Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Paris mon amour

Paris und die Liebe – mehr als nur ein Klischee. Paris und die Liebe – so massenkompatibel wie wahrhaftig. Paris und die Liebe – immer wieder eine Anregung für Autoren ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es bleibt nicht beim Klischee.

Durch die Jahrhunderte hindurch war Paris ein Sehnsuchtsort. Grenouille – ja, genau der Grenouille aus der Feder von Patrick Süßkind – wird gezwungen auch andere Sinne einzusetzen, um sich im Strudel der Düfte zurechtzufinden. Michael, der Held aus F. Scott Fitzgeralds Geschichte, harrt der Dinge, die ihn auf einer Hochzeitsparty ereilen sollen. Ob Jojo Moyes oder Friedrich Glauser – ihre Helden verlieben sich in Paris, sind bereits verliebt oder entdecken die Liebe immer wieder neu. Und mit ihnen auch der Leser.

Immer wieder blitzen Orte in Paris auf, die nach Verführung und Alles-Um-Sich-Herum-Vergessen-Können klingen, wie der Jardin du Luxembourg. Man streift mit den Protagonisten durch die Stadt der Liebe und entdeckt sie immer wieder neu. Ob beim Flanieren am Kanal du Saint Martin oder am Eiffelturm.

Doch kann die Liebe auch auf den Magen schlagen. Zu viel des Guten ist ungesund. Zu wenig eine Schande.

Die Pariser Liebesgeschichten in diesem Buch – Joey Goebel hat eigens dafür eine Geschichte beigesteuert – lassen mindestens noch einmal Urlaubsgefühle aufkommen. Ein Croissant am Morgen zur Stärkung, eine Geschichte auf den Stufen von Notre Dame am Vormittag, das Ablaufen einer Kurzgeschichte an Originalschauplätzen am Nachmittag, und Abend lässt man in einem der erwähnten Restaurants den Tag ausklingen und Revue passieren. Schon verliebt? Garantiert!

Es ist ein Privileg der freien Zeit, dass man sich und die Welt mit anderen Augen sehen kann. Nun ist Paris sicherlich keine Stadt mehr, die gänzlich unbekannt ist, jedoch immer noch Geheimnisse in sich birgt. Ein Reiseband ist ein unerlässlicher Helfer, um sich in ihr bewegen zu können. In sie eintauchen wird man aber nicht können, wenn man nur die Sehenswürdigkeiten wie ein Schwamm aufsaugt. Hier sind die Literaten als Chronisten der Zeit gefragt. Sie zeigen ein Paris abseits von Arc de Triomphe und Centre Pompidou. Sie finden die kleinen Gassen, in denen sich das Leben tummelt. Und dieses Leben ist es letztendlich, das Paris zum Leben erwachen lässt.

„Paris mon amour“ ist ungeschminkt elegant, das kleine Büchlein, dass man immer dabei hat, um bei Rast auch Ruh zu finden. Egal, ob man verliebt ist oder selbige noch sucht – hier wird jeder Paris-Gast wie ein Freund empfangen.

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Überraschung! Es geht in die Karibik. Auf ‘nem Schiff. Und Sie müssen nix dazubezahlen! Der Freude weicht augenblicklich die Skepsis. Da ist doch was faul! Wenn einem so was passiert, ist man verdutzt, erstaunt und überlegt wie man den Fehler (denn nur um so etwas kann es sich handeln) in einen Vorteil für sich ummünzen kann.

Situation Zwei: Ein Kreuzfahrtveranstalter sucht dringend noch einen kulturellen Höhepunkt seiner Rundreise durch die karibische Inselwelt. Vermutlich sind ein Bauchredner und eine Schlagershow schon längst eingetütet. Besonders dialektbehaftete Schlagersänger nehmen so was ja gern mit, um ihre Weltläufigkeit hinterher „kundzutuan“.

Situation Drei: Man selbst ist ein renommierter Schriftsteller, preisbehangen und von der Kritik geliebt. Da flattert per Mail – Briefe sind ja so was von out – zur Mittagszeit eine Einladung zur Kreuzfahrt in den Posteingang. Kurz und knapp, klingt verlockend. Doch mehr als ein Dutzend Seiten Anhang liest man erst einmal nicht. Man freut sich, ist vielleicht ein wenig genbauchpinselt. Doch dann beginnt das Räderwerk, mit dem man so viele Erfolge schon feiern durfte, sich in Bewegung zu setzen. Warum ich? Bin ich nur der Pausenclown, der der ersten, zweiten, dritten … Wahl folgen soll, weil die keine Zeit oder Lust hatten? Warum hatten die denn keine Zeit oder Lust? Zu viele schlechte Erfahrungen?

Da man gut erzogen ist (eine umgehende Antwort freundlich eingefordert wurde, man hätte ja auch einen vom Stapel oder die Einladende auflaufen lassen) antwortet man natürlich. Natürlich auf seine eigene Art und Weise. Sie ist unverwechselbar, und da mit der eigenen Person auch diese Art und Weise angefragt wurde, eingekauft werden sollte, will man den Absender nicht enttäuschen.

Bodo Kirchhoff – Achtung, jetzt kommt noch eine Überraschung, für einige sicherlich sogar eine Enttäuschung – gibt sich nicht dem allgemeinen Trend hin und gibt die viertausendneunhundertneunundneunzig zahlenden Gäste (fünftausend passen aufs Schiff und er zahlt ja nicht) der Lächerlichkeit preis. Vielmehr beginnt das Buch mit dem Empfang der Mail und endet mit dem Ende der Antwort darauf. Es ist immer noch März, es sind immer noch neun Monate Zeit bis zum Abflug, nicht mehr und nicht weniger. Wer genug hat vom „Kuck mal die da drüben schaufelt sich schon wieder den Teller voll als ob wir gleich sinken werden“, wird mit „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ auf keiner der einhundertdreißig Seiten enttäuscht werden. Ellenlange Sätze voller Poesie, hintergründiger Ironie und geschliffener Sprache bilden das wortgewaltige Gegenstück zum durchgestylten und straff durchorganisierten Schifffahrtsvergnügen auf Zeit. Leider viel zu kurz, dafür aber verbunden mit der Hoffnung auf einen Nachfolger. Bitte!

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.

Lesereise Lissabon

Lissabon kennt kein Mittelmaß. Entweder ist man hellauf begeistert oder straft mit Missachtung. Und so begegnet auch Autor Martin Zinggl dieser Stadt. Er geht nicht dorthin, wo die „Anderen“, Touris, Gäste, Besucher gehen, sondern dorthin, wo Lissabon selbst so manchem lisboaeta noch was Neues zu bieten hat.

Zum Beispiel nach Chinatown. Nicht zu vergleichen mit denen in London oder New York. Kleiner, schummriger … und illegal. Seit Jahren hat sich hier eine Subkultur entwickelt, die jeder vom Hörensagen kennt, doch so richtig kennen sie nur wenige. Illegale Chinesen betreiben hier illegale Restaurants. Also Geschmackstempel ohne Zulassung, ohne staatliche Kontrolle, aber dafür mit echter chinesischer Küche. Alles ein bisschen schmierig hier. Sauberkeit als Fremdwort, das nicht einmal belächelt wird, weil sie eben nicht existiert. Aber dafür lecker und ein Abenteuer, auf das man sich einlassen kann. Schon allein die Suche nach den „Restaurants“ ähnelt einer Schnitzeljagd. Als Belohnung warten Entenzungen und Hühnerfüße.

Nicht minder exotisch mutet ein Besuch beim Rollerderby an. Hockey auf Rollschuhen, ein echter Amazonensport. Die Damen tragen martialische Phantasienamen wie Dr. No. oder Bulldoga, sind aber, wenn die Maske fällt, ganz nette Damen, die eben nur einem besonderen Sport nachgehen.

Und so streift Martin Zinggl durch eine Stadt, deren Gästezahlen seit Jahren nur eine Richtung kennen: Aufwärts. Rustikal, verträumt, melancholisch nehmen die Einen die Stadt wahr und verbreiten so das Image der Stadt als Sehnsuchtsort der besonderen Art. Martin Zinggls Buch bestreitet dieses Image in keinster Weise, doch kehrt er die wahren Schätze der Stadt heraus. Er verbringt einen Abend unter fanatischen Fußballfans, am Tag des wichtigsten Spiels des Jahres. Benfica gegen Sporting. Beide Vereine einen nur zwei Dinge: Die Herkunft – Lissabon – und der Hass auf einander. In einer Benfica-Kneipe ist er zusammen mit einem anderen Gast der Exot. Zinggl, weil er weder Benfica- noch Sporting-Fan ist. Der Anderem, weil er in grün-weißem Shirt sich eindeutig als Fan von Sporting zu erkennen gibt. Mutig, doch letztendlich enger mit seiner Mannschaft verbunden als ihm lieb sein könnte. Denn Benfica gewinnt 2:1.

Die „Lesereise Lissabon“ besticht durch die exakten Beschreibungen der Stadt und ihrer besonderen Bewohner. Grafitti-Omas, Bergsteiger-Legenden und das älteste Puppenkrankenhaus der Welt sind nur drei Orte, die Martin Zinggl besucht, und das unübersetzbare Lebensgefühl saudade mit dem Rhythmus des fado eine neue Dimension verschaffen. Wer Lissabon bisher nur mit bunten Kacheln und Portwein gleichsetzte, wird mit diesem Buch eine weitere Komponente zu spüren bekommen: Reisefieber!

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

Barcelona

Und weiter geht die wilde Hatz! Sagrada familia, schnell ein paar Tapas, playa, ramblas – puh das stresst. Aber man hat in wenigen Stunden alles gesehen, was es Sehenswertes in Barcelona gibt. Könnte man meinen. Doch dann fällt einem der Reiseband „Barcelona“ von Baedeker in die Hände. Dreihundert Seiten stark – da muss es also noch mehr geben als die extravagante Architektur von Antoni Gaudí und Fressmeilen. Aber wer reist schon so. Und Barcelona im Speziellen hat durchaus mehr zu bieten. Da tut es Not sich zumindest ein wenig im Vorfeld zu informieren, was es alles zu erobern gibt. Und dieser Baedeker ist ein auskunftsfreudiger Reisebegleiter!

Zuerst zum Standard. Jeder Reiseband ist mit einer Karte, in diesem Fall mit einem aussagekräftigen Stadtplan versehen. Ebenso zum guten Ton gehört eine informative Einführung in die Stadt mit einem kurzen Abriss zur Geschichte – so manches Aha-Erlebnis wird erst so zu Selbigem. Zum Beispiel, wenn man am 15. oder 30. August, 24. September, am ersten Sonntag im Oktober oder den Sonntag nach dem 22. Oktober oder am 1. November oder am dritten Sonntag im November in der Stadt ist. Dann werden die Castells, die berühmten menschlichen Kathedralen allerorten zu sehen sein. Ein Erlebnis, das im Fernsehen schon beeindruckend ist – live fiebert man mit jeder neuen Etage mit den Casteller mit. Schon auf der Umschlagseite wird auf diese Tradition hingewiesen.

Architektonisch ist Barcelona eine Sensation. Nicht nur die Sagrada familia, das unvollendete Bauwerk Gaudís, sondern ganze Straßenzüge, die im katalonischen Jugendstil, der Modernisme genannt wird, erhellen die Herzen der Besucher. Muss man gesehen haben. Das nötige Hintergrundwissen gibt’s im Buch.

Ein Städtetrip nach Barcelona ohne vernünftigen Reiseband wäre wie Strandurlaub im Hotelbett, wie ein McDonalds-Besuch in Lyon oder Wassertreten in der Sahara – unnötig und sinnlos. Ausflüge ins nur wenige Kilometer entfernte Montserrat mit seinem Kloster, oder in die traditionsreiche Fußballgeschichte der Stadt oder eine (Rad-)Tour zum Museu Marítim oder oder oder – die Stadt bietet so viele Möglichkeiten sich für immer an sie zu erinnern, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass so viele in diesem Buch vereinigt werden konnten.

Wer den Reiseband verschenken will, dem sei noch empfohlen, dass zum „Rundum-Sorglos-Paket“ ein Prachtband und ein wenig Belletristik gehören. Der ewige Dank des Beschenkten ist einem hundertprozentig sicher. Und ein Souvenir als Dankeschön aus der Hafenstadt am Mittelmeer kann schon mal eingeplant werden…

Andalusien

Ándale, ándale – auf nach Andalusien! Ja, so geht es vielen. Endlich Sommer, endlich Sonne, endlich Urlaub! Und dann muss man sich entscheiden. Meer oder Berge, Kultur oder all inclusive oder oder oder – die Auswahl ist schier unmöglich zu bewältigen. Aber man weiß immerhin schon, dass es nach Andalusien gehen soll. Gute Wahl! Noch besser, wenn man auf zehn Auflagen Reiseabenteuer aufbauen und auf die elfte sich verlassen kann. Thomas Schröder hat die Zeit seit der zehnten Auflage genutzt, um noch ein wenig mehr zu recherchieren und seinen Reiseband über Andalusien mit noch mehr Tipps anzureichern.

Siebenhundertzwanzig Seiten liest man nicht einfach mal so durch. Muss man ja auch nicht. Doch das erste Fünftel sollte man schon einmal genauer durchlesen. Eine ausführliche Einleitung gibt den Weg frei für einen unvergesslichen Urlaub. Andalusien hat seinen Namen nicht etwa, weil hier alles so schnell und hektisch vonstatten geht (Stichwort ándale, ándale! – das gehört zu Speedy Gonzalez), sondern weil hier das Licht zuhause ist, meinen die Einen. Andere vermuten in dem Wort den arabischen Namen für Atlantis. Nun, beides ist vorstellbar. Denn hier kann man sich verlieren, was nicht schlimm ist, und die Sonne ist täglicher Begleiter. Auch wenn Autor Thomas Schröder noch so präzise Angaben macht, ist es doch verlockend auch seinen Ausführungen mal ein wenig auszubüchsen. So wie ein Kleinkind, dass nicht immer an der Hand geführt werden will und muss, sind es die eigenen Erkundungen, die jede Reise so nachhaltig in Erinnerung bleiben lassen.

Auch wer noch nicht viel von Andalusien zu wissen scheint, wird beim ersten Blick auf die beiliegende Karte überrascht sein, wie viel orte doch shcon bekannt sind: Sevilla, Malaga, Cadíz, Granada, Cordoba … Auch Marbella als „Hotspot der Schönen und Reichen“ wie es in einschlägigen Magazinen heißt, darf sich zu Andalusien zählen. Doch was nützt es einem, wenn man zwar die Orte kennt, aber nichts mit ihnen anzufangen weiß?

In acht Teile ist dieser Reiseband gegliedert, acht Regionen und ein kleiner Wanderführer, denn auch dafür ist diese Region prädestiniert. Genauso fürs Schlemmen, fürs ausgedehnte Baden, für erlesene Kulturrundgänge – Andalusien hat einfach alles. Es bietet sich an dieses Buch beim ersten-Mal-in-die-Handnehmen die Seiten durch die Finger rinnen zu lassen. Noch nie schnell eine Region auf über siebenhundert Seiten kennengelernt! Man schafft es nicht alle Seiten schnell durchzublättern. Immer wieder stockt man. Jungwölfe im Lobo Park, gelbe Infokästen mit unterhaltsamen Hintergrundwissen, die Weine von Montilla-Morilles, Karten, wehrhafte Burgen – man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Wie immer wird jedes Kapitel mit zahlreichen Tipps zur Einkehr, zum Shoppen, Tanzen oder für Ausflüge abgerundet. In diesem Buch gibt es allerdings noch eine weitere Besonderheit: Tipps rund um das, was Andalusien für die meisten greifbar macht, den Flamenco. Und Thomas Schröder setzt noch einen drauf. Was einem vielleicht erst vor Ort auffällt, weil man so weit dann doch nicht plant, wie kommt man denn nun zu den einzelnen Orten? So was kann man nicht am Laptop recherchieren, das muss man erlebt haben. Genau wie Andalusien. Und damit jeder mindestens genauso begeistert ist wie der Autor, gehört dieses Buch einfach mit ins Reisegepäck. Individuell reisen – so lautet das Motto des Michael-Müller-Verlages. Viele wollen es, nur wenige schaffen es. Hundertprozentige Zufriedenheit gibt es nicht – doch, wer sich an dieses Buch hält, ist verdammt nah dran!

Costa de la Luz

Denk ich an Spaniens Küsten in der Nacht, … komme ich völlig durcheinander. Wo liegen die denn überhaupt. Costa del Sol, Costa brava, Costa de la luz? Letztere, die Küste des Lichts, ist der Teil im Süden Spaniens, der sich von Portugal im Westen bis nach Gibraltar erstreckt. Sevilla, Cadiz und Huelva sind wohl die bekanntesten Orte der Region. Sevilla ist in diesem Buch mit erwähnt, obwohl es eigentlich nicht direkt zur Costa de la Luz gehört, wohl aber als Ausflugsziel oder Ausgangsort einfach mit dazu gehört.

Schon die kleine Karte auf der Buchrückseite zeigt die ganze Vielfalt der Küste des Lichts: Gebirgszüge, ein Nationalpark, viel Wasser und wie es der Name schon sagt, viel Licht, sprich Sonne. Ideal zum Wandern, planschen, shopping, genießen. Und Thomas Schröder hat schon zuvor mehrere Reisebände über verschiedene Regionen Spaniens geschrieben. Einen besseren Reiseguide kann man sich nicht wünschen. Nur bei einer Frage kann auch er sich nicht entscheiden: Was bestelle ich nur im Restaurant? Die Vielfalt ist umwerfend. Da muss man als Gast ganz allein durch.

Das ist aber das einzige Mal, dass auch der Autor keinen echten Rat weiß. Ansonsten setzt er der Routine des Reisebuchschreibens die Leidenschaft für die Region entgegen. Das merkt man besonders, wenn man sich die gelb unterlegten Kästen durchliest. Hintergründe und kleine Anekdoten wie zum Beispiel über das „Schlemmen am Ufer der Meeresfrüchte“ oder den Karneval von Cádiz oder die Schlacht um den Thun lassen schon vor der Reise Urlaubsstimmung aufkommen.

Ein Füllhorn an Ausflugstipps und genauen Wegbeschreibungen lassen keine Wünsche offen. Huelva zum Beispiel war bis vor wenigen Jahren eine wenig besuchte Stadt, die Region nur bei Spaniern bekannt. Dabei ist das Hinterland mehr als sehenswert. Mittelalterliche Städtchen geizen nicht mit ihren Reizen, hier wächst ein leckeres Weinchen, und in El Rocío kommt Westernstimmung auf. Drei Tipps auf ein paar wenigen Seiten, von denen man bisher selten bis gar nicht gehört hat. Also immer dem Licht entgegen!

Thomas Schröder schafft es ab der ersten Seite den Leser die Costa de la Luz so nahe zu bringen, dass man sich schon vor der Abreise als Experte bezeichnen möchte. Auf der Landkarte nimmt dieser Flecken Erde nicht viel Platz ein. Doch vor Ort öffnet sich ein riesiges Areal, das es gilt zu erkunden. Verlaufen unmöglich, denn Thomas Schröder ist ja da, um hilfreich zur Seite zu springen.

Krakau MM-City

Die höchste Dichte an Nahrungsaufnahmemöglichkeiten. Ehemalige Hauptstadt. Die einzige Stadt der Welt, in der die jüdische Gemeinde wieder wächst. Wir sind in Krakau. Und Jan Szurmant und Magdalena Niedzielska-Szurmant sind die Reisebegleiter. Sie sind Wegweiser und Fabuleure zugleich. Über 300 Seiten und zahlreiche Karten helfen sich in der Stadt zurecht zu finden. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist die Buchbesprechung hier zu Ende. Alles drin, mehr braucht man nicht! Fertig, Aus, Ende! Doch dann hat man den Reiseband nicht richtig gelesen und schon gar nicht die Stadt erkundet!

Seit Kurzem zeigen sich die Kostbarkeiten der MM-City-Reihe im modernen Margenta. Inhaltlich hat sich nicht viel verändert, nur zum Besten allenfalls. In diesem Fall sind es vierzehn Spaziergänge durch die alte Königsstadt, von denen man gern auch mehrere an einem Tag „erledigen kann“. Denn teilweise gehen die Spaziergänge ineinander über. Die beiliegende Karte hat das richtige Format, um sich nicht umständlich zu verheddern. Ausgangspunkt ist fast immer die Altstadt, Stare Miasto. Hier befinden sich die meisten Sehenswürdigkeiten, doch auch außerhalb des turbulenten Platzes gibt es mehr als „nur ein paar Sachen noch zu sehen“. Die präzisen Angaben, wann man den Blick senken bzw. heben muss, wann sich ein Blick nach links oder rechts lohnt, wann man wohin abbiegen muss, wann man einfach dem Instinkt folgen kann, sind unerlässlich, wenn man Krakau erkunden will.

Zum Beispiel Tour Zehn. Da hat man die Altstadt schon hinter sich gelassen. An der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler, ja, genau der mit der Liste geht’s los. Beziehungsweise verharrt man erst einmal. Denn in der Fabrik ist nun ein Museum. Die Gegend drumherum ist nicht gerade ein optisches Highlight, drinnen im Museum dafür umso mehr. Schon vor Öffnen der Türen, sammeln sich erste Touristen und Besuchergruppen. Vorher also im Internet buchen – das steht nicht nur so im Buch, es ist auch so! Fact checking (das Wort wird ja heute gern benutzt) abgeschlossen und Hinweis aus dem Buch bestätigt) abgeschlossen. Kleiner Tipp: Wenn man zur Fabrik geht, am besten am Ufer der Weichsel entlang laufen. Der Blick auf die Burganlage Wawel vom anderen Ufer ist unbezahlbar. Und wer will kann ganz leicht immer wieder über die zahlreichen Treppen „nach oben steigen“ und hier und da in die kleinen Straßen reinriechen. Weiter geht es dann ins ehemalige Ghetto und dem Platz der Helden des Ghettos. Auch hier wieder ein Tipp, den man beherzigen sollte. Nicht über die Straßen laufen, sondern die Unterführung nutzen. Denn die Polizei steht tatsächlich da und kassiert kräftig bei denen ab, die die Straße queren. Und außerdem gibt’s in der Unterführung einen klitzekleinen Laden, der die leckersten und größten Äpfel der Stadt hat…

Kurz danach erreicht man die Rekawska. Keine besonders schöne Straße. Eine typische Straße für und in Krakau. Doch am Ende, wenn man die Reste der ehemaligen Ghettomauer passiert hat, rechts abbiegt, die Straße über den Zebrastreifen, die es hier zuhauf gibt, quert, und wieder rechts abbiegt, befindet sich ein Haus mit Geschichte. Denn hier wohnte vor seiner erfolgreichen Flucht Roman Polanski. Vorher kommt man an einem kleinen Stück Natur vorbei, wo man sich genau vorstellen kann, wie der kleine Roman hier rumstromerte. Ein bisschen weiter, bergauf, steht man nun vor der Wahl: Rechts in den Park Bednarskiego mit seinen über einhundert verschiedenen Baumsorten – herrlich ruhig und ideal zum Eichhörnchen beobachten – oder weiter über eine große Wiese, vorbei an einer Kirche, die nur zweimal im Jahr geöffnet hat, einer alten Ruine, über deren Schicksal noch entschieden wird, und dann immer dem Lärm nach. Diese Angabe ist nicht ganz so präzise. Ist aber auch nicht schlimm. Denn egal welchen Weg man wählt, das Ziel hat man immer vor Augen: Den Kraku-Hügel. Man kann sich ein wenig verlaufen. Doch Krakau ist ideal zum Verlaufen. Es gibt immer was zu sehen. Und hat man den Hügel erklommen, wird man mit einem grandiosen Rundblick belohnt.

Noch ein Wort zum Fact checking: Die beste Eisdiele der Stadt ist es auch wirklich. Und die preiswerteste. Die Zweitbeste (kann man alles nachlesen, muss hier nicht gesondert erwähnt werden) bietet zwar ein leicht cremigeres, doch nicht ganz so schmackhaftes Eis. Außerdem ist es in der „besten Eisdiele“ bedeutend preiswerter. Anstehen muss man in beiden. Die Wahl fällt also relativ leicht.

Wo gibt’s das beste Brot? Welche Museen lohen sich? Was gibt es außerhalb der Stadt zu sehen? Welche Geschichten verbergen sich hinter welchen Gebäuden? Wann lohnt sich ein Abstecher? Wie wurde Krakau das, was es heute ist? Fragen über Fragen, die den Besucher plagen und nur in diesem Buch beantwortet werden. Selten zuvor wurde eine Stadt so nah und so tiefgehend in einem Reiseband vorgestellt. Die beiden Autoren leben hier und bieten selbst auch Stadtrundgänge an. Das merkt man auf jeder einzelnen Seite, in jedem Abschnitt dieses unverzichtbaren Buches.