Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Der Felsengarten

Drei Inseln gehören zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, in der Galway Bay. Hier ist das Leben noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Nur ein paar mehr als tausend Menschen leben hier. Fischfang ernährt sie. Der Pub ist gut besucht. Als Doc oder Polizist hat man es schwer, denn Anrufe kommen stets bei Nacht. Und dann muss man raus, egal bei welchem Wetter. Wenn man dann auf eine andere Insel muss, der Sturm ein rauschendes Fest feiert, ist es mit den paradiesischen Zuständen vorbei.

McHugh ist der örtliche Doc. In seinem Haus kurieren sich die Besserverdienenden aus. So auch John Michael Flaherty. Seit einem Unfall ist er da. Was war, weiß er nicht mehr. Oder er will es nicht mehr wissen. Viel Mühe sich zu erinnern gibt er sich allerdings auch nicht. Das lässt McHugh verzweifeln. Flahertys Frau Peig besucht John Michael regelmäßig. Immer wieder das gleiche Spiel, nix Neues. McHugh gibt John Michael fast schon auf. Peig ist sich unschlüssig.

Ihr Hochzeitstag, ein Anlass, der hier auf den Inseln ab dem zehnten Jubiläum kaum noch wahrgenommen wird, ist fester Bestandteil ihres Jahresplans. Selbstverständlich besucht sie John Michael, … und genau so selbstverständlich wird McHugh wieder Fragen stellen. Wie war das damals? Nach dem Unfall? Irgendwelche Erinnerungen? Und Peig weiß nix Neues zu berichten. Genauso wie John Michael, der die Fragestunde viel öfter erleben muss. McHugh … naja der muss nun beiden die Fragen stellen … und auch er bekommt keine Antworten. Nur eine Geschichte von vielen, die in der Abgeschiedenheit der Galway Bay spielt, die in Wirklichkeit am Festland zu den Anziehungspunkten für Touristen schlechthin zählt.

Man spricht gern von Irlands rauhen Küsten. Ein besonderer Menschenschlag wohnt hier. Fortschritt bedeutet hier nicht immer das gleiche wie auf dem Festland. Veränderungen werden erstmal und für eine sehr lange Zeit misstrauisch beäugt. Und hier im scheinbaren Paradies lässt Leo Daly seine Helden die Hölle durchlaufen…

„Der Felsengarten“ ist ein ruhiges Buch, das bereits vor drei Jahrzehnten geschrieben wurde und nun endlich dank der Übersetzung von Chris Inken Soppa auf Deutsch erhältlich ist. Wenn man oft von den so genannten kleinen Büchern spricht, darf man nicht den Fehler begehen, dass dieses Buch wegen seiner äußerlichen Unscheinbarkeit dazugehört. Große Gefühle wechseln sich mit eingehenden Momentaufnahmen der schroffen Landschaft der Aran-Inseln ab.

Irland gehört seit Jahren schon zu den Top Ten der Reiseziele. Die Aran-Inseln sind immer noch ein Geheimtipp, den man, wie man in diesem immer noch aktuellen Buch wunderbar nachlesen kann, in Ehren halten sollte. Denn sonst würden solche Geschichten für immer verschwinden…

Das Meer und der Norden

So eine Reise macht man nicht an einem Tag. Auch nicht in einer Woche. Einen Monat – vielleicht. Doch die Wucht der Eindrücke kann einen dann schon erschlagen. Charlotte Ueckert nimmt die Herausforderung an und lässt sich ein wenig durch den Norden Deutschlands treiben. Und da ist auch schon die erste essentielle Frage: Wo endet der Norden eigentlich? Sprachlich da, wo aus dem Wort „maken“ das „machen“ wird. Das wäre die so genannte Benrathlinie, von Aachen (besser gesagt Benrath mit dem berühmten, literarisch verewigten Schloss) über Kassel bis Magdeburg. Kulturell lässt sich die Grenze nicht ganz so genau ziehen.

Im Zwiegespräch mit einer Freundin, die in Jugendtagen nach Australien ausgewandert ist, lässt die Autorin ihre Beweggründe für dieses Buch aufblitzen. Ein wenig Rückschau halten, unbändige Neugier auf das, was sich bis heute verändert hat und der Drang dem Gedankenfluss folgen zu dürfen.

Über das einst sehnsüchtige Sylt über das lebenswerte Oldenburg führen sie ihre Streifzüge von Küste zu Küste. Markante Bauten säumen den Weg ohne den Blick zu verstellen. Wie war es, wie ist es, wie könnte es einmal sein? Fragen, die sich im Verborgenen stellt und deren Antworten gar nicht so wichtig erscheinen. Denn der Weg ist das Ziel.

Laut stampfend wird man Charlotte Ueckert nie erleben. Ihr Metier sind die leisen Töne. Sehr persönlich, so dass man fast schon dazu gezwungen wird eigene Gedanken mit ins Lesespiel zu bringen. Wie hat man diese Stadt, die Region selbst erlebt? Man entdeckt viele Parallelen, aber noch mehr Unterschiede.

So unterschiedlich die Region, so unterschiedlich sind demzufolge auch die Eindrücke der Autorin. Rügen – so malerisch. Finkenwerder – so klar strukturiert. Wismar und Lübeck so pittoresk und liebenswert wie kaum zwei andere Städte.

Wer Charlotte Ueckerts Werk ein wenig kennt, weiß um ihre Affinität zur Kunst und zur Geschichte. Ihre Biographie über Christina von Schweden ist so detailreich, das sich kaum ein anderer je wieder an dieses Thema wagen kann. Auch über Paula Moderssohn-Becker hat Charlotte Ueckert eine Biographie geschrieben – und Worpswede gehört schlussendlich mit zum Reiseplan der Autorin. Ein kleines Dorf mit einer lebhaften Künstlerkolonie, zu der auch eben genannte Moderssohn-Becker und ihr Mann gehörten, hat es ihr wirklich angetan.

Diese Reiseimpressionen strotzen vor Informationen, sind im Gegenzug aber auch sehr persönlich. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Buch an die Hand, das er auf eigenen Reisen im und durch den Norden immer wieder hervorholen wird und in eine ereignisreiche Welt eintauchen kann.

Nordseeküste Schleswig-Holstein

Es ist ein Leichtes in schweren Zeiten, bei der Reiseplanung mal eben nicht über den Tellerrand zu blicken. So mag es manchem ergehen, der vorhatte den Sommer 2020 in bella italia oder dem quirligen Marrakesch zu verbringen oder in Stadtabenteuer von Lissabon bis Berlin einzutauchen. So wird es eben die Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Was kein „Abstieg“ bedeutet – im Gegenteil, wenn man dem Autor Dieter Katz folgt und in seinem Reiseband diese Gegend Deutschlands bis ins kleinste Detail erforscht.

Denn Weltspitze-Erlebnisse kann man auch hier erleben. Zum Beispiel die weltweit am meisten befahrene Wasserstraße. Den Nord-Ostsee-Kanal, international aus Kiel-Canal genannt. Und wer vom einem ans andere Ufer will, nutzt die vierzehn Fähren. Und die sind allesamt kostenfrei. Das wurde vor 125 Jahren – juhu ein Jubiläum – vom Kaiser persönlich so verfügt. Auch in Brunsbüttel, der geteilten Stadt am westlichen Ende bzw. dem Anfang des Wasserweges, kann man innerorts kostenlos parken. Man stelle sich dies in einer Metropole wie Rom vor…

Ob das idyllische Dithmarschen, wo Radfahrer die Szenerie mehr bestimmen als anderswo, oder das zu Dreiviertel vom Wasser umgebene Eiderstedt –keine Stadt, sondern ein Landstrich – oder die zahlreichen Inseln, die Nordseeküste ist seit sehr langer Zeit ein Anziehungspunkt für  zahllose Erholungssuchende.

Sylt ist sicherlich die bekannteste, und berüchtigste Insel. Teuer und unfassbar schön. Dennoch stehen Föhr und Pellworm ihr sicher in Nichts nach. In Sachen Ruhe und Erholung haben sie sicher einen entscheidenden Vorteil. Wie gemalt für Familien. Und fernab vom klischeehaften Schickimicki-Gehabe der Promi-Insel. Dieter Katz darf für sich in Anspruch nehmen, dass der Urlaub hier nicht erst bei der Anreise beginnt, sondern schon beim ersten Durchblättern dieses umfangreichen und informativen Reisebandes. Von Pharisäern (den originalen bis hin zum Getränke, die ja auch zusammengehören) über Weinanbau (ja, Föhr und Sylt sind nicht nur Krabbenregionen, irgendwie muss man ja auch mal die Kehle ölen bei so viel salzhaltiger Luft) bis hin zu einer Rebellensteuer weiß der Autor neben den zahlreichen Ausflugstipps – wie dem obligatorischen Wattwandern – auch so manche Anekdote zu erzählen.

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins wird dank dieses Buches einen Ansturm von wissbegierigen Besuchern erleben. Die Träume von der großen weiten Welt sind aufgeschoben, für viele sind sie aufgehoben. Und die meisten wird dieser Urlaub vielleicht der Anfang eines neuen andauernden Traumes werden.

Mitten im August

Alles richtig gemacht, und trotzdem gibt’s ein Donnerwetter vom Chef. Eben noch erntete Enrico Rizzi zusammen mit seinem Vater Pfirsiche, nahm den alten Cinquecento unter die Lupe und schon rauscht die Hand von Ispettore Lombardi auf den Tisch. Ein Toter auf Capri, mitten im August! Den hätte doch die Küstenpolizei mit nach Neapel nehmen können. Dann wäre hier nicht so ein Aufruhr. Und dass ihm Antonia Cirillo zur Seite stehen soll, findet Enrico auch nicht gerade prickelnd. Sie wurde hierher versetzt. Warum, weiß keiner. Sie ist die Neue, die Fremde. Das weiß sie, das spürt sie. Und Enrico? Ordnungshüter am schönsten Platz der Welt – und nun das! Ein Mord! Straßenmusiker, der oft mit seiner Freundin stand, musizierte und den vielen bemerkten, der aber niemandem auffiel.

Jack Milani – so heißt der junge Mann, der mit fünf Messerstichen am Strand von Capri tot aufgefunden wurde – stammt aus dem Piemont und hatte hier im Haus seiner Familie gewohnt. Also doch ein Fall für die Polizei auf Capri. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Für die einen war der charmante Straßenmusiker, für andere ein sturer Hund, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Er interessierte und setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein. Die Methoden, die er dabei bevorzugte, waren aber nicht immer die geeigneten Mittel. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, das war sein Elixier.

Was Enrico Rizzi und seinen Kollegen, allen voran Antonia Cirelli, Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass Jack immer mit Sofia zusammen gesehen wurde. Doch die ist wie vom Erdboden verschwunden. Auf so einer kleinen Insel dürfte es doch kein Problem sein jemanden wie Sofia ausfindig zu machen. Denn sie ist die Verdächtige Nummer Eins. Nummer Zwei ist sicher ein Mitarbeiter des Meeresbiologischen Instituts, dem Jack seine hanebüchene Idee den CO2-Ausstoß des Meeres mit einer Chemikalie zu verringern (die Folgen sind nicht absehbar) vehement vorgeschlagen hat. Es gibt aber noch weitere Verdächtige…

Luca Ventura siedelt seinen Ermittler, der gern gärtnert und auf den ersten Blick so gar nicht wie ein Polizist wirkt, auf einer paradiesischen Insel an. Die Postkartenidylle steht hier aber nicht im Vordergrund. Das wird eh schon viel zu viel von Besuchern überprüft. Es geht vielmehr darum dieses Idyll zu beschützen und weiterem Verfall vorzubeugen. Capri ist gerade in den Sommermonaten derart überfüllt, dass an Erholung kaum noch zu denken ist. Die Neue im Team verspricht für die Fortsetzungen für Überraschungen sorgen zu können. Sie hat ein kleines Geheimnis, das am Ende des Buches nur andeutungsweise zur Sprache kommt.

Die Schiffbrüchige

Es gibt sicherlich Wichtigeres in einem tödlichen Sturm Fremden aus seinem Leben zu erzählen. Dennoch ergreift Anguille die Gelegenheit und redet sich in einen Rausch ohne Punkt, dafür aber mit umso mehr Kommas. Anguille, dieser ungewöhnliche Name hat sie von ihrem Papa bekommen. Er bedeutet Aal. Als Fischer stand für ihn ab dem Moment, in dem er von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, fest, dass sein Nachwuchs einmal so heißen wird. Dass es Zwillinge werden, konnte keiner ahnen. Auch dass sich beide Schwestern so unterschiedlich entwickeln werden, stand in den Sternen. Connaît-Tout, ihr Vater – auch sein Name hat eine tiefschürfende Bedeutung: Rechthaber – schaut oft in die Sterne. So weiß er wie am nächsten Tag das Wetter wird. Für einen Fischer fast wichtiger als der Ruf des Muezzin.

Ali Zamir zeigt in seinem preisgekrönten Erstling „Die Schiffbrüchige“ dem Leser seine Welt, seine Heimat, die Komoren. Die kleine Insel im Indischen Ozean findet so gut wie gar nicht in der breiten Öffentlichkeit statt. Vielleicht mal als Frage in einer Quizshow oder als mutiges Neugier-Mach-Stück in einem Auslandsmagazin. Hier rumort es seit Jahren. Die Komoren beanspruchen die Insel La Mayotte, die ein Überseedepartement Frankreichs ist. Politisch gehört es also zu Europa, zur EU, was besonders unter denen, die nichts mehr zu verlieren haben, für Begehrlichkeiten sorgt.

Die abgedroschene (und vor allem blödsinnige) Floskel von den Armen, die trotz alledem das Leben genießen und feiern, trifft hier schon lange nicht mehr zu. Gefeiert wird, wenn man feiern will. Gekämpft wird, weil man kämpfen muss … ohne Uhr und ohne Kalender.

Erste Liebe, die erste Zigarette, jugendliche Frotzeleien und ungestüme Annäherungsversuche gehören hier genauso zum Alltag wie das Scheitern darin. Es ist die durchgehend poetische Sprache – die phantasiereiche Namensgebung ist da nur ein Bruchteil des Ganzen – die diesen Roman zu einem echten Pageturner macht. Das anhaltend hohe Tempo lässt den Leser mit der Schiffbrüchigen – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – mitfiebern. Die Wogen der Emotionen sind von den Wellen des Sturmes eingerahmt. Die Umstände, die zu dieser einzigartigen Schau-In-Meine-Welt-Geschichte führen, sind dramatisch. Dennoch blühen diese Erinnerungen einer Frau, die im Ozean mit dem Leben ringt, wie ein Blüte so wie die Gischt auf den Kronen der Wellen.

Golf von Neapel: Ischia, Sorrent, Capri, Amalfi

Es ist noch gar nicht so lange her, dass – wenn man es zuspitzt – Neapel für viele Touristen als so genannte „No-Go-Area“ galt. Also ein Gebiet, das man lieber nicht betritt. Straßenraub am Tage, Müllberge, die zum Himmel stanken – so sah Neapel in den Köpfen vieler aus. Doch mittlerweile mausert sich die Perle am Vesuv zu dem, was sie wirklich ist: Eine Stadt voller vollgestopft mit Geschichte und Kultur. Hier wurde die Pizza Margherita erfunden, hier herrschten Könige aus aller Welt, hier kickte der Goldjunge Maradona. Dessen Verehrung übertrifft mancherorts sogar die echter Heiliger.

Heute ist Neapel aber auch der Ausgangspunkt für viele, die der Quelle von bella italia näherkommen wollen. Es ist nur ein Katzensprung bzw. eine kurze Bootsfahrt bis Capri, Ischia liegt in Spuckweite, und die Küste amalfitanische Küste mit den märchenhaften Orten Positano und der Landspitze bei Sorrent sind ebenso schnell wie leicht zu erreichen. Limoncello schlürfen, den Vesuv beim Schlafen zuschauen und im quirligen Neapel durch pittoreske Gassen schlendern – hier lässt man es sich gutgehen.

Das und noch vieles mehr weiß auch Autor Andreas Haller. Vom Ein-Tages-Trip durch die Stadt am Vesuv bis zu ausgedehnten Wanderungen zu und in den Phlegräischen Feldern präsentiert er die ganze Vielfalt dieser Region. Wie in einem nervenaufreibenden Krimi liest man von einem Furore-Fjord, bestaunt moderne Kunst, die in die antike Umgebung passt wie ein Kleinkind zu seiner Mutter und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn man auf den über vierhundert Seiten unzählige Möglichkeiten findet wandernd, genießend und unterhaltend die schönste Zeit des Jahres zu verbringen. Wetter, Menschen und Landschaft meinen es gut mit Einwohnern und Besuchern.

Das Freshup der Reisebände aus dem Michael-Müller-Verlag macht es noch schwerer den Reiseband im Rucksack zu lassen. Immer wieder holt man ihn raus und braucht nicht einmal mehrere Finger einer Hand, um die zahlreichen Tipps im Auge zu behalten. Hier verheißen schon die Ortsnamen wohliges Erschauern. Salerno ist nicht erst seit gestern so ein Ort. Nicht selten wurde man aber enttäuscht. Eine einfallslose Architektur und die Umgebung waren nicht unbedingt das, was man Touristen als Erstes vor die Nase setzen will. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Ein schmuckes Städtchen putzt sich mittlerweile 365 Tage (2020 sogar 366 Tage) im Jahr heraus, um mit ihren Reizen nicht zu geizen. Andreas Haller will da in nichts nachstehen und gibt einer ganzen Region den verdienten Reisebuchrespekt, den sie verdient. Er weiß ganz genau, was, wann und wie bereist werden kann und sollte. Die eindrucksvollen Bilder – übrigens allesamt mit azurblauem Himmel, da muss ja was dran sein – sind nicht nur Beiwerk, sondern Botschafter der Region und Aushängeschild eines der beeindruckendsten Reisebücher des in Tourismusfragen versierten Italiens. Dieser Reiseband eignet sich auch ideal als Bettlektüre – süße Träume garantiert.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.