Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

Nordportugal

Hat man sich einmal entschieden, dass Portugal auf der nächsten Reise erkundet werden soll, stellt für die meisten nur eine Frage: „Algarve oder Lissabon?“ Kann man so machen, ist aber doch zu nah an der Oberfläche. Denn Portugal kann mehr als Metropole mit Fahrstuhl (reizvoll und überhaupt nicht zu verachten) oder Badestrand mit einzigartigen Restaurants (was ebenfalls mehr als reizvoll ist).

Wer in den vergangenen Jahren intensiv die Reisemagazine im Fernsehen verfolgt hat, kam an einer Stadt nicht vorbei. Porto. Portugiesischer geht es ja kaum noch! Und immer dieselben Bilder: Liebevoll hergerichtete Viertel, die mit ihren bunten Fassaden zum Fotografieren und bummeln einluden. Und es auch immer noch tun. 2001 war Porto, zusammen mit Rotterdam, Europas Kulturhauptstadt. Eine Aktion, die zu Beginn viel Medienecho erntet, dann allerdings rapide abebbt. Doch Porto hat seine Vorzüge zu nutzen gewusst. Mittlerweile zittern die Tourismusmanager aus der nicht allzu weit entfernten Hauptstadt um ihren Ruf als Nummer-Eins-Reiseziel am südwestlichen Ende Europas. Zu Recht!

Doch dem allseits Bekannten, Lissabon und Algarve „nur“ Porto hinzuzufügen, um ein touristisches Triple zu kreieren, wäre fatal. Nicht weniger interessant ist beispielsweise der Nordosten Portugals. Hier ist man nicht gerade mit Reichtum gesegnet. Ursprünglich, ganz ohne Klischees und Vorurteile beschreibt Jürgen Strohmaier einen Landstrich, den man vielleicht vermutet, aber niemals so erwartet hat. Trás-os-Montes, „Hinter den Bergen“ ist man hier an der Grenze zu Spanien – eine andere (Festland-)Grenze besitzt Portugal nicht. Hier trinkt man Totenwein, und Feijoada à Transmontana, auf die Hand gibt’s Alheira de Mirandela. Wein, Bohneneintopf, Wurst. Das Thermalstädtchen Chaves wussten schon die Römer zu schätzen, hier sprudeln immer noch heiße Quellen. Eine quirlige Stadt mit 22.000 Einwohnern. Die Altstadt Bairro medieval kennt keinen Verkehrslärm, die sind hier nur Mittel zum Zweck, kein individueller Fahrspaß. Ideal zum Bummeln, shoppen, erholen. Mirandela hat nur ca. halb so viele Einwohner. Architektur und ein Kunstmuseum sind die auffälligsten und teils greifbaren ersten Eindrücke. Doch hier geht es auch um die Wurst, die schon erwähnte Alheira de Mirandela – das Rezept gibt’s im Buch auf Seite 211. Die Geschichte dahinter ebenso, wie immer in einem der gelb unterlegten Infokästen, die auch dieses Buch zu einem Schätzkästchen erster Klasse machen.

Porto und Braga sind die eingängigsten Namen Nordportugals. Doch das Wissen um die Region wird bei vielen hier schon abgeschlossen sein. Wer den Flug von ungefähr drei Stunden auf sich nimmt, wird hier ein echtes Paradies erleben. Je größer die Stadt desto größer die Chance auf bekanntes zu treffen. Doch schon wenige Kilometer außerhalb der großen Städte trifft man – nicht mit Glück, sondern der einfachen Fähigkeit (dieses Buch) lesen zu können – auf ein entdeckungswilliges Land. Um die Sonne muss man nicht bangen. Die fühlt sich hier ebenso wohl wie jeder, der noch das Entdeckergen in sich trägt. Besonders nützlich sind in diesem Buch die Tipps zu Ausflügen, im Speziellen zu den Fortbewegungsmöglichkeiten vor Ort. Und wer an der Küste entlang auf Tour geht, sollte unbedingt den Zug nehmen. Atemberaubende Aussichten inklusive.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Die zwielichtige Stunde

Zu faul, zu ungebildet (im Sinne von fehlenden Qualifikationen und Zertifikaten), zu schön, um in der Anonymität der Großstadt unterzugehen. Jean-Françoise Eric L’Hermitte hat es nicht leicht. Der Ärmste. Und so verdient sich Rico, wie er sich selbst nennt, seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am besten kann: Als Gigolo.

Ausgestattet mit einer Waisenrente stürzt er sich ins Leben. Kaum volljährig, denn sobald er vor dem Gesetz Mann ist, erlischt der Anspruch auf die relativ üppige Rente, ist er mit einer Freundin Protégé eines Obersts. Der vergnügt sich mit ihr und ihm. Rico ist das einerlei. Ihm geht es gut. Er lebt sein Leben in Martissant, einer Ortschaft mit etwas mehr als zwanzigtausend Einwohnern, in der man nicht viel tun kann, als zu arbeiten oder zu leben. Er hat sich für Letztes entschieden. Kein großer Luxus, wenn man materielle Güter als Luxus bezeichnen will. Sein Luxus ist das Leben an sich.

Élise ist sein zweiter Luxus. Die recht betagte (gut betuchte) Dame ist die direkte Nachfolgerin vom Oberst. Sie lauscht den Geschichten Ricos. Da er schon in jungen Jahren gelernt hat Geschichten aus Büchern abzuspeichern, ist er zu einem exzellenten Erzähler gereift. Doch Èlise will nicht nur zuhören…

Ob nun Hildegarde, ihr Neffe Patrice oder andere, die Ricos Weg kreuzen, sie alle können ihm nicht die Poesie, die er für das Leben empfindet, nehmen. Wie im Rausch nimmt er Gerüche, Geräusche, Farbenspiele in sich auf. Maler und Poet zugleich besprüht er sich und seine Umgebung mit seinen Eindrücken.

Seine Fischgründe sind das Ibo Lélé. Hier trifft sich wer Vergnügen sucht. Hier findet, wer sucht. Hier ist Rico der Fischer mit dem dichtesten Netz. Charme und Poesie setzt er auch hier ein. Doch aus einem anderen Grund. Er muss arbeiten. Immer wieder. Und immer mit einem Lächeln.

Kettly Mars lässt Jean-Françoise Eric L’Hermitte, genannt Rico, nicht am Leben (ver-)zweifeln. Dafür hat er keine Zeit. Das Leben ist zu kostbar, und vor allem zu kurz als dass man sich pausenlos Gedanken oder gar Sorgen machen sollte. Es ist wie es ist, und man kann es nur in Nuancen ein wenig dehnen. Umkehren kann man es nicht. Es sind die leisen Töne, die dieses Buch zu einem Leuchtstrahl im Dunkel des Schicksals der Insel Haïti machen. Kein Wort des Schwermuts, kein Wort des Bereuens stört die friedliche Atmosphäre, die sich Rico selbst geschaffen hat. Und wenn am Abend Félix, der Angestellte einer Pension pünktlich wie jeden Tag am Sender seines Transistorradios dreht, um den Nachrichten zu folgen, ist für Rico die Welt in Ordnung.

Dreizehn Voodoo-Erzählungen

Stellen Sie sich Folgendes vor: Kabinettssitzung der Regierung. Da erdreistet sich jemand einem Senator Widerworte zu geben. Und was macht der? Er fuchtelt mit einer Säge herum, die er stets im Koffer mit sich herumträgt. Schräg? Irre? In Haïti schon. Zumindest in der Phantasie der Stimme der Insel. Und die gehört Gary Victor.

Diese groteske Geste ist das Ende einer dieser dreizehn Geschichten, die sicherlich keine Urlaubsgefühl verströmen, doch ein Land beschreiben, das uns im Kopf so fern ist wie die geographische Distanz. Dem wilden Fuchteln geht ein ganz pragmatischer Ansatz voraus. Kerou will unbedingt Senator werden – es wird klappen, denn sonst könnte er sich nicht wie die Axt im Walde bzw. die Säge im Koffer benehmen. Der Wunsch, der Drang nach Macht ist so groß, dass er sich einem bòkò, einem Voodoopriester anvertraut. Diese stehen aber oft auf der dunklen Seite der Magie – das, was heutzutage gern als „normaler“ Voodoo-Kult angesehen wird. Ob nun im Ernst oder aus eigenem Machterhalt angestachelt, stellt er dem Senatorenplatzanwärter vor eine schier unlösbare Aufgabe: Er soll mit einer Bettlerin schlafen. Man muss wissen, dass Kerou sehr auf Ordnung und Reinlichkeit achtet. Nicht nur eine olfaktorische Herausforderung für den Günstling der Hölle! Sein Leibwächter Carl bringt ihn zu einem Friedhof. Und siehe da! Kerou wird fündig. Die Bettlerin ist sehr jung, hübsch und entspricht gar nicht dem gängigen (olfaktorisch herausfordernden) Klischee. Kerou ist ein Glückspilz! Carl bringt Kerou und die Aufgabe ins Hotel. Ein lauter Knall erschüttert die Nacht. Carl ist gerade fertig sich aktiv auszumalen, was da oben im Zimmer abgeht, als ihm der Gedanke kommt, dass da irgendwas nicht stimmen kann. So viel Glück kann einer allein doch nicht haben. Dann kam auch schon der Feuerball im Gleichschritt mit dem Knall. Im Kopf lädiert wird Kerou aber dennoch entsprechend belohnt. Nur halt mit dem Manko der Säge … Tja, auch im Voodoo hat die Medaille zwei Seiten.

Auch in diesen Erzählungen muss der Fan des haïtianischen Autors nicht auf Dieuswalwe Azémar verzichten. Er hat einen Assistenten, dem er einen beunruhigenden Bericht mit auf den Weg gibt. Zermahlene Körper und ein Minister. Alles nur fauler Zauber? Oder das Werk eines Wahnsinnigen. Tranpe, der Zuckerrohrschnapps, dem Azémar so gern und reichlich zuspricht, hilft. Nicht gegen die Erinnerungen. Die bleiben, werden aber durch das Gesöff erstaunlich erträglich.

Dreizehn Mal schickt Gary Victor den Leser auf eine Odyssee der Gefühle. Angewidert, schockiert und immer wieder fasziniert betäubt der Autor den Leser mit wilden Ritualen, die eigentlich nur aus einem Märchen stammen können. Doch sie sind real, in einer Welt, die von Macht und Korruption geprägt ist und durch die Kraft der Phantasie immer während neue Nahrung erhält.

Australien – Der Osten

Das andere Ende der Welt übte schon vor Jahrhunderten eine besondere Faszination auf Abenteurer aus. Wer den Traum Australien zu erkunden noch in sich lodern fühlt, weiß, dass er / sie eine Welt betritt, die nicht nur weit weg von zuhause, sondern wahrhaft selbige auf den Kopf stellen kann. Blöd, wenn man dann auf dem neuen Kontinent nicht weiß wo man anfangen soll. Achthundertvierzig Seiten sollten mehr als ausreichend sein wochenlang dreieinhalb Millionen Quadratkilometer einer tiefgreifenden Untersuchung mit stetig steigendem Reisefieber erforschen zu können. Queensland, New South Wales und Victoria – nur drei Staaten? Und die sollen reichen Australiens Osten kennenzulernen? Ja, denn es gibt nur diese drei Staaten. Dementsprechend groß müssen sie sein, und sind sie auch. Allein Queensland ist fünfmal so groß wie Deutschland. Die schiere Größe ist jedoch nicht der Grund, um Australien zu besuchen. Allenfalls ein weiterer. Fakt ist: Wer Australien besucht, will viel sehen und muss sich vorher genau informieren. Denn mal schnell von Melbourne nach Brisbane ist nur mit dem Flieger möglich.

Das herausragende Merkmal dieses Reisebandes sind die kleine Orte, die scheinbar unbekannten Hotspots, die niemand sucht, die den Reisenden jedoch finden. Mornington Peninsula in der Nähe von Melbourne, dort wo Inspector Hal Challis aus den Romanen von Garry Disher das Verbrechen vor sich hertreibt, steht für maximal für Leseratten auf den ersten Plätzen der To-Do-List. Wer an den Stränden (endlos, schließlich ist man in Australien!) sich in der Sonne brät oder das mehr oder weniger kühle Nass genießt, kommt unweigerlich bald an den bunt bemalten bathing boxes vorbei. Es sind solche kleinen Dinge, die einen Australienurlaub so besonders machen. Und für jede Menge „likes“ bei Instagram und ähnlichen Plattformen sorgen. Oder Orte wie Ulladulla. Schon allein wegen des Namens muss man da hin. Nicht nur, wenn man Ursula, Ursel oder Ulla heißt. Zusammen mit Milton bilden diese beiden Orte, die nun wirklich nicht weit voneinander entfernt sind, ein breites Spektrum an Urlaubserlebnissen. Milton, die Stadt mit Geschichte und Bummelparadies und Ulladulla, das Fischerstädtchen, das übersetzt sicherer Hafen bedeutet. Wasser, Strand, Dünen und Boote um es in wenige Worte zu kleiden.

Armin Tima weiß so genau wie kaum jemand anders wie abwechslungsreich, farbenfroh und ereignisgeladen der Osten Australiens ist und auf den Reisenden wirkt. Wohl dosiert gibt er Tipps ohne den Leser zu überfordern und ohne dabei etwas Entscheidendes auszulassen. Ihm kann man vertrauen, bevor der Flieger gen Ende der Welt abhebt. Ist man da, sollte man immer eine Hand freihaben, um nachzublättern, damit auch nichts vergessen wird. Wer weiß, wann man wieder hierher kommen kann. Exzellente Detailkarten sowie die gelb eingefärbten Infokästen mit den Infos, die in illustrer Runde für Erstaunen sorgen, lassen wirklich keine Fragen offen. Und er schaut natürlich über den Tellerrand hinaus. Soll heißen, Ayers Rock. Wer in Australien urlaubt, will, ja muss den berühmten Berg sehen. Der liegt weit im Landesinneren und nicht mehr im buchthematischen Osten des Landes. Doch auch der Autor kommt nicht umhin ein wenig abzuschweifen. Genauso wie Armin Tima dem Leser Platz lässt links und rechts der Routen auf eigene Faust dem Abenteuertrieb freien Lauf zu lassen.

Lesereise Malta

Malta ist nicht groß. Stundenlange Ausflüge enden unweigerlich am Meer. Viel Fels, viel Sonne. … Und viel zu erkunden. Carola Hoffmeister hat das Abenteuer Malta auf sich genommen und eine Insel entdeckt, die ihre Pracht bei genauerem Hinsehen wie selbstverständlich präsentiert.

Viele Herrscher hatten sich hier eine neue Heimat schaffen wollen. Araber, Römer, Normannen, Franzosen, Engländer. Jeder hinterließ etwas. Und von allem ist noch etwas zu sehen. Eine wahrhaft europäische Insel mit darüber hinausgehendem internationalem Flair. Mehr aus Pflicht denn aus eigenem Antrieb besucht die Autorin auch Filmsets. Malta ist das Filmset Hollywoods. Troja, Game of thrones, Popeye, Der Da Vinci Code sind nur ein paar der Filme, die hier teilweise gedreht wurden. Als Guide fungiert einer, der es wissen muss. Als Statist stand er neben Angelina Jolie oder Brad Pitt vor der Kamera.

Gehaltvoller ist da schon ein Besuch bei einer Köchin, die als Autorin schon Preise absahnte. Ihr in die Kochtöpfe schauen zu dürfen ist für Carola Hoffmeister mindestens genauso spannend wie der Besuch in Mdina. Das war bis 1566 die Hauptstadt der Insel. Seitdem ist es La Valletta, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und am Meer liegt und deswegen wohl auch eher als Hauptstadt fungieren kann. Der Ausblick ist einfach schöner… So ganz nebenbei: La Valletta ist 2018 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch zurück nach Mdina, die auch Stadt der Stille genannt wird. Vierhundert Einwohner sorgen dafür, dass diese Stille nicht getrübt wird. Motorenlärm? Fehlanzeige! Nur wer hier wohnt, darf es brummen lassen. Ansonsten ist mal Pferdegetrappel zu hören oder vielleicht ein Hüsteln oder ein Schniefen. Ruhe und Malta – das passt irgendwie zusammen.

Kontrastprogramm Playmobil. Nein, Malta ist schon größer als der Plastik-Spielplatz aus dem Fränkischen. Aber hier werden auch die beliebten Spielfiguren hergestellt. Das Granulat dafür fließt mit rasanter Geschwindigkeit durch Alurohre – wenn Rabat nicht schon die lärmende Schwester von Mdina wäre, würde man sie in der Fabrik vermuten.

Doch Malta ist nicht nur Malta. Drei Inseln gehören zu dem, was allgemein als Malta bezeichnet wird. Malta selbst sowie die kleinen Inselchen Gozo und Comino. Es wird nur eine kurze Stippvisite auf Comino. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Carola Hoffmeister zieht die ruhige Alternative Gozo vor. Ein Hotel zu finden auf Gozo – unmöglich. Zumindest, wenn man Hotel mit Bettenburg gleichsetzt. Die gibt es hier nämlich gar nicht. Dafür ein reichliches Dutzend Dörfer. Und da hat die Autorin einen besonderen Antrieb für sich ausgemacht: In jedem Dorf einmal dinieren. Auch ein Art den Urlaub zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Dieses Buch ist auch etwas ganz besonderes. Mit gelassener Neugier erkundet Carola Hoffmeister ein Inseltriple, das nicht nur auf dem Papier gerade zu fürs Erkunden geschaffen wurde. Überreste aus mehreren Jahrtausenden laden echte Abenteurer ein Geheimnisse zu entlocken. Dass das Paradies sich hier nicht befindet, haben die negativen Nachrichten der vergangenen Monate bewiesen. Ausblenden sollte man diese nicht. Doch darüber hinaus muss man der Insel die Chance geben sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und mit den durchaus misstrauischen Insulanern ins Gespräch zu kommen. Dieses Buch ist dafür mehr als ein erster Schritt.

Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Exil unter Palmen

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur.

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen.

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht.

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.