Archiv der Kategorie: Literally Britain

Thomas & Mary

Ein Roman für die ganze Familie. Für die zerbrechende Familie? Für die heile Familie? Für Sie. Für ihn. Tim Parks schickt seine Leser auf einen Seelenstriptease, der von außen gesehen und gesteuert wird. Denn Thomas und Mary erkennen viel zu spät, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Und wenn doch, dann sind es Strohfeuer, die eher einer Reminiszenz an die „gute, alte Zeit“ gleichen.

Scheidungsromane sind meistens für Frauen geschrieben – Achtung Vorurteil! Männer kommen in der Regel ganz schlecht weg. Und sind einmal die Frauen schuld, dann auch zurecht. Tim Parks lässt von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass hier zwei Schuldige auf der literarischen Anklagebank sitzen: Jeder hat schon mal in seiner Firma einen Vorgesetzten gehabt, der allzu gern mit dem Handrücken der einen Hand permanent und lautstark in die hohle Handinnenfläche schlagend die – meist richtige – Aufforderung hinausposaunt: „Kommunikation!“. Meist sind es die, die immer davon ausgehen, dass alle wissen sollten, was zu tun und zu lassen ist. Da kann man sich als Chef hinterher viel besser aufregen, wenn es mal nicht so ist… Thomas und Mary sind diejenigen, die wissen sollten, was geht und was nicht geht. Kleine Aufmerksamkeiten für den Anderen gibt es schon lange nicht mehr. Haus, Kinder (je eines von jedem Geschlecht), Hund, Job. Alles da, was man braucht um zufrieden zu sein. Materiell mag das stimmen. Doch eine Ehe, ein Zusammenleben fußt doch nicht auf materiellen Dingen!

Wenn dann allerdings bei der Arbeit auch noch alles aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Ärger im Privaten vorprogrammiert. Besonders, wenn Kollegen einem richtig ans Herz bzw. in Thomas‘ Fall an die Hose gewachsen sind. Er hat eine Affäre. Ist er doch an allem schuld?

Das unaufgeregte Sezieren des langsamen Zerfalls von Thomas & Mary in Thomas und Mary ist eine Kunst, die Tim Parks vortrefflich beherrscht. Man kann keinem der beiden einen echten Vorwurf machen. Mit geschlossenen Augen entfliehen beide gleichermaßen der Realität, nicht um ins Unglück zu stürzen, sondern festzustellen, dass in der Langsamkeit eine gewisse Art Lösung ihrer Probleme steckt. Mary wie Thomas handeln nicht übereilt. Weder Lügenberge noch entwaffnende Ehrlichkeit verletzen den jeweils anderen. Ihre Kinder Mark und Sally haben schon längst vor ihren Erzeugern bemerkt, dass die Ehe nur noch auf dem Papier besteht. Doch es ist nicht ihre Aufgabe die Brüche zu kitten. Das sollen die Eltern mal selber machen! Sofern sie es denn wollen…

Mann im Zoo

Ein Besuch im Zoo bewegt, regt an, macht etwas mit einem. Das ist unbestritten, vor allem für diejenigen, deren Kinder sich von nun an Tiere im Haushalt wünschen. Kinder sind so leicht zu beeinflussen, sind so schnell vereinnehmbar für neue Ideen. Kinder? Nur Kinder?

John Cromartie ist mit seiner Liebsten Josephine Lackett auch zu Besuch im Zoo. Die Stimmung ist etwas gedrückt, weil er ihr etwas zu altmodisch, zu fordernd, so besitzergreifend ist. Er kann das natürlich überhaupt nicht verstehen. Schließlich ist er der Herr. Und während sie so an Affen, Wölfen, Dingos und allerlei anderem Getier vorbeischlendern, ziehen dunkle Wolken am Firmament der Zweisamkeit auf. In Josephines Augen wird John immer animalischer, nicht im guten Sinn.

Alles ganz normal bis hierhin. Ein Paar im Zoo im gesunden Streitgespräch. Doch John Cromartie treibt es – aus Boshaftigkeit, aus falsch verstandenem Ehrgefühl, aus überzogenem Rollenverständnis? – auf die Spitze. Er will, wo er doch schon mal hier ist, Teil der Exponate sein. Die Zoologische Gesellschaft, die den Zoo ihr Eigen nennt, findet er großartig. Wo findet man auf so kompaktem Raum diese geballte Vielfalt der Fauna? Nur ein Exemplar vermisst der junge Mann, den homo sapiens. Er selbst, 27 Jahre, einsachtzig hoch, und knapp anderthalb Zentner schwer, schottischer Abstammung, würde sich gern zur Verfügung stellen. Ja, John Cromartie will als Mann im Zoo …

Der erste Big-Brother-Roman der Welt. Ein Mann geht in den Zoo, wird angegafft, nur mit dem Unterschied, dass der Zuschauer dem Objekt der Begierde gegenübersteht. So wie Josephine ihrem John. Doch der muss sich erst einmal in der neuen Rolle zurechtfinden, es sich überhaupt erstmal eingestehen, dass er sich in einer völlig neuen, unbekannten Situation befindet. Schadet es der Liebe der beiden oder macht die Verrücktheit Johns beide stärker?

„Mann im Zoo“ ist es ein (sa)tierisches Lesevergnügen. Immer wieder blättert man einige Seiten zurück, um sich noch einmal vom Ideenreichtum des Autors berieseln zu lassen. David Garnett ist der Meister des human-animalischen Genres. Gern schubst er seine Helden in die Tierwelt. Und der Zuschauer bzw. Leser erlebt hautnah (fellnah?) wie man sich als Mensch in der Fauna fühlt. Trennung als Chance für Gemeinsamkeit? John und Josephine lieben sich – das versichern sie sich, vielleicht zu oft, verbal. Was passiert, wenn man sich nicht mehr necken kann? Physische Barrieren die Verbindung stören? John und Josephine wagen das Experiment. Der Zoo hat eine Attraktion mehr. Wer wird wohl gewinnen? Wird und muss es überhaupt einen Gewinner geben?

Tom Ripley

Im Jahr 1955 betrat einer der anziehendsten Gauner die literarische Bühne: Tom Ripley. Fünf Romane schrieb Patricia Highsmith über ihren cleveren Betrüger und Mörder, gab ihm aber auch Kunstgeschmack und verstand mit an die Hand. Zahlreiche Verfilmungen, unter anderem mit Alain Delon, Matt Damon, Philip Seymour Hoffman und Cate Blanchett in tragenden Rollen, trugen dazu bei, dass er auch sechzig Jahre nach seiner Geburt immer noch für Furore bei den Lesern sorgt. Der Diogenes-Verlag setzt diesem Mann ein weiteres Denkmal. Die Romane „Der talentierte Mr. Ripley“, „Ripley Under Ground“, „Ripley’s Game“, „Der Junger, der Ripley folgte“ und „Ripley Under Water“ sind in einer geschmackvollen Sonderedition in einer Geschenkkassette erschienen. Ein Muss für Krimifans – ein ideales Geschenk für alle, denen verschlungene Pfade als Reiseroute willkommen sind.

 

Der talentierte Mr. Ripley

Raus aus New York. Weg von den Schwindeleien des alter ego George McAlpin und den dürftigen Einnahmen. Ab nach Europa! Italien, Süditalien! Mongibello! Und das Beste ist: Fürstlich entlohnt! Tom Ripley hat es geschafft! Er soll Dickie Greenleaf zurückholen. Zurück in die Heimat. Seine Eltern möchten, dass der Filius die Firma übernimmt und endlich sesshaft wird, dem Lotterleben entsagt. Und Tom soll den renitenten Sprössling genau dazu überreden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als zuzusagen. Schließlich kennt er Dickie ja sooooo gut.

Und Tom trifft Dickie, erzählt von der List des Vaters im fernen New York. Dickie ist nicht sonderlich beeindruckt. Er kennt seine Familie, will sich aber hier im Süden, am Meer selbst verwirklichen. Und eine ruhige Kugel schieben, malen und mit Marge, die enttäuschte Frau an seiner Seite, in den Tag hinein leben.

Tom ist diese Welt fremd. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er von der Hand in den Mund. Die monatlichen Schecks von Tante Dottie reichen hinten und vorne nicht. Und nun dieser Lebensentwurf! Keine Regeln, keine Grenzen. Und als Krönung: Keine finanziellen Sorgen. Auch Tom könnte so ein Leben, das Leben von Richard Greenleaf gefallen. Warum also nicht ein Leben als Richard Greenleaf leben? Die Klamotten von Dickie passen schon mal…

Was als Spaß beginnt, wandelt sich nach und nach in ein ernstes Spiel. Toms Passion für das sorgenfreie Leben schlummerte bisher in seinem Herzen. Jetzt ergreift die Idee langsam Besitz von seinem Kopf. Clever war Tom schon immer. Zahlenspiele beherrscht er aus dem Effeff. Parodien sind sein Steckenpferd. Unwiderstehlich reift in ihm reift der Gedanke daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Doch zum Erfolg muss Dickie aus dem Weg geräumt werden. Die erstbeste Möglichkeit – ein gemeinsamer Ausflug nach San Remo – nutzt Tom, um denjenigen aus dem Weg zu schaffen, der das Tor zum Paradies versperrt. Dickie ertrinkt bewusstlos vom Schlag Toms vor der Küste der Blumenriviera.

Eine Rückkehr nach Mongibello ist nun jedoch ausgeschlossen. Denn Marge ist dort und die kennt Dickie, und auch Tom. Rom ist nun das neue Sehnsuchtsziel. Doch auch hier lauert die Gefahr. Und zwar in Person von Freddie Miles. Tom empfindet ihn als abstoßend. Tom hatte Freddie nur kurz mal gesehen und sofort entschieden, dass er ihn nicht mag. Zu aufdringlich, zu überheblich, zu blass.

In Rom gesellt sich noch eine weitere Eigenschaft Freddies hinzu. Er ist gefährlich. Gefährlich für Tom. Denn Freddie wittert etwas. Weiß er von dem Mord an Dickie? Nein, aber er vermutet, dass Tom irgendwie involviert ist. Tom muss schnell handeln…

Zwei Morde, zwei Persönlichkeiten, die Polizei, Marge und Dickies Eltern in die Irre geführt – es könnte so schön sein ein unbescholtenes, sorgenfreies Leben zu führen. Doch der Zug ist schon lange für Tom Ripley abgefahren. Seine Spielchen treiben ihn immer mehr in die Enge. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Marges Misstrauen bestärkt auch die Greenleafs dem Verschwinden ihres Sohnes nachzugehen – da bleibt nur die Flucht. Die Flucht nach Venedig. Neue Stadt, neues Glück?

Tom Ripley ist ein komischer Kauz. Man weiß nicht recht, ob man ihn bedauern oder postwendend verteufeln soll. Dass er einen Knacks weg hat, steht außer Zweifel. Dass er hochgradig kriminell ist auch. Und doch fühlt man mit ihm, man tut sich schwer zu akzeptieren, dass er das personifizierte Böse sein soll. Wer Städte wie Rom und Venedig so begierig in sich aufsaugt, kann nicht von Grund auf böse sein.

Mit sorgfältig gewählten Worten schickt Patricia Highsmith ihren Helden auf eine Odyssee der Gefühle durch die beeindruckenden Stadtlandschaften Italiens. Wie eine Schlange windet sich der sehnsüchtige Tom Ripley immer wieder aus kniffligen Situationen heraus, vereinnahmt die Metropolen für sich.

 

Ripley Under Ground

Es ist ein paar Jahre her, dass der Ruf von Tom Ripley – hätte er denn einen zu verteidigen gehabt – stark beschmutzt worden wäre. Dickie Greenleaf ist Geschichte. Und Tom lebt nun an der Seine. Er hat eine gute Partie geheiratet. Heloise Plisson ist die Tochter eines schwerreichen Pharmaunternehmers. Kein Grund sich zur Ruhe zu legen. Tom Ripley hat auch ein ganz einträgliches Unternehmen. Er erhält zehn Prozent von Derwatt Ltd. Das ist natürlich nicht legal. Denn Derwatt gibt es nicht, nicht mehr. Er war Künstler, kam bei einem Unfall vor Griechenland ums Leben. Doch seine Bilder verkauften sich ganz gut. Derwatt war nicht bekannt, so fiel auch niemandem sein Tod auf. Als sich Firmen meldeten und unter dem Namen Derwatt ihre Artikel vermarkten wollten, wurde die Idee geboren: Derwatt ist ein verschrobener Maler. Lebt abgeschieden in einem Dorf in Mexiko. Über eine Galerie in London werden seine Werke exklusiv vertrieben. In Wirklichkeit sind es aber fast alles Fälschungen. Bernard Tufts ist dafür zuständig. Zum Imperium gehören auch eine Kunstschule und – was am einträglichsten ist – eine Immobilienfirma.

Nun will es der Zufall, dass der Sammler Thomas Murchison einige seiner Derwatts miteinander verglichen hat und feststellen musste, dass es Ungereimtheiten in Bezug auf Technik und Farbgebung gibt. Und nun ist dieser Murchison auf dem Weg von New York nach London. In der Galerie stehen alle Kopf. Nur Ripley bewahrt selbigen. Mit der ihm eigenen Coolness will er Murchinson davon überzeugen, dass er – Ripley, geschminkt und maskiert – der verschrobene Eigenbrödler Derwatt ist.

Ein wunderbarer Einstieg in einen erstklassigen Krimi. Wald-Und-Wiesen-Autoren würden Ripley nun schnell zur Tat schreiten lassen und damit wären knapp einhundert Seiten voll. Doch Patricia Highsmith hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Viertel ihres spannungsgeladenen Krimis vollendet. Ein Fest für den Leser!

Wer sich auch nur ein wenig in der Kunstszene auskennt, weiß um das Problem von Fälschungen. Schließlich kann die zu zahlende Differenz einen zwei-, sogar dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Mr. Murchison muss also irgendwie beruhigt werden. Noch ist Tom Ripley selbst ganz ruhig. Er trifft den Sammler und bietet an ihm seine Derwatts zu zeigen. Murchison nimmt dankend an. Denn je mehr Derwatts er untersucht, desto früher kann er seinen Derwatt als echt oder unecht deklarieren. Tom weiht aber nicht das ganze Team in seinen Plan. Denn Bernard hat sich still und heimlich mit Murchison getroffen… Denn es kommt wie es kommen musste: Thomas Murchison darf einfach nicht lebend Tom Ripleys Grundstück verlassen.

Ein zweiter Besucher kündigt sich bei Tom Ripley an: Ein Amerikaner. Blond, groß gewachsen, feinfühlig. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Wäre da nicht der Name: Chris Greenleaf!

Tom Ripley sitzt auf einem Angstpendel. Allerdings ein Pendel, das gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Von wem geht die größere Gefahr aus? Von Bernard, weil er die Nerven verlieren und alles verraten könnte? Von Chris, weil er so unverhofft auftaucht? Von Heloise, weil sie, wenn sie hinter seine Machenschaften kommt, ihm die Hölle heiß macht? Oder von der Polizei, weil sie unnachgiebig das Verschwinden von Murchison und Derwatt verfolgt?

 

Ripley’s Game

Das ist ein Leben! Zu Hause in einem herrschaftlichen Anwesen an der Seine, ein treues Weib und ohne finanzielle Sorgen. Tom Ripley geht’s gut. Niemand kann ihn wegen eventueller Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Dickie Greenleaf oder dem rätselhaften Selbstmord von Bernard Tufts etwas anhaben. Er ist und fühlt sich sicher. Und das soll gefälligst auch so bleiben! Deswegen lehnt er auch dankend ab, als sein alter Freund Reeves Minot aus Hamburg ihn um Hilfe bittet. Er braucht jemanden, der den perfekten Mord verübt. Oder gleich zwei. Und vielleicht noch einen Diebstahl. Mehr nicht.

Nein, Tom Ripley sieht Mord eher als letzten Ausweg. So vergnügt er sich derweil auf der Party des Bilderrahmers Jonathan Trevanny. Dort ist auch der Kunsthändler Gauthier und Trevannys bester Freund Alan McNears. Nicht besonders aufregend, aber eine Abwechslung. Aufregend wird es kurz nach der Party als Jonathan Trevanny einen Brief seines besten Freundes erhält, den dieser kurz vor seiner Abreise nach Amerika geschrieben hat. Alan drückt darin sein Bedauern aus, dass es gesundheitlich so schlecht um Jonathan steht. Letzterer ist verwundert. Klar, ihm geht es nicht gut, Leukämie. Aber so schlimm auch nun wieder nicht. Alan gesteht, dass er die Information von Gauthier hat. Seltsam! Gauthier ist sich sichtlich beschämt so über den Geschäftspartner (hin und wieder schanzt er Trevanny einen Kunden zu) geredet zu haben. Damit ist die Sache aus der Welt.

Wer bereits die beiden Vorgängerromane „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Ripley Under Ground“ gelesen hat, weiß, dass es sich bei dieser Sache nicht um einen Zufall handelt. Tom Ripley hat seine Finger im Spiel. Er will Reeves und Jonathan zusammenbringen. Ein fast sechsstelliges Honorar ist eine würdige Entschädigung für seine aufopferungsvollen Bemühungen. Er nennt Reeves Namen und Adresse des möglichen „neuen Geschäftspartner“ und will von nun an nicht mehr damit zu tun haben.

Getarnt als Wister nimmt Reeves Minot Kontakt zu Jonathan Trevanny auf. Er bietet ihm fast eine halbe Million Franc an, wenn er einen, unter Umständen zwei Menschen umbringt – und eventuell noch einen Diebstahl begeht. Wisters / Minots Hauptargument ist die überschaubare Lebenserwartung des möglichen Killers. Trevanny entgegnet, dass es gar nicht so schlecht um ihn stehe. Doch Wister setzt ihm den Floh ins Ohr, dass Dr. Perrier nicht ganz offen zu seinem Patienten war. So was nennt man wohl eine vertrackte Situation. Ein Killer, der nicht mal in die Nähe eines Verdachts kommt, weil er überhaupt keine Verbindung zu den Opfern hat. Die Strafe dafür – würde er dennoch geschnappt werden – übernehme kein Gericht dieser Welt, sondern Mutter Natur selbst. Und man könnte die letzten Tage, Wochen, Monate das Leben in vollen Zügen genießen und trotzdem noch ausreichend Erbe hinterlassen. Je mehr sich Jonathan Trevanny sträubt, desto interessanter klingt das Angebot. Zumal Wister aus Hamburg ist, und das liegt einige Flugstunden und noch mehr Fahrstunden entfernt…

Simone, Jonathans Ehefrau, glaubt ihrem Gatten, dass er wegen einer Untersuchung nach Hamburg fährt. Dass er dort zum Killer wird, wissen nur er selbst und die Auftraggeber. Reeves, der sich nun auch als Reeves Minot zu erkennen gibt, erklärt dem Amateur-Auftragskiller peinlich genau wie alles ablaufen soll. Und siehe da: Jonathan Trevanny ist ein Naturtalent. Alles verläuft reibungslos. Das Opfer ist tot, der Täter entkommt unerkannt.

Leider muss Trevanny erkennen, dass alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit geregelt wurde: Die Geldübergabe. Schließlich stehen ihm nun fast eine halbe Million Franc zu. Reeves druckst rum. Eigentlich sollten ja zwei Leute erschossen werden. Nur so kann ein Bandenkrieg im Hamburger Glücksspielmilieu entfacht werden. Einen Teil könne sofort ausgezahlt werden, fünftausend Franc. Ein Bruchteil! Mehr nicht. Der Rest der Teilsumme wird auf einem Schweizer Nummernkonto deponiert. Und die volle Summe gibt‘s erst, wenn der zweite Mord geschehen ist. Es wird Zeit, dass der Spielleiter ins Geschehen eingreift und Ordnung ins Spiel bring. Tom Ripley will helfen, muss helfen, macht aber alles nur noch schlimmer.

Ein treusorgender Ehemann und Vater, der zum Killer wird – geht das? Meistens nicht gut. Doch Patricia Highsmith lenkt ihre Helden – Ripley und Trevanny – so geschickt durch das Labyrinth der Gauner und Mafiosi, dass der Leser jede Zeile ernst nimmt. Sie geht sogar soweit, dass sie stellenweise den Sympathievorschuss (für Tom Ripley) des Lesers aufs Spiel setzt.

 

Der Junge, der Ripley folgte

Die einstige Souveränität weicht. Ein bisschen schreckhaft erscheint Tom Ripley zu Beginn des Buches. Oder ist es eine intensiver ausgelebte Vorsicht? Grund hätte er allemal. Oder besser: Mehrere Gründe. Schließlich ist er in mehrere Morde verstrickt. Einige hat er selbst begangen, an mindestens einem war er indirekt beteiligt. Andere waren eher zufällig und wurden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Im Café, bei Marie fällt Ripley ein Junge auf. Der scheint ihn zu beobachten. Als Ripley zahlt, zahlt auch der Boy. Und folgt ihm. Spricht ihn an. Bobby Rollins heiße er. Komme aus New York. Und er habe von Mister Ripley in den Zeitungen gelesen. Angriff ist die beste Verteidigung – Tom lädt den Burschen zu sich nach Hause ein. Bobby arbeite in der Nähe, als Gärtner. Und neugierig ist der Kleine. Ein Werbebrief erregt seine Aufmerksamkeit. Darin bitten „Wohltäter“ um eine Spende für vernachlässigte Tiere. Sicher ein Trick, um ahnungslosen Leuten ein paar Franc zu entlocken. Billy will der Sache nachgehen. Tom Ripley ist ein wenig amüsiert ob des Tatendrangs.

Seine Sinne sind geschärft. Irgendwas an dem Jungen ist falsch. Zumindest verdächtig. Ripley ahnt was, ist sich aber nicht sicher. Frank Pierson heißt der Bengel! Sohn eines millionenschweren Unternehmers. Und dessen Sohn hat sich aus dem Staub gemacht. Verschwunden. Ja, Bobby Rollins ist Frank Pierson!

Voller Stolz berichtet Bobby / Frank von seinem Erfolg. Er habe den Gaunern, die mit ihrer Mitleidstour sich ein schönes Leben machen wollen, einen Schreck eingejagt, behauptet er bei einem neuerlichen Essen mit Tom Ripley. Auch dass er in Wirklichkeit Frank heißt und von zu Hause abgehauen ist, gibt er zu. Tom ist abermals beeindruckt ob der Courage. Doch was will Frank wirklich? Was will er von Tom Ripley?

Tom will sehen wie Frank lebt. Er fährt ihn zum Anwesen der Boutins ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Haus wartet ein Wagen mit Pariser Kennzeichen. Als die beiden ihn entdeckten wendet er und rauscht ab. Madame Boutin ist inzwischen wach geworden und steckt Frank, dass heute zwei Männer nach ihm fragten. Tom sieht darin eine gewisse Gefahr für seinen neuen jungen Freund und nimmt ihn großmütig bei sich auf. Heloise soll er aber vorerst als Bobby den neuen Gärtner vorgestellt werden.

Tom beschäftigt sich mit Frank immer mehr, so dass der Junge Vertrauen fasst. Und dann rückt er mit der Wahrheit raus. Er habe seinen Vater umgebracht – die Polizei geht weiterhin von einem Unfall aus, doch die Tat nagt an Frank Piersons Nerven.

Und Ripley? Er versucht sich zur Abwechslung mal als Wohltäter. Fast schon väterlich kümmert er sich um den Ausreißer. Er reist mit ihm nach Berlin, zeigt ihm die geteilte Stadt. Und macht Pläne. Frank solle so schnell wie möglich in die USA zurückreisen, um alles zu klären, seinen Frieden mit der Familie machen. Die hat inzwischen einen Detektiv zusammen mit Johnny, Franks Bruder, nach Europa geschickt, um Frank zu suchen. Doch dann wird Frank vor dem Augen Tom Ripleys entführt! Blitzschnell reagiert Tom und setzt sich mit der Familie und dem Detektiv in Verbindung. Er will die Sache regeln – dank seiner „Kontakte“ kann er schnell Hilfe organisieren. Reeves und seine Kumpane sind endlich mal zu was Gutem nütze. Und der talentierte Tom Ripley kann endlich das tun, was er schon zuvor hätte tun sollen…

 

Ripley Under Water

Da ist es wieder dieses unangenehme Gefühl. Ripley fühlt sich verfolgt. Seit Neuestem treiben sich die Pritchards in Villeperce herum. Hier, wo Tom und Heloise Ripley auf Belle Ombre ihr Leben genießen. David und Janice sind ziemlich aufdringlich, findet er. Er mag sie nicht. Vielleicht sind sie ja hinter ihm her. Privatdetektive oder gar Schlimmeres. Vielleicht aber auch nur Einbildung. Tom und Heloise werden bald verreisen. Nach Tanger, Marokko. Dann ist die Aufregung eh vergessen. Nur noch wenige Tage. Was kann da schon passieren? Na zum Beispiel kann Reeves Minot wieder mal anrufen. Ihn um einen „kleinen Gefallen“ bitten. Ein Päckchen entgegennehmen, es für vier, fünf Tage aufbewahren und dann weiterleiten. Zum Beispiel. Ihm kann Tom nichts abschlagen, auch wenn er seine „Geschäftsbeziehungen“ zu ihm auf ein Minimum begrenzen möchte. Was kann noch passieren? Ach ja, die Pritchards können Tom und Heloise zum Dinner einladen. Gleich am nächsten Tag. Was tun? Langeweile ertragen und Gewissheit erlangen oder in Ruhe mit der Ungewissheit leben? Kompromiss: Tom Ripley geht allein zu den Pritchards.

David Pritchard ist ein vulgärer Typ, dem es Spaß macht die Menschen in seiner Umgebung zu provozieren, zu brüskieren, vor den Kopf zu stoßen. Er stichelt für sein Leben gern. So fragt er unverhohlen Tom, ob er Cynthia kennt. Cynthia, die Freundin von Bernard Tufts, der aus Angst vor dem Geist Ripleys in den Tod sprang und von Tom verbrannt wurde. Auch zu den Greenleafs scheint David Pritchard eine Verbindung zu haben. Ripley muss handeln. Er setzt sich mit London in Verbindung. Dort ist die Galerie, in der die (unter anderem in Ripleys Auftrag) gefälschten Derwatts verkauft werden. Janice Pritchard spielt eine weitere seltsame Rolle. Sie telefoniert heimlich mit Tom Ripley, will ihn treffen. Aus Versehen (oder doch nicht?) gesteht sie dem neugierigen Ripley von Davids Eskapaden. Ab und zu rutsche ihm mal die Hand aus. Und außerdem zeigt er gern Anderen seine Macht. Tom Ripley ist geschickt, er lässt sich keine Angst anmerken, fragt kaum sichtlich nach. Denn er weiß nicht, welches Spiel Janice spielt. Sofern sie es tut.

Erstmal Urlaub – Tanger – die Seele baumeln lassen. Neue Leute treffen. Ha, da hat sich Tom Ripley getäuscht. Denn wird sitzt da an der Bar und macht seine makabren Späßchen? David Pritchard! Jetzt muss Ripley handeln. London ist sein nächstes Ziel. Er muss wissen inwieweit Cynthia in die ganze Sache verstrickt ist. Und er braucht einen Plan. Am besten einen todsicheren…

Seit sechzig Jahren versetzt Patricia Highsmith ihre Leser mit ihrem Tom Ripley in atemberaubende Spannung. Jäger und Gejagte sind gleichermaßen auf Post, Flugzeuge und nicht auf infiltriertes Internet und Mobiltelefone angewiesen. Hier zählt noch der Grips! Hilfsmittel sind eine gehörige Portion Skrupellosigkeit, Erfindungsreichtum und Sorgfalt. Ihre Charaktere sind bis heute die unumstrittenen Helden der dunklen Seite. Auf der einen Seite kann man nicht gutheißen, was Tom Ripley alles anstellt, um zu Geld und Ruhm zu gelangen. Andererseits ringen ihm seine Geschick und seine Eleganz Bewunderung ab.

Hercule Poirots Weihnachten

1202hercule-poirots-weihnachten

Weihnachtfest auf Gorston Hall. Man sitzt vereint zusammen, genießt die deftigen Gaben aus der Küche, lässt so manchen guten Tropfen die Kehle herunter rinnen und lauscht – wenn man einen Gast wie Hercule Poirot schon mal zu Gast hat – blutrünstigen Geschichten. Der Fall liegt hier jedoch etwas anders. Denn der Gastgeber des Familienessens Simeon Lee ist tot. Und erst jetzt hat Hercule Poirot seinen Auftritt. Und auf seine Ausführungen hat keiner so recht Lust.

Simeon Lee war ein echter Tyrann. Schon die Tatsache, dass er seine Familie zum Weihnachtsschmaus einlud, verblüffte. Doch die Ernüchterung trat schnell ein. Simeon Lee kann einfach nicht anders als ein echtes Ekel zu sein. Ein gutes Haar an einer Sache oder an einer Person lasen, ist nicht sein Ding. Und da sich der Schwager von Agatha Christie wieder einen guten, brutalen Mord gewünscht hat, folgte die Queen of crime seinem Wunsch und beförderte den Hausherren sofort ins Jenseits. Das weiß der Leser schon vom Klappentext. Und gleich auf den ersten Seiten werden die potentiellen Täter vorgestellt. Und bei jedem Kapitel, bei jeder Vorstellung der Sippschaft denkt man sich „Der muss es sein!“. Gefolgt von einem „Nein, der war’s“ bzw. wird es sein. Ein herrliches Versteckspiel, das Agatha Christie da zur Weihnachtszeit inszeniert!

Ach ja, Hercule Poirot vervollständigt den Reigen des Familientreffens. Der Connaisseur schreitet dem aristokratischen Anlass entsprechend durch die heiligen Hallen von Gorston Hall. Manchmal jedoch tritt er dabei jemandem gehörig auf die Füße. Das ist ja auch ganz einfach, bei dieser Familie. Da ist Harry, so was wie das schwarze Schaf. Ein Lebemann, der immer Geld gebrauchen kann. Nach Jahren der Abstinenz ist er wieder da. Was die Brüder wundert – sie dachten er wäre tot – und Simeon Lee freut. Alfred ist immer da. Zusammen mit der beherrschten Lydia wohnt er hier, leitet das Familienunternehmen. Was den Simeon Lee freut. George kommt zu Besuch, ein weiterer Sohn. Abgeordneter, seine Frau Magdalene hält dem Weichei den Rücken frei. Das freut Simeon Lee. David und Hilda sind auch angereist. David, das Müttersöhnchen, das den Tod der Mutter immer noch nicht verkraftet hat. Das freut Simeon Lee. Doch zwei weitere Gäste erfreuen den Alten noch viel mehr: Pilar, seine Enkelin, Tochter seiner einzigen Tochter. Sie wuchs in Spanien auf. Und dann ist da noch Stephen Farr. Bereits im Zug machte er die Bekanntschaft der reizenden, naiven, reinen Pilar. Stephen ist der Sohn des ehemaligen Geschäftspartners von Simeon Lee aus Südafrika. Eine illustre Gesellschaft. So bunt, so verschieden, so geheimnisvoll. Und der Alte freut sich über jeden einzelnen. Bis zu seinem letzten Atemzug.

Der, der sich so gern im Blut der eigenen Sippe suhlte, liegt nun in seinem eigenen Saft. Kein schöner Anblick für seine Lieben. Alle lieben sich, weil sich gleichen Blutes sind. Alle hassen sich, weil sie gleichen Blutes sind. Und doch sind die scheinbar Unbeteiligten die mit den größten Geheimnissen…

Guter Junge

Guter Junge

Was ein Sommer! Michael Donnelly ist ein aufgewecktes Kerlchen. Anfang der 80er Jahre in Belfast aufzuwachsen, ist kein Zuckerschlecken für einen, der zwischen Phantasie und Pflichtbewusstsein hin- und hergeschubst wird. Auf der einen Seite ist Maggielein, die kleine Schwester, auf die er aufpassen soll. Wenn die was anstellt, bekommt er eine Abreibung. Die Mutter führt ein hartes, und nicht immer faires Regiment, versucht das wenige Geld sinnvoll zu nutzen. Der Vater – naja – er ist da. Paddy ist nicht nur das schwarze Schaf in der Familie, für Mickey ist er einfach nur der dumme Hund. Fartin‘ Martin ist der einzige Freund Mickeys. Doch ihre Wege sollen sich bald trennen. Denn Mickey soll auf eine Eliteschule. Die ist teuer, zu teuer, wie er am Ende des Schuljahres erfahren soll. Glück für ihn, denn so kann er weiterhin mit Fartin‘ Martin zusammen die Schulbank drücken. Auch der ist „was ganz Besonderes“ und darf deswegen auf eine besondere Schule. Wieder ein Traum, der zerplatzt. Noch neun Wochen, um sich auf das neue Leben in der neuen Schule vorzubereiten. Als guter Junge tut man das!

Es ist die Zeit, in der Mickey weiß, dass Belfast aus zwei Teilen besteht: Dem Katholischen und dem Protestantischen. Und als Vertreter der Einen geht man nicht in den Stadtteil der Anderen. Das ist Gesetz! Wer’s trotzdem versucht, wird schmerzhaft erfahren, warum es so sein soll und warum es so ist.

Und so vergehen die Ferienwochen. Das Haus der Donnellys wird von der britischen Armee gestürmt, Paddy, der dumme Hund, abgeführt. Killer, der echte Hund der Familie, den Mami nicht wollte, Papi aber trotzdem besorgte, musste allein zurückbleiben. Nichts passiert, zum Glück! Mickey spielt mit seiner Schwester, aber nicht zu weit weg vom Haus, Mickey weiß warum. Und der Vater fängt wieder einmal an zu saufen. Ferienidylle sieht anders aus.

Zwischen Razzien und Pubertät, explodierenden Bomben und Ferienende flieht Mickey in seinen Tagträumen oft in seine eigene Welt. „Der Zauberer von Oz“ ist sein Lieblingsfilm. Mit seinen neuen Sneakers, nur er benutzt das moderne Wort für Turnschuhe, wie cool, tanzt er die Schritte aus dem Film nach und weiß, dass, wenn er groß ist, er nach Amerika gehen wird. Es ist seine Strategie der brutalen Welt, den von Sicherheit geprägten Regeln zu entkommen. Stumpfe Waffen im Kampf gegen chromblitzende und feuerspuckende Ungetüme. Mickey ist und bleibt der gute Junge!

Autor Paul McVeigh liest am 15. September in Berlin beim Internationalen Literaturfest, am 18. September im Kölner Literaturhaus und ist im November an diesen Tag zu Gast:

15. November – Olpe – Buchhandlung Dreimann

16. November – München – Buchhandlung Lehmkuhl

17. November – Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky

Schottland

Schottland_Iwanowski

Mythen, Whisky (ohne „e“ vorm „y“!), Golf. This is Scotland! Wenn’s so wäre, wäre dieses Buch nicht in der zehnten Auflage erschienen und nur ein ödes Blatt Papier. Mit ein paar Bildchen, Platz wäre ja noch genug. Wer sich die Zahlen anschaut, erkennt sofort, dass alle, die schon mal in London waren (oder es, aus welchem Grund auch immer, umgehen wollen) und die Insel lieben, als nächstes Ziel Schottland angeben. Und doch ist Schottland nicht überlaufen. Außer in der Saison die eine oder andere Stadt vielleicht.

Auch wäre es falsch zu behaupten, dass Glasgow und Edinburgh (wobei das „burgh“ nicht wie in Burger mit einem „ö“ ausgesprochen wird, sondern eher einem „boro“ wie in der Zigarettenmarke) die eigentlichen Höhepunkte der Schottlandreise sein werden. Klar, Edinburgh Castle ist sehenswert. Aber andere Mütter haben auch hübsche Töchter.

Für Royalisten ist Schloss Balmoral eine Stippvisite wert. Hier verbringt die Queen ihre Sommerferien. Und gleich in der Nähe gibt es das, was auf alle Fälle, aber nicht sofort mit einem Schottlandurlaub in Verbindung bringt. Wer am ersten Septembersamstag das Örtchen Braemar besucht, wird es nie wieder so stimmungs- und voll erleben. Denn dann finden hier das Braemar Royal Highland Gathering statt. Highland Games. Mit allem, was dazu gehört, zusätzlich dem, was bei allen anderen Nachahmer-Veranstaltungen fehlt. Zum Beispiel spielen Dudelsack-Kapellen … um die Wette, um die Ehre und um einen begehrten Preis.

Gut betuchte Besucher – und das Wort „betucht“ muss dieses Mal wortwörtlich genommen werden – suchen die natürliche Ruhe der Highlands und der Lowlands. Schottland bietet Wanderern, Klettermaxen und Naturliebhabern ein wahres Füllhorn an Betätigungsmöglichkeiten. Munros nennt man die knapp eintausend Meter hohen Berge. Fast dreihundert sind es und mittlerweile ist es zu einer Art Sport geworden sie alle zu besteigen. Rekorde in Schnelligkeit und Anzahl und Wiederholung sind die Antriebsfeder.

Nur diese paar kleinen Auszüge beweisen, dass Schottland eben mehr als nur der ewige Kampf von Celtic gegen die Rangers im Fußball ist, übrigens sind ab der Saison 2016/17 wieder traditionelle Old Firm Derbies an der Tagesordnung. Die zehnte Auflage des Reisebandes für Individualisten ist das Verbindungsglied zwischen Wunsch und Realität. Der Stadtplan Edinburghs auf der letzten Umschlagseite, die herausnehmbare Karte (alle Karten sind außerdem online abrufbar), die farbigen Seiten mit praktischen Reiseratschlägen, Verhaltenshinweisen, die immer wieder eingestreuten Einkehr- und Unterkunftstipps. Der Reiseband geizt nicht mit handfesten Tatsachen, die es jedem Urlauber, Wanderer, Reisenden, Besucher leichtmachen sich in rauen Schottland heimisch zu fühlen und möglichen Touri-Fallen aus dem Weg zu gehen. Auch wenn die Frage, was der Schotte unterm Kilt nicht endgültig gelöst wird (niemand kann das!), so weiß man doch, was der Schottlandbesucher im Gepäck hat: Diesen Reiseband!

Gebrauchsanweisung für Schottland

Gebrauchsanweisung für Schottland

Gleich der erste Satz gleicht einem Aktualitätsdonnerwetter: Schottland ist nicht England! Wenn man das nur ein paar Tage nach dem Brexit-Referendum (bei dem Schottland mit ansehnlicher Mehrheit für „Bremain“ gestimmt hat) liest, weiß man, wie der Hase läuft. Schottland ist anders, und eben nicht England.

Mit besonderer Leidenschaft widmet sich Autor Heinz Ohff dem schottischen Witz. Der wäre ohne England und Engländer nicht denkbar. Doch kleine Nickligkeiten erhalten die Freundschaft. Und bei einem

Dram, tot, nip oder spot lässt sich die Unterschiedlichkeit am besten vergessen. Die vier Begriffe sind nichts anderes als ein Synonym für einen „Schluck“ Whisky, ohne „e“ vor dem Ypsilon. Das bleibt den Amerikanern vorbehalten!

Auch kulinarisch ist Schottland nicht gerade der originäre Reisegrund. Haggis, das optisch oft fragwürdige, geschmacklich – je nach Anbieter – durchaus schmackhafte Mahl, ist so was wie die Currywurst in Deutschland. Gibt‘s überall. Schmeckt aber nicht überall gleich (gut). Sollte, nein, muss man probieren. Heinz Ohff hat sich bei seinen Aufenthalten in Schottland überzeugen lassen. Doch meint er auch, dass es nicht gerade als Kompliment gilt, Schottland über den Haggis zu definieren. Wir Deutschen wollen ja auch nicht nur auf Currywurst reduziert werden…

Doch nicht nur die Engländer bekommen von den Schotten (den Scots, Scotch wird scottish getrunken – so viel Zeit muss für die Grammatik bleiben) gern mal eines verbal drübergezogen. Auch untereinander gibt es mehr oder weniger ernstgemeinte Querelen. So wie die zwischen Edinburgh und Glasgow. Oberflächlich betrachtet ist das an Einwohnern weit überlegene Edinburgh die Stadt zum Anschauen, Glasgow mit etwas mehr als der Hälfte der Einwohner die Macherstadt. Architekturanregungen gingen von hier in die ganze Welt hinaus. Die Glasgow School of Art ist erst auf den zweiten Blick eine Augenweide. Wer die Möglichkeit hat, sie von innen zu erforschen, sollte das Angebot annehmen.

Bei all den Rivalitäten, die Heinz Ohff aufzählt, bekommt man beim schnellen Überlesen den Eindruck, dass hier der Wettkampf zu Hause ist. Doch der ehemalige Feuilletonchef umgeht geschickt wort- und detailreich den Fauxpas den Schotten Kampfeslust zu unterstellen. War Schottland bis vor Kurzem noch das El Dorado der Allwetter-Bekleidungsjünger, die per pedes Schottland ursprünglich und sanft erurlauben wollten, so gibt der Autor hilfreiche Tipps für Schottlandjungfrauen als auch tiefergehende Ratschläge für alte Schottlandrecken. Schottland ist mehr als nur grünbeweidete Hänge und Burgen, trinkgelageartige Abende und gewöhnungsbedürftiges Essen. Wenn der abgenutzte Spruch zutrifft, dass an irgendeinem Platz der Welt Tradition und Moderne aufeinandertreffen, dann ist es wohl in Schottland. Wer England kennt, wird hier ein weiteres Kapitel in der Britain-Ablage einrichten.

Fremde Treue – Laidlaw III

McIlvanney_FREMDE TREUE_U1.indd

Ist das noch Jack Laidlaw? Dicker Kopf, mit beißendem Zynismus auf der Zunge, am Boden zerstört. Ersteres ist neu, das Zweite wohlbekannt … doch Drittens ist so unerwartet. Das war für ihn auch die Nachricht vom Tod seines Bruders Scott. Betrunken vom Auto angefahren. Jacks einziger Verbündeter in dieser Welt ist nicht mehr. Die beiden standen sich näher als jemand anderes sonst. Das soll nun alles vorbei sein? Er will nach Graithnock, wo Scott gelebt hat. Will sich umschauen. Reisen wie er es oft in Glasgow tat. Nur für ein paar Tage, um alles verstehen.

Scott war Lehrer, in seiner Freizeit hat er gemalt. Ein umgänglicher Kerl, doch Jack hört auch andere Stimmen. Anna, Scotts Frau, ist Jack gegenüber abweisend. Die Beziehung war am Ende. Scott hatte sogar eine Affäre, von der kaum jemand wusste. Ellie Mabon hieß sie, war eine Kollegin, die, um Schaden von beiden abzuhalten, aber Schluss machte. Jacks Reise in Scotts Leben gerät immer mehr zu einer Sinnkrise.

Halt findet in den kurzen Telefonaten mit Brian. Sein Kollege hält derweil in Glasgow die Stellung. Einen Toten gab’s. Meece Rooney, ein Kleinkrimineller, der seinem eigenen Stoff zu sehr zugetan war. Doch eines der Telefonate dient auch einem anderen Grund: Scott soll sich im Pub heftig mit Frankie White gestritten haben. Fast Frankie White – den kennt Jack Laidlaw. Einer seiner Klienten. Kurz bevor Scott vom Auto überfahren wurde, fielen einige unschöne Worte. Klangen fast wie Drohungen. Jacks Jagdinstinkt beginnt sich zu rühren.

Annas Verhalten ist mehr als merkwürdig. Ein Eisblock ist gegen sie eine Hitzewelle. Sie verkriecht sich in Edinburgh. Als Jack sie, seine Schwägerin, die Frau, bei deren Hochzeit er Trauzeuge war, die Frau seines toten Bruders über ihn befragen will, bekommt er nur kurzatmige Antworten. Carla, eine Freundin, die unbedingt bei dem Treffen dabei sein muss, scheint ihr näher zu stehen als der Bruder ihres verstorbenen Mannes.

Die Rätsel um Scotts Tod nehmen nicht ab. Aber sie bekommen Konturen. Wer ist der mysteriöse Mann im grünen Mantel, von dem Jack im Pub hörte? Annas einzige halbwegs menschliche Reaktion, die Jack vernehmen konnte, war bei der Frage nach eben diesem Typen. Er scheint das Licht zu sein, das den Nebel der Verschleierung durchschneiden kann. Ein Ausflug raus aus Glasgow, in die Vergangenheit sollte es werden. Nun ist es eine Ermittlung, die ihn wieder dahin bringt wo er herkam…

Es ist das Schicksal der Denker, immer auf das zu stoßen, was sie nicht zu treffen wagten. Sie erwarten es, und sind dann doch davon überrascht. Jack Laidlaw dafür zu rügen, wäre fatal. Auch wenn es manchmal scheint, als ob sich der Ermittler im eigenen Selbstmitleid, in seinen Selbstzweifeln ertränken würde, so sind es doch genau diese Ausflüge ins scheinbare Nirgendwo, die ihn menschlich machen.

Die Suche nach Tony Veitch – Laidlaw II

02 Die Suche nach Tony Veitch

Jede Stadt hat so ein Original. Glasgow hat Eck Adamson. Der liegt im Sterben und lässt Jack Laidlaw, Detective Inspector Jack Laidlaw, an sein Krankenbett kommen. Er kannte Eck, doch nicht so gut, dass als Vertrauter durchgehen könnte. In den Habseligkeiten des Verstorbenen findet Jack Laidlaw einen Zettel. Ziemlich schwülstige Zeilen, die und die niedergeschriebene Adresse erregen seine Aufmerksamkeit. Zusammen mit Harkness macht er sich auf die Suche nach dem Geheimnis um den Tod von Eck Adamson. Denn so viel steht fest: Auch wenn Eck oft mehr Alkohol im Blut als umgekehrt hatte, wurde er vergiftet.

Auch Paddy Collins starb im Krankenhaus. Seine Familie – allesamt Gangster ersten Ranges – will wissen warum ihm jemand mit einem Messer so durchlöchert hat. Aus Birmingham ist Mickey Ballater zurückgekehrt. Er sollte eigentlich von Paddy vom Bahnhof abgeholt werden. Warum er nicht kam, ist ihm nun klar.

Wie es der Zufall will, laufen alle Fäden bei einem Tony Veitch zusammen. Er hinterließ geheimnisvolle Zeilen bei Eck Adamson und schuldete Anderen einen Haufen Geld. Nun sind sie hinter ihm her. Jack Laidlaw, weil er Antworten haben möchte. Cam, Mickey, Dave und die anderen Ganoven, weil sie hoffen von ihm Geld zu erhalten. Doch wo ist Tony Veitch?

Tony Veitch ist Student. Kurz vor dem Examen hat er sich aus dem Staub gemacht. Tonys Mitbewohner Gus beschreibt ihn als naiven Sonderling, der sich wohl nie in der Welt zurechtfinden wird. Tony Veitchs Welt war überschaubar. Und undurchdringlich.

Jack Laidlaw reist wieder durch Glasgow auf der Suche nach einem Mann, dessen Aktionsradius eigentlich überschaubar war. Und doch ist Tony Veitch nicht aufzutreiben! Selbst die Methoden der Gangster führen nicht zum Erfolg. Was Laidlaw beruhigen sollte. Doch dann wird Tony doch noch gefunden…

Teil Zwei der Reihe um Detective Inspector Jack Laidlaw. War Glasgow in „Laidlaw“ noch die graue Stadt, in raue Gesellen ihr Unwesen trieben, ist die Stadt am Clyde nun ein düsteres Wirrwarr aus Lügen, falsch verstandener Treue und voller untrennbar miteinander verwobener Geheimisse. Akribische Detektivarbeit, Zwischen-den-Zeilen-Lesen und Unnachgiebigkeit führen den zynischen Ermittler letzten Endes ans Ziel. Doch das Ergebnis stellt kaum jemanden zufrieden.

Laidlaw

Laidlaw_final.indd

Bud Lawson – ein Name wie Donnerhall, und so sieht er auch aus – sucht seine Jennifer. Die 18jährige ist nicht von der Disco nach Hause gekommen. In seinem Kopf malt er sich schon Szenarien aus wie er reagieren wird. Von Sanftheit und Besonnenheit lässt sich bestimmt nicht leiten. Pflichtgemäß, eine Charaktereigenschaft, die ihn so nicht auszeichnet, hat er ihr Verschwinden bei der Polizei gemeldet. Bei Jack Laidlaw, Detective Inspector in Glasgow. Ein Mann, der mit knapp vierzig schon zu viel erlebt hat, als dass ihn noch irgendetwas schnell aus den Latschen kippen lässt. Die Anzeige nimmt er zur Kenntnis, er kennt Bud Lawson. Und Bud Lawson kennt ihn. Laidlaw muss ihm vertrauen, Bud Lawson vertraut niemandem.

Nur kurze Zeit später treffen sich die beiden wieder. Laidlaw hat eine schlimme Nachricht: Jennifer wurde im Kelvingrove Park tot aufgefunden. Nun beginnt die Suche nach dem Täter.

Den Mörder kennen zu diesem Zeitpunkt nur zwei (lebende) Menschen: Harry Rayburn, Nachtclubbesitzer und Tommy, sein Freund. Aber viele Leute sind hinter ihm her. Aus unterschiedlichen Motiven. Der Mörder selbst hat nur einen Verbündeten. Und selbst der kann ihn nicht aus seinem selbstgewählten Asyl herauslocken.

Auch Unterweltgröße John Rhodes ist auf einmal hinter dem Mörder her. Jack Laidlaw hat ihn mehr oder weniger darum gebeten „seine Kontakte spielen zu lassen“. John Rhodes findet Bud Lawson hinter einer Flasche Whiskey. Ruhig wie immer. Was er tun würde, wenn er den Mörder seiner Tochter findet. Die Antwort überrascht ihn nicht. John gibt Bud den Rat – falls er ihm zu dem Mörder führen könnte – Stillschweigen zu bewahren. Nicht nur für die Zeit kurz danach. Sondern für immer! John Rhodes hat keine Angst, dass sich Bud irgendwann mal bei der Polizei verquatschen könne. Vielmehr geht es um Loyalität.

Auch Matt Mason ist irgendwie daran interessiert, dass Jennifer Lawsons Mörder seiner Strafe zugeführt wird. Der Buchmacher hat so ziemlich in jeder Gaunerei der Stadt seine klebrigen Finger im Spiel.

Jack Laidlaw und sein neuer Partner Harkness wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die den Mörder des Teenagers suchen. Doch sie wissen, dass sie die Ersten sein müssen, die ihn dingfest machen. Fangen ihn die Anderen vor ihnen, sieht’s schlecht aus.

Bei all der Jagd, der Hatz nach dem Mörder kommt bei William McIlvanney niemals Hektik auf. Ruhig und besonnen ermittelt Jack Laidlaw in diesem besonderen Fall. Die blumige, teils zynische Sprache, die er seine Protagonisten sprechen lässt, ziehen den Leser in ihren Bann. Das Glasgow von Jack Laidlaw ist grau, verschroben, eigenbrötlerisch und … mörderisch.