Archiv der Kategorie: offenes Asien

Coin Locker Babys

Das kann nicht gutgehen! Das wird einfach niemals gut ausgehen können! Es ist der 18. Juli 1972. In China fällt ein Sack Reis um, in Deutschland erreicht eine Frau ihr Rentenalter und in Japan wird Kikuyuki Sekiguchi in einem Münzschließfach entdeckt. Erstes rechnerisch der wahrscheinlichste Fall. Zweites ist rechnerisch bestimmt eingetreten. Drittes jedoch schnürt dem Leser die Kehle zu. Präzise wie ein Skalpell beschreibt Riū Murakami wie eine namenlose Frau sich für eine Tat vorbereitet, die so unbeschreiblich ist. Sie setzt ihr Kind in einem Münzschließfach aus. Wohlbehütet in einem Karton. Und da schwimmt der Leser erst auf den ersten Handvoll Seiten und hat noch weit mehr als fünfhundertfünfzig vor sich!

Kiku kommt zu Nonnen. Sie ziehen ihn groß, genauso wie Hashio Mizouchi, genannt Hashi. Da ihre Eltern nicht bei einem tragischen Unglück ums Leben kamen, bleiben sie eine sehr lange Zeit bei den Nonnen. Bis sich eines Tages ein Paar ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Auf eine einsame Insel. Hashi ist es, der Kiku erzählt, wer sie sind, woher sie stammen.

Hashi sucht das Glück in der Isolation. Nähe lässt er nicht zu. Nur Kiku vertraut er. Der jedoch ist ein rechter Spring-Ins-Feld. Er würde lieber heute als morgen ausbrechen und die Welt aus den Angeln heben. Sie wachsen heran. Typische Jungens, die auch mal über die Stränge schlagen. Alles nichts, was nicht woanders auch passiert. Doch tief im Inneren nagt ein Drang. Der Drang ihren Müttern die Rechnung zu präsentieren.

Die erste Registrierkasse finden sie im Giftghetto von Tokio. Hier ist das Tokio der Hypertechnologie gegen das Schwarz der Unterwelt, der Freaks und der Halbseidenen ausgetauscht worden.

Doch Hashi scheint auf einem guten Weg zu sein. Er ist mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Kiku hingegen entwickelt sich zu einem Typen, dem man das Prädikat Rächer auf Anhieb abnehmen würde. Immer wieder trennen sich ihre Wege genauso oft wie sie sich kreuzen werden. Knast, Ruhm, Erfolg und Depression können auch von ihren Partnerinnen nicht aufgehalten werden. Kiku hat sich in Anemone verknallt. Die hat sich extra für ihr Krokodil (!, nein kein Tippfehler) ihre Wohnung artgerecht umbauen lassen. Hashi und Niwa scheinen dagegen so etwas wie ein normales Leben führen zu dürfen. Bis Niwa schwanger ist…

Man braucht schon starke Nerven und Durchhaltevermögen, um diesen Roman zu lesen. Absetzen ist keine Option! Wer einmal die erste Seite überstanden hat, wird sofort süchtig. Datura ist das Elixier, das Kiku antreibt. Was das ist, wird nur verschwommen erklärt. Ein Gift. Ein Gift, das alles andere wie LSD oder Meskalin wie lauwarmes Leitungswasser erscheinen lässt. Ist es wirklich das elysische Delirium, das beide oder einen von beiden erwartet? Oder ist es nur die Frucht der Versuchung? Keiner weiß es, aber der Weg dorthin ist mörderisch!

Mein pochendes Leben

Als Sechzehnjähriger ist das Leben an sich schon eine Herausforderung, die man nicht immer schultern kann. Arum sieht dies mit einer Gelassenheit, die einem Respekt abverlangt. Er ist an Progerie erkrankt. Eine Krankheit, die ihn deutlich älter aussehen lässt als er ist. Und auch sein Körper altert in einem Tempo, das einem der Atem stockt. Nun ist er sechzehn. So alt wie seine Eltern – als Mira Daesu sagte, dass sie schwanger sei. Für die beiden Teenager brach keine Welt zusammen, sie hatten keine Welt, die es aufzubauen galt. Miras Vater sah in Daesu einen Taugenichts, den Mira nicht verdient hatte. Doch genau diese – für Koreaner sicherlich untypische – Laissez-Faire-Haltung beeindruckte Mira. Sie rauften sich zusammen.

Als Arum zwei Jahre alt war, schlug die Diagnose wie eine unheilvolle Bombe ein. Doch Arum entwickelte sich zu einem wissbegierigen Jungen. Er las viel, war aufgeschlossen und intelligent.

Jetzt fordert das Schicksal seinen Tribut. Die Behandlungskosten sind in astronomische Sphären geschossen und kaum noch zu bezahlen. Pfiffig wie Arum ist, bittet, fast schon bettelt er darum an einer Fernsehshow teilnehmen zu dürfen, in der die Zuschauer für die Behandlung eines Patienten spenden können.

Zögernd geben die Eltern ihren Segen. Die Produzenten wittern nach dem Vorgespräch den nächsten Scoop, da Arum so herzlich und unbefangen über sein Leben spricht. Wenige Tage nach der Ausstrahlung bekommt Arum Post. So-Ha schreibt ihm. Auch sie liege, wie mittlerweile auch Arum, im Krankenhaus, Knochenmarkkrebs, wie ihre Mutter. Die Mails werden immer offener, immer vertraulicher. Arum blüht auf. Auch wenn er immer eine längere Zeit auf die Antworten warten muss, ist es für ihn ein Fest endlich wieder von So-Ha lesen zu können. Da ist plötzlich jemand, mit dem er reden kann. Ganz ohne Einschränkungen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen den Gegenüber verletzen zu können. Sein Leben hat einen Sinn zusätzlich geschenkt bekommen. Die Haltbarkeitszeit spielt dabei keine Rolle.

Doch die Freude währt nur kurz, denn So-Ha ist ein Phantom…

Ae-Ran Kim hat mit Arum eine Figur geschaffen, die ein Schicksal ereilt hat, das zu Herzen geht. Äußerlich ein alter Mensch, im Herzen jung wie ein Spring-Ins-Feld. Fast scheint es so, als der Junge seinen Eltern die Kraft gibt ihr eigenes Leben endlich auf die Kette zu bringen. Er selbst genießt das Leben, stellt kluge Fragen und wirkt dabei überhaupt nicht altklug. Ein sympathischer Junge, dem man im Innersten seines Herzens nur Gutes wünscht. Und dann wird er so perfide hinters Licht geführt. Ae-Ran Kim spielt nicht mit den Gefühlen des Jungen, sie führt den Leser in ein Land, das auf den ersten Blick so fremd wirkt wie kaum ein anderes. Doch Probleme sind die wahren global players. Krankheiten verursachen überall auf der Welt Schrecken und Unsicherheit. Arum ist sicherlich ein Held, wenn man die Schwere seiner Krankheit mit seiner Sicht auf die Dinge vergleicht. Leichtlebigkeit kann er sich nicht leisten. Doch Aufgeben ist auch keine Lösung. Wie ein Dichter nimmt er jede Herausforderung an. Rückschläge inklusive.

Sri Lanka fürs Handgepäck

Sri Lanka ist der Torwächter zum Paradies. Beim Lesen der ersten Seiten dieses Buches kann man gar nicht anderes denken. Jeder Autor dieser Anthologie bestätigt en ersten Eindruck mit der vollen Wucht seiner Worte.

Die Indigo Street ist das Füllhorn des Lebens. Spielende Kinder, der Krämerladen um die Ecke, die tosende See. Wer als Besucher diese Straße entdeckt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass er zwar auch ohne dieses Buch die Straße entdeckt, sie jedoch anders wahrgenommen hätte. Jede Zeile ein Volltreffer, der mitten ins Herz zielt … und vor allem auch trifft.

Und dann, gleich an zweiter Stelle, Hermann Hesse. Auf der Rückreise von Indien machte er Halt in Kandy. Ein Örtchen, das seinen Charme zu verstecken weiß. Doch nicht vor einem wie Hesse. Die nuancenreiche Sprache gibt jedem Grau den Regenbogen zurück. Ist man als Reisender in Sri Lanka, Kandy unterwegs, verleihen seine Worte dem Besucher Flügel.

Wen man wahrscheinlich weniger zu Gesicht bekommt, sind die Wedda. Helmut Uhlig ist dem Geheimnis dieser Ureinwohner auf der Spur. Nur wenige leben noch traditionell und schon ihre Nachfahren wurden von der Gesellschaft geschluckt und leben ein eher modernes Leben. Somit sind seine Zeilen ein echtes Zeitdokument, das jedem Reisenden einen staunenden Blick über den Tellerrand gewährt.

„Sri Lanka fürs Handgepäck“ – wie die gesamte Reihe – erlaubt tiefe Einblicke in ein Land, das so weit weg erscheint. Jedes Kapitel verjagt mit Wohlklang das Grau des Fremden und taucht es in ein farbenprächtiges Spektrum der Neugier. Mehr als nur kleine Tupfen von Wissen, die dem Leser das Gefühl geben Sri Lanka schon länger zu kennen, obwohl dieser maximal mit dem Finger auf dem Globus das Land gestreift hat.

Einem Reiseband kann man vertrauen, wenn es darum geht die Reise nach Höhepunkten zu sortieren. Schließlich will man ja nichts verpassen. Doch Zahlen, Wegweiser und nützliche Tipps sind nur die eine Seite der Reisemedaille. Sinngemäß in ein Land eintauchen kann man aber nur mit Büchern wie diesem. Als Leser profitiert man von den Eindrücken der Autoren. Und sie waren meist nicht nur als Vierzehn-Tage-All-Inclusive-Pauschalisten am Büffet, sondern sind ihrer Neugier gefolgt. Sie verfolgen einen anderen Ansatz als der einmalige Besucher der Insel. Wenn dann noch landestypische Erzählungen, de jahrhundertelang nur mündlich übertragen wurden in einem Buch erscheinen, ist man dem Eintauchen in eine fremde Kultur schon näher als man denkt. Reiseband – unbedingt zu empfehlen. Aber nur in Verbindung mit diesem Buch im Handgepäck!

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.

Schönheit ist eine Wunde

Dewi Ayu war vor ihrem Tod die bekannteste Hure in Halimunda. Sie gebar drei Töchter. Alle bildhübsch und – wie sie selbst über ihre Töchter sagt – als die Drei wussten wie man die die Knöpfe an der Hose eines Mannes öffnete, verschwanden sie aus dem mütterlichen Haus. Einen Vater kannten alle Vier nicht. Den brauchten sie auch nicht. Dewi Ayu war sich genug für die ihren Nachwuchs. Kurz vor ihrem Tod bekam sie eine vierte Tochter. Die war ganz anders als ihre älteren Geschwister. Schwarz wie Pech, war nicht nur ihr Haar, sondern ihr gesamter Körper. Ihre Nase glich der eines Schweines. Hässlich kam es zur Welt.

Einundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und nun findet Dewi Ayu, dass es an der Zeit ist ihre Letztgeborene endlich kennenzulernen. Sie erhebt sich aus dem Grab. Dabei erschrickt sie einen kleinen Jungen, der sich vor Schreck in die Hosen macht. Sie zeigt sich Schönheit, wie sie die Jüngste genannt hat. Die wartet ihr ganzes Leben darauf, dass sie dem Prinzen begegnet, der sie von ihrem Fluch der Hässlichkeit befreit.

Von Rosinah, der Hebamme, die Schönheit vor einundzwanzig Jahren zur Welt brachte und nun in Dewi Ayus Haus wohnt, erfährt sie, dass Schönheit lesen und schreiben kann, sie ist fleißig und geschickt. Wer ihr das alles beigebracht hat, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel. Ein Fluch scheint auf der matriarchalischen Familie zu liegen. Dewi Ayu hat nur einen Wunsch: Diesem Fluch auf den Grund zu gehen.

Es beginnt eine Reise durch ein Indonesien, das es so gar nicht gibt. Oder doch? Magie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Dass sie so stark in den Vordergrund tritt haben wir Eka Kurniawan zu verdanken, der mit seinem Erstling sofort an die Spitze der Beliebtheitsskala der Autoren gesprungen ist. Bissiger Humor, der ab der ersten Zeile den Leser in seinen Bann zieht. Eka Kuriawan liebt jede einzelne Figur seines Romans. Diese sind beseelt vom Leben und dem, was es für sie bereithält.

„Schönheit ist eine Wunde“ steckt voller Überraschungen. Die einzelnen Schicksale der Menschen sind bedrohlich, angsteinflößend, aber auch hoffnungsvoll und spannend. So tiefgründig und ironisch, dass es fast schon wehtut, wenn man das Buch beendet hat, beschreibt der Autor seine Heimat aus der Sicht der Menschen, denen der Fortschritt nur kurzzeitigen Aufschwung versprechen kann. Sind sie verzweifelt? Nein! Zwischen Phantasie und Realität suchen sie nach dem bisschen Glück, das ihnen zusteht, für das sie aber einen hohen Preis bezahlen müssen.

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

Die Deutschen und ihre Kolonien

Deutschland und seine Kolonien. Wenn man Großbritannien, Spanien und Frankreich betrachtet, spielte Deutschland keine große Rolle im Verteilungskampf der Mächte um die Welt. Nur jeder 40 Quadratkilometer  der kolonialisierten Welt hieß Fritz. Es gab zehnmal mehr Johns.

Schon im 17. Jahrhundert gab es Landstriche in Tobago in der Karibik und in Westafrika am Gambia-Fluss, die in deutschem Besitz waren. Aber sie als Kolonien zu bezeichnen ist irreführend. Da könnte man auch behaupten, dass so manche Autobahnraststätte Kolonie eines Fast-Food-Giganten wäre (auch wenn es sich vielleicht so anfühlt, ist dem nicht so).

Von 1884 an besaß Deutschland dreißig Jahre lang Kolonien. Wer bei Oma und Opa auf dem Dachboden stöbert, findet vielleicht manchmal noch Zigarettenbildchen, die mehr als klischeehaft das Leben in Deutsch-Südwest (Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania), Kamerun, Togo, den Marshall-Inseln, Samoa, Tsingtau oder Neuguinea zeigen. Mit dem Ersten Weltkrieg war dann Schluss mit dem Weltenspielgehabe. Und so ertragreich und vor allem nachhaltig war „das Engagement“ dann auch wieder nicht. Kein Chinese aus dem Nordosten wird heute noch über deutsche Hinterlassenschaften erzählen können. Zumindest nicht so vielfältig wie ein Inder über den Five o’clock tea, der er selbst noch als Kind erlebte.

Fernab jeder aktueller Befindlichkeit sind die Autoren bestrebt einen umfassenden Überblick über das kurzzeitige deutsche Kolonialreich zu berichten. Sie schaffen es. Mit einfachen Worten und durch die schnörkellose Darstellung von Zusammenhängen, die erst durch dieses Buch zutage treten. Die Vorstellung, dass eine exzellent strukturierte Armee mit Pauken und Trompeten bzw. Kanonen und Gewehren die Bevölkerung niedermetzelte und anschließend das schwarz-weiß-rote Banner in den Boden rammte, dass Blut aus ihm quoll, ist veraltet und größtenteils falsch. Ja, es gab Verbrechen gegen die Menschenwürde. Unentschuldbar! Aber im Großen und Ganzen wurde das deutsche Kolonialreich am Verhandlungstisch geboren. Auf der so genannten Kongo-Konferenz. Ein reichliches Dutzend Länder, bzw. deren Vertreter saßen über Landkarten, mit Lineal und Zirkel wurden Einflussbereiche bestimmt, wieder verworfen, und neuangelegt. Es wurde gestritten, taktiert und sich gegenseitig gratuliert. Nur die, um die es ging, blieben außen vor, wurden nicht einmal eingeladen. Ein ganz perfides Spiel.

Über hundert Jahre ist es her, dass kleine bunte Bildchen, den Einheimischen die Fremde näherbrachten. Wenn auch mit einem verklärten, die Realität verleugnenden Blick. Reisen in diese Länder – Namibia erfreut sich seit Jahren ungebrochener Beliebtheit bei Fernreisen ins südliche Afrika, dem einzige Land, in dem wirkliche Spuren hinterlassen wurden, wie auch immer man das bewerten will – tut ein Blick in die Geschichte gut, vieler Orten tut er Not. Den Autoren ist es zu verdanken, dass Spurensuche nicht immer mit einem schlechten Gewissen enden muss. Sie haben sich einen Maulkorb auferlegt, was Wertungen betrifft, und konzentrieren sich nur auf das, was niedergeschrieben wurde und in Archiven zu recherchieren ist. Informativ und eine echte Bereicherung für jeden Bücherschrank der Geschichte.

Sri Lanka

Sri Lanka-Iwanowski

Ein Land, dessen Name aus zwei Worten besteht – gibt’s nicht oft. Und in Asien noch weniger. In den vergangenen Jahrzehnten ist hier ein Industriesektor erwacht, vergrößert und zum Exportschlager Nummer Eins geworden wie kaum anderswo auf der Welt: Der Tourismus. Von all inclusive über liegende Buddha-Stauten und Elefantenreiten bis hin zum erholsamen Badeurlaub bietet das ehemalige Ceylon alles, wonach dem fernwehgeplagten Herzen dürstet. Doch welche frevelhaftes Verhalten, wenn man Sri Lanka nur auf der faulen Haut genießt?!

Autor Stefan Blank macht seinem Namen alle Ehre und entblättert die geheimnisvolle Insel zu Füßen des indischen Subkontinents bis auf die Knochen. Soll heißen, das Wort Geheimnis hat im Zusammenhang mit Sri Lanka nur noch nostalgischen Wert.

Eine Insel wie Sri Lanka will erobert werden. An allen Ecken gibt es für Südostasien-Neulinge an jeder Ecke was zu entdecken. Fremde Gerüche, exotische Speisen, fremde Kleidung (obwohl auch hier schon die typischen Souvenirstände mit Trikots von Real Madrid bis Bayern München locken) und unendlich schönes Wetter lassen den unweigerlich näher rückenden Heimflug in weiter Ferne erscheinen. Doch was tun? Wo anfangen mit der Entdeckermission? Bereits zum neunten Mal wurde der Reiseband Sri Lanka aus dem Hause Iwanowski nun überarbeitet. Zum zehnten Mal kann sich jeder, der Sri Lanka bisher nur als weißen Fleck auf der Landkarte gesehen hat, sondern sich vor Ort ein eigenes Bild der Zauberinsel machen möchte, auf über vierhundert Seiten schlau machen, was er in ein, zwei oder vielleicht sogar drei Wochen erleben kann. Auf eigene Faust, ohne vorgefertigte Route.

Dazu gehört natürlich auch der ausführliche Einstieg in die Geschichte der Insel. So gut vorbereitet können die Erkundungstouren nun starten. Die meisten zieht es erstmal in die Hauptstadt Colombo. Wie der fast gleichnamige Lieutenant vom LA-Police department erforscht man am besten mit dem Autor zusammen die Großstadt an der Westküste. Bis vor dreieinhalb Jahrzehnten war sie sogar die Hauptstadt. Doch der Titel ging 1982 an Sri Jayewardenepura. Colombo ist aber immer noch die dominierende Metropole. Das ist sicher eine der ersten Überraschungen, die man diesem Buch entnimmt. Von nun an sind alle Seiten voll gespickt mit Überraschungen, echten Tipps, die man sonst nur von Einheimischen bekommt, prall gefüllten Infokästen, die nur darauf warten „abgearbeitet zu werden“ und und und. Immer wieder werden die Ausführungen von exakten farbig abgesetzten Kästen unterbrochen, in denen man wie ein Schulanfänger an die Hand genommen wird, um sicher ans nächste Ziel zu kommen. Jetzt ein einziges Highlight des Buches, der Insel, des kommenden Urlaubs herauszuheben, wäre den anderen gegenüber unfair.

Deswegen ist es ratsam sich das Buch rechtzeitig vor Reiseantritt zu besorgen und Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel, Seite für Seite zu studieren. Garantiert: Noch nie war lernen und lesen so informativ und kurzweilig wie in diesem reisefiebersteigernden Reiseband. Alle, die Sri Lanka echt und unverfälscht in sich aufsaugen wollen, müssen einfach den direkten Weg über 432 Seiten nehmen.

Schnee

Schnee

Ein Haiku ist eine besondere Gedichtform aus Japan, die in letzter Zeit auch immer mehr Anhänger (und auch Dichter) in Europa findet. Es besteht aus drei Versen und siebzehn Silben. Und diese Regeln sind wie in Stein gemeißelt. Da gibt es kein Vertun! Haikus sind also rational, weil sie eine unabdingbare mathematische Komponente haben und emotional, weil sie Gefühle ausdrücken. Was sind das also für Menschen, die Haikus schreiben?

Yuko ist so einer. Sein Vater ist Shinto-Priester. In seiner Familie waren alle männlichen Ahnen entweder Priester oder Krieger. Yuko schlägt ein bisschen aus der Art, er will Dichter werden. Eine brotlose Kunst, mehr ein Zeitvertreib, kein Beruf. Meint sein Vater.

Doch Yuko lässt sich nicht beirren. Vom Schnee fasziniert schreibt er in einem Sommer siebenundsiebzig Haikus. Ganz nüchtern betrachtet, sind das zweihunderteinunddreißig Verse und eintausenddreihundertundneun Silben. Würde Yuko das auch so sehen, hätte er auch Krieger werden können. Die Nüchternheit, die Reinheit des Schnees reicht ihm jedoch, um die schönsten Haikus zu schreiben. Sie sind so schön, dass sogar der kaiserliche Hof davon Wind bekommt. Yuko lehnt das Angebot ab an den Hof zu kommen und als Hofdichter seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Vielmehr wird er zu einem Meister geschickt. Denn so schön, so rein seine Haikus sind, so blass, durchsichtig und farbenfrei sind sie auch. Soseki ist blind, doch er sieht mit dem Herzen. Er ist der unumstrittene Meister der Haikus. Er nimmt Yuko bei sich auf. Lehrt ihm Farben mit geschlossenen Augen zu sehen. Doch Meister Soseki hat ein Geheimnis. Seine Frau starb vor Jahren bei einem Unfall. Sie war rein, weiß wie Schnee. Yukos ist fasziniert von der Frau, die er auf dem Weg zu Soseki schon einmal gesehen hat. Sie war Französin, blondes Haar, gletscherblaue Augen. Und sie war Seiltänzerin. Aus Lieb zu Soseki gab sie ihre Leidenschaft auf. Nur noch ein einziges Mal wollte sie zwischen zwei Gipfeln, hoch über dem Tal balancieren. Ein fataler Wunsch. Sie stürzte ab, ward nie mehr gesehen. Der Berg, der Schnee hatte sie in sich aufgenommen…

Maxencé Fermine gibt der Poesie einen Rahmen, der jeden, ob er nun Gedichte oder gar Haikus mag oder nicht, in seinen Bann zieht. Japans Kultur ist so fremd, dass viele von vornherein sich nur selten die Mühe machen sie kennenzulernen. Dieses elegante Büchlein – Form und Aufmachung bieten sich geradezu an es als Geschenk weiterzugeben – bringt die Kunst und die Leidenschaft für die spezielle Form der Versgestaltung auf den Punkt. Die Liebe zu Schnee, zu Worten, zur Poesie erreicht in diesem Buch ihren Höhepunkt. Wer’s nicht gelesen hat, wird Japan und Haikus nie verstehen!

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.