Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Das Meer und der Norden

So eine Reise macht man nicht an einem Tag. Auch nicht in einer Woche. Einen Monat – vielleicht. Doch die Wucht der Eindrücke kann einen dann schon erschlagen. Charlotte Ueckert nimmt die Herausforderung an und lässt sich ein wenig durch den Norden Deutschlands treiben. Und da ist auch schon die erste essentielle Frage: Wo endet der Norden eigentlich? Sprachlich da, wo aus dem Wort „maken“ das „machen“ wird. Das wäre die so genannte Benrathlinie, von Aachen (besser gesagt Benrath mit dem berühmten, literarisch verewigten Schloss) über Kassel bis Magdeburg. Kulturell lässt sich die Grenze nicht ganz so genau ziehen.

Im Zwiegespräch mit einer Freundin, die in Jugendtagen nach Australien ausgewandert ist, lässt die Autorin ihre Beweggründe für dieses Buch aufblitzen. Ein wenig Rückschau halten, unbändige Neugier auf das, was sich bis heute verändert hat und der Drang dem Gedankenfluss folgen zu dürfen.

Über das einst sehnsüchtige Sylt über das lebenswerte Oldenburg führen sie ihre Streifzüge von Küste zu Küste. Markante Bauten säumen den Weg ohne den Blick zu verstellen. Wie war es, wie ist es, wie könnte es einmal sein? Fragen, die sich im Verborgenen stellt und deren Antworten gar nicht so wichtig erscheinen. Denn der Weg ist das Ziel.

Laut stampfend wird man Charlotte Ueckert nie erleben. Ihr Metier sind die leisen Töne. Sehr persönlich, so dass man fast schon dazu gezwungen wird eigene Gedanken mit ins Lesespiel zu bringen. Wie hat man diese Stadt, die Region selbst erlebt? Man entdeckt viele Parallelen, aber noch mehr Unterschiede.

So unterschiedlich die Region, so unterschiedlich sind demzufolge auch die Eindrücke der Autorin. Rügen – so malerisch. Finkenwerder – so klar strukturiert. Wismar und Lübeck so pittoresk und liebenswert wie kaum zwei andere Städte.

Wer Charlotte Ueckerts Werk ein wenig kennt, weiß um ihre Affinität zur Kunst und zur Geschichte. Ihre Biographie über Christina von Schweden ist so detailreich, das sich kaum ein anderer je wieder an dieses Thema wagen kann. Auch über Paula Moderssohn-Becker hat Charlotte Ueckert eine Biographie geschrieben – und Worpswede gehört schlussendlich mit zum Reiseplan der Autorin. Ein kleines Dorf mit einer lebhaften Künstlerkolonie, zu der auch eben genannte Moderssohn-Becker und ihr Mann gehörten, hat es ihr wirklich angetan.

Diese Reiseimpressionen strotzen vor Informationen, sind im Gegenzug aber auch sehr persönlich. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Buch an die Hand, das er auf eigenen Reisen im und durch den Norden immer wieder hervorholen wird und in eine ereignisreiche Welt eintauchen kann.

Nordseeküste Schleswig-Holstein

Es ist ein Leichtes in schweren Zeiten, bei der Reiseplanung mal eben nicht über den Tellerrand zu blicken. So mag es manchem ergehen, der vorhatte den Sommer 2020 in bella italia oder dem quirligen Marrakesch zu verbringen oder in Stadtabenteuer von Lissabon bis Berlin einzutauchen. So wird es eben die Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Was kein „Abstieg“ bedeutet – im Gegenteil, wenn man dem Autor Dieter Katz folgt und in seinem Reiseband diese Gegend Deutschlands bis ins kleinste Detail erforscht.

Denn Weltspitze-Erlebnisse kann man auch hier erleben. Zum Beispiel die weltweit am meisten befahrene Wasserstraße. Den Nord-Ostsee-Kanal, international aus Kiel-Canal genannt. Und wer vom einem ans andere Ufer will, nutzt die vierzehn Fähren. Und die sind allesamt kostenfrei. Das wurde vor 125 Jahren – juhu ein Jubiläum – vom Kaiser persönlich so verfügt. Auch in Brunsbüttel, der geteilten Stadt am westlichen Ende bzw. dem Anfang des Wasserweges, kann man innerorts kostenlos parken. Man stelle sich dies in einer Metropole wie Rom vor…

Ob das idyllische Dithmarschen, wo Radfahrer die Szenerie mehr bestimmen als anderswo, oder das zu Dreiviertel vom Wasser umgebene Eiderstedt –keine Stadt, sondern ein Landstrich – oder die zahlreichen Inseln, die Nordseeküste ist seit sehr langer Zeit ein Anziehungspunkt für  zahllose Erholungssuchende.

Sylt ist sicherlich die bekannteste, und berüchtigste Insel. Teuer und unfassbar schön. Dennoch stehen Föhr und Pellworm ihr sicher in Nichts nach. In Sachen Ruhe und Erholung haben sie sicher einen entscheidenden Vorteil. Wie gemalt für Familien. Und fernab vom klischeehaften Schickimicki-Gehabe der Promi-Insel. Dieter Katz darf für sich in Anspruch nehmen, dass der Urlaub hier nicht erst bei der Anreise beginnt, sondern schon beim ersten Durchblättern dieses umfangreichen und informativen Reisebandes. Von Pharisäern (den originalen bis hin zum Getränke, die ja auch zusammengehören) über Weinanbau (ja, Föhr und Sylt sind nicht nur Krabbenregionen, irgendwie muss man ja auch mal die Kehle ölen bei so viel salzhaltiger Luft) bis hin zu einer Rebellensteuer weiß der Autor neben den zahlreichen Ausflugstipps – wie dem obligatorischen Wattwandern – auch so manche Anekdote zu erzählen.

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins wird dank dieses Buches einen Ansturm von wissbegierigen Besuchern erleben. Die Träume von der großen weiten Welt sind aufgeschoben, für viele sind sie aufgehoben. Und die meisten wird dieser Urlaub vielleicht der Anfang eines neuen andauernden Traumes werden.

Mitten im August

Alles richtig gemacht, und trotzdem gibt’s ein Donnerwetter vom Chef. Eben noch erntete Enrico Rizzi zusammen mit seinem Vater Pfirsiche, nahm den alten Cinquecento unter die Lupe und schon rauscht die Hand von Ispettore Lombardi auf den Tisch. Ein Toter auf Capri, mitten im August! Den hätte doch die Küstenpolizei mit nach Neapel nehmen können. Dann wäre hier nicht so ein Aufruhr. Und dass ihm Antonia Cirillo zur Seite stehen soll, findet Enrico auch nicht gerade prickelnd. Sie wurde hierher versetzt. Warum, weiß keiner. Sie ist die Neue, die Fremde. Das weiß sie, das spürt sie. Und Enrico? Ordnungshüter am schönsten Platz der Welt – und nun das! Ein Mord! Straßenmusiker, der oft mit seiner Freundin stand, musizierte und den vielen bemerkten, der aber niemandem auffiel.

Jack Milani – so heißt der junge Mann, der mit fünf Messerstichen am Strand von Capri tot aufgefunden wurde – stammt aus dem Piemont und hatte hier im Haus seiner Familie gewohnt. Also doch ein Fall für die Polizei auf Capri. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Für die einen war der charmante Straßenmusiker, für andere ein sturer Hund, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Er interessierte und setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein. Die Methoden, die er dabei bevorzugte, waren aber nicht immer die geeigneten Mittel. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, das war sein Elixier.

Was Enrico Rizzi und seinen Kollegen, allen voran Antonia Cirelli, Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass Jack immer mit Sofia zusammen gesehen wurde. Doch die ist wie vom Erdboden verschwunden. Auf so einer kleinen Insel dürfte es doch kein Problem sein jemanden wie Sofia ausfindig zu machen. Denn sie ist die Verdächtige Nummer Eins. Nummer Zwei ist sicher ein Mitarbeiter des Meeresbiologischen Instituts, dem Jack seine hanebüchene Idee den CO2-Ausstoß des Meeres mit einer Chemikalie zu verringern (die Folgen sind nicht absehbar) vehement vorgeschlagen hat. Es gibt aber noch weitere Verdächtige…

Luca Ventura siedelt seinen Ermittler, der gern gärtnert und auf den ersten Blick so gar nicht wie ein Polizist wirkt, auf einer paradiesischen Insel an. Die Postkartenidylle steht hier aber nicht im Vordergrund. Das wird eh schon viel zu viel von Besuchern überprüft. Es geht vielmehr darum dieses Idyll zu beschützen und weiterem Verfall vorzubeugen. Capri ist gerade in den Sommermonaten derart überfüllt, dass an Erholung kaum noch zu denken ist. Die Neue im Team verspricht für die Fortsetzungen für Überraschungen sorgen zu können. Sie hat ein kleines Geheimnis, das am Ende des Buches nur andeutungsweise zur Sprache kommt.

Die Schiffbrüchige

Es gibt sicherlich Wichtigeres in einem tödlichen Sturm Fremden aus seinem Leben zu erzählen. Dennoch ergreift Anguille die Gelegenheit und redet sich in einen Rausch ohne Punkt, dafür aber mit umso mehr Kommas. Anguille, dieser ungewöhnliche Name hat sie von ihrem Papa bekommen. Er bedeutet Aal. Als Fischer stand für ihn ab dem Moment, in dem er von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, fest, dass sein Nachwuchs einmal so heißen wird. Dass es Zwillinge werden, konnte keiner ahnen. Auch dass sich beide Schwestern so unterschiedlich entwickeln werden, stand in den Sternen. Connaît-Tout, ihr Vater – auch sein Name hat eine tiefschürfende Bedeutung: Rechthaber – schaut oft in die Sterne. So weiß er wie am nächsten Tag das Wetter wird. Für einen Fischer fast wichtiger als der Ruf des Muezzin.

Ali Zamir zeigt in seinem preisgekrönten Erstling „Die Schiffbrüchige“ dem Leser seine Welt, seine Heimat, die Komoren. Die kleine Insel im Indischen Ozean findet so gut wie gar nicht in der breiten Öffentlichkeit statt. Vielleicht mal als Frage in einer Quizshow oder als mutiges Neugier-Mach-Stück in einem Auslandsmagazin. Hier rumort es seit Jahren. Die Komoren beanspruchen die Insel La Mayotte, die ein Überseedepartement Frankreichs ist. Politisch gehört es also zu Europa, zur EU, was besonders unter denen, die nichts mehr zu verlieren haben, für Begehrlichkeiten sorgt.

Die abgedroschene (und vor allem blödsinnige) Floskel von den Armen, die trotz alledem das Leben genießen und feiern, trifft hier schon lange nicht mehr zu. Gefeiert wird, wenn man feiern will. Gekämpft wird, weil man kämpfen muss … ohne Uhr und ohne Kalender.

Erste Liebe, die erste Zigarette, jugendliche Frotzeleien und ungestüme Annäherungsversuche gehören hier genauso zum Alltag wie das Scheitern darin. Es ist die durchgehend poetische Sprache – die phantasiereiche Namensgebung ist da nur ein Bruchteil des Ganzen – die diesen Roman zu einem echten Pageturner macht. Das anhaltend hohe Tempo lässt den Leser mit der Schiffbrüchigen – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – mitfiebern. Die Wogen der Emotionen sind von den Wellen des Sturmes eingerahmt. Die Umstände, die zu dieser einzigartigen Schau-In-Meine-Welt-Geschichte führen, sind dramatisch. Dennoch blühen diese Erinnerungen einer Frau, die im Ozean mit dem Leben ringt, wie ein Blüte so wie die Gischt auf den Kronen der Wellen.

Golf von Neapel: Ischia, Sorrent, Capri, Amalfi

Es ist noch gar nicht so lange her, dass – wenn man es zuspitzt – Neapel für viele Touristen als so genannte „No-Go-Area“ galt. Also ein Gebiet, das man lieber nicht betritt. Straßenraub am Tage, Müllberge, die zum Himmel stanken – so sah Neapel in den Köpfen vieler aus. Doch mittlerweile mausert sich die Perle am Vesuv zu dem, was sie wirklich ist: Eine Stadt voller vollgestopft mit Geschichte und Kultur. Hier wurde die Pizza Margherita erfunden, hier herrschten Könige aus aller Welt, hier kickte der Goldjunge Maradona. Dessen Verehrung übertrifft mancherorts sogar die echter Heiliger.

Heute ist Neapel aber auch der Ausgangspunkt für viele, die der Quelle von bella italia näherkommen wollen. Es ist nur ein Katzensprung bzw. eine kurze Bootsfahrt bis Capri, Ischia liegt in Spuckweite, und die Küste amalfitanische Küste mit den märchenhaften Orten Positano und der Landspitze bei Sorrent sind ebenso schnell wie leicht zu erreichen. Limoncello schlürfen, den Vesuv beim Schlafen zuschauen und im quirligen Neapel durch pittoreske Gassen schlendern – hier lässt man es sich gutgehen.

Das und noch vieles mehr weiß auch Autor Andreas Haller. Vom Ein-Tages-Trip durch die Stadt am Vesuv bis zu ausgedehnten Wanderungen zu und in den Phlegräischen Feldern präsentiert er die ganze Vielfalt dieser Region. Wie in einem nervenaufreibenden Krimi liest man von einem Furore-Fjord, bestaunt moderne Kunst, die in die antike Umgebung passt wie ein Kleinkind zu seiner Mutter und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn man auf den über vierhundert Seiten unzählige Möglichkeiten findet wandernd, genießend und unterhaltend die schönste Zeit des Jahres zu verbringen. Wetter, Menschen und Landschaft meinen es gut mit Einwohnern und Besuchern.

Das Freshup der Reisebände aus dem Michael-Müller-Verlag macht es noch schwerer den Reiseband im Rucksack zu lassen. Immer wieder holt man ihn raus und braucht nicht einmal mehrere Finger einer Hand, um die zahlreichen Tipps im Auge zu behalten. Hier verheißen schon die Ortsnamen wohliges Erschauern. Salerno ist nicht erst seit gestern so ein Ort. Nicht selten wurde man aber enttäuscht. Eine einfallslose Architektur und die Umgebung waren nicht unbedingt das, was man Touristen als Erstes vor die Nase setzen will. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Ein schmuckes Städtchen putzt sich mittlerweile 365 Tage (2020 sogar 366 Tage) im Jahr heraus, um mit ihren Reizen nicht zu geizen. Andreas Haller will da in nichts nachstehen und gibt einer ganzen Region den verdienten Reisebuchrespekt, den sie verdient. Er weiß ganz genau, was, wann und wie bereist werden kann und sollte. Die eindrucksvollen Bilder – übrigens allesamt mit azurblauem Himmel, da muss ja was dran sein – sind nicht nur Beiwerk, sondern Botschafter der Region und Aushängeschild eines der beeindruckendsten Reisebücher des in Tourismusfragen versierten Italiens. Dieser Reiseband eignet sich auch ideal als Bettlektüre – süße Träume garantiert.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.