Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Turin ist unser Haus

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie! Schauen Sie sich in Ruhe um! Diese Wohnungsbesichtigung wird niemand so schnell vergessen. Die Wohnung hat sogar einen Namen: Turin.

Jahrelang als Industriestadt ohne jeglichen Charme verschrien, lässt es sich nicht verleugnen, dass Turin Mailand, der prachtvollen Metropole gleich um die Ecke, immer wieder das Wasser abgräbt. Turin ist eine Industriemetropole. Das lässt sich nicht leugnen. Doch das kulturelle Erbe muss und darf sich nicht verstecken. Giuseppe Culicchia ist Turiner – mittlerweile der Liebe wegen Immi-Mailänder – und sein Herz wird immer an Turin hängen. Nicht an Juventus, sondern am FC Turin, granatrot nicht schwarz-weiß. Und so ist auch sein Buch, seine Liebeserklärung an die Stadt.

Eine Wohnung betritt man durch eine Tür, eine Pforte. In Turin ist das der Bahnhof. Porte Nuova heißt der. Riesig. Von kommt man überall hin, außer zu m Flughafen. Wenn man auf den Zug wartet, muss man stehen, Bänke sucht man vergebens. Porta Susa, der zweite große Bahnhof ist die Hintertür. Kleiner, gemütlicher, mit Bänken.

Schlendert man durch den Korridor, die Via Roma, bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Fußgängerzonen haben das allabendliche Geprotze mit getunten Autos verdrängt. Doch auch die typischen Weinbars sind verschwunden. Schuh- und Jeansläden haben das Regiment übernommen. Giuseppe Culicchia sieht seine Stadt nicht durch die rosarote Brille – wenn überhaupt durch die granatrote des FC – er sieht wie sich Turin verändert hat und es noch weiter tun wird.

Aus der Wohnungsbesichtigung wird schnell eine Rundreise durch Geschichte und Alltag in der piemontesischen Stadt, die mehr als nur Fiat zu bieten hat. Alte Pallazzi, weite Plätze und eine kulinarische Tradition, die einen jeden guten Vorsatz vor der Tür ablegen lässt. Naschen erlaubt heißt das Gebot der Stunde. Wenn er von der detailverliebten Haselnussauswahl eines Schokoladenherstellers spricht, läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, man muss – egal in welchem der zwanzig beschriebenen Zimmer – einfach einmal im Leben die Stadt mit allen Sinnen erobert haben.

Einen Reiseband braucht man, um nichts zu übersehen, um zu erfahren wie man ohne Sinnesverlust von A nach B kommt. Mit „Turin ist unser Haus“ hat man die Einheimische in der Tasche. Beziehungsweise immer bei und in der Hand. Allwissend, zuvorkommend, am laufenden Band vor sich hinplappernd ist dieser außergewöhnliche Band eine Offenbarung, derer sich nur wenige Städte rühmen dürfen.

Aktueller Nachsatz (14. März 2020): Derzeit ist Turin wie ganz Italien Sperrzone. Das wird sich ändern – keiner weiß wann. Nur dass es so sein wird, steht fest. Und dann ist man froh, dass es jetzt schon dieses Buch gab. Turin wird für jeden Besucher, der dieses Buch gelesen hat, wieder eine offene Stadt sein.

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.

Lesereise Australien

Würde Stefanie Bisping um die Welt reisen und ein Abenteuer nach dem anderen erleben ohne darüber zu berichten, könnte man einfach nur neidisch werden. Doch sie berichtet fleißig von ihren Reisen und erlaubt jedem Leser ihre Reisen – wenn auch „nur mit den Augen“ – nachzuerleben. Nicht zum ersten Mal ist sie am anderen Ende der Welt in Australien. Nicht nur wegen der schier endlosen Weite findet sie auch immer wieder Abenteuer, die man eben nur hier erleben kann.

Da kann es auch schon mal passieren, dass beim Dinner jemand aufspringt und laut schreit: „Vorsicht Schlange!“. Und was für eine! Eine King Brown Snake. Der Biss tut nur kurze Zeit weh, dann merkt man eh nichts mehr. Sie gehört zu den seltenen Arten, deren Biss ein vorhersehbares Ende hat. Auf dieses spezielle Abenteuer hat Stefanie Bisping dann doch verzichtet …

Auch beim Gleiten durch die Baumkronen sind die kriechenden Angstmacher immer ein Thema. Kann schon sein, dass auf der anderen Seite ein zusammengerolltes Exemplar auf die Adrenalisten wartet. Wird schon nicht so schlimm werden! Wer sich auf Australien einlässt, muss mit gefahren rechnen, die ihm oder ihr in einer mitteleuropäischen Stadt niemals begegnen können. Wohl auch deswegen ist Australien so beliebt bei Aussteigern und Langzeiturlaubern.

Das Great Barrier Reef ist das größte seiner Art weltweit. Aber auch eines der bedrohten Naturschauspiele unserer Erde. Nachhaltigkeit in allen Belangen wird hier ganz groß geschrieben. Wenn man vor einem halben Jahrhundert noch kichernd auf einer Schildkröte posierte, erntet man heute nur noch Kopfschütteln, und es erwartet einem bei weiteren Verstößen gesalzene Strafen. Da gönnt man sich doch lieber eine Nacht auf dem Ozean. Eine schwimmende Plattform sorgt für wohliges Schaukeln und Sonnenauf- wie untergang sind eine Sinnesweide, die man niemals vergessen wird.

Man muss Australien nicht besuchen, um sich vorzustellen wie abwechslungsreich das riesige Land auf der Südhalbkugel ist. Es reicht schon dieses Buch zu lesen. Mit einem Fingerschnipp ist man dort, wo Wallaby und Koala sich eine gute Nacht wünschen. Selbst der nicht gerade einladend aussehende Tasmanische Teufel verliert an Wirkung, wenn man von seinem tragischen Schicksal erfährt.

Stefanie Bispings „Lesereise Australien“ ist kein Jahrmarkt der Sensationen. Dieses Buch ist ein Kaleidoskop echter Abenteuer, die man tatsächlich noch erleben kann. Fernab von durchgestylten Straßenzügen, die nur dazu dienen, dass man sich bloß nicht als Fremder in der Fremde fühlt, zeigt sie ein Land, das faszinierend anders ist und sich alle Mühe gibt diesen Anspruch auch zu behalten. Wie auf einem sanften Strom gleitet man lesend dahin und darf sich an der Vielfalt dieses Andersseins erfreuen. Nicht umsonst wurde Stefanie Bisping wiederholt für ihre Reisereportagen ausgezeichnet.

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Japanbilder

Es ist noch gar nicht so lange her, dass das ferne Japan ein weiteres Mal in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Nicht zum ersten Mal: Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt schlichen sich auch stilistische Einflüsse in die Kunst. In den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts schwappte – unter anderem auch durch Alphavilles „Big in Japan“ – eine regelrechte Japanomania nach Europa, die bis heute anhält. 2020 wird diese Welle einen neuen Höhepunkt erreichen, wenn die Olympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden werden. Je nach Qualitätsanspruch wird man dann wieder mit Kuriositäten aus dem Land des Lächelns bombardiert werden oder tatsächlich etwas Substantielles über das Land erfahren.

Den Anfang macht zweifellos dieses Buch. Der unscheinbare Titel „Japanbilder“ verspricht nicht mehr und nicht weniger als persönliche Eindrücke von Michaela Weber, die ans andere Ende der Welt reiste und eine Kultur vorfand, die es vielen schwer macht sie zu verstehen. Und so wird das Lesen dieses Buches zu einer Reise vom Sofa aus in ein Land, das für die meisten ein ewiger Traum bleiben wird.

Besonders auffällig ist das ineinandergreifende Zusammenspiel von kurzen knackigen Einleitungstexten und den imposanten Abbildungen. Michaela Weber vermischt geschickt persönliche Erfahrung und Faktenwissen, die im Anschluss durch unzählige – mal größere, mal kleinere – Bilder untermalt werden.

Mit wachen Augen reist Michaela Weber durch Japan und schon bald wundert sie sich über fast gar nichts mehr. Ein Polizeimuseum in Tokio weist nicht martialisch mit Waffe oder einer staatlichen Symbolik auf sich hin, sondern mit einer niedlichen Comicfigur. Bahnhöfe und Züge sind so sauber, dass es ihr nicht nur auffällt, sondern besonders berichtenswert erscheint. Auch die Schaffner sind von außerordentlicher Freundlichkeit. Und mit den deutschen Fahrkartenkontrolleuren haben sie so gar nichts zu tun.

Michaela Weber reist durch Tokio, Osaka, Hiroshima, Kioto und die eher unbekannteren Städte Inuyama und Nara. Oft unterliegt man dem Vorurteil, dass innerhalb eines fernen Landes alles gleich sei. Dem ist natürlich nicht so. In Deutschland würde ja auch niemand auf die Idee kommen Ostfriesen und Allgäuer in einen Topf zu werfen! Mit dem Finger am Auslöser der Kamera gelingen Michaela Weber einfühlsame Schnappschüsse, die das Bild Japans im Jahr der Olympischen Spiele nachhaltig prägen werden. Alltagsszenen wie spielende Kinder, aber auch für unsere Augen fast schon verspielte Hinweisschilder stehen eng neben Preistafeln für (käufliche!) Gebete und Wünsche für ein besseres Leben. Diese Japanbilder wird man so schnell nicht vergessen, weil man sie wie ein privates Fotoalbum immer wieder ansehen will.

Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

Die Lehmbauten des Lichts

Jedem den Jemen. So einfach lässt es sich leider nicht machen. Der Jemen gehört noch lange nicht zu den Top-Destinationen für Erholungssuchende. Schon gar nicht für die, die schon am Morgen im Pool ihr erstes Heineken-„Bier“ intus haben und sich am Büffet ein cholsterinwertversauendes Würstchen mit pappigem Rührei einverleiben. Es ist ein Land für Abenteurer oder Leute, auf Einladung von Kulturorganisationen im Land ein ausgedehnter Aufenthalt ermöglicht wird. Dann sollte aber auch darüber berichtet werden. Guy Helminger gehört zur letzten Sorte und hat seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. So nüchtern darf man sich diesem Buch aber nun auch nicht nähern. Denn Guy Helminger hat ein realistisches, gefühlvolles und lebensnahes Portrait eines Landes erstellt, das von der Geschichte und ihren Akteuren arg gebeutelt wurde. Im folgenden Jahr, 2020, begeht man – wie auch immer – den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung des Jemens. Damit sind die möglichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Land am Golf von Aden und dem Roten Meer aber auch schon erschöpft.

Erschöpft wirkt Guy Helminger nicht im Geringsten, wenn er davon berichtet wie er im Jemen ankommt, sich durch ein fremdes Land vorsichtig bewegen muss und es nach einigen Wochen wieder verlassen hat. Das war 2009. Bis heute haben sich die Nachrichtenmeldungen über das Land kaum verändert: Elend, Krieg und Hunger sind die Hauptschlagworte, wenn über das Land berichtet wird.

Lange suchen musste der Autor nicht, um seine Geschichten zu finden. Jeder, mit der durchs Land reiste, mit dem er faszinierende Orte besichtigte, sprach über Korruption. Ohne Bakschisch geht hier nichts. Was den Gesamteindruck von Land und Leuten nicht im Geringsten trübte. Denn so manche vermeintlich gefährliche Situation löst sich nach einigem Hin und Herr schnell in Wohlgefallen auf. Etwa bei einer Verfolgung wie in einem Agententhriller: Guy Helminger wird – wie so oft – von einem Fremden angesprochen. Er möchte jedoch nicht dessen Dienste in Anspruch nehmen. Helminger sieht wie der Verschmähte sich mit einem Anderen unterhält. Beide Männer verfolgen den Autor. Schon bald ist ein Dritter im Spiel und man trifft sich in einem dunklen Keller wieder – Geheimpolizei! Doch die haben sich nur gewundert, warum jemand so viel fotografiert.

Der Jemen ist heute – zehn Jahre nach Guy Helmingers Reise – immer noch kein Land, das zusammengewachsen ist, und in dem man als Tourist barrierefrei von A nach B kommt. Für die Menschen im Land, die mehr unter der Knute von Rebellen leiden als in den meisten Diktaturen der Welt, ist es ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Da scheint die Sehnsucht nach diesem Land, die in diesem Buch durchaus geschürt wird, wie ein unanständiger Wunsch.