Harald Lloyd bekommt zur gleichen Zeit mehr als das Vierzigfache. Oliver Hardy nur zwei Drittel von dem, was sein Partner und vor allem Freund bekommt.

Laurel und Hardy treffen sich, weil die Studiobosse es so wollen. Ein Dicker ist immer lustig. So die vorherrschende Meinung. Hal Roach wird ihr Produzent und der Garant eines (finanziell) sorgenfreien Lebens. Auch wenn seine Zahlungsmoral meist allzu leger ausfällt. Stan ist das Gehirn des Duos. Selbst nach Olis Tod schreibt er noch Sketche, die jedoch niemals Aufgeführt werden sollen. Ohne Oli will und kann er nicht. Das nennt man Treue bis über den Tod hinaus.

Mit ausgiebigem Faktenwissen reichert John Connolly diese fiktive Biographie eines der größten Filmgenies aller Zeiten an. Der Reichtum an Anekdoten verblüfft von der ersten Seite an. Stan Laurel konnte nicht mehr für dieses Buch befragt werden. Er starb drei Jahre bevor John Connolly geboren wurde. Aber es fällt kaum auf. James Finlayson, der Schnauzbart mit dem Knautschgesicht, eine Ikone der Stan&Ollie-Filme bekommt genauso viel Raum über das System herzuziehen wie die liebevollen Gedanken (und man darf sich sicher sein, dass Stan Laurel wirklich solche Gedanken hatte, es kann einfach gar nicht anders gewesen sein … bitte!) an den verschwundenen Freund.

„Stan“ rührt den Biographien-Markt gehörig auf. Immer wieder tauchen beim Lesen einzelne Szenen aus den Filmen auf, so dass man aus dem Lachen, zumindest Lächeln, nicht mehr rauskommt. Dieses Buch versteckt man nicht hinter „them thar hills“, dann wäre man ein „blockhead“. Man stellt es gut sichtbar und immer greifbar ganz vorn in den Bücherschrank. Denn dort gehört es hin!