Archiv der Kategorie: Literally Britain

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

In extremis

Thomas Sanders ist siebenundfünfzig Jahre alt, Physiotherapeut, und in drei Jahren erreicht er das Alter, in dem sein Vater starb. In absehbarer Zeit wird auch seine Mutter nicht mehr da sein. Und in ein paar Minuten muss er einen Vortrag halten. Die Blase drückt, er kann nicht Wasser lassen, seine Schwester simst ihm, dass es mit Mutter rapide bergab geht – es gab schon besser Zeiten im Leben von Thomas Sanders. Und dass ihm ein Physiotherapeut auch noch mit dem Finger am bzw. im verlängerten Rücken rumstochert, um die Schmerzen zu lösen (was allerdings das Gegenteil bewirkt), macht die ganze Situation nicht besser.

Den Vortrag hat er gut über die Bühne gebracht, an die Schmerzen hat er sich gewöhnt. Der Flug in die alte Heimat ist das nächste große Ziel. Freundin Elsa im mittlerweile heimischen Madrid fehlt ihm, und er fehlt ihr. Die Reise, um sich von seiner Mutter verabschieden zu können, wird eine Reise in sein Innerstes. Kaum in England gelandet, melden sich alle, die seine englische Telefonnummer noch haben. Deborah. Ihr Sohn hat Dave, ihren baldigen Mann ordentlich verprügelt. Ob Thomas nicht mal mit ihm reden könne? Die beiden hatten doch immer einen so guten Draht zueinander. Seine Schwester. Thomas solle sich beeilen. Mutter spuckt Blut. Als er schon unterwegs zum Hospiz ist, fällt seiner Schwester ein, dass Mutter verlegt wurde. Während eines Arzttermins wurde einfach ihr Zimmer weitervermietet. Ob Thomas noch rechtzeitig kommt? Es ist nicht der Abschied an sich, der ihn ins Schwitzen bringt. Auch nicht die Hetzerei, schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Es ist eine Sache, die ihm schon länger auf der Seele brennt. Er muss vor dem letzten Good bye noch einmal mit Mutter reden. Sich ihre Absolution holen.

Als er vor seiner Mutter steht, fällt ihm die Entscheidung plötzlich ganz einfach. Er wird schweigen. Die Absolution ist im Angesicht des verfallenden Körpers seiner Mutter obsolet. Nur er allein muss und kann mit den ihm umtreibenden Zweifeln umgehen. Etwas Entspannung wurde jetzt gut tun. Im Kopf als auch in der Blase. Doch es kommt anders. Charlie, Deborahs Sohn ist verschwunden. Und Dave, ihr Mann, der gern mal „auswärts isst“, liegt mittlerweile im Krankenhaus. Tablettenvergiftung.

Thomas und Dave verbindet ein Geheimnis. Eines, das Charlie vielleicht sogar kennt, zumindest hat er eine Ahnung seitdem er den Email-Account von Dave gehackt hat. Thomas, frisch getrennt und noch frischer verliebt, gerade Vollwaise geworden mit einem schmerzhaften Problem in der Mitte seines Körpers sitzt gleich zwischen mehreren Stühlen. Unbequemer kann ein Leben nicht sein.

Tim Parks komprimiert die Geschehnisse eines überschaubaren Zeitraums (es sind nur ein paar Tage) in einen über vierhundert Seiten langen Roman. Man braucht Geduld, um sich über die Ziele des Autors klar zu werden. Ist man aber einmal in der Geschichte drin, lässt sie einen nicht mehr los. Intelligent, voll bissigem Humor, der besonders in hintersinnigen und derben Vergleichen zum Vorschein kommt, wird man auf eine Reise geschickt, die gar nicht so abwegig erscheint. Alle Personen sind zwar Fiktion, doch aus dem Leben gegriffen. Eine Anleitung zum Handeln in besonderen Situationen. Die Familie ist der Ort, an dem Lösungen gefunden werden. So unterschiedlich alle sind, so stark ist ihr Gemeinsinn füreinander ausgeprägt. Jedes reden darüber stärkt dieses Gemeinschaftsgefühl. Komme, was da wolle. Mag die Situation auch noch so extrem, oder gar in extremis sein.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Charley Moon

Little Summerford – die Dreifarbigkeit des Paradieses: Gold-gelbe Äpfel, grüner rasen und blaue Bäche. Hier wächst Charley Moon auf. Ein besonderes Kind. Artistisch im Herzen und gewieft sich vor alltäglicher Arbeit zu drücken. Phantasievoll und herzensgut. Und ein bisschen in Rose verliebt. Ihrer Oma gehört der Kramladen in dieser Idylle, die niemanden loslässt. Und wenn doch einmal einer loslassen sollte, ziehen ihn die Heimatstricke wieder zurück…

In dieser Idylle wächst Charley Moon auf. Seine Familie gehört zum Inventar des Dorfes wie die Mühle, in der er wohnt. Vom Geldverdienen verstand seine Familie noch nie viel. Charley begeistert durch sein Talent. Bei Theateraufführungen spielt er stets die erste Geige. Als eines Tages – Charley ist schon längst kein kleiner Junge mehr – ein Theaterschauspieler in dem verschlafenen Nest festsitzt, beeindruckt ihn Charleys Bühnenpräsenz. Selbst auf dem absteigenden Ast fasst er rasch den Entschluss zusammen mit Charley die Provinzbühnen Britanniens zu erobern. Der Plan gelingt. Armytage und Moon sind beliebte Gäste auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch Freunde raten ihm Armytage abzustoßen. Der versuche nur seine Haut zu retten und mit armseligen Engagements seinen Namen verzweifelt in den Gazetten zu halten.

Ein paar Jahre später ist Charley Moon eine Größe im Theaterbusiness. Little Summerford ist weit weg. Auch die Unbekümmertheit ist verflogen. Little Summerford von Charley geleugnet, aus seinem Herzen gestrichen. Regelmäßig schreibt Rose ihm noch. Doch Charley ist verbittert, antwortet nicht.

Die Jahre vergehen. Und Charley merkt immer mehr, dass der Ruhm schneller verschwindet als er gekommen war. Heuchelei und Missgunst gehen ihm immer mehr gegen den Strich. Fast schon reumütig kehrt er dahin zurück, wo er Charley Moon sein darf. Ganz ohne Skript, ohne Maske, ohne Schaupiel.

Reginald Arkell gibt der Sehnsucht Zucker. So süß wie Erdbeermarmelade auf Toast liebkosen seine Zeilen die Phantasie des Lesers. Die heile Welt hat einen Namen: Little Summerford. Rose und Charley sind die Zutaten für ein Gericht, das als paradiesisch anzusehen ist. Die Verkommenheit der Geschäfts stört Charley so lange nicht wie er Erfolg hat. Doch die harten Schläge in die Flanken fordern immer – je öfter sie ihn treffen – ihren Tribut. Auf der Sonnenseite des Lebens gibt es keine Schatten. Und so darf Charley, der nie jemandem etwas Böses angetan hat, schlussendlich wieder Einzug ins Paradies halten. Auch wenn die Geier vor den Toren des Dorfes schon warten…

Hotel Grand Babylon

Vier Unikate treffen im Londoner Hotel Grand Babylon aufeinander. Zum Einen der stinkreiche Theodor Racksole. Als er einen Angel Kiss bestellt, weist ihn Jules, der Oberkellner – Original Nummer Zwei – darauf hin, dass amerikanische Drinks hier nicht serviert werden. Racksole diktiert ihm das Rezept und weist wiederum darauf hin, dass er gewillt sei, ihn – so lange das Wetter so bleibt wie es ist – er vor habe diesen Drink nun jeden Abend zu sich nehmen zu wollen. Kurze Zeit später berichtet er Miss Spencer – die Dritte im Bunde – der Empfangschefin. An vierter Stelle rangiert Mr. Rocco, der Küchenchef des exklusiven Hotels.

Racksole ist mit seiner Tochter Nella ist London, um sich von seinen ertragreichen Eisenbahngeschäften zu erholen. Wenn man ihn – wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – googeln könnte, würde man ihn auf der Forbes-Liste der drei reichsten Männer der Welt ungefähr in den Sphären von Bill Gates finden können. Nella hat am nächsten Tag Geburtstag und wünscht sich nichts sehnlicher als ein ordinäres Steak mit Bier. Hier kommt wieder Jules ins Spiel, der mit überaus gewohnter Oberkellnerart dem überaus reichen Gast erneut mitteilen muss, dass Steak und Bier nicht auf der Karte stehen. Doch Mr. Rocco wird sich des Wunsches annehmen. Racksole ist angefressen. Dieses Zurechtweisen missfällt ihm. Ein Gespräch mit Felix Babylon, Gründer, Erbauer und immer noch Chef des Hauses, soll da Abhilfe schaffen. Um es kurz zu machen: Racksole kauft das Hotel, Babs – wie ihn hinter vorgehaltener Hand nur Jules, Mr. Rocco und Miss Spencer nennen – verweist auf die Risiken des Kaufes. Racksole, ganz Amerikaner, wischt diese wohlgemeinten Ratschläge beiseite. Nella bekommt ihr Steak und ihr Bier. Und Racksole macht die Bekanntschaft von Reginald Dimmock, den Nella eingeladen hat. Er ist ein Freund von Prinz Aribert von Posen, einem der vielen adeligen Gäste des Hauses, die das Grand Babylon zum Grand Babylon machen.

Doch kaum, dass die Tinte auf dem Kaufvertrag trocken ist, zeigen sich erste Anzeichen des Niedergangs des Grand Babylon. Miss Spencer ist fort. Einfach so. Keiner weiß, wohin sie geflüchtet sein könnte. Und Racksole sieht nun die Chance gekommen, dem blassierten Jules die Leviten zu lesen und ihn mit einem Lächeln vor die Tür zu setzen. Doch der nimmt die fristlose Entlassung regungslos hin. Er habe, was er zum Leben als Privatier brauche bereits zusammen. Mr. Rocco ist es egal wer ihn bezahlt. Dass Racksole sein Gehalt aufstockt, juckt ihn nicht besonders. Er würde immer und überall eine Anstellung finden.

Racksole ist nun Hotelbesitzer. Und mit dem Prinzen Aribert von Posen steht auch schon der erste Adelige auf der Matte. Reginald Dimmock hat als rechte Hand schon alles vorbereitet. Der Prinz weilt in London, um seine bevorstehende Hochzeit „vorzubereiten“. Geschäfte und so. Wie man das halt macht, so als Prinz…

Doch dann ist Reginald Dimmock tot. Hatte Theodore Racksole bisher noch nie den Anflug von Scheitern zu Gesicht bekommen, so gibt es die Situation nun einmal vor, dass er etwas Neues zu lernen bereit sein sollte. Pistole raus und einfach drauf losfeuern, is nich. Vertraute hat er nicht, außer Nella. Doch die ist mittlerweile von der Idee beseelt eine zweite Miss Spencer zu werden.

Das Grand Babylon gab es nur in der Phantasie von Arnold Bennett. Doch die Parallelen zum Savoy in London, zu einem Skandal im gleichen Haus sind nicht von der Hand zu weisen. Hundertprozentig real ist hingegen der Wortwitz, der aus jedem Wort, jeder Silbe, jedem Buchstaben quillt. Ein Luxushotel wird eben doch nur von Menschen geleitet. Und die sind so verschieden, dass weder Pracht noch Exklusivität etwas daran ändern können.

Verrat

In Bridget O’Neills  Gedanken spiegelt sich das gesamte Leid Irlands wieder. Ein geteiltes Land, hirnverbrannte Kinder der Insel bomben und morden sich bis zum zu erwartenden Ende, Familien werden im Hass zerrissen und zusammengeschweißt. In ihrem Dorf herrscht Tristesse. Als sie in jungen Jahren Francis kennenlernt, ist er ihre Chance. Denkt sie. Eigentlich hat sie alle Qualifikationen, um auf die Uni zu gehen, ihr Dorf zu verlassen und ein „normales Leben“ führen zu können. Doch das Glück mit Francis ist ihr näher.

Doch Francis ist wie so viele junge Männer Mitglied der Republikanischen Armee. Keiner, der ab und zu mal „ein krummes Ding dreht“. Die Offiziere bedienen sich gern des skrupellosen Killers. Wird’s knifflig, ist Francis ihr Mann. So verrinnen die Jahre, Bridget und Francis wachsen zusammen. Auf einer Reise nach Singapur, zur Hochzeit von Freunden, wird Bridget ihr elendes Leben klar. Was hätte sie nicht alles werden können? Wozu das Bomben, das Morden?

Sie trifft Sarah, die von ihrer Firma zu einem Meeting nach Singapur geschickt wurde. Die beiden sind froh jemanden gefunden zu haben, der sie vom Alltag, von ihren Gedanken ein wenig ablenken kann. Sie beschließen in Kontakt zu bleiben. Denn plötzlich will Francis noch vor der Hochzeit der Freunde wieder abreisen. Bridget ist irritiert. Was sie nicht weiß, ist, dass Francis in Singapur abgefangen wurde. Man wollte ihn umdrehen. Weglocken vom Kampf, die Gefährten verraten. Doch Francis ist verbohrt, fanatisch.

Zuhause ist Irland spitzt sich die Lage zu. Liam, Francis‘ jüngerer Bruder, bietet sich scheinbar den Prod (den Protestanten) an, um Informationen über Francis‘ Hintermänner zu liefern. Auch ein Jahr nach Singapur stehen Bridget und Sarah noch in Kontakt. Sarah bietet Bridget an mit ihr nach Frankreich zu fliegen. Ihren Bonus zu verprassen. Bridget riecht den Braten, doch jahrelanges Lieber-Den-Mund-Halten lässt sie lieber erstmal abwarten.

Die Katze ist aus dem Sack: Francis ist in Gefahr. Die eigenen Leute vertrauen ihm nicht mehr. Sarah ist Agentin und Bridget mittendrin. Seit ihrer Kindheit hält man sich – besonders als Frau – aus der Sache der Männer, dem Kampf um ein geeintes Irland heraus. Nun steckt sie mitten im Schlamassel.

Francis muss wieder an die Front, von der er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Doch Liams Verrat und Tod zwingen ihn zu diesem Schritt. Die erste Aktion verläuft einwandfrei. Die Zweite auch, nur dieses Mal verläuft die für die Gegenseite einwandfrei. Francis wird verhaftet. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Ebenso die Verräter…

Nicholas Searle beschreibt nicht das Irland, in dem man „Sunday bloody Sunday“ vor sich hin summt, über das „Belfast child“ sinniert oder „Zombie“ verflucht. Es ist das Irland der Familien, die in einem Land leben, dass innerlich zu eng miteinander verwoben ist und doch die tiefsten Gräben aufweist. Manchen gelingt der Ausbruch aus dieser Welt. Aber zu welchem Preis?

Immer Ärger mit Harry

Das Verhältnis Vier zu Eins scheint eine besondere Anziehungskraft auf Autoren zu haben. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ oder „Vier Frauen und ein Mord“ sind erfolgreiche Filme, die noch immer für zufriedenstellende Einschaltquoten gut sind. Nur ein „Vier zu Eins“-Buch Schrägstrich Film kommt immer ein bisschen zu kurz: „Immer Ärger mit Harry“. Das ändert sich nun, zum Glück für den Leser, den Cineasten, den Liebhaber bitterböser Satiren.

Alfred Hitchcock hatte sich den Stoff ausgesucht, um einen seiner ungewöhnlichsten Filme zu drehen. Die Vorlage ist nun erstmals in deutscher Übersetzung zu erhalten. Jack Trevor Story, es ist nicht das „Making Of“ zum Film, sondern der Name des Autors, muss beim Schreiben der witzigsten Mörderjagd der Literaturgeschichte einen Lachkrampf nach dem anderen bekommen haben.

Der vierjährige Abie stromert durch die Umgebung seines Dorfes. Das Spielzeuggewehr geschultert robbt er durchs Farn und … entdeckt eine Leiche. Hat er … nein, kann doch gar nicht … oder doch? Kurz vorher hat er zwei Schüsse vernommen, die ihn vor Schreck fast in die Hosen machen ließen. Die Schüsse kamen Captain Wiles. Er hat als Kapitän allerdings nie die große weite Welt gesehen, nur eher Flussufer. Er war auf der Jagd. Man hatte ihn schon einmal ver- vor allem aber gewarnt, dass seine Schießkünste für Andere einmal gefährlich werden könnten. Nun scheinen die Warner Recht zu bekommen, oder doch nicht?

Im Laufe der Zeit gesellen sich immer mehr Menschen zu der illustren Gesellschaft hinzu. Der Tote, den gibt es wirklich, ganz ohne jeden Zweifel erhaben, ist Harry. Auf den ersten Blick liegt er ganz entspannt im Gras, genießt die Sommerluft und lässt sich von den Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln. Nur das Blut, das aus seinem Kopf strömt, stört die Idylle.

Fakt ist auch: Der Tote muss weg! Und je mehr Leute hinzukommen, um den Toten zu sehen oder verschwinden zu lassen, oder zu beobachten, wer denn nun noch vorbeikommt, desto größer wird der Kreis der Verdächtigen. Als Leser zappelt man quietschvergnügt auf dem Allerwertesten herum, um zu erfahren, wer denn sonst als Mörder in Frage kommt, und wie es den anderen gelingt weitere Theorien zu entwickeln. Ein Schneeballsystem der Verdächtigungen, Verdächtigen, Vertuscher, Angstgebadeten und Unschuldigen, die sich jedoch keineswegs so benehmen.

Das Buch ist fast siebzig Jahre alt, der Film nur wenige Jahre jünger. Und noch immer fasziniert jede Zeile, weil es der Autor schafft dem Leser am Schlafittchen zu packen und ihn mit aller Macht in dieses Buch hineinzieht. Wer war’s denn nun? Wer hat Harry auf dem Gewissen? Und warum? Immer wieder stellt man sich diese Fragen, blättert fieberhaft weiter, lässt sich ins Dickicht der verdächtigen hineinziehen, um schlussendlich festzustellen, dass …

Cider mit Rosie

Literarische Kindheitserinnerungen sind überwiegend sinnlich und intensiv geschrieben. Laurie Lee sticht in der langen Reihe der großen Dichter und Schreiber durch seine präzisen Erinnerungen noch einmal hervor.

Der erste Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, da muss Laurie als Vierjähriger zum ersten Mal sein angestammtes Zuhause verlassen. Als die Kutsche verlässt, beginnt ein neues Leben. Sein Leben. Mehr als eine Handvoll Geschwister sind da. Sie schieben ihm Früchte in den Mund, liebevoll und ohne Zwang. So zuckersüß die Früchte, so verzückt liest man von dieser zuckersüßen Erinnerung. Der Blick scheint unendlich weit schweifen zu können. Auch die Menschen um ihn herum sind greifbar, haben Ecken und Kanten. Mit besonderer Verve beschreibt er beispielsweise den lebenslangen Zwist zwischen zwei durchaus als alt zu bezeichnenden Damen, die keine Gelegenheit auslassen der Anderen verbal eines überzuziehen. Selbst im Angesicht des Todes befeuern sie ihre Grabenkämpfe mit Leidenschaft.

Es ist ein wahres Vergnügen dem Kindertreiben vor einem ganzen Jahrhundert Zeile für Zeile zu folgen. Die nuancenreiche Sprache Laurie Lees bricht in der Neuübersetzung von Pociao und Walter Hartmann zu neuen Ufern auf. Das Gras ist auf einmal nicht mehr nur grün, sondern auch scharfkantig. Die Sonne brennt nicht, sie ist Lebensanbahner erster Klasse.

Mit jeder Seite mehr in diesem Buch kuschelt man sich in seinen Lesestuhl und liest offenen Mundes von der Schönheit vergangener Tage und dankt Laurie Lee im Nachhinein für sein enormes Erinnerungsvermögen. Mit einfachen Mitteln und der unendlichen Macht der Phantasie durchlebten der kleine Laurie und die nicht kleine Bande von Geschwistern eine nicht immer sorgenfreie Kindheit, die in ihren Augen jedoch genau das war. Unbeschwert, liebevoll, frei.

Dreizehn Aquarelle von Laura Stoddart verleihen dem ohnehin romantischen Buch den passenden Rahmen. Zurückhaltend, doch keineswegs unauffällig leiten sie eindrucksvoll jedes neue Kapitel ein. Laurie Lee scheint sich an den Abbildungen zu orientieren. Ohne viel Krakeelen und sinnfreie Lautmalerei ergießen sich Aquarelle und Zeilen über den Leser. Die verlaufen nicht im Sande, sondern setzen sich tief fest im Gedächtnis des Leser.. „Cider mit Rosie“ liest man sicherlich mehr als einmal im Leben.

Es ist der romantische Gegenentwurf zur digitalgesteuerten Kindheit der Gegenwart! Laurie Lee beschreibt seine ersten Kindheitserinnerungen mit einer derartigen Wucht, dass man das WLAN ausschalten möchte und sich ins frisch gemähte Gras setzen möchte. Einatmen, Gerüche aufnehmen, das Farbenspiel der Natur beobachten genauso wie die Menschen um einen herum. Und zwar analog, ohne Bildbearbeitung und Farbfilter.

Der Neger

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann bringt eine Prostituierte um, wird aber nicht bestraft. Punkt. Aus. Ende. Das ist dann aber kein Stoff für eine Geschichte. Auch wenn der Titel noch so sehr für Aufregung sorgen sollte.

Der namenlose Ich-Erzähler dieser Geschichte trifft eines Tages Edgar Manning. Er ist der Neger. Ein großer, grober Kerl, der das Leben genießt. Laut und kräftig, rauchend und trinkend. Es war Schicksal ihn zu treffen. Ein Freund, ein Reverend, hat ihn kurz vor seiner Abreise vor diesem Edgar Manning gewarnt. Er, Edgar, hat die Angewohnheit Menschen in seinen Bann und mit in den Abgrund zu ziehen.

Doch es kommt anders. Da steht er: Breitbeinig, breitschultrig, bereit das Leben mit seinen Pranken zu verschlingen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Edgar ist Drummer in einer Jazzband. Das sagt er, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Doch sein Geld verdient er mit Drogen und Mädchen. Beides verkauft und benutzt er.

Edgar, der Neger, der Afrika nur symbolisiert und mit Nichtem im Herzen trägt trifft Europa. Sie ist Prostituierte und ihm anfangs willig, später ist sie tot.

Alles geht rasend schnell in diesem Kurzroman. Philippe Soupault hetzt in seinem Erstling den Erzähler von ein Ah zum nächsten Oho. London, Paris, Barcelona, Lissabon – egal, wohin der Erzähler auch geht, Edgar Manning ist schon da. Mal Musiker, mal schwer schuftender Malocher. Und immer mit einem Geheimnis gesegnet. Und immer mit offenen Armen für den Freund. Oder doch Fremden? Edgar ist ein Außenseiter, ein Exot, Outlaw, immer jemand, der die Gesetzmäßigkeiten missachtet und eigene Regeln aufstellt. Freunde hat er nicht. Dem Erzähler begegnet er mal distanziert, ein anderes Mal überhäuft er ihn überschwänglich mit Umarmungen. Dem Erzähler schwinden die Kräfte Edgar Manning einordnen zu können. Und so schaut er ihm mit großen Augen beim Leben zu.

Philippe Soupault ist der vergessene Mitbegründer der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon. Guillaume Appolinaire gehörte zu seinem Freundeskreis, ihm verdankte er seinen Durchbruch als Literat. „Der Neger“ ist ein Gleichnis. Nicht umsonst heißt die Ermordete Europa und der Mörder ist der Neger. Heinrich Mann lobt im Vorwort die Tiefe dieses Romans im Speziellen und die des Werkes im Allgemeinen. Philippe Soupault zu lesen, bedeutet vor allem eines: Eine Nähe zum Autor und seinen Protagonisten aufzubauen ohne zu viel Vertrautheit aufkommen zu lassen. Der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz wird bei Soupault wie durch Zauberkraft aufgehoben. Edgar Manning ist keiner, mit dem man am Tisch sitzen möchte. Aber es bereitet eine diebische Freude ihm zuzusehen. Sympathie? Nicht unbedingt. Neugier? Auf alle Fälle.

London Calling

Irgendwie kommt einem alles so seltsam bekannt und im gleichen Atemzug auch wieder fremd vor. „London Calling“ – Klassiker des Rock, des Punk – und dann die Frau auf dem Buchcover, schon mal gesehen. Annette Dittert war die viel zu wenig beworbene Internetwaffe der Tagesschau auf dem Weg in die Moderne. Ihr Blog „London Calling“ war für die, die ihn kannten Pausengespräch, Informationsquelle, Flucht in eine gar nicht so ferne Welt, die erst durch ihre Reportagen näher rückte. Damals war Großbritannien noch nicht Brexitannien. Heute lebt Annette Dittert an Elbe und Themse gleichermaßen.

Das Buch „London Calling“ ist keineswegs der Rückschritt in die Vergangenheit, das Internet – ihr Blog – war nur die Grundlage dafür. Wer London besuchen will, muss sich vorher informieren. Die Stadt ist vollgepfropft mit Attraktionen, wer eine verpasst, trägt schnell den Stempel „Du warst ja gar nicht da!“ auf der Stirn.

Annette Dittert arbeitete als Korrespondentin in Warschau, New York und eben London. Warschau, das war die Stadt im Umbruch. New York, der urbane Wahnsinn der Veränderung, und in London, so scheint es, sind die Wurzeln der Vergangenheit gleichzeitig die Knospen der Zukunft. Und mittendrin Annette Dittert. Die Sprachbarriere war nicht existent. Die Neugier groß, der Forscherdrang die Triebfeder und mit der ihr eigenen Energie und Eloquenz machte die Autorin London zu ihrer Heimat. Um dem Wahnsinn der Preistreiberei zu entgehen, und auch um sich London eigenwillig anzueignen, bezog Annette Dittert ein Hausboot. Wer den Blog kennt, kennt auch Emilia. Emilia, das Hausboot. Dort lebt Annette Dittert noch heute.

Doch „London Calling“ ist keine Liebeserklärung an das Hausboot, es ist eine Liebeserklärung an London, die Metropole, die zum Sinnbild der Abspaltung, des gefräßigen Kapitalismus und der Internationalität geworden ist.

Das Buch beginnt mit dem Referendum zum Brexit. London wollte drinbleiben und London entschied sich für den Ausstieg. Und das obwohl Großbritannien schon immer einen Sonderstatus in der EU hatte. Worüber regen sich also alle auf? Im Zug werden Tränen vergossen, als Zugreisende merken, dass die Frau, die das gerade mit der Heimat telefonierte, Deutsche ist. Sie entschuldigen sich bei ihr, machen ihrer Angst Luft. Kurz nach ihrer Ankunft wird Annette Dittert ins Castle eingeladen, also in eine Wohnung, die den Briten heilig zu sein scheint, in der sie niemals spontan, und schon gar keine Fremden einladen. Da kann man sich noch so gut vorbereiten – London ist immer für eine Überraschung gut. Und „London Calling“ hat davon gleich Dutzende in petto.

Selten gelingt es Autoren eine Stadt so zu portraitieren, dass man als Leser auf lange Sicht hin etwas davon hat. Wer sich bei Annette Dittert einhakt und sich ihr London zeigen lässt, wird die Stadt schnell als Heimat empfinden. Der Lockruf der Großstadt war noch nie so intensiv!