Archiv der Kategorie: Tangofieber

Ein Kommunist in Unterhosen

Ein Kommunist in Unterhosen

Das halbe Dutzend ist voll: Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Themenauswahl Claudia Pineiros ist breit gefächert. Vom Schicksal einer gebeugten Frau schrieb sie, über Verlustangst schrieb sie, über die durch einen Mord getrübte Vorstadtidylle schrieb sie, über eine Kehrtwendung im geradlinig verlaufenden Leben schrieb sie. Und über eine listige Privatdetektivin. Und jetzt? Über den eigenen Vater.

In ihrer ganz eigenen, liebreizenden, hingebungsvollen Sprache setzt sie ihm ein Denkmal. „Ein Kommunist in Unterhosen“ ist die Liebeserklärung einer Tochter an die erste wichtigste Bezugsperson. Verliebt, respektvoll, analysierend. Der Vater war ein stattlicher Kerl, dem die Frauen im Schwimmbad hinterher schauten. War er wütend, war er leise, in sich gekehrt. War er glücklich, ließ er die ganze Welt daran teilhaben. Die Erzählerin, die Tochter, Claudia Pineiro ist auch auf dem Titelbild zu sehen. Ein fröhliches Mädchen an der Hand ihres Vaters badend im Meer. Es ist dieses Bild, das die ganze Geschichte vorwegnimmt. Ein Mann fröhlich die Sommerbrise sich um die Nase wehen lassend zusammen mit seiner Tochter am Meer. Eine innige Verbindung, die erzählt gehört.

Nicht alles in diesem Buch ist so geschehen, nicht alles in diesem Buch ist erfunden. Die Mischung macht’s.

Argentinien in den 70er Jahren. Peron hinter sich, die Diktatur Videlas vor Augen. Eine Jugend, die ausgelassen die Welt entdeckt und gleichzeitig aufpassen muss nicht entdeckt zu werden. Wer ist Freund, wer nicht? Was darf man sagen, was nicht? Die Erzählerin weiß, dass ihr Vater Kommunist ist. Was auch immer das bedeutet – er hat es selbst gesagt. Doch die anderen dürfen das nicht wissen. Als Vertreter für Turboventilatoren schlägt er sich den Sommer über durch, um die Familie ernähren zu können. Der Vater ist Vorbild und Respektperson, aber auch der Anker in unsicheren Zeiten, der unwissentlich seine Ansichten auf die Kinder überträgt.

Eine Jahr mussten die Leser auf den neuen Roman von Claudia Pineiro warten. Ein Jahr voller Spannung, was sie als nächstes aufs Papier bringt. Das Warten hat sich gelohnt. Sachlich und trotzdem spannend gibt sie ihrer Jugend eine Stimme. Von Verbitterung ob vorenthaltener Chancen keine Spur. Mal mit einem Augenzwinkern, mal verliebt wie ein Teenager, mal nüchtern betrachtend, spiegelt „Ein Kommunist in Unterhosen“ Argentinien Mitte der 70er Jahre wider. Eine Geschichtsreise, die lange nachhallt und Lust auf mehr Geschichtsunterricht mit Senora Pineiro macht.

Das Bandoneon

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Gerade hat Christina ihre Mutter beerdigt, da wird sie durch eine Fotografie in einen Strudeln von Selbstzweifeln um die eigene Identität hineingezogen. Beim Aufräumen der Sachen ihrer Mutter findet sie eine Postkarte mit der Aufschrift „Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben. – E.“ Abgebildet ist eine Gruppe Musiker, mit Bandoneon, in Buenos Aires.

Die gelernte Journalistin wittert eine Geschichte, aber keine, die sie schreiben will. Eine, die sie selbst betrifft.

Ihre Mutter war Waise. In dem Waisenhaus, in dem ihre Mutter aufwuchs, findet sie eine Schwester, die sich an ihre Mutter erinnert. Auch wegen dieses Bildes. Schnell findet sie auch ihre leibliche Großmutter, die ihr Kind in den Wirren der Nachkriegsjahre abgeben musste und es ein Leben lang bereute.

Die Zeilen „Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben. – E.“ stammen von Christinas Uroma. Sie stammte aus gutem Hause und heiratete Ende der 20er Jahre, Anfang der 30er Jahre einen reichen Argentinier. Voller Hoffnung, Mut und Ungewissheit tritt sie an Bord der „Cap Arcona“ die wochenlange Schiffsreise in das ferne, fremde Land an. Und in eine fremde Kultur, in der der Tango zum Straßenbild dazugehört, und über den man nicht – wie im fernen, heimatlichen Berlin – die Nase rümpft wegen seiner eindeutig sexuellen Ausstrahlung. Hier ist alles anders. Auch die Sitten.

Emma ist die Frau Juans. Und so hat sie sich auch zu benehmen. Sie ist ihm nicht gleichgestellt. Sie ist SEINE Frau.

„Das Bandoneon“ ist ein historischer Roman. „Das Bandoneon“ ist ein Liebesroman. „Das Bandoneon“ ist ein Sittenbild der Dreißigerjahre in Deutschland und Südamerika. Und es ist eine Schnitzeljagd auf der Suche nach der eigenen Identität.

Hans D. Meyer zu Düttingdorf kam durch seinen Partner Juan Carlos Risso auf den Geschmack ein Buch über Argentinien zu schreiben. Doch nicht irgendein Buch. Ein außergewöhnliche Geschichte, die man so nur sehr selten findet. Rasche Wendungen und zarte Andeutungen sind die Stärken dieses großartigen Romans. Ein Appetitmacher auf Argentiniens größten Exportschlager, den Tango und des Instrumentes, das den Tango am nächsten kommt, dem Bandoneon als Sinnbild für Freiheitsdrang und Selbstfindung.

Vier Generationen hat dieses Bandoneon geprägt. Alle auf ihre eigene Weise. Und alle tragen es in ihrem Herzen. So wie der Leser dieses Buch nicht vergessen kann.

Zwischen Windeln und Walen

Zwischen Windeln und Walen

Detlef A. Huber – das A steht wohl für Abenteuerlust – macht das, wovon andere nur träumen. Arbeiten, um sich einen Traum zu erfüllen, diesen Traum planen, Job kündigen, und ab in die Ferne. Argentinien, Chile, Uruguay, Paraguay, Brasilien. Klingt nicht nur verlockend, ist es auch. Doch der Abenteurer setzt noch einen (eigentlich zwei oder sogar drei obendrauf): Er fährt mit dem Wohnmobil durch den Kontinent. Und das mit Klara und Thilo, seiner fünfjährigen Tochter und seinem zweijährigen Sohn. Das schreckt schon viel ab.

Detlef A. Huber – das A steht wohl auch für Aufbruchsstimmung – war schon mal da, in Chile und Argentinien. Er kennt die Region also schon ein wenig. Doch nur so gut als dass er weiß, dass er sie nicht so gut kennt. Und das will er nun nachholen. Mit Kind und Kegel.

Wer nun eine wahrlich mannhafte Abhandlung über das Zwischenspiel von männlichem Windeln wechseln und verklärtem „Oh guck mal, ein Wal“ erwartet, wird eines Besseren belehrt. Insofern ist der Titel des Buches ein wenig irreführend. Vielmehr ist dieses Buch eine Liebeserklärung an Frau und Kind, an eine immer noch fremde, weit entfernte Welt und ein Beweis dafür, dass Planung und Abenteuer sich nicht von vornherein automatisch ausschließen müssen.

Von Buenos Aires aus soll dieses riesige Land bis Weihnachten komplett durchquert werden. Denn in Ushuaia soll das Jahresabschluss-Geschenke-Fest gebührend begangen werden. So der Plan. Doch schon unterwegs wird klar: Dieser Plan wird über den Haufen geworfen. Denn zu viel gibt es auf den streckenweise menschenleeren Routen zu entdecken. Gerade als es so richtig rollt, rücken die Giganten der Meere ins Blickfeld. Also rechts ran, und Wale gucken. Wale, die verspielt im Meer herumtollen. Gar nicht so schlecht der Platz hier, denken sich Hase und Autor. So muss Urlaub sein. Lostuckern, und da halten, wo es am schönsten ist. Von nun an sind die Vier nicht mehr allein unterwegs. Der Leser sitzt immer mit vorn im Fahrerhaus. Ab und zu kommen weitere Reiselustige an Bord. Zeugen Jehovas aus dem Pott oder ein Koreaner, der seit vier Jahren um die Welt radelt und in den Anden auf ein neues Zelt wartet.

Detlef A. Huber – das A steht auch für Anders reisen – ist der ideale Erkunder. Das, was man sehen muss, wird angeschaut, doch die Erholung steht im Vordergrund. Da wird so manche Pisco-Verkostung schon mal zu sehr ausgedehnt, so dass die Weiterfahrt auch gern mal verschoben wird. Warum auch nicht?! Zu sehen gibt es genug: Zum Beispiel einzigartige Farbenspiel am auf dem Papier wohl ödesten Ort der Welt, der Atacamawüste.

Dreihundert Seiten Südamerika, und keine Seite ohne Abenteuer.

Tango fatal

Tango fatal

Wenn man sich die vergangenen Jahre betrachtet, ragen Menschen aus einem Land besonders hervor: Argentinien. Alles überragende Fußballer wie Diego Armando Maradona und Lionel Messi. Ein Papst. Und seit neuestem Königin Máxima, Prinzessin der Niederlande. Des Weiteren bringt man Argentinien, und zwar nur Argentinien, mit einem weiteren kulturellen Erbe in Verbindung: Dem Tango. Zwar wurde auch Uruguay durch die UNESCO zum Erhalt des Tanzes „verdonnert“, doch ist nur die Region vom südlichen Ufer des Rio de la Plata bis nach Feuerland dafür berühmt.

Viele Sagen und Mythen ranken sich um den leidenschaftlichen Tanz. Ein getanzter trauriger Gedanke sei er. Oder eine Sucht. Oder ein Bordellreptil. Vieles mag stimmen, doch der Gedanke, dass der Tango ein getanztes Leben sei, verleiht dem Ran-tan-tan-tan die bedeutungsvolle Schwere.

Mauri Antero Numminen, der finnische Avantgard-Musiker bringt es in seiner Geschichte auf den Punkt. Ja, ein Finne bildet den Auftakt zu einem zutiefst lateinamerikanischen Buch. Denn der finnische Tango ist eine eigenständige Musikrichtung. Für Faktensammler lohnt sich der Erwerb dieses Büchleins schon allein deshalb.

Auszüge aus Henning Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ und aus Jorge Luis Borges‘ Werk sowie ein „Vollständig unvollständiges Alphabet des Tangos“ von Jörg Krummenacher und zahlreiche kleine Anekdoten aus allen Ecken und Winkeln der Welt komplettieren dieses richtungsweisende Werk in Sachen Auszüge aus großen Werken zu einem Thema. Normalerweise sind Bücher wie diese reine Werbemaschinen, um Werke aus dem eigenen Verlag unters Volk zu bringen. „Tango fatal“ ist nur einem Ziel verpflichtet: Den Tango in die Bücherregale zu tragen.

Ein stringenter Rhythmus, melodisch, ja fast schon tragisch, durch ein Bandoneon in eine tanzbare Form gebracht – das ist Tango. Zumindest fürs Ohr. Doch Tango geht tiefer. Durch das Ohr ins Hirn, und von da direkt ins Herz, das die Impulse unweigerlich in die müden Knochen weiterleitet. Ein leichter Tonus durch zuckt erst die Arme, Hände und Finger. Dann können sich auch die anderen Extremitäten nicht länger zur Wehr setzen. Der ganze Körper taucht ein in das Feuer des Tangos.

Die Autoren verzichten weitesgehend auf die stereotypen sexuellen Verdächtigungen, die mit dem Tanz einhergehen. Vielmehr berichten sie von der Unmöglichkeit Tango in Berlin zu tanzen oder von der guten alten Zeit eines Carlos Gardel, dem größten Tango-Interpreten. Wer Tango liebt, dessen Liebe wird hier Seite für Seite, immer wieder und wieder neue befeuert. Die einzig zulässige Bücherverbrennung der Gegenwart!

Unter Einfluss

Unter Einfluss

Bei einem Spaziergang durch eine Stadt erlebt man so einiges: Hier ein neues Geschäft, dort ein gerade eröffneter Freisitz. Bei María Sonia Cristoff sieht so ein „Spaziergang“ durch Buenos Aires ganz anders aus. Tonia und Cecilio krachen zusammen. Aus dieser banalen Begegnung entspinnt sich ein Wirrwarr der Gefühle, das den Leser nur schwerlich wieder aus seinen Fängen freilässt.

Tagelange Funkstille wechselt mit intensiven Ausflügen, auch in die Abgründe bzw. Tiefen der menschlichen Seele. Für Rücksichtnahme gegenüber der Familie bleibt da wenig Zeit. Tonia und Cecilio, die reagierende Intellektuelle und der agierende Künstler, lassen sich von nichts und niemandem aufhalten.

Buenos Aires ist eine Stadt, in der fanatische Fußballgläubiger auf traditionelle Gauchos, in der moderne Lebensformen auf tiefverwurzelte Riten treffen. Hier regiert der Tango in der Nacht, der Fortschritt den Tag. In diesem weitläufigen Areal kommen sich zwei Menschen näher, die auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam haben und auch nichts Vereinendes entwickeln können. Doch nach und nach entspinnen sich die entgegengesetzt verlaufenden Lebensentwürfe. Die Autorin schafft es mit grandiosen Sprachbildern die Welten der Akteure und auch die der Leser miteinander zu verknüpfen. Was dabei herauskommt, ist ein liebevolles Portrait zweier Außenseiter, die in einer Stadt wandeln, die von jeher die Phantasie von Aussteigern und Exilanten anregte.

Die 18-Millionen-Metropole besucht man nicht einfach mal so im Vorbeigehen. Schon wegen der Entfernung zur Heimat. Was man hier erleben kann, das erfährt man in Reisebüchern. Wie man die Stadt Hafenstadt am Rio Plata am intensivsten erlebt, das gibt es nur bei María Sonia Cristoff in ihrem erstklassigen Buch „Unter Einfluss“.

Reise nach Argentinien

Reise nach Argentinien

Ein Buch über Argentinien zusammenstellen, mit Texten, die das Land charakterisieren sollen – den meisten würden überhaupt nur ganz wenige Themen einfallen, die darin besprochen werden sollten. Männern fallen bei dem Namen Argentinien nur fünf Worte ein: „Lionel“, „Messi“, „Diego“, „Armando“ und „Maradona“. Frauen kommen als erste die lasziv-erotischen Bewegungen des Tangos in den Sinn. Erst nach und nach lichtet sich der geistige Schleier und so manche Erkenntnis á la „ach das gehört ja auch dazu“ bricht sich ihren Weg ins kollektive Gedächtnis. „Reise nach Argentinien“ ist insofern eine Erweckungsreise der vergessenen Gedanken.

Der Mate-Tee, dieser für unsere Gaumen zuerst bittere und dann immer noch gewöhnungsbedürftige Aufguss, den man aus seltsam geformten Gefäßen zu sich nimmt, gehört zu Argentinien wie die Lederhose zum Oktoberfest. Fast schon symbiotisch nuckeln die Argentinier bei jeder Gelegenheit an ihrer Bombilla und schlürfen die Yerba aus ihrer Kalebasse. Übrigens wird einem Fremden gern mal ein Schluck angeboten. Alle trinken dann aus einem Gefäß – also nicht einfach ablehnen. Wenn einem Mate-Tee angeboten wird auch nicht einfach „danke“ sagen. Der „Aufgießer“, der hier Cebador heißt, denkt dann, dass man keinen Mate mehr möchte. Und dann entgeht einem etwas …

Ein zart gegrilltes Stück Rinderfleisch, auf den Grill langsam die Aromen entlockend – auch das ist Argentinien. Fast scheint es so als ob Steaks nur am südlichen Ende Amerikas so richtig gut schmecken. Hier wurde die Grillkultur, die einst von den Spaniern eingeführt wurde, perfektioniert.

Schon auf den ersten Seiten des Buches merkt man recht schnell, dass das eigene Bild von Argentinien verzerrt und äußerst dürftig ist. Herausgeberin Eva Karnofsky leistet ab der ersten Seite ganze Arbeit. Bis zum Ende des Buches, das leider viel zu früh kommt, überraschen ihre ausgesuchten Texte durch eine beeindruckende Themenauswahl und die Brillance der Autoren. Wenn das unvermeidliche Ende (des Buches) dann gekommen ist, ist man erst einmal traurig, dass es so weit kommen musste. Doch dieser Moment wird durch das enorme Wissen um ein Land, das doch so weit von unserem entfernt liegt, einfach beiseite gewischt. Die Reisevorbereitungen können nun anlaufen. Man ist gerüstet für das Abenteuer Argentinien.

Es geht bunt zu in Argentinien, das beweist nicht nur das Titelbild, sondern auch jede einzelne Geschichte des Buches, das man lesen muss, will man Argentinien bewusst erleben.

Ganz die Deine

Ganz die Deine

Inés und Ernesto führen eine gute – ja fast schon perfekte – Ehe. Haus, Swimmingpool, überdurchschnittliches Einkommen. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Doch Inés ist nicht glücklich in ihrer scheinbar heilen Welt in Buenos Aires. Ihr fehlt das Zwischenmenschliche. Schon seit geraumer Zeit fasst Ernesto sie nicht mehr an. Eine Phase, denkt Inés. Durch Zufall entdeckt sie eine Nachricht in Ernestos Sachen. „Die Deine“ – so ist diese Nachricht unterschrieben.

Der ideale Einstieg für einen Rosenkrieg. Nicht bei Claudia Piñiero. Sie nimmt diese Konstellation zum Anlass eine spannende, nicht gradlinig verlaufende Geschichte zu schreiben.

Inés nimmt den Zufallsfund erst einmal hin. Mal sehen wie Ernesto sich in Zukunft verhalten will. Unbemerkt vom im Drama verstrickten Elternpaar hat Tochter Laura, die von allen nur Lali genannt wird, ein ganz anderes Problem. Der Teenager ist schwanger. Der werdende Vater wird von seinen Eltern abgeschirmt. Kein Rankommen, keine Chance auch nur ein Wort mit ihm zu reden. Trotz der engen Verbindung zu ihrem Vater kann Lali mit niemandem außer einer Freundin bereden, was sie im Moment bewegt. Eine Abtreibung scheint ihr der einzige Ausweg. Doch dies kostet Geld. Das wiederum findet die 17jährige im Versteck ihrer Mutter.

Inés hat nämlich in der Garage ein geheimes Versteck, in dem sie unter anderem ihren Notgroschen aufbewahrt. Nur sie kennt das Versteck.

Doch nun kennt es auch Lali. Doch wie mit der Situation umgehen. Ihr Vater geht fremd. Ihre Mutter weiß das. Lali weiß, dass ihre Mutter weiß, dass ihr Vater fremdgeht. Verrät Lali, was sie weiß, fliegt ihre Schwangerschaft auf. Verzwickt!

Inés folgt ihrem Mann. Der hat sich unter fadenscheinigen Ausflüchten vom Abendessen verabschiedet. Inés ist auf vieles gefasst. Aber darauf nicht. Denn am Ende der Verfolgung steht eine Tote auf der Agenda. Die Geliebte, die Deine, liegt leblos am Boden. Ernesto entledigt sich den Körpers und wirft ihn in den nahegelegenen See. Ein Druckmittel für Inés?

Auch hier scheint der Krimi schon gelaufen. Sie (Inés) könnte ihn nun erpressen und so an sich binden. Doch auch hier hakt Claudia Piñiero beherzt ein. Denn Ernesto kann nicht an sich halten. Trotz Versprechens kann er seine Finger nicht von anderen Frauen lassen…

Spielerisch malt Piñiero ein klares Bild einer Familie, die nicht bewusst nach außen die heile Welt vorspielt. Vielmehr bewegen sich die Figuren stark und selbstbewusst in ihrer kleinen, heilen Welt. Ohne jemand damit zu belästigen oder gar auf die Nerven zu gehen. Alles ist in Ordnung. Bis diese Welt ins Wanken gerät. Denn „die Deine“ war gar nicht „die Deine“. Die Lösung des Rätsels ist ebenso so kurios wie selten.

Elena weiß Bescheid

Elena weiß Bescheid

Ein Tag im Leben einer Frau, der das Schlimmste passiert ist, was einem Menschen passieren kann: Ihr eigenes Kind zu Grabe zu tragen. Elena ist diese Frau, ihre Tochter Rita wurde erhängt am Glockenturm gefunden. Selbstmord. So heißt es offiziell. Doch Elena glaubt nicht daran, denn sie weiß Bescheid.

Genauso wie sie weiß, dass sie mit einer grässlichen Krankheit geschlagen ist. Parkinson. Sie, die Krankheit, erlaubt es Elena nur mit Medikamenten den Alltag halbwegs in den Griff zu bekommen. Der Körper gehorcht den Befehlen des Gehirns nicht mehr. Schon ein paar Schritte gehen arten in einen heftigen Disput zwischen Befehlsgeber (Gehirn) und Befehlsempfänger (Gliedmaßen) aus. Sogar einfache Dinge wie eine Jacke anziehen, bereiten der eigensinnigen Elena Probleme.

Heute macht sie sich auf den Weg – wohin? Das erfährt der Leser erst später. Mit jedem Schritt, der Elena ihrem Ziel näher bringt, steigt die Spannung und die Zuneigung zu der zuweilen hartherzigen Elena. Rita, ihre Tochter, die Lehrerin, die in Roberto die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben schien, Rita, das Augenlicht von Elena ist tot. Doch Elena weiß Bescheid, sie weiß, dass Rita keinen Selbstmord begangen haben kann. Ihre Erklärung: Rita hatte Angst vom Blitz getroffen zu werden. Als gläubige Christin versagte sie sich selbst den Gang in die Kirche an solchen Tagen. An Rita Todestag regnete es Katzen und Hunden. Und es blitzte und donnerte. Elena ist die einzige, die nicht an Selbstmord glaubt. Auch Kommissar Avellaneda, der so gern Elena glauben möchte und sich immer noch ab und zu (inoffiziell) mit Elena trifft, muss sich den Fakten beugen. Es war und bleibt Selbstmord.

Doch Elena ist auf ihrer Aufklärungsreise. Sie hofft eine Antwort zu finden. Nein, sie weiß, dass sie eine Antwort bekommen wird. Doch die fällt anders aus als gedacht. Denn die Antwort wird ihr verbleibendes Leben auf den Kopf stellen.

Für ihren dritten Roman „Elena weiß Bescheid“ bekam die Argentinierin Claudia Piñiero den LiBeraturpreis. Nach „Ganz die Deine“ und „Die Donnerstagswitwen“, die besonders durch Wortwitz bestachen, wagte sie sich an ein Thema, das dem Leser sehr nahe geht. Zumindest, wenn Claudia Piñiero darüber schreibt: Menschliche Zweifel. Sie urteilt nicht über ihre Protagonisten, sie lässt sie selbst ihre Entscheidungen treffen. Elena ist wahrlich vom Schicksal geschlagen. Ihr Blick ist physiologisch nach unten gerichtet. Ihre Krankheit erlaubt es ihr nicht den Kopf zu heben. Ihre Gedanken sind rückwärts gerichtet, der Tod der Tochter beschäftigt die 63jährige rund um die Uhr. So wie sie ihre Tochter kannte und deren Handeln passen einfach nicht zusammen. Am Ende muss sie einsehen, dass Rita ihren eigenen Weg gegangen ist. Ohne Zutun der Mutter. Am Ende bleibt nur eine Frage: Wann wird dieses Buch verfilmt?

Die Donnerstagswitwen

Die Donnerstagswitwen

Argentinische Vor-Haupt-Stadt-Idylle mit allem, was dazu gehört: ein weitläufiges Anwesen mit prächtigen Villen, die Luft erfüllt vom schweren Duft der Jasminblüten und Golfplatz. Eingepfercht in ihrem goldenen Käfig verbringt die Schickeria Buenos Aires’ den Tag. Der Sicherheitsdienst verrichtet sein Werk. Alles ruhig, alles chic. Doch die Idylle trügt: Der 11. September (der von 2001) und die oft proklamierte damit verbundene Rezession werfen ihre bedrohlichen Schatten voraus. Die heile Welt ist Arbeits- und Perspektivlosigkeit gewichen. Immobilienmaklerin wie Virginia und ihre Familie können nicht mehr nur ihr Geld allein arbeiten lassen. Eigentlich müssten sie selbst ran. Ronie, Virginias Ehemann, ist zu einem ruhigen, in sich gekehrten Etwas verkommen. Kommunikation findet nur noch sporadisch statt.

Auch gegenüber, bei den Spaglias, ist Alltag eingekehrt. Teresa Spaglia hört kaum noch das laute, freche Lachen ihres Gatten Tano.

Virginias Sohn Juani bereitet ihr ebenso Kopfzerbrechen. Zusammen mit seiner Freundin aus Sandkastentagen Romina kifft er, was leider auch Leuten auffällt, die das eigentlich nichts angeht.

Wie gesagt – die Idylle bröckelt. Die Freunde, die nur durch ihre Statussymbole zusammengefunden haben (und wohl auch nur deshalb „freunde“ sind) gehen zunehmend eigene Wege. Die einen wollen auswandern. Andere ergeben sich scheinbar ihrem Schicksal.

Altos de la Cascada – so heißt die eingezäunte Siedlung, in der man wohlbehütet und überwacht wohnt – wird immer mehr zum Gefängnis. Wer einmal drin ist, will nicht so schnell wieder raus. Den Schein wahren ist das Gebot der Stunde.

Unversehens kommt Bewegung in die starre Kunstlandschaft. Ronie bricht sich ein Bein und Tano, Gustavo und Martín sind tot. Ein Stromschlag als die Drei im Pool badeten. Doch der Unfall – das wird dem Leser schnell klar – kann kein Unfall sein. Nun stellt sich die Frage: Wem nützt der Tod der Drei etwas? Wenn es Mord war, steht der Mörder schnell fest.

Claudia Piñeiro beschreibt mal süffisant, mal bissig die freigewählten Lebensumstände ihrer Protagonisten. Sie selbst wohnt in solch einem goldenen Käfig. Die Ruhe ist für sie die einzige Möglichkeit an ihren Büchern arbeiten zu können. Die Handlung ist frei erfunden, dennoch sieht sie sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, ihr Umfeld in „Die Donnerstagswitwen“ beschrieben zu haben. Sie selbst antwortet dann immer, dass es ein hellseherischer Roman sei. Diese Witwen sind jeden Donnerstag allein, wenn ihre Männer beim Golf oder Tennis ihrer Leidenschaft frönen. Dass sie dabei auch mal übers Geschäft reden, ist Ausrede genug die Frauen zuhause zu lassen. Doch dann ist ihr Damenklub  plötzlich mit einem Namen gesegnet, der vom ersten bis zum letzten Buchstaben der Wahrheit entspricht…

Der Riss

Der Riss

Pablo Simó ist am Scheideweg angelangt – er weiß nur noch nicht gleich. Der Mittvierziger ist Architekt und gibt sich seinen Zeichnungen, die auch Träume sind, hin. Die Häuser, die er mehr oder weniger gedankenverloren „vor sich hinmalt“, werden eh nie gebaut. Damit hat er sich abgefunden. Marta Horvat, sein Gegenüber, reizt ihn schon seit einiger Zeit. Doch Autorin Claudia Piñeiro wäre nicht eine der gefeiertsten Autorinnen Südamerikas, würde sie ihrem Protagonisten nun ein schnöde Affäre andichten. Sicherlich übt die attraktive Kollegin eine ungemeine Anziehung auf Pablo aus, doch Laura, seine Frau und Francisca, sein Tochter, lassen das nicht zu. Sein Gewissen, sein Ehrgefühl sind stärker als der Sexualtrieb. Eine Midlife-Crisis kommt nicht in Frage!

Doch als eine junge Frau das Büro betritt und nach Nelson Jara fragt, kommt auch Pablo Simós Weltbild ins Wanken. Pablos Chef Mario Borla, Marta Horvat und auch Pablo Simó verneinen die unerhoffte Frage wider besseres Wissen.

Der Leser vermutet es, natürlich kennen die Drei Nelson Jara. Sie kennen bzw. kannten ihn sogar sehr gut. Denn er war es, der ihnen vor drei Jahren das Leben zur Hölle machen wollte. Schnell war eine nicht gerade „feine Lösung“ gefunden – sie ließen ihn verschwinden … in einer Baugrube … zugeschüttet mit Beton. Dass ihnen die Sache noch einmal um die Ohren fliegen könnte, ahnten sie. Dass der Tag dann doch (so schnell?) kommen würde, wollten sie sich nie ausrechnen. Nelson Jara wollte das Architekturbüro und Pablo Simó im speziellen dafür verantwortlich machen. Was die Drei damals noch nicht wussten: Jara war ein Betrüger.

Pablo lässt sich auf die junge Frau ein. Leonor – so ihr Name – gibt vor als Studienarbeit eine Fotoserie über Häuserfassaden in Buenos Aires machen zu wollen. Dafür braucht sie Pablos Hilfe. Pflichtbewusst und vielleicht auch mit einem Hauch von schlechtem Gewissen steht er ihr beiseite. Zusammen erkunden sie (zusammen mit dem Leser) die architektonischen Höhepunkte der Millionenmetropole am Atlantik. Am Ende lädt die bildhübsche 25jährige den sich dem Anlass entsprechend aufgebrezelten Pablo in ihre Wohnung ein. Der staunt nicht schlecht als er die Adresse sieht. Das ist das Haus, in dem Nelson Jara wohnte. Und es kommt noch besser. Leonor wohnt sogar in der Wohnung Jaras.

Claudia Piñeiros füllt seit Jahren die Bestsellerlisten Südamerikas. Mit „Der Riss“ gelingt ihr der Spagat zwischen spannender Kriminalgeschichte und Lebenskrisenbewältigung scheinbar spielend. Nicht die kriminelle Tat steht im Vordergrund – sie wird eher im Stile eines Colombo-Krimis (der Leser weiß, wer der Mörder ist) abgehandelt. Vielmehr ist sie an der Wandlung des biederen, versteckt unzufriedenen Architekten Pablo Simós interessiert. Nicht kopflos, eher mit Bedacht und Hingabe schlittert er in eine Affäre, die seinem Leben eine entscheidende Wendung geben wird. Kein Kommissar, der bohrende Fragen stellt. Keine misstrauische Ehefrau, die hinter ihrem Mann herschnüffelt. Die kleinen Wendungen passieren automatisch, der Leser wird Zeuge einer Metamorphose eines Bürohengstes, der sich in seinem Leben eingenistet hat hin zu einem die Herausforderung suchenden Mannes. „Der Riss“ hat allemal das Zeug für eine Fortsetzung und ist es wert verfilmt zu werden.