Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Marrakesch

Schon mal einem Besessenen gegenüber gesessen? Keine Angst, dieser hier beißt nicht. Er pflanzt nur eine Sehnsucht in Ihre Gedanken. Und das ist ausschließlich positiv gemeint. Jalid Sehouli, wobei das J in Jalid wie ein CH gesprochen wird – warum wird im Anhang so wunderbar erklärt – ist in Berlin geboren, hat durch seine Eltern die marokkanischen Wurzeln nie verleugnet.

Und jetzt lässt er sie sprießen. Marrakesch trägt die Sehnsucht irgendwie schon im Namen. Ein mystischer Ort? Nicht unbedingt. Ein sagenumwobener Ort? Schon eher, aber das trifft es auch nicht exakt. Ein bunter Ort? Oh ja! Und wie!

Djemaa el Fna ist der zentrale Platz in der roten Stadt, wie Marrakesch auch genannt wird. Der Platz der Gehängten, was nicht ganz korrekt übersetzt ist, denn eigentlich ist es der Ort der Rechtsprechung oder die Versammlung der Toten. Lässt man alle Vorurteile mal beiseite, kommt man der wahren Bedeutung schon auf die Spur. Oder man fährt selbst nach Marrakesch, was der einzige Ausweg ist, dieses Buch vollends zu verstehen.

Die zahlreichen Geschichten, die Jalid Sehouli, heute Ordinarius der Charité in Berlin, sind ein Füllhorn an Emotionen, Träumen und Sehnsüchten, die in ihrer Buntheit, Unterschiedlichkeit und Bandbreite so eindrucksvoll von der tausendjährigen Stadt erzählt werden. Ihnen entkommt man nicht!

Wie ein roter Faden – da ist es wieder das Rot Marrakeschs – zieht sich auch die Sehnsucht nach Pastilla. Dem Leibgericht des Autors. Wie man es zubereitet, das ist die Belohnung für seitenlanges Lesen und Gedulden. Denn am Ende des Buches lüftet er ein paar Zubereitungsgeheimnisse dieses Gerichtes. Viele waren selbst ihm zuvor noch nicht bekannt. Doch wie „im richtigen Leben“ beginnt eine Reise schon mit dem Gedanken an selbige.

Jalid Sehouli zu folgen ist eine wortgewaltige Freude. Jeder Absatz kündet von einem Abenteuer, das man gern mit dem Autor zusammen erleben möchte. Er ist kein Reiseführer, er ist ein ReiseVERführer. Man stelle sich vor, dass man wie zuvor schon beispielsweise Truman Capote, die rote Stadt besucht. Man atmet den Duft der Gewürze ein, stöhnt über die bis tief in die Abendstunden hinein wirkende Hitze, folgt den Staubwolken des Alltags und hat dieses Buch zur Hand. Eine Befriedung der schlechten Gedanken, eine Bestätigung dessen, was vor Reiseantritt alles getan wurde. Marrakesch ohne Jalid Sehoulis Buch, ist wie ein Schnitzel im Dschungel. Möglich, aber unvorstellbar.

Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Ein wunderbarer Titel, mit dem man so wunderbar spielen kann. Nein, es geht nicht um LKW, es geht um das Laster. Und das mitten in Berlin. Die Goldenen Zwanziger waren kalendarisch vorbei als Curt Moreck 1931 diesen Reiseband schrieb. Hätte er da schon gewusst, dass die Nazis ihn mit Berufsverbot belegen und seine Bücher verbrennen würden, wäre dieses Buch garantiert kein Führer geworden. So wurde es ein anderer…

Das Buch wurde nicht überarbeitet – darf man heutzutage eigentlich Bücher mit Tipps für den „Fremdenverkehr“ so ohne weiteres veröffentlichen? – und somit sind einige der Lokalitäten, jeder weiß mittlerweile worum es geht, vielleicht nicht mehr am selben Ort bzw. in der Mehrzahl einfach verschwunden.

Also nix mehr mit ‘nem Fuffziger für ‘ne Bockwurst mit Kartoffelsalat wie einst im Alt-Mexiko zur frühen Morgenstund. Katerfrühstück uff berlinerisch. Wer das heute googelt, landet erstmal bei Antiquariaten und dann bei einem Restaurant.

Das deutsche Babylon 1931 lautet der Untertitel. Naja, ganz so dramatisch ist der Inhalt dann auch wieder nicht. Spelunken und Kaschemmen geben sich ein Stelldichein, leichte Mädchen locken in kecken Posen den nächsten Gast heran. Und über achtzig Jahre später ist der Reiseband immer noch lesenswert. Curt Moreck schreibt mit derartiger Vehemenz und Lebendigkeit, dass einem schon nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass mittlerweile der historische Wert den Informationsgehalt weit überholt hat.

Sich neppen lassen, war damals schon ein Problem. Klar, freier Eintritt ins Varieté. Da lässt man sich nicht zweimal bitten. Doch an der Garderobe oder bei der Begleichung der Rechnung trifft den Gast der Schlag.

„Jeder einmal in Berlin!“ war der Slogan des Berliner Fremdenamtes. … Den Spruch muss man erstmal sacken lassen. Was einmal?! Nur einmal! Da ist sie wieder die gaggernde Masse, die sich bei dem Begriff lasterhaft vor Lachen in die Hosen macht. Heute würden sich die Tourismusmanager und Projektleiter und Hostessen (der Begriff ist heute allerdings ganz anders belegt) mit so einem Slogan gleich die Kündigung abholen. Is so überhaupt nicht political correct!

Trotz all der Wendungen und Wandlungen der vergangenen Jahrzehnte sind Bücher wie dieses immer noch eine Offenbarung. Mit einem vielsagenden Schmunzeln gräbt man sich durch die Kiezkneipen und Etablissements von vor Jahrzehnten. Und garantiert kommt man schnell ins Gespräch, wenn man dieses Buch in der U-Bahn liest. So ein Buch erzeugt Aufmerksamkeit. Auch deswegen sollten viele Hotels in Berlin dieses Buch zumindest zur Ausleihe anbieten. Jede Großstadt, jede Metropole hat ihre dunklen Seiten und Ecken und Zeiten. Es ist gut so, dass man heute ruhigen Gewissens mit einem Schmunzeln solche alte Reisebände noch findet und lesen kann. Pädagogisch hält sich der Erkenntnisschatz im Rahmen, aber der Unterhaltungswert liegt um ein Vielfaches höher als bei der Erstausgabe.

Paris abseits der Pfade, Band II

Kann man das Besondere noch besonderer machen? Ist nicht schon alles über Paris geschrieben worden? Ist die Stadt nicht ein offenes Buch? Nein! Man mag es kaum glauben, aber im Überfluss der Parisbücher gibt es immer wieder grelle Lichtquellen, die die Massenproduktion über die Stadt der Lichter, die Stadt der Liebe in den Schatten stellen.

Zwei Jahre ist es her, dass Georg Renöckl den ersten Funken in den Orbit der besonderen Paris-Bände entsandte. „Paris abseits der Pfade“ war der ambitionierte Name, der das Versprechen des Titels auf jeder Seite hielt. Nun folgt Band Zwei. Fortsetzungen haben immer den Beigeschmack, einen Erfolg auf Teufel-Komm-Raus ewig in die Länge zu ziehen. Georg Renöckl schafft es scheinbar spielerisch diesem Trend mit Inhalt, Spannung und wahrer Detailverliebtheit ein Schnippchen zu schlagen. Denn auch der zweite Band (wie schon bei den beiden Wien-Büchern der Reihe, Georg Renöckl schuf den zweiten Teil) wird selbst Paris-Kenner in Erstaunen versetzen.

Schon allein die Auswahl der Viertel, die er unter die Lupe nimmt, verheißen Paris par excellence: Saint Germain des Près, Montmartre, Bois de Boulogne. Das ist Paris! Das ist es, was der geneigte Paris-Besucher sehen will. Und das bekommt er auch. Doch eben nicht die Wegbeschreibungen zum nächsten Shoppingtempel oder der nächsten Würstchenbude. Nein, Georg Renöckl schlendert mit geschärften Sinnen durch die „besseren Viertel“, um dem Schmelztiegel Paris beim Verknüpfen von Vergangenheit und Gegenwart zu einer Zukunft zuzuschauen. Und immer mit dabei: Der Leser.

„Auf diskreten Wegen durch den goldenen Pariser Westen“ heißt ein Kapitel, das das Anliegen des Buches am besten widerspiegelt. Villen prägen das Panorama, das den Besucher empfängt, wenn der die Metro an der Station La Muette verlässt. Etwas mehr als eineinhalb Jahrhunderte ist es her, dass die Bewohner von Ateuil und Passy sich als Pariser bezeichnen dürfen. Napoleon III. hatte das Ruder fest im Griff (naja, was man halt landläufig als „fest“ bezeichnet) und Haussmann befehligte eine Armada von Baugeräten. Hier lässt es sich aushalten. Wer im sechzehnten Arrondissement lebt, genießt tagtäglich die Aussicht auf das Paris der Hochglanzprospekte. So der erste Eindruck. Doch hier gibt es noch mehr. Die Vergangenheit mit den mehrstöckigen, effektvoll verzierten Häusern fällt einem immer wieder ins Auge, das Museum Marmottan lädt zum Verweilen ein (inkl. Monet), doch dann stürzt die Gegenwart mit ihren Zukunftsplänen das verträumte Auge mitten in die Realität. Der moderne Wohnungsbau mit all seiner Phantasielosigkeit türmt sich vor einem auf. Auch das ist Paris. Kleine Grünanlagen besänftigen sofort wieder das Gemüt, bevor die Reise kurz für Lapin à la moutarde unterbrochen werden kann. Das Rezept hat Georg Renöckl für die „Daheimgebliebenen“ gleich mit abdrucken lassen.

Victor Hugo bezeichnete das Flanieren als pariserisch. Georg Renöckl führt diese Aussage weiter und breitet nun schon zum zweiten Mal den roten Teppich als Beweis selbiger für den Parisgast aus. Auf ihm im Blitzlichtgewitter der Stadt zu schreiten, ist ein Wohltat für jeden einzelnen Sinn.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Lesereise Korsika

Auf und Ab – das ist Korsika. Nicht nur geographisch, denn die viertgrößte Insel des Mittellmeeres ist ein echtes Kraxelparadies. Nein, auch politisch ist die Insel ein Pulverfass, an deren Lunte des Öfteren immer mal wieder gezündelt wird. Susanne Schabers Lesereise Korsika ist ebenso aufgebaut.

Neben bezaubernden Naturbeschreibungen und Portraits der Menschen, die diese Landschaft prägen, schreibt sie auch vom blutigen Kampf der Korsen um Anerkennung und Unabhängigkeit.

Der kleine Korse, der einmal zum großen Franzosen wurde, ist auf der Insel nicht so sehr anerkannt wie landläufig angenommen wird. Denn als er den Thron Europas erklomm, war seine Herkunft kein Thema mehr.

Und dann wieder Traditionspflege, die in einem in Gedanken schon die Koffer packen lässt. Da liest man dann von Kastanienbäumen, die hier auf der Insel so bedeutsam sind. Jede gute Korsin muss beweisen, dass sie dutzendfach die Früchte verarbeiten kann.

Hotels und Tourismus sind wichtige Einnahmequellen Korsikas. Denn wer einmal hier war, kommt oft wieder. Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen gehören zu den elementaren Eigenschaften, die man benötigt, um Erfolg zu haben und dem Gast unvergessliche Tage und Wochen bereiten zu können. Das ist nicht immer einfach, doch lohnenswert. So wie Madame Dalakupeyan. Ihr Hotel ist äußerlich vielleicht nicht das durchgestylteste. Doch eines der am liebevollsten geführte. Susanne Schaber lässt sich vom Charme der Inhaberin und ihres großen Traumes aus Stein verzaubern und zieht dabei den Leser in eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Was gehört sonst noch in ein Buch, das ein Reiseziel emotional in den Fokus setzen möchte? Ein wenig Geschichte gefällig? Keine Räuberpistolen, sondern stolze Recken, die den Ungerechtigkeiten der Besatzer die Stirn bieten und ihr Herz mit der Faust präsentieren.

Dass auf Korsika fürs leibliche Wohl exzellent gesorgt wird, versteht sich von selbst. Doch Susanne Schaber schreibt das nicht einfach nur auf. Sie macht Appetit auf die Insel und ihre kulinarischen Eigenheiten. Als Insulaner ist man auf das angewiesen, was Mutter Natur zur Verfügung stellt. Zumal man sich ja nicht vom Festland abhängig machen will. Da ist sie wieder, die tiefe Kluft zwischen dem zentralistischen grand frère und dem rebellischen Corse. Als Besucher bekommt man davon nur vereinzelt etwas mit. Vielmehr umarmt einen die Gastfreundschaft mit voller Wärme und Herzlichkeit. So wie dieses Buch unerlässlich ist, bei einem Besuch der Insel, genauso tief und ehrlich empfunden sind die Geschichten in ihm. Einhundertzweiunddreißig Seiten voller Leidenschaft und Bewunderung für eine Insel, die im Zwiespalt sich erhoben hat, um im Europa anzukommen.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.