Archiv der Kategorie: Links und rechts der Adria

La cucina veneziana

Denkt man sich die Touristenmassen, den Schifffahrtswahnsinn und die zahlreichen Besucherfallen in der Lagunenstadt weg, bleibt die Essenz der Serenissima übrig. Und die wird am Mittagstisch oder beim Dinner deutlich: Vielfältig, delikat, schmackhaft und ein bisschen anders als in Mailand, Rom und Neapel. Schon früh erkannten die Stadtväter, insbesondere der Doge, dass die kulturelle Vielfalt einen Mehrwert in jeglicher Hinsicht darstellte. Deswegen erließen sie ein Gesetz, dass jeder zugeriesten Kultur es erlaubte eine Besonderheit ihrer angestammten Provenienz beizubehalten. Wie weitsichtig, bis in die heutige Zeit – nachahmenswert. Und so kommt es, dass auf venezianischen Tellern eben nicht nur Erzeugnisse aus der Region die Sinne erfreuen, sondern auch Exotisches in der Lagunenstadt als „Eigengewächs“ die Phantasie anregt. Gerd Wolfgang Sievers hat sich davon anstecken lassen. Er ist für die Lesedauer des Buches der wissende Connaisseur für den Leser, den Feinschmecker, den Besucher der Stadt.

„La cucina veneziana“ ist bei seinen Recherchen aber keineswegs ein reines Kochbuch geworden. Dieses Buch ist der kulturelle Rundumschlag zu Tische! Den Brückenschlag zwischen den Welten der Erde haben die Venezianer selbst gelegt. Als Großmacht des Mittelalters befuhren zahllose Schiffe die Meere und brachten aus aller Herren Ländern Gewürze, Pflanzen und Kräuter mit in Lagunenstadt. Der Autor hat die (mittlerweile wieder neu erworbenen) Erkenntnisse in diesem Buch zusammengefasst. Und so darf man von der Couch aus, vom Küchentisch aus, an Schneidebrett und Küchenmaschine Venedig aus der Ferne schon einmal vorentdecken. Denn eines steht fest: Wer nach dem Genuss dieses Buches und auch nur eines der darin beschriebenen Gerichte nicht sofort ans nördliche Ende der Adria will, darf sich nie wieder Genießer nennen!

Mit einem (oder gleich mehreren) Ciccheti beginnt die kulinarische Reise in die Stadt von Commissario Brunetti. Geröstete Scheiben Brot, die reich belegt den Mundraum mit Aromen erfüllen. Oder wie wäre es mit einem Insalata die Dogi? Mit Spargel, Garnelen und feinstem Olivenöl? Bevor Gerd Wolfgang Sievers das Rezept zum Besten gibt, verweist er den Leser auf die Schulbank. Doch kein erhobener Zeigefinger trübt die Aussicht auf ein leckeres Mahl, vielmehr ist es ein spannungsgeladener Ausflug in die Geschichte. Ein Appetitanreger, der primo piatti und secondi piatti sehnsüchtig herbeiruft. Die kommen in Gestalt von frittata di San Marco, Bigoli con salsa und natürlich risotto daher. Risotto alla sbirraglia, risotto de gò, risotto co le sécole etc. Und wenn man so richtig eingestiegen ist in die Kulinarik Venedigs verzaubern Bodoletti all muranese, Seppie col nero oder Tettine alla venexiana den immer noch appetitheischenden Gast. Auf dem heimweg schwärmt man immer noch von Fave die morti, Sprumiglie oder Baicoli.  Ein hartes Los, wenn man nur davon liest. Ein wenig abgemildert durch die ausführlichen Einleitungen des Autors zur Herkunft dieser Speisen. Heilung verspricht da nur eine Reise an die Kochtöpfe Venedigs. Adressen hat Gerd Wolfgang Sievers wohlwissend gleich beigefügt.

Es sind Bücher wie diese, die die Sehnsucht nach dem Süden schüren und sie zugleich zu bändigen wissen. Detailreich und mit jeder Silbe nachvollziehbar, bereichert der Autor die Faszination für eine Stadt, die jährliche das Zigfache ihrer Einwohnerzahl als Touristen ertragen muss. Nur wer sucht, wird das Venedig aus diesem Buch finden. Allerdings hat jeder Besucher nun dank dieses Buches die Möglichkeit dazu.

Grado abseits der Pfade

Städtetouren haben immer das Image, dass es bei oberflächlicher Betrachtung hektisch werden könnte. Straßenlärm, geschäftiges Markttreiben, eine lautstarke Glocke von Stimmenwirrwarr deckt die Passanten ein. Da wünscht man sich einen Ort ganz in der Nähe herbei, der ein wenig Kontrast, ein wenig Abwechslung bietet. Nun ist beispielsweise Triest sicher keine Stadt, in der man im Wust der Masse unterzugehen droht. Dennoch hat sie ein Kleinod „vor den Toren“, dass sich das Prädikat „besonders erholsam mit allen Sinnen“ redlich verdient. Die Rede ist von Grado.

Michael Dangl kennt die Sonneninsel, die auch gern die Goldinsel genannt wird, am äußersten Rand des Golfs von Venedig wie seine Westentasche. Und so plaudert er ein wenig über seine Sehnsucht. Keine zehntausend Einwohner, dafür voller Geschichten und reich an Hinguckern links und rechts der Pfade.

Eine Insel im Meer, eine Insel nah am Festland, eine Insel zum Verlieben. Wenn die Fischer ihren Fang anpreisen, wird die Straße der Fischer, die Via Dandolo, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In der Bar Manzoni genießt man die Tramezzini wie sie traditioneller nicht sein könnten. Und das alles in Ruhe, ohne Straßenlärm. Denn Straßen gibt es hier nicht. Nur ein wenig weiter haben die Fischer des Ortes ihre Bar gefunden und plaudern bei dem einen oder anderen cubi, was anderswo als Weinschorle bekannt ist.

Klingt schon sehr nach Erholung und Ruhe. Im Buch ist es gerade mal das erste Kapitel, das man geschafft hat. Und es schafft neue Sehnsuchtsräume, die gefüllt werden wollen.

Es ist wahrhaft ein außergewöhnliche Reiseziel, diese Insel Grado.. Und Michael Dangl ist der passende Reiseleiter. Auch wenn seine Tipps auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken mögen. Zum Beispiel empfiehlt er einen Nachmittagsspaziergang auf der Friedhofsinsel La cove bei großer Nachmittagshitze zu beginnen. Über die Brücke der Maulbeerbäume schlendert man über einen beruhigten und beruhigenden Ort. In der Nase mal schwächer, mal stärker der Duft von Oleander. Was wie ein Filmtitel klingt, begleitet einen den ganzen Tag.

Selten zuvor wurden Reiseimpressionen und Reiseband so eindrucksvoll wie hier zusammengeführt. Michael Dangl wandert nicht durch eine Stadt, die ihre Schätze offendarlegt, sondern legt die Juwelen einer Stadt frei, die erobert werden will. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht weiß, wo anfangen und wo lang schreiten. Michael Dangls Buch schmeichelt allen Sinnen und führte jeden, der dieses Buch intensiv liest an Orte, die er ohne das Buch nie gefunden hätte.

Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Triest – Entdeckung einer Stadt

Urlaub in bella Italia – einst der Traum der großen weiten Welt. Heute ein echtes Dilemma, wenn Rom schon mehrmals na mehr als einem Tag erobert wurde. Wenn Mailands Grazie schnödem Shoppingwahn gewichen ist. Wenn Venedigs Kanäle schon längst keine Geheimnisse bergen. Wenn Neapel selbst Angsthasen keine Angst mehr einjagt. Wenn Florenz‘ Kultur als gegeben hingenommen wird. Es muss aber unbedingt wieder Italien sein! Nun, wohin? Wie wäre es mit einer Stadt, deren Name, wenn man ihn falsch ausspricht, so gar nicht ins Bild passt? Triest .. ist überhaupt nicht trist!

Ulrike Rauh liebt Italien. Sie liebt die Städte und ihre Umgebung. Und sie kennt sie wie kaum eine andere. Rom, Venedig, Neapel, Mailand, Verona hat sie beschrieben, fast schon besungen. Nun ist Triest nicht mehr vor ihr sicher. Und auch nicht vor ihrer Neugier. Als Leser lacht man sich ins Fäustchen. „Endlich neues Italofutter für die Seele!“. Ja, so ist es. Auf über einhundert Seiten heißt es nicht „Bonjour tristesse“, sondern „Boungiorno bella Triest“.

Hand in Hand mit James Joyce, Italo Svevo oder auch Rainer Maria Rilke bleibt der Autorin aber auch gar nichts verborgen. Ein Mehrwert für alle, die sich sofort in dieses Buch samt Stadt verlieben werden, ist jeder einzelne detaillierte Spaziergang inklusive der exakten Bezeichnung. Jede Straße, jedes Gebäude wirkt genau benannt und markiert, so dass man eigentlich schon gar nicht mehr nach Triest fahren müsste. Oder genau deswegen unbedingt besuchen muss. Letzteres trifft natürlich zu.

Es ist eine Wohltat mit Ulrike Rauh und ihrer unbändigen Affinität zu Fakten und ihrer leisen Erzählweise diese Stadt im Veneto zu erkunden. Auch wenn es hier Bestrebungen eines eigenen Staates gibt, kann hier der Multi-Kulti-Gedanke nicht vom Tisch gefegt werden. Slowenien in Spuckweite. Das Meer vor der eigenen Haustür. Kroatien zum Greifen nah. Italien auf der Zunge. Und Österreich im Herzen. Denn noch vor einem Jahrhundert waren Kaffeehäuser verbreiteter als Osterien, Triest ein fester royaler Bestandteil der Habsburger Monarchie, den man bis heute sieht und besichtigen kann.

Ulrike Rauh vermeidet es wohltuend explizite Tipps zu geben (das ganze Buch ist ein einziger (Geheim-) Tipp). Vielmehr schlendert sie wachen Auges und offenen Ohres durch eine Stadt, die man nicht sofort mit Italien-Urlaubs-Idylle in Verbindung bringt. Das Vorurteil „wenn wir schon mal hier sind, dann nur Venedig“ widerlegt sie mit einem Handstreich ohne dabei die Lagunenstadt in den Schlamm zu ziehen. Die Serenissima hat ihre Reize, Triest aber auch.

Als willkommene Zugabe zu einem aussagekräftigen Reiseband über Triest oder Friaul-Julisch Venetien ist „Triest – Entdeckung einer Stadt“ mehr als nur das Kopfnicken, weil Titel und Inhalt zu hundert Prozent übereinstimmen. Es ist der Aperitif, primo und secondo piatto und eine ordentliche Portion dolce… vita. Ja, lebendig ist die Stadt an der Adria, die sich auch hervorragend eignet, um Europa kennenzulernen. Nicht nur kulinarisch…

Atlas der Antike

Atlas der Antike

Ein Atlas ist ein Kartenwerk. Und Karten weisen den Weg. Beziehungsweise, sie wiesen den Weg. Heute benutzt ja kaum noch jemand (aus-)gedruckte Karten. Doch der Name Karte oder der Begriff Atlas sind noch gängige Begriffe. Und so ist der Titel „Atlas der Antike“ nicht zufällig gewählt. Zweieinhalbtausend Jahre Geschichte auf einhundertsechzig Seiten – da kommt schon einiges zusammen. Schon bei der Einordnung, was Antike eigentlich ist, welchen Zeitraum sie einnimmt, kommt so mancher, der im Geschichtsunterricht lieber den Fußboden betrachtete als dem Tafelbild zu folgen, ins Schwitzen. Ist halt verdammt lang her!

Holger Sonnabend ist allerdings ein Lehrer, schließlich ist er Prof. Dr., den man folgen sollte. Und dem man vor allem folgen kann. Zum Beispiel die Etrusker. Hat man schon mal gehört, Etrusker. Die wohnten doch in … ja, genau, Italien. Dort, wo heute die Toskana-Fraktion die schönste Zeit des Jahres verbringt. Die Etrusker sind so geheimnisvoll, dass ihre Erbe bis heute ungelöste Rätsel aufgibt. Sie hatten eine Schrift, die der Griechischen ähnelte. Aber entziffern kann man sie bis heute nicht vollständig. Sie waren ein hochentwickeltes und kulturell bedeutendes Volk. Sie schmiedeten Allianzen und wurden wieder aus diesen hinausgekämpft. Sie waren die Vorgänger der Römer. Und auf deren Prinzipien beruht heute das Zusammenleben der Welt.

Die Reise geht weiter über die Beziehungen der Griechen und Perser. Wenn man sich die heutige Welt betrachtet, ist der Kampf immer noch im Gange. Wenn auch mit einer anderen Sichtweise – Persien / Iran gilt als einer der einträglichsten Märkte weltweit und Griechenland … naja, wer dort investiert, ist verdammt risikoreich. Alexander der Große, die Römer, Monarchien und Sklavenhaltergesellschaft – die Reise geht quer durch die Geschichte. Immer mit Rückfahrticket.

Anschauliche Übersichtskarten geben dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in den Aufbau von Ländern und Städten. Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Stichen und Reliefs veranschaulichen exakt die Beschreibungen der Zeit.

Was dieses Buch so einzigartig, so benutzenswert macht, ist, dass es nicht wie ein Lexikon immer brav der Zeitlinie folgt, sondern, dass einzelne Wissenschaftsgebiete einzeln beleuchtet werden. Fachgebiete wie Politik, Kultur und Medizin ergeben für den Leser ein Komplettbild dessen, was uns in der Schule oft zu langweilen begann. Der Autor schafft es mit einfachen Worten die Begeisterung, die einst unsere Lehrer dazu bewegten Geschichte zu lehren im Leser zu wecken. Wichtige Ereignisse werden in farbigen Kästen hervorgehoben, ohne dabei die Haupttexte in den Hintergrund zu rücken. Ein echter Wegweiser durch die Jahrtausende!

Mondo Veneziano

Mondo veneziano

Jeder, der außerhalb(!) einer Touristengruppe Venedig für sich entdeckt, hat unweigerlich das Gefühl ein Buch z schreiben. Und so verwundert es nicht, dass es über die Lagunenstadt – neben Paris und Rom – die meisten gedruckten Reiseimpressionen gibt. Von grandiosen Bildbänden wie „City impressions Venedig“ über Reisebände wie „MM City Venedig“ bis hin zu historischen Aufarbeitungen wie „Venedig erobert die Welt“.

Heidrun Reinhard hat die Herausforderung angenommen und ein weiteres Buch dieser prachtvollen Reihe hinzugefügt. Und das mit Erfolg! Denn „Mondo Veneziano“ gehört wie die eingangs erwähnten Bücher ebenso zur Pflichtlektüre eines Jeden, der Venedig auf eigene Faust und mit fundiertem Wissen erkunden will. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise vorbei an den Palästen der Stadt. Übrigens erkennt man Touristen und Gäste daran, dass sie die Häuser der Stadt, von den Einheimischen meist nur „Ca‘“ genannt, auch wirklich als Paläste bezeichnen.

„Menschen und Paläste am Canale Grande“ lautet der Untertitel des Buches. Die Paläste, oder „Ca‘“, sind hinlänglich bekannt bzw. für jedermann leicht zu erreichen. Man kennt sie aus Reportagen, aus Büchern und vom Vorbeigondeln. Dass sie Geschichte in sich bergen, ist auch jedem klar, der sich nur ein wenig mit der Geschichte der Serenissima beschäftigt hat. Doch welche Geschichten sich darin zutrugen, wer sie erbaute, wer wem an die Wäsche wollte, das sind die Geheimnisse, die in diesem Buch so eindrucksvoll und lebendig beschrieben werden.

Die alte Dogenmacht Venedig war im Mittelalter ein ernst zu nehmender Handelsriese. Ein global player, der überall auf der Welt seine Finger im Spiel hatte. Von Konstantinopel über die Adria gehörte mehr als nur der Mittelmeerraum zum Einzugsgebiet der venezianischen Handelshäuser. Auch die Deutschen hatten hier eine Niederlassung, ein deutsches Haus, in dem täglich so viel umgesetzt wurde wie ein durchschnittlicher venezianischer Mittelständler sonst in einem Jahr verdiente. Hier wurde kaum produziert, dafür aber umso mehr ge- und verkauft. Die Dogen und auch der zehnköpfige Rat der Stadt, die Regierung, ließen sich ihre erbaulichen Ideen etwas kosten. Als Tourist kann man heute nur noch die Pracht der Stadt vor fünf-, sechs-, siebenhundert Jahren erahnen. Aber das reicht schon, um sich verzaubern zu lassen.

Dass Venedig nicht nur glorreiche Zeiten erlebte, zeigt Heidrun Reinhard, die die Stadt als ihre zweite Heimat bezeichnen darf, in der zweiten Hälfte des Buches. Denn an die Spitze gelangen, ist bei Weitem einfacher als diese zu behaupten. Als Konstantinopel in die Hände der Araber fiel, schwanden auch der Ruhm und der Einfluss Venedigs. Bis die Intelektuellen und Künstler Venedig wiederentdeckten. Verdi, Wagner, Thomas Mann – sie alle setzten der Lagunenstadt ein weiteres Denkmal. Die Venezianer sind ja in Sachen Denkmäler setzen nicht so spendabel.

„Mondo Veneziano“ ein Buch für alle, die Venedig nicht nur als Tages- oder gar nur Stundenausflug erleben wollen. Schon vor dem Besuch weiß man – gefühlt – mehr als so mancher Einheimischer. Vor Ort ist man der kundige Betrachter, der sich von keinem Reiseleiter etwas vormachen lässt. In Erinnerungen schwelgend nimmt man dieses Buch immer wieder gern zur Hand und stimmt Seite für Seite kopfnickend zu: Venedig ist mehr als nur eine Reise wert!

Wenn Venedig stirbt

Wenn Venedig stirbt

Die Deutschen sind immer noch Reiseweltmeister. Wann immer es Zeit und Geldbeutel zulassen, sind wir gern bereit unsere Euros Händlern, Reiseveranstaltern, Restaurants gegen Service zu überlassen. Wir erkunden die Welt in Frankreich, Ägypten, den USA, Fernost, der Türkei oder Italien.

Wenn wir schon bei oder in Italien sind: Stellen Sie sich vor, Sie hätten jeden Tag zwei neue Gäste. Egal, ob werktags oder sonntags, ob feiertags oder langes Wochenende. Und die stapfen 24 Stunden am Tag durch ihre heimischen Gefilde. Fassen da was an, nehmen dort ein Souvenir. Einzig allein, dass sie bei Ihnen zuhause mehr Geld lassen als anderswo, lässt sie die Situation halbwegs erträglich erscheinen. Und mehr als erscheinen ist es nicht. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr dasselbe Prozedere. Venedig hat sich in sein Schicksal ergeben. Die Stadt lebt mit und vor allem von den Touristen. Neuerdings können die sogar vom Frühstückstisch aufstehen und direkt, ohne großes Palaver Markusplatz und Dogenpalast erobern. Tonnenweise Tennissocken, den Kopf hoch erhoben gen Selfie-Stick toben sie gemächlich durch die Stadt, die immer noch vom Ruf als romantische Stadt lebt. Sieht so Romantik aus? Was passiert mit dem historischen Erbe, über das die Lagunenstadt zweifelsohne verfügt?

Salvatore Settis sieht Venedig exemplarisch für den Ausverlauf der Kultur. Wenn Touristen aus ihrem wohlverdienten Urlaub zurückkehren und nicht mehr Bilder zeigen, sondern ihre Schnäppchen präsentieren oder meinen, dass zwei Stunden vollkommen ausreichen, um die Kloake Venedig über Gebühr mit ihrer Anwesenheit beehrte haben, dann kann man nicht mehr von einem Kulturerlebnis sprechen. Salvatore Settis beklagt, ja klagt schon fast an, den Ausverkauf der Städte.

Dabei beginnt alles schon uns vor der Haustür. Eine Häuserzeile – vielleicht Jahrhunderte alt – muss Neuem weichen. Wer aufmerksam die Stadtentwicklung egal wo auf der Welt verfolgt hat, weiß schon, welche Läden da als nächstes stehen werden. Eine eigene Identität weicht Konformität. Und dann ist es wirklich egal, ob der Pappbecher mit dem brühend heißen Kaffee, der in Sydney genauso schmeckt wie in Castrop-Rauxel, nun zwischen altehrwürdigen Gemäuern geschlürft wird oder an einem Stehtisch.

„Wenn Venedig stirbt“ – bleiben wir bei der Frage. Dann gibt es anfangs ein Riesengeschrei, doch schon kurze Zeit später werden andere Städte, die jetzt schon in den Startlöchern sitzen, versuchen dessen Platz einzunehmen. Ein kulturelles Erbe ist dann nur noch im Museum zu besichtigen. Und das hat, um überhaupt den Hauch einer Überlebenschance zu haben, einen Museumsshop. Was sollen wir nun machen? Venedig links liegen lassen? Es ignorieren? Nur damit die Venezianer sich in Ruhe mal wieder auf ihr Erbe besinnen können und sich ein neues Marketingkonzept ausdenken. Da ist es schon wieder: Marketing. Neue Märkte erschließen. Es gibt keine endgültige Antwort. Aber Salvatore Settis ist endlich einer, der die richtigen Fragen stellt.

Tod zwischen den Zeilen

23 Tod zwischen den Zeilen

Rausgerissen aus dem Leben, verstümmelte Reste, Raub und Diebstahl: Brunetti hat es dieses Mal nicht mit einem bestialischen Mord zu tun – anfangs – sondern mit einem Diebstahl. In der Biblioteca Merula wurden wertvolle Bücher gestohlen und zerstört. Brunetti kennt die Bibliothek aus Studientagen, doch scheint sie dem Ermittler inzwischen fremd. Kaum eine Erinnerung kann die Gegenwart erhellen.

Bücher wurden gestohlen, einzelne Seiten wurden aus den wertvollen Niederschriften herausgetrennt. Direktorin Dottoressa Fabbiani ist verzweifelt. Wer tut so was nur? Brunettis erste Spur führt ihn zu Tertulian, einem Priester, der immer wieder in den Werken Tertullians liest und deswegen von den Angestellten so genannt wird. Eigentlich heißt er Aldo Franchini, und er war mal Priester. Beim Gespräch mit der Dottoressa über eben diesen Tertullian fällt Brunetti was auf: Tertullian war nur Besucher, interessiert, aber eben nur ein Besucher. Die Dottoressa kenne ihn gar nicht, doch kann dem Commissario sofort Antworten geben, auf Frage, wie nur jemand, dem Tertullian ziemlich vertraut ist.

Die Bücher sind zu einem Großteil Schenkungen einer der angesehensten Familien der Lagunenstadt, deren Oberhaupt die Contessa Morossini-Albani ist. Brunetti kennt die resolute Dame. Sie ist eine Freundin seiner Schwiegermutter. Aber eigentlich ist Brunetti hier gar nicht zuständig, er ist Mordermittler und nicht Schnüffler für Buchverstümmelung.

Seit einigen Fällen lässt Donna Leon ihrem Commissario Brunetti einen gewissen Hauch von Büchervernarrtheit offen angedeihen. War es zu Beginn der Reihe eher seine Frau Paola, die sich an Büchern und Geschichte nicht genug ergötzen konnte, so kristallisierte sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr sein Interesse für das Gewesene heraus. Wohl auch deswegen bleibt Brunetti am Ball.

Der Einfachheit halber recherchiert zur Familie Morossini-Albani. Gianni, der Spross der Familie, die einst vier Dogen stellte, ist ein ganz besonderes Früchtchen. Drogen, Partie mit Minderjährigen Mädchen, Diebstahl – er lässt nichts aus und … kommt ungeschoren immer wieder aus dem Schlamassel raus. Solche Leute liebt Guido Brunetti besonders! Die Contessa hingegen ist von anderem Schrot und Korn. Sie liebt und hasst gleichermaßen leidenschaftlich. Und sie weiß, was sich als ehrenwerte Tochter der Stadt gehört: Sie fördert die Kultur. Sie ist spitzzüngig und generös.

Und dann gibt es für Commissario Guido Brunetti endlich einen Mord! Endlich darf er offiziell ermitteln! Und schlussendlich – so viel darf verraten werden – findet er den Schuldigen Papierraubtiger!

Im dreiundzwanzigsten Fall lässt Donna Leon ihre zweite große Leidenschaft, nach der barocken Musik, Bücher und das darin versammelte Wissen in einen ihrer Krimis einfließen. Verstaubte Gewölbe, verstaubte Bibliothekare sind nicht das Terrain, auf dem Brunetti sich bewegen muss. Vielmehr sind es Lebenslust und die Kunst Venedig trotz der Spuren der Vergangenheit im Glanze erstrahlen zu lassen. Und ein Mörder kümmert sich erfahrungsgemäß nur oberflächlich um die Vergangenheit. Um zu entkommen, muss sein Fokus auf die Zukunft gerichtet sein. Und heißt erst einmal Commissario Brunetti!

Wer Donna Leons gelegten Fährten ihres Commissarios durch Venedig folgt, lernt die Lagunenstadt besser kennen als ein Pauschaltourist, der brav dem hochgehaltenen Regenschirm der Reiseleitung hinterher trabt. Die Dramen hinter den teils maroden Fassaden, die einstigen Bewohner der Paläste links und rechts der Kanäle sind zu engen Vertrauten geworden. Wer noch tiefer in die Stadt eintauchen will, muss entweder nach Venedig reisen oder steckt seine Nase in den prächtigen Bildband „Venedig – City Impressions“ von Bernd Rückert – ebenfalls vorgestellt auf dieser Seite. Stimmungsvolle Bilder stellen eine Parallele zu den Ermittlungen von Commissario Brunetti dar. Langsam lichtet sich der Nebel des Unbekannten, um dann mit voller Wucht vor die Augen des Betrachters zu treten. Ein bildgewaltiger Krimi ohne Opfer, es gibt nur Gewinner. Die Leser.