Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Die fremden Götter

Man überschreitet deutlich mehr als nur die Grenze des guten Geschmacks, wenn man Luises Leben, das in Nizza begann und in Avignon weitergeführt wurde, als himmlisch bezeichnet. Denn es sind die Jahre nach der Naziherrschaft in Europa. Ihre Eltern haben das Konzentrationslager überlebt, und können wie nur Wenige zurückkehren. Ihre Jüngste hat die Strapazen des Krieges nicht überlebt. Luise lebt! Die Jahre im Ursulinenkloster, dessen Gebäude heute noch in Avignon existiert, haben ihre Spuren hinterlassen. Luise ist nun strenggläubige Katholikin. Statt sich maß- und vor allem grenzenlos über die seltene Familienzusammenführung zu freuen, sind Mutter und Vater zutiefst enttäuscht über den Wandel der Tochter. Denn die Eltern sind nicht minder tiefgläubige Juden. Weshalb sie auch von der Gestapo deportiert wurden.

Walter Schott wurde im KZ zu einem ernsthaften Juden. Wollte man ihm dies austreiben, ist es gründlich in die Hose gegangen. Wieder in Freiheit kann er seiner Religion nicht mehr auch nur eine Handbreit freigeben. Das spürt besonders Tochter Luise. Ihr Vertrauen in Gott ist ungebrochen. So oft es geht, betet sie in der Kirche, bittet um Beistand in der schwierigen Zeit. Denn die Eltern haben sich verändert.

Walter Schott fleht seine Tochter an wieder zum Judentum überzutreten. Einen konkreten Grund hat er nicht bzw. kann ihn nicht nennen. Für einen Mann mit seinem Schicksal tut er etwas Ungeheuerliches: Er sperrt seine Tochter bei Wein, Brot und Apfel ein. Niemand darf zu ihr. Nicht einmal die Schulkameraden, denen erzählt wird, Luise habe die Masern. Auch der Mutter wird strengstens untersagt Luise zu besuchen.

Kurz zuvor hatte es der Vater „noch im Guten versucht“. Théodore Bovin, der Sohn des Rabbis und selbst schon auf dem Sprung zum Philosophiestudium an die Sorbonne sollte Luise ins Gewissen reden. Doch stattdessen verguckt er sich in die hübsche Siebzehnjährige. Emile Colombe ist Buddhist. Auch er schafft es nicht – will es auch nicht, denn sein Wankelmut sieht keine Religion vor – Luise zur Rückkehr zu bewegen. Denn Luise ist in Henri Matelotte verknallt. Selbstständiger Fotograf, der in ihr aber leider nur ein Abenteuer sieht. Sie sind trotzdem Luises letzte Möglichkeit dem Wahn des Vaters zu entkommen.

Es ist erschreckend zu lesen, wohin religiöser Wahn führen kann. Und so aktuell. Hermann Kesten schrieb diesen Roman in den 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Krieg war gerade aus, etwas Ruhe kehrte langsam ein. Doch die Dickschädel – und deren Couleur spielt überhaupt keine Rolle – mischen immer noch mit. Es ist die Zeit der Neuanpassung, des Aufbruchs und Neuaufbaus. Das Land liegt brach, und die Fanatiker sehen darin die Chance ihre Ideen auf fruchtbarem Boden zu säen. Doch die Menschen sehnen sich nach Bewährtem, nach Sicherheit. Und die fanden nicht Wenige im Schoß der Religion. Warum also davon abweichen? Luise will ihren eigenen Weg gehen. Dornig wird er und entbehrungsreich, doch es ist ihr Weg.

Coin Locker Babys

Das kann nicht gutgehen! Das wird einfach niemals gut ausgehen können! Es ist der 18. Juli 1972. In China fällt ein Sack Reis um, in Deutschland erreicht eine Frau ihr Rentenalter und in Japan wird Kikuyuki Sekiguchi in einem Münzschließfach entdeckt. Erstes rechnerisch der wahrscheinlichste Fall. Zweites ist rechnerisch bestimmt eingetreten. Drittes jedoch schnürt dem Leser die Kehle zu. Präzise wie ein Skalpell beschreibt Riū Murakami wie eine namenlose Frau sich für eine Tat vorbereitet, die so unbeschreiblich ist. Sie setzt ihr Kind in einem Münzschließfach aus. Wohlbehütet in einem Karton. Und da schwimmt der Leser erst auf den ersten Handvoll Seiten und hat noch weit mehr als fünfhundertfünfzig vor sich!

Kiku kommt zu Nonnen. Sie ziehen ihn groß, genauso wie Hashio Mizouchi, genannt Hashi. Da ihre Eltern nicht bei einem tragischen Unglück ums Leben kamen, bleiben sie eine sehr lange Zeit bei den Nonnen. Bis sich eines Tages ein Paar ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Auf eine einsame Insel. Hashi ist es, der Kiku erzählt, wer sie sind, woher sie stammen.

Hashi sucht das Glück in der Isolation. Nähe lässt er nicht zu. Nur Kiku vertraut er. Der jedoch ist ein rechter Spring-Ins-Feld. Er würde lieber heute als morgen ausbrechen und die Welt aus den Angeln heben. Sie wachsen heran. Typische Jungens, die auch mal über die Stränge schlagen. Alles nichts, was nicht woanders auch passiert. Doch tief im Inneren nagt ein Drang. Der Drang ihren Müttern die Rechnung zu präsentieren.

Die erste Registrierkasse finden sie im Giftghetto von Tokio. Hier ist das Tokio der Hypertechnologie gegen das Schwarz der Unterwelt, der Freaks und der Halbseidenen ausgetauscht worden.

Doch Hashi scheint auf einem guten Weg zu sein. Er ist mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Kiku hingegen entwickelt sich zu einem Typen, dem man das Prädikat Rächer auf Anhieb abnehmen würde. Immer wieder trennen sich ihre Wege genauso oft wie sie sich kreuzen werden. Knast, Ruhm, Erfolg und Depression können auch von ihren Partnerinnen nicht aufgehalten werden. Kiku hat sich in Anemone verknallt. Die hat sich extra für ihr Krokodil (!, nein kein Tippfehler) ihre Wohnung artgerecht umbauen lassen. Hashi und Niwa scheinen dagegen so etwas wie ein normales Leben führen zu dürfen. Bis Niwa schwanger ist…

Man braucht schon starke Nerven und Durchhaltevermögen, um diesen Roman zu lesen. Absetzen ist keine Option! Wer einmal die erste Seite überstanden hat, wird sofort süchtig. Datura ist das Elixier, das Kiku antreibt. Was das ist, wird nur verschwommen erklärt. Ein Gift. Ein Gift, das alles andere wie LSD oder Meskalin wie lauwarmes Leitungswasser erscheinen lässt. Ist es wirklich das elysische Delirium, das beide oder einen von beiden erwartet? Oder ist es nur die Frucht der Versuchung? Keiner weiß es, aber der Weg dorthin ist mörderisch!

Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Toscana

Wälzt man Bildbände über Italien, erhält man ein Bild, dass nur einen Schluss zulässt: Die Toscana ist Italien! Endlose Alleen, kraftstrotzende Felder an den Hängen sanfter Hügel, und zwischendrin immer mal wieder ein Artefakt aus vergangenen Zeiten. Wer Florenz dann auch noch auf dem Reiseplan hat, ist verloren. Denn hier – und nur hier – hat die Renaissance stattgefunden. Nirgendwo anders! Basta!

Oh, du wunderbare Welt der Alternativwahrheiten. Dann kommt einer wie Verleger Michael Müller daher und rückt die Toscana wieder dahin, wo sie hingehört. Ins Herz Italiens, ohne dabei den Rest des Stiefels in den Schatten zu stellen. Es ist immer wieder erstaunlich wie kompakt Reisebände sein können, ohne Inhalt zu verlieren. Auf den ersten Blick klingen siebenhundertvierundachtzig Seiten viel. Doch wer schon einmal in der Toscana war, weiß, dass man blöckeweise Eindrücke niederschreiben kann. Da hilft nur kürzen, kürzen, kürzen. Nicht in diesem Fall!

Mit voller Hingabe lässt Autor und Verleger Michael Müller die Metropolen erstrahlen, gibt den anderen Regionen der Toscana aber mindestens genauso viel Luft und Platz im Buch wie Pisa, Siena, Florenz. Mugello zum Beispiel ist eben nicht nur Motorsportfans ein Mekka geworden, sondern vor allem der farbenprächtige Kontrast zum geschäftigen Treiben am Arno. Die Medici haben hier ihre Wurzeln. Fra Angelo wurde hier geboren. Die unrasierte Toscana nennt der Autor diese Region. Pratolino ist sicherlich nicht der erste Ort, der einem einfällt, wenn man an die Toscana denkt. Der mediceische Park jedoch ist mehr als nur einen Abstecher wert. Teiche, Wasserspiele, Grotten zieren heute das Areal, wo einst Gastfreundschaft ein Fremdwort war.

Eins Zwei Drei Vier, also 1234, das Jahr, gilt als Geburtsdatum des Klosters Monte Senario im Luftkurort Bivigliano. Ein traumhafter Nadelwald soll den Anstieg in 800 Meter Höhe versüßen. Und oben angekommen, ist man wahrhaft oben angekommen. Der Ausblick … göttlich!

Achtzehn Auflagen und immer nur ein Ziel im Blick: Dem Leser die Toscana so zu zeigen wie sie wirklich ist. Wer sich die Zeit gibt und die knapp achthundert Seiten als Herausforderung annimmt, wird Seite für Seite der Toscana ein Stück näherkommen. Wer im Urlaub sich ein paar Minuten mit dem Buch beschäftigt, wird fürstlich entlohnt werden. Wer nach dem Urlaub noch einmal ein wenig die Seiten durch die Finger rinnen lässt, hat nur eine Wahl. Immer wieder zu kommen und immer wieder in diesem Buch blättern, den Urlaub planen und die schönste Zeit des Jahres haben.

Mein pochendes Leben

Als Sechzehnjähriger ist das Leben an sich schon eine Herausforderung, die man nicht immer schultern kann. Arum sieht dies mit einer Gelassenheit, die einem Respekt abverlangt. Er ist an Progerie erkrankt. Eine Krankheit, die ihn deutlich älter aussehen lässt als er ist. Und auch sein Körper altert in einem Tempo, das einem der Atem stockt. Nun ist er sechzehn. So alt wie seine Eltern – als Mira Daesu sagte, dass sie schwanger sei. Für die beiden Teenager brach keine Welt zusammen, sie hatten keine Welt, die es aufzubauen galt. Miras Vater sah in Daesu einen Taugenichts, den Mira nicht verdient hatte. Doch genau diese – für Koreaner sicherlich untypische – Laissez-Faire-Haltung beeindruckte Mira. Sie rauften sich zusammen.

Als Arum zwei Jahre alt war, schlug die Diagnose wie eine unheilvolle Bombe ein. Doch Arum entwickelte sich zu einem wissbegierigen Jungen. Er las viel, war aufgeschlossen und intelligent.

Jetzt fordert das Schicksal seinen Tribut. Die Behandlungskosten sind in astronomische Sphären geschossen und kaum noch zu bezahlen. Pfiffig wie Arum ist, bittet, fast schon bettelt er darum an einer Fernsehshow teilnehmen zu dürfen, in der die Zuschauer für die Behandlung eines Patienten spenden können.

Zögernd geben die Eltern ihren Segen. Die Produzenten wittern nach dem Vorgespräch den nächsten Scoop, da Arum so herzlich und unbefangen über sein Leben spricht. Wenige Tage nach der Ausstrahlung bekommt Arum Post. So-Ha schreibt ihm. Auch sie liege, wie mittlerweile auch Arum, im Krankenhaus, Knochenmarkkrebs, wie ihre Mutter. Die Mails werden immer offener, immer vertraulicher. Arum blüht auf. Auch wenn er immer eine längere Zeit auf die Antworten warten muss, ist es für ihn ein Fest endlich wieder von So-Ha lesen zu können. Da ist plötzlich jemand, mit dem er reden kann. Ganz ohne Einschränkungen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen den Gegenüber verletzen zu können. Sein Leben hat einen Sinn zusätzlich geschenkt bekommen. Die Haltbarkeitszeit spielt dabei keine Rolle.

Doch die Freude währt nur kurz, denn So-Ha ist ein Phantom…

Ae-Ran Kim hat mit Arum eine Figur geschaffen, die ein Schicksal ereilt hat, das zu Herzen geht. Äußerlich ein alter Mensch, im Herzen jung wie ein Spring-Ins-Feld. Fast scheint es so, als der Junge seinen Eltern die Kraft gibt ihr eigenes Leben endlich auf die Kette zu bringen. Er selbst genießt das Leben, stellt kluge Fragen und wirkt dabei überhaupt nicht altklug. Ein sympathischer Junge, dem man im Innersten seines Herzens nur Gutes wünscht. Und dann wird er so perfide hinters Licht geführt. Ae-Ran Kim spielt nicht mit den Gefühlen des Jungen, sie führt den Leser in ein Land, das auf den ersten Blick so fremd wirkt wie kaum ein anderes. Doch Probleme sind die wahren global players. Krankheiten verursachen überall auf der Welt Schrecken und Unsicherheit. Arum ist sicherlich ein Held, wenn man die Schwere seiner Krankheit mit seiner Sicht auf die Dinge vergleicht. Leichtlebigkeit kann er sich nicht leisten. Doch Aufgeben ist auch keine Lösung. Wie ein Dichter nimmt er jede Herausforderung an. Rückschläge inklusive.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland

Schaurig-schöne Geschichten umranken so manche Burg, ausgewählte Kapellen, Maare und ganze Landschaften. Wer sich gruseln will, vollführt an diesen Orten wahre Freudentänze. Wobei dies sicherlich auch nicht die richtige Weise ist, diesen Orten Tribut zu zollen. Hauptsache, es laufen einem Schauer über den Rücken – auch wenn es nicht regnet.

Hennig Aubel hat für diesen gewichtigen Band Orte gesucht, gefunden und detailreich aufgearbeitet und dabei wohl einen der ungewöhnlichsten Reisebände für und in Deutschland erstellt. Kloster Oybin im Zittauer Gebirge ist vielen von den Gemälden Casper David Friedrichs ein Begriff. Doch hier oben, wo man bei Sonnenschein den weitläufigen Ausblick bis in benachbarte Tschechien genießen kann, knackt es bis heute im Gehölz, wenn der Wind durch die Landschaft weht. Ein bisschen romantisch verklärt wurde das Gemäuer. Doch auch ohne große Anstrengungen kann man sich leicht ein Bild davon machen, wie man hier das Fürchten lernen kann. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts – während der Hussiten-Aufstände und –kämpfe wurden hier die Schätze aus dem Prager Veitsdom „zwischengelagert“.

In der Eifel brodelt es bis heute ab und zu. Und die Erde bebt. Doch selbst wenn die Hinterlassenschaften der Tektonik besonders aus der Luft sehr idyllisch anmuten, so ranken sich bis heute Legenden um das Weinfelder Maar in der Nähe von Daum. Feuer und Wasser haben hier eine einzigartige Landschaft geschaffen, die wegen der konstant niedrigen Temperaturen und der tiefblauen Farbe des Wassers, Schwimmern das Planschen vermiesen können, aber auch schon seit Ewigkeiten Mythen kreieren. Sogar ein Schloss soll in den Strudeln versunken sein.

Und wer an den Starnberger See denkt, denkt doch nicht an faulen Zauber. In der Pollingsrieder Kapelle bei Seeshaupt kann einem dann doch anders werden. Vier Brunnen sind noch zu sehen, einer soll unter der Kapelle noch existieren. Zusammen ergeben sie ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels. Und das mitten im katholischen Bayern!

Alle in diesem Buch vorgestellten Orte, vom sagenumwobenen Kyffhäuser über den eiskalten Funtensee bis hinauf nach Prora, wo die Nazis ihr dunkles geheimnisumwittertes Monumentalbauwerk in die Dünen wuchteten, sind von einer Aura umgeben, der man Glauben schenken darf oder sich einfach an ihr ergötzt. Hennig Aubel ist es zuzuschreiben, dass man nun nicht mehr achtlos an so mancher „Bauruine“ vorbeischlendert, sondern sich ihrer Geschichte ein wenig erfreuen kann. Und ein wenig Grusel hat ja noch niemandem geschadet…

Sri Lanka fürs Handgepäck

Sri Lanka ist der Torwächter zum Paradies. Beim Lesen der ersten Seiten dieses Buches kann man gar nicht anderes denken. Jeder Autor dieser Anthologie bestätigt en ersten Eindruck mit der vollen Wucht seiner Worte.

Die Indigo Street ist das Füllhorn des Lebens. Spielende Kinder, der Krämerladen um die Ecke, die tosende See. Wer als Besucher diese Straße entdeckt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass er zwar auch ohne dieses Buch die Straße entdeckt, sie jedoch anders wahrgenommen hätte. Jede Zeile ein Volltreffer, der mitten ins Herz zielt … und vor allem auch trifft.

Und dann, gleich an zweiter Stelle, Hermann Hesse. Auf der Rückreise von Indien machte er Halt in Kandy. Ein Örtchen, das seinen Charme zu verstecken weiß. Doch nicht vor einem wie Hesse. Die nuancenreiche Sprache gibt jedem Grau den Regenbogen zurück. Ist man als Reisender in Sri Lanka, Kandy unterwegs, verleihen seine Worte dem Besucher Flügel.

Wen man wahrscheinlich weniger zu Gesicht bekommt, sind die Wedda. Helmut Uhlig ist dem Geheimnis dieser Ureinwohner auf der Spur. Nur wenige leben noch traditionell und schon ihre Nachfahren wurden von der Gesellschaft geschluckt und leben ein eher modernes Leben. Somit sind seine Zeilen ein echtes Zeitdokument, das jedem Reisenden einen staunenden Blick über den Tellerrand gewährt.

„Sri Lanka fürs Handgepäck“ – wie die gesamte Reihe – erlaubt tiefe Einblicke in ein Land, das so weit weg erscheint. Jedes Kapitel verjagt mit Wohlklang das Grau des Fremden und taucht es in ein farbenprächtiges Spektrum der Neugier. Mehr als nur kleine Tupfen von Wissen, die dem Leser das Gefühl geben Sri Lanka schon länger zu kennen, obwohl dieser maximal mit dem Finger auf dem Globus das Land gestreift hat.

Einem Reiseband kann man vertrauen, wenn es darum geht die Reise nach Höhepunkten zu sortieren. Schließlich will man ja nichts verpassen. Doch Zahlen, Wegweiser und nützliche Tipps sind nur die eine Seite der Reisemedaille. Sinngemäß in ein Land eintauchen kann man aber nur mit Büchern wie diesem. Als Leser profitiert man von den Eindrücken der Autoren. Und sie waren meist nicht nur als Vierzehn-Tage-All-Inclusive-Pauschalisten am Büffet, sondern sind ihrer Neugier gefolgt. Sie verfolgen einen anderen Ansatz als der einmalige Besucher der Insel. Wenn dann noch landestypische Erzählungen, de jahrhundertelang nur mündlich übertragen wurden in einem Buch erscheinen, ist man dem Eintauchen in eine fremde Kultur schon näher als man denkt. Reiseband – unbedingt zu empfehlen. Aber nur in Verbindung mit diesem Buch im Handgepäck!

Grado abseits der Pfade

Städtetouren haben immer das Image, dass es bei oberflächlicher Betrachtung hektisch werden könnte. Straßenlärm, geschäftiges Markttreiben, eine lautstarke Glocke von Stimmenwirrwarr deckt die Passanten ein. Da wünscht man sich einen Ort ganz in der Nähe herbei, der ein wenig Kontrast, ein wenig Abwechslung bietet. Nun ist beispielsweise Triest sicher keine Stadt, in der man im Wust der Masse unterzugehen droht. Dennoch hat sie ein Kleinod „vor den Toren“, dass sich das Prädikat „besonders erholsam mit allen Sinnen“ redlich verdient. Die Rede ist von Grado.

Michael Dangl kennt die Sonneninsel, die auch gern die Goldinsel genannt wird, am äußersten Rand des Golfs von Venedig wie seine Westentasche. Und so plaudert er ein wenig über seine Sehnsucht. Keine zehntausend Einwohner, dafür voller Geschichten und reich an Hinguckern links und rechts der Pfade.

Eine Insel im Meer, eine Insel nah am Festland, eine Insel zum Verlieben. Wenn die Fischer ihren Fang anpreisen, wird die Straße der Fischer, die Via Dandolo, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In der Bar Manzoni genießt man die Tramezzini wie sie traditioneller nicht sein könnten. Und das alles in Ruhe, ohne Straßenlärm. Denn Straßen gibt es hier nicht. Nur ein wenig weiter haben die Fischer des Ortes ihre Bar gefunden und plaudern bei dem einen oder anderen cubi, was anderswo als Weinschorle bekannt ist.

Klingt schon sehr nach Erholung und Ruhe. Im Buch ist es gerade mal das erste Kapitel, das man geschafft hat. Und es schafft neue Sehnsuchtsräume, die gefüllt werden wollen.

Es ist wahrhaft ein außergewöhnliche Reiseziel, diese Insel Grado.. Und Michael Dangl ist der passende Reiseleiter. Auch wenn seine Tipps auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken mögen. Zum Beispiel empfiehlt er einen Nachmittagsspaziergang auf der Friedhofsinsel La cove bei großer Nachmittagshitze zu beginnen. Über die Brücke der Maulbeerbäume schlendert man über einen beruhigten und beruhigenden Ort. In der Nase mal schwächer, mal stärker der Duft von Oleander. Was wie ein Filmtitel klingt, begleitet einen den ganzen Tag.

Selten zuvor wurden Reiseimpressionen und Reiseband so eindrucksvoll wie hier zusammengeführt. Michael Dangl wandert nicht durch eine Stadt, die ihre Schätze offendarlegt, sondern legt die Juwelen einer Stadt frei, die erobert werden will. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht weiß, wo anfangen und wo lang schreiten. Michael Dangls Buch schmeichelt allen Sinnen und führte jeden, der dieses Buch intensiv liest an Orte, die er ohne das Buch nie gefunden hätte.