Archiv der Kategorie: offenes Asien

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Der Sonnenschirm des Terroristen

Da ist er! Hier steht’s. Toru Miyazaka (48). Und weiter unten: Mayu Miyazaka (6). Keisuke Shimamura liest die Namen in der Zeitung, Seien Hände zittern. Aber das tun sie immer, wenn er noch nicht getrunken hat. Was war passiert? Der Himmel war blau an diesem Tag in Tokio. Ein gutes Tag, um selbigen im Park mit dem Tagesritual zu beginnen. Kappe ab, Flasche auf, und den Brand in der Kehle genießen. Ein kleines Mädchen, frech und keck, spricht den Barkeeper Shimamura an. Warum er so zittere? Ob es ihm gut gehe? Und ob er glaubt, dass sie eine gute Violinistin werde. Verrückter Tag. Der Vater zieht die Kleine vorsichtig, aber bestimmt weg von dem Trinker, der vor ihr im Gras hockt. Nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht einen Moment, oder waren doch mehrere, Shimamura kann sich nicht erinnern, die Erde gebebt. Eine Explosion zerschlägt alles Idyllische, das an diesem Samstag in der Luft lag. Der Park gleicht einem killing field. Und Shimamura? Er ist auf der Suche nach dem kleinen Mädchen.

Nun weiß er, dass es ihr gut geht, Rekonvaleszenz: Drei Wochen. So steht es in der Zeitung. Auch das Bild ihres Vaters ist abgedruckt. Er hatte weniger Glück. Und Shimamura liest weiter: Toru Miyazaka war Polizist bei der National Police Agency. Ui. Ein Polizist. Das gibt Ärger. Denn Shimamura – so klar war er noch – weiß, dass die Polizei die Whiskyflasche, die er im Park leerte, sicher finden wird. Und seine Fingerabdrücke. Und dann werden sie ihn in ihrer Kartei finden. Und dann werden sie ihn verdächtigen. Und dann werden sie ihn finden. Und dann?

Zunächst einmal muss Shimamura arbeiten. In der Kneipe, gleich neben seiner Wohnung, seinem Zimmer, das so wenig Sonnenlicht reinlässt. Zwei zwielichtige Typen lassen sich bedienen. Und essen den besten Hotdog ihres Lebens. Shiro Asai, stellt sich der Eine vor, hat von Shimamura gehört. Wenn er Hilfe brauche … man komme noch mal wieder. Schließlich müsse der Mittelstand sich gegenseitig unterstützen. Keisuke Shimamura weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Doch der gebrauchte Tag ist noch nicht vorüber. Ein Schlägertrupp taucht auf und zermatscht Shimamuras ohnehin lädierten Körper. Und dann taucht plötzlich eine junge Dame auf. Sie berichtet ihm, dass unter den Opfern auch eine langjährige Freundin Shimamuras war. Sie weiß auch, dass Keisuke Shimamura nicht sein richtiger Name ist…

Iori Fujiwara lässt für seinen Helden Shimamura den Geist der Vergangenheit einschweben. In einer Zeit, in der Studentenunruhen auch in Japan die öffentliche Ordnung zu stören drohten, war er ein aktives Mitglied einer Gruppe, die auch vor Sprengstoffattentaten nicht zurückschreckte. Doch es ging etwas schief. Sein Mitstreiter konnte sich noch absetzen. Und jetzt holen ihn die Erinnerungen wieder ein. Ein Yakuza als Freund und Helfer, ist vielleicht die klügste Entscheidung. Doch man greift nach jedem Strohhalm, wenn der Staatsapparat unermüdlich die Schlinge um den eigenen Hals zuzieht. Auch wenn man ein unschuldiger Alkoholiker ist. Dem schwört Shimamura übrigens ab. Und wundert sich, dass auf einmal auch das Zittern verschwunden ist.

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ ist ein grandioser Krimi mit ausgeklügelten Wendungen, der den Leser auch nach dem Ende nicht so schnell loslassen wird.

Das Casting

Sieben Jahre ist es her, dass Aoyama seine Frau verlor. Krebs. Seitdem ist der Dokumentarfilmer allein mit seinem Sohn Shige. Der ist mittlerweile schon fünfzehn und geht immer öfter eigene Wege. Und macht sich auch seine Gedanken. „Willst Du nicht wieder heiraten?“, platzt es eines Tages aus dem Teenager heraus. Aoyama wird plötzlich aus seiner Lethargie gerissen. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Kollegen Yoshikawa. Der ist begeistert, das Aoyama wieder auf andere Gedanken kommen will. Er weiß allerdings auch, dass sein Freund besondere Ansprüche an die neue Neue stellen wird. Zwei kreative Medienmacher zusammen in einem Restaurant . klar, dass das was rauskommen muss. Yoshikawa fährt auch gleich die ganz großen Geschütze auf. Ein Casting. Für einen Film. Betrug entfährt es gleich Aoyama. Die Bedenken kann Yoshikawa sofort beiseiteschieben. Im Nu hat er einen Marketingplan parat. Werbung im Radio, er hat sogar schon die Zielgruppe und somit die Sendezeit im Kopf. So als wenn er den Plan schon seit Jahren in der Brieftasche mit sich herumträgt und nun endlich das zerknitterte Papier mit einem Taraaaa präsentieren kann. Naja, wenn’s gar nicht anders geht?!

Schon vor der eigentlichen Fleischbeschau, die für Aoyama den erhofften Segen bringen soll, fällt dem Witwer eine Dame besonders auf: Yamasaki Asami. Sie hat was. Sie wird es werden. Der neue Star! Dass das Casting eigentlicheinen anderen Grund hatte, wird er ihr schon irgendwann erklären können.

Und siehe da. In der Fragerunde, in der sich so manche wie typische Casting-Touristen gebärden – von bis auf die Knie fallen bis hier zum Striptease ist alles dabei – erweist sich Yamasaki Asami als die einzige geeignete Kandidatin. Das Ballett war mal ihre Leidenschaft, ihr Ausweg aus der Schwiegervaterhölle. Doch eine Verletzung beendete jäh den Traum. Aoyama und Yamasaki Asami verbringen von nun an mehr Zeit miteinander. Der Altersunterschied von einer Generation ist nicht existent. Sie lernen sich kennen, und begehren. Aoyama ist ganz Gentleman und drängt die junge Frau zu gar nichts. Seine Geduld wird belohnt. In einem Hotelzimmer kommen sich die beiden endlich auch körperlich näher. Es wird für Aoyama eine Nacht, die er nicht vergessen wird.

Ryū Murakami legt dem Leser ein kleines Leckerli hin. Ein einsamer Witwer blüht durch eine kleine List, eine Notlüge wieder auf. Er hat Glück, denn selbiges klopft prompt an die Tür. Auch sie ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Glück. Mit einem Karateschlag werden Held und Leser schwer getroffen. Was ist das? Woher kam das? Denn das Glück hat selbst einen Tritt in die Magengrube erhalten. Ein teuflisches Spiel, blutrot getränkt schwing sich auf alles bisher Gelesene in Frage zu stellen. Schon mit „Coin Locker Babys“ spaltete Ryū Murakami die japanische Literaturszene. Und zwar in erfolgreiche Autoren und ihn. Ryū Murakami ist eine Liga für sich.

Richtig hohe Absätze

Sich verbiegen, um den geraden Weg einschlagen zu können. Su Nuam ist fünfzehn Jahre alt. Und sie arbeitet schon. Als Übersetzerin. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Buenos Aires. Ihr Vater, ein Chinese, wird eines Tages von einem wütenden Mob ermordet. Sie und der Rest der Familie flieht. Nach China, zu den Großeltern.

Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Keine nörgelnde Spanischlehrerin, die ihr Vorhaltungen macht, weil sie die Zeitformen nicht einhält – hier ist wichtig zu wissen, dass es im Chinesischen keine Verbformen dafür gibt. Die Freunde sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr greifbar. Der Platz, der so trostlos ihr Refugium war, weicht dem hektischen Treiben in der Fremde.

Da kommt das Jobangebot als Übersetzerin für ein Unternehmen zu arbeiten gerade richtig. Und sie ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass sie auch auf Reisen mitgenommen wird. Und eine führt sie geradewegs in ihre jüngere Vergangenheit zurück. Der Großvater als Begleiter ist ihr dabei die Stütze, die sie braucht, um nicht von ihrem geraden Weg abzukommen.

Federico Jeanmaire gelingt mit „Richtig hohe Absätze“ das Kunststück Gerechtigkeit in seiner reinsten Form in glaubwürdige politische Unkorrektheit überfließen zu lassen. Natürlich ist das junge Mädchen traumatisiert. Sie musste mit ansehen, wie teilweise sogar Freunde, ihrem Vater das Lebenslicht auslöschen. In Argentinien war sie sich nicht sicher, ob sie Chinesin oder Argentinierin ist. Zurück in China fühlt sie sich als Argentinierin mit chinesischen Wurzeln. Je näher sie dem Flughafen Buenos Aires kommt, desto mehr treten ihre chinesischen Wurzeln wieder hervor. In ihrem Kopf summt es, es klirrt, es scheppert.

Die Reise wird für die Unternehmensdelegation zum Erfolg. Der Deal zum Bau einer Gasleitung kann abgeschlossen werden. Auch dank Su Nuams Mithilfe, die gnadenlos jede Äußerung übersetzt. Ein Handgeld soll ihre Extrabelohnung sein. Und was wird sie sich wohl davon kaufen? Richtig: Schuhe. Aber welche mit richtig hohen Absätzen…

Eine Kurzgeschichte, die den Leser einfach nur amüsiert und von der ersten Seite an in ihren Bann zieht? Ja, und vor allem ein ganz großes Nein. Denn der Reiz der Geschichte liegt zwischen den Zeilen. Su Nuam reist nicht einfach nur zurück nach Argentinien. Sie reist zurück mit ihrem Spanischheft. Das birgt für alle außer ihr ein Geheimnis in sich, das den Leser erst nach und nach auffällt…

Herr Katō spielt Familie

Da kommt man tagein tagaus von der Arbeit zurück ins traute Heim. Einst stand die Frau am Fenster und winkte einem zu. Hier ist man zuhause, hier ist man daheim. Die Jahre verfliegen, Routine stellt sich, das Pflichtbewusstsein lässt einem kaum Raum zur Selbstentfaltung. Und dann der große Schnitt. Nix mehr mit Arbeit, nix mehr mit Winken, nix mehr mit Daheim. Die Frau scheucht einen aus dem Haus. Rente!

Herr Katō kennt das Gefühl. Lange Zeit hat er die ehemaligen Kollegen beneidet. Sie konnten ihre Rente genießen. Jetzt ist er an der Reihe. Doch der Rentneralltag ist trist. Seine Frau tanzt jetzt wieder. Nicht sinnbildlich, sondern in einem Kurs. Und wenn beide zuhause sind, steht er ihr im Weg. Sie schickt ihn raus. Eine Runde drehen, soll er. Was so viel heißt, dreh gleich mehrere … und das ganz langsam.

Bei einer dieser Runden lernt Herr Katō eine junge Frau kennen. Sie ist offen, fast schon ein wenig zu offen. Redet einfach drauf los. Und sieht in ihm einen potentiellen neuen Kollegen. Die Frage „Was schon wieder arbeiten? – Das habe ich doch gerade hinter mich gebracht!“ stellt sich nicht. Denn Herr Katō soll in die Agentur „happy family“ eintreten. Ersatz soll er sein. Ersatz-Bruder, Ersatz-Chef, Ersatz-Opa. Das ist das Geschäftsmodell. Lückenbüßer finden und den Kunden zur Verfügung stellen. Sie brauchen bei einer Feier die ultimative Lobhudelei? „Happy family“ hat den passenden Opa, Chef oder Bruder. Und Herr Katō ist der geborene Ersatz. Ob er nur den stummen Gatten spielen soll, weil der echte eine echte Quasselstrippe ist oder den fürsorglichen, hochgradig erstaunten Opa geben soll – Herr Katō ist die Idealbesetzung.

In seinem eigenen Leben tut sich aber auch etwas. Seine Schwiegertochter ist endlich schwanger geworden. Schon seit einiger Zeit versuchen sie und ihr Mann Nachwuchs zu zeugen. Und auch Herr Katō schafft es endlich einmal Reisevorbereitungen für Paris zu treffen. So viel zu tun und so wenig Zeit…

Milena Michiko Flašar beschreibt in ihrer Geschichte einen Mann, für den Aufgeben nicht in die Tüte kommt. Es läuft nicht alles so wie er es sich vielleicht einmal ausgemalt haben könnte. Doch es läuft. Sofort nach der Rente geht er zum Arzt und stellt mit Erschrecken fest, dass er kerngesund ist. Die Schockwirkung scheint ihn wegen der Überraschung stark zu treffen, umhauen kann sie ihn nicht. Neuer Weg, neues Ziel. Und pflichtbewusst wie eh und je nimmt er den steinigen Weg in Angriff. Die junge Frau, die ihm so schonungslos offen begegnet, ist die Reiseführerin in eine Zukunft, eine Kraftgeberin, die er nie zu treffen gehofft hätte.

Leise Töne von Melancholie geben dieser Geschichte den richtigen Drive. Mit kleinen „Hau-Rückchen“ stubst sie Herrn Katō wieder in die Spur des Lebens zurück. Mit jeder Seite gewinnt Herr Katō sein Lächeln zurück, für das ihm jeder Leser dankbar sein wird.

Gezeichnet

Yozo wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. Seine Familie hat Geld, kann ihm bieten, was er benötigt. Zumindest das, was man mit Geld kaufen kann. Im Familienverbund muss einen Weg finden sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Als Clown die anderen zum Lachen zu bringen, scheint ihm der geeignete Weg zu sein. Mit Erfolg.

Auch in der Schule sind seine Clownerien vom Erfolg gekrönt.

Doch das Leben hat sich einen perfiden Plan ausgeheckt. Yozo soll nicht – wie er es sich wünscht – der gefeierte Maler werden. Exzesse pflastern von nun an seinen Weg. Frauen sind ihm suspekt. Drogen und Alkohol seine ständigen Begleiter.

Der Autor Osamu Dazai – ein Pseudonym – wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. … Moment, das wurde doch eben über Yozo gesagt. Yozo und Osamu sind sich gleich. Wenn nicht sogar dieselbe Person. „Gezeichnet“ gehört in Japan zu den meistgelesenen Büchern. Die Düsternis des Textes wird durch die Vielfalt der Worte ins Unermessliche gesteigert.

Es dauert seine Zeit bis man sich an die Bitternis des Autors, der sich selbst im Vexierspiegel betrachtet, annehmen kann. Dann aber öffnet sich ein Meer der Emotionen, eine Farbenpracht der Einsamkeit für den Leser, der einen nicht mehr loslässt. Bilder, die sich so schonungslos offen hinter wohl geformten Worten verbergen, brechen wie ein Tsunami über den Leser herein.

Yozo / Osamu sind gequälte Seelen in einem starren System. Sie können niemals endgültig ausbrechen. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Ohne jede Chance auf Begnadigung. Osamu Dazai unternahm in seinem Leben mehrere Selbstmordversuche. Woran sich scheiterten, ist nicht bekannt. Vielleicht hatte das Leben doch noch eine Hintertür einen Spalt weit geöffnet gelassen?! Doch Osamu Dazai sah das durchdringende Licht nicht, oder wollte es nicht sehen. An seinem neununddreißigsten Geburtstag fand man ihn. Tot. Keine vierzig Jahre alt, doch ein Werk, das seit sechzig Jahren immer wieder neue Leserschaften in seinen Bann zieht.

Coin Locker Babys

Das kann nicht gutgehen! Das wird einfach niemals gut ausgehen können! Es ist der 18. Juli 1972. In China fällt ein Sack Reis um, in Deutschland erreicht eine Frau ihr Rentenalter und in Japan wird Kikuyuki Sekiguchi in einem Münzschließfach entdeckt. Erstes rechnerisch der wahrscheinlichste Fall. Zweites ist rechnerisch bestimmt eingetreten. Drittes jedoch schnürt dem Leser die Kehle zu. Präzise wie ein Skalpell beschreibt Riū Murakami wie eine namenlose Frau sich für eine Tat vorbereitet, die so unbeschreiblich ist. Sie setzt ihr Kind in einem Münzschließfach aus. Wohlbehütet in einem Karton. Und da schwimmt der Leser erst auf den ersten Handvoll Seiten und hat noch weit mehr als fünfhundertfünfzig vor sich!

Kiku kommt zu Nonnen. Sie ziehen ihn groß, genauso wie Hashio Mizouchi, genannt Hashi. Da ihre Eltern nicht bei einem tragischen Unglück ums Leben kamen, bleiben sie eine sehr lange Zeit bei den Nonnen. Bis sich eines Tages ein Paar ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Auf eine einsame Insel. Hashi ist es, der Kiku erzählt, wer sie sind, woher sie stammen.

Hashi sucht das Glück in der Isolation. Nähe lässt er nicht zu. Nur Kiku vertraut er. Der jedoch ist ein rechter Spring-Ins-Feld. Er würde lieber heute als morgen ausbrechen und die Welt aus den Angeln heben. Sie wachsen heran. Typische Jungens, die auch mal über die Stränge schlagen. Alles nichts, was nicht woanders auch passiert. Doch tief im Inneren nagt ein Drang. Der Drang ihren Müttern die Rechnung zu präsentieren.

Die erste Registrierkasse finden sie im Giftghetto von Tokio. Hier ist das Tokio der Hypertechnologie gegen das Schwarz der Unterwelt, der Freaks und der Halbseidenen ausgetauscht worden.

Doch Hashi scheint auf einem guten Weg zu sein. Er ist mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Kiku hingegen entwickelt sich zu einem Typen, dem man das Prädikat Rächer auf Anhieb abnehmen würde. Immer wieder trennen sich ihre Wege genauso oft wie sie sich kreuzen werden. Knast, Ruhm, Erfolg und Depression können auch von ihren Partnerinnen nicht aufgehalten werden. Kiku hat sich in Anemone verknallt. Die hat sich extra für ihr Krokodil (!, nein kein Tippfehler) ihre Wohnung artgerecht umbauen lassen. Hashi und Niwa scheinen dagegen so etwas wie ein normales Leben führen zu dürfen. Bis Niwa schwanger ist…

Man braucht schon starke Nerven und Durchhaltevermögen, um diesen Roman zu lesen. Absetzen ist keine Option! Wer einmal die erste Seite überstanden hat, wird sofort süchtig. Datura ist das Elixier, das Kiku antreibt. Was das ist, wird nur verschwommen erklärt. Ein Gift. Ein Gift, das alles andere wie LSD oder Meskalin wie lauwarmes Leitungswasser erscheinen lässt. Ist es wirklich das elysische Delirium, das beide oder einen von beiden erwartet? Oder ist es nur die Frucht der Versuchung? Keiner weiß es, aber der Weg dorthin ist mörderisch!