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London Calling

Irgendwie kommt einem alles so seltsam bekannt und im gleichen Atemzug auch wieder fremd vor. „London Calling“ – Klassiker des Rock, des Punk – und dann die Frau auf dem Buchcover, schon mal gesehen. Annette Dittert war die viel zu wenig beworbene Internetwaffe der Tagesschau auf dem Weg in die Moderne. Ihr Blog „London Calling“ war für die, die ihn kannten Pausengespräch, Informationsquelle, Flucht in eine gar nicht so ferne Welt, die erst durch ihre Reportagen näher rückte. Damals war Großbritannien noch nicht Brexitannien. Heute lebt Annette Dittert an Elbe und Themse gleichermaßen.

Das Buch „London Calling“ ist keineswegs der Rückschritt in die Vergangenheit, das Internet – ihr Blog – war nur die Grundlage dafür. Wer London besuchen will, muss sich vorher informieren. Die Stadt ist vollgepfropft mit Attraktionen, wer eine verpasst, trägt schnell den Stempel „Du warst ja gar nicht da!“ auf der Stirn.

Annette Dittert arbeitete als Korrespondentin in Warschau, New York und eben London. Warschau, das war die Stadt im Umbruch. New York, der urbane Wahnsinn der Veränderung, und in London, so scheint es, sind die Wurzeln der Vergangenheit gleichzeitig die Knospen der Zukunft. Und mittendrin Annette Dittert. Die Sprachbarriere war nicht existent. Die Neugier groß, der Forscherdrang die Triebfeder und mit der ihr eigenen Energie und Eloquenz machte die Autorin London zu ihrer Heimat. Um dem Wahnsinn der Preistreiberei zu entgehen, und auch um sich London eigenwillig anzueignen, bezog Annette Dittert ein Hausboot. Wer den Blog kennt, kennt auch Emilia. Emilia, das Hausboot. Dort lebt Annette Dittert noch heute.

Doch „London Calling“ ist keine Liebeserklärung an das Hausboot, es ist eine Liebeserklärung an London, die Metropole, die zum Sinnbild der Abspaltung, des gefräßigen Kapitalismus und der Internationalität geworden ist.

Das Buch beginnt mit dem Referendum zum Brexit. London wollte drinbleiben und London entschied sich für den Ausstieg. Und das obwohl Großbritannien schon immer einen Sonderstatus in der EU hatte. Worüber regen sich also alle auf? Im Zug werden Tränen vergossen, als Zugreisende merken, dass die Frau, die das gerade mit der Heimat telefonierte, Deutsche ist. Sie entschuldigen sich bei ihr, machen ihrer Angst Luft. Kurz nach ihrer Ankunft wird Annette Dittert ins Castle eingeladen, also in eine Wohnung, die den Briten heilig zu sein scheint, in der sie niemals spontan, und schon gar keine Fremden einladen. Da kann man sich noch so gut vorbereiten – London ist immer für eine Überraschung gut. Und „London Calling“ hat davon gleich Dutzende in petto.

Selten gelingt es Autoren eine Stadt so zu portraitieren, dass man als Leser auf lange Sicht hin etwas davon hat. Wer sich bei Annette Dittert einhakt und sich ihr London zeigen lässt, wird die Stadt schnell als Heimat empfinden. Der Lockruf der Großstadt war noch nie so intensiv!

City Lights

Die Tage werden kürzer, das Grau des Alltags spiegelt sich nun auch am Himmel wieder. Da holt man gern noch einmal die Fotos vom erst kürzlich vergangenen Urlaub heraus, obwohl der auch schon wieder Monate her ist. Man erinnert sich, ist stolz auf die Schnappschüsse, erfreut sich an einzigartigen Perspektiven, bei denen sogar der schiefe Turm von Pisa kerzengerade in den wolkenfreien Himmel wächst. Noch einmal durchschnaufen – bald ist Weihnachten. Und dann gilt es einmal mehr der Kreativität freien Lauf zu lassen, um zu beeindrucken. Dieses Jahr wird es ein Leichtes sein dem Beschenkten ein „Ah“ und ein „Oh“, vor allem aber ein „Bist Du verrückt?!“ zu entlocken.

Vincent Laforet machte am 29. September 2001 ein Foto von einem afghanischen Flüchtlingskind, das vielleicht nicht um die Welt ging, dafür aber die Jury der Pulitzer Prize beeindruckte. Zusammen mit dem Team der New York Times gewann er den begehrten Preis für die beste Fotoreportage (Best Feature Photography). Schon kurze Zeit später galt er als einer der einflussreichsten Fotografen. Mit „City Lights“ zeigt er sein ganzes Können bei der Darstellung von Städten bei Nacht. Klingt erst einmal nach „Ja, das kann ich auch“, ist aber gar nicht so einfach, um es kurz und verständlich auszudrücken.

Und dann schlägt man dieses Buch, nein … diesen Prachtband auf! Eine Offenbarung! Noch nie waren nächstens erleuchtete Städte so blau. Noch nie so verwundbar. Noch nie so offensichtlich anonym. Sydney ist für sich genommen schon eine Augenweide. Auch und gerade bei Nacht. Aber: Bei Nacht, von Oben fotografiert … das Leuchten der Lebensadern … Details zu funkelnden Pixeln degradiert, um in der Gänze eine nie zu erwartende Wirkung zu erzielen, ohne Blitzlicht – da lassen die Synapsen kräftig die Sektkorken knallen!

Barcelona als buntes Potpourri, London als Regenbogen in Hochglanz, Chicago Reißbrettentwurf in Sonnenblumengelb oder Las Vegas in gar nicht mehr so bunt wie es die Prospekte einem vorgaukeln wollen – City Lights haben ihre eigene Magie. Sie einzufangen, ist Aufgabe von Dokumenteuren wie Vincent Laforet. Und wenn das Auge des Fotografen einmal Blut geleckt hat, dann kann sich der Betrachter auf eine riesige Portion Emotionen gefasst machen. Als Leser ist man von Natur aus in der richtigen Position auf dieses Buch und auf die Städte herabzublicken. Von oben auf Gebäude, Stadtteile, ganze Städte zu schauen, hat etwas Erhabenes. Mit dem kiloschweren Buch auf dem Schoß nehmen die Aufnahmen die Angst vor der großen unbekannten Stadt undverwandeln sie in ein Objekt der Begierde. Einmal nicht mit dem Finger auf ein Gebäude zeigen, sondern es einmal „in Echt“ zu bestaunen und vielleicht zu berühren, wenn das das Ziel des Buches war, dann ist die Aufgabe auf jeder Seite übererfüllt worden.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Limericks

Über 50.000 Menschen leben in Limerick

Ihre Gedichte brechen so manch Neugierigem das Genick

Denn die Reime kommen nicht von hier

Die Bewohner nervt es

Dass man sie hält für die Erfinder vom Limerick

Zugegeben, nur ein Versuch einen Limerick zu schreiben. Doch die Limericker sind nicht die Erfinder des Limericks, und sie wollen auch nicht zwangsweise als deren Erfinder gelten. Fünfzeiler, bevorzugt mit einer Ortsangabe, die einer ganz bestimmten Regel folgen. Wer sie beherrscht, hat zumindest für die Dauer plus die Anschlusszeit für ein Schmunzeln für sich gepachtet.

César Keiser war Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und vor allem ein begnadeter Limerick-Schreiber. Die besten Einfälle sind in diesem Buch vereint. Das I-Tüpfelchen setzt der Künstler Scapa (Ted Scapa, Verleger, Künstler, Moderator) auf dieses edle Büchlein. Zu jedem Fünfzeiler (Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel) findet er mit geschickter Hand die passende Darstellung.

Wenn man sich so durch das Buch liest – es fällt schwer zwischendrin einfach mal innezuhalten und ein wenig zu reflektieren – ist man schon mittendrin in einer Reise um die Welt. Man reist von Zillis, wo eine Dame auf einem Krokodil wohnt, über Fex, wo die Figur einer Dame nicht konkav ist, sondern … na, wer weiß es? … bis nach Payerne, wo man verführt wird vom Tanz mit Schleiern.

Es gibt Bücher, die ein ganzes Leben überdauern. Bestseller gehören nur in seltenen Fällen dazu. Longseller schon eher. Und dann gibt es Bücher wie dieses. Immer mal wieder greift man ins Regel, schnappt sich ein paar Seiten, packt sie ins Kurzzeitgedächtnis und glänzt in gemütlicher Runde. César Keisers Limericks sind oft zweideutig, selten Frivol, niemals vulgär. Und deswegen zeitlos. Ausreden wie „ich habe keine Zeit zum Lesen“ – die schwächste Ausrede überhaupt – wird für dieses Buch außer Kraft gesetzt. Keine Zeit, um fünf Zeilen zu lesen, zu schmunzeln, sich kurzzeitig entführen zu lassen – Error. Gilt nicht!

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.

Depeche Mode – Monument – Limited Extended Version

Jetzt gibt’s was auf die Augen! Normalerweise wartet eine Band bis zu einem runden Jubiläum, um die Fans mit einem besonderen Geschenk zu beglücken. Depeche Mode – Achtung Phrase! – waren schon immer anders als die anderen Band. Hier war es nur eine Question Of Time bis so ein monumentales Werk den Markt eroberte. Der Titel „Monument“ ist Programm: Fast so groß wie der Stapel an LPs, den die Band irgendwann mal hinterlassen wird, voller Bilder, Interviews, Magazin- , LP/CD-Covern und doppelseitigen Nahaufnahmen der Bandmitglieder. Keine Condemnation, vielmehr Enjoy The Umblättern!

Der Leser ist Museumsbesucher. Große Sonderausstellung zum 37jährigen Bandjubiläum von Depeche Mode! Erleben Sie die Band, in privaten Momenten, lesen Sie, was Wegbereiter und andere Fans zu berichten wissen! Mittendrin im Geschehen und nicht Behind The Wheel. Ein lebendiges Museum von vier Jahrzehnten Popgeschichte. Über vierhundert Seiten Bilder For The Masses, eine bunte Celebration, die jeden Fans schreien lässt I Want You Now.

Für Fans der ersten Stunde ist es streckenweise erstaunlich, was man alles schon mit der Band erlebt und eventuell schon wieder vergessen hat. Die ersten Bühnenoutfits, schon allein über Martin Gores Garderobe könnte man ein nicht minder monumentales Werk gestalten, Schwarz-Weiß-Bilder der Gegend, aus denen Dave Gahan, Andy Fletcher und Vince Clarke stammen, markieren nicht nur den Ausgangspunkt für eine der weltweit erfolgreichsten Bands, sondern weisen schon den Weg, den das Buch einschlagen wird. Mit jeder Seite mehr taucht man tiefer ein ins Universum der Synthi-Pop-Helden. Schonungslos offen auch der Umgang mit dem traurigen Kapitel als die Band vor ein paar Jahren fast vor dem Aus stand. Dave Gahan war erkrankt, dem Tode nah, ein überlebter Drogenexzess öffnet ihm die Augen. Seitdem kennt die Band nur einen Weg: Den nach oben. Immer weiter.

Es gibt vielleicht nur ein paar noch praktizierende Bands, denen ein Buch von diesen Ausmaßen zusteht: Klar, die Rolling Stones, U2 sicher, Metallica gehören auch fest in diesen erlauchten Kreis. Dann wird’s schon schwierig eine Band zu benennen, die so lange einen so großen weltweiten Erfolg aufweisen kann. Und diesen Erfolg mit einem Buch zu bildgewaltig präsentieren darf. Preiswerter als jede Konzertkarte, langlebiger als das komplette Musikwerk ist „Monument“ das, was es vorgibt zu sein. Nämlich die kiloschwere Historie einer Band, die den Modestil nicht nur einer Generation beeinflusst hat, deren Musik schon nach wenigen Takten eindeutig als Depeche-Mode-Sound zu erkennen ist, und die es immer wieder schafft Fans und Kritiker zu überzeugen und neue Fans zu erobern. Dieses Buch will nicht erobert werden. Das passiert einfach so! Als Meister der Maxiversionen – ja, das gab es einmal – lautet der Untertitel natürlich auch „Limited extended version“. Die Maxi von „Shake The Disease“ war eine Viertelstunde lang. Das ist man in diesem Buch vielleicht gerademal auf Seite Dreißig. Bis man mit dem Buch „durch ist“, kann man also noch die gesammelten musikalischen Werke der Band von 1980 bis zur Jahrtausendwende hören. Und blättern und blättern und schwelgen und träumen und …

Der Felsengarten – Stimmen der Aran-Inseln

Drei Inseln gehören zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, in der Galway Bay. Hier ist das Leben noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Nur ein paar mehr als tausend Menschen leben hier. Fischfang ernährt sie. Der Pub ist gut besucht. Als Doc oder Polizist hat man es schwer, denn Anrufe kommen stets bei Nacht. Und dann muss man raus, egal bei welchem Wetter. Wenn man dann auf eine andere Insel muss, der Sturm ein rauschendes Fest feiert, ist es mit den paradiesischen Zuständen vorbei.

McHugh ist der örtliche Doc. In seinem Haus kurieren sich die Besserverdienenden aus. So auch John Michael Flaherty. Seit einem Unfall ist er da. Was warm, weiß er nicht mehr. Oder er will es nicht mehr wissen. Viel Mühe sich zu erinnern gibt er sich allerdings auch nicht. Das lässt McHugh verzweifeln. Flahertys Frau Peig besucht John Michael regelmäßig. Immer wieder das gleiche Spiel, nix Neues. McHugh gibt John Michael fast schon auf. Peig ist sich unschlüssig.

Ihr Hochzeitstag, ein Anlass, der hier auf den Inseln ab dem zehnten Jubiläum kaum noch wahrgenommen wird, ist fester Bestandteil ihres Jahresplans. Selbstverständlich besucht sie John Michael, … und genau so selbstverständlich wird McHugh wieder Fragen stellen. Wie war das damals? Nach dem Unfall? Irgendwelche Erinnerungen? Und Peig weiß nix Neues zu berichten. Genauso wie John Michael, der die Fragestunde viel öfter erleben muss. McHugh … naja der muss nun beiden die Fragen stellen … und auch er bekommt keine Antworten. Nur eine Geschichte von vielen, die in der Abgeschiedenheit der Galway Bay spielt, die in Wirklichkeit am Festland zu den Anziehungspunkten für Touristen schlechthin zählt.

Man spricht gern von Irlands rauhen Küsten. Ein besonderer Menschenschlag wohnt hier. Fortschritt bedeutet hier nicht immer das gleiche wie auf dem Festland. Veränderungen werden erstmal und für eine sehr lange Zeit misstrauisch beäugt. Und hier im scheinbaren Paradies lässt Leo Daly seine Helden die Hölle durchlaufen…

„Der Felsengarten“ ist ein ruhiges Buch, das bereits vor drei Jahrzehnten geschrieben wurde und nun endlich dank der Übersetzung von Chris Inken Soppa auf Deutsch erhältlich ist. Wenn man oft von den so genannten kleinen Büchern spricht, darf man nicht den Fehler begehen, dass dieses Buch wegen seiner äußerlichen Unscheinbarkeit dazugehört. Große Gefühle wechseln sich mit eingehenden Momentaufnahmen der schroffen Landschaft der Aran-Inseln ab.

Irland gehört seit Jahren schon zu den Top Ten der Reiseziele. Die Aran-Inseln sind immer noch ein Geheimtipp, den man, wie man in diesem immer noch aktuellen Buch wunderbar nachlesen kann, in Ehren halten sollte. Denn sonst würden solche Geschichten für immer verschwinden…

Agatha Christie – Die Autobiographie

Da sitzt sie nun zwischen all ihren Leichen, die sie in so vielen Jahren um die Ecke und unters Volk gebracht hat. Ein leicht erstaunter und zufriedener Blick. Und vor ihr schon die nächsten Mordpläne, die sie in die Mordmaschine einhämmern wird. Wenn man dem geflügelten Wort folgen darf, schreib worüber Du Bescheid weißt, wird einem angst und bange vor den folgenden über selbstverfassten sechshundert Seiten über das Leben von Agatha Christie.

Denn Leben und Werk der Queen of crime sind an Spannung kaum auseinander zu halten. Zwei Tage vor dem Nikolausfest des Jahrs 1926 verließ sie ihr Haus und kam erst eine reichliche Woche vor Weihnachten wieder. Elf Tage war sie weg. Eine Lücke im Leben der Agatha Christie, deren Rätsle bis heute nicht geklärt ist, die weder eine schrullige Meisterdetektivin und ein blasierter Meisterdetektiv lösen konnten. Und was macht Madame? Sie hüllt sich in Schweigen. Selbst diese Autobiographie lässt es nur zu, dass man spekuliert. Die Zeitungen von damals überschlugen sich. Ehekrach – Mord – Flucht im Affekt – Publicity-Gag? Naja, Mord war es auf jeden Fall schon mal nicht! Fakt ist, dass ihr Bekanntheitsgrad danach unerkannte Höhen erreichte.

Beim ersten Durchblättern – wenn man den Bildteil in der Buchmitte für sich erkundet – fällt auf, dass Verzicht, materieller Verzicht, nicht zum Heranwachsen der Agatha Mary Clarissa Miller gehörte. Haus, Garten, Haustiere, gebildete Eltern: Die Grundlagen waren schon mal gesät. Ihr erster Mann Archibald gab ihr seinen Namen, der schon bald eine Weltkarriere machen sollte: Christie.

Doch die Ehe hielt nicht. Erst mit Max Mallowman wurde Agatha Christies Leben perfekt. Vierzehn Jahre jünger war der Archäologe. Doch er zeigte ihr nicht nur sprichwörtlich, sondern wortwörtlich die Welt. „Unser Haus in Bagdad“ lautet die Bildunterschrift unter einem der Bilder im Buch. Nur eine Station des reiselustigen Ehepaares.

Ganz so viele Wendungen wie in ihren Romanen kann sie in ihrem eigenen Leben nicht vorweisen – das wäre aber auch zu viel des Guten. Aber wer 85 Jahre lebt, hat einiges zu erzählen. Und jedes einzelne Jahr ist wirklich erzählenswert. Wer diese Autobiographie zum Anlass nimmt Agatha Christies Bücher noch einmal zu lesen, katapultiert sich in ein neues Universum. Denn nun wird klar, woher ihr Ideenreichtum stammt. Wenn Hercule Poirot den Mordverdächtigen so leidenschaftlich und detailreich sein Wissen über alte Kulturen mitteilt, muss man schmunzeln, wenn man an die Zeit der Autorin an den Ufern des Tigris liest. Aha, auch der grandiose Ermittler bekam sein Graue-Zellen-Futter von einer Frau. Die Autobiographie ist kein Krimi, es ist das wahre Leben. Allerdings einer mehr als ungewöhnlichen Frau.

Das alte Böse

Wie nähert man sich einem Roman, der „Das alte Böse“ heißt? Mit Humor? Die alte Böse, muss es heißen, und die ist tot. Oder doch mit freudiger Erwartung? So wie Brian, der im Internet Estelle kennengelernt hat. Die lässt sich von ihrem Enkel Stephen zum Rendezvous chauffieren. Enkel? Internet-Dating-Portal? Moment, wie alt sind die beiden denn? Sagen wir es so: Sie sind in der Mitte zwischen einer dreistelligen Altersangabe und dem Renteneintrittsalter. Und sie heißen eigentlich Betty und Roy. Und sie sind alt. Und einer von beiden (oder doch beide?) ist böse!

Schnell macht Autor Nicholas Searle klar, wer hier Dreck am Stecken hat: Brian aka Roy. Und zwar richtig viel Dreck. So viel, dass er schon gar nicht mehr zu entfernen ist. Der Dreck.

Enkel Stephen steht der Liaison der beiden skeptisch gegenüber. Auch und gerade, weil sie doch ziemlich schnell auch räumlich zueinander finden. Roy zieht bei Betty ein. Roy bemerkt die unterschwellige Feindseligkeit Stephens mit jedem Wort, das die beiden wechseln. Doch sowohl Roy als auch Stephen halten mit ihren wahren Gefühlen dem anderen gegenüber hinterm Berg.

Betty ist die mit dem Geld in der Beziehung, Roy hat zwar auch was zurückgelegt, ist aber bei Weitem nicht so vermögend wie Betty. Er kommt allerdings permanent an sein Geld ran, während sie es fest angelegt hat. Und Stephen? Der ist mit seiner Forschung genug beschäftigt. Er ist Historiker und mit den Gedanken immer ein paar Jahrhunderte zurück.

In nicht ganz vollendeten Rückblenden offenbart Nicholas Searle dem Leser die nicht ganz einwandfreie des windigen Roys. Schnelles Geld mit zwielichtigen Leuten, doch immer vorsichtig, dass ihm niemand auf die Schliche kommt. So ist Roy, so war er. Roy scheint geläutert. Hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Vereinzelte Kontakte mit der alten Gang sind der klägliche Rest mit dem vergangenen Roy. Vincent ist derjenige, den Roy immer noch regelmäßig trifft. Er ist sein „Finanzberater“, einer der auch Betty Finanzen zur Vermehrung antreiben kann.

Und Betty? Betty ist die Liebenswürdigkeit in Person. Harmlos. Freundlich. Generös. Wird sie am Ende von Roy nur ausgenutzt? Setzt er sich ins gemachte Nest der distinguierten freundlichen alten Dame? Oder will er nur an ihr Geld? Mittlerweile ist Roy dem Leser immer unsympathischer geworden. Betrug und Verrat sind noch die am wenigsten unanständigen Dinge, die er auf dem Kerbholz hat. Auf der anderen Seite (eigentlich ist es ja die gleiche Seite – schließlich dreht sich bei Roy immer alles nur um Roy) ist er ein echter Glückspilz. Sein ganzes Leben lang ist er lediglich mit ein paar Blessuren davon gekommen. Doch sein Leben ist noch nicht zu Ende.

Nicholas Searle lässt den Leser bis zum Schluss zappeln. Kapitel für Kapitel versucht man das Rätsel um Roy und um seine Beziehung zu Betty zu ergründen. Die Auflösung verbirgt sich hinter dichten Nebelschwaden. Und wenn sie zutage tritt, ist man mehr als überrascht. Grandioses Finale furioso!

Thomas & Mary

Ein Roman für die ganze Familie. Für die zerbrechende Familie? Für die heile Familie? Für Sie. Für ihn. Tim Parks schickt seine Leser auf einen Seelenstriptease, der von außen gesehen und gesteuert wird. Denn Thomas und Mary erkennen viel zu spät, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Und wenn doch, dann sind es Strohfeuer, die eher einer Reminiszenz an die „gute, alte Zeit“ gleichen.

Scheidungsromane sind meistens für Frauen geschrieben – Achtung Vorurteil! Männer kommen in der Regel ganz schlecht weg. Und sind einmal die Frauen schuld, dann auch zurecht. Tim Parks lässt von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass hier zwei Schuldige auf der literarischen Anklagebank sitzen: Jeder hat schon mal in seiner Firma einen Vorgesetzten gehabt, der allzu gern mit dem Handrücken der einen Hand permanent und lautstark in die hohle Handinnenfläche schlagend die – meist richtige – Aufforderung hinausposaunt: „Kommunikation!“. Meist sind es die, die immer davon ausgehen, dass alle wissen sollten, was zu tun und zu lassen ist. Da kann man sich als Chef hinterher viel besser aufregen, wenn es mal nicht so ist… Thomas und Mary sind diejenigen, die wissen sollten, was geht und was nicht geht. Kleine Aufmerksamkeiten für den Anderen gibt es schon lange nicht mehr. Haus, Kinder (je eines von jedem Geschlecht), Hund, Job. Alles da, was man braucht um zufrieden zu sein. Materiell mag das stimmen. Doch eine Ehe, ein Zusammenleben fußt doch nicht auf materiellen Dingen!

Wenn dann allerdings bei der Arbeit auch noch alles aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Ärger im Privaten vorprogrammiert. Besonders, wenn Kollegen einem richtig ans Herz bzw. in Thomas‘ Fall an die Hose gewachsen sind. Er hat eine Affäre. Ist er doch an allem schuld?

Das unaufgeregte Sezieren des langsamen Zerfalls von Thomas & Mary in Thomas und Mary ist eine Kunst, die Tim Parks vortrefflich beherrscht. Man kann keinem der beiden einen echten Vorwurf machen. Mit geschlossenen Augen entfliehen beide gleichermaßen der Realität, nicht um ins Unglück zu stürzen, sondern festzustellen, dass in der Langsamkeit eine gewisse Art Lösung ihrer Probleme steckt. Mary wie Thomas handeln nicht übereilt. Weder Lügenberge noch entwaffnende Ehrlichkeit verletzen den jeweils anderen. Ihre Kinder Mark und Sally haben schon längst vor ihren Erzeugern bemerkt, dass die Ehe nur noch auf dem Papier besteht. Doch es ist nicht ihre Aufgabe die Brüche zu kitten. Das sollen die Eltern mal selber machen! Sofern sie es denn wollen…