Archiv der Kategorie: offenes Asien

Der gute Sohn

Wann hat das eigentlich angefangen? Wann wurde Yu-jins Mutter so fürsorglich? Und warum? Yu-jins Bruder machte nie Probleme, und doch ist Yu-jin ein guter Sohn. Erfolgreicher Schwimmer, exzellenter Schüler und angehender Anwalt. Wohnt immer noch bei Mutter zu Hause. Der Vater verstarb vor ein paar Jahren. Wie sein Bruder. Doch die Mutterliebe ist erdrückend. Denn Mutter lebt streng nach Regeln. Um 21 Uhr muss Yu-jin wieder in seinem Zimmer sein. Erst dann kann die Mutter selbst zu Bett gehen. Wird es später, bricht sie die Regeln. Alles für das Kind! Alkohol ist tabu. Wegen oder besser: Nur wegen der Medikamente, die Yu-jin nehmen muss. Seine Tante ist zum Glück Ärztin. Sie weiß immer Rat und kontrolliert offiziersmäßig und gründlich die Medikamenteneinnahme.

Yu-jin wird eines Morgens von einer unbestimmbaren Unruhe erfasst. Ja, wer hat getrunken – das hat er schon öfter getan. Obwohl er weiß, dass er es nicht tun sollte. Ein komischer Geschmack im Mund – naja, kann ja mal vorkommen. Und dann das ewig klingelnde Telefon. Wer stört denn so früh? Sein Halbbruder Hae-jin. Er will ihn besuchen. Geht es Mutter gut? Was soll die Fragerei? Yu-jin hat nämlich ein weitaus schwerwiegenderes Problem: Sein ganzer Körper ist blutverschmiert! Hände, Gesicht, Klamotten. Alles in quälend rotes Blut getaucht. Und Mutter? Sie atmet nicht mehr. Der Schnitt durch die Kehle war endgültig. Doch was ist passiert? Yu-jin kann sich an nichts mehr erinnern. Dass er die Medikamente abgesetzt hat, kam schon mal vor. Doch derart gravierende Auswirkungen …. Nein, das kann nicht sein! Er, ein Mörder? Muttermörder? Die Fragen schießen durch seinen Kopf. Ihm wird heiß. Von kühlem Kopf bewahren ist er jedoch gar nicht so weit entfernt. Fast schon kalkulierend studiert er das Tagebuch seiner Mutter. Er hat es zufällig entdeckt als er sie vor möglichen Besuchern – und die werden kommen! – „versteckt“.

Es ist ein Wehklagen einer vom Schicksal gebeutelten Frau, die nicht verstehen kann, dass ausgerechnet sie mit so einer Plage gestraft wird. Sie war doch immer fromm und ehrlich! Sie schafft es nicht einmal ihren Sohn beim Namen zu nennen, der Junge tat dies, der Junge tat das. Yu-jin ist erschüttert. Erst recht als er lesen muss, dass er das Ergebnis einer Studie ist. Er zu dem gemacht wurde, was er jetzt ist…

Jeong Yu-jeong schickt den Leser in „Der gute Sohn“ in die Abgründe einer durch und durch organisierten Gesellschaft, die jedwedes Abweichen von der Norm auf Biegen und Brechen zu verhindern sucht und sich vom Ergebnis nicht die Richtigkeit ihres Tuns abschwätzig machen lässt. Yu-jin ist mit einer Anomalie geboren worden. Aber eine, die nur im allerschlimmsten Fall weitreichende Folgen haben kann. Kann! Nicht muss! Er wird zum Spielball zweier Frauen, die in ihrem Ehrgeiz und ihrer Sucht nach Anerkennung für ihre Verdienste um das Angepasste sinnbildlich über Leichen gehen. Als Leser ist man geneigt den Fall der getöteten Mutter sofort zu verurteilen und dem Täter die größtmögliche Strafe angedeihen zu lassen. Die Gründe Yu-jins sind vielleicht nicht nachvollziehbar, bergen aber in sich eine gehörige Portion Mitgefühl. Jeong Yu-jeong schleicht sich mit ihrer fortwährenden, im Krebsgang fortschreitenden Geschichte ins Hirn des Lesers. Sie krallt ihren Helden im Gedächtnis fest. Von dort beflügelt er die Phantasie, frisst sie auf und spuckt sie im weiten Bogen wieder aus. Nur für ausgefuchste Horrorfans, denen der Thrill wichtiger ist als unendliche Lachen von Eingeweiden.

Der Schlüssel

Wenn’s nicht passt, dann kann man sich noch so viel Mühe geben … es wird nicht passen. Ein Professor, in etwas so alt wie das 20. Jahrhundert, wird sich zu Beginn des neuen Jahres klar, dass sein Sexleben – das mit seiner Frau, ein anderes kennt er nicht – nicht so erfüllt ist wie es sein könnte, ja, sollte. Sie, Ikuko, 45 Jahre alt, von betörender Schönheit, will und will und will. Er will auch, kann aber nicht. Nicht die Intensität, mehr die Dauer macht ihm zu schaffen. Er beschließt Tagebuch zu führen. Nicht, um sich aller Sorgen zu entledigen. Sondern in der Hoffnung, dass Ikuko dieses Tagebuch findet und dementsprechend handeln wird. Den Schlüssel für die Schublade, wo er das Tagebuch versteckt, platziert er so, dass sie ihn unbedingt finden muss. Der Professor bildet sich ein, dass sie seine geheimsten Wünsche entdeckt und dann ihrem Mann selbige erfüllen wird. Zum Beispiel den sie endlich mal komplett nackt zu sehen. Denn seit ihrer Hochzeit hat sie ihm die für den Akt wichtigen Stellen zwar präsentiert, die – wie er denkt – ihrer Meinung nach nicht so wichtigen Stellen jedoch geschickt im Dunkeln gelassen.

Was der Professor sich wünscht, trifft auch tatsächlich ein. Nur werden es beide tunlich unterlassen ihre geheimsten Wünsche (und Entdeckungen) mit dem Anderen zu teilen. Auch Ikuko führt Tagebuch. Auch sie weiß, dass ihr Gatte dieses Tagebuch finden und lesen wird. Sie hofft es zumindest.

Kimura ist der Dritte im Bunde dieses nur auf den ersten Blick kindischen Spiels. Er ist der Freund der Tochter Toshiko. Herr Kimura wird immer dann zu Kimura, wenn er dem Professor und seiner Frau zu Diensten sein kann. Kimura bemüht fast schon zu offensichtlich um die Gunst der Dame des Hauses. Er weiß, dass der Weg zum Herzen der Tochter über die Mutter führt. Die jedoch hat etwas ganz anderes im Sinn. So vertraut sie es ihrem Tagebuch an.

Die Kommunikation per Tagebuch funktioniert. An den Abenden wird gegessen und getrunken. Ikuko verträgt eine Menge. Mehr als ihre Tochter und der zukünftige Schwiegersohn allemal. Doch die Feste zehren an den Lebensgeistern. Immer öfter kippt sie um. Eine willkommene Gelegenheit ein bisschen Schwung ins Schlafzimmer zu holen…

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auch ohne Manipulation oft und weit genug auseinander. Junchiro Tanizaki treibt das Spiel auf die Spitze. Woher auch immer die Unfähigkeit rührt offen miteinander über Intimes zu reden, kommen mag, die Tagebücher sind eine Idee. Mehr nicht. Denn die Folgen können weder der Professor noch seine Frau abschätzen. Wenn sie im Schlafe, oder ist der nur vorgetäuscht?, Kimura flüstert, spornt das ihren Gatten an. Aber er verzweifelt auch an der Tatsache, dass sie ihm nur dann das geben kann, was er will, wenn sie an den Freund ihrer gemeinsamen Tochter denkt.

Das Buch wäre in Japan fast verboten worden. Heute ist es ein Klassiker, der nur in einer überarbeiteten und frei von europäischer Dekadenz und Voreingenommenheit die wahre Pracht und Kraft der Worte entfalten kann.

Alte Freunde

Gute Freunde kann niemand trennen, so schmalzig der Kaiser einst daher trällerte, so viele Funken Wahrheit liegen in diesem emotionslosen Stück deutscher „Sangeskunst“. Shūji, der Erzähler, nicht nur der Ich-Erzähler, sondern der Autor persönlich, erfährt eines Tages eine weitere Bedeutung dieser phrasenhaften Worte: Gute Freunde, nein, alte Freunde. Gute Freunde waren sie nie. Er und dieser Bauer, der da unverhofft auf dem Estrich seines Hauses steht. Freunde bitten einen um einen Gefallen, sie fordern ihn nicht ein! Der Fremde, dessen Namen Shūji erst erfahren soll als fast schon zu spät ist, poltert wie ein rüpelhafter Spendensammler ins Haus und dann gewaltig ins Leben des Schriftstellers.

Der Fremde in Shūjis Augen wird von selbigem als alter Freund angesehen. Und er, der Fremde / alte Freund weiß so manche alte Geschichte zu erzählen. Damals in der Schule haben sie sich pausenlos gerauft. Hier die Narbe ist von Shūji. Und Shūji selbst muss immer noch eine Narbe am Schienbein haben. Doch Shūji hat keine Narbe. Weder am rechten noch am linken Bein. Zeit der Charade ein Ende zu setzen. Doch der Fremde ist so enervierend und irgendwie auch faszinierend, dass Shūji ihn gewähren lässt. Selbst als der Whiskey einfordert, den Shūjis Ehefrau servieren soll, ist von einem polternden Ende nichts zu spüren. Shūji ist viel zu sehr damit beschäftigt wohin das Ganze führen soll. Will der alte Freund Geld? Ein Klassentreffen wäre doch eine Gelegenheit sich mal wieder so richtig die Kante zu geben und in Erinnerungen zu schwelgen, oder nicht?! Das kostet! Doch der fremde alte Freund will kein Geld. Am Ende des Tages, ein bisschen schummrig im Kopf – noch schummriger als es die Situation an sich schon hergibt, trennen sich die beiden. Ein schöner Tag! Aber was soll man von diesem Tag halten?

Osamu Dazai lebte das Leben eines echten Freigeistes. Religion und Politik waren ihm nur so lang nahe, als dass sie ihm Inspiration liefern konnten. Seine Familie verstieß ihn, weil er die Zuwendungen nicht so verwendete wie ihm geheißen. Schließlich nahm er sich mit nicht einmal neununddreißig Jahren das Leben, zusammen mit seiner Geliebten. Doch seine vom eigenen Leben eingefassten Geschichten überlebten jeden Bildersturm.

Diese Geschichte erschien erstmals 1946 in einer Zeitschrift. Nun wurde sie wiederentdeckt und erstrahlt in einer erlesenen Aufmachung mit sieben Bleistiftzeichnungen von Susanne Theumer, die erst bei genauerem Hinsehen die Szene klarer erscheinen lassen. Shūji ist ein Intellektueller, einer, der es besser wissen müsste. Einer, dem Fallen ins Auge fallen. Doch er tappt sehenden Auges hinein. Der Schaden ist seelischer Natur. Körperlich unversehrt bietet ihm dieser besondere Tag, „der Vorfall“, die Möglichkeit mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Der Leser ist stiller Beobachter, der mit offenen Augen den großen Knall herbeisehnt. Doch der kommt nicht, was ein noch größerer Knall ist als beim Lesen erhofft.

In Liebe, Dein Vaterland I: Die Invasion

Japan in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 liegt die Wirtschaft brach. Die Regierung hat jedem Einwohner 40 Prozent der Ersparnisse entzogen. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Die Kriminalitätsrate explodiert. Obdachlose bevölkern ganze Stadtteile. Hilfsorganisationen lassen sich ihre Hilfe selbst von denen, die gar nichts mehr haben noch gut bezahlen. Der Regierungsapparat und seine untergeordneten Stellen sind chronisch unterbesetzt. Wer noch Arbeit hat buckelt nach Oben und tritt nach Unten.

Nordkorea in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 hat sich das Verhältnis zu den USA verbessert. Die Elite des Landes hat sich weltweit gebildet und ist nun bereit den nächsten Schritt zu wagen. Einige ausgewählte Experten auf ihren jeweiligen gebieten, Emporkömmlinge und Günstlinge bleiben außen vor, wollen einen perfiden Plan in die Tat umsetzen. Japan soll Nordkorea einverleibt werden. Zunächst will man zusammen mit einigen in Japan lebenden Agenten das Land erkunden und die aktuellen Gepflogenheiten erlernen. In Phase Zwei werden schlussendlich über einhunderttausend Soldaten das Land besetzen.

In Japan gibt es immer mehr Proteste gegen die Übersprunghandlungen der Legislative. Terrorgruppen sprießen aus dem Boden wo sonst zwischen Kirschblüten flaniert wurde. Die Enttäuschten und Geprellten der Zeit formieren sich, um mit Nadelstichen das Land zu befreien. Und so merkt man gar nicht wie nach und nach die kleinen Nadelstiche immer größere blutende Wunden verursachen…

Das vollbesetzte Baseballstadion in Fukuoka soll das erste Ziel sein. Sobald die Stadt erreicht ist, wird die Kunde verbreitet, dass sich nordkoreanische Truppen auf Tokio zubewegen. Fukuoka würde dann abgeriegelt werden und die Aggressoren hätten freies Feld. Ein perfekter Plan … allerdings mit gravierenden Fehlern.

Autor Ryū Murakami bereitet es einen Riesenspaß in diesem ernsten Umfeld die Akteure mit Spott und Satire zu übergießen. Zum Beispiel, wenn der Leiter der Aktion sich beschwert, dass seine durchtrainierten nordkoreanischen Agenten niemals ans wissbegierige südkoreanische Touristen im Land der aufgehenden Sonne durchgehen könnten. Sie lachen einfach nicht. Weil sie es nicht kennen und können. Und ihr starrer Blick es nicht zuließe. Und so kommt es dann auch zu einigen – wenn auch nicht witzigen – Begebenheiten, die alles auffliegen lassen könnten. Aber auch auf japanischer Seite ist man nicht besonders effektiv, eher unbeholfen. Etwa als der Krisenstab ernsthaft darüber nachdenkt gegen die schwerbewaffneten Terroristen die stadioneigenen Wasserwerfer einzusetzen.

Ein düsteres Szenario, das Ryū Murakami entwirft. Er siedelt die Geschichte nicht in einer fernen Zukunft an, die keiner seiner aktuellen Leser jemals erreichen wird, sondern in die noch allzu präsente Vergangenheit. Ein Kunstgriff, der mit keiner Silbe unglaubwürdig erscheint. Wenn der Staat nur noch um sich selbst kreiselt und das Volk aufbegehrt, können ganze Systeme umknicken wie Grashalme. Das geflügelte Wort von demjenigen, der zu spät kommt … ist heute aktueller denn je.

Teil Zwei der Dystopie – ein gutes Ende ist somit wohl ausgeschlossen – erscheint im März 2019.

Von neuen Welten und Abenteuern – Unterwegs in Burma

Früh morgens halb Sechs in Burma. Fast schon militärisch drillend werden elementar wichtige Sicherheitsrichtlinien dem verschlafenen kleinen Mob entgegen geschmettert. Gleich geht es auf in nie erreichte Höhen. Michael Schottenberg lässt das alles über sich ergehen. Der Schauspieler und Autor hat schon einmal Asien bereist, Vietnam. Und er war fasziniert. So sehr, dass er noch einmal zurückkam, dieses Mal nach Burma.

Fast zwei Wochen ist er nun schon unterwegs. Traf Menschen, die ihn mit ihrer bedingungslosen Gastfreundschaft ein ums andere Mal begeisterten. Und nun steht er hier. Dem Schlaf noch nicht ganz entwachsen. Da steht Coen, Holländer und Herr über Täler, ein gutes Dutzend Menschen und einen Ballon.

Es soll einer der Höhepunkte werden auf einer Reise, die Michael Schottenberg in diesem Buch verewigen wird. Die Morgenstunde ist wohl gewählt, denn Thermik und Temperaturen sind ideal für den Aufstieg. Und wenn das knallbunte Farbenspiel der Sonne am Horizont erscheint, sind Drill und frühes Aufwachen wie weggeblasen.

Das ist nur ein Abenteuer in neuen Welten, das der Autor so wortgewaltig und einnehmend präsentiert. Touri-Programm ade! Michael Schottenberg reist mit der Nase im Wind. Vorbereitet sehr wohl, doch nicht gehetzt, sondern sich treiben lassend. Als Leser, dem das Wasser schon beim Klappentext im Munde zusammenlaufen wird, darf man sich getrost zurücklehnen und den Abenteuern aus zwanzigundeiner Nacht folgen.

Mit Leichtigkeit schafft Michael Schottenberg eine exakte Abbildung dessen, was er selbst gesehen, eingeatmet, gehört und gefühlt hat. Der Staub der Straßen, die Liebenswürdigkeit der Menschen, die Panoramen um ihn herum, sind keine zweidimensionalen „Ach wie hübsch“-Phrasen, sie sind real. Sie passieren genau in dem Moment, in dem man über sie liest.

Als Märchenonkel mit verschmitztem Lächeln zieht der Autor sein Publikum in seine Welt, die er gerade in Begriff zu erkunden. Vorsichtig tappt man mit ihm im Dunkeln und erfreut sich an jedem Lichtstrahl, der einem entgegen strahlt.

Kontaktscheu ist „Schotti“ gewisse nicht. Was ein Glück! Sprachbarrieren – na und! Wozu hat man ein Lächeln, Hände. Füße?! Es wird schon gut gehen. Und wahrlich. Das tut es auch. Es ist der Eintritt in eine andere Welt, in die Michael Schottenberg den Leser mitnimmt. So sind weder er noch der Leser allein in einer fremden Kultur, die so viel zu bieten hat. Mehr als nur Pagoden und Nudeln!

Es sind Bücher wie diese, die einen Urlaub erst vollkommen machen können. An den Ufern von Flüssen, in luftiger Höhe, in Lobbies, in Bars, in Restaurants nimmt man sich die Zeit ein bisschen in diesem Buch herumzublättern. Und siehe da. Es ist alles genau so wie beschrieben. Als Appetitanreger vor der Reise, als Häppchenware unterwegs, als Erinnerungsstück wieder daheim – die neuen Welten (real wie auch im Buch) werden von nun an ein Teil des Lesers sein.

Die Rache

Da sitzt er nun der arme Tropf. Iwata betrinkt sich hoffnungslos. Sein Vater wurde ermordet. Wie sinnlos! Vor allem, wenn man bedenkt, wie er ums Leben kam – durch das Schwert. Und warum? Weil er, der Koch, einem Schwertmeister, dem Meister aller Meister, heimtückisch überfallen hat, um Miyamoto Musashi, dem Samurai, auf die Probe zu stellen. Keine gute Idee, kein gutes Ende.

Das Trinkgelage bleibt nicht unentdeckt. Die Familie verstößt den zweiten Sohn des Kochs. Er sei nicht mehr wert als ein Bettler. Ein Bettler, denkt sich Suzuki Iwata, so sein vollständiger Name, keine schlechte Idee. Dann werde ich eben Bettler. Was auf den ersten Blick wie die Reaktion eines trotzigen Kindes wirkt, verwandelt sich bald schon in eine ernste Sache. Denn Bettlern, gerade, wenn sie in Sichtweite eines herrschaftlichen Hauses ihrer erbärmliche Hütte aufgeschlagen haben, wohnt der Geschmack der Rache bei. Und so kommen nicht nur Schaulustige an der Helmhütte von Iwata vorbei, sondern auch viele, die ihm wirklich helfen wollen. Ihre Beweggründe liegen im Dunkeln. Doch Iwata stört das nicht. Vielmehr ist er verwundert. Verwundert über die reichen Gaben, die ihm in schöner Regelmäßigkeit dargeboten werden. Bald schon hat er einen beträchtlichen Schatz angehäuft. Ausgaben hat er ja so gut wie keine…

Doch die Sonnenseite des Bettlerdaseins hat auch Schattenseiten. In Iwatas Kopf hämmert es gewaltig. Was, wenn Miyamoto Musashi Wind von der Hütte, dem Bettler und den Gerüchten bekommt? Was, wenn Miyamoto Musashi der vermeintlichen Rache zuvorkommen will? Upps, der Plan hat aber einige Fehler! Und schon steht der stolze Samurai eines Tages vor der Hütte…

„Die Rache“ spielt im Jahr 1645 in Japan. Samurai sind die Herren über Land und Leute. Der oft falsch verstandene Standesdünkel Japans wird in dieser Geschichte mit der Kehrseite der Medaille konfrontiert. Denn auch in Japan galten und gelten die Gesetze der Physik: Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Das wusste schon Isaac Newton (-San). Die Parallelen zur Gegenwart ist nur allzu offensichtlich, wenn man sich jede der hochwertig gestalteten Seiten durchliest. Die eigene Meinung, die ganz persönlichen Beweggründe etwas zu tun, stehen niemals ganz allein im Raum. Sobald man zum Anschauungsobjekt wird, entsteht zwangsläufig eine zweite, dritte … Meinung. Und die kann, je nach Lautstärke das eigene Tun derart in den Hintergrund rücken, dass man sich sofort in der Defensive befindet und man sich ganz schwer wieder an die Spitze kämpfen kann.

Die Frau in den Dünen

Das kann doch alles nur ein Traum sein! Ein wilder Traum. Ein rauer Traum. Ein Albtraum. Überall nur Sand, Sand, Sand. Oben? Sand! Unter ihm? Sand! Ringsherum nur Sand.

Was ist geschehen? Jumpei Niki frönt einem außergewöhnlichen Hobby. Der Lehrer sammelt Insekten. Sein höchstes Glück wäre es eine kleine Insektenart zu entdecken, die dann seinen Namen tragen wird. Im Hochsommer nimmt Jumpei Niki den Zug an die Küste. Bewaffnet mit einer Holzkiste für die zu erwartenden Schätze und einem Netz stapft er durch die Natur. Mit einem Mal steht er mitten in den Dünen. Die Suche kann beginnen. Er ist so sehr mit der verheißungsvollen Suche beschäftigt, dass er zu spät bemerkt, dass bereits die Nacht über ihn hereinbricht. Doch wo soll er in dieser gottverlassenen Gegend eine Heimstätte finden?

Pech bei der Insektensuche, Glück bei der Bettensuche. Gar nicht weit von seinem Suchgebiet erscheint vor ihm ein Dorf. Alle sind recht freundlich zu ihm und haben eine – wenn auch ungewöhnliche – Schlafstätte für ihn. Diese liegt in einem Sandloch. Ein Haus mit Wänden, ein Bett und eine rechtschaffende Wirtin – was will man mehr? Die Frau, der das Haus gehört, ist sehr fleißig. Das wird ihm sofort klar. Permanent schaufelt sie Sand aus dem Haus, der dann mit Eimer an Seilen aus dem Sandloch geholt wird. Jumpei Niki ist zu kaputt, um noch einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können.

Das ändert sich am nächsten Tag mit einem Schlag. Mit Sand in den Augen – nicht nur sinnbildlich – reckt er sich dem Sonnenlicht entgegen. Die Dame des Hauses reckt sich ihm auch entgegen. Unfreiwillig. Nur mit einem Tuch über dem Gesicht prankt ihr nackter Körper vor Jumpei Niki. Verstört, peinlich berührt, sucht er nach einem Ausweg. Doch die Leiter, die ihm am Vortag noch in den Schlund hinabklettern ließ, ist weg! Auch die inzwischen aufgewachte Frau ist ihm keine Hilfe. Sie lebt schon lange hier unten. Sand schaufeln, das ist ihr Lebenselixier. Ihre Arbeit. Ihre Strafe? Wofür?

Jumpei Niki hegt nur noch Fluchtgedanken. Raus aus der Sandhölle. Doch wie? Raufklettern und die Beine in die Hand nehmen? Viel später wird ihm klar, dass die Flucht mit dem Entkommen aus dem Loch noch lange nicht zu Ende ist…

Kobo Abe lässt Jumpei Niki am Ende des Buches für verschollen erklären. Er entwurzelt ihn auf jede erdenkliche Weise. Was einmal wichtig war, scheint im Sand, in der feuchten Luft des Sandloches irrelevant. Was macht Einsamkeit aus einem Menschen? Wird er zum Tier oder zum Gespött? Jumpei Niki erfährt die Hölle auf Erden (beinahe unter der Erde) und wird nicht müde zu kämpfen. Nur das Ziel hat sich verändert…

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.