Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Von neuen Welten und Abenteuern – Unterwegs in Burma

Früh morgens halb Sechs in Burma. Fast schon militärisch drillend werden elementar wichtige Sicherheitsrichtlinien dem verschlafenen kleinen Mob entgegen geschmettert. Gleich geht es auf in nie erreichte Höhen. Michael Schottenberg lässt das alles über sich ergehen. Der Schauspieler und Autor hat schon einmal Asien bereist, Vietnam. Und er war fasziniert. So sehr, dass er noch einmal zurückkam, dieses Mal nach Burma.

Fast zwei Wochen ist er nun schon unterwegs. Traf Menschen, die ihn mit ihrer bedingungslosen Gastfreundschaft ein ums andere Mal begeisterten. Und nun steht er hier. Dem Schlaf noch nicht ganz entwachsen. Da steht Coen, Holländer und Herr über Täler, ein gutes Dutzend Menschen und einen Ballon.

Es soll einer der Höhepunkte werden auf einer Reise, die Michael Schottenberg in diesem Buch verewigen wird. Die Morgenstunde ist wohl gewählt, denn Thermik und Temperaturen sind ideal für den Aufstieg. Und wenn das knallbunte Farbenspiel der Sonne am Horizont erscheint, sind Drill und frühes Aufwachen wie weggeblasen.

Das ist nur ein Abenteuer in neuen Welten, das der Autor so wortgewaltig und einnehmend präsentiert. Touri-Programm ade! Michael Schottenberg reist mit der Nase im Wind. Vorbereitet sehr wohl, doch nicht gehetzt, sondern sich treiben lassend. Als Leser, dem das Wasser schon beim Klappentext im Munde zusammenlaufen wird, darf man sich getrost zurücklehnen und den Abenteuern aus zwanzigundeiner Nacht folgen.

Mit Leichtigkeit schafft Michael Schottenberg eine exakte Abbildung dessen, was er selbst gesehen, eingeatmet, gehört und gefühlt hat. Der Staub der Straßen, die Liebenswürdigkeit der Menschen, die Panoramen um ihn herum, sind keine zweidimensionalen „Ach wie hübsch“-Phrasen, sie sind real. Sie passieren genau in dem Moment, in dem man über sie liest.

Als Märchenonkel mit verschmitztem Lächeln zieht der Autor sein Publikum in seine Welt, die er gerade in Begriff zu erkunden. Vorsichtig tappt man mit ihm im Dunkeln und erfreut sich an jedem Lichtstrahl, der einem entgegen strahlt.

Kontaktscheu ist „Schotti“ gewisse nicht. Was ein Glück! Sprachbarrieren – na und! Wozu hat man ein Lächeln, Hände. Füße?! Es wird schon gut gehen. Und wahrlich. Das tut es auch. Es ist der Eintritt in eine andere Welt, in die Michael Schottenberg den Leser mitnimmt. So sind weder er noch der Leser allein in einer fremden Kultur, die so viel zu bieten hat. Mehr als nur Pagoden und Nudeln!

Es sind Bücher wie diese, die einen Urlaub erst vollkommen machen können. An den Ufern von Flüssen, in luftiger Höhe, in Lobbies, in Bars, in Restaurants nimmt man sich die Zeit ein bisschen in diesem Buch herumzublättern. Und siehe da. Es ist alles genau so wie beschrieben. Als Appetitanreger vor der Reise, als Häppchenware unterwegs, als Erinnerungsstück wieder daheim – die neuen Welten (real wie auch im Buch) werden von nun an ein Teil des Lesers sein.

Ein Gardaseebuch

Wer an den Gardasee fährt, bucht das Komplettpaket: Sonne, Pasta, Glücklichsein. Ein Klischee? Sommer am Gardasee – das ist kein Klischee, das ist Realität. Monika Kellermann verführt in ihrem Gardaseebuch den Leser es selbst zu erleben, so wie sie einst selbst vom See und seiner Umgebung verführt wurde. Mittlerweile lebt sie dort.

Geheimtipps – und das ist wohl das einzige, was der Region um den Gardasee fehlt – gibt es kaum noch. Es ist die Fülle an Attraktionen, die die Auswahl, was man besuchen möchte, so schwer machen kann. Zum Beispiel Borghetto, ein Ortsteil von Valeggio sul Mincio. Zu Füßen einer Burgruine kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die gewaltige Ponte Visconteo, ursprünglich mal gedacht dem nahen Mantua das Wasser des Mincio abzugraben, thront wie eine Trutzburg über dem Tal. Zu Füßen plätschert der Fluss und wenn man den Blick schweifen lässt, erscheint auf einem Berg das Castello Scaligero. Ab und an kommen ein paar Autos vorbeigefahren. Doch keiner überquert die Brücke. Alle, halten an, steigen aus und genießen die Aussicht. Am Fluss beschauliche kleine Häuschen, Freisitze, und eine unbändige Flora.

Ein bisschen weiter, im Hauptort Valeggio, fesselt einen die Liebe. Und die geht bekanntlich durch den Magen. Nodi d’Amore heißt das Phänomen, das so genüsslich den Traum von Italien wahr werden lässt. Konten der Liebe, Liebesknoten, oder ganz einfach: Tortellini. Hier stellt sich nicht die Frage: Wer hat‘s erfunden? Hier genießt man die vielfältigen Variationen! Es sei denn es ist Mittagszeit Ende Juli mitten in der Woche. Da haben viele Lokale geschlossen. Nur ein, vielleicht zwei lukullische Tempel haben ihre Pforten geöffnet. Allerdings sollte man nicht auf seinem Geldbeutel sitzen. Die volle Pracht dieser Liebesknoten bekommt am dritten Dienstag im Juni. Da wird hier ein Riesenfest gefeiert, das am späten Abend mit einem Feuerwerk gebührend beendet wird. Keine Touristenattraktion, ein Dorffest der edelsten Sorte.

Das ist nur eine kurze Geschichte, einhundert weitere hat Monika Kellermann in diesem Buch zusammengefasst. Es gibt Bücher, die ganz fest mit einem Ort verbunden sind. Tom Sawyer an den Ufern des Mississippi zu lesen, die Brunetti-Romane an den Kanälen Venedigs oder Andrea Camilleri im Süden Siziliens – ein ganz besonderer Hauch umweht Leser und Buch. Dieses Buch am Gardasee zu lesen … besser geht es kaum. Doch schon als amuse gueule entfaltet es eine Faszination, die dem Leser nur noch eine Wahl lässt: Auf zum Gardasee!

Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Reden wir Spanisch, man hört uns zu

Es gibt nicht mehr viele, die man fragen kann wie es damals war. Damals zwischen den Kriegen. Und die, die man fragen kann, waren zu klein, um echte Eindrücke wiedergeben zu können. Ihre Berichte beruhen meist auf Geschichten, die sie selbst nur gehört haben oder, die ihnen erzählt wurden.

César Vallejo wurde 1892 in Peru geboren. Er war Dichter und in jungen Jahren in einen Aufstand verstrickt, der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. 1923 erfüllte er sich einen Traum, die „Alte Welt“ bereisen zu können. Fünfzehn Jahre lang reiste er durch Europa, von Spanien bis in die Sowjetunion, Paris blieb aber immer sein neuer Heimathafen. Peru, seine Heimat, hat er nie wieder gesehen. Als Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen berichtete er regelmäßig über das und sein Leben in Europa. Die in diesem Buch zusammengefassten Berichte geben ein ungeschöntes Bild der Alten Welt wieder.

Einen besonders tiefen Eindruck hat Madrid bei César Vallejo hinterlassen. Drei Stunden im Restaurant beim Mittagessen – das musste er bereits in Paris erfahren. Beschwerde zwecklos. Seinen Lesern im fernen Peru und Lateinamerika schwärmt er nun vor, wie gelassen Madrid ihm erscheint. Der technische Fortschritt wird hier entgegengenommen, jedoch nicht auf einen Sockel oder gar in einen Heiligenschrein gestellt. Wer in Madrid stirbt, stirbt nicht arm. Man hilft sich hier, nicht einmal, wenn nötig sogar zweimal. Madrid ist für ihn die einzigartigste Stadt der Welt. Im Vergleich zu heute…

Europa fasziniert den wissbegierigen Autor. In Paris beäugt er seine Landsleute, Lateinamerikaner mit besonderer Neugier. Da gibt es die offiziellen Künstler – angepasst, auf der Jagd nach Anerkennung und Ruhm. Und es gibt die Inoffiziellen. Sie suchten und fanden Freiheit. Die Freiheit sich auszudrücken. César Vallejo sieht sich als Mitglied letzter Gruppe. Er hat keine Zeit andere zu verachten. Und selbst, wenn er die Zeit hätte, würde er es nie tun. Zu anständig ist er. Und außerdem würde er die Bedeutung der Anderen durch seine Be- bzw. Verachtung nur erhöhen. So wie Frankreich zu dieser Zeit Amerika verachtet und dadurch in unerreichbare Höhen katapultiert.

César Vallejo gelingt es mit unsichtbarer Eleganz Themen anzureißen, um sie im nächsten Moment mit einem Momentum zu verknüpfen. Er macht keinen Elefanten aus einer Mücke, doch seine Gedankengänge sind trotz ihres Laufes nachvollziehbar. Wer Europa heute verstehen will, findet in seinen Aufzeichnungen – den Aufzeichnungen eines Außenstehenden, der nach und nach seinen Beobachterstatus gegen den des aktiven Teilnehmers tauscht – die Wurzeln unseres heutigen Europas. Und das kam manchmal auf leisen Sohlen daher, mal polternd, doch immer unter den wachsamen Augen der Anderen.

Nordportugal

Hat man sich einmal entschieden, dass Portugal auf der nächsten Reise erkundet werden soll, stellt für die meisten nur eine Frage: „Algarve oder Lissabon?“ Kann man so machen, ist aber doch zu nah an der Oberfläche. Denn Portugal kann mehr als Metropole mit Fahrstuhl (reizvoll und überhaupt nicht zu verachten) oder Badestrand mit einzigartigen Restaurants (was ebenfalls mehr als reizvoll ist).

Wer in den vergangenen Jahren intensiv die Reisemagazine im Fernsehen verfolgt hat, kam an einer Stadt nicht vorbei. Porto. Portugiesischer geht es ja kaum noch! Und immer dieselben Bilder: Liebevoll hergerichtete Viertel, die mit ihren bunten Fassaden zum Fotografieren und bummeln einluden. Und es auch immer noch tun. 2001 war Porto, zusammen mit Rotterdam, Europas Kulturhauptstadt. Eine Aktion, die zu Beginn viel Medienecho erntet, dann allerdings rapide abebbt. Doch Porto hat seine Vorzüge zu nutzen gewusst. Mittlerweile zittern die Tourismusmanager aus der nicht allzu weit entfernten Hauptstadt um ihren Ruf als Nummer-Eins-Reiseziel am südwestlichen Ende Europas. Zu Recht!

Doch dem allseits Bekannten, Lissabon und Algarve „nur“ Porto hinzuzufügen, um ein touristisches Triple zu kreieren, wäre fatal. Nicht weniger interessant ist beispielsweise der Nordosten Portugals. Hier ist man nicht gerade mit Reichtum gesegnet. Ursprünglich, ganz ohne Klischees und Vorurteile beschreibt Jürgen Strohmaier einen Landstrich, den man vielleicht vermutet, aber niemals so erwartet hat. Trás-os-Montes, „Hinter den Bergen“ ist man hier an der Grenze zu Spanien – eine andere (Festland-)Grenze besitzt Portugal nicht. Hier trinkt man Totenwein, und Feijoada à Transmontana, auf die Hand gibt’s Alheira de Mirandela. Wein, Bohneneintopf, Wurst. Das Thermalstädtchen Chaves wussten schon die Römer zu schätzen, hier sprudeln immer noch heiße Quellen. Eine quirlige Stadt mit 22.000 Einwohnern. Die Altstadt Bairro medieval kennt keinen Verkehrslärm, die sind hier nur Mittel zum Zweck, kein individueller Fahrspaß. Ideal zum Bummeln, shoppen, erholen. Mirandela hat nur ca. halb so viele Einwohner. Architektur und ein Kunstmuseum sind die auffälligsten und teils greifbaren ersten Eindrücke. Doch hier geht es auch um die Wurst, die schon erwähnte Alheira de Mirandela – das Rezept gibt’s im Buch auf Seite 211. Die Geschichte dahinter ebenso, wie immer in einem der gelb unterlegten Infokästen, die auch dieses Buch zu einem Schätzkästchen erster Klasse machen.

Porto und Braga sind die eingängigsten Namen Nordportugals. Doch das Wissen um die Region wird bei vielen hier schon abgeschlossen sein. Wer den Flug von ungefähr drei Stunden auf sich nimmt, wird hier ein echtes Paradies erleben. Je größer die Stadt desto größer die Chance auf bekanntes zu treffen. Doch schon wenige Kilometer außerhalb der großen Städte trifft man – nicht mit Glück, sondern der einfachen Fähigkeit (dieses Buch) lesen zu können – auf ein entdeckungswilliges Land. Um die Sonne muss man nicht bangen. Die fühlt sich hier ebenso wohl wie jeder, der noch das Entdeckergen in sich trägt. Besonders nützlich sind in diesem Buch die Tipps zu Ausflügen, im Speziellen zu den Fortbewegungsmöglichkeiten vor Ort. Und wer an der Küste entlang auf Tour geht, sollte unbedingt den Zug nehmen. Atemberaubende Aussichten inklusive.

Tschechien

Die Wiedervereinigung Deutschlands hätte mit einem Hauch Tschechien beginnen wollen. Es scheint fast so als ob hier der gemeinsame Nenner beider nun vereinigter Länder liege. Ob Seebär aus Lübeck, Bäcker aus Dresden, Schweißer aus Bochum oder Lokführer aus Magdeburg – in Tschechien traf man sich, unbeabsichtigt oder bewusst. Ost und West teilten sich – und tun es immer noch – dieselben Erlebnisse. Beim Bier in Prag wurden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Doch Vorsicht: Wer jetzt meint, dass ein jährlicher Besuch in der Goldenen Stadt einem zum Tschechien-Experten macht, der irrt. Denn Prag ist nur ein Teil Tschechiens. Nicht überall ist an einem Septemberherbstmontagabend Halligalli auf den Straßen.

Michael Bussmann und Gabriele Tröger haben zum vierten Mal ihren Tschechien-reiseband überarbeitet. Immer noch knapp siebenhundert Seiten stark und unentbehrlich den kleinen Nachbarn mit Grenze nach Bayern und Sachsen näher kennenzulernen. Der Hauptstadt Prag ist gleich das erste Kapitel gewidmet, doch der MM-City-Reiseband der beiden geht da noch viel weiter ins Detail. Richten wir unser Augenmerk auf das, was außerhalb der Millionenstadt Prag in Tschechien passiert.

Im Osten erheben sich die Berge Mährens. Brno als zweitgrößte Stadt Tschechiens ist für alle, „die Prag mal außen vor lassen wollen“ der ideale Ausgangsort Pfaden nicht nur zu folgen, sondern gleich selbst anzulegen. Wanderwege in Nord- und Südmähren sind einwandfrei ausgeschildert, dennoch bieten sie Neugierigen immer wieder die Möglichkeit abseits davon eigene Erkundungen anzustellen.

Westböhmen hingegen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schnell zum Touristenziel. Auf den ersten Blick weiß man gar nicht so recht warum. Wenn man aber die Namen der Städte vernimmt, dämmert’s: Plzen (kein Schreibfehler Pilsen wird tatsächlich so geschrieben – nicht alles glauben, was auf Bierflaschen steht!), Karlovy Vary, Mariánské Lázně und Františkovy Lázné klingen auch im ungewohnten Tschechisch wie wohlklingende Verheißungen. Schon Kaiser, Könige und die, die sich für selbige hielten, sonnten sich, kurten und urlaubten hier. Die Wege in diese Orte sind exzellent ausgeschildert, man kommt nicht herum sie zu besuchen. Es lohnt sich, sowohl in als auch außerhalb der Saison. Die Vietnamesenmärkte mit Zigaretten, Markenimitaten und Alkohol gehören vor den Toren der Stadt zum Bild, in der Stadt bewegt die wieder belebte Architektur jeden Besucher zum Bleiben. In den gelb unterlegten Kästen – und von denen gibt es in diesem Buch fast mehr als Bilder (217 Farbfotos!) – zeugen von der geschichtsträchtigen Vergangenheit dieses Landstriches.

Wer ein Land kennenlernen will, geht auf die Menschen zu, dieses Prinzip gilt weltweit. Wer Tschechien schon vor dem Grenzübertritt kennenlernen will, muss nur ein paar Seiten in diesem Buch blättern und schon ist er infiziert. Das Virus bekommt man nur schlecht wieder heraus. Paddeln auf der Moldau, schmucke Renaissancebauten in Prachatice, Wandern im Kubany-Urwald … und alles verbunden mit einer bodenständigen, teils langanhaltenden Küche, gepaart mit genüsslichem Bier, vor atemberaubender Kulisse zu vieler Orts mehr als erschwinglichen Preisen. Tschechien lohnt sich für die, die schon immer hierher gefahren sind, für diejenigen, denen Prag zu voll ist und vor allem für Tschechien-Neulinge.