Archiv der Kategorie: schwarz – black – noir

Das Haus am Kongo

Die Sonne brennt unerbittlich auf das geneigte Haupt von Gelegenheitswahrsagerin Dolly. Sie stützt ihren Kopf auf die Reling des Bootes, das sie auf dem Kongo irgendwohin bringen soll, wo sie wahrscheinlich auch nicht glücklicher werden kann. Oder unglücklicher?! Egal, das Wahrsagergeschäft, ihre Show, läuft. Dafür sorgt schon ihr Partner Bill. Dieser Windhund, der ihr schon mehr als einmal an die Wäsche wollte. Doch Dolly hat Prinzipien. Und ein loses Mundwerk, das sie gern einsetzt. Zum Beispiel bei, oder besser gesagt gegen Lady Essex. Die will hier in der Ödnis am Ende der Welt ihren Gatten besuchen.

Es kommt wie es kommen muss, der alte Kahn gibt mit einem Knall seinen Geist auf. Zum Glück ist die ungleiche „Reisegesellschaft“ gerade in der Nähe von Doc Warwicks Anwesen. Das Boot ist hin, Dollys Laune hingegen hebt sich im Angesicht von so viel Zivilisation mitten in der Wildnis. Puderdöschen, ein gemütliches Bett. Und die Hausherrin, Mrs. Warwick, ist ein gute Gastgeberin und Gesprächspartnerin. Ein bisschen gelangweilt vielleicht, einsam auf alle Fälle. Eine Woche muss man hier ausharren, dann kommt das nächte Boot, die Royal,  und kann die Gestrandeten sicherlich aufnehmen.

Dolly findet Gefallen an dem alten Doc, der hier in seinem spärlich eingerichteten Buschkrankenhaus verzweifelt versucht der Schlafkrankheit auf die Schliche zu kommen. Doch es will ihm nicht gelingen. Der jungen Frau imponiert der unbedingte Wille des Doktors Gutes zu tun. So sehr, dass sie ihm bei einer Blinddarmoperation assistiert.

Lady Essex kommt die Abwechslung ganz recht. Obwohl sie sich – nach außen – schrecklich darum sorgt, dass ihr Mann sich schrecklich um sie sorgen könnte, weil sie noch immer nicht bei ihm sei, gibt sie sich dem Müßiggang hin. Mehr als Lesen, Essen, Schlafen steht bei ihr nicht auf der Agenda.

Mrs. Warwick kennt dieses Leben. Sie lebt es seit fast einem Jahr. Zuvor war sie eine lebenslustige junge Frau, die begehrte und begehrt wurde. Hier im Dschungel außer Reichweite von Zerstreuung verblüht sie zusehends in der Gluthitze Afrikas. Dem Doc fällt das nicht auf. Genauso wenig wie das Scharwenzeln von Bill um des Doktors Frau. Dolly warnt ihn. Er solle nichts Unüberlegtes tun. Denn verbrannte Erde hat er schon genug hinterlassen…

Wilson Collison gibt seiner Dolly die Waffen einer Frau an die Hand. Geschickt in allem, was sie anpackt, mit einer Portion Durchsetzungsvermögen und dem unfehlbarem Drang allen Untiefen des Lebens auch noch etwas Positives abzugewinnen. Die kurze Zeit, die das Anwesen von Doktor Warwick von den Gestrandeten in Beschlag genommen wird, reicht aus, um mehrere Leben ein für allemal zu verändern.

Das Gebot der Gewalt

Afrika, 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Die Kolonialherren aus Europa sind noch ferne Gedanken. Doch das fiktive Volk in Nakem, was ungefähr der Region des heutigen Mali entspricht, ächzt unter der Knute seiner Herrscher. Da ist sich keiner dem Anderen grün. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Wer widerspricht, wird nicht einfach aus der Welt geschafft. Der wird nach allen Regeln der Gewaltherrschaft gedemütigt, gefoltert und in aller Ruhe elendig verreckt gelassen. Es ist eine grausame Zeit, in der die Herrschernachfolger, um der Machterhaltung ihre eigenen Mütter heiraten und im Laufe der Zeit bei Festen das wirre Bild des Wilden im Busch bizarre Züge bekommt.

Die Dynastie der Saïf wird fast achthundert Jahre fortbestehen. Als die ersten Kolonialisten in Nakem eintreffen, sind die Machtverhältnisse schnell umgedreht. Die einstigen Herrscher müssen zusehen, dass ihre ihnen in die Wiege gelegte Macht nicht durch die Finger rinnt. Sie koalieren mit den neuen Herren, um sie ihre eigene Macht zu sichern. Das ist der Moment, in dem die fiktiven Aufzeichnungen anfangen konkret zu werden. Da tauchen deutsche Händler auf, die das greifbare kulturelle Erbe des Volkes in Nakem in Massen aus dem Land schaffen. Gouverneure leisten Hilfestellung als es gilt die Nachfahren der Saïf auf den rechten Bildungsweg außer Landes zu schaffen. Königlichen Geblüts studieren sie in Frankreich, der Heimat ihrer Unterdrücke und nehmen es als gegeben hin. Sie kämpfen im Weltkrieg für die Freiheit des Landes, das ihnen selbige mit Waffengewalt und perfider Raffinesse stahl.

Yambo Ouologuem lässt kein gutes Haar, an keiner der kämpfenden Parteien. Das Elend der Einen ist immer die Chance der Anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, ist man geneigt zu sagen. Doch auch die neuen Herren sind nicht viel anders als die alten Peiniger. Als das Buch in den 60er Jahren erscheint, tritt Yambo Ouologuem eine Welle der Entrüstung aus. Unterdrücke und Unterdrückte krallen sich an den expliziten Erläuterungen widerwärtiger Rituale fest. Gewalt geht niemals nur auf Kosten einer Partei. Wer die rohe Beschreibung beispielsweise einer Genitalverstümmelung an einer jungen Frau liest, kann sich einfach nicht mehr entscheiden, ob er für die eine oder andere Seite in dieser Geschichte sein kann. Man wähnt sich in einem Film von Oliver Stone oder Quentin Tarantino – so schnörkellos werden alte Bräuche und moderne Versklavung dargestellt.

„Das Gebot der Gewalt“ ist fiktiv, doch in seiner Detailversessenheit derart real, die es einem unmöglich macht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Plagiatsvorwürfe zwangen den Autor sich zurückzuziehen, der Verlag stampfte ganze Auflagen wieder ein. 2017 starb Yambo Ouologuem zurückgezogen in seiner Heimat Mali. Dass sein Erstling zum Klassiker wurde, hat er noch erlebt. Aber auch die Demontage seiner Leistung.

Nachts unterm Jasmin

Es sind Momente wie die, wenn man ein Buch wie „Nachts unterm Jasmin“ in den Händen hält. Dann weiß man, dass man bei Weitem noch lange nicht alles erlebt bzw. gelesen hat, was unter dem Himmel existiert. Die Geschichten in diesem Band von Maïssa Bey aus Algerien zeichnen ein Bild des größten Landes Afrikas, was so vielleicht von einigen erwartet, aber niemals in so klarer Sprache, mit so vielen Nuancen gezeichnet wurde.

Da ist eine Frau, die sich schlafend stellt, weil ihr Mann permanent sein Recht als gatte einfordert. Das Kind in ihrem Arm bietet ihr Schutz und ist ihr größter Schatz. Doch sie weiß, dass sie diesen Schatz eines Tages verlieren wird. Er wird die demütigen, sie verlassen. Ihr eigenes Kind.

Nach der verheerenden Umweltkatastrophe im November 2001 – weil die Bouteflika-Regierung in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Algier Kanäle zumauern ließ, brachen sich Wassermassen fast ungehindert ihren Weg durch die Stadt und rissen hunderte von Menschen in den Tod – brach der Volkszorn über die Regierenden herein. Die Unfähigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Behörden entzündeten eine Protestwelle bisher ungekannten Ausmaßes. In den Nachrichtensendungen Europas war die Katastrophe nur eine Meldung unter vielen. Doch die Schicksale der Menschen, die direkt davon betroffen waren, sind bis heute unbekannt. Dank dieses Buches, das zum ersten Mal in deutscher Sprache erschien, bekommen die Opfer und Beteiligten eine Stimme.

So anklagend die Texte auf den ersten Blick sind, so poetisch ist ihre Wirkung auf den Leser. Klare Aussagen gehen hier Hand in Hand mit dem Respekt vor den Akteuren und ihrer Sprache. Ob als Bettlektüre oder Auszeit vom Alltag lesen sich die Geschichten wie moderne Ausschnitte aus dem realen Leben.

„Nachts unterm Jasmin“ besticht durch die Vielfalt der Themen und die Zwischentöne, die man laut vernimmt beim Lesen.

Ruth. Moabit

Was ist das Schönste an einer Geschichte? Das happy end! Da können noch so viele Unebenheiten den Weg säumen, wenn schlussendlich alles gut wird, hat sich der Aufwand gelohnt. Ein biblischer Ansatz. Man denke an Hiob. Oder sein weibliches Pendant Rut. Auch sie wurde hart geprüft. Doch es lohnte sich.

Noemi würde sich nie im Leben als eine Art Rut oder Ruth sehen. Tagein, tagaus sieht sie die Wartenden in der Warteschlange vor dem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Sie sieht auch wie den Hoffenden und Hoffnungslosen geholfen wird. Decken, Essen, Trinken – Helfer wird es immer geben. Doch ein Dauerzustand kann das nicht sein. Noemis Leben hat einen Knacks bekommen als Tom, der Mann ihrer Seite, diese verließ, um sich ein Abenteuer zu gönnen. Dieses heißt Monica und wird ihn aber nicht glücklich machen. Ob Noemi das hoffen will, weiß sie noch nicht.

Denn momentan ist die Eritreerin Rahua wichtiger in ihrem Leben. Die hat eine Reise hinter sich, die man nicht buchen kann. Sie floh vor allem, was sich der Mensch an Schlechtem ausdenken kann. Sie hat es geschafft. Sie ist raus aus dem Elend und drin in Berlin. Eine gute Seele. Nicht einmal halb so alt wie Noemi. Doch ein stetig präsenter Trauerschleier umspült ihr hübsches Gesicht.

Auch Noemi trägt in ihrem Herzen einen Schleier der Trauer. Ihrer Mutter geht es nicht gut und die Prognosen der Ärzte lassen nur das nahende Ende als Lösung zu. Als Noemi zurückkehrt in ihre Moabiter Wohnung ist von Rahua nichts mehr zu sehen. Gerade eben hat sich noch Flur und Pflanzen gehütet, jetzt ist sie weg. London ist das neue Sehnsuchtsziel. Ein weiterer Tiefschlag für Noemi. Hat sie zu sehr die Beschützerin gegeben? War ihr Engagement zu einengend? Sie hat keine Zeit darüber nachzudenken, denn der nächste Nackenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Auch Jule, ihre fast schon erwachsene Tochter, im Alter von Rahua, verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Noemi ist nun ganz allein.

Rahuas Sehnsuchtsziel erweist sich alsbald auch nicht als das Paradies auf Erden. Doch sie fasst zumindest wieder den Entschluss mit ihrer Familie in Eritrea in Kontakt zu treten. Wird ja auch Zeit. Denn es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben. Den kennt zufällig auch Noemi, die gerade auf dem Weg in die britische Hauptstadt ist…

Anna Opel fasst den oberflächlich biblischen Rahmen nicht so eng und schon gar nicht dogmatisch. Zwei Frauen, die arg vom Schicksal gebeutelt wurden und in ihren neuen Situationen zueinander finden. Auf unterschiedlichen Wegen lassen sie sich treiben, mit dem Steuer in der Hand. Moabit als Handlungsort ist nicht minder bibelvorbelastet. Denn der Name des Stadtteils hat religiöse Wurzeln. Mit zunehmender Seitenzahl wird man immer tief in den Strudel aus Verzweiflung, falschem Schweigen und hoffnungsvoller Poesie gezogen. Wellen von Abscheu und Zuversicht umspülen den Leser bei der Lektüre von Anna Opels erstem Roman.

Imagine Africa 2060

So manch einer kann sich kaum mehr erinnern, was gestern war. Wie es morgen wird, will man sich oft nicht vorstellen. Was soll man erst denken, wenn man sich das Jahr 2060 vor Augen hält? Zehn Autoren aus Afrika, nicht irgendwelche, Preisträger, wahre Stimmen des Kontinents, haben sich Gedanken zu ihrer Zukunft und der Afrikas gemacht.

Chika Unigwe wird diese Zukunft als gesetzte Achtzigjährige erleben. Ihr Traum, ihre Vision ist die einer weiblichen Präsidentschaftskandidatin. Amara heißt sie. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Auch in 2060 ist das nicht unbedingt eine Grundvoraussetzung für dieses Amt. Manche Dinge haben sich also bis dahin noch nicht geändert. Sie will die Übermacht der Präsidenten aus dem Norden brechen. In der bisherigen Vergangenheit ist es so, dass der Norden seltener Präsidenten stellte. Vierhundert Millionen Nigerianer wird sie einmal regieren. Momentan ist es knapp die Hälfte. Das heißt in ca. vierzig Jahren kommen noch einmal zweihundert Millionen Nigerianer zusätzlich auf die Welt. Eine Aufgabe, die Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen in einem patriarchalischen Land als Grundbedingung voraussetzt. Da Chika Unigwe eine Utopie beschreibt, ist der Ausgang der Kurzgeschichte vorhersehbar, was den Verlauf nicht einmal ansatzweise herabsetzt.

Mit den Folgen des Klimawandels – ja, den gibt es wirklich und ja: Auch in Afrika kann es noch wärmer werden! – haben die Helden in José Eduardo Agualusas Geschichte zu tun. Denn sie mussten fliehen. Aus ihren Dörfern, aus den Städten, aus ihrem Land, von ihrem Kontinent, von ihrem Planeten. Angola wurde überflutet. So wie der Rest der Welt. Jetzt fliegen gigantische Luftschiffe und kleinere „Flöße“ durch den Himmel. Die Größeren heißen Paris oder Tokyo, die Flöße sind unter anderem nach Luanda benannt. Je größer das Schiff, um so luxuriöser das Leben. Und langweiliger. Je kleiner das Schiff, um so unerschwinglicher die Besuchserlaubnis auf einem der Größeren.

Ken Bugul zeigt eine zweigeteilte Welt im Jahr 2060. Die nördliche Welt unterdrückt das südliche Königreich Adjagba. Die Königin nährt ihr Volk, die Pflanzen und die Tiere. Das Königreich des Nordens, besonders die Gehirnmanipulierten lässt keine Gelegenheit aus, um dem Süden ihre Überlegenheit zu präsentieren. Bis eines Tages …

Zehn erstklassige Schriftsteller aus Afrika, zehn Geschichten, die so fern gar nicht erschienen könne, als dass die wahr sind, zehn Stimmen wider eine vorbestimmte Zukunft. Unter dem Dach der “Stimmen Afrikas“ versammeln sie sich seit einem Jahrzehnt in regelmäßigen Abständen, um ihren Stimmen Ausdruck zu verleihen. Am Ende des Buches haben die Herausgeberinnen Christa Morgenrath und Eva Wernecke eine Chronik dieser Stimmen angefügt. Wenn das nächste Mal ein Plakat mit den Stimmen Afrikas den Blick kreuzt, sollte man stehenbleiben, es lesen und die Veranstaltung besuchen. Die Poesie der Sprache, die unerschütterlich Hoffnung in sich trägt, wird niemals versiegen. Auch nicht im Jahr 2060.

Öl auf Wasser

Journalist Rufus wittert den Scoop. Die Story seines Lebens. Die Story, die ihn berühmt machen wird. Dass im Nigerdelta nur die Gewalt regiert, ist bekannt. Wieder einmal wurde jemand entführt. Doch dieses Mal ist es die Frau eines hochrangigen Mitarbeiters aus der oberen Etage eines Ölmultis.

Die Rebellen, so bezeichnen sich die Kidnapper, fordern Geld, viel Geld und laden zynischerweise auch noch Journalisten ein. Rufus reist mit Zaq in eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Zaq war einmal das, was Rufus vielleicht noch bevorstehen wird: Ein gefeierter Autor einer großen Zeitung. Beide kennen sich von der Journalistenschule, von der Rufus von Zaq für seine herausragenden Leistungen geehrt wurde. Jetzt ist Zaq ein Säufer, ein desillusioniertes Wrack.

Für Rufus ist er aber auch Ratgeber. Nicht die Suche nach der verschwundenen Frau steht im Vordergrund. Die Suche nach dem Was soll Rufus antreiben. Die Frau taucht schon wieder auf. Der Konzern wird schon zahlen. Am Geld wird’s nicht scheitern.

Die Horde Journalisten dezimiert sich freiwillig immer mehr. Bis nur noch Rufus und Zaq übrigbleiben. Schnell finden sie Helfer und Gefährten, die sie im Dickicht der Gefahren in scheinbar sicheres Land führen. Die Ruhe trügt. Ein perfides System aus Korruption, Gewalt und Einschüchterung hält ganze Landstriche in Atem. Wo eben noch das Leben pulsierte, regieren nun Ödnis, Angst und über allem hängt der Gestank des Todes. Wie Captain Willard in „Apocalypse Now“ schreitet Rufus immer weiter voran. Zum Schluss sogar ganz allein. Denn Zaq hat seine letzte Reise bereits angetreten. Willard wusste wen er sucht. Rufus hingegen weiß bis zum Schluss nicht, was er sucht bzw. zu finden droht. Im Reisegepäck hat Rufus außerdem die Erinnerungen. An die Familie, den Vater, die Mutter und die geliebte Schwester.

Helon Habila zeichnet ein düsteres, vor allem aber klares und exaktes Bild einer Region, die fast gänzlich von der öffentlichen Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Kleine Nadelstiche ins welkende Herz des Deltas verschaffen den Menschen zu kurzzeitig Linderung. Große Veränderungen bedürfen größerer Schritte. Dieses Buch ist aber elementarer Bestandteil dieses Kampfes, der niemals vergessen werden darf.

Unter den Udala Bäumen

Ijeoma ist gerade Teenager geworden. Ein Alter, in dem man mit Siebenmeilenstiefeln die Welt erobern kann. Sie kann lesen, schreiben, rechnen – doch von glücklicher Kindheit ist sie weit entfernt. Wieder einmal fallen Bomben vom Himmel. Es ist das Jahr 1968, das Jahr des Umsturzes überall auf der Welt. Das Jahr des Aufbruchs. Aber es war auch das zweite Jahr des Biafra-Krieges in Nigeria. In dem ging es schlussendlich – wie in jedem Krieg – ums Geld. Genauer gesagt ums Öl. Denn das Volk der Igbo, einer der größten Bevölkerungsgruppen im heute nahezu 200 Millionen Einwohner zählenden Nigeria, wurde systematisch vom Ölboom ausgeschlossen.

Bis heute ist es in dem westafrikanischen Land noch üblich ein Kind oder mehrere zu Verwandten oder nahestehenden Familien zu geben. Ijeoma, Igbo wird aufs Land geschickt. Dort lernt sie Amina kennen. Ein Haussa-Mädchen. Muslimin, während Ijeoma christlich erzogen wurde. Die Jahre vergehen und zwischen Ijeoma und Amina entwickelt sich mehr als nur Freundschaft. Beide lieben sich. Doch das geht nun gar nicht in einem Land, in dem Religion, egal welche, wichtiger ist als alles andere. Zwei Mädchen als Paar? Und dann noch ein Muslima und eine Christin? Ijeoma will sich nicht entscheiden müssen, sie will kämpfen. Das heißt aber auch, dass sie und Amina sich tarnen müssen.

Die Zeit vergeht und Amina entzieht sich immer mehr der Nähe Ijeomas. Beide wissen, dass ihre Liebe niemals akzeptiert werden kann. Stärker als Amina fühlt sich Ijeoma aber dadurch nur bestärkt.

Chinelo Okparanta schreibt über eine bisher kaum beleuchtete Seite Afrikas. Zwei Mädchen, zwei Frauen, die sich lieben und doch nicht zueinander finden dürfen. Gegen alle Konventionen, gegen alle Warnungen, wider besseres Wissen leben sie ihr Leben. Die Einfachheit so mancher Tage ist ihnen fremd. Die Autorin lässt Ijeoma und Amina sanfte Hochs erleben und dramatische Tiefs durchschreiten. Zweifel und Angst sind an der Tagesordnung, doch die gemeinsamen Stunden lassen die dunklen Wolken vorüberziehen in einem Sturm des Loslassens.

Verleugnung und Hingabe sind die zentralen Themen Chinelo Okparantas Erfolgsromans „Unter den Udala Bäumen“. Es ist kaum fassbar wie in einer Zeit, in der selbst im verstecktesten Winkel Aufklärung und Emanzipation selbstverständlich sein müssten rückständiges Gedankengut immer wieder auf fruchtbaren Boden trifft. Und das ist bei Weitem kein afrikanisches, im Speziellen nigerianisches Problem! Gleich um die Ecke werden immer noch und immer wieder Samen des Hasses gegen alles, was nicht normal scheint, gesät. Umso wichtiger ist es, das Bücher wie dieses mehr und mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Gesang für die Verlorenen

Kamerun in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Kolonialmächte England und Frankreich versuchen – nach ihren eigenen offiziellen Angaben – das Land in eine gesicherte Zukunft entlassen zu können. Nach ihren Regeln. Doch es regt sich Widerstand. Die UPC, Union der Völker Kameruns, Frontschild im Kampf für die Freiheit will einen raschen und vor allem gewaltlosen Übergang in die Unabhängigkeit. Ruben Um Nyobé – der im Buch wie des Damokles‘ Schwert der verheißungsvollen Freiheit über allem schwebt – ist ihr Anführer. Als die Partei Mitte der 50er Jahre verboten wird, muss er zusammen mit seinen Gefolgsleuten in den Untergrund gehen.

Soweit die Fakten. Hemley Boum fügt der Geschichte eine weitere Geschichtensammlung hinzu. Ein Weggefährte Nyobés ist Amos. Er ist verliebt in Esta, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Denn Esta ist schon einem anderen versprochen. Ihre Tochter Likak, die sie allein erzieht, was an sich schon ungewöhnlich genug ist, ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie hat genauso ihren eigenen Kopf wie ihre Mama Esta. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Dabei bleibt sie immer liebenswert und angenehm offen. Ein Charakter, den man nur selten antrifft. Außerdem ist eine Art Hexe im Geheimbund Ko’ô. Hier treffen sich die Frauen des Ortes, um sich auszutauschen und um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Doch der Frieden in der UPC, im Land und im Dorf ist fragil. Neid und Missgunst sind die erbittertsten Feinde des Fortschritts. Ein Seitenwechsel geht schneller von vonstatten als den Köpfen der Bewegung lieb sein kann. Der schnöde Mammon sorgt für Verwirrungen bei vielen und für Enttäuschungen auf Seiten der Unabhängigkeitskämpfer.

Esta und Amos gemeinsamer Weg ist jäh beendet als die zu viele Kameraden die Seiten gewechselt haben.

Pierre Le Gall ist die Giftspritze im Fleisch der Dorfgemeinschaft. Er sieht den gesellschaftlichen Veränderungen mit Skepsis entgegen. Den Menschen in dem Land, in das er als Unterdrücker kam, traut er wenig bis gar nichts zu. Seine Abneigung zeigt er offen. Seine Taten sind widerwärtig. Doch auch seine Tage sind gezählt.

Ausnahmsweise darf man mal ein Buch mit dem Ende beginnen. Denn hier sind die familiären Verflechtungen der handelnden Familien grafisch in einem Stammbaum dargestellt. Hat man sich mit den außergewöhnlichen Namen angefreundet, liest man sich in einen Rausch, aus dem man nie mehr aufwachen will. Wer mit wem, warum? Ein Höllenritt durch die Geschichte Kameruns und einen echten Freiheitskampf auf allen erdenklichen Ebenen. Erstaunlich wie frei die weiblichen Figuren in diesem Buch sich entfalten. Sie sind die wahren Heldinnen, für die der titelgebende Gesang als Marschmusik erdacht wurde. Sie schreiten stolz und unbeirrt voran. „Gesang für die Verlorenen“ steigert sich mit jeder Seite mehr in ein Geflecht aus Traditionen, progressivem Kampf bis hin zur teilweisen Aufgabe. Das Ende des Buches löst so manches entstandene Problem auf. Nämlich dann, wenn längst verschollene Figuren durch vier Fotografien und einen nicht enden wollenden Brief endlich ihren Frieden machen können und aus den Vergessenen präsente Helden erwachsen.

Das Lachen des Geckos

Not macht erfinderisch. Da übt man auch gern mal einen Beruf aus, dem sich der Rest der Menschheit verweigern würde. Und dabei trifft man sicher auch Menschen, die einen noch ungewöhnlicheren Beruf haben. Und den mit voller Hingabe ausfüllen.

Félix Ventura ist so einer. Er hat einen ungewöhnlichen Beruf, den er mit Hingabe und der ihn mit Genugtuung erfüllt. Félix Ventura erfindet Lebensläufe. Was ist daran so besonders? Seine Kundschaft gehört meist einer sehr angesehenen Schicht an. Man macht was her. Doch die eigene Vergangenheit ist meist so grau wie der Alltag derer, die man beeindrucken will. Einfach nur an ein paar Stellschrauben drehen – damit ist es nicht getan. Wer zu Félix Ventura kommt, braucht Eroberer unter den Ahnen, die mit dem Schwert dem Bösen Paroli boten.

Félix Ventura kann ganz gut davon leben. Denn er ist gut. Wirklich gut, in dem, was er tut. So kreiert er José Buchmann. Fotograf. Kriegsfotograf. Mutter Künstlerin. Lebte und arbeitete rund um den Globus. Und eben dieser José Buchmann kommt nun zum zweiten Mal auf die Welt. Elegant, weltläufig kommt er daher. Doch die Warnung niemals nach Chibia zu gehen – Félix Ventura warnt ihn mehr als eindringlich – schießt er in den Wind. So viel Nonchalance hat ihm der Vergangenheitserfinder ihm nicht mit auf den Weg geben können. Denn in Chibia lauert die ungeschminkte Wahrheit…

Ob der Erzähler auch eine erfundene Vergangenheit hat? Er weiß so ziemlich alles über Félix Ventura. Er sieht ihn ja tagtäglich. Alles, was Félix im Haus tut, bleibt nicht unentdeckt oder unbeobachtet. Denn der Erzähler ist ein Gecko. Ein Tiger-Gecko. Auch er hat eine bewegte Vergangenheit, die mit so manchem Klienten von Félix Ventura teilt…

José Eduardo Agualusa gelingt es mit „Das Lachen des Geckos“ dem Leser eben dieses ins Gesicht zu zaubern. Kein Wort ist überflüssig, jedes Satzzeichen ist ein Ausrufezeichen! Sprechende Geckos bergen in sich die Gefahr albern zu wirken. Dieser Gecko ist ein weiser Gefährte in einer unwirklichen Umgebung. Der Hauptcharakter des Buches ist ein außergewöhnlicher Mann. Ein Scharlatan, so empfindet man ihn ab der ersten Seite. Erst zum Ende muss man sich eingestehen, dass man Félix Ventura Unrecht getan hat. Denn er macht Träume wahr, er öffnet Türen. Und er kennt die Menschen.