Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Stadtansichten

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Die Urlaubszeit naht und man weiß einfach nicht wohin man reisen soll. In eine Stadt, ans Meer, in die Berge, aktiv oder faulenzen. Es gibt so viele Arten die schönste Zeit des Jahres sinnvoll zu verbringen, dass die Planung schon fast wieder in Arbeit ausartet. Gut, wenn man weiß, dass es die Reisebücher vom Michael-Müller-Verlag gibt. Auch Kochbücher gibt‘s dort. Und nun auch noch einen Kalender. Die Sehnsucht wird mit allen Mitteln verstärkt. Doch dieses Mal sind die Leser und Fans des Verlages selbst schuld. Denn sie haben ihre Eindrücke, die schönsten Fotos ihrer Reisen, die sie mit den City-Guides so  umfassend planen konnten, selbst eingeschickt. Zwölf ganzseitige Fotos haben es nun in diesen Kalender geschafft.

Von der Goldenen Stadt Prag, über das immer noch hippe Barcelona bis ins verträumte Wien. Vom schnörkellosen Dublin übers lebendige London bis ins liebenswerte Lissabon. Doch Kalender aus dem Haus Michael Müller wäre kein echtes Produkt aus dem Hause Michael Müller, wenn es da nicht noch ein paar Tipps geben würde. Im Mai soll ja Hamburg am schönsten sein, sagt man. Der Kalender zeigt in diesem Fall nicht nur die Tage an, sondern auch einen besonderen Feiertag in der Hafenstadt, den Hafengeburtstag. Fällt 2018 zufällig mit Christi Himmelfahrt zusammen. Und wo soll man dann essen gehen, ausgehen oder shoppen gehen? Steht alles schon im Kalender, auch warum der Hafengeburtstag hier so euphorisch herbeigesehnt wird wie andernorts der Karneval. So wird der Kalender nicht nur zum Ansichtsobjekt, sondern auch gleichzeitig zum Absichtsprojekt.

Dieser Kalender beweist, dass es nicht viel Tamtam braucht, um Eindruck zu machen. Kein Hochglanz ist erforderlich, um die Augen zum Glänzen zu bringen. Und er beweist, dass man sehr wohl Kalender noch einmal neu erfinden kann. Während sich die meisten Kalender auf eine hübsche Ansicht beschränken, baut man hier auf Brauchbarkeit und eindrucksvolle Ausblicke. Und zwar so wie sie jeder erleben kann, ohne vorher in schwindelerregende Höhen aufsteigen zu müssen und ungesunde Verrenkungen machen zu müssen. Alles echt!

Ebenso echt wie der karitative Nutzen des Kalenders. Fünf Euro gehen direkt an den Kinder- und Jugendfond der Lebenshilfe Erlangen e.V. Allen, die Hilfe benötigen, um ein normales Leben zu führen, steht der Verein mit Rat und vor allem Tat zur Seite.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Die Reise des Horace Pirouelle

Reisepass, genügend Klamotten und Toilettenartikel eingepackt? Na dann kann die Reise ja losgehen! Sobald die Checkliste komplett abgehakt ist, beginnt der Urlaubsstress. Zumindest bei so manchem, der sich seit Wochen und Monaten auf die schönste Zeit des Jahres freut und alles akribisch vorbereitet. Aufbruchsstimmung nennt man das, oft endet es in Abbruchstimmung.

Horace Pirouelle bricht auf um aufzubrechen. Nichts mehr und nichts weniger. Grönland soll es sein. Sein Freund Julien – unter uns: Julien ist Philippe Soupault, der so poetisch diese Reise beschreiben wird, obwohl er gar nicht dabei sein wird – ist überrascht als der Freund ihm berichtet wohin es gehen soll. Denn Horace Pirouelle wurde einst in Liberia geboren. Quasi als Kontrastprogramm will er nun ins ewige Eis. Einfach so. Ja, wirklich, einfach so. Es gibt keinen triftigen Grund warum es ausgerechnet Grönland sein soll.

Die Reise beginnt. Und fast wie im Märchen, findet sich Horace auch bald in der Eiswüste zurecht. Dem Alltag der Eskimos kann er mühelos folgen. Anschluss findet er schnell. Doch irgendwann erdrückt ihn die Nähe, die man in Grönland so nicht erwartet.

Wer nun eine Reisebeschreibung vielleicht á la Joseph Conrad erwartet, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn Monsieur Pirouelle sucht nicht das Besondere, er ist ja schon mittendrin. Er erinnert auch ein wenig an den Autor selbst. Entdecker wollte er werden, wenn er groß ist, meinte er in jungen Jahren. Und nun schickt er den erfundenen Horace Pirouelle in die Ferne nach Grönland. Alles hier ist anders. Keine Cafés, kein Eiffelturm, keine afrikanischen Rhythmen wie daheim in Monrovia, Liberia.

Philippe Soupault gibt dem Affen Zucker. Mit einer jungenhaften Freude schreibt er seinen Freund in ein Abenteuer, das der so schnell nicht vergessen wird. Sage und schreibe einhundert Jahre ist es her, dass dieser Kurzroman geschrieben wurde. In Europa wütete der Krieg. Revolutionen rückten Länder in den Fokus, die bisher nur am Rande oder in seltenen Fällen als eroberungswürdig wahrgenommen wurden. Schon zwei Jahre später wird Philippe Soupault zusammen mit André Breton den ersten surrealistischen Text „Die magnetischen Felder“ verfassen. Losgelöst von herrschenden Strukturen wollten sie die (Kunst-)Welt verändern. „Die Reise des Horace Pirouelle“ war der selbst gelegte Pfad auf diesem Wege.

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Das Gesicht Deutschlands

„Das Gesicht Deutschlands“ – ein Sittengemälde, eine Abrechnung mit den vorherrschenden Meinungen? Nein, dieses Buch ist das, was es vorgibt zu sein. Es zeigt das, was man tagtäglich sehen kann. Nicht alle zugleich, aber jeder für sich. Wen es in die Ferne zieht, der bekommt einen anderen Blick auf das, was vor der eigenen Haustür wächst, gedeiht, blüht, welche Pracht es entfalten kann. Bernd-Jürgen Seitz, promovierter Biologe und Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Freiburg i. Br., zeigt die Charakteristika dessen, was sichtbare Heimat ist.

Deutschland ist dicht besiedelt. Echte naturbelassene Landschaften sind spärlich gesät und somit schützenswert, aber – und vor allem – sehenswert. Jeder hat schon mal den Urlaub, egal, ob kurz oder lang, in Deutschland verbracht. Und jeder hat dabei – egal, wo dieser Urlaub nun stattgefunden hat – mindestens einen Ort für sich entdeckt, der etwas Besonderes darstellt. Das kann ein Aussichtspunkt sein, eine Schlucht, ein Berg, dicht bewachsener Wald, aber auch eine grüne Oase im hektischen Großstadtdschungel. Und dieser Ort hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, ihn wird man niemals wieder vergessen können.

Bei Bernd-Jürgen Seitz sind diese Orte gleich mehrfach vorhanden. Doch ihm geht es nicht zu zeigen, wo er sich am wohlsten fühlt, er will darüber hinaus auch noch zeigen, wie diese Landschaften entstanden sind, was sie so charakteristisch macht und vor allem, wie prachtvoll sie sich dem Besucher präsentieren. Und das alles gepaart mit einer ordentlichen Portion Wissen über Entstehungsgeschichte und Entwicklung. Die Bilder sprechen jedes für sich. Eindrucksvoll und oft überraschend. Die Darstellungsdiagramme vermitteln auf eindringliche Art und Weise ein Gesamtbild, das man sich so eigentlich niemals vorstellt. Zum Beispiel ist Sachsen ein fast exaktes Spiegelbild Gesamtdeutschlands. Wenn man nur die Bevölkerungsdichte betrachtet. In Deutschland leben rund 227 Menschen pro Quadratkilometer. In Sachsen sind es 220.

Das Kapitel „Was liegt wo in Deutschland“ sorgt bei allen Geographie-Muffeln für Besorgnis. Doch keine Angst, eine Eignungsprüfung für dieses Buch muss man nicht ablegen. Vielmehr ist es anders herum. Wer eine Prüfung zur Biologie, in Geographie oder Sachkunde vor der Brust hat, kommt mit diesem Buch, bzw. mit der intensiven Lektüre des Buches, ziemlich weit. Wie natürliche Ländergrenzen teilen Flüsse und Gebirge Deutschland. Administrativ sieht es da natürlich anders aus.

Landschaft bedeutet aber auch, und vor allem in Deutschland Nutzfläche. Je weiter man in den Norden vordringt, desto geringer wird der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Bayern ragt mit rund 37 Prozent aus der Masse hervor. Bremen als kleinstes Bundesland kann nur zwei Prozent vorweisen. Selbst das am dichtesten besiedelte Nordrhein-Westfalen wartet noch mit 26 Prozent auf.

„Das Gesicht Deutschlands“ ist nicht nur ein Bilderbuch, das man sich in Ruhe immer mal wieder auf den Schoß legt, um darin ein wenig zu blättern. Es ist darüber hinaus auch ein Lehrbuch, ohne den obligatorisch erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass Deutschland schon immer bunt war, wie farbenfroh es ist und dass es wert ist genau so bunt zu bleiben…

Iran – Tausend und ein Widerspruch

Die Besucherzahlen steigen in erheblichem Maße. Vorurteile werden als solche demaskiert. Und in den Nachrichten wird der Iran immer noch als repressiv und aggressiv verteufelt. Nur ein Widerspruch. Lässt man Politik und religiösen Stillstand außer Acht, gehört der Iran jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern. Und zu den reichsten. Nicht allein nur wegen des Öls, nein, wegen der unermesslichen kulturellen Hinterlassenschaften eines Jahrtausende alten Strebens nach Fortschritt.

Die Fotografen Samuel Zuder und Mina Esfandiari sowie der Journalist Stephan Orth haben den Iran besucht. Nicht einfach nur, um mal zu schauen, ob und wie schön es denn im Iran sei. Das wussten sie schon vorher. Ihnen ging es darum den Alltag einzufangen. Einen Alltag, der in unseren Augen voller Widersprüche steckt.

Zuallererst fallen die intensiven Bilder auf. Sie bestechen durch Motivwahl und die Wirkung. Grandiose Lichtermeere künden vom regen Leben in den Großstädten wie Teheran. Strukturierte Architektur sind Zeugnisse städteplanerischer Notwendigkeit. Diese Bilder sind jedermann zugänglich, der den Iran besucht.

Immer werden jedoch Bilder eingestreut, die man selbst auch wahrnehmen kann, deren Einordnung einer gewissen Vorbereitung (von nun an auch durch dieses Buch) bzw. Erklärungen bedürfen. Sechs Holztüren. Folklore kommt dem Betrachter da erst einmal in den Sinn. Doch neben dem Glanz, der Kunstfertigkeit, der Schlichtheit und der Funktionalität treten Geheimnisse zutage, die man so nie vermutet hat. Zwei Türklopfer pro Eingang. Beide reich verziert. Der Eine erzeugt einen tiefen, dumpfen Klang und der Andere ein helleren … Geschlechtertrennung auf iranisch.

Das Leben im Iran ist geprägt von Regularien, die sich in unseren Breiten fremd bis unterwerfend anhören. Dann liest man vom hohen Bildungsgrad der Menschen, auch bei Frauen. Dass sie, die Frauen, diesen nicht oft ausnutzen können, ist so widersprüchlich wie die Bilder in diesem Buch. Da stehen Beinprothesen an einem Strand und nur wenige Seiten später erstrahlt die Imam-Moschee in Isfahan in einem Farbenmeer, dass kein Kirchenfenster der christlichen Welt nachahmen könnte. Nasenkorrekturen sind im Iran so alltäglich die Märtyrerverehrung. So selbstverständlich Schleier getragen werden, die Revolutionswächter kommen sonst vorbei – im günstigsten Fall „nur mit einem bunten Staubwedel“ – so selbstverständlich ist es unbeobachtet Selfies ohne die Verschleierung online zu stellen.

Man mag den Kopf schütteln über die Ignoranz gegenüber den vermeintlich falschen Werten. Man mag es faszinierend finden wie ein so riesiges Volk immer noch scheinbar altertümlichen Riten brav folgt. Fakt ist, dass der Iran ein Land ist, dass wir trotz aller Reiseerleichterungen immer noch nicht ganz verstehen. Dieses Buch ist der richtige Schritt, um Vorurteile abzubauen und mit beeindruckenden Bildern die Augen für eine wahrhaft fremde Welt zu öffnen. Es kann nur im Falschen enden, wenn man Vergleiche mit sich selbst anstellt, um etwas schön, interessant oder bemerkenswert zu finden. Manchmal reicht es einfach nur sich zurückzulehnen und ein bisschen über den Tellerrand schauen zu können.

Mehr über Mina Esfandiari gibt’s hier.

Die Entstehung der Arten

Bei all den Alleinstellungsmerkmalen, die man sich so ausdenkt, haben die meisten Hotelzimmer eines gemeinsam: Die Bibel im Nachttischchen oder offen präsentiert auf selbigem. Das Gegenstück würde sich ebenfalls gut an dieser Stelle machen. Im Gegensatz zur Bibel ist in diesem Fall der Autor bekannt: Charles Darwin. Und sein Werk heißt „Die Entstehung der Arten“. Alles, was in der heutigen Biologie erforscht wird, fußt auf seinen Erkenntnissen über die Entstehung dessen, was auf unserer Welt lebt. Und wenn man sich Portraits des Forschers aus seinen letzten Lebensjahren ansieht – weißer langer Rauschebart – kommt einem der Vergleich mit der Bibel und dessen Hauptakteur gar nicht mehr so abwegig vor…

Das erste Drittel des 19. Jahrhunderts war für Darwin die Zeit, in der er getrieben vom Wissensdurst sich aufmachte neue Welten zu entdecken und zu erkunden. Ihm reichte es nicht als erster seinen Fuß auf unbekanntes Territorium zu setzen. Er wollte dem Artenreichtum auf den Grund gehen.

Ihm fiel – vielleicht als einem der Ersten – auf, dass bei all den Unterschieden in der Tierwelt, immer wieder Gemeinsamkeiten untereinander hervortraten. Das muss doch irgendwie Ursachen haben, dachte er sich. Nach und nach entwickelte er seine Theorien unter anderem zur Anpassung, Mutation oder natürlicher Auslese. Bei Letzter überlebt nicht der Stärkste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste – ein Schlag ins Gesicht von so manchen „Propaganda-Spezi“.

Als „On the origin of species“ erschien, war das Geschrei groß. Darwin, der Verrückte, der Phantast, hieß es. Heute ist sein Hauptwerk, nicht mehr nur allein sein Werk, es ist Lehrbuch, vergöttertes Standardwerk und Fibel für die Kleinsten in Einem. Besonders diese Ausgabe erfüllt diese drei Kriterien. Inhaltlich ist es das Buch, das so manchen lernbefreitem Schüler die Lust an der Biologie wieder zurückgibt, gestalterisch ist es ein Kunstwerk, das sich nur in einem Prachtband wie diesem richtig entfalten kann.

Der Einband lässt die Vermutung keimen, dass sich in diesem Buch noch mehr eindrucksvoll gestaltete Abbildungen verbergen. Diese Annahme ist nur zum Teil richtig: Sie verbergen sich nicht, sondern sie präsentieren sich ganz schamlos dem Leser. Neben Abbildungen aus der Originalausgabe glänzen Photographien, teils historisch, teils aktuell, und begeistern den Leser. Das Highlight sind aber zweifelsohne die zahlreichen Zeichnungen von Lebewesen, die in ihrer Detailtreue und vor allem Detailfülle den Froscherdrang im Leser anheizen. Die Erläuterungen, die Texte, die Theorien sind nicht nur ausgemachte Experten verständlich, sondern machen Darwins Erkenntnisse greifbar.

Diesen Prachtband nur als Weihnachtsgeschenk anzusehen, wäre fatal. Klar ist, dass man mit diesem Geschenk unumschränkten Beifall ernten wird. Doch der Ruf des Buches ist weitaus lauter als man es vermutet. Reich bebilderte Bände gibt es zuhauf. Doch Wissensvermittlung mit exzellenter Aufbereitung des Inhaltes wurde nie so umfangreich und eindrucksvoll an den Leser gebracht. Nicht nur wegen des Gewichtes und der Maße ein echtes Schwergewicht, sondern vor allem inhaltlich und gestalterisch.

London Calling

Irgendwie kommt einem alles so seltsam bekannt und im gleichen Atemzug auch wieder fremd vor. „London Calling“ – Klassiker des Rock, des Punk – und dann die Frau auf dem Buchcover, schon mal gesehen. Annette Dittert war die viel zu wenig beworbene Internetwaffe der Tagesschau auf dem Weg in die Moderne. Ihr Blog „London Calling“ war für die, die ihn kannten Pausengespräch, Informationsquelle, Flucht in eine gar nicht so ferne Welt, die erst durch ihre Reportagen näher rückte. Damals war Großbritannien noch nicht Brexitannien. Heute lebt Annette Dittert an Elbe und Themse gleichermaßen.

Das Buch „London Calling“ ist keineswegs der Rückschritt in die Vergangenheit, das Internet – ihr Blog – war nur die Grundlage dafür. Wer London besuchen will, muss sich vorher informieren. Die Stadt ist vollgepfropft mit Attraktionen, wer eine verpasst, trägt schnell den Stempel „Du warst ja gar nicht da!“ auf der Stirn.

Annette Dittert arbeitete als Korrespondentin in Warschau, New York und eben London. Warschau, das war die Stadt im Umbruch. New York, der urbane Wahnsinn der Veränderung, und in London, so scheint es, sind die Wurzeln der Vergangenheit gleichzeitig die Knospen der Zukunft. Und mittendrin Annette Dittert. Die Sprachbarriere war nicht existent. Die Neugier groß, der Forscherdrang die Triebfeder und mit der ihr eigenen Energie und Eloquenz machte die Autorin London zu ihrer Heimat. Um dem Wahnsinn der Preistreiberei zu entgehen, und auch um sich London eigenwillig anzueignen, bezog Annette Dittert ein Hausboot. Wer den Blog kennt, kennt auch Emilia. Emilia, das Hausboot. Dort lebt Annette Dittert noch heute.

Doch „London Calling“ ist keine Liebeserklärung an das Hausboot, es ist eine Liebeserklärung an London, die Metropole, die zum Sinnbild der Abspaltung, des gefräßigen Kapitalismus und der Internationalität geworden ist.

Das Buch beginnt mit dem Referendum zum Brexit. London wollte drinbleiben und London entschied sich für den Ausstieg. Und das obwohl Großbritannien schon immer einen Sonderstatus in der EU hatte. Worüber regen sich also alle auf? Im Zug werden Tränen vergossen, als Zugreisende merken, dass die Frau, die das gerade mit der Heimat telefonierte, Deutsche ist. Sie entschuldigen sich bei ihr, machen ihrer Angst Luft. Kurz nach ihrer Ankunft wird Annette Dittert ins Castle eingeladen, also in eine Wohnung, die den Briten heilig zu sein scheint, in der sie niemals spontan, und schon gar keine Fremden einladen. Da kann man sich noch so gut vorbereiten – London ist immer für eine Überraschung gut. Und „London Calling“ hat davon gleich Dutzende in petto.

Selten gelingt es Autoren eine Stadt so zu portraitieren, dass man als Leser auf lange Sicht hin etwas davon hat. Wer sich bei Annette Dittert einhakt und sich ihr London zeigen lässt, wird die Stadt schnell als Heimat empfinden. Der Lockruf der Großstadt war noch nie so intensiv!

1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.