Archiv der Kategorie: Tangofieber

Väterland

Kaum vorstellbar, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der es in Argentinien kaum fanatische Fußballfans gab. Doch das war vor diesem Roman, der im Jahr 1933 in der brodelnden Metropole Buenos Aires spielt. Bernabé Ferreyra ist der Star der ganzen Liga. Steht er auf dem Spielfeld, haben Torhüter wenig zu lachen. Ein einziger Torwart hat es geschafft mal keinen Ball von ihm in die Maschen knallen zu lassen. Dafür gab`s eine Prämie und ‘nen Pokal. So war das 1933 in Buenos Aires. Bis … ja bis Bernabé Ferreyra verschwand. Einfach so. Wie schon so manches Mal zuvor. Er weiß, was er wert ist und nutzt sein Talent, um die Kasse aufzufüllen. Doch dieses Mal scheint alles anders zu sein.

Andrés Rivarola hat da so ein Gefühl. Das hat er öfter mal. Zu mehr hat er es mit seinen fast dreißig Jahren noch nicht gebracht. Sein Kumpel Gorrión ist da schon eine Stufe weiter. Als Kokaindealer hat er ein einträgliches Geschäft. Zu seinen Kunden zählen unter anderem echte Stars. Solche wie Bernabé Ferreyra. Der, der gerade die Schlagzeilen der Gazetten mit seiner Nichtpräsenz füllt. Rivarola wittert eine Geschichte, einen Zeitvertreib, vielleicht sogar den einen oder anderen Peso. Er muss nur seinem Freund, dem Dealer aus seiner misslichen Lage befreien helfen. Raquel soll ihm dabei zur Seite stehen.

Er und Raquel – ein Traum. Auch sie ist momentan nicht bei bester Verfassung. Eine Freundin ist verschwunden. Finanziell kommt María de las Mercedes Olavieta aus einer ganz anderen Liga. Viel weiter oben. Als die Befürchtungen wahr werden – María de las Mercedes Olavieta ist tot – nimmt sie liebend gern das Angebot Rivarolas an, ein bisschen für Ordnung im chaotischen Buenos Aires zu sorgen. Rivarola macht tatsächlich den flüchtigen Fußballstar ausfindig. Der brüstet sich mit seiner Macht, dass er den Clubbossen auf der Nase herumtanzen kann, wie es ihm beliebt. Denn schließlich füllt er Stadien und Kassen der Vereine. Dass er eine Beziehung mit der Tochter des reichlich suspekten Politiker Olavieta – genau der, dessen Tochter verschwunden war, getötet wurde und bald beerdigt wird – sorgt für Erstaunen im Gesicht und im Kopf des verhinderten Tangodichters Rivarola. Das ungleiche Duo – er und Raquel – geht auf Schnüffeltour durch die Szenen der Stadt. Er trifft Journalisten, die dem Fußballer in ihren Artikeln die Meinung geigen. Er sitzt mit dem Arbeitgeber Ferreyras an einem Tisch und ist angewidert von solch perfider Natur. Im Café trifft er Dichter bis Adolfo Bioy Cesares und Jose Luis Borges. Doch des Rätsels Lösung lässt noch auf sich warten. Einzig allein die Einsicht, dass sein kleines Licht viel schnell erlöschen kann als ihm lieb ist, als die vielen strahlenden Scheinwerfer derer „da Oben“, lässt ihn eine gewisse Vorsicht walten.

Martín Caparrós lässt in „Väterland“ eine Zeit wieder auferstehen, die längst vorbei zu sein schien. Fußballer, die ihren Wert als Druckmittel einsetzen, Nichtsnutze, die ihre spärlichen Fähigkeiten endlich einmal formvollendet zur Geltung bringen, eine sexy Verführerin, Straßenkampf und das Lebensgefühl einer Stadt, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird. Ein Fußballkrimireisereporttango allererster Klasse!

Falsche Ursula

Wem das Leben tagein tagaus nur Zitronen schenkt – und man einfach nicht weiß wie man daraus Limonade machen kann – dem kann man mit Scherzen nicht beikommen. Und schon gar nicht mit schlechten Scherzen. Ursula ist so eine, die es einfach nicht schafft dem Leben was Gutes abzugewinnen. Ihr Leben schafft sie, nicht zuletzt wegen ihrer Figur. Wie sie meint. Von allem ein bisschen zu viel. Nur nicht von dem, was sie will.

Auf dem Weg zum Flughafen wird ein Mann von einer Polizeistreife angehalten. Das nervt ihn ungemein, weil er ja ein unbescholtener Bürger ist und es verdammt eilig hat. Das berührt die Polizisten nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Dann wird es Nacht. Ein Schlag, ein Würgen … und wenige Stunden später liegt der Mann, der so dringend seinen Flieger bekommen muss, gefesselt in einem Keller. Alles Betteln hilft nicht. Alles tut ihm weh, die Schnüre und Handschellen schneiden ihm in das zarte Fleisch seines zerbrechlichen Körpers.

Und wie kommen nur er und Ursula zusammen? Die uruguayische Schriftstellerin Mercedes Rosende hat da eine Idee. Doch zunächst kümmert sich Ursula um ihre Gewichtsprobleme. Endlich. Ein erster Schritt. Eine Suppendiät soll helfen. Allerdings kommt sie nicht weit. Denn das Telefon klingelt. Eine seltsam verstellte Stimme teilt Ursula mit, dass ihr Mann entführt wurde und er ein Lösegeld von einer Million verlangt. Er wisse auch, dass sie das Geld auftreiben kann. Noch ehe die verblüffte Ursula etwas sagen kann, ist im Hörer nur noch das Tuten der unterbrochenen Leitung zu vernehmen.

Die Verblüffung ist bis in die Stuben der Leser zu spüren. Ursulas Mann? Sie ist verdammt noch mal allein! Wer nimmt schon eine wie sie zur Frau? Sie könnte jetzt ist Tränen aus- oder gar zusammenbrechen. Oder endlich ihr Süppchen kochen. Sie tut Letzteres, nicht im Kochtopf, sondern erst im Kopf und dann in einer schummrigen Bar, in der sie sich mit einem der Entführer trifft. Und wie ein Blitz trifft sie auch eine Eingebung…

Mercedes Rosende trägt ihren Vornamen nicht zu unrecht. „Falsche Ursula“ ist der Mercedes unter den skurrilen Krimis des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts. Einfach mal den Spieß umdrehen und zum Racheengel werden, das ist nicht ihr Stil. Fein abgestimmte Details verwandeln eine aussichtlose Situation in einen prall gefüllten Garten mit wohlduftenden Geistesblitzen, die dem Leser ein Caracho nach dem Anderen entlocken werden. Nicht eine einzige Reaktion der falschen Ursula ist vorhersehbar. Und trotzdem ist jedes Wort stimmig.

Das deutsche Zimmer

Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Eigentlich. Aber es liegt wohl in der Familie, dass sie – die namenlose Erzählerin – sich nun in einer Situation befindet, die sie niemals erwartet hat. Ihre Eltern flüchteten vor Jahren mit ihr vor der argentinischen Junta in die Bilderbuchidylle Heidelbergs. Da war sie noch ganz klein, erinnert sich, wenn überhaupt an Gerüche, den Neckar und die Bäckerei. Der Rest ist wie im Nebel verschwunden. Denn ihr Leben in Heidelberg dauerte nur ein paar Jahre. Argentinien war das Land, in dem sie aufwuchs, in dem sie lebt, sich von ihrem Freund trennte.

Nun ist sie wieder in Heidelberg – auf der Suche nach … ja, wonach eigentlich. Da ist es wieder: Dieses Eigentlich. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim. Allein. Auf sich gestellt. Nur Miguel Javier – was ein bescheuerter Name, findet sie – ist für sie eine Art Verbindung in ihre Heimat. Er ist Argentinier und ziemlich aufdringlich. Wohl eher einsam, das wird sie bald herausfinden. Er kümmert sich um sie. Zuerst auch um seiner selbst Willen. Ziemlich schnell wendet sich das Bild, er ist für sie da. Denn sie braucht wirklich jemanden. Sie ist schwanger! Mitten in der Fremde, die einmal eine Zeitlang ihre Heimat war. Eine Heimat, die sie wieder zu entdecken hofft. Doch eigentlich … eigentlich ist sie hier, um … ja, auch das ist ihr nicht ganz klar. Heidelberg – Buenos Aires, größer könnten die Unterschiede nicht sein. Hier das betuliche Städtchen mit dem Zuckergusscharme, dort der pulsierende Moloch, in dem der Fortschritt immer nur eine kurze Zeit für Furore sorgt.

Carla Maliandis Erstling besticht durch seine konzentrierte Schlichtheit der Sprache. Eine Frau verloren im Meer ihrer Vergangenheit schwimmt sich frei von Altlasten ohne sich dessen bewusst zu sein. Will sie nur ihren Ex-Freund vergessen und eine neues Leben starten? Das gelingt nur sporadisch und mit Nichten endgültig. Wie ein Blatt im Herbstwind wird sie aufgewirbelt, und flattert planlos zu Boden. Hat sie ein Ziel? Wird sie es erreichen?

Der Leser muss tapfer sein. Immer wieder malt sich während des Lesens aus wie das Leben der jungen Frau weitergehen könnte, sollte, muss. Es gibt keine definitive Antwort. Und das ist das Spannende an diesem Romandebüt.

Die sieben Irren

Wer am Abgrund steht, überlegt sich jeden Schritt zweimal. Remo Erdosain steht am Abgrund, zusammen mit vielen anderen. Doch so richtig übelregen kann er nicht. Er hat Geld unterschlagen, sechshundert Pesos … und sieben Centavos. Einen Tag hat er Zeit das Geld zurückzugeben. Noch lebt er in seiner Dreifaltigkeit des Glücks: Haus, Job, Frau. Doch die Säulen dieses Glücks bröckeln. Den Job ist er ohnehin bald los. Wer klaut, ist nicht mehr tragbar. Auch wenn er die sechshundert Pesos … und sieben Centavos zurückzahlen kann (nur wie?).

Zuhause angekommen wartet seine Frau mit einer üblen Überraschung. Sie selbst sagt nicht viel. Ein Hauptmann, eine Hand am Säbel – übrigens hat Erdosain seine Hand an einem Revolver – erklärt ihm die Situation. Was soll Elsa mit einem Mann, der ihr nichts bieten kann? Bleibt noch ein Drittel des Glücks, sein Haus. Naja, es ist eben ein Haus. Vier Mauern, Dach, aber sonst nicht viel, was man lebenswert nennen kann.

Die sechshundert Pesos hat Erdosain inzwischen auftreiben können. Der melancholische Zuhälter – schon allein für die Erfindung dieses Namens müsste man Roberto Arlt mit Preisen überhäufen – hat ihm einen entsprechenden Scheck ausgestellt. Dieser Lude gehört mit Remo zu einer Ansammlung von Menschen, die Argentinien im Jahr 1929 mit einer Revolution überziehen wollen. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Diese reichen von Gottesstaat oder zumindest einer greifbaren Religion bis zur Diktatur. Hauptsache Anarchie!, könnte man meinen.

Immer weiter zieht es Remo Erdosain in einen chaotischen Strudel aus Phantasie und Realität. Immer öfter wechselt er die Seiten, von vor dem Spiegel in den Spiegel. Und wieder zurück.

Die Revolution braucht Geld und ein Fanal. Barsut könnte der Schlüssel sein. Er hat Geld. Eine Entführung oder gar mehr würde den sieben Irren irre in die Hände spielen. Doch kann das gutgehen, wenn ein wilder Haufen, der sich in end- und haltlosen Agitationen ergeht, das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen will?

Roberto Arlt gehört zu einer kleinen Kaste exzellenter Autoren in Argentinien. Doch fristet er ein Mauerblümchendasein. Sein bekanntestes Werk, „Die sieben Irren“, wurde immer wieder überarbeitet, nicht immer von ihm, so dass es schwerfällt den Originaltext mit den Ideen des Autors in Einklang zu bringen. Band Sieben der Oktavheft-Reihe aus dem Wagenbach-Verlag zieht den Leser in eine besondere Welt. Zweifellos ein Klassiker. Zweifellos eines der unnachgiebigsten Bücher der Literatur. Man kommt nur schwer vom Schicksal des Desillusionierten Remo Erdosain los. So skurril die einzelnen Akteure auch sind, so traurig ist jeder in seiner Gestalt. Melancholisch und roh ist die Sprache Roberto Arlts. Verworren und doch einsichtig die Aktionen der Spieler im Reigen der Verzweiflung.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Das offene Geheimnis

Pssst, nichts sagen. Feind hört mit! Argentinien während der Junta in den 70er Jahren. In Malihuel stört ein Mann ganz besonders den Frieden im Ort. Es ist die Zeit, in der Tausende von Menschen von einem Tag auf den anderen spurlos verschwinden. Dario Ezcurra wird einer von ihnen sein. Der Polizeichef hat Order den Unruhestifter entfernen zu lassen oder es selbst in die Hand zu nehmen. Und so geschieht es dann auch. Dario Ezcurra ist nicht länger Bewohner von Malihuel.

Der Journalist Fefe ist auch in Malihuel aufgewachsen. Schon lange war er nicht mehr hier. Nun, 20 Jahre später, kehrt er zurück in den Ort, wo er aufwuchs. Alle kennen ihn noch. Alte Geschichten werden wieder aufgewärmt. Bis, ja bis Fefe Fragen stellt. Unbequeme, peinliche Fragen. Fragen nach Dario Ezcurra. Wie war das damals? Wie verschwand Dario? Wer steckte dahinter? Und warum hat niemand nachgehakt? Auch nach der Diktatur?

Carlos Gamerro webt ein Spennennetz aus Lügen, falsch verstandenem Gehorsam und Angst. Denn wer damals die Stimme erhob, konnte sicher davon ausgehen, dass diese auch gehört wird. Auch und vor allem von den falschen Personen. Nach dem Schrecken von Videlas Junta war aber noch lange nicht Schluss mit den Denunziationen. Jeder musste sich nun in der neuen Gesellschaft zurechtfinden. Manche mussten sich rechtfertigen. Viele mussten sich winden.

Bei seinen Recherchen wird Fefe fündig. Jeder hat auf die eine oder andere Art Schuld auf sich geladen. Wegschauen aus Angst ist noch verständlich. Doch muss es auch den Zeitpunkt geben und gegeben haben, in dem man die Faust erheben musste. Wann war dieser Zeitpunkt gekommen? Hat ihn überhaupt jemand bemerkt? Und wenn ja, warum ballten sich die Fäuste dann weiterhin in den Hosentaschen und reckten nicht gen Himmel?

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein System nur so mächtig wie sein schwächstes Mitglied. Es gab zu viele, die lieber wegschauten oder auch nur gering (bewusst oder unbewusst) Hilfestellung gaben. Jetzt müssen sie Farbe bekennen. Denn Fefe lässt nicht locker. Der gesamte Ort – wer genauer hinsieht, kennt den Ort bereits aus „Der Traum des Richters“ von Carlos Gamerro – steht unter neuerlicher Beobachtung.

Die man nicht sieht

Kaltes Hühnchen in hauchdünne Scheiben geschnitten, Käse, roher Schinken, Pasta – wenn Ismael, Enana und Ajo arbeiten, gibt’s eigentlich fast immer was Leckeres zu essen. Sie sind freischaffend. Arbeiten im Auftrag von Guida, einem Security-Angestellten in einem der vielen noblen Wohnanlagen von Buenos Aires. Sie sind gut, sie sind die Besten. Sie sind Diebe. Und sie sind Kinder. Ajo ist gerade mal sechs Jahre alt. Seine Schwester, Enana nur ein paar Jahre älter, genauso wie Ismael.

Nun wartet ein Großauftrag auf das gewiefte Trio. In Uruguay sollen sie lautlos und unbemerkt mehrere Besitzer von Villen auf die bekannte und bewährte Art um ein bisschen ihres Hab und Gutes bringen. Wie immer nur ein wenig, gerade so viel, dass man Kasse machen kann, aber nicht zu viel, das der Diebstahl und vor allem der Einbruch sofort auffallen. Ismael ist misstrauisch. So wie immer. Doch dieses Mal soll er sich nicht täuschen.

Die Überfahrt nach Uruguay auf dem Schiff ist organisiert. Guidas Cousin, der die Drei ein Stück weit schleust, schüttelt den Kopf. Die sind doch viel zu jung, besonders der Kleine, der permanent Knoblauchzehen lutscht. Und die richtige Kleidung für die Überfahrt auf rauer See haben sie auch nicht.

Was die Drei nicht wissen, ist, dass Guida solchen „Auslandseinsätze“ immerfort organisiert. Dreißigtausend Pesos für jeden von ihnen, für einen Monat Arbeit. Er selbst verwaltet das Geld bis das Trio wieder zurück ist. Insgeheim, rechnet Guida aber selbst mit der Kohle. Die kann er dann im Stundenhotel verprassen oder für einen Urlaub. Und versetzen lassen wird er sich auch wieder. Alles wie gehabt.

Ihr Unterschlupf ist die Frau, die sie „meine Tante“ nennen sollen. Hier verbringen mehrere Kinder die Wartezeit bis zu ihrem Einsatz. Kontakt untereinander ist streng verboten. Wie in einem Internierungslager herrschen strenge Regeln, die bei Verletzung hart bestraft werden. Für die Streifzüge ist alles bestens präpariert: Hackfleisch mit Schlafmittel für die Wachhunde, ein Abwehrspray für alle Eventualitäten, sogar ein Gegengift, falls eine Schlange einem Unvorsichtigen beißen sollte. Besonders Letztes ist für Ismael, Enana und vor allem für Ajo die Lebensversicherung. Denn die Streifzüge werden zu einem Höllenritt…

Lucía Puenzo liebt ihre Figuren, die sie in einem der Villenviertel an den Stränden Uruguays aussetzt. Es sind nicht einfach nur drei Kinder, die mit Diebstählen ihren Lebensunterhalt verdienen, und sich vor ihren Auftraggebern geschickt ducken, um sich nicht ans Messer zu liefern. Es sind ausgereifte Charaktere mit Stärken und – es sind doch immer noch Kinder! – Schwächen. So erwachsen sie in brenzligen Situationen handeln, so zerbrechlich sind ihre Herzen, wenn sich jemand zwischen sie drängt. Ihnen bleibt keine Zeit Kinder oder Jugendliche zu sein. Ihre Erfahrungen machen sie auf dem steinigsten Pflaster, was es gibt. Mit traumwandlerischer Sicherheit erlaubt ihnen Puenzo sich zu entwickeln, um eines Tages doch das lang ersehnte Glück finden zu können.

Der Traum des Richters

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Da pinkelt dieser ungehobelte Bauerntrampel einfach gegen die Wand des Gerichtsgebäudes. Vor seinen Augen schüttelt er auch noch genüsslich ab. Das schreit nach Gerechtigkeit! Richter Urbano Pedernera muss ein Exempel statuieren. Der Delinquent Rosendo Villalba muss verurteilt werden. Die Sache hat nur einen Haken. Die Mauer, am der sich der Gaucho erleichtert hat, ist die einzige Mauer des Gerichtsgebäudes. Für den Rest des baldigen Prunkbaus fehlen noch die Ziegel. Der Richter fleht schon seit geraumer Zeit darum, dass ihm endlich das fehlende Baumaterial geliefert werden soll. Ein weiterer Punkt – und sicherlich der wichtigste – ist, dass Rosendo Villalba nicht im Traum daran gedacht hätte gegen die Mauer zu urinieren. Zumindest nicht in seinen Träumen. Sehr wohl aber im Traum des Richters von Malihuel. Das allein reicht schon, um Recht zu sprechen und den Übeltäter mit Strafarbeit zu belangen. Aktive Mithilfe beim Bau des Gerichtsgebäudes, ausgesetzt bis zur Lieferung der Ziegelsteine. So wird Recht gesprochen im argentinischen Malihuel des Jahre 1877.

Das Dorf, die Rebellen (die Wilden, die Indios) sehen in dem Richter allerdings immer noch eine Respektperson. Sein Wort gilt. Ihm hat man sich zu fügen. Doch als die Träume – und vor allem die anschließende daraus resultierenden Bestrafungen – überhand nehmen, ist es aus. Man dreht den Spieß um. In den Träumen des Richters erheben sich die Geschmähten. Das Vexierspiel beginnt…

Carlos Gamerro ist mit „Der Traum des Richters“ eine skurrile Geschichte gelungen, die Ihresgleichen sucht. Hat man sich in dieses Buch vertieft, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Traum. Don Urbano in Paris: Statt Champagner gibt es eine billige Plörre zu trinken. Im Krieg gegen die Aufständischen klappt kein einziger Plan. Und die Autorität schwindet mit jeder Stunde, in der er die Augen geschlossen hält.

Es muss die Hölle sein für jemanden, der als Militär erfolgreich war. Und nun mit ansehen muss, dass eine anscheinend einzigartige Gabe durchaus auch Schattenseiten haben kann. Mit enormem Wortwitz fesselt Gamerro den Leser an den Lesesessel und entlässt ihn auch nach der letzten Seite noch nicht komplett in den realen Alltag. Immer wieder flackern einzeln Passagen aus dem Buch auf und zaubern ein Lächeln ins Gesicht Lesers. So werden Tagträume gemacht!

Krokodilstränen

Wenn man schon unbedingt einen Geldtransporter überfallen muss, dann wenigstens mit Leuten, denen man vertraut. Sonst geht es auf alle Fälle schief! Dies als Prämisse, die diesem Buch vorangestellt ist, bevor man anfängt zu lesen.

Germán sitzt derzeit im Gefängnis. Er soll jemanden entführt und Lösegeld gefordert haben. Sein Kompagnon wurde nicht geschnappt. Und lässt es sich derweil mit der Beute gut gehen. Doch Germáns Anwalt, Doktor Antinucci, macht ihm Mut. Er sei bald wieder draußen. Die Zweifel an der Tatbeteiligung überwiegen. Außerdem gebe es eine Zeugin, die beschwört, dass Germán ein höflicher Mann gewesen sei, der auch gar nichts von Lösegeld gesagt haben will.

Die Zeugin ist Úrsula Lopez. Sie hatte eine schwere Kindheit. Ihr Vater triezte das pummelige Mädchen wann immer konnte. Stibitzte sie sich mal was aus dem Kühlschrank, gab`s eine verlängerte Nacht in Dunkelheit und ohne Essen. Ihre Schwester hingegen war Papas Liebling.

El Roto, ist im Gefängnis, weil er jemanden ermordet hat. Kein Kind von Traurigkeit, der hinter den dicken Mauern, die die Insassen vom Leben fernhalten, alles an sich reißt, was auch nur im Entferntesten nach Geld reicht. Germán ist ihm ein Dorn im Auge. Denn der genießt eine besondere Art von Protektion.

Das Rätsel um die Drei wird nicht einfacher je mehr man darüber liest. Und das ist gut so! Der so genannte Spannungsbogen biegt sich bis kurz vor dem Zerbersten. Die Verwirrung komplettiert Úrsula Lopez. Denn die ist plötzlich gar nicht mehr in eine Entführung involviert. Des Rätsels Lösung ist scheinbar einfach …

Bei Leonilda Lima laufen die Fäden, die sich wie Fallstricke sich anfühlen zusammen. Die Kommissarin bekommt einen Fall zugeschrieben, obwohl der eigentliche Ermittler doch noch eigene Recherchen durchführt. Mal leitet sie den Fall, mal wieder nicht. Uruguays Staatsapparat ertrinkt im Chaos. Dennoch hat Leonilda Lima den Kampf um die Gerechtigkeit noch nicht aufgegeben. Jeder neue Fall birgt ebenso die Chance auf Veränderung (natürlich zum Besseren) in sich. Doch es kommt alles anders: Qualmwolken verhängen den Himmel, Schüsse fallen, Autos brennen, quietschende Reifen, fünf Tote.

Minutiös berichtet Mercedes Rosende vom mittlerweile zu erwartenden Höhepunkt, der bei allen Beteiligten eine einzige Reaktion hervorrufen wird: Sie werden alle weinen. Krokodilstränen.

Mit einer selten dagewesenen Vehemenz scheucht die Mercedes Rosende ihre Figuren von einem Extrem ins Andere. Úrsulas Vater ist inzwischen verstorben – Selbstmord. Oder doch nicht? Wie ein Geist drängt er sich aber immer noch zwischen sie und ihre Gedanken. Noch nie war Úrsula frei. Immer wieder kreuzten Menschen oder Ereignisse ihren eingeschlagenen Weg. Zeit, dass sich was ändert. Die Zeit kommt als Germán sich für ihre geleistete Hilfe bedanken will. Denn sie war es, die ihn schlussendlich – mit Hilfe des zwielichtigen Doktor Antinucci – aus dem Knast kommen ließ. Den hat inzwischen – auf nicht ganz legale Weise – auch El Roto verlassen können.

Wer bisher immer dachte, dass Kriminalromane im weitesten Sinne dem gleichen Schema folgen, wird mit „Krokodilstränen“ eines besseren belehrt. Wer es einmal aufschlägt, kommt so schnell nicht zur Ruhe. Montevideo als exotischer Handlungsort hält so manche Überraschung parat.

Der Privatsekretär

Das Leben meint es endlich mal so richtig gut mit Román Sabaté. Anfang Zwanzig und schon einen Job in Aussicht, der langfristig erscheint und in dem er was bewirken kann. Sebastian hat ihn mehr oder weniger dazu gedrängt sich bei der neuen Partei Pragma zu bewerben. Román hat Glück und ergattert den begehrten Job als privater Fitnesstrainer von Fernando Rovirá. Sebastian geht erstmal leer aus.

Fernando Rovira ist die charismatische Exzellenz, die erst als Gouverneur der Provinz Buenos Aires diese spalten, und dann Argentinien als Präsident einen will. Und sein privater Fitnesstrainer ist in Wahrheit der privateste Privatsekretär, den man haben kann. Román war geschickt beim Einstellungsgespräch. Seine Antworten, die nicht immer zu hundert Prozent der Wahrheit entsprachen, trafen genau den Nerv der Partei. So funktioniert Politik…

Die Jahr vergehen, Fernando Rovira ist fit wie eh und je … doch an seiner Seite ist kein Román Sabaté mehr zu sehen. Der hat sich abgesetzt. Mit im „Gepäck“: Joaquín, der Sohn des ehrgeizigen Politikers. Die Pläne Buenos Aires zu teilen, spalten die politischen Lager entzwei. Wie es geplant war. Doch so einiges andere mehr war nicht geplant. Die Journalistin Valentina Sureda schreibt gerade an einem Buch. Und Román Sabaté hilft ihr dabei. Auch auf seiner Flucht. Ob der Mord an Fernando Roviras Frau Lucrecia Bonara geplant war, lässt sich vorerst nicht feststellen. Genauso wie die rätselhafte Flucht von Román Sabaté.

In Rückblenden und aus der persönlichen Sicht der Akteure zeichnet Claudia Piñeiro ein verlogenes Bild der Macht. Das Román nicht wegen seiner Fähigkeiten den lukrativen Job bei Pragma bekommen hat, ist dem Leser als auch ihm selbst klar. Er hat schließlich geschummelt. Doch was prädestinierte ihn dermaßen für die kommenden Aufgaben? Auf seinem Roadtrip durch die Weiten Argentiniens kommen Román und Leser einem Geheimnis (was heißt einem? Dutzenden von Geheimnissen) auf die Spur.

Nach der Lektüre des Privatsekretärs muss man erstmal durchschnaufen. Obwohl auch reale Lenker Argentiniens wie Carlos Menem oder Néstor Kirchner erwähnt werden, ist die Geschichte komplett fiktional. Nur am Glauben mangelt es. In Zeiten, in denen Populisten ihre kruden Gedanken fast schon schuldlos, immer jedoch sorglos in die Welt posaunen dürfen, kommt ein Roman wie „Der Privatsekretär“ wie gerufen. Freimaurersymbolik, falsche Rücksichtnahme auf die Meinung der Massen, Manipulation selbiger und eine gehörige Portion Machteifer vermischt Claudia Piñeiro zu einem Skandal, der einem die Nachrichten bis zu einem gewissen Teil mit anderen Augen sehen lässt. Kuhäugiges Hinterhertraben wird unvermeidlich radikalem Nachhaken weichen müssen. Der wichtigste Thriller dieses Jahrzehnts!