Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Unterwegs in meinem Apulien

Es gibt viele Sehnsuchtsorte über die es sich lohnt zu berichten. Und zwar genauso viele wie es Touristen gibt. Ingeborg Gleichaufs Sehnsuchtsort heißt Apulien. Gleich mehrere Jahre hintereinander verbrachte sie vor über zwanzig Jahren jeweils gleich mehrere Wochen im Süden Italiens. Familienurlaub und somit noch um einiges wertvoller als andere Urlaubsarten. Vor einiger Zeit gab sie dann endlich ihrer Sehnsucht nach und bereiste Apulien noch einmal.

Was wird sich wohl verändert haben? Auf alle Fälle nicht die Art der Vorbereitung. Die wichtigsten Eckpunkte standen schon vor Reiseantritt fest. Doch nicht allzu sehr in die Tiefe gehend. Denn dann würde ihr nicht mehr viel Raum für Neues bleiben.

Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass er hier keinen weiteren reiseband in den Händen hält. Ingeborg Gleichauf gibt zwar hin und wieder Tipps, wo man sich gern niederlassen könnte, um der köstlichen apulischen Küche zu frönen, doch nur mit diesem Buch im Gepäck Apulien zu erobern, wäre zutiefst frevelhaft.

Als Einstimmung nimmt die Autorin den Leser mit auf das Castel del Monte. Das achteckige Bollwerk, das dem Kopf Kaiser Friedrichs II. entsprang ist das gegensätzlichste Monument der Region. Ein Ort der Ruhe wegen der extrem dicken Mauern und zugleich ein Ort voller Lebendigkeit. Denn Kinder und Burgen – das kann nicht leise vonstattengehen. Zudem befindet man sich innerhalb eines echten Nationalmonumentes. Wer schon mal ein italienisches Ein-Cent-Stück in den Händen hielt, erkennt das Gemäuer sofort.

In einem Reiseband hat Ingeborg Gleichauf gelesen, dass Apulier nicht gerade offen auf Fremde zugehen. Zurückhaltung liegt ihnen näher als Offenherzigkeit. Pah, da kann sie nur drüber lachen (so auch über so manchen engstirnigen Deutschen, der dialektbeseelt am Morgen seine Brötchen kaufen will, köstlich). Vincenzo ist der lebende Beweis, dass das Vorurteil komplett falsch ist und wahrscheinlich einer einzigen, nicht repräsentativen Begebenheit zugrunde liegt. Kaum angekommen, fühlt sich Familie Gleichauf als Familienmitglied einer apulischen Gemeinschaft.

„Unterwegs in meinem Apulien“ hält, was es verspricht. Über einhundert Seiten höchstpersönlicher Eindrücke, die Essenz mehrerer Reisen in den Süden Italiens, dort, wo die Sonne erbarmungslos brennt, das Meer in kitschigem Blau erstrahlt und die Mahlzeiten auf den Tellern an Frische kaum zu überbieten sind. Als Reiselektüre immer wieder anregend und ein Erinnerungsstück nicht nur für die Autorin.

99x Rheingau

Für alle, die noch nicht wissen sollten: Folgt man dem Sonnenuntergang von Mainz aus gelangt man unweigerlich in den Rheingau. Enthusiasten und Fans dieser Region sagen, wenn‘s am schönsten ist, ist man da!

Sabine Fladung und Lydia Malethon können dieser Behauptung nur zustimmen, denn sie sind Kinder dieses Landstriches. Ihre Begeisterung für ihre Heimat teilen sie in diesem Buch, das auf den ersten Blick knapp einhundert Orte, Dinge und wissenswerte Infos für den geneigten Rheingau-Neuling, aber auch für ausgefuchste Rheingau-Experten parat hält. Wer sich jedoch in dieses Buch vertieft, entdeckt den einen oder anderen Punkt mehr, so dass aus neunundneunzig Tipps ganz schnell hundert, hundert und ein Dutzend … Hinweise werden.

Schon gleich der erste Punkt ist nichts, was man anfassen kann. Nichts zum Herumwandern. Es ist die Geschichte des Freistaates Flaschenhals. Was nach einem Werbegag einer Brauerei klingt, war tatsächlich einmal Realität. Nach dem ersten Weltkrieg zeichneten die Siegermächte auf der Landkarte ihre Einflussgebiete auf. Mit dem Zirkel. Der kann bekanntlich keine Ecken zeichnen. Und so ergab sich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zwischen Lorch und Kaub. Es gab eigenes Geld, jedoch reichte das Land nicht, um seine Bewohner zu ernähren. Der Schwarzmarkt florierte. In Nacht- und Nebelaktionen wurden schon mal Kühe von A nach B, bzw. in oder aus dem Freistaat geschafft. Vier Jahre hielt die scheinbar heile Welt. Frankreich besetzte das Gebiet und dem Flaschenhals wurde der Kronkorken der Grande Nation aufgesetzt.

Dass der Rheingau weltoffen ist, beweist die Tatsache, dass das Bermudadreieck ebenfalls hier liegt. Was? Die beiden Autorinnen erlauben sich die Anleihe und schreiben über das kulinarische Bermudadreieck. Kronenschlösschen, Zum Krug und Adlerwirtschaft bilden die Eckpunkte dieses lukullischen Gebildes, das in der Mathematik und Physik als stabilste geometrische Verbindung gilt. Gediegen, gehoben, sternprämiert. Und immer lecker! Was hilft es davon zu reden oder darüber zu schreiben – Mund auf, Gabel rein und genießen.

Um nicht komplett schon vor einer Reise in den Rheingau alles zu verraten, sei an dieser Stelle angeraten, dieses Buch noch vor allem anderen ins Reisegepäck gehört. Sabine Fladung und Lydia Malethon haben nicht nur den Rahm der Region abgeschöpft, sondern sind tief in den Schmelztiegel Rheingau hinabgestiegen. Neben nützlichen Informationen verführen die beiden den Leser mit so mancher Anekdote. Die günstige Lage des Rheingaus in der Mitte Deutschlands erlaubt jedem mal schnell einen kleinen Abstecher nicht nur zum Weingenuss zu tätigen. Und mit diesem Buch von Kennern wird man selbst schnell zum Fan.