Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Goldeneye – Ian Fleming und Jamaika

Dass ein Urlaub das Leben beeinflussen kann, hat man schon gehört. Wenn ein Urlaub das ganze Leben verändert, wird man neugierig. Wenn ein Besuch auf einer Insel dazu führt, ein Leben auf den Kopf zu stellen, dem Arbeitsgeber zwei Monate bezahlten Urlaub jährlich abzuringen, um auf eben dieser Insel leben zu können … und wenn dann auch noch die ganze Welt daran teilhaben kann, ist es wert ein Buch darüber zu schreiben.

Goldeneye nennt sich der Flecken Erde. Moment mal, Goldeneye, James Bond … eine Insel? Von Vorn: Während des Zweiten Weltkrieges, der tatsächlich auch in der Karibik stattfand, sah sich das britische Empire gezwungen Maßnahmen gegen die Übergriffe der deutschen Marine zu ergreifen. Auf einer Konferenz in Jamaika beriet man darüber. An eben dieser Konferenz nahm ein gewisser Ian Fleming teil. Und der verliebte sich prompt in die Insel. Schon kurze Zeit später war er Grundbesitzer im Norden des Eilands, mit einer praktikablen, aber nicht zwingend repräsentativen Ausstattung. Und dieses nannte er Goldeneye. Die Legende will es, dass Goldeneye mit einer ansehnlichen Bibliothek ausgestattet war, in der sich auch ein Vogelkundebuch eines gewissen James Bond befand. Ja, jetzt ist alles klar.

Ian Fleming ist nun Jamaikaner. Zumindest zwei Monate im Jahr, in denen er schreibt. Und zwar an den Romanen, die Weltruhm erreichen und durch Kinofilme ein Synonym für loyale Agenten werden, die verbrannte Erde hinterlassen, damit nicht noch mehr anbrennt.

Von Beginn an macht Fleming Werbung für die Insel. Auch der Schauspieler Errol Flynn und seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus Jamaika in den Himmel zu loben. Und die High Society folgt ihrem Rufen wie die Lemminge. Von Charlie Chaplin bis zu Laurence Olivier und Vivien Leigh lassen sie es sich auf der Insel gutgehen. Autor Matthew Parker beschreibt genüsslich wie sie sich alle nackt am Pool räkelten oder David Niven nur knapp einem Skorpionangriff entging, sich dafür Zecken an delikater Stelle einfing. Niven – da ist wieder die Verbindung zu Bond. Er war die erste Wahl für den ersten Bond-Film.

Doch Matthew Parker zieht es vor die kleinen Anekdoten in ihrer Schmuddelecke zu belassen. Jamaika in den 50er Jahren, das ist ein Land im Umbruch. Ein Land, das das koloniale Dasein abschüttelt und sich emanzipiert. Das Geld wird immer noch von Ausländern (Kolonialisten) verdient. Und der kalte Krieg geht im tropischen Regen auch nicht unter. Fleming und Bond – je tiefer man in dieses Buch eindringt, desto deutlicher wird, dass Erfinder und Figur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen – stehen mittendrin. Flemings Werke verkaufen sich gut, exzellent sogar. Alles, was er auf Jamaika wahrnimmt, was ihn als britischen Gentleman ausmacht, fließt ungefiltert in seinen Helden.

Matthew Parker seziert jede Textestelle der Romane und Geschichten mit James Bond und zeigt Parallelen zu Jamaika, Fleming und der Zeit auf. Wer James Bond nur aus den Filmen kennt, wird überrascht sein, wie groß die Diskrepanz zwischen originaler Druckvorlage und filmischen Abklatsche sein kann. Und vor allem zeigt wer, wie viel Einfluss eine einzige Insel auf eines der erfolgreichsten Kunstprodukte des vergangenen Jahrhunderts haben kann. „Goldeneye“ ist die spannendste Biographie des Jahres.

Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

Nordportugal

Hat man sich einmal entschieden, dass Portugal auf der nächsten Reise erkundet werden soll, stellt für die meisten nur eine Frage: „Algarve oder Lissabon?“ Kann man so machen, ist aber doch zu nah an der Oberfläche. Denn Portugal kann mehr als Metropole mit Fahrstuhl (reizvoll und überhaupt nicht zu verachten) oder Badestrand mit einzigartigen Restaurants (was ebenfalls mehr als reizvoll ist).

Wer in den vergangenen Jahren intensiv die Reisemagazine im Fernsehen verfolgt hat, kam an einer Stadt nicht vorbei. Porto. Portugiesischer geht es ja kaum noch! Und immer dieselben Bilder: Liebevoll hergerichtete Viertel, die mit ihren bunten Fassaden zum Fotografieren und bummeln einluden. Und es auch immer noch tun. 2001 war Porto, zusammen mit Rotterdam, Europas Kulturhauptstadt. Eine Aktion, die zu Beginn viel Medienecho erntet, dann allerdings rapide abebbt. Doch Porto hat seine Vorzüge zu nutzen gewusst. Mittlerweile zittern die Tourismusmanager aus der nicht allzu weit entfernten Hauptstadt um ihren Ruf als Nummer-Eins-Reiseziel am südwestlichen Ende Europas. Zu Recht!

Doch dem allseits Bekannten, Lissabon und Algarve „nur“ Porto hinzuzufügen, um ein touristisches Triple zu kreieren, wäre fatal. Nicht weniger interessant ist beispielsweise der Nordosten Portugals. Hier ist man nicht gerade mit Reichtum gesegnet. Ursprünglich, ganz ohne Klischees und Vorurteile beschreibt Jürgen Strohmaier einen Landstrich, den man vielleicht vermutet, aber niemals so erwartet hat. Trás-os-Montes, „Hinter den Bergen“ ist man hier an der Grenze zu Spanien – eine andere (Festland-)Grenze besitzt Portugal nicht. Hier trinkt man Totenwein, und Feijoada à Transmontana, auf die Hand gibt’s Alheira de Mirandela. Wein, Bohneneintopf, Wurst. Das Thermalstädtchen Chaves wussten schon die Römer zu schätzen, hier sprudeln immer noch heiße Quellen. Eine quirlige Stadt mit 22.000 Einwohnern. Die Altstadt Bairro medieval kennt keinen Verkehrslärm, die sind hier nur Mittel zum Zweck, kein individueller Fahrspaß. Ideal zum Bummeln, shoppen, erholen. Mirandela hat nur ca. halb so viele Einwohner. Architektur und ein Kunstmuseum sind die auffälligsten und teils greifbaren ersten Eindrücke. Doch hier geht es auch um die Wurst, die schon erwähnte Alheira de Mirandela – das Rezept gibt’s im Buch auf Seite 211. Die Geschichte dahinter ebenso, wie immer in einem der gelb unterlegten Infokästen, die auch dieses Buch zu einem Schätzkästchen erster Klasse machen.

Porto und Braga sind die eingängigsten Namen Nordportugals. Doch das Wissen um die Region wird bei vielen hier schon abgeschlossen sein. Wer den Flug von ungefähr drei Stunden auf sich nimmt, wird hier ein echtes Paradies erleben. Je größer die Stadt desto größer die Chance auf bekanntes zu treffen. Doch schon wenige Kilometer außerhalb der großen Städte trifft man – nicht mit Glück, sondern der einfachen Fähigkeit (dieses Buch) lesen zu können – auf ein entdeckungswilliges Land. Um die Sonne muss man nicht bangen. Die fühlt sich hier ebenso wohl wie jeder, der noch das Entdeckergen in sich trägt. Besonders nützlich sind in diesem Buch die Tipps zu Ausflügen, im Speziellen zu den Fortbewegungsmöglichkeiten vor Ort. Und wer an der Küste entlang auf Tour geht, sollte unbedingt den Zug nehmen. Atemberaubende Aussichten inklusive.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Die zwielichtige Stunde

Zu faul, zu ungebildet (im Sinne von fehlenden Qualifikationen und Zertifikaten), zu schön, um in der Anonymität der Großstadt unterzugehen. Jean-Françoise Eric L’Hermitte hat es nicht leicht. Der Ärmste. Und so verdient sich Rico, wie er sich selbst nennt, seinen Lebensunterhalt mit dem, was er am besten kann: Als Gigolo.

Ausgestattet mit einer Waisenrente stürzt er sich ins Leben. Kaum volljährig, denn sobald er vor dem Gesetz Mann ist, erlischt der Anspruch auf die relativ üppige Rente, ist er mit einer Freundin Protégé eines Obersts. Der vergnügt sich mit ihr und ihm. Rico ist das einerlei. Ihm geht es gut. Er lebt sein Leben in Martissant, einer Ortschaft mit etwas mehr als zwanzigtausend Einwohnern, in der man nicht viel tun kann, als zu arbeiten oder zu leben. Er hat sich für Letztes entschieden. Kein großer Luxus, wenn man materielle Güter als Luxus bezeichnen will. Sein Luxus ist das Leben an sich.

Élise ist sein zweiter Luxus. Die recht betagte (gut betuchte) Dame ist die direkte Nachfolgerin vom Oberst. Sie lauscht den Geschichten Ricos. Da er schon in jungen Jahren gelernt hat Geschichten aus Büchern abzuspeichern, ist er zu einem exzellenten Erzähler gereift. Doch Èlise will nicht nur zuhören…

Ob nun Hildegarde, ihr Neffe Patrice oder andere, die Ricos Weg kreuzen, sie alle können ihm nicht die Poesie, die er für das Leben empfindet, nehmen. Wie im Rausch nimmt er Gerüche, Geräusche, Farbenspiele in sich auf. Maler und Poet zugleich besprüht er sich und seine Umgebung mit seinen Eindrücken.

Seine Fischgründe sind das Ibo Lélé. Hier trifft sich wer Vergnügen sucht. Hier findet, wer sucht. Hier ist Rico der Fischer mit dem dichtesten Netz. Charme und Poesie setzt er auch hier ein. Doch aus einem anderen Grund. Er muss arbeiten. Immer wieder. Und immer mit einem Lächeln.

Kettly Mars lässt Jean-Françoise Eric L’Hermitte, genannt Rico, nicht am Leben (ver-)zweifeln. Dafür hat er keine Zeit. Das Leben ist zu kostbar, und vor allem zu kurz als dass man sich pausenlos Gedanken oder gar Sorgen machen sollte. Es ist wie es ist, und man kann es nur in Nuancen ein wenig dehnen. Umkehren kann man es nicht. Es sind die leisen Töne, die dieses Buch zu einem Leuchtstrahl im Dunkel des Schicksals der Insel Haïti machen. Kein Wort des Schwermuts, kein Wort des Bereuens stört die friedliche Atmosphäre, die sich Rico selbst geschaffen hat. Und wenn am Abend Félix, der Angestellte einer Pension pünktlich wie jeden Tag am Sender seines Transistorradios dreht, um den Nachrichten zu folgen, ist für Rico die Welt in Ordnung.