Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Wilde Zeiten

Ein viel zu milder Titel für das, was beschrieben wird. Wilde Zeiten, das war die Zeit des Aufruhrs, der Rebellion gegen bestehende Mechanismen. Doch Nirvah erlebt, durchlebt harte Zeiten. Eine Zeit der Trauer. Eine Zeit der Wut. Eine Zeit der Ohnmacht.

Haïti zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Papa Doc, der ehemalige Landarzt, der sich mit gnadenloser Brutalität zum unbestrittenen Machthaber ohne Ablaufdatum gemetzelt hat, nennt ein Heer von willfährigen Vasallen aufgebaut. Jedem Widersacher droht er nicht nur mit dem Tode, er lässt seinen Worten rasch auch Taten folgen. Nirvahs Ehemann Daniel steht ganz oben auf der der Liste der zu Inhaftierenden. Als Journalist und Aktivist ist er der Dorn im Fleisch der Diktatur, der umgehend entfernt werden muss. Zwei Monate und einen Tag ist er nun schon im Fort dimanche, dem Foltergefängnis von Port au Prince, der Hauptstadt Haïtis.

Nirvah versucht verzweifelt eine Nachricht, ein Lebenszeichen von Daniel zu bekommen. So sitzt sie nun schon seit vier Stunden im Warteraum vor dem Büro von Raoul, einem Staatssekretär. Er kann ihr bestimmt sagen, ob Daniel noch lebt. Und ob er je wieder seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn in die Arme schließen kann. Doch Raoul ist nicht im Geringsten daran interessiert Nirvah auch nur den Hauch einer Hoffnung zu schenken.

Vielmehr ist er erpicht darauf diese Frau zu besitzen. Nirvah ringt mit sich. Doch für Daniel nimmt sie die Tortur auf sich und lässt sich mit dem Staatssekretär ein.

Die Liaison bleibt im Viertel nicht unentdeckt. Die Straße ist frisch geteert, ein neuer Wagen ziert die Einfahrt der Leroys, die ihren Vater und Ehemann verloren haben. Die Nachbarschaft zerreißt sich das Maul. Nirvah findet ein wenig Ruhe, aber zu einem hohen Preis. Und der steigt. Unmerklich hat sich Raoul nämlich auch noch an Marie, Nirvahs und Daniels Tochter rangemacht. Der Teenager schämt sich anfangs, doch findet sie im Laufe ihres Erwachsenwerdens allmählich so etwas wie Gefallen an dem, was da in unregelmäßigen Abständen mit ihr passiert. Als Nirvah hinter die Affäre kommt, sie also nicht mehr allein die Mätresse des mächtigen Raouls ist, wendet sich das Blatt abermals. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust und findet endlich wieder zu alter Stärke zurück. Entweder sie bekommt sofort Auskunft über das Schicksal Daniels, oder … Die Alternativen sind spärlich gesät. Sie schwinden als auch an Raouls Stuhl heftig gesägt wird.

Kettly Mars zeigt ein Land, dass von Hass und Missgunst zerfressen wurde. Zwischen Voodoo und Maschinenpistolen ist ein Leben möglich, aber zu welchem Preis? Ist dieser Preis verhandelbar? Und wie lange gilt das Angebot? Die Annehmlichkeiten der Beziehung zu Raoul, dem Mann der Macht muss sie den eigenen Vorstellungen vom Glück gegenüberstellen. Die Zerrissenheit einer Frau ohne Ausweg abzubilden, ist eine Gratwanderung ohnegleichen. Kettly Mars schafft es, dass man sich in jeder Sekunde mit Nirvah verbünden möchte. Ihr Mut zuzusprechen, kann nur ein gutes Ende nehmen. Doch Kettly Mars hat anderes mit Nirvah vor.

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Alle gehen fort

Nieve schreibt Tagebuch. Und zwar seit dem Tag, an dem sie in ihrem Leben den ersten großen Bruch wahrnahm. Das sorgenfreie Leben bei Mami, einer Radiojournalistin, die nach einem Kriegsreportereinsatz in Angola nicht mehr dieselbe sein konnte, ist vorbei. Sie muss zu ihrem Vater ziehen. Zeitlich begrenzt zwar, doch ohne Aussicht, dass das erzwungene Exil sich in Normalität zurückverwandeln könnte.

Denn ihr Vater, Mitglied einer Theatergruppe, ist ein brutaler, versoffener Schläger. Die von ihm ihr zugefügten Wunden brennen nicht nur auf, sondern vor allem unter der Haut. Konspirative Telefonate mit Mami sind Fluch und Segen zugleich. Segen, weil die Mutter ihr Hoffnung gibt, sie in ihrem Tun bestärkt. Fluch, weil sie geheim bleiben müssen und sparsam gesät sind. Doch der Vater übertreibt es. Nieve wird ihm wieder entzogen, all seine Kontakte nützen ihm nichts mehr. Nieve geht wieder zurück zu ihrer Mutter.

Ihr Tagebuch war der einzige Freund, den Nieve jemals alles anvertrauen konnte. Die kubanische Revolution war gerade mal ein reichliches Jahrzehnt alt als die geboren wurde und nicht mal ein Vierteljahrhundert später beginnt Nieve die Seiten mit Leben zu füllen. Zuerst kindlich-naiv, später sorgenvoll mit all den Nöten, die einen Teenager plagen können.

Auch das Verhältnis zur Mutter wird kompliziert. Rebellion und Aufbruch gehen im Wechselbad der Gefühle Hand in Hand. Nieve sucht Anschluss unter den Mitschülern an ihrer Kunstschule. Doch auch hier kann sie sich nicht entfalten. Freunde und Bekannte, einer nach dem anderen verlässt sie, verlässt das Land. Die Hoffnung, dass auch sie jemandem folgen kann, ist nur ein schwaches Licht am Ende eines verdammt langen Tunnels.

Nieve bleibt, sie bleibt ohne sich anzupassen. Im Inneren lebt die Rebellion weiter. Nach außen verschließt sie sich. Ihr Tagebuch – das weiß sie inzwischen ganz genau – bleibt ihr Refugium der Selbstbestimmung. Die Welt um sie herum versinkt im Dreck, in Korruption, Willkür, dumpfer Regelmäßigkeit – doch Nieve ist zu stark, um der Realität den Rück zuzuwenden.

Wendy Guerra zieht den Leser mit jeder Zeile immer weiter auf ihre Seite. Fühlt man anfangs mit dem schutzlos dem brutalen Vater ausgelieferten Mädchen, so schöpft man neue Hoffnung, wenn aus dem aufgeweckten Mädchen eine junge Frau wird, die um ihre verlorenen Freunde trauert, dennoch ihren Stolz verlieren wird. Das steht fest. Nieve ist im gleichen Alter wie Wendy Guerra. Parallelen sind sicher nicht zufällig. Ein autobiographischer Roman über ein Kuba, das nicht so recht ins Bild der Hochglanzprospekte passen will, dass aber die Sehnsucht der Kubaner auf Vortrefflichste beschreibt.

Schönheit ist eine Wunde

Dewi Ayu war vor ihrem Tod die bekannteste Hure in Halimunda. Sie gebar drei Töchter. Alle bildhübsch und – wie sie selbst über ihre Töchter sagt – als die Drei wussten wie man die die Knöpfe an der Hose eines Mannes öffnete, verschwanden sie aus dem mütterlichen Haus. Einen Vater kannten alle Vier nicht. Den brauchten sie auch nicht. Dewi Ayu war sich genug für die ihren Nachwuchs. Kurz vor ihrem Tod bekam sie eine vierte Tochter. Die war ganz anders als ihre älteren Geschwister. Schwarz wie Pech, war nicht nur ihr Haar, sondern ihr gesamter Körper. Ihre Nase glich der eines Schweines. Hässlich kam es zur Welt.

Einundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und nun findet Dewi Ayu, dass es an der Zeit ist ihre Letztgeborene endlich kennenzulernen. Sie erhebt sich aus dem Grab. Dabei erschrickt sie einen kleinen Jungen, der sich vor Schreck in die Hosen macht. Sie zeigt sich Schönheit, wie sie die Jüngste genannt hat. Die wartet ihr ganzes Leben darauf, dass sie dem Prinzen begegnet, der sie von ihrem Fluch der Hässlichkeit befreit.

Von Rosinah, der Hebamme, die Schönheit vor einundzwanzig Jahren zur Welt brachte und nun in Dewi Ayus Haus wohnt, erfährt sie, dass Schönheit lesen und schreiben kann, sie ist fleißig und geschickt. Wer ihr das alles beigebracht hat, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel. Ein Fluch scheint auf der matriarchalischen Familie zu liegen. Dewi Ayu hat nur einen Wunsch: Diesem Fluch auf den Grund zu gehen.

Es beginnt eine Reise durch ein Indonesien, das es so gar nicht gibt. Oder doch? Magie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Dass sie so stark in den Vordergrund tritt haben wir Eka Kurniawan zu verdanken, der mit seinem Erstling sofort an die Spitze der Beliebtheitsskala der Autoren gesprungen ist. Bissiger Humor, der ab der ersten Zeile den Leser in seinen Bann zieht. Eka Kuriawan liebt jede einzelne Figur seines Romans. Diese sind beseelt vom Leben und dem, was es für sie bereithält.

„Schönheit ist eine Wunde“ steckt voller Überraschungen. Die einzelnen Schicksale der Menschen sind bedrohlich, angsteinflößend, aber auch hoffnungsvoll und spannend. So tiefgründig und ironisch, dass es fast schon wehtut, wenn man das Buch beendet hat, beschreibt der Autor seine Heimat aus der Sicht der Menschen, denen der Fortschritt nur kurzzeitigen Aufschwung versprechen kann. Sind sie verzweifelt? Nein! Zwischen Phantasie und Realität suchen sie nach dem bisschen Glück, das ihnen zusteht, für das sie aber einen hohen Preis bezahlen müssen.

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Überraschung! Es geht in die Karibik. Auf ‘nem Schiff. Und Sie müssen nix dazubezahlen! Der Freude weicht augenblicklich die Skepsis. Da ist doch was faul! Wenn einem so was passiert, ist man verdutzt, erstaunt und überlegt wie man den Fehler (denn nur um so etwas kann es sich handeln) in einen Vorteil für sich ummünzen kann.

Situation Zwei: Ein Kreuzfahrtveranstalter sucht dringend noch einen kulturellen Höhepunkt seiner Rundreise durch die karibische Inselwelt. Vermutlich sind ein Bauchredner und eine Schlagershow schon längst eingetütet. Besonders dialektbehaftete Schlagersänger nehmen so was ja gern mit, um ihre Weltläufigkeit hinterher „kundzutuan“.

Situation Drei: Man selbst ist ein renommierter Schriftsteller, preisbehangen und von der Kritik geliebt. Da flattert per Mail – Briefe sind ja so was von out – zur Mittagszeit eine Einladung zur Kreuzfahrt in den Posteingang. Kurz und knapp, klingt verlockend. Doch mehr als ein Dutzend Seiten Anhang liest man erst einmal nicht. Man freut sich, ist vielleicht ein wenig genbauchpinselt. Doch dann beginnt das Räderwerk, mit dem man so viele Erfolge schon feiern durfte, sich in Bewegung zu setzen. Warum ich? Bin ich nur der Pausenclown, der der ersten, zweiten, dritten … Wahl folgen soll, weil die keine Zeit oder Lust hatten? Warum hatten die denn keine Zeit oder Lust? Zu viele schlechte Erfahrungen?

Da man gut erzogen ist (eine umgehende Antwort freundlich eingefordert wurde, man hätte ja auch einen vom Stapel oder die Einladende auflaufen lassen) antwortet man natürlich. Natürlich auf seine eigene Art und Weise. Sie ist unverwechselbar, und da mit der eigenen Person auch diese Art und Weise angefragt wurde, eingekauft werden sollte, will man den Absender nicht enttäuschen.

Bodo Kirchhoff – Achtung, jetzt kommt noch eine Überraschung, für einige sicherlich sogar eine Enttäuschung – gibt sich nicht dem allgemeinen Trend hin und gibt die viertausendneunhundertneunundneunzig zahlenden Gäste (fünftausend passen aufs Schiff und er zahlt ja nicht) der Lächerlichkeit preis. Vielmehr beginnt das Buch mit dem Empfang der Mail und endet mit dem Ende der Antwort darauf. Es ist immer noch März, es sind immer noch neun Monate Zeit bis zum Abflug, nicht mehr und nicht weniger. Wer genug hat vom „Kuck mal die da drüben schaufelt sich schon wieder den Teller voll als ob wir gleich sinken werden“, wird mit „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ auf keiner der einhundertdreißig Seiten enttäuscht werden. Ellenlange Sätze voller Poesie, hintergründiger Ironie und geschliffener Sprache bilden das wortgewaltige Gegenstück zum durchgestylten und straff durchorganisierten Schifffahrtsvergnügen auf Zeit. Leider viel zu kurz, dafür aber verbunden mit der Hoffnung auf einen Nachfolger. Bitte!

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Barcelona

Und weiter geht die wilde Hatz! Sagrada familia, schnell ein paar Tapas, playa, ramblas – puh das stresst. Aber man hat in wenigen Stunden alles gesehen, was es Sehenswertes in Barcelona gibt. Könnte man meinen. Doch dann fällt einem der Reiseband „Barcelona“ von Baedeker in die Hände. Dreihundert Seiten stark – da muss es also noch mehr geben als die extravagante Architektur von Antoni Gaudí und Fressmeilen. Aber wer reist schon so. Und Barcelona im Speziellen hat durchaus mehr zu bieten. Da tut es Not sich zumindest ein wenig im Vorfeld zu informieren, was es alles zu erobern gibt. Und dieser Baedeker ist ein auskunftsfreudiger Reisebegleiter!

Zuerst zum Standard. Jeder Reiseband ist mit einer Karte, in diesem Fall mit einem aussagekräftigen Stadtplan versehen. Ebenso zum guten Ton gehört eine informative Einführung in die Stadt mit einem kurzen Abriss zur Geschichte – so manches Aha-Erlebnis wird erst so zu Selbigem. Zum Beispiel, wenn man am 15. oder 30. August, 24. September, am ersten Sonntag im Oktober oder den Sonntag nach dem 22. Oktober oder am 1. November oder am dritten Sonntag im November in der Stadt ist. Dann werden die Castells, die berühmten menschlichen Kathedralen allerorten zu sehen sein. Ein Erlebnis, das im Fernsehen schon beeindruckend ist – live fiebert man mit jeder neuen Etage mit den Casteller mit. Schon auf der Umschlagseite wird auf diese Tradition hingewiesen.

Architektonisch ist Barcelona eine Sensation. Nicht nur die Sagrada familia, das unvollendete Bauwerk Gaudís, sondern ganze Straßenzüge, die im katalonischen Jugendstil, der Modernisme genannt wird, erhellen die Herzen der Besucher. Muss man gesehen haben. Das nötige Hintergrundwissen gibt’s im Buch.

Ein Städtetrip nach Barcelona ohne vernünftigen Reiseband wäre wie Strandurlaub im Hotelbett, wie ein McDonalds-Besuch in Lyon oder Wassertreten in der Sahara – unnötig und sinnlos. Ausflüge ins nur wenige Kilometer entfernte Montserrat mit seinem Kloster, oder in die traditionsreiche Fußballgeschichte der Stadt oder eine (Rad-)Tour zum Museu Marítim oder oder oder – die Stadt bietet so viele Möglichkeiten sich für immer an sie zu erinnern, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass so viele in diesem Buch vereinigt werden konnten.

Wer den Reiseband verschenken will, dem sei noch empfohlen, dass zum „Rundum-Sorglos-Paket“ ein Prachtband und ein wenig Belletristik gehören. Der ewige Dank des Beschenkten ist einem hundertprozentig sicher. Und ein Souvenir als Dankeschön aus der Hafenstadt am Mittelmeer kann schon mal eingeplant werden…

City impressions Barcelona

Für alle diejenigen, die die City-Impressions-Reihe noch nicht kennen, sei es noch einmal gesagt: Man erkennt sie an der Silhouette der Stadt auf dem Buchcover und der Dicke des Buches. Äußerlich. Die inneren Werte, der Name nimmt es vorweg, lauert im Inneren. Lauern ist auch nicht das richtige Wort: Sie springen einem Seite für Seite mitten ins Gesicht! Schon nach wenigen Seiten präsentiert sich die lebhafte Metropole als Panorama. Es wird nicht das erste Mal sein, dass man beim rhythmischen Durchblättern ins Stocken gerät. Als „Schon-Mal-Da-Gewesener“ sucht man auf dem Panorama die Plätze, wo man schon war. Als „Hoffentlich-Bald-Mal-Dort-Gewesener“ fiebert man der Zeit entgegen diese Plätze endlich mal besuchen zu können.

Autor, Photograph und Herausgeber Bernd Rücker zeigt dem Leser, der sich wie in einem lebendigen Museum vorkommt, erst einmal einen Rundumschlag seiner Stadt. Wer jetzt noch nicht auf den Geschmack gekommen ist, hat noch viele, viel Seiten Zeit, sich Appetit zu holen. Für alle, die eh nicht mehr für Barcelona begeistert werden müssen, kommt nun eine kleine optische Abkühlung. Denn immer wieder wird dem Auge eine Auszeit gegönnt – kurze, romantische, auf alle Fälle barceloneske Geschichten lockern den Bildband auf. So wie unter anderem auch – unbedingt als Pflichtlektüre für kommende Barcelona-Trips zu empfehlen – die Kurzgeschichte „Gute Nachrichten auf Papierfliegern“.

Nun erwacht die künstlerische Ader des Photographen. Alle Fotos sind auf schwarzen Papierseiten gedruckt. Das wirkt nicht nur edel, sondern hat den Effekt, dass Fotos, die mit dem Spiel von Hell und Dunkel ihre Wirkung entfalten, so erst richtig zur Geltung kommen. Denn eine echte Begrenzung der Bilder ist nicht erkennbar. Lichtpunkte funken aus dem scheinbaren Nichts optische Reize an den Empfänger. Details, die man im Vorbeigehen garantiert übersehen würde, rücken in den Fokus des Betrachters. Die Stadt erwacht, menschenleere Plätze (soll’s tatsächlich geben, muss man aber suchen – oder man blättert ein wenig im Buch…), Schnappschüsse, Wolkenformationen, die schon kurz nach der Aufnahme nie mehr so zu sehen sein werden, erstaunen mit jeder neuen Seite.

Jedes einzelne Bild ist eine besondere Komposition mit sorgsam ausgewähltem Motiv, geschickt ausgesuchtem Ausschnitt und exquisit arrangierter Platzierung. Fast könnte man meinen, die Stadt nicht mehr besuchen zu müssen, weil man eh schon alles kennt. Ein weiterer Grund (und es gibt weitaus mehrere Gründe) sich dieses Buch zuzulegen, ist die Tatsache, dass man mit diesem Buch jemandem eine Riesenfreude macht. Als Appetizer für denjenigen oder diejenige, die Barcelona als Traumziel ansieht. Und nicht nur wegen der Maße und des Gewichtes (>2kg), auch und besonders wegen der unglaublichen Fülle an erstklassigen Aufnahmen. Als Zugabe (neben der eingangs erwähnten Kurzgeschichte) legt man einen Reiseband bei und vielleicht noch eine Anthologie. Als perfekter Appetitmacher für einen perfekten Urlaub.