Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Welcome to borderland

Über dreitausend Kilometer soll er lang sein, zehn Meter hoch – der Grenzbefestigungswall zwischen den USA und Mexiko. Die Mauer! Das hat der neue Präsident der USA versprochen. Und viele jubelten ihm zu … undwählten ihn. Bis jetzt hat er sein Versprechen nicht eingehalten. Und dennoch gibt es sie, die Mauer. Die Mauer, die das arme Mexiko vom den reichen USA trennt. Nur partiell, dennoch ist sie da.

Jeannette Erazo Heufelder hat 2017 eine lange Reise unternommen. Eine über dreitausend Kilometer lange Reise entlang des Rio Grande, der in Mexiko Rio Bravo heißt – so wie der amerikanische (!) Western. Es ist jedoch nicht nur eine Reise von A nach B gewesen, es ist eine Reise in die Vergangenheit, mitten durch die Gegenwart, die Zukunft ist ungewiss.

Die Autorin schlägt einen weiten Bogen. Von damals als Texas noch zu Mexiko gehörte, Kalifornien Arizona und einige andere Bundesstaaten und Gebiete ebenso. Sie berichtet von Kriegen, von vorsichtshalber angesiedelten Menschen, um sich vor den spanischen Kolonialisten zu schützen, von Alamo, Indianern und dem Freiheitskampf eines Emiliano Zapata und vom Drogenkrieg.

In der Grenzregion zu wohnen ist ein gefährliches Unterfangen. Nur diejenigen, die (oft mehrmalige) tägliche Kontrollen gutheißen, fühlen sich hier sicher. Auf mexikanischer Seite befindet sich die Stadt Mexicali, auf amerikanischer Seite Calexico. Die Nähe zueinander ist nicht zufällig und spiegelt sich nicht nur in der Namensähnlichkeit wider. Vieles, was hier nördlich und südlich der Grenze, die einmal nur durch einen Fußstrich im Sand besiegelt wurde, geschieht, beruht auf historischen Missverständnissen und Kriegen. Der erste Schuss im amerikanisch-mexikanischen Krieg fiel bei den Mexikanern. Dass die Amerikaner bei ihrer Reaktion schon auf mexikanischem Boden standen, wies der Präsident als „fake news“ zurück, wenn er den Begriff zur Hand gehabt hätte.

„Welcome to Borderland“ lässt uns eine Blick hinter über den Zaun und hinter die Mauer werfen. Trostlos und hoffnungsvoll zugleich ist das Leben beiderseits von Borderland. Trostlos, weil es kaum jemals eine Chance geben wird, dass sich an diesem Ort etwas zum Besseren wenden wird. Hoffnungsvoll, weil es trotz all der Repressalien einen nicht enden wollenden Strom von Menschen gibt, die die Grenze tagein, tagaus überqueren. Die Grenzregion auf amerikanischer Seite in und um San Diego erwirtschaftet einen Milliardenumsatz, der sich auch im Staatshaushalt niederschlägt. Würde die Grenze dichtgemacht werden, wäre dieses Loch nur schwer zu stopfen. Und damit wäre wohl auch die Frage geklärt, warum die Mauer immer noch nicht steht…

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Australien – Der Osten

Das andere Ende der Welt übte schon vor Jahrhunderten eine besondere Faszination auf Abenteurer aus. Wer den Traum Australien zu erkunden noch in sich lodern fühlt, weiß, dass er / sie eine Welt betritt, die nicht nur weit weg von zuhause, sondern wahrhaft selbige auf den Kopf stellen kann. Blöd, wenn man dann auf dem neuen Kontinent nicht weiß wo man anfangen soll. Achthundertvierzig Seiten sollten mehr als ausreichend sein wochenlang dreieinhalb Millionen Quadratkilometer einer tiefgreifenden Untersuchung mit stetig steigendem Reisefieber erforschen zu können. Queensland, New South Wales und Victoria – nur drei Staaten? Und die sollen reichen Australiens Osten kennenzulernen? Ja, denn es gibt nur diese drei Staaten. Dementsprechend groß müssen sie sein, und sind sie auch. Allein Queensland ist fünfmal so groß wie Deutschland. Die schiere Größe ist jedoch nicht der Grund, um Australien zu besuchen. Allenfalls ein weiterer. Fakt ist: Wer Australien besucht, will viel sehen und muss sich vorher genau informieren. Denn mal schnell von Melbourne nach Brisbane ist nur mit dem Flieger möglich.

Das herausragende Merkmal dieses Reisebandes sind die kleine Orte, die scheinbar unbekannten Hotspots, die niemand sucht, die den Reisenden jedoch finden. Mornington Peninsula in der Nähe von Melbourne, dort wo Inspector Hal Challis aus den Romanen von Garry Disher das Verbrechen vor sich hertreibt, steht für maximal für Leseratten auf den ersten Plätzen der To-Do-List. Wer an den Stränden (endlos, schließlich ist man in Australien!) sich in der Sonne brät oder das mehr oder weniger kühle Nass genießt, kommt unweigerlich bald an den bunt bemalten bathing boxes vorbei. Es sind solche kleinen Dinge, die einen Australienurlaub so besonders machen. Und für jede Menge „likes“ bei Instagram und ähnlichen Plattformen sorgen. Oder Orte wie Ulladulla. Schon allein wegen des Namens muss man da hin. Nicht nur, wenn man Ursula, Ursel oder Ulla heißt. Zusammen mit Milton bilden diese beiden Orte, die nun wirklich nicht weit voneinander entfernt sind, ein breites Spektrum an Urlaubserlebnissen. Milton, die Stadt mit Geschichte und Bummelparadies und Ulladulla, das Fischerstädtchen, das übersetzt sicherer Hafen bedeutet. Wasser, Strand, Dünen und Boote um es in wenige Worte zu kleiden.

Armin Tima weiß so genau wie kaum jemand anders wie abwechslungsreich, farbenfroh und ereignisgeladen der Osten Australiens ist und auf den Reisenden wirkt. Wohl dosiert gibt er Tipps ohne den Leser zu überfordern und ohne dabei etwas Entscheidendes auszulassen. Ihm kann man vertrauen, bevor der Flieger gen Ende der Welt abhebt. Ist man da, sollte man immer eine Hand freihaben, um nachzublättern, damit auch nichts vergessen wird. Wer weiß, wann man wieder hierher kommen kann. Exzellente Detailkarten sowie die gelb eingefärbten Infokästen mit den Infos, die in illustrer Runde für Erstaunen sorgen, lassen wirklich keine Fragen offen. Und er schaut natürlich über den Tellerrand hinaus. Soll heißen, Ayers Rock. Wer in Australien urlaubt, will, ja muss den berühmten Berg sehen. Der liegt weit im Landesinneren und nicht mehr im buchthematischen Osten des Landes. Doch auch der Autor kommt nicht umhin ein wenig abzuschweifen. Genauso wie Armin Tima dem Leser Platz lässt links und rechts der Routen auf eigene Faust dem Abenteuertrieb freien Lauf zu lassen.

Lesereise Malta

Malta ist nicht groß. Stundenlange Ausflüge enden unweigerlich am Meer. Viel Fels, viel Sonne. … Und viel zu erkunden. Carola Hoffmeister hat das Abenteuer Malta auf sich genommen und eine Insel entdeckt, die ihre Pracht bei genauerem Hinsehen wie selbstverständlich präsentiert.

Viele Herrscher hatten sich hier eine neue Heimat schaffen wollen. Araber, Römer, Normannen, Franzosen, Engländer. Jeder hinterließ etwas. Und von allem ist noch etwas zu sehen. Eine wahrhaft europäische Insel mit darüber hinausgehendem internationalem Flair. Mehr aus Pflicht denn aus eigenem Antrieb besucht die Autorin auch Filmsets. Malta ist das Filmset Hollywoods. Troja, Game of thrones, Popeye, Der Da Vinci Code sind nur ein paar der Filme, die hier teilweise gedreht wurden. Als Guide fungiert einer, der es wissen muss. Als Statist stand er neben Angelina Jolie oder Brad Pitt vor der Kamera.

Gehaltvoller ist da schon ein Besuch bei einer Köchin, die als Autorin schon Preise absahnte. Ihr in die Kochtöpfe schauen zu dürfen ist für Carola Hoffmeister mindestens genauso spannend wie der Besuch in Mdina. Das war bis 1566 die Hauptstadt der Insel. Seitdem ist es La Valletta, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und am Meer liegt und deswegen wohl auch eher als Hauptstadt fungieren kann. Der Ausblick ist einfach schöner… So ganz nebenbei: La Valletta ist 2018 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch zurück nach Mdina, die auch Stadt der Stille genannt wird. Vierhundert Einwohner sorgen dafür, dass diese Stille nicht getrübt wird. Motorenlärm? Fehlanzeige! Nur wer hier wohnt, darf es brummen lassen. Ansonsten ist mal Pferdegetrappel zu hören oder vielleicht ein Hüsteln oder ein Schniefen. Ruhe und Malta – das passt irgendwie zusammen.

Kontrastprogramm Playmobil. Nein, Malta ist schon größer als der Plastik-Spielplatz aus dem Fränkischen. Aber hier werden auch die beliebten Spielfiguren hergestellt. Das Granulat dafür fließt mit rasanter Geschwindigkeit durch Alurohre – wenn Rabat nicht schon die lärmende Schwester von Mdina wäre, würde man sie in der Fabrik vermuten.

Doch Malta ist nicht nur Malta. Drei Inseln gehören zu dem, was allgemein als Malta bezeichnet wird. Malta selbst sowie die kleinen Inselchen Gozo und Comino. Es wird nur eine kurze Stippvisite auf Comino. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Carola Hoffmeister zieht die ruhige Alternative Gozo vor. Ein Hotel zu finden auf Gozo – unmöglich. Zumindest, wenn man Hotel mit Bettenburg gleichsetzt. Die gibt es hier nämlich gar nicht. Dafür ein reichliches Dutzend Dörfer. Und da hat die Autorin einen besonderen Antrieb für sich ausgemacht: In jedem Dorf einmal dinieren. Auch ein Art den Urlaub zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Dieses Buch ist auch etwas ganz besonderes. Mit gelassener Neugier erkundet Carola Hoffmeister ein Inseltriple, das nicht nur auf dem Papier gerade zu fürs Erkunden geschaffen wurde. Überreste aus mehreren Jahrtausenden laden echte Abenteurer ein Geheimnisse zu entlocken. Dass das Paradies sich hier nicht befindet, haben die negativen Nachrichten der vergangenen Monate bewiesen. Ausblenden sollte man diese nicht. Doch darüber hinaus muss man der Insel die Chance geben sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und mit den durchaus misstrauischen Insulanern ins Gespräch zu kommen. Dieses Buch ist dafür mehr als ein erster Schritt.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Die Welt ist blau

Verkehrte Welt. Ursula wartet am Bahnhof. Nicht auf den Zug. Auf ihren Peter. Der ist wieder mal zu spät. Zu sehr in seine Arbeit vertieft. Der Bahnhof ist Treffpunkt, Abfahrtsort, Startschuss in eine unbeschwerte Zeit. Wohin es gehen soll, steht noch nicht fest. Die Welt steht ihnen offen. Egal, welche Farbe sie hat. Nur braun sollte sie nicht sein. Davon gibt es im Juli 1933 schon zu viel.

Die Liebe ist noch frisch. Sie turteln, sie necken sich, starten quietschvergnügt in ihren Urlaub. Ein kurzer Abstecher zu einer ehemaligen Schulkameradin lässt beide noch mehr schmunzeln. Peter fühlt sich von Ursula ein wenig veralbert ob der skurrilen Mausi.

Dann wird’s konkret. Südschweiz, da wollen sie hin. Ins Tessin nach Ascona. Fast schon bella italia. So soll es sein. Der Himmel und der Lago Maggiore stehen im ständigen Wettstreit, wer denn nun das schönste Blau hervorzaubern kann. Ein Blau, dass Peter und Ursula sofort blau werden lässt. Keine Atemnot, vielmehr Verrücktheiten, Ausgelassensein. Die beiden flirten, untereinander und mit anderen. Was Ursula nicht behagt, Peter noch weniger. Das Ausgelassensein schlägt um. Auch das Wetter. Vorbei das Blau. Grau regiert. Von Politik wollten sie von Anfang an nicht reden. Das vermiest nur die Stimmung. Doch die Leichtigkeit, die beide so provokant zelebrierten, die sie sich so sehnlichst wünschten, muss hart erkämpft werden. Will er sich aussprechen, bremst sie ihn charmant aus. Er solle sich besinnen, vielleicht fällt ihm ein anderes Thema ein. Zu guter Letzt sind sich Ursula und Peter aber nah genug, um all die Missstimmung der vergangenen Tage der Vergangenheit generös zu überlassen. Sie schließen den Vertrag von Bignasco. Kindlich verträumt schwören sie darin Offenheit, Einsicht, Freundschaft, ein bisschen Nietzsche und das die Welt Blau sein müsste. Was so flapsig daher gesagt wurde, hat im Kontext der Zeit einen mehr als ernsten Unterton.

Victoria Wolff wurde unter dem Naziregime schnell mit Arbeitsverbot belegt. Ihr Exil im Tessin erlaubte es ihr trotzdem schriftstellerisch tätig zu sein. Die Unbeschwertheit dieses Romans zieht jeden mit. Die Anspielungen auf das, was in ihrer Heimat Deutschland zur gleichen Zeit geschieht, ist offensichtlich und so wunderbar schonungslos, die naiven Liebeleien verzücken, so dass man von Seite Eins an nur noch schmunzelt.

Ein unbeschwertes Buch, das in keiner Weise Reisegepäck beschwert.

Leute machen Kleider

Es ist mittlerweile zu einer Art Volkssport verkommen jedweden Hersteller auf den Zahn zu fühlen. Woher kommt diese Zutat, woher die andere. Werden die Leute fair (was ist das eigentlich: Fair?) bezahlt? Und so weiter und so fort. Eine endgültige Antwort bekommt man nicht. Doch man weiß, dass es zig Zertifikate gibt, die dem Konsumenten – also uns – ein gutes Gefühl geben sollen. Was sie meist auch tun.

Imke Müller-Hellmann geht es nicht anders. Das, was sie auf der Haut trägt, was sie warmhält, sie schützt, sie kleidet, kommt auch von irgendwo her. Doch von wo genau? Das will sie nun wissen. Und sie fragt nach. Und zwar so lange bis sie eine Antwort erhält, die sie ruhen lässt.

Der Anfang des Buches erschafft ein modernes Märchen. Die Autorin sitzt am Frühstückstisch. Alles Routine. Mit einem Mal stehen die Produzenten in ihrer Küche. Die Erdbeerpflücker, der Weizenbauer, der Kaffeepflücker. Sie kommen aus aller Herren Länder, vom Acker um die Ecke bis nach Nicaragua. Natürlich nur ein Traum, eine Idee, ein Gedankenspiel. Vor allem aber der Grundstock für die Recherchen zum Füllmaterial ihres Kleiderschrankes.

Den Slip, den sie trägt kann sie noch ganz gut nachverfolgen. Vom Kaufhaus zum Vertrieb, von da zum Hersteller. Die Kontaktaufnahme ist relativ problemlos. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mütze. Die wird in China hergestellt. Noch. Bald schon in Bayern. Zum gleichen Preis. Erstaunlich, oder?! Aber es funktioniert wohl doch. Den Arbeitsplatz, wo ihre Mütze einmal das Licht der Welt erblickte, kann sie nicht eruieren. Selbst in Deutschland, wo die Mütze versandfertig gemacht wird, kann ihr niemand genauere Auskünfte geben. Es ist selbst den Auftraggebern nicht bekannt, in welcher Fabrik dies geschieht. Und wenn, ist es extrem schwierig einen Interview zu bekommen, geschwiege denn den Arbeitsplatz zu besichtigen. Es sind auch zu viele kulturelle Unterschiede. Gutes Argument, um eigenes Desinteresse zu kaschieren.

Die Weltreise zu den Geburtsstätten ihres Unterhemdes, ihrer Jeans, ihrer Schuhe, ihrer Fleecejacke, ihres T-Shirts führt Imke Müller-Hellmann um die ganze Welt. Dass die Produktionsbedingungen teils unter aller Würde sind, versteht sich bei den teilweise derart niedrigen Kaufpreisen von selbst. Doch dass, sie es tatsächlich schafft die Fabriken, die Hersteller, die Produzenten am Arbeitsplatz zu finden, ist ein Ergebnis, dass Bewunderung verdient. „Leute machen Kleider“ ist sicherlich der einprägsamste Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2018. Eine spannende Rundreise, eine lehrreiche Umrundung der Welt, die wie ein roter Faden durch das Buch führt. Und immer, wenn man nun sein Shirt Made in Indonesia sich überstreift, seine Sneaker Made in China über die Füße zieht, seinen Meanie made in Vietnam auf den Kopf setzt, hat man diese Reise im Kopf. Auch das ist Kapitalismus. Inklusive der viel zitierten Kritik daran.

Eine dieser Nächte

Es gibt Typen, die kann man nur erfinden. Typen, die sich einfach den Tisch setzen und sich permanent und enervierend in jedes Gespräch einmischen. Sie kenne alles und jeden, sind der Nabel der Welt und müssen sich selbiger ununterbrochen mitteilen.

Emma wartet auf dem Flughafen Bangkok auf ihren Flug nach Zürich. Ihr fällt Bill nicht auf. Bill fällt über jeden herein, der sich in Hörweite und darüber hinaus aufhält. Das Smartphone am Ohr festgeklebt, brüllt er unaufhaltsam Unwichtiges in den digitalen Äther. Ein typischer Amerikaner. Sicher ein Sextourist. Emma ertappt sich dabei diesen unappetitlichen Typen sofort zu typisieren, zu stigmatisieren. Genauso geht es anderen Passagieren. Das Vorurteil des Sextouristen haben sie alle sofort im Kopf.

Doch es kommt noch schlimmer: Emma hat einen Fensterplatz ergattert. Der Mittelsitz bleibt frei. Doch dann kommt schon … Bill. Chic wie ein Krabbeltisch beim Discounter, laut wie ein Megaphon, verschwitzt wie triefender Schwamm. Und dieser Schwamm sondert nun seine gesammelten Weisheiten ab. Vom Zuhause in .. wo war das gleich? Kansas? Auch das schwule Pärchen ein paar Reihen weiter kann dem Dampfplauderer nicht entgehen. Und gerät darüber hinaus in Streit.

Das kann ja heiter werden. Endlose Stunden und endloser Weite und stockfinsterer Nacht, die nicht einmal das Sternenlicht als Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Ein Johnnie Walker jagt den nächsten und Bill kann einfach nicht aufhören zu erzählen. Nixon, Vietnamkrieg, Kindheit … ein endloser Schwall an nutzlosem Zeug fließt unaufhörlich aus seinem schwulstigen Mund.

Es ist eine dieser Nächte. Der Urlaub ist vorüber. Unweigerlich steht die Heimreise an. Die Erinnerungen der vergangenen Tage sind noch frisch, im Gegensatz zu einem selbst. Der Alltag hat einen noch nicht wieder eingeholt, doch steht er schon mit schwingender Sense in Sichtweite und verbreitet bereits in leichtem Grau die Zukunft. Da müsste man doch für jede Ablenkung / Abwechslung dankbar sein. Müsste man. Wenn diese Ablenkung nicht gerade Bill heißt und fortwährend die eigenen Stimmbänder und die Gehörgänge der unfreiwilligen Zuhörer malträtieren würde.

Christina Viragh leiht den Stimmen der Boeing 777 ihre Augen, ihre Ohren. Und ist ihr Sprachrohr an die, die erfreulicherweise nicht an Bord sein können bzw. müssen. Bill ist ein echtes Scheusal. Asozial im wahrsten Sinne des Wortes, wobei er sich selbst als das sozialste Wesen unter Gottes Sonne wähnt. Er ist der, der die Unerträglichkeit der Langeweile auf einem Langstreckenflug hinwegzaubern kann. Doch Bill redet nicht wie ein Wasserfall, um zu unterhalten und die Langeweile zu bekämpfen. Er redet, weil er es kann. Doch nicht alle sind damit einverstanden und so werden einige zu Kämpfern. Und nicht jeder Kampf endet gut und bekommt nicht jedem gut…