Archiv der Kategorie: Literally Britain

Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

In extremis

Thomas Sanders ist siebenundfünfzig Jahre alt, Physiotherapeut, und in drei Jahren erreicht er das Alter, in dem sein Vater starb. In absehbarer Zeit wird auch seine Mutter nicht mehr da sein. Und in ein paar Minuten muss er einen Vortrag halten. Die Blase drückt, er kann nicht Wasser lassen, seine Schwester simst ihm, dass es mit Mutter rapide bergab geht – es gab schon besser Zeiten im Leben von Thomas Sanders. Und dass ihm ein Physiotherapeut auch noch mit dem Finger am bzw. im verlängerten Rücken rumstochert, um die Schmerzen zu lösen (was allerdings das Gegenteil bewirkt), macht die ganze Situation nicht besser.

Den Vortrag hat er gut über die Bühne gebracht, an die Schmerzen hat er sich gewöhnt. Der Flug in die alte Heimat ist das nächste große Ziel. Freundin Elsa im mittlerweile heimischen Madrid fehlt ihm, und er fehlt ihr. Die Reise, um sich von seiner Mutter verabschieden zu können, wird eine Reise in sein Innerstes. Kaum in England gelandet, melden sich alle, die seine englische Telefonnummer noch haben. Deborah. Ihr Sohn hat Dave, ihren baldigen Mann ordentlich verprügelt. Ob Thomas nicht mal mit ihm reden könne? Die beiden hatten doch immer einen so guten Draht zueinander. Seine Schwester. Thomas solle sich beeilen. Mutter spuckt Blut. Als er schon unterwegs zum Hospiz ist, fällt seiner Schwester ein, dass Mutter verlegt wurde. Während eines Arzttermins wurde einfach ihr Zimmer weitervermietet. Ob Thomas noch rechtzeitig kommt? Es ist nicht der Abschied an sich, der ihn ins Schwitzen bringt. Auch nicht die Hetzerei, schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Es ist eine Sache, die ihm schon länger auf der Seele brennt. Er muss vor dem letzten Good bye noch einmal mit Mutter reden. Sich ihre Absolution holen.

Als er vor seiner Mutter steht, fällt ihm die Entscheidung plötzlich ganz einfach. Er wird schweigen. Die Absolution ist im Angesicht des verfallenden Körpers seiner Mutter obsolet. Nur er allein muss und kann mit den ihm umtreibenden Zweifeln umgehen. Etwas Entspannung wurde jetzt gut tun. Im Kopf als auch in der Blase. Doch es kommt anders. Charlie, Deborahs Sohn ist verschwunden. Und Dave, ihr Mann, der gern mal „auswärts isst“, liegt mittlerweile im Krankenhaus. Tablettenvergiftung.

Thomas und Dave verbindet ein Geheimnis. Eines, das Charlie vielleicht sogar kennt, zumindest hat er eine Ahnung seitdem er den Email-Account von Dave gehackt hat. Thomas, frisch getrennt und noch frischer verliebt, gerade Vollwaise geworden mit einem schmerzhaften Problem in der Mitte seines Körpers sitzt gleich zwischen mehreren Stühlen. Unbequemer kann ein Leben nicht sein.

Tim Parks komprimiert die Geschehnisse eines überschaubaren Zeitraums (es sind nur ein paar Tage) in einen über vierhundert Seiten langen Roman. Man braucht Geduld, um sich über die Ziele des Autors klar zu werden. Ist man aber einmal in der Geschichte drin, lässt sie einen nicht mehr los. Intelligent, voll bissigem Humor, der besonders in hintersinnigen und derben Vergleichen zum Vorschein kommt, wird man auf eine Reise geschickt, die gar nicht so abwegig erscheint. Alle Personen sind zwar Fiktion, doch aus dem Leben gegriffen. Eine Anleitung zum Handeln in besonderen Situationen. Die Familie ist der Ort, an dem Lösungen gefunden werden. So unterschiedlich alle sind, so stark ist ihr Gemeinsinn füreinander ausgeprägt. Jedes reden darüber stärkt dieses Gemeinschaftsgefühl. Komme, was da wolle. Mag die Situation auch noch so extrem, oder gar in extremis sein.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Charley Moon

Little Summerford – die Dreifarbigkeit des Paradieses: Gold-gelbe Äpfel, grüner rasen und blaue Bäche. Hier wächst Charley Moon auf. Ein besonderes Kind. Artistisch im Herzen und gewieft sich vor alltäglicher Arbeit zu drücken. Phantasievoll und herzensgut. Und ein bisschen in Rose verliebt. Ihrer Oma gehört der Kramladen in dieser Idylle, die niemanden loslässt. Und wenn doch einmal einer loslassen sollte, ziehen ihn die Heimatstricke wieder zurück…

In dieser Idylle wächst Charley Moon auf. Seine Familie gehört zum Inventar des Dorfes wie die Mühle, in der er wohnt. Vom Geldverdienen verstand seine Familie noch nie viel. Charley begeistert durch sein Talent. Bei Theateraufführungen spielt er stets die erste Geige. Als eines Tages – Charley ist schon längst kein kleiner Junge mehr – ein Theaterschauspieler in dem verschlafenen Nest festsitzt, beeindruckt ihn Charleys Bühnenpräsenz. Selbst auf dem absteigenden Ast fasst er rasch den Entschluss zusammen mit Charley die Provinzbühnen Britanniens zu erobern. Der Plan gelingt. Armytage und Moon sind beliebte Gäste auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch Freunde raten ihm Armytage abzustoßen. Der versuche nur seine Haut zu retten und mit armseligen Engagements seinen Namen verzweifelt in den Gazetten zu halten.

Ein paar Jahre später ist Charley Moon eine Größe im Theaterbusiness. Little Summerford ist weit weg. Auch die Unbekümmertheit ist verflogen. Little Summerford von Charley geleugnet, aus seinem Herzen gestrichen. Regelmäßig schreibt Rose ihm noch. Doch Charley ist verbittert, antwortet nicht.

Die Jahre vergehen. Und Charley merkt immer mehr, dass der Ruhm schneller verschwindet als er gekommen war. Heuchelei und Missgunst gehen ihm immer mehr gegen den Strich. Fast schon reumütig kehrt er dahin zurück, wo er Charley Moon sein darf. Ganz ohne Skript, ohne Maske, ohne Schaupiel.

Reginald Arkell gibt der Sehnsucht Zucker. So süß wie Erdbeermarmelade auf Toast liebkosen seine Zeilen die Phantasie des Lesers. Die heile Welt hat einen Namen: Little Summerford. Rose und Charley sind die Zutaten für ein Gericht, das als paradiesisch anzusehen ist. Die Verkommenheit der Geschäfts stört Charley so lange nicht wie er Erfolg hat. Doch die harten Schläge in die Flanken fordern immer – je öfter sie ihn treffen – ihren Tribut. Auf der Sonnenseite des Lebens gibt es keine Schatten. Und so darf Charley, der nie jemandem etwas Böses angetan hat, schlussendlich wieder Einzug ins Paradies halten. Auch wenn die Geier vor den Toren des Dorfes schon warten…

Hotel Grand Babylon

Vier Unikate treffen im Londoner Hotel Grand Babylon aufeinander. Zum Einen der stinkreiche Theodor Racksole. Als er einen Angel Kiss bestellt, weist ihn Jules, der Oberkellner – Original Nummer Zwei – darauf hin, dass amerikanische Drinks hier nicht serviert werden. Racksole diktiert ihm das Rezept und weist wiederum darauf hin, dass er gewillt sei, ihn – so lange das Wetter so bleibt wie es ist – er vor habe diesen Drink nun jeden Abend zu sich nehmen zu wollen. Kurze Zeit später berichtet er Miss Spencer – die Dritte im Bunde – der Empfangschefin. An vierter Stelle rangiert Mr. Rocco, der Küchenchef des exklusiven Hotels.

Racksole ist mit seiner Tochter Nella ist London, um sich von seinen ertragreichen Eisenbahngeschäften zu erholen. Wenn man ihn – wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – googeln könnte, würde man ihn auf der Forbes-Liste der drei reichsten Männer der Welt ungefähr in den Sphären von Bill Gates finden können. Nella hat am nächsten Tag Geburtstag und wünscht sich nichts sehnlicher als ein ordinäres Steak mit Bier. Hier kommt wieder Jules ins Spiel, der mit überaus gewohnter Oberkellnerart dem überaus reichen Gast erneut mitteilen muss, dass Steak und Bier nicht auf der Karte stehen. Doch Mr. Rocco wird sich des Wunsches annehmen. Racksole ist angefressen. Dieses Zurechtweisen missfällt ihm. Ein Gespräch mit Felix Babylon, Gründer, Erbauer und immer noch Chef des Hauses, soll da Abhilfe schaffen. Um es kurz zu machen: Racksole kauft das Hotel, Babs – wie ihn hinter vorgehaltener Hand nur Jules, Mr. Rocco und Miss Spencer nennen – verweist auf die Risiken des Kaufes. Racksole, ganz Amerikaner, wischt diese wohlgemeinten Ratschläge beiseite. Nella bekommt ihr Steak und ihr Bier. Und Racksole macht die Bekanntschaft von Reginald Dimmock, den Nella eingeladen hat. Er ist ein Freund von Prinz Aribert von Posen, einem der vielen adeligen Gäste des Hauses, die das Grand Babylon zum Grand Babylon machen.

Doch kaum, dass die Tinte auf dem Kaufvertrag trocken ist, zeigen sich erste Anzeichen des Niedergangs des Grand Babylon. Miss Spencer ist fort. Einfach so. Keiner weiß, wohin sie geflüchtet sein könnte. Und Racksole sieht nun die Chance gekommen, dem blassierten Jules die Leviten zu lesen und ihn mit einem Lächeln vor die Tür zu setzen. Doch der nimmt die fristlose Entlassung regungslos hin. Er habe, was er zum Leben als Privatier brauche bereits zusammen. Mr. Rocco ist es egal wer ihn bezahlt. Dass Racksole sein Gehalt aufstockt, juckt ihn nicht besonders. Er würde immer und überall eine Anstellung finden.

Racksole ist nun Hotelbesitzer. Und mit dem Prinzen Aribert von Posen steht auch schon der erste Adelige auf der Matte. Reginald Dimmock hat als rechte Hand schon alles vorbereitet. Der Prinz weilt in London, um seine bevorstehende Hochzeit „vorzubereiten“. Geschäfte und so. Wie man das halt macht, so als Prinz…

Doch dann ist Reginald Dimmock tot. Hatte Theodore Racksole bisher noch nie den Anflug von Scheitern zu Gesicht bekommen, so gibt es die Situation nun einmal vor, dass er etwas Neues zu lernen bereit sein sollte. Pistole raus und einfach drauf losfeuern, is nich. Vertraute hat er nicht, außer Nella. Doch die ist mittlerweile von der Idee beseelt eine zweite Miss Spencer zu werden.

Das Grand Babylon gab es nur in der Phantasie von Arnold Bennett. Doch die Parallelen zum Savoy in London, zu einem Skandal im gleichen Haus sind nicht von der Hand zu weisen. Hundertprozentig real ist hingegen der Wortwitz, der aus jedem Wort, jeder Silbe, jedem Buchstaben quillt. Ein Luxushotel wird eben doch nur von Menschen geleitet. Und die sind so verschieden, dass weder Pracht noch Exklusivität etwas daran ändern können.

Verrat

In Bridget O’Neills  Gedanken spiegelt sich das gesamte Leid Irlands wieder. Ein geteiltes Land, hirnverbrannte Kinder der Insel bomben und morden sich bis zum zu erwartenden Ende, Familien werden im Hass zerrissen und zusammengeschweißt. In ihrem Dorf herrscht Tristesse. Als sie in jungen Jahren Francis kennenlernt, ist er ihre Chance. Denkt sie. Eigentlich hat sie alle Qualifikationen, um auf die Uni zu gehen, ihr Dorf zu verlassen und ein „normales Leben“ führen zu können. Doch das Glück mit Francis ist ihr näher.

Doch Francis ist wie so viele junge Männer Mitglied der Republikanischen Armee. Keiner, der ab und zu mal „ein krummes Ding dreht“. Die Offiziere bedienen sich gern des skrupellosen Killers. Wird’s knifflig, ist Francis ihr Mann. So verrinnen die Jahre, Bridget und Francis wachsen zusammen. Auf einer Reise nach Singapur, zur Hochzeit von Freunden, wird Bridget ihr elendes Leben klar. Was hätte sie nicht alles werden können? Wozu das Bomben, das Morden?

Sie trifft Sarah, die von ihrer Firma zu einem Meeting nach Singapur geschickt wurde. Die beiden sind froh jemanden gefunden zu haben, der sie vom Alltag, von ihren Gedanken ein wenig ablenken kann. Sie beschließen in Kontakt zu bleiben. Denn plötzlich will Francis noch vor der Hochzeit der Freunde wieder abreisen. Bridget ist irritiert. Was sie nicht weiß, ist, dass Francis in Singapur abgefangen wurde. Man wollte ihn umdrehen. Weglocken vom Kampf, die Gefährten verraten. Doch Francis ist verbohrt, fanatisch.

Zuhause ist Irland spitzt sich die Lage zu. Liam, Francis‘ jüngerer Bruder, bietet sich scheinbar den Prod (den Protestanten) an, um Informationen über Francis‘ Hintermänner zu liefern. Auch ein Jahr nach Singapur stehen Bridget und Sarah noch in Kontakt. Sarah bietet Bridget an mit ihr nach Frankreich zu fliegen. Ihren Bonus zu verprassen. Bridget riecht den Braten, doch jahrelanges Lieber-Den-Mund-Halten lässt sie lieber erstmal abwarten.

Die Katze ist aus dem Sack: Francis ist in Gefahr. Die eigenen Leute vertrauen ihm nicht mehr. Sarah ist Agentin und Bridget mittendrin. Seit ihrer Kindheit hält man sich – besonders als Frau – aus der Sache der Männer, dem Kampf um ein geeintes Irland heraus. Nun steckt sie mitten im Schlamassel.

Francis muss wieder an die Front, von der er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Doch Liams Verrat und Tod zwingen ihn zu diesem Schritt. Die erste Aktion verläuft einwandfrei. Die Zweite auch, nur dieses Mal verläuft die für die Gegenseite einwandfrei. Francis wird verhaftet. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Ebenso die Verräter…

Nicholas Searle beschreibt nicht das Irland, in dem man „Sunday bloody Sunday“ vor sich hin summt, über das „Belfast child“ sinniert oder „Zombie“ verflucht. Es ist das Irland der Familien, die in einem Land leben, dass innerlich zu eng miteinander verwoben ist und doch die tiefsten Gräben aufweist. Manchen gelingt der Ausbruch aus dieser Welt. Aber zu welchem Preis?

Immer Ärger mit Harry

Das Verhältnis Vier zu Eins scheint eine besondere Anziehungskraft auf Autoren zu haben. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ oder „Vier Frauen und ein Mord“ sind erfolgreiche Filme, die noch immer für zufriedenstellende Einschaltquoten gut sind. Nur ein „Vier zu Eins“-Buch Schrägstrich Film kommt immer ein bisschen zu kurz: „Immer Ärger mit Harry“. Das ändert sich nun, zum Glück für den Leser, den Cineasten, den Liebhaber bitterböser Satiren.

Alfred Hitchcock hatte sich den Stoff ausgesucht, um einen seiner ungewöhnlichsten Filme zu drehen. Die Vorlage ist nun erstmals in deutscher Übersetzung zu erhalten. Jack Trevor Story, es ist nicht das „Making Of“ zum Film, sondern der Name des Autors, muss beim Schreiben der witzigsten Mörderjagd der Literaturgeschichte einen Lachkrampf nach dem anderen bekommen haben.

Der vierjährige Abie stromert durch die Umgebung seines Dorfes. Das Spielzeuggewehr geschultert robbt er durchs Farn und … entdeckt eine Leiche. Hat er … nein, kann doch gar nicht … oder doch? Kurz vorher hat er zwei Schüsse vernommen, die ihn vor Schreck fast in die Hosen machen ließen. Die Schüsse kamen Captain Wiles. Er hat als Kapitän allerdings nie die große weite Welt gesehen, nur eher Flussufer. Er war auf der Jagd. Man hatte ihn schon einmal ver- vor allem aber gewarnt, dass seine Schießkünste für Andere einmal gefährlich werden könnten. Nun scheinen die Warner Recht zu bekommen, oder doch nicht?

Im Laufe der Zeit gesellen sich immer mehr Menschen zu der illustren Gesellschaft hinzu. Der Tote, den gibt es wirklich, ganz ohne jeden Zweifel erhaben, ist Harry. Auf den ersten Blick liegt er ganz entspannt im Gras, genießt die Sommerluft und lässt sich von den Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln. Nur das Blut, das aus seinem Kopf strömt, stört die Idylle.

Fakt ist auch: Der Tote muss weg! Und je mehr Leute hinzukommen, um den Toten zu sehen oder verschwinden zu lassen, oder zu beobachten, wer denn nun noch vorbeikommt, desto größer wird der Kreis der Verdächtigen. Als Leser zappelt man quietschvergnügt auf dem Allerwertesten herum, um zu erfahren, wer denn sonst als Mörder in Frage kommt, und wie es den anderen gelingt weitere Theorien zu entwickeln. Ein Schneeballsystem der Verdächtigungen, Verdächtigen, Vertuscher, Angstgebadeten und Unschuldigen, die sich jedoch keineswegs so benehmen.

Das Buch ist fast siebzig Jahre alt, der Film nur wenige Jahre jünger. Und noch immer fasziniert jede Zeile, weil es der Autor schafft dem Leser am Schlafittchen zu packen und ihn mit aller Macht in dieses Buch hineinzieht. Wer war’s denn nun? Wer hat Harry auf dem Gewissen? Und warum? Immer wieder stellt man sich diese Fragen, blättert fieberhaft weiter, lässt sich ins Dickicht der verdächtigen hineinziehen, um schlussendlich festzustellen, dass …