Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.

König der Hobos

Über dreißig Jahre ist es her, dass in Whitesnakes „Here I go again“ das Wort Hobo vorkam. Sie mussten es allerdings im Zuge einer Hetzkampagne gegen Rockmusik, angeführt von Pippa Gore, der Frau von Al Gore, das Wort Hobo durch Drifter ersetzen. Hobo klang zu sehr nach Homo. Und das ging natürlich gar nicht!

Hobos sind die letzten wahren Helden Amerikas. Sie streifen durch ihr Land auf der Suche nach einem bisschen Glück. Ach klingt das romantisch! Ihr Glück ist nicht das Glück der Anderen. Sie schürfen nicht nach Gold, um mit Mitte vierzig im Schaukelstuhl körperlich und nervlich am Boden dem eigenen Sonnenuntergang entgegen zu sehen. Sie drehten sich einmal in ihrem Leben um, und dann nie wieder. Wer sie sieht, (er)kennt meist nur ihre Rückansicht.

Der amerikanische Traum – was ist das überhaupt? Schnell viel Geld scheffeln? Dann sind Hobos keine Amerikaner! Endlos die Freiheit genießen? Dann sind Hobos die Archetypen des Amerikaners.

Fredy Gareis hat sich unters Volk gemischt und ist dem Mythos Hobo auf den Grund gegangen. Denn es gibt sie noch, die Männer und Frauen, die auf Zügen mehrere tausend Kilometer quer durchs Land fahren, ohne dabei auch nur einem einzigen Fahrkartenkontrolleur Rechenschaft ablegen zu müssen. In einem Land, in dem die Angst vor allem Fremden so ausgiebig zelebriert wird, kein einfaches Unterfangen. Die Strecke von Küste zu Küste, von Berg zu Berg, von Strand zu Strand hat einen entscheidenden Vorteil: Keine Grenzen. Keine Sprachbarriere stört das Vorankommen.

Hobos haben natürlich Namen. Und genauso natürlich haben sie diesen abgelegt. Ihre Herkunft und ein kurzer, schmissiger Name müssen als ID reichen.

Fredy Gareis hat es nicht einfach aufgenommen zu werden. Die Hobos bleiben lieber unter sich. Sie haben ihre eigenen Rituale, die sie ungern nach außen transportiert sehen möchten. Wer weiß schon von der Hobo-Queen-Wahl? Fredy Gareis trifft bei seiner Erkundungstour sogar eine Frau, die diese Wahl schon fünf Mal gewonnen hat.

Es ist wohl eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. So zu leben und das Leben zu lieben, dass es keiner Norm mehr entsprechen kann. Vagabunden, Ausgesetzte, Widerwillige – es gibt viele Bezeichnungen, die man für das „fahrende Volk“ finden kann. Doch nur ein echter Hobo kann dem Leben „da drinnen“ die kalte Schulter zeigen und seinem Leben „da draußen“ etwas Wärmendes abgewinnen. „König der Hobos“ ist ein Reisebericht wie es nur noch wenige gibt. Ein bisschen Mark Twain, eine Brise Ernsthaftigkeit und Bitternis, aber vor allem ein breites Lächeln sind die Mischung, die dieses Buch einen echten Schatz werden lassen.

Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland

Schaurig-schöne Geschichten umranken so manche Burg, ausgewählte Kapellen, Maare und ganze Landschaften. Wer sich gruseln will, vollführt an diesen Orten wahre Freudentänze. Wobei dies sicherlich auch nicht die richtige Weise ist, diesen Orten Tribut zu zollen. Hauptsache, es laufen einem Schauer über den Rücken – auch wenn es nicht regnet.

Hennig Aubel hat für diesen gewichtigen Band Orte gesucht, gefunden und detailreich aufgearbeitet und dabei wohl einen der ungewöhnlichsten Reisebände für und in Deutschland erstellt. Kloster Oybin im Zittauer Gebirge ist vielen von den Gemälden Casper David Friedrichs ein Begriff. Doch hier oben, wo man bei Sonnenschein den weitläufigen Ausblick bis in benachbarte Tschechien genießen kann, knackt es bis heute im Gehölz, wenn der Wind durch die Landschaft weht. Ein bisschen romantisch verklärt wurde das Gemäuer. Doch auch ohne große Anstrengungen kann man sich leicht ein Bild davon machen, wie man hier das Fürchten lernen kann. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts – während der Hussiten-Aufstände und –kämpfe wurden hier die Schätze aus dem Prager Veitsdom „zwischengelagert“.

In der Eifel brodelt es bis heute ab und zu. Und die Erde bebt. Doch selbst wenn die Hinterlassenschaften der Tektonik besonders aus der Luft sehr idyllisch anmuten, so ranken sich bis heute Legenden um das Weinfelder Maar in der Nähe von Daum. Feuer und Wasser haben hier eine einzigartige Landschaft geschaffen, die wegen der konstant niedrigen Temperaturen und der tiefblauen Farbe des Wassers, Schwimmern das Planschen vermiesen können, aber auch schon seit Ewigkeiten Mythen kreieren. Sogar ein Schloss soll in den Strudeln versunken sein.

Und wer an den Starnberger See denkt, denkt doch nicht an faulen Zauber. In der Pollingsrieder Kapelle bei Seeshaupt kann einem dann doch anders werden. Vier Brunnen sind noch zu sehen, einer soll unter der Kapelle noch existieren. Zusammen ergeben sie ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels. Und das mitten im katholischen Bayern!

Alle in diesem Buch vorgestellten Orte, vom sagenumwobenen Kyffhäuser über den eiskalten Funtensee bis hinauf nach Prora, wo die Nazis ihr dunkles geheimnisumwittertes Monumentalbauwerk in die Dünen wuchteten, sind von einer Aura umgeben, der man Glauben schenken darf oder sich einfach an ihr ergötzt. Hennig Aubel ist es zuzuschreiben, dass man nun nicht mehr achtlos an so mancher „Bauruine“ vorbeischlendert, sondern sich ihrer Geschichte ein wenig erfreuen kann. Und ein wenig Grusel hat ja noch niemandem geschadet…

Grado abseits der Pfade

Städtetouren haben immer das Image, dass es bei oberflächlicher Betrachtung hektisch werden könnte. Straßenlärm, geschäftiges Markttreiben, eine lautstarke Glocke von Stimmenwirrwarr deckt die Passanten ein. Da wünscht man sich einen Ort ganz in der Nähe herbei, der ein wenig Kontrast, ein wenig Abwechslung bietet. Nun ist beispielsweise Triest sicher keine Stadt, in der man im Wust der Masse unterzugehen droht. Dennoch hat sie ein Kleinod „vor den Toren“, dass sich das Prädikat „besonders erholsam mit allen Sinnen“ redlich verdient. Die Rede ist von Grado.

Michael Dangl kennt die Sonneninsel, die auch gern die Goldinsel genannt wird, am äußersten Rand des Golfs von Venedig wie seine Westentasche. Und so plaudert er ein wenig über seine Sehnsucht. Keine zehntausend Einwohner, dafür voller Geschichten und reich an Hinguckern links und rechts der Pfade.

Eine Insel im Meer, eine Insel nah am Festland, eine Insel zum Verlieben. Wenn die Fischer ihren Fang anpreisen, wird die Straße der Fischer, die Via Dandolo, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In der Bar Manzoni genießt man die Tramezzini wie sie traditioneller nicht sein könnten. Und das alles in Ruhe, ohne Straßenlärm. Denn Straßen gibt es hier nicht. Nur ein wenig weiter haben die Fischer des Ortes ihre Bar gefunden und plaudern bei dem einen oder anderen cubi, was anderswo als Weinschorle bekannt ist.

Klingt schon sehr nach Erholung und Ruhe. Im Buch ist es gerade mal das erste Kapitel, das man geschafft hat. Und es schafft neue Sehnsuchtsräume, die gefüllt werden wollen.

Es ist wahrhaft ein außergewöhnliche Reiseziel, diese Insel Grado.. Und Michael Dangl ist der passende Reiseleiter. Auch wenn seine Tipps auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken mögen. Zum Beispiel empfiehlt er einen Nachmittagsspaziergang auf der Friedhofsinsel La cove bei großer Nachmittagshitze zu beginnen. Über die Brücke der Maulbeerbäume schlendert man über einen beruhigten und beruhigenden Ort. In der Nase mal schwächer, mal stärker der Duft von Oleander. Was wie ein Filmtitel klingt, begleitet einen den ganzen Tag.

Selten zuvor wurden Reiseimpressionen und Reiseband so eindrucksvoll wie hier zusammengeführt. Michael Dangl wandert nicht durch eine Stadt, die ihre Schätze offendarlegt, sondern legt die Juwelen einer Stadt frei, die erobert werden will. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht weiß, wo anfangen und wo lang schreiten. Michael Dangls Buch schmeichelt allen Sinnen und führte jeden, der dieses Buch intensiv liest an Orte, die er ohne das Buch nie gefunden hätte.

Quer durch Wien

Peter Payer reist mit allen Sinnen durch Wien. Doch er vermeidet es im Überschwall der Eindrücke einen weiteren Wien-Reiseband auf den Markt zu werfen. „Quer durch Wien“ ist keine Anleitung zum Hotspot-Suchen oder eine Geheimtipp-Anleitung für die Donau-Metropole.

Es sind die Dinge, die einem erst auf dem zweiten, vielleicht sogar erst dritten Blick auffallen, die ihn antreiben. Vieles fällt selbst Wien-Experten erst beim Lesen dieses Buches auf. Wie zum Beispiel die Anzahl an öffentlichen Uhren. Man ist es ja schon gewöhnt immer auf der Höhe der Zeit zu sein, sein zu müssen. Selbst auf Reisen sind Stunde und Minute für viele der Gradmesser an Erholung und Erfahrung. Wie viele Attraktionen kann ich bis zur nächsten Mahlzeit abarbeiten etc.? Nein, Peter Payer ist wahrhaft kein Sammler von Eindrücken, die Postkartenqualität haben.

Doch wer gerade Wien sich als Objekt der Begierde erwählt hat, wird so manches entdecken können, das Wien von anderen Städten unterscheidet. Die Geschichten, die dahinter stehen, sind es dieses Buch zu einem wahrhaften Schatz anwachsen lassen. Eine ruhige Viertelstunde auf einer Parkbank. Die Seele baumeln lassen und ein wenig in diesem Buch schmökern. Die Kapitel sind nicht lang, laden geradezu ein, sich inspirieren zu lassen. Da kann man gut und gerne mal ein paar Tage Wien erleben und dabei ganz vergessen, dass es grandiose Attraktionen en masse gibt. Doch die will jeder sehen. Jeder muss da hin. Und jeder steht in der Warteschlange vor einem.

Peter Payers Reisen durch Wien sind wie gemalt für Andersreisende. Ob Paternoster oder Gartenstadt, ob Schwimmbad oder Filmindustrie – Wer (mit) „Quer durch Wien“ ist, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Und bleibt nicht auf ihnen sitzen. Es ist die Vielfalt der Stadt und die Detailverliebtheit ihres Autors, der dem Leser das Gefühl vermittelt an etwas wirklich Großen teilzuhaben. Selbst gestandene Wiener werden mit großen Augen sich durch dieses Buch fressen und aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Die Essays verlangen wenig Vorwissen. Doch schon nach ein paar Kapiteln kann man sich getrost als „Wiener with benefits“ bezeichnen, der schon lange über das „Tauben vergiften im Park“ hinaus ist.

Bücher wie „Quer durch Wien“ lassen den Abenteuerdrang und den Forschergeist eines jeden wieder aufleben. Suchen, Haschen, Raten ist die Überschrift eines der Kapitel – kann aber auch als Untertitel für dieses Buch, die nächsten Besuche gelten.

Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

A.I. – artificial intelligence oder all inclusive? David Foster Wallace wäre Erstes lieber. Doch er springt in den Spaßpool des all inclusive und gibt sich dem ewigen Zahnpasta-Service-Lächeln und dem minutiös getakteten Wahnsinn auf hohe See hin.

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“ war bereits bei Erscheinen Mitte der 90er Jahre ein Klassiker. Kreuzfahrten waren der neue Trend im Tourismus. Häfen wurden erweitert, Fahrrinnen in Lichtgeschwindigkeit ausgehoben und Massen von schlecht gekleideten Erholungssüchtigen an extra für sie perfekt gestylten Orten ausgespuckt. Jeder konnte nun im Stundentakt die Welt erkunden. Nichts für Individualisten wie Wallace.

Die Perfektion hat allerdings ab und zu auch Risse. Spätestens bei den hergerichteten Betten oder den Bühnenshows des Personals. Das fällt dann einem auch sofort ins Gesicht, ins Gewicht fällt es aber schlussendlich auch nicht mehr. Permanentes Pampern ist eine Zeitlang ganz nett, versaut aber den Charakter.

David Foster Wallace genießt die Aussicht an der Reling. Zumindest für wenige Augenblicke ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Doch dann kommen sie wieder. Die übereifrigen Gäste, die jedem alles über ihre Kreuzfahrtkarriere erzählen müssen. Das zu sehr zuvorkommende Personal.

Bei all der Penetration übersieht Wallace nicht die Annehmlichkeiten solch einer besonderen Reise. Jede Zutat einer jeden Mahlzeit ist von erlesener Qualität. Selbst, wenn man lange sucht, wird man kein Haar in der Suppe finden. Und Wallace sucht wirklich intensiv.

Chrigel Farner verleiht dem bunten Treiben an Bord und der farbenfrohen Sprache von David Foster Wallace einen nicht minder bunten Anstrich. Und genauso abwechslungsreich. Ein Cocktail, der aus der Feder vom Mel Ramons stammen könnte. Schiffsluken, die selbst die Enterprise vor Neid im Wurmloch versinken lassen und die Schiffssilhouette, auf der der große Gatsby eine seiner legendären Parties geben könnte.

Fast ein Viertel Jahrhundert war dieses Buch einfach nur eines der lustigsten Bücher. Jetzt ist es außerdem auch noch eines der am schönsten illustrierten.

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!