Archiv der Kategorie: offenes Asien

In Liebe, Dein Vaterland I: Die Invasion

Japan in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 liegt die Wirtschaft brach. Die Regierung hat jedem Einwohner 40 Prozent der Ersparnisse entzogen. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Die Kriminalitätsrate explodiert. Obdachlose bevölkern ganze Stadtteile. Hilfsorganisationen lassen sich ihre Hilfe selbst von denen, die gar nichts mehr haben noch gut bezahlen. Der Regierungsapparat und seine untergeordneten Stellen sind chronisch unterbesetzt. Wer noch Arbeit hat buckelt nach Oben und tritt nach Unten.

Nordkorea in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 hat sich das Verhältnis zu den USA verbessert. Die Elite des Landes hat sich weltweit gebildet und ist nun bereit den nächsten Schritt zu wagen. Einige ausgewählte Experten auf ihren jeweiligen gebieten, Emporkömmlinge und Günstlinge bleiben außen vor, wollen einen perfiden Plan in die Tat umsetzen. Japan soll Nordkorea einverleibt werden. Zunächst will man zusammen mit einigen in Japan lebenden Agenten das Land erkunden und die aktuellen Gepflogenheiten erlernen. In Phase Zwei werden schlussendlich über einhunderttausend Soldaten das Land besetzen.

In Japan gibt es immer mehr Proteste gegen die Übersprunghandlungen der Legislative. Terrorgruppen sprießen aus dem Boden wo sonst zwischen Kirschblüten flaniert wurde. Die Enttäuschten und Geprellten der Zeit formieren sich, um mit Nadelstichen das Land zu befreien. Und so merkt man gar nicht wie nach und nach die kleinen Nadelstiche immer größere blutende Wunden verursachen…

Das vollbesetzte Baseballstadion in Fukuoka soll das erste Ziel sein. Sobald die Stadt erreicht ist, wird die Kunde verbreitet, dass sich nordkoreanische Truppen auf Tokio zubewegen. Fukuoka würde dann abgeriegelt werden und die Aggressoren hätten freies Feld. Ein perfekter Plan … allerdings mit gravierenden Fehlern.

Autor Ryū Murakami bereitet es einen Riesenspaß in diesem ernsten Umfeld die Akteure mit Spott und Satire zu übergießen. Zum Beispiel, wenn der Leiter der Aktion sich beschwert, dass seine durchtrainierten nordkoreanischen Agenten niemals ans wissbegierige südkoreanische Touristen im Land der aufgehenden Sonne durchgehen könnten. Sie lachen einfach nicht. Weil sie es nicht kennen und können. Und ihr starrer Blick es nicht zuließe. Und so kommt es dann auch zu einigen – wenn auch nicht witzigen – Begebenheiten, die alles auffliegen lassen könnten. Aber auch auf japanischer Seite ist man nicht besonders effektiv, eher unbeholfen. Etwa als der Krisenstab ernsthaft darüber nachdenkt gegen die schwerbewaffneten Terroristen die stadioneigenen Wasserwerfer einzusetzen.

Ein düsteres Szenario, das Ryū Murakami entwirft. Er siedelt die Geschichte nicht in einer fernen Zukunft an, die keiner seiner aktuellen Leser jemals erreichen wird, sondern in die noch allzu präsente Vergangenheit. Ein Kunstgriff, der mit keiner Silbe unglaubwürdig erscheint. Wenn der Staat nur noch um sich selbst kreiselt und das Volk aufbegehrt, können ganze Systeme umknicken wie Grashalme. Das geflügelte Wort von demjenigen, der zu spät kommt … ist heute aktueller denn je.

Teil Zwei der Dystopie – ein gutes Ende ist somit wohl ausgeschlossen – erscheint im März 2019.

Von neuen Welten und Abenteuern – Unterwegs in Burma

Früh morgens halb Sechs in Burma. Fast schon militärisch drillend werden elementar wichtige Sicherheitsrichtlinien dem verschlafenen kleinen Mob entgegen geschmettert. Gleich geht es auf in nie erreichte Höhen. Michael Schottenberg lässt das alles über sich ergehen. Der Schauspieler und Autor hat schon einmal Asien bereist, Vietnam. Und er war fasziniert. So sehr, dass er noch einmal zurückkam, dieses Mal nach Burma.

Fast zwei Wochen ist er nun schon unterwegs. Traf Menschen, die ihn mit ihrer bedingungslosen Gastfreundschaft ein ums andere Mal begeisterten. Und nun steht er hier. Dem Schlaf noch nicht ganz entwachsen. Da steht Coen, Holländer und Herr über Täler, ein gutes Dutzend Menschen und einen Ballon.

Es soll einer der Höhepunkte werden auf einer Reise, die Michael Schottenberg in diesem Buch verewigen wird. Die Morgenstunde ist wohl gewählt, denn Thermik und Temperaturen sind ideal für den Aufstieg. Und wenn das knallbunte Farbenspiel der Sonne am Horizont erscheint, sind Drill und frühes Aufwachen wie weggeblasen.

Das ist nur ein Abenteuer in neuen Welten, das der Autor so wortgewaltig und einnehmend präsentiert. Touri-Programm ade! Michael Schottenberg reist mit der Nase im Wind. Vorbereitet sehr wohl, doch nicht gehetzt, sondern sich treiben lassend. Als Leser, dem das Wasser schon beim Klappentext im Munde zusammenlaufen wird, darf man sich getrost zurücklehnen und den Abenteuern aus zwanzigundeiner Nacht folgen.

Mit Leichtigkeit schafft Michael Schottenberg eine exakte Abbildung dessen, was er selbst gesehen, eingeatmet, gehört und gefühlt hat. Der Staub der Straßen, die Liebenswürdigkeit der Menschen, die Panoramen um ihn herum, sind keine zweidimensionalen „Ach wie hübsch“-Phrasen, sie sind real. Sie passieren genau in dem Moment, in dem man über sie liest.

Als Märchenonkel mit verschmitztem Lächeln zieht der Autor sein Publikum in seine Welt, die er gerade in Begriff zu erkunden. Vorsichtig tappt man mit ihm im Dunkeln und erfreut sich an jedem Lichtstrahl, der einem entgegen strahlt.

Kontaktscheu ist „Schotti“ gewisse nicht. Was ein Glück! Sprachbarrieren – na und! Wozu hat man ein Lächeln, Hände. Füße?! Es wird schon gut gehen. Und wahrlich. Das tut es auch. Es ist der Eintritt in eine andere Welt, in die Michael Schottenberg den Leser mitnimmt. So sind weder er noch der Leser allein in einer fremden Kultur, die so viel zu bieten hat. Mehr als nur Pagoden und Nudeln!

Es sind Bücher wie diese, die einen Urlaub erst vollkommen machen können. An den Ufern von Flüssen, in luftiger Höhe, in Lobbies, in Bars, in Restaurants nimmt man sich die Zeit ein bisschen in diesem Buch herumzublättern. Und siehe da. Es ist alles genau so wie beschrieben. Als Appetitanreger vor der Reise, als Häppchenware unterwegs, als Erinnerungsstück wieder daheim – die neuen Welten (real wie auch im Buch) werden von nun an ein Teil des Lesers sein.

Die Rache

Da sitzt er nun der arme Tropf. Iwata betrinkt sich hoffnungslos. Sein Vater wurde ermordet. Wie sinnlos! Vor allem, wenn man bedenkt, wie er ums Leben kam – durch das Schwert. Und warum? Weil er, der Koch, einem Schwertmeister, dem Meister aller Meister, heimtückisch überfallen hat, um Miyamoto Musashi, dem Samurai, auf die Probe zu stellen. Keine gute Idee, kein gutes Ende.

Das Trinkgelage bleibt nicht unentdeckt. Die Familie verstößt den zweiten Sohn des Kochs. Er sei nicht mehr wert als ein Bettler. Ein Bettler, denkt sich Suzuki Iwata, so sein vollständiger Name, keine schlechte Idee. Dann werde ich eben Bettler. Was auf den ersten Blick wie die Reaktion eines trotzigen Kindes wirkt, verwandelt sich bald schon in eine ernste Sache. Denn Bettlern, gerade, wenn sie in Sichtweite eines herrschaftlichen Hauses ihrer erbärmliche Hütte aufgeschlagen haben, wohnt der Geschmack der Rache bei. Und so kommen nicht nur Schaulustige an der Helmhütte von Iwata vorbei, sondern auch viele, die ihm wirklich helfen wollen. Ihre Beweggründe liegen im Dunkeln. Doch Iwata stört das nicht. Vielmehr ist er verwundert. Verwundert über die reichen Gaben, die ihm in schöner Regelmäßigkeit dargeboten werden. Bald schon hat er einen beträchtlichen Schatz angehäuft. Ausgaben hat er ja so gut wie keine…

Doch die Sonnenseite des Bettlerdaseins hat auch Schattenseiten. In Iwatas Kopf hämmert es gewaltig. Was, wenn Miyamoto Musashi Wind von der Hütte, dem Bettler und den Gerüchten bekommt? Was, wenn Miyamoto Musashi der vermeintlichen Rache zuvorkommen will? Upps, der Plan hat aber einige Fehler! Und schon steht der stolze Samurai eines Tages vor der Hütte…

„Die Rache“ spielt im Jahr 1645 in Japan. Samurai sind die Herren über Land und Leute. Der oft falsch verstandene Standesdünkel Japans wird in dieser Geschichte mit der Kehrseite der Medaille konfrontiert. Denn auch in Japan galten und gelten die Gesetze der Physik: Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Das wusste schon Isaac Newton (-San). Die Parallelen zur Gegenwart ist nur allzu offensichtlich, wenn man sich jede der hochwertig gestalteten Seiten durchliest. Die eigene Meinung, die ganz persönlichen Beweggründe etwas zu tun, stehen niemals ganz allein im Raum. Sobald man zum Anschauungsobjekt wird, entsteht zwangsläufig eine zweite, dritte … Meinung. Und die kann, je nach Lautstärke das eigene Tun derart in den Hintergrund rücken, dass man sich sofort in der Defensive befindet und man sich ganz schwer wieder an die Spitze kämpfen kann.

Die Frau in den Dünen

Das kann doch alles nur ein Traum sein! Ein wilder Traum. Ein rauer Traum. Ein Albtraum. Überall nur Sand, Sand, Sand. Oben? Sand! Unter ihm? Sand! Ringsherum nur Sand.

Was ist geschehen? Jumpei Niki frönt einem außergewöhnlichen Hobby. Der Lehrer sammelt Insekten. Sein höchstes Glück wäre es eine kleine Insektenart zu entdecken, die dann seinen Namen tragen wird. Im Hochsommer nimmt Jumpei Niki den Zug an die Küste. Bewaffnet mit einer Holzkiste für die zu erwartenden Schätze und einem Netz stapft er durch die Natur. Mit einem Mal steht er mitten in den Dünen. Die Suche kann beginnen. Er ist so sehr mit der verheißungsvollen Suche beschäftigt, dass er zu spät bemerkt, dass bereits die Nacht über ihn hereinbricht. Doch wo soll er in dieser gottverlassenen Gegend eine Heimstätte finden?

Pech bei der Insektensuche, Glück bei der Bettensuche. Gar nicht weit von seinem Suchgebiet erscheint vor ihm ein Dorf. Alle sind recht freundlich zu ihm und haben eine – wenn auch ungewöhnliche – Schlafstätte für ihn. Diese liegt in einem Sandloch. Ein Haus mit Wänden, ein Bett und eine rechtschaffende Wirtin – was will man mehr? Die Frau, der das Haus gehört, ist sehr fleißig. Das wird ihm sofort klar. Permanent schaufelt sie Sand aus dem Haus, der dann mit Eimer an Seilen aus dem Sandloch geholt wird. Jumpei Niki ist zu kaputt, um noch einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können.

Das ändert sich am nächsten Tag mit einem Schlag. Mit Sand in den Augen – nicht nur sinnbildlich – reckt er sich dem Sonnenlicht entgegen. Die Dame des Hauses reckt sich ihm auch entgegen. Unfreiwillig. Nur mit einem Tuch über dem Gesicht prankt ihr nackter Körper vor Jumpei Niki. Verstört, peinlich berührt, sucht er nach einem Ausweg. Doch die Leiter, die ihm am Vortag noch in den Schlund hinabklettern ließ, ist weg! Auch die inzwischen aufgewachte Frau ist ihm keine Hilfe. Sie lebt schon lange hier unten. Sand schaufeln, das ist ihr Lebenselixier. Ihre Arbeit. Ihre Strafe? Wofür?

Jumpei Niki hegt nur noch Fluchtgedanken. Raus aus der Sandhölle. Doch wie? Raufklettern und die Beine in die Hand nehmen? Viel später wird ihm klar, dass die Flucht mit dem Entkommen aus dem Loch noch lange nicht zu Ende ist…

Kobo Abe lässt Jumpei Niki am Ende des Buches für verschollen erklären. Er entwurzelt ihn auf jede erdenkliche Weise. Was einmal wichtig war, scheint im Sand, in der feuchten Luft des Sandloches irrelevant. Was macht Einsamkeit aus einem Menschen? Wird er zum Tier oder zum Gespött? Jumpei Niki erfährt die Hölle auf Erden (beinahe unter der Erde) und wird nicht müde zu kämpfen. Nur das Ziel hat sich verändert…

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Der Sonnenschirm des Terroristen

Da ist er! Hier steht’s. Toru Miyazaka (48). Und weiter unten: Mayu Miyazaka (6). Keisuke Shimamura liest die Namen in der Zeitung, Seien Hände zittern. Aber das tun sie immer, wenn er noch nicht getrunken hat. Was war passiert? Der Himmel war blau an diesem Tag in Tokio. Ein gutes Tag, um selbigen im Park mit dem Tagesritual zu beginnen. Kappe ab, Flasche auf, und den Brand in der Kehle genießen. Ein kleines Mädchen, frech und keck, spricht den Barkeeper Shimamura an. Warum er so zittere? Ob es ihm gut gehe? Und ob er glaubt, dass sie eine gute Violinistin werde. Verrückter Tag. Der Vater zieht die Kleine vorsichtig, aber bestimmt weg von dem Trinker, der vor ihr im Gras hockt. Nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht einen Moment, oder waren doch mehrere, Shimamura kann sich nicht erinnern, die Erde gebebt. Eine Explosion zerschlägt alles Idyllische, das an diesem Samstag in der Luft lag. Der Park gleicht einem killing field. Und Shimamura? Er ist auf der Suche nach dem kleinen Mädchen.

Nun weiß er, dass es ihr gut geht, Rekonvaleszenz: Drei Wochen. So steht es in der Zeitung. Auch das Bild ihres Vaters ist abgedruckt. Er hatte weniger Glück. Und Shimamura liest weiter: Toru Miyazaka war Polizist bei der National Police Agency. Ui. Ein Polizist. Das gibt Ärger. Denn Shimamura – so klar war er noch – weiß, dass die Polizei die Whiskyflasche, die er im Park leerte, sicher finden wird. Und seine Fingerabdrücke. Und dann werden sie ihn in ihrer Kartei finden. Und dann werden sie ihn verdächtigen. Und dann werden sie ihn finden. Und dann?

Zunächst einmal muss Shimamura arbeiten. In der Kneipe, gleich neben seiner Wohnung, seinem Zimmer, das so wenig Sonnenlicht reinlässt. Zwei zwielichtige Typen lassen sich bedienen. Und essen den besten Hotdog ihres Lebens. Shiro Asai, stellt sich der Eine vor, hat von Shimamura gehört. Wenn er Hilfe brauche … man komme noch mal wieder. Schließlich müsse der Mittelstand sich gegenseitig unterstützen. Keisuke Shimamura weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Doch der gebrauchte Tag ist noch nicht vorüber. Ein Schlägertrupp taucht auf und zermatscht Shimamuras ohnehin lädierten Körper. Und dann taucht plötzlich eine junge Dame auf. Sie berichtet ihm, dass unter den Opfern auch eine langjährige Freundin Shimamuras war. Sie weiß auch, dass Keisuke Shimamura nicht sein richtiger Name ist…

Iori Fujiwara lässt für seinen Helden Shimamura den Geist der Vergangenheit einschweben. In einer Zeit, in der Studentenunruhen auch in Japan die öffentliche Ordnung zu stören drohten, war er ein aktives Mitglied einer Gruppe, die auch vor Sprengstoffattentaten nicht zurückschreckte. Doch es ging etwas schief. Sein Mitstreiter konnte sich noch absetzen. Und jetzt holen ihn die Erinnerungen wieder ein. Ein Yakuza als Freund und Helfer, ist vielleicht die klügste Entscheidung. Doch man greift nach jedem Strohhalm, wenn der Staatsapparat unermüdlich die Schlinge um den eigenen Hals zuzieht. Auch wenn man ein unschuldiger Alkoholiker ist. Dem schwört Shimamura übrigens ab. Und wundert sich, dass auf einmal auch das Zittern verschwunden ist.

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ ist ein grandioser Krimi mit ausgeklügelten Wendungen, der den Leser auch nach dem Ende nicht so schnell loslassen wird.

Das Casting

Sieben Jahre ist es her, dass Aoyama seine Frau verlor. Krebs. Seitdem ist der Dokumentarfilmer allein mit seinem Sohn Shige. Der ist mittlerweile schon fünfzehn und geht immer öfter eigene Wege. Und macht sich auch seine Gedanken. „Willst Du nicht wieder heiraten?“, platzt es eines Tages aus dem Teenager heraus. Aoyama wird plötzlich aus seiner Lethargie gerissen. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Kollegen Yoshikawa. Der ist begeistert, das Aoyama wieder auf andere Gedanken kommen will. Er weiß allerdings auch, dass sein Freund besondere Ansprüche an die neue Neue stellen wird. Zwei kreative Medienmacher zusammen in einem Restaurant . klar, dass das was rauskommen muss. Yoshikawa fährt auch gleich die ganz großen Geschütze auf. Ein Casting. Für einen Film. Betrug entfährt es gleich Aoyama. Die Bedenken kann Yoshikawa sofort beiseiteschieben. Im Nu hat er einen Marketingplan parat. Werbung im Radio, er hat sogar schon die Zielgruppe und somit die Sendezeit im Kopf. So als wenn er den Plan schon seit Jahren in der Brieftasche mit sich herumträgt und nun endlich das zerknitterte Papier mit einem Taraaaa präsentieren kann. Naja, wenn’s gar nicht anders geht?!

Schon vor der eigentlichen Fleischbeschau, die für Aoyama den erhofften Segen bringen soll, fällt dem Witwer eine Dame besonders auf: Yamasaki Asami. Sie hat was. Sie wird es werden. Der neue Star! Dass das Casting eigentlicheinen anderen Grund hatte, wird er ihr schon irgendwann erklären können.

Und siehe da. In der Fragerunde, in der sich so manche wie typische Casting-Touristen gebärden – von bis auf die Knie fallen bis hier zum Striptease ist alles dabei – erweist sich Yamasaki Asami als die einzige geeignete Kandidatin. Das Ballett war mal ihre Leidenschaft, ihr Ausweg aus der Schwiegervaterhölle. Doch eine Verletzung beendete jäh den Traum. Aoyama und Yamasaki Asami verbringen von nun an mehr Zeit miteinander. Der Altersunterschied von einer Generation ist nicht existent. Sie lernen sich kennen, und begehren. Aoyama ist ganz Gentleman und drängt die junge Frau zu gar nichts. Seine Geduld wird belohnt. In einem Hotelzimmer kommen sich die beiden endlich auch körperlich näher. Es wird für Aoyama eine Nacht, die er nicht vergessen wird.

Ryū Murakami legt dem Leser ein kleines Leckerli hin. Ein einsamer Witwer blüht durch eine kleine List, eine Notlüge wieder auf. Er hat Glück, denn selbiges klopft prompt an die Tür. Auch sie ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Glück. Mit einem Karateschlag werden Held und Leser schwer getroffen. Was ist das? Woher kam das? Denn das Glück hat selbst einen Tritt in die Magengrube erhalten. Ein teuflisches Spiel, blutrot getränkt schwing sich auf alles bisher Gelesene in Frage zu stellen. Schon mit „Coin Locker Babys“ spaltete Ryū Murakami die japanische Literaturszene. Und zwar in erfolgreiche Autoren und ihn. Ryū Murakami ist eine Liga für sich.