Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Lesereise Malta

Malta ist nicht groß. Stundenlange Ausflüge enden unweigerlich am Meer. Viel Fels, viel Sonne. … Und viel zu erkunden. Carola Hoffmeister hat das Abenteuer Malta auf sich genommen und eine Insel entdeckt, die ihre Pracht bei genauerem Hinsehen wie selbstverständlich präsentiert.

Viele Herrscher hatten sich hier eine neue Heimat schaffen wollen. Araber, Römer, Normannen, Franzosen, Engländer. Jeder hinterließ etwas. Und von allem ist noch etwas zu sehen. Eine wahrhaft europäische Insel mit darüber hinausgehendem internationalem Flair. Mehr aus Pflicht denn aus eigenem Antrieb besucht die Autorin auch Filmsets. Malta ist das Filmset Hollywoods. Troja, Game of thrones, Popeye, Der Da Vinci Code sind nur ein paar der Filme, die hier teilweise gedreht wurden. Als Guide fungiert einer, der es wissen muss. Als Statist stand er neben Angelina Jolie oder Brad Pitt vor der Kamera.

Gehaltvoller ist da schon ein Besuch bei einer Köchin, die als Autorin schon Preise absahnte. Ihr in die Kochtöpfe schauen zu dürfen ist für Carola Hoffmeister mindestens genauso spannend wie der Besuch in Mdina. Das war bis 1566 die Hauptstadt der Insel. Seitdem ist es La Valletta, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und am Meer liegt und deswegen wohl auch eher als Hauptstadt fungieren kann. Der Ausblick ist einfach schöner… So ganz nebenbei: La Valletta ist 2018 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch zurück nach Mdina, die auch Stadt der Stille genannt wird. Vierhundert Einwohner sorgen dafür, dass diese Stille nicht getrübt wird. Motorenlärm? Fehlanzeige! Nur wer hier wohnt, darf es brummen lassen. Ansonsten ist mal Pferdegetrappel zu hören oder vielleicht ein Hüsteln oder ein Schniefen. Ruhe und Malta – das passt irgendwie zusammen.

Kontrastprogramm Playmobil. Nein, Malta ist schon größer als der Plastik-Spielplatz aus dem Fränkischen. Aber hier werden auch die beliebten Spielfiguren hergestellt. Das Granulat dafür fließt mit rasanter Geschwindigkeit durch Alurohre – wenn Rabat nicht schon die lärmende Schwester von Mdina wäre, würde man sie in der Fabrik vermuten.

Doch Malta ist nicht nur Malta. Drei Inseln gehören zu dem, was allgemein als Malta bezeichnet wird. Malta selbst sowie die kleinen Inselchen Gozo und Comino. Es wird nur eine kurze Stippvisite auf Comino. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Carola Hoffmeister zieht die ruhige Alternative Gozo vor. Ein Hotel zu finden auf Gozo – unmöglich. Zumindest, wenn man Hotel mit Bettenburg gleichsetzt. Die gibt es hier nämlich gar nicht. Dafür ein reichliches Dutzend Dörfer. Und da hat die Autorin einen besonderen Antrieb für sich ausgemacht: In jedem Dorf einmal dinieren. Auch ein Art den Urlaub zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Dieses Buch ist auch etwas ganz besonderes. Mit gelassener Neugier erkundet Carola Hoffmeister ein Inseltriple, das nicht nur auf dem Papier gerade zu fürs Erkunden geschaffen wurde. Überreste aus mehreren Jahrtausenden laden echte Abenteurer ein Geheimnisse zu entlocken. Dass das Paradies sich hier nicht befindet, haben die negativen Nachrichten der vergangenen Monate bewiesen. Ausblenden sollte man diese nicht. Doch darüber hinaus muss man der Insel die Chance geben sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und mit den durchaus misstrauischen Insulanern ins Gespräch zu kommen. Dieses Buch ist dafür mehr als ein erster Schritt.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Die Welt ist blau

Verkehrte Welt. Ursula wartet am Bahnhof. Nicht auf den Zug. Auf ihren Peter. Der ist wieder mal zu spät. Zu sehr in seine Arbeit vertieft. Der Bahnhof ist Treffpunkt, Abfahrtsort, Startschuss in eine unbeschwerte Zeit. Wohin es gehen soll, steht noch nicht fest. Die Welt steht ihnen offen. Egal, welche Farbe sie hat. Nur braun sollte sie nicht sein. Davon gibt es im Juli 1933 schon zu viel.

Die Liebe ist noch frisch. Sie turteln, sie necken sich, starten quietschvergnügt in ihren Urlaub. Ein kurzer Abstecher zu einer ehemaligen Schulkameradin lässt beide noch mehr schmunzeln. Peter fühlt sich von Ursula ein wenig veralbert ob der skurrilen Mausi.

Dann wird’s konkret. Südschweiz, da wollen sie hin. Ins Tessin nach Ascona. Fast schon bella italia. So soll es sein. Der Himmel und der Lago Maggiore stehen im ständigen Wettstreit, wer denn nun das schönste Blau hervorzaubern kann. Ein Blau, dass Peter und Ursula sofort blau werden lässt. Keine Atemnot, vielmehr Verrücktheiten, Ausgelassensein. Die beiden flirten, untereinander und mit anderen. Was Ursula nicht behagt, Peter noch weniger. Das Ausgelassensein schlägt um. Auch das Wetter. Vorbei das Blau. Grau regiert. Von Politik wollten sie von Anfang an nicht reden. Das vermiest nur die Stimmung. Doch die Leichtigkeit, die beide so provokant zelebrierten, die sie sich so sehnlichst wünschten, muss hart erkämpft werden. Will er sich aussprechen, bremst sie ihn charmant aus. Er solle sich besinnen, vielleicht fällt ihm ein anderes Thema ein. Zu guter Letzt sind sich Ursula und Peter aber nah genug, um all die Missstimmung der vergangenen Tage der Vergangenheit generös zu überlassen. Sie schließen den Vertrag von Bignasco. Kindlich verträumt schwören sie darin Offenheit, Einsicht, Freundschaft, ein bisschen Nietzsche und das die Welt Blau sein müsste. Was so flapsig daher gesagt wurde, hat im Kontext der Zeit einen mehr als ernsten Unterton.

Victoria Wolff wurde unter dem Naziregime schnell mit Arbeitsverbot belegt. Ihr Exil im Tessin erlaubte es ihr trotzdem schriftstellerisch tätig zu sein. Die Unbeschwertheit dieses Romans zieht jeden mit. Die Anspielungen auf das, was in ihrer Heimat Deutschland zur gleichen Zeit geschieht, ist offensichtlich und so wunderbar schonungslos, die naiven Liebeleien verzücken, so dass man von Seite Eins an nur noch schmunzelt.

Ein unbeschwertes Buch, das in keiner Weise Reisegepäck beschwert.

Leute machen Kleider

Es ist mittlerweile zu einer Art Volkssport verkommen jedweden Hersteller auf den Zahn zu fühlen. Woher kommt diese Zutat, woher die andere. Werden die Leute fair (was ist das eigentlich: Fair?) bezahlt? Und so weiter und so fort. Eine endgültige Antwort bekommt man nicht. Doch man weiß, dass es zig Zertifikate gibt, die dem Konsumenten – also uns – ein gutes Gefühl geben sollen. Was sie meist auch tun.

Imke Müller-Hellmann geht es nicht anders. Das, was sie auf der Haut trägt, was sie warmhält, sie schützt, sie kleidet, kommt auch von irgendwo her. Doch von wo genau? Das will sie nun wissen. Und sie fragt nach. Und zwar so lange bis sie eine Antwort erhält, die sie ruhen lässt.

Der Anfang des Buches erschafft ein modernes Märchen. Die Autorin sitzt am Frühstückstisch. Alles Routine. Mit einem Mal stehen die Produzenten in ihrer Küche. Die Erdbeerpflücker, der Weizenbauer, der Kaffeepflücker. Sie kommen aus aller Herren Länder, vom Acker um die Ecke bis nach Nicaragua. Natürlich nur ein Traum, eine Idee, ein Gedankenspiel. Vor allem aber der Grundstock für die Recherchen zum Füllmaterial ihres Kleiderschrankes.

Den Slip, den sie trägt kann sie noch ganz gut nachverfolgen. Vom Kaufhaus zum Vertrieb, von da zum Hersteller. Die Kontaktaufnahme ist relativ problemlos. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mütze. Die wird in China hergestellt. Noch. Bald schon in Bayern. Zum gleichen Preis. Erstaunlich, oder?! Aber es funktioniert wohl doch. Den Arbeitsplatz, wo ihre Mütze einmal das Licht der Welt erblickte, kann sie nicht eruieren. Selbst in Deutschland, wo die Mütze versandfertig gemacht wird, kann ihr niemand genauere Auskünfte geben. Es ist selbst den Auftraggebern nicht bekannt, in welcher Fabrik dies geschieht. Und wenn, ist es extrem schwierig einen Interview zu bekommen, geschwiege denn den Arbeitsplatz zu besichtigen. Es sind auch zu viele kulturelle Unterschiede. Gutes Argument, um eigenes Desinteresse zu kaschieren.

Die Weltreise zu den Geburtsstätten ihres Unterhemdes, ihrer Jeans, ihrer Schuhe, ihrer Fleecejacke, ihres T-Shirts führt Imke Müller-Hellmann um die ganze Welt. Dass die Produktionsbedingungen teils unter aller Würde sind, versteht sich bei den teilweise derart niedrigen Kaufpreisen von selbst. Doch dass, sie es tatsächlich schafft die Fabriken, die Hersteller, die Produzenten am Arbeitsplatz zu finden, ist ein Ergebnis, dass Bewunderung verdient. „Leute machen Kleider“ ist sicherlich der einprägsamste Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2018. Eine spannende Rundreise, eine lehrreiche Umrundung der Welt, die wie ein roter Faden durch das Buch führt. Und immer, wenn man nun sein Shirt Made in Indonesia sich überstreift, seine Sneaker Made in China über die Füße zieht, seinen Meanie made in Vietnam auf den Kopf setzt, hat man diese Reise im Kopf. Auch das ist Kapitalismus. Inklusive der viel zitierten Kritik daran.

Eine dieser Nächte

Es gibt Typen, die kann man nur erfinden. Typen, die sich einfach den Tisch setzen und sich permanent und enervierend in jedes Gespräch einmischen. Sie kenne alles und jeden, sind der Nabel der Welt und müssen sich selbiger ununterbrochen mitteilen.

Emma wartet auf dem Flughafen Bangkok auf ihren Flug nach Zürich. Ihr fällt Bill nicht auf. Bill fällt über jeden herein, der sich in Hörweite und darüber hinaus aufhält. Das Smartphone am Ohr festgeklebt, brüllt er unaufhaltsam Unwichtiges in den digitalen Äther. Ein typischer Amerikaner. Sicher ein Sextourist. Emma ertappt sich dabei diesen unappetitlichen Typen sofort zu typisieren, zu stigmatisieren. Genauso geht es anderen Passagieren. Das Vorurteil des Sextouristen haben sie alle sofort im Kopf.

Doch es kommt noch schlimmer: Emma hat einen Fensterplatz ergattert. Der Mittelsitz bleibt frei. Doch dann kommt schon … Bill. Chic wie ein Krabbeltisch beim Discounter, laut wie ein Megaphon, verschwitzt wie triefender Schwamm. Und dieser Schwamm sondert nun seine gesammelten Weisheiten ab. Vom Zuhause in .. wo war das gleich? Kansas? Auch das schwule Pärchen ein paar Reihen weiter kann dem Dampfplauderer nicht entgehen. Und gerät darüber hinaus in Streit.

Das kann ja heiter werden. Endlose Stunden und endloser Weite und stockfinsterer Nacht, die nicht einmal das Sternenlicht als Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Ein Johnnie Walker jagt den nächsten und Bill kann einfach nicht aufhören zu erzählen. Nixon, Vietnamkrieg, Kindheit … ein endloser Schwall an nutzlosem Zeug fließt unaufhörlich aus seinem schwulstigen Mund.

Es ist eine dieser Nächte. Der Urlaub ist vorüber. Unweigerlich steht die Heimreise an. Die Erinnerungen der vergangenen Tage sind noch frisch, im Gegensatz zu einem selbst. Der Alltag hat einen noch nicht wieder eingeholt, doch steht er schon mit schwingender Sense in Sichtweite und verbreitet bereits in leichtem Grau die Zukunft. Da müsste man doch für jede Ablenkung / Abwechslung dankbar sein. Müsste man. Wenn diese Ablenkung nicht gerade Bill heißt und fortwährend die eigenen Stimmbänder und die Gehörgänge der unfreiwilligen Zuhörer malträtieren würde.

Christina Viragh leiht den Stimmen der Boeing 777 ihre Augen, ihre Ohren. Und ist ihr Sprachrohr an die, die erfreulicherweise nicht an Bord sein können bzw. müssen. Bill ist ein echtes Scheusal. Asozial im wahrsten Sinne des Wortes, wobei er sich selbst als das sozialste Wesen unter Gottes Sonne wähnt. Er ist der, der die Unerträglichkeit der Langeweile auf einem Langstreckenflug hinwegzaubern kann. Doch Bill redet nicht wie ein Wasserfall, um zu unterhalten und die Langeweile zu bekämpfen. Er redet, weil er es kann. Doch nicht alle sind damit einverstanden und so werden einige zu Kämpfern. Und nicht jeder Kampf endet gut und bekommt nicht jedem gut…

Das fremde Gewürz

Spricht man es Englisch aus, sorgt man für Verwirrung, wenn man erzählt, dass man in Georgia war. Sofort fallen einem Baumwollplantagen ein, schneeweiße Herrschaftsanwesen. Doch es gibt ein weiteres Georgia. Georgien. Im Kaukasus. Dort, wo der Wein zum ersten Mal kultiviert wurde. Wo Prometheus an den Felsen gekettet war. Wo fremde Gewürze den Gaumen verwöhnen.

Davon kann Eva Dietrich berichten. Vier Monate verbrachte sie in Tiflis, der Hauptstadt des Landes, das 2018 für Furore sorgen wird, wenn es als Gastland der Frankfurter Buchmesse sein literarisches Füllhorn über den Lesern ergießen wird.

Dieses fremde Gewürz, das dem Leser neugierig machen wird, nennt sich utskho Suneli. Es wird zum allen und reichlich und immer hinzugefügt. Je nach Köchin schmeckt es verschieden. Doch fehlt es, wird man es merken. Es wird aus dem blaublühenden Bockshornklee gewonnen. Nachdem Eva Dietrich auf Märkten und bei Besuchen immer wieder davon hörte, ließ es sie nicht mehr los. Sie musste unbedingt ihrem Forscherdrang nachgeben und die Felder der Umgebung besuchen, so der so besondere Klee wächst, dessen Samen selbst den Georgiern das Attribut fremd wert ist.

Bei einer anderen Gelegenheit traf sie die Nonnen des Klosters von Phoka. Sie sind wahre Feinschmeckerinnen, auch ohne utskho Suneli. In ihrem Kloster, das von außen nach allem aussieht, aber nicht nach einem Ort der Ruhe und Einkehr, verköstigen sie sich und Fremde Käse, Schokoladen und Wein. Die erstgenannten Dinge stellen sich höchstpersönlich her. Marmeladen aus Melone, Zitrone und Estragon lassen den Gaumen schon beim Lesen in Haps-Acht-Stellung gehen.

Dies sind nur zwei Geschichten aus dem körperlich kleinen, doch inhaltlich riesigen Buch der Schweizerin Eva Dietrich. Georgien greift gern nach der Hand aus dem Westen, was zur Folge hat, dass die Eigenständigkeit dem globalen Markt ein wenig das Feld überlassen wird. Streift sie durch Afrika, ist sie keineswegs unter sengender Sonne unterwegs, sondern in einem Ort, der tatsächlich so heißt. Ihre Bewohner haben es längst aufzugeben sich mit unnützlichen Gedanken zu beschäftigen. Das Hier und Jetzt zählt. Für alles andere ist keine Zeit. Es kommt eh anders als man denkt. So trist das Leben auf den ersten Blick erscheint, so reichhaltig ist die Kultur, die immer noch gelebt wird. Die goldenen Zeiten der Seidenproduktion sind vorbei. Doch still und heimlich drückt die Poesie der Georgier durch den chinesischen und europäischen Beton der Neuzeit. Georgien ist es wert erkundet zu werden. Und als Beigabe, nein als Appetithappen, als Triebfeder ist dieses Buch ein unermüdlicher Kämpfer für ein Land, das gar nicht so weit weg ist von dem, was wir tagtäglich um uns herum haben.

500 hidden secrets Lissabon

Wo Licht und Schatten aufeinanderprallen, bleibt so manches im Verborgenen. Die Hauptstadt Portugals ist in der vorteilhaften Lage dem Besucher das volle Programm bieten zu können: Meer und Berge, Sonne und Schatten, heiße Temperaturen, ein Kulturangebot, das auf Jahrhunderten fußt. Und trotzdem wird man es als Tourist niemals schaffen, alles – wirklich alles – bei einem Besuch sich anschauen zu können.

Ein Reiseband tut Not. Und wenn er so kompakt in der Hand liegt wie dieser, ist er ein willkommener Stichwortgeber in der Stadt am Tejo. Moderne Architektur wie der Pavilhão de Portugal trifft auf Baukunst des 16. Jahrhunderts wie den Torre de Belém. Lissabon lässt sich gern zu Fuß erkunden – das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist sowieso eher was für Nerds.

Und während man so vor sich hinschlendert, ist man in einer Zwickmühle. Zum Einen muss man die Augen offenhalten. Es gibt so viel zu sehen. Der Titel des Buches verrät es schon: Hier sind fünfhundert Geheimnisse versteckt. Das heißt, dass man sie suchen muss. Zumindest aber die Augen nicht schließen darf. Zum Anderen will man aber auch nichts verpassen. Innehalten, ein wenig im Buch blättern und weiter geht’s.

Pastéis de Nata, diese leckeren Teilchen, die einen jedwedes Heimweh runterschlucken lassen, gibt es hier und da im Stadtgebiet. Die leckersten fünf Anlaufstellen findet man in diesem Buch. Wem immer dann immer noch der Sinn nach lukullischen Einkaufserlebnissen steht, muss ein paar Seiten weiterblättern. Mercados soweit das Auge reicht. Auch hier wieder: Die Top Five der Märkte.

Einhundert Kapitel á fünf Tipps zum Einkaufen, sich typisch portugiesisch verköstigen lassen, Tipps zum Sporttreiben, Dingen, die man mit Kindern unternehmen kann und vieles andere mehr, geben einen Überblick über eine Stadt, die eben mehr ist als „nur die Hauptstadt Portugals“. Ob man sie nun als Hotspot oder Place to be bezeichnen will, die Tipps sind kleine Appetithappen, die man ohne Reue genießen kann. Kurz und knackig, ohne viel Schnickschnack wird man verführt Lissabon auf eigene Faust zu erkunden. Das richtige Faustpfand hält man bereits in den Händen.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Das verlorene Kopftuch

Bei vielen Reiseberichten über und aus dem Iran bekommt man immer wieder das Gefühl als ob ein Redaktionspraktikant oder Volontär sich auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen machen musste. Der Iran ist zweigeteilt. Zum Einen der Iran aus den Nachrichten mit brennenden Stars and Stripes und lautstarkem Wehklagen. Zum Anderen der Iran, in dem Menschen ihre Kultur offen ausleben. Zwiespältig. Verschleiernd. Widersprüchlich.

Nadine Pungs weiß auch nicht genau, was sie erwarten wird, was sie erwarten soll, als sie auf dem Flughafen von Teheran landet. Das Schlimmste bringt sie allerdings gleich hinter sich. Auf der Taxifahrt versucht der Fahrer sie mit deutschem Pop von Modern Talking herzlich zu begrüßen. Folter auf höchstem Niveau. Doch nichts anderes als eine Geste der Gastfreundschaft, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Auch, dass sie – durch Beziehungen – absolut kostenfrei und so lange sie möchte eine Privatunterkunft in der Millionenmetropole gefunden hat, lässt sie am Nachrichtenbild des Irans zweifeln.

Nadine Pungs hat sich akribisch vorbereitet. Sie hat Unmengen an Büchern gelesen. Stundenlang Fernsehbeiträge geschaut. Sie weiß viel über den Iran. Doch als es an der Tür klingelt, ihre „Vermieter“ haben sich angekündigt, weiß sie nicht, ob sie nun ein Kopftuch tragen soll oder nicht. Schließlich sind sie sich alle fremd. Muss sie nicht, wird sie beruhigt. Und schon das nächste Fettnäpfchen. Es wird sich bei der Begrüßung dreimal auf die Wange geküsst.

Kaum zehn Prozent des Buches gelesen und schon weiß man mehr über den Iran als man vorher auch nur zu wissen glaubte. Punktlandung.

Vier Wochen wird sie dieses Land bereisen. Ein Land, in dem strenge Sittenwächter bestimmt darauf hinweisen, dass das Kopftuch eine Locke hervorblitzen lässt, aber Haschisch so alltäglich ist wie andernorts auf der Welt das Feierabendbier. Ein Land, das vor ehrlicher Gastfreundlichkeit strotzt, die Ehe auf Zeit genauso erlaubt wie chirurgische Nasenkorrekturen.

Nadine Pungs ist nicht die Volontärin, die dem Chefredakteur die ungewöhnlichsten Geschichten auf den Tisch wirft. Der Iran hat ihr Herz wahrlich berührt, und das nicht nur, um einen schmissige Unterzeile für ihren Titel zu erhalten. Alltag und Wahnsinn gehen im Iran genauso Hand in Hand wie anderswo. Doch hier – fernab von permanenter Leuchtreklame der so genannten Global Player, westlicher Sittendekadenz – fällt es eher auf. Auch im Iran ist das Leben normal. Nur eben anders. Doch die Ausschläge nach oben in der Fremdlichkeitsskala sind extremer. Die Freundlichkeit in Gastfreundlichkeit wiegt hier mehr als der Gast.

Vorsicht muss hier immer walten lassen. Doch man gewöhnt sich daran zu allem und jedem seine Meinung laut kundzutun. So wie man es generell im Ausland halten sollte. So was nennt man kulturelle Unterschiede. Nadine Pungs gelingt es mit federleichter Vehemenz ihr Erstaunen in nuancierte Worte zu fassen. Die umwerfenden Paläste sind sichtbare Zeichen einer bemerkenswerten Kultur. Nadine Pungs bringt diese Hinterlassenschaften in Einklang mit den Menschen, deren Vorfahren diese errichtet haben. Darin liegt die Besonderheit dieses Buches.