Archiv der Kategorie: schwarz – black – noir

Imagine Africa 2060

So manch einer kann sich kaum mehr erinnern, was gestern war. Wie es morgen wird, will man sich oft nicht vorstellen. Was soll man erst denken, wenn man sich das Jahr 2060 vor Augen hält? Zehn Autoren aus Afrika, nicht irgendwelche, Preisträger, wahre Stimmen des Kontinents, haben sich Gedanken zu ihrer Zukunft und der Afrikas gemacht.

Chika Unigwe wird diese Zukunft als gesetzte Achtzigjährige erleben. Ihr Traum, ihre Vision ist die einer weiblichen Präsidentschaftskandidatin. Amara heißt sie. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Auch in 2060 ist das nicht unbedingt eine Grundvoraussetzung für dieses Amt. Manche Dinge haben sich also bis dahin noch nicht geändert. Sie will die Übermacht der Präsidenten aus dem Norden brechen. In der bisherigen Vergangenheit ist es so, dass der Norden seltener Präsidenten stellte. Vierhundert Millionen Nigerianer wird sie einmal regieren. Momentan ist es knapp die Hälfte. Das heißt in ca. vierzig Jahren kommen noch einmal zweihundert Millionen Nigerianer zusätzlich auf die Welt. Eine Aufgabe, die Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen in einem patriarchalischen Land als Grundbedingung voraussetzt. Da Chika Unigwe eine Utopie beschreibt, ist der Ausgang der Kurzgeschichte vorhersehbar, was den Verlauf nicht einmal ansatzweise herabsetzt.

Mit den Folgen des Klimawandels – ja, den gibt es wirklich und ja: Auch in Afrika kann es noch wärmer werden! – haben die Helden in José Eduardo Agualusas Geschichte zu tun. Denn sie mussten fliehen. Aus ihren Dörfern, aus den Städten, aus ihrem Land, von ihrem Kontinent, von ihrem Planeten. Angola wurde überflutet. So wie der Rest der Welt. Jetzt fliegen gigantische Luftschiffe und kleinere „Flöße“ durch den Himmel. Die Größeren heißen Paris oder Tokyo, die Flöße sind unter anderem nach Luanda benannt. Je größer das Schiff, um so luxuriöser das Leben. Und langweiliger. Je kleiner das Schiff, um so unerschwinglicher die Besuchserlaubnis auf einem der Größeren.

Ken Bugul zeigt eine zweigeteilte Welt im Jahr 2060. Die nördliche Welt unterdrückt das südliche Königreich Adjagba. Die Königin nährt ihr Volk, die Pflanzen und die Tiere. Das Königreich des Nordens, besonders die Gehirnmanipulierten lässt keine Gelegenheit aus, um dem Süden ihre Überlegenheit zu präsentieren. Bis eines Tages …

Zehn erstklassige Schriftsteller aus Afrika, zehn Geschichten, die so fern gar nicht erschienen könne, als dass die wahr sind, zehn Stimmen wider eine vorbestimmte Zukunft. Unter dem Dach der “Stimmen Afrikas“ versammeln sie sich seit einem Jahrzehnt in regelmäßigen Abständen, um ihren Stimmen Ausdruck zu verleihen. Am Ende des Buches haben die Herausgeberinnen Christa Morgenrath und Eva Wernecke eine Chronik dieser Stimmen angefügt. Wenn das nächste Mal ein Plakat mit den Stimmen Afrikas den Blick kreuzt, sollte man stehenbleiben, es lesen und die Veranstaltung besuchen. Die Poesie der Sprache, die unerschütterlich Hoffnung in sich trägt, wird niemals versiegen. Auch nicht im Jahr 2060.

Öl auf Wasser

Journalist Rufus wittert den Scoop. Die Story seines Lebens. Die Story, die ihn berühmt machen wird. Dass im Nigerdelta nur die Gewalt regiert, ist bekannt. Wieder einmal wurde jemand entführt. Doch dieses Mal ist es die Frau eines hochrangigen Mitarbeiters aus der oberen Etage eines Ölmultis.

Die Rebellen, so bezeichnen sich die Kidnapper, fordern Geld, viel Geld und laden zynischerweise auch noch Journalisten ein. Rufus reist mit Zaq in eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Zaq war einmal das, was Rufus vielleicht noch bevorstehen wird: Ein gefeierter Autor einer großen Zeitung. Beide kennen sich von der Journalistenschule, von der Rufus von Zaq für seine herausragenden Leistungen geehrt wurde. Jetzt ist Zaq ein Säufer, ein desillusioniertes Wrack.

Für Rufus ist er aber auch Ratgeber. Nicht die Suche nach der verschwundenen Frau steht im Vordergrund. Die Suche nach dem Was soll Rufus antreiben. Die Frau taucht schon wieder auf. Der Konzern wird schon zahlen. Am Geld wird’s nicht scheitern.

Die Horde Journalisten dezimiert sich freiwillig immer mehr. Bis nur noch Rufus und Zaq übrigbleiben. Schnell finden sie Helfer und Gefährten, die sie im Dickicht der Gefahren in scheinbar sicheres Land führen. Die Ruhe trügt. Ein perfides System aus Korruption, Gewalt und Einschüchterung hält ganze Landstriche in Atem. Wo eben noch das Leben pulsierte, regieren nun Ödnis, Angst und über allem hängt der Gestank des Todes. Wie Captain Willard in „Apocalypse Now“ schreitet Rufus immer weiter voran. Zum Schluss sogar ganz allein. Denn Zaq hat seine letzte Reise bereits angetreten. Willard wusste wen er sucht. Rufus hingegen weiß bis zum Schluss nicht, was er sucht bzw. zu finden droht. Im Reisegepäck hat Rufus außerdem die Erinnerungen. An die Familie, den Vater, die Mutter und die geliebte Schwester.

Helon Habila zeichnet ein düsteres, vor allem aber klares und exaktes Bild einer Region, die fast gänzlich von der öffentlichen Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Kleine Nadelstiche ins welkende Herz des Deltas verschaffen den Menschen zu kurzzeitig Linderung. Große Veränderungen bedürfen größerer Schritte. Dieses Buch ist aber elementarer Bestandteil dieses Kampfes, der niemals vergessen werden darf.

Unter den Udala Bäumen

Ijeoma ist gerade Teenager geworden. Ein Alter, in dem man mit Siebenmeilenstiefeln die Welt erobern kann. Sie kann lesen, schreiben, rechnen – doch von glücklicher Kindheit ist sie weit entfernt. Wieder einmal fallen Bomben vom Himmel. Es ist das Jahr 1968, das Jahr des Umsturzes überall auf der Welt. Das Jahr des Aufbruchs. Aber es war auch das zweite Jahr des Biafra-Krieges in Nigeria. In dem ging es schlussendlich – wie in jedem Krieg – ums Geld. Genauer gesagt ums Öl. Denn das Volk der Igbo, einer der größten Bevölkerungsgruppen im heute nahezu 200 Millionen Einwohner zählenden Nigeria, wurde systematisch vom Ölboom ausgeschlossen.

Bis heute ist es in dem westafrikanischen Land noch üblich ein Kind oder mehrere zu Verwandten oder nahestehenden Familien zu geben. Ijeoma, Igbo wird aufs Land geschickt. Dort lernt sie Amina kennen. Ein Haussa-Mädchen. Muslimin, während Ijeoma christlich erzogen wurde. Die Jahre vergehen und zwischen Ijeoma und Amina entwickelt sich mehr als nur Freundschaft. Beide lieben sich. Doch das geht nun gar nicht in einem Land, in dem Religion, egal welche, wichtiger ist als alles andere. Zwei Mädchen als Paar? Und dann noch ein Muslima und eine Christin? Ijeoma will sich nicht entscheiden müssen, sie will kämpfen. Das heißt aber auch, dass sie und Amina sich tarnen müssen.

Die Zeit vergeht und Amina entzieht sich immer mehr der Nähe Ijeomas. Beide wissen, dass ihre Liebe niemals akzeptiert werden kann. Stärker als Amina fühlt sich Ijeoma aber dadurch nur bestärkt.

Chinelo Okparanta schreibt über eine bisher kaum beleuchtete Seite Afrikas. Zwei Mädchen, zwei Frauen, die sich lieben und doch nicht zueinander finden dürfen. Gegen alle Konventionen, gegen alle Warnungen, wider besseres Wissen leben sie ihr Leben. Die Einfachheit so mancher Tage ist ihnen fremd. Die Autorin lässt Ijeoma und Amina sanfte Hochs erleben und dramatische Tiefs durchschreiten. Zweifel und Angst sind an der Tagesordnung, doch die gemeinsamen Stunden lassen die dunklen Wolken vorüberziehen in einem Sturm des Loslassens.

Verleugnung und Hingabe sind die zentralen Themen Chinelo Okparantas Erfolgsromans „Unter den Udala Bäumen“. Es ist kaum fassbar wie in einer Zeit, in der selbst im verstecktesten Winkel Aufklärung und Emanzipation selbstverständlich sein müssten rückständiges Gedankengut immer wieder auf fruchtbaren Boden trifft. Und das ist bei Weitem kein afrikanisches, im Speziellen nigerianisches Problem! Gleich um die Ecke werden immer noch und immer wieder Samen des Hasses gegen alles, was nicht normal scheint, gesät. Umso wichtiger ist es, das Bücher wie dieses mehr und mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Gesang für die Verlorenen

Kamerun in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Kolonialmächte England und Frankreich versuchen – nach ihren eigenen offiziellen Angaben – das Land in eine gesicherte Zukunft entlassen zu können. Nach ihren Regeln. Doch es regt sich Widerstand. Die UPC, Union der Völker Kameruns, Frontschild im Kampf für die Freiheit will einen raschen und vor allem gewaltlosen Übergang in die Unabhängigkeit. Ruben Um Nyobé – der im Buch wie des Damokles‘ Schwert der verheißungsvollen Freiheit über allem schwebt – ist ihr Anführer. Als die Partei Mitte der 50er Jahre verboten wird, muss er zusammen mit seinen Gefolgsleuten in den Untergrund gehen.

Soweit die Fakten. Hemley Boum fügt der Geschichte eine weitere Geschichtensammlung hinzu. Ein Weggefährte Nyobés ist Amos. Er ist verliebt in Esta, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Denn Esta ist schon einem anderen versprochen. Ihre Tochter Likak, die sie allein erzieht, was an sich schon ungewöhnlich genug ist, ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie hat genauso ihren eigenen Kopf wie ihre Mama Esta. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Dabei bleibt sie immer liebenswert und angenehm offen. Ein Charakter, den man nur selten antrifft. Außerdem ist eine Art Hexe im Geheimbund Ko’ô. Hier treffen sich die Frauen des Ortes, um sich auszutauschen und um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Doch der Frieden in der UPC, im Land und im Dorf ist fragil. Neid und Missgunst sind die erbittertsten Feinde des Fortschritts. Ein Seitenwechsel geht schneller von vonstatten als den Köpfen der Bewegung lieb sein kann. Der schnöde Mammon sorgt für Verwirrungen bei vielen und für Enttäuschungen auf Seiten der Unabhängigkeitskämpfer.

Esta und Amos gemeinsamer Weg ist jäh beendet als die zu viele Kameraden die Seiten gewechselt haben.

Pierre Le Gall ist die Giftspritze im Fleisch der Dorfgemeinschaft. Er sieht den gesellschaftlichen Veränderungen mit Skepsis entgegen. Den Menschen in dem Land, in das er als Unterdrücker kam, traut er wenig bis gar nichts zu. Seine Abneigung zeigt er offen. Seine Taten sind widerwärtig. Doch auch seine Tage sind gezählt.

Ausnahmsweise darf man mal ein Buch mit dem Ende beginnen. Denn hier sind die familiären Verflechtungen der handelnden Familien grafisch in einem Stammbaum dargestellt. Hat man sich mit den außergewöhnlichen Namen angefreundet, liest man sich in einen Rausch, aus dem man nie mehr aufwachen will. Wer mit wem, warum? Ein Höllenritt durch die Geschichte Kameruns und einen echten Freiheitskampf auf allen erdenklichen Ebenen. Erstaunlich wie frei die weiblichen Figuren in diesem Buch sich entfalten. Sie sind die wahren Heldinnen, für die der titelgebende Gesang als Marschmusik erdacht wurde. Sie schreiten stolz und unbeirrt voran. „Gesang für die Verlorenen“ steigert sich mit jeder Seite mehr in ein Geflecht aus Traditionen, progressivem Kampf bis hin zur teilweisen Aufgabe. Das Ende des Buches löst so manches entstandene Problem auf. Nämlich dann, wenn längst verschollene Figuren durch vier Fotografien und einen nicht enden wollenden Brief endlich ihren Frieden machen können und aus den Vergessenen präsente Helden erwachsen.

Das Lachen des Geckos

Not macht erfinderisch. Da übt man auch gern mal einen Beruf aus, dem sich der Rest der Menschheit verweigern würde. Und dabei trifft man sicher auch Menschen, die einen noch ungewöhnlicheren Beruf haben. Und den mit voller Hingabe ausfüllen.

Félix Ventura ist so einer. Er hat einen ungewöhnlichen Beruf, den er mit Hingabe und der ihn mit Genugtuung erfüllt. Félix Ventura erfindet Lebensläufe. Was ist daran so besonders? Seine Kundschaft gehört meist einer sehr angesehenen Schicht an. Man macht was her. Doch die eigene Vergangenheit ist meist so grau wie der Alltag derer, die man beeindrucken will. Einfach nur an ein paar Stellschrauben drehen – damit ist es nicht getan. Wer zu Félix Ventura kommt, braucht Eroberer unter den Ahnen, die mit dem Schwert dem Bösen Paroli boten.

Félix Ventura kann ganz gut davon leben. Denn er ist gut. Wirklich gut, in dem, was er tut. So kreiert er José Buchmann. Fotograf. Kriegsfotograf. Mutter Künstlerin. Lebte und arbeitete rund um den Globus. Und eben dieser José Buchmann kommt nun zum zweiten Mal auf die Welt. Elegant, weltläufig kommt er daher. Doch die Warnung niemals nach Chibia zu gehen – Félix Ventura warnt ihn mehr als eindringlich – schießt er in den Wind. So viel Nonchalance hat ihm der Vergangenheitserfinder ihm nicht mit auf den Weg geben können. Denn in Chibia lauert die ungeschminkte Wahrheit…

Ob der Erzähler auch eine erfundene Vergangenheit hat? Er weiß so ziemlich alles über Félix Ventura. Er sieht ihn ja tagtäglich. Alles, was Félix im Haus tut, bleibt nicht unentdeckt oder unbeobachtet. Denn der Erzähler ist ein Gecko. Ein Tiger-Gecko. Auch er hat eine bewegte Vergangenheit, die mit so manchem Klienten von Félix Ventura teilt…

José Eduardo Agualusa gelingt es mit „Das Lachen des Geckos“ dem Leser eben dieses ins Gesicht zu zaubern. Kein Wort ist überflüssig, jedes Satzzeichen ist ein Ausrufezeichen! Sprechende Geckos bergen in sich die Gefahr albern zu wirken. Dieser Gecko ist ein weiser Gefährte in einer unwirklichen Umgebung. Der Hauptcharakter des Buches ist ein außergewöhnlicher Mann. Ein Scharlatan, so empfindet man ihn ab der ersten Seite. Erst zum Ende muss man sich eingestehen, dass man Félix Ventura Unrecht getan hat. Denn er macht Träume wahr, er öffnet Türen. Und er kennt die Menschen.

Äquatoria

Es muss ein Phantasialand sein, dieses Äquatoria. Ist es aber nicht. Es ist die Region Afrikas, die sich von der Westküste, São Tomé und Príncipe über Kongo, Tansania bis zur Ostküste in Sansibar erstreckt. Ende des 19. Jahrhunderts war es ein Abenteuer hier vor Anker zu gehen. Es war die Zeit der großen Entdecker. Legendär das Treffen von Stanley und Livingstone („Doctor Livingstone, I presume“). Es war die Zeit der widerwärtigen, perversen Neuaufteilung des schwarzen Kontinents. Und in diese Zeit fiel auch die Forschungsexpedition von Pierre Savorgnan de Brazza. Nie gehört? Aber doch wohl schon mal von Brazzaville, der Hauptstadt Kongos? Des „kleinen Kongos“, auch Kongo-B oder Kongo-Brazzaville genannt. Das „große Kongo“, jetzt Demokratische Republik Kongo hieß einmal Zaïre.

Dieser junge Mann, der aus einem nicht am Hungertuch nagenden Elternhaus aus dem Friaul stammte, begegnete auf seiner Expedition unter anderem Albert Schweitzer. Auch seine humanistischen Ideen brachten ihn später dazu die Expansionsbemühungen Frankreichs mehr als in Frage zu stellen. Weswegen seine letzten Aufzeichnungen rund ein Jahrhundert von Staatsseite unter Verschluss gehalten wurden.

Anlass ist der hundertste Todestag des Abenteurers. In Brazzaville, die Stadt die seinen Namen trägt soll das Mausoleum errichtet werden, dass ihm den gebührenden Respekt erweisen soll. Respekt für einen, der Kolonialisierung, Unterwerfung und Versklavung mit zu verantworten hat? Ja! Patrick Deville ist ebenso fasziniert wie abgestoßen von der Person Brazza.

Sein Roman folgt dem Weg, den der italienische Adelige in französischen Diensten einst einschlug. Am Kongo sollte eine Mission eröffnet werden. Es wurde ein Handelsplatz. Wofür? Waren aller Art, aber vor allem Menschen.

Pierre Savognan de Brazza bereiste Gabun, verhandelte mit Königen (Makoko, König der Teke überließ ihm die Stadt, die einmal seinen Namen tragen sollte) und starb im gleichen Jahr wie Jules Verne und nur ein Jahr nach Henry Morton Stanley. Die Zeit zuvor wird von Autor Patrick Deville gewissenhaft auf dem Kartentisch der Geschichte seziert. Parallelen zur Gegenwart sind erschreckend naheliegend und geben den Zeilen den entsprechenden Schwung.

Mit Verve und Detailversessenheit zieht Deville den Leser in eine Zeit, die längst vergessen schien. Er führt ihn an Orte, die wie Zaubersprüche Exotik verheißen. Immer dichter wird der Dschungel der Geheimnisse um Machtgier, Geld und Perversion. Den Zauber kann Äquatoria niemand nehmen. Ein bisschen daran kratzen vielleicht. „Äquatoria“ ist eine Mischung aus Realität und Märchen. Die Fakten sind nachweislich unverrückbar. Die Sprachgewalt lässt Leseraugen leuchten wie damals als zum ersten Mal Hänsel und Gretel ans Ohr drangen. Patrick Deville zeichnet aber kein verklärtes Bild einer romantisierten Welt. Vielmehr ist es eine Rundreise durch das Herz Afrikas.

Tram 83

Keine Bahnlinie, die einem von A nach B bringt. Keine Schunkelkutsche, die den einen Alltag gegen einen andere eintauscht. Wer ins Tram 83 eintaucht, kommt als anderer Mensch wieder heraus. Das Tram 83 ist eine Bar, eine Kaschemme, ein Sündenpfuhl im Nirgendwo des schwarzen Kontinents. Auf nur ein Bier kommt hier niemand vorbei. Die Trostlosen, die Trostsuchenden, die Glücksritter der Verliererstraße trinken hier um die Wette, und sich als Gewinner zu fühlen.

Lucien, der Schriftsteller ist auch hier. Wieder. Wieder in seiner Heimatstadt, am Bahnhof von Requiem empfangen. Der ist einer der Typen, die es nur im Roman zu geben scheint. Ein Gauner mit der Nase fürs Geschäft. Kurzlebig, gerissen, gewissenlos. Doch auch liebenswert, mit männlichen Trieben ausgestattet, dass man ihn dafür pausenlos ohrfeigen könnte. Fragt ein Mädchen im Bus, ob der Platz neben ihm noch frei sei, wird sie erst einmal gemustert und in Gedanken schon mal zur Probe flachgelegt. Was zu einer anderen Zeit eventuell gerade noch so als pubertär durchgehen könnte, ist bei Requiem „normal“. Bezeichnenderweise wohnt er auch noch im Viertel Les Vampires…

Lucien ist also wieder zurück bei Requiem in dieser afrikanischen Großstadt ohne Namen, die ihn einst ohne Vorwarnung ins Leben kotzte. Als Schriftsteller war er immer wieder wegen seiner Schriften Anfeindungen ausgesetzt. Bei Requiem fühlt er sich sicher. Warum, weiß er selber nicht. Denn Requiem kann man nicht trauen, weder im Hellen noch im Dunkeln. Werde bei Tag noch bei Nacht.

Ferdinand Malingeau kreuzt den Weg der beiden ungleichen Freunde. Er ist Verleger aus der Schweiz und mächtig interessiert an Luciens Werk. Dass dies heute noch nicht generell auf Zustimmung stößt, heizt seine Begeisterung für den aufstrebenden Autor noch mehr an. Doch Lucien tappt da in eine Falle! Denn hinter seinem Rücken dealen Ferdinand und Requiem. Dieses verdammte Tram 83. Ist denn hier keiner, der auch nur einen Hauch Anstand in sich trägt…

Fiston Mwanza Mujila führt den Leser gezielt in einen afrikanischen Moloch, der ungeschminkt das Dilemma einer ganzen Generation darstellt. Wenn die Hoffnung – als Letztes – schon längst verwest unter der Erde liegt, bleibt nicht mehr viel übrig, um dem Begriff Hoffnung selbige zu verleihen. Die Dirnen prahlen grußlos mit ihrer Sprachgewalt. Die Kindersoldaten sind frei in ihrer Rohheit und der Alkohol dient schon lange nicht mehr als Ausrede für den Wegfall der guten Manieren. Das Geld regiert hier in seiner pursten Form. Verhandlungen? Pah, was’n das?! Der direkte Weg ist die einzige Schneise im Dschungel der Ungerechtigkeit. Da passt einer wie Lucien eigentlich gar nicht rein. Doch ohne ihn, wäre das Tram 83 nichts, gar nichts, weniger als nichts.

Die Nacht des Baobab

Sie muss weg. Raus aus ihrem kleinen Dorf im Senegal. Europa ist das Licht am Ende des Tunnels, durch den die Reise führen wird. Es wird Belgien, und der Tunnel endet bei Weitem noch nicht in Brüssel.

Ken, so der Name der Erzählerin, unternimmt einen Riesenschritt, den sich viele niemals trauen würden. Wenn man sie nicht dazu treibt. Sie verlässt ihr Dorf, ihre Region, ihr Land, ihren Kontinent … ihre Kultur. Ken ist schlau, deswegen auch das Stipendium im fremden, fernen Europa. Zu ihrem Vater hatte sie nie das typische Vater-Tochter-Verhältnis. Als Oberhaupt der Dorfgemeinschaft war der der Übervater eines jeden einzelnen, jedoch nie der Vater seiner Kinder. Auch Mutter und Tochter konnten kein echtes vertrauensvolles Verhältnis aufbauen. Das, was alle zusammenhielt, war der Baobab. Der Affenbrotbaum. Unter seinem Blätterdach wurden Geschichten erzählt und Schutz gefunden.

Ihr Brüssel sucht Ken nun ihren Baobab. Doch den soll es hier nicht geben. Freunde findet sie schnell und reichlich. Doch die haben andere Intentionen als sie selbst. Wie eine Puppe wird sie herumgereicht. Eine Trophäe spätkolonialistischer Pubertierender. Einer ist homosexuell, von ihm dachte sie, dass er derjenige sein könnte, der …

Ken stürzt sich ins pralle Leben. Clubtouren, Drogen, Prostitution. Ihr Ritt auf der Rasierklinge fügt ihr Schnittwunden zu, doch niemals so tief, dass das Fleisch verletzt wird. Alles nur an der Oberfläche. In Afrika, im Senegal, in ihrem Dorf haben andere gefahren gelauert. Der Rektor, der sie heiraten will, nur um sich an ihr vergehen zu können oder der Lehrer, der sie bittet sein Messer zu schärfen, damit er ihr die Kehle durchschneiden kann – das hat sie stark gemacht. Sie zu einer selbstbewussten Frau reifen lassen. Doch diese reife ausleben, wäre nie in Frage gekommen.

Brüssel, Belgien, Europa bietet ihr diese Chance. Allerdings muss sie ihren Weg weitgehend allein beschreiten.

Ken Bugul beschreibt in „Die Nacht des Baobab“ einen großen Teil ihres eigenen Lebens. Was Fiktion und was Realität ist, wird nicht abschließend klar herausgestellt. Die eindrücklichen Sprachbilder jedoch helfen so manches Schicksal in einem anderen Licht zu sehen. Das Leben in der Fremde ist immer von Geheimnissen umgeben, wird durch die geprägt. Nur so viel preisgeben, dass man weiterkommen kann. Aber niemals die Seele oder gar das Herz offenlegen. Denn dann ist man anfällig für Verletzungen. „Die Nacht des Baobab“ gehört ohne Zweifel zu den reifsten Früchten der literarischen Flora Afrikas.

Riwan oder der Sandweg

Nach Jahren des Exils kehrt eine junge Frau in ihr Dorf in Senegal zurück. Der Serigne regiert hier. Er ist eine Art Ortsvorsteher, Doktor, Alleskönner. Zu ihm kommt man, wenn man gerufen wird oder ein Problem aus der Welt geschafft werden muss. Der Serigne ist geschickt und furchtlos. Er setzt auf die Kraft der Selbstheilung, die er selbst in Gang setzen kann. Ein echter Weiser.

Und der Serigne hat gleich mehrere Frauen. Nicht zwei, drei oder vier … nein mehr als zwei Dutzend. Die junge Frau, die unverkennbar die Züge der Autorin trägt, beobachtet das Treiben in dem abgeschotteten Kosmos ihrer für sie neuentdeckten Heimat. Da ist Rama. Eine sehr junge Frau. Auch sie „gehört“ dem Serigne. Wie alle Frauen verrichtet sie ihre Arbeit und ist zur Stelle, wenn der Serigne ruft. Beziehungsweise sie rufen lässt.

Aber da ist auch Riwan. Er ist die exotischste Figur an diesem exotischen Platz. Ein stummer Zeuge der Gegenwart. Willfähriger Diener, der sich nicht andient, sondern einfach nur da ist. Sein Schicksal ist es hier zu sein. Er genießt weitreichende Privilegien. Er darf dort hin, wo sonst nur der Herr des Hauses, was eigentlich ein Gehöft ist, Zutritt hat. Er richtet nicht, er richtet sich nach Gottes Geheiß. Ein wundersamer Mensch, der so friedvoll sein Leben beschreitet.

Dann ist es eines Tages doch soweit. Auch die namenlose Erzählerin wird vom Sergine erwählt. Sie soll eine weitere Frau im Harem des Meisters sein. Angst hat sie nicht. Sie lebte in Europa, hat viel gesehen, kennt mehr Kulturen als ihr lieb ist. Sie kam zurück, weil die ständige Suche nach Heimat ihre Reserven angriff. Der Serigne weiß um die Weltgewandtheit seiner neuen Frau. Sie stellt aber keine Gefahr für seine Macht dar …

Ken Bugul ist das Pseudonym von Mariétou Biléoma Mbaye und bedeutet „eine, die unerwünscht ist“. So poetisch der Name klingt, so dramatisch die Geschichte dahinter. Sie lebte in Belgien und Benin und war die achtundzwanzigste Frau in einem Harem. Heute ist sie Schriftstellerin und Kunsthändlerin. Die alles erfassende Beobachtungsgabe macht „Riwan oder der Sandweg“ zu einer Schatztruhe voller Einblicke in eine Welt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ihre Heldin verneint nicht die „Vielweiberei“ wie es einst genannt wurde. Das Leben im Harem ist auch nicht primär die einzige Zuflucht aus einem möglichen Leben in Armut und Angst. Es ist essentieller Bestandteil eines Lebens, das man annehmen kann oder man lässt es. Das brachte der Autorin oft und lautstark Kritik ein. Die Frauen des Harems sind weitgehend frei in ihren Entscheidungen. Sie haben immer noch den Sandweg, der sie aus ihrem Alltag herausholt.