Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Lesereise Malta

Malta ist nicht groß. Stundenlange Ausflüge enden unweigerlich am Meer. Viel Fels, viel Sonne. … Und viel zu erkunden. Carola Hoffmeister hat das Abenteuer Malta auf sich genommen und eine Insel entdeckt, die ihre Pracht bei genauerem Hinsehen wie selbstverständlich präsentiert.

Viele Herrscher hatten sich hier eine neue Heimat schaffen wollen. Araber, Römer, Normannen, Franzosen, Engländer. Jeder hinterließ etwas. Und von allem ist noch etwas zu sehen. Eine wahrhaft europäische Insel mit darüber hinausgehendem internationalem Flair. Mehr aus Pflicht denn aus eigenem Antrieb besucht die Autorin auch Filmsets. Malta ist das Filmset Hollywoods. Troja, Game of thrones, Popeye, Der Da Vinci Code sind nur ein paar der Filme, die hier teilweise gedreht wurden. Als Guide fungiert einer, der es wissen muss. Als Statist stand er neben Angelina Jolie oder Brad Pitt vor der Kamera.

Gehaltvoller ist da schon ein Besuch bei einer Köchin, die als Autorin schon Preise absahnte. Ihr in die Kochtöpfe schauen zu dürfen ist für Carola Hoffmeister mindestens genauso spannend wie der Besuch in Mdina. Das war bis 1566 die Hauptstadt der Insel. Seitdem ist es La Valletta, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und am Meer liegt und deswegen wohl auch eher als Hauptstadt fungieren kann. Der Ausblick ist einfach schöner… So ganz nebenbei: La Valletta ist 2018 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch zurück nach Mdina, die auch Stadt der Stille genannt wird. Vierhundert Einwohner sorgen dafür, dass diese Stille nicht getrübt wird. Motorenlärm? Fehlanzeige! Nur wer hier wohnt, darf es brummen lassen. Ansonsten ist mal Pferdegetrappel zu hören oder vielleicht ein Hüsteln oder ein Schniefen. Ruhe und Malta – das passt irgendwie zusammen.

Kontrastprogramm Playmobil. Nein, Malta ist schon größer als der Plastik-Spielplatz aus dem Fränkischen. Aber hier werden auch die beliebten Spielfiguren hergestellt. Das Granulat dafür fließt mit rasanter Geschwindigkeit durch Alurohre – wenn Rabat nicht schon die lärmende Schwester von Mdina wäre, würde man sie in der Fabrik vermuten.

Doch Malta ist nicht nur Malta. Drei Inseln gehören zu dem, was allgemein als Malta bezeichnet wird. Malta selbst sowie die kleinen Inselchen Gozo und Comino. Es wird nur eine kurze Stippvisite auf Comino. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Carola Hoffmeister zieht die ruhige Alternative Gozo vor. Ein Hotel zu finden auf Gozo – unmöglich. Zumindest, wenn man Hotel mit Bettenburg gleichsetzt. Die gibt es hier nämlich gar nicht. Dafür ein reichliches Dutzend Dörfer. Und da hat die Autorin einen besonderen Antrieb für sich ausgemacht: In jedem Dorf einmal dinieren. Auch ein Art den Urlaub zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Dieses Buch ist auch etwas ganz besonderes. Mit gelassener Neugier erkundet Carola Hoffmeister ein Inseltriple, das nicht nur auf dem Papier gerade zu fürs Erkunden geschaffen wurde. Überreste aus mehreren Jahrtausenden laden echte Abenteurer ein Geheimnisse zu entlocken. Dass das Paradies sich hier nicht befindet, haben die negativen Nachrichten der vergangenen Monate bewiesen. Ausblenden sollte man diese nicht. Doch darüber hinaus muss man der Insel die Chance geben sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und mit den durchaus misstrauischen Insulanern ins Gespräch zu kommen. Dieses Buch ist dafür mehr als ein erster Schritt.

Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Exil unter Palmen

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur.

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen.

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht.

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.

500 hidden secrets Lissabon

Wo Licht und Schatten aufeinanderprallen, bleibt so manches im Verborgenen. Die Hauptstadt Portugals ist in der vorteilhaften Lage dem Besucher das volle Programm bieten zu können: Meer und Berge, Sonne und Schatten, heiße Temperaturen, ein Kulturangebot, das auf Jahrhunderten fußt. Und trotzdem wird man es als Tourist niemals schaffen, alles – wirklich alles – bei einem Besuch sich anschauen zu können.

Ein Reiseband tut Not. Und wenn er so kompakt in der Hand liegt wie dieser, ist er ein willkommener Stichwortgeber in der Stadt am Tejo. Moderne Architektur wie der Pavilhão de Portugal trifft auf Baukunst des 16. Jahrhunderts wie den Torre de Belém. Lissabon lässt sich gern zu Fuß erkunden – das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist sowieso eher was für Nerds.

Und während man so vor sich hinschlendert, ist man in einer Zwickmühle. Zum Einen muss man die Augen offenhalten. Es gibt so viel zu sehen. Der Titel des Buches verrät es schon: Hier sind fünfhundert Geheimnisse versteckt. Das heißt, dass man sie suchen muss. Zumindest aber die Augen nicht schließen darf. Zum Anderen will man aber auch nichts verpassen. Innehalten, ein wenig im Buch blättern und weiter geht’s.

Pastéis de Nata, diese leckeren Teilchen, die einen jedwedes Heimweh runterschlucken lassen, gibt es hier und da im Stadtgebiet. Die leckersten fünf Anlaufstellen findet man in diesem Buch. Wem immer dann immer noch der Sinn nach lukullischen Einkaufserlebnissen steht, muss ein paar Seiten weiterblättern. Mercados soweit das Auge reicht. Auch hier wieder: Die Top Five der Märkte.

Einhundert Kapitel á fünf Tipps zum Einkaufen, sich typisch portugiesisch verköstigen lassen, Tipps zum Sporttreiben, Dingen, die man mit Kindern unternehmen kann und vieles andere mehr, geben einen Überblick über eine Stadt, die eben mehr ist als „nur die Hauptstadt Portugals“. Ob man sie nun als Hotspot oder Place to be bezeichnen will, die Tipps sind kleine Appetithappen, die man ohne Reue genießen kann. Kurz und knackig, ohne viel Schnickschnack wird man verführt Lissabon auf eigene Faust zu erkunden. Das richtige Faustpfand hält man bereits in den Händen.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Süße Zitronen und bittere Lieder

Was war das einfach, vor ein paar Jahren. Der EU ging‘s schlecht und Griechenland war schuld. Die Griechen! Und so überschlugen sich die Schlagzeilen-Schreiber auf beiden Seiten mit perfiden Vergleichen, die die ohnehin aufgeheizte Stimmung noch weiter befeuerten. Und die Banken in Griechenland – wem auch immer die gehören – wurden mit Krediten überhäuft. Da sollte helfen. Das ist in etwa so wie es in Filmen oft abläuft: Erst die Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sich auf die scheinbar hoffnungslose Verfolgungsjagd macht. Sieht nett aus, ist aber ohne Wirkung.

Mittlerweile ist die wirtschaftliche Lage nicht minder angespannt, dennoch ist das Bild Griechenlands nicht mehr so präsent. Stamm- und Pausentische diskutieren immer noch unter der Gürtellinie, aber die Touristen kehren wieder zurück an die Sonnenplätze des Mittelmeeres.

Caroline Wenzel hat sich – und das liest man eindeutig aus ihren Zeilen heraus – nie am allgemeinen Griechenland-Bashing beteiligt. Sie sieht Griechenland im Allgemeinen, und die Insel Chios im Speziellen mit anderen Augen. Sie interessiert sich für die Menschen, die nicht davon haben, dass die Banken Milliarden um die Ohren bekommen haben. Sie leben ihr Leben, mit all den Unwegbarkeiten, die das Leben für sie parat hält.

Wie Despina. Sie betreibt eine Taverne. Kochen wie bei Muttern. Sie hängt dieses Attribut allerdings nicht so hoch an, wie manch anderer Landgasthof in finanziell scheinbar sichereren Gefilden. Sie macht es einfach. Obwohl es ihr nicht einfach gemacht wurde. Als sie – eine Frau! – sich anschickt die Taverne zu erwerben, treten sich die Kontrolleure der Behörden gegenseitig auf die Füße. Doch statt Despina von selbigen zu holen, stolpern sie alle. Ja, die Frauen von Mestá sind stärker als der Ruf Griechenlands.

Marianthí ist um einiges älter als Despina. Sie hat mehr gesehen als es für sie gut war. Doch den Blick für das Wesentliche konnten weder Diktaturen noch Behörden verschleiern. Bis ins hohe Alter singt sie immer noch inbrünstig auf dem Markt. Bitter sind die Lieder. Das waren sie schon immer. Doch der süße Geschmack der Zitronen – ja, Zitronen schmecken süß – schlägt so manche Bitterkeit in die Flucht.

„Süße Zitronen und bittere Lieder“ ist das Reisebuch, das einen ereignisreichen Abend in einer Taverne, bei Despina vielleicht?, gedankenverloren ausklingen lassen kann. Die Weinblätter sollen ja außergewöhnlich sein. Caroline Wenzel widmet dieses Buch den Frauen des Dorfes im Südwesten der Insel. Ihr erlaubten die, die immer schon hier lebten, die die Insel formten und prägten den Einblick, der nicht durch eine Sonnenbrille verdunkelt ist.

Lissabon und Costa de Lisboa

Lissabon ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aussteigermetropole am südwestlichen Rand Europas. Auch diese Zeiten sind vorbei. Doch Lissabon hat sich den Charme des Andersseins bewahrt. Ein kleiner Likör um die Ecke ist immer noch drin. Eine Fahrstuhlfahrt von Unterstadt zur Oberstadt ebenso. Macht man automatisch, wenn man in Lissabon ein, zwei Tage oder länger verbringt.

Apropos ein bisschen länger in Lissabon verweilen. Im Gegensatz zu den wuchtigen Hauptstädten Europas wie Paris, London oder Rom ist Portugal Capitole doch recht übersichtlich. Oberflächlich betrachtet tut man sich schwer mehr als eine Woche in der Stadt am Tejo zu verplanen. Wie gesagt, oberflächlich betrachtet. Doch Johannes Beck nimmt sich über fünfhundert Seiten Zeit diese These informativ und detailgenau zu widerlegen. Denn Lissabon ist nicht nur Lissabon, sondern auch der genüssliche Speckgürtel bestehend aus Cascais, Estoril, Sintra, Ericeira, Sesimbra und Setúbal. Noch nie gehört? Dann wird es Zeit diese Orte zu bereisen, zumindest aber in diesem Buch zu blättern, zu planen und vorab schon mal ein wenig zu träumen.

Schnell die Fakten: Zwölf Touren, vierzehn Wanderungen, sechzig Karten und Pläne. Und schon kann man eintauchen in die Welt von Lissabon und der sie umgebenden Costa de Lisboa. Am besten beginnt man am Ende des Buches. Ein kleiner Einführungskurs ins Portugiesische. Denn die Sprache erstmal gewöhnungsbedürftig. Wer ein paar kleine Grundlagen beherrscht, liest das Buch mit ganz anderen Augen. Der Klang der Vokale und Konsonanten wirkt Wunder bei Unentschlossenen.

Ein Vierteljahrhundert Erfahrung und Zuneigung fasst Johannes Beck in diesem Reiseband zusammen. Die achte Auflage wirkt wie eine Frischzellenkur. Jedes Kapitel wurde noch einmal überarbeitet und um nützliche Tipps ergänzt, bzw. wurden diese aktualisiert. Jede Tour wird mit einem Appetizer angekündigt, der das Verlangen nach den folgenden Seiten steigert. So weiß man gleich, was einen erwartet. Die kurzen Abschnitte erlauben dem Leser sich einen Überblick zu verschaffen und mindern nicht im Geringsten die Lust das Gelesene selbst zu erforschen. Auch wenn es mal komplizierter werden sollte. Wer die Halbinsel Setúbal im Süden besuchen will, muss sich erstmal durch den Tarifdschungel der öffentlichen Verkehrsmittel kämpfen. Johannes Beck schlägt schon mal die ersten Schneisen ins Dickicht der weißen und grünen Karten, mal wiederaufladbar, mehrmals aktivierbar oder nicht. Solche Tipps sind die wahren Fundgruben eines Reisebandes wie diesem. Denn dann kann man sich auf das konzentrieren, was wirklich sehenswert ist. Alcochete, ein Paradies, um Vögel zu beobachten. Oder Almada mit der weithin sichtbaren Christusstaute. Oder einem erholsamen Strandtag an der Costa da Caparica, wo ca. dreißig saubere Sandstrände auf Erholungssuchende warten. Oder im Westen Lissabons das kleine Örtchen Caxais (wie das ausgesprochen wird, weiß man ja schon, wenn man das Buch am Ende begonnen hat), das mit zahlreichen hübschen Gärten verzaubern wird.

Man kann das Buch drehen und wenden wie man will, es wird immer ein brauchbarer Tipp herauspurzeln. Kleine Anekdoten oder fundiertes Hintergrundwissen auf gelbem Grund weist den Besucher der Region um Lissabon bald schon als Kenner aus. Die beiliegende Karte der Region inkl. Stadtplan Lissabons sind dann noch die einzigen Erkennungsmerkmale, die den Leser als Besucher kenntlich machen.

101 Kopenhagen

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kopenhagen schickt sich an ein Reise-Hot-Spot erster Klasse zu werden. Immer mehr Artikel in Magazinen, Fernsehbeiträge und Reisebücher beschäftigen sich mit der dänischen Hauptstadt. Und dass immer noch, immer wieder die Filme der Olsenbande gezeigt werden, trägt sicherlich auch dazu bei die Stadt am Øresund begehrenswerter zu machen. Schon seit Jahren gelten die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Welt. Wie man das exakt messen will, bleibt schleierhaft. Doch zufrieden sind die Dänen. Und diese entspannte Atmosphäre, die nur jemand ausstrahlen kann, der wirklich zufrieden ist, spürt man in der ganzen Stadt.

Zufrieden wird auch der Leser dieses Buches sein. Einhundertundeins Sehenswürdigkeiten, Plätze zum Entspannen und Staunen … es sind weitaus mehr als die angeführten einhundertundeins. Es sind einhundertundeins Ausgangspunkte, um Kopenhagen tiefgreifend zu erkunden. Beginnt man das Buch von hinten, schwelgt man schon beim Stichwortverzeichnis in Erinnerungen, die man nach der Reise pflegen wird. Cafés und die Carlsberg-Brauerei, Roskilde, das bei Festivalfans besondere Erinnerungen hervorrufen wird, und Rundetårn, Smørrebrød und Den Blå Planet lassen einen ganz „hyggelig“ werden. Hyggelig bezeichnet dieses spezielle Zufriedenheitsgefühl der Dänen, das sich so schwer übersetzen lässt. Einfach hinfahren, es sich anschauen und einen großen Teil mit nach Hause nehmen.

Kopenhagen ist von Deutschland aus nun wirklich sehr leicht und vor allem schnell zu erreichen. Für einen Kurztrip wie gemacht. Hat man sich das Buch schon vorher einmal durchgelesen, wird man aber rasch zu der Erkenntnis kommen, dass ein Kurztrip genau das Falsche ist, um Kopenhagen zu entdecken. Die Zeit ist einfach zu kurz! Also mehrmals hierher kommen!

Ulrich Quack und Dirk Kruse-Etzbach haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, sinnbildlich, um dem Leser eine Stadt näherzubringen, die bisher in einem Dornröschenschlaf verfallen schien. Ja, die Meerjungfrau kennt jeder – sollte man auch mindestens einmal im Leben gesehen haben. Aber dann geht es auch schon los, das andere, vielleicht noch unbekannte Kopenhagen unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Rad ein besonderes Erlebnis. Besonders fahrradfreundlich, besonders aber fahrradfahrerfreundlich ist die Stadt. Seit über einem halben Jahrhundert gehören Radwege zum Verkehrskonzept der Stadtplaner. Die Massen an Pedalrittern fallen schon gar nicht mehr auf. Kødbyen ist ein Stadtteil, der erst in der jüngeren Vergangenheit sich zu einem lebenswerten Flecken aufgeschwungen hat. Restaurants locken heute mit moderner Küche wo einst das Vieh seinem jähen Ende entgegensehen musste. Und wer im Sommer in der Stadt weilt, wird auf dem Streetfoodmarket auf dem Flæsketorvet erleben können, was Fingerfood im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet. Auch einen kleinen Stadtrundgang auf den Spuren skandinavischen Designs halten die beiden Autoren parat. Nach so vielen Eindrücken und leckerem Essen, empfiehlt sich eine ruhigere Alternative. Vielleicht mit einem Besuch bei Hans Christian Andersen oder Asta Nielsen? Die Friedhöfe der Stadt sind eine willkommene Abwechslung.

Quirlig und zurückgenommen zeigt sich die dänische Hauptstadt. Großstädtisch, ohne großspurig zu sein ist sie das ideale Reiseziel für ein paar Tage oder einen kompletten Urlaub mit Familie oder allein. Auf alle Fälle bietet dieses Buch den kompletten Service, den man braucht, um Kopenhagen erkunden zu können.

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.