Archiv der Kategorie: Leben im Fluss

Was bleibt von uns

Die Straße der Hoffnung ist ein steiniger Pfad. Die wenigen ebenen Abschnitte sind mit Mut, Entbehrungen und Verlust geteert. Diese Erkenntnis muss Nahid seit Jahrzehnten begehen. Anfang der 80er war sie der Stolz der Familie. Als Frau im Iran war sie Medizinstudentin. Als sie Masood kennenlernt engagiert sie sich politisch. Sie demonstriert gegen die islamische Revolution. In ihrer Unbekümmertheit und dem felsenfesten Glauben daran, dass ihr Aufruhr vom Erfolg gekrönt sein wird, nimmt sie eines Tages ihre kleine Schwester Noora mit auf eine dieser Demonstrationen. Doch alles läuft aus dem Ruder, Noora verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Saber, Verbündeter und Freund wird zu Tode gefoltert. Weggefährten werden verhaftet, und niemand wird wieder etwas von ihnen hören. Nahid und Masood müssen fliehen. Schweden wird ihr neues Zuhause. Den erhofften Neuanfang erleben beide mit der Geburt ihrer Tochter Aram.

Die Rahmenhandlung, die Golnaz Hashemzadeh Bonde in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman skizziert, scheint auf den ersten Blick ein typischer Fluchtroman zu sein. Doch Nahid treibt etwas anderes um. Mittlerweile hat sie mehr als die Hälfte ihres Lebens gelebt, gehofft. Aram ist nun selbst erwachsen und erwartet ihr erstes Kind, eine Tochter. So wie Nahid nur Schwestern hatte – im Iran gelten männliche Nachkommen immer noch als größerer Segen als Mädchen. Ein Mädchen, ein Hoffnungsschimmer.

Den hat Nahid dringend nötig. Sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Ihre Wurzeln sind so weit entfernt, dass sie selbst nur schwer akzeptieren kann, eine Heimat zu besitzen.

Doch ist sie selbst Heimat. Und zwar des Krebses. Er hat von ihr Besitz ergriffen. Ihre Mutter kann ihr nicht beistehen. Sie lebt immer noch im Iran. Und ist immer noch verbittert über Nahids Weggang. Ganz zu schweigen vom Verlust des Nesthäkchens Noora.

Nahid versucht ihrer Tochter das zu geben, was sie selbst nie hatte. Hoffnung. Geborgenheit. Doch Aram ist in der Vergangenheit zu einer Art Projekt geworden. Nahid kann nur Ratschläge geben. Liebe und Geborgenheit flackern nur sporadisch auf. Darunter leidet Aram. Während der Krebs immer weiter voranschreitet, wächst in Aram neues Leben heran. Und Nahid kann nur noch einen Gedanken hegen: Als Großmutter von dieser Welt zu gehen.

„Was bleibt von uns“ ist ein intensiver Roman, der sich wie ein wohlwollender Virus unter die Haut setzt und im Herzen ein neues Zuhause findet. Nahid, ihre Mutter und ihre Tochter sind Frauen, die vom Verlust gezeichnet sind, die Gewalt am eigenen Körper (und der Seele) erfahren mussten und dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Wehmut, mal mehr, mal weniger, schwingt in ihrem Leben immer mit ohne dabei den Takt anzugeben.

Vor dem Sturm

Es ist nicht viel, was Esch, Skeetah, Randall, Junior und ihr Dad ihr eigen nennen können. Eine heruntergekommene Hütte an einer Lichtung im Mississippi-Delta. Randall, der Älteste will Basketball-Profi werden. Die Anlagen dazu scheint er zu haben. Skeet, der Zweitgeborene, ist völlig vernarrt in seine Pitbullhündin China. Die hat gerade geworfen. Der eine oderandere Dollar dürfte dabei wohl herausspringen. Junior ist der Sonnenschein, sieben Jahre, das Nesthäkchen. Er hat viel Blödsinn im Kopf und von einer umwerfenden Ehrlichkeit.

Esch ist die einzige Tochter. Ihre Mutter überlebte die Geburt Juniors nicht. Dad ist keine große Hilfe mehr. Ihm geht’s nicht gut und der Alkohol setzt ihm immer mehr zu. Gerade jetzt könnte Esch, die diese Geschichte erzählt, jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen kann. Denn sie ist mit ihren fünfzehn Jahren eigentlich zu jung für eine Schwangerschaft. Eigentlich. Denn Mannys Anziehungskraft ist stärker als jede Vernunft.

Die Tage plätschern so dahin. Die Geburt von Chinas Welpen bringt ein bisschen Abwechslung in den Alltag in der sengenden Hitze des Südens. Skeetah träumt schon vom großen Wurf mit dem großen Wurf Chinas, doch es soll anders kommen. Auch Randalls Karriere als Ballartist in den großen Arenen ist vorbei, bevor sie richtig anfangen konnte.

Im Radio vernehmen die Fünf die unheilvolle Nachricht, dass ein Sturm im Anzug ist. Ein Hurricane, der sich bis zur Stufe Fünf hochschrauben wird. Höher geht es nicht, 250 Kilometer pro Stunde lassen dann auch keinen Stein mehr auf dem anderen liegen. Die Vorbereitungen, sofern man sich überhaupt auf so eine Katastrophe vorbereiten kann, sind übersichtlich. Fliehen ist keine Option. Wohin denn? Die Mittel sind nicht nur begrenzt, sie sind erschöpft. Katrina, mit diesem Namen wird der Sturm in die Geschichtsbücher eingehen, trifft mit voller Wucht aufs Festland. Der kleine Bach, der unweit der Hütte einst ruhig vor sich hin dümpelte peitscht mit allem, was er in sich hat erst gegen die Wände, dann breitet er sich im Haus aus.

Jesmyn Ward gelingt es mit zarten Worten das harte Leben derer, die von der Armutsgrenze nur träumen können, in ein farbenfrohes Feld der Hoffnung zu verwandeln. „Vor dem Sturm“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman, der ihr in den USA den National Book Award einbrachte und zum Bestseller wurde. Sie schockiert nicht mit brachialen Armutsszenarien, sie ringt dem kargen Leben ein großes Stück Poesie ab. Ihre Charaktere sind echt, nicht überzogen und der Handlung angepasst – sie sind die Handlungstragenden im wahrsten Wortsinne.

Singt, Ihr Lebenden und Ihr Toten, singt

Was für eine illustre Reisegruppe: Leonie mit ihren beiden Kindern Jojo und Kayla und ihrer Freundin Misty. Sie fahren in den Norden von Mississippi, nach Parchment Farm. Dieser Ort beheimatet das Gefängnis und somit jede Menge schräge, gefährliche und verbrecherische Typen. Michael ist einer von ihnen und der Vater von Jojo und Kayla. Letzte kennt er kaum und nennt sie bei ihrem vollen Namen Michaela. Was die Kleine vollkommen verunsichert. Misty ist nur mit dabei, weil sie immer dabei ist, wenn Leonie hier hoch fährt. Auch ihr Freund sitzt in Parchment Farm ein. Für Michael ist die Zeit des Abschieds vom Knast und die Zeit des Neuanfangs mit seiner Familie gekommen.

Jojo ist inzwischen dreizehn Jahre alt. Pop nennt er mittlerweile seinen Opa mütterlicherseits. Seinen Pa nennt er Michael. Und Leonie, seine Mutter ist Leonie. Mam ist seine Oma. Zum Leidwesen aller ist Mam aber an Krebs erkrankt und sieht ihrem drohenden Ende entgegen. Leonie hat in Jojos Augen ihr Ende schon erreicht. Die Kinder sieht sie regelmäßig, aber eine echte Beziehung kann sie einfach nicht aufbauen. Über ihre Lippen kommen zwar liebgemeinte Worte, doch die daraus resultierenden Taten lässt sie schmerzlich vermissen.

Wenn sie wieder mal „drauf ist“, blüht sie auf. Dann hält sie in Gedanken Zweigspräche mit ihrem toten Bruder. Der ihr allerdings auch nicht immer eine echte Hilfe ist.

Jojo und Kayla sind das, was man ein Herz und seine Seele nennt. Die Kleine klammert sich an ihren großen Bruder, der sie behütet wie sein Augenlicht. Es ist für ihn erfülltes Pflichtbewusstsein, wenn sie ihren Kopf an seine Brust schmiegt. So zerbrechlich sie ist, so lebendig ist ihr Geist.

Michael ist also wieder da und das Leben kann endlich beginnen. Selbst wenn Leonie hochtrabende Pläne einmal gehabt haben mag, hat sie diese im Laufe der vergangenen drei Jahre gehörig mit Füßen getreten. Das Sicheinreden, dass nun alles anders wird, kann einfach keine Früchte tragen. Zu sehr zerren die Geister der Vergangenheit an ihr. Pflichtbewusstsein gegenüber denen, die ihr das Leben gaben, eine Zukunft geben können, existiert nur hülsenhaft und sporadisch in ihrem Kopf.

Jesmyn Ward zeichnet ein düsteres Bild vom Leben der Schwarzen im Mississippi-Delta. Rassismus ist allgegenwärtig, selbst innerhalb der Familien. Unbeschwert kann die Kindheit nur sein, wenn man unter sich bleibt. Und selbst dann gibt es nur ein Thema: Wie überleben da draußen in der Welt, wenn man nicht unter sich ist? Ein Roadtrip ins Verderben, gepaart mit einer Brise Mythos, serviert auf dem schwitzigen Tablett der Südstaatenpoesie. Jesmyn Ward gelingt mit einfühlsamen Worten eine traurige Geschichte zu erzählen, deren Schwere im neugierigen Umblättern der Seiten verschwindet.

Der Mann mit dem Saxofon

Hannahs Leben war bis eben ein Desaster. Da kam der Auslandsjob – sie ist Schauspielerin – wie gerufen. Einfach bloß weg, sich ablenken, sich mit anderen Dingen beschäftigen … eine neue Liebe. Doch auch das ist nun vorbei. Sie liest in ihrem Tagebuch, das sie eigentlich gar nicht schreiben wollte. Und sie liest, obwohl ihr alles noch so präsent ist, dass auch die neue Liebe passé ist. Tot, der Geliebte, die Klappe auf der Bühne war schuld. Peng!, sie fiel zu – der Geliebte im Jenseits. Nicht nur auf der Bühne. Ihre Schuld? Ihre Schuld! Hannah findet keine andere Lösung, so sehr sie auch sucht. Sie ist schuld am Tod ihres Geliebten.

Doch das Leben hat die Angewohnheit fortzuschreiten. Beim Casting für ein neues Projekt fällt sie auf. Lviv, Lwow, Lemberg ist der temporäre Lebensmittelpunkt. Und auch hier in der Fremde gibt es Vertrautes. Vertraut die Fremdheit des Hotelzimmers. Alles so clean, so stringent, alles an seinem Platz, aber ohne Liebe, ohne persönliche Note. Fremd ist die Stadt, fremd das Gefühl wie ein Star behandelt zu werden. Hannah bemerkt beide Seiten der Medaille, doch ist wenig beeindruckt.

Sie schlendert durch den Park und trifft ihr Schicksal in Person von Aaron, dem Saxofonspieler. Seine wachen Augen, seine behändes Spiel, seine Fähigkeit im richtigen Moment das richtige Zitat zu bringen, verblüfft sie.

So lebensbejahend Aaron auch ist, so betrübt ist sein Herz. Und Hannah versteht ihn besser als je ein Mensch zuvor. Wenn das Wort Seelenverwandtschaft je zutraf, dann auf Aaron und Hannah…

Sibylle Schleicher schickt den Leser auf eine Reise durch das unbekannte Lviv/Lemberg. Das Schicksal der beiden endet in einem Labyrinth der Gefühle, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen. Gewolltes Exil oder Schicksalsergebenheit? Jedes Umblättern ist Nervenkitzel par excellence. Wie in einem düsteren Krimi noir schreitet man mit den Hannah und Aaron auf den Abgrund zu, der unausweichlich scheinen mag. Die Suche nach dem Grabe des Vaters und die Suche nach Befreiung führen auf ein und denselben Weg.

Zwischendrin, kaum merklich, verwandelt sich der Roman in einen Reiseführer. Das einstige Lemberg erwacht in den Worten von Sibylle Schleicher zum Leben. Die Spaziergänge, die Hannah unternimmt, sind kleine Ausflüge durch eine Stadt, die ihrer Blüte hinterherhinkt und der Pracht nachweint. Doch die Spuren der Vergangenheit sind weder bei Hannah noch bei Aaron noch bei der Stadt komplett verschwunden. Wer ein wenig an ihnen kratz, wird belohnt werden.

Am Tiefpunkt genial

Ach Mensch, Paul! Du wusstest es doch! Als Stefanie so vertraut mit Markus war. Das Klingeln im Ohr?! Du hast es doch gehört. Nun ist sie weg, die Stefanie. Jetzt gibt es dafür Markus und Stefanie. Mensch Paul! Kippen, Bücher und Musik sind doch nicht alles.

Man möchte Paul anschreien, ihn wachrütteln. Ein bisschen Selbstmitleid sei ihm zugestanden, ihm dem Buchhändler, der so sehr an Zigaretten und Musik hängt. Und bis vor Kurzem hing er auch noch an Stefanie. Sie, das Modepüppchen, die nächtelang die Clubs unsicher machte, sehr, zu auf ihr Äußeres achtete und dieses hegte und pflegte. Stundenlang. Und Paul, der Mode zwar buchstabieren kann, aber ansonsten damit nichts anfangen kann. Warum hat Bernhard diesen Markus auch angeschleppt?!

Hass empfindet Paul nicht. Mit Klarissa hingegen spricht er sich aus. Seine Ex. Sie kennt ihn und mag ihn und fühlt sich immer noch ein wenig für ihn verantwortlich. Aber vor allem macht sie ihm Mut. Die Trennung war gut für ihn. Den Eigenbrödler. Und dann wieder Bernhard. Lass uns treffen. Alle zusammen. Auch Markus? Ja. Der Soundtrack des Lebens hält für den Musikliebhaber Paul aber auch immer wieder eine B-Seite parat. Kein stimmungsvoll-melancholischer B.B. King, keine immer passenden Stones, kein beruhigender Miles Davis.

Und wie im richtigen Muskleben enthält die B-Seite eine echte Rarität. Markus und Paul können sich in die Augen schauen, miteinander reden und sich sogar die Hand geben. The kids are alright oder doch Sympathy fort he devil?

Wer nun meint, dass mit Paul wieder alles in Ordnung ist, irrt. Mit Paul war schon immer alles in Ordnung. Aus falschem Pflichtgefühl heraus bildet er sich ein, dass Schicksalsschläge unbedingt mit tiefer Trauer, Selbstzweifel und vielleicht sogar Hass einhergehen müssen. Doch Paul hat seine Bücher, seine Kippen und seine Musiksammlung. Und wenn ihm danach ist, haut er sich einfach aufs Sofa. Nichts tun, den Herrgott einen liebe Mann sein lassen. Er verliert seinen Job und erkennt, dass Markus auch bloß ein Aufschneider ist, der gern andere in seine Machenschaften zieht. Im ersten Moment keine sonderlich schönen Ereignisse. Dennoch: Paul kann zufrieden sein. Denn schlussendlich ist da noch etwas. Das Leben!

Karoline Cvancara zeichnet mit Paul einen Lebemann, den man nicht auf Anhieb dieses Attribut verleihen würde. Er ist wie eine Katze, landet immer wieder auf den Füßen. Die Abgründe, die sich vor ihm auftun, kennt jeder. Man kann sich verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen, aber das zögert die Lösung des Problems nur hinaus. Man kann sich bewusst Hilfe suchen, aber dann muss man alles noch einmal aufrollen, ob’s hilft, weiß man vorher nicht. Oder man lässt alles erst einmal sacken und blickt nach vorn. So wie Paul.

Ein Lied für Dulce

Ein Lied für die Süße schreiben – das kann nur zum Erfolg führen. Uns klingen immer noch „Suzanne“ von Leonard Cohen oder die unzähligen Hits von Prince, die er für seine Herzdamen schrieb, in den Ohren. Diese Lieder wurden schon geschrieben, verzauberten Abermillionen und die Angebeteten. Das Lied für Dulce muss noch geschrieben werden. Sie muss es bekommen, es hören, dann wird wieder alles gut. Und sie kehrt zurück…

Zurück in die Band Super Mama Djombo, deren Stimme sie war. Die Stimme, die schlagartig das Wohl der Musiker bestimmte, ihnen Erfolg bescherte. Aber auch die Dulce, die niemals einem allein gehörte. Man musste sie teilen, mit den Fans, den Verehrern. Mit Dulce war alles einfacher. Damals.

Jetzt ist sie tot und Guinea-Bissau steht kurz vor der entscheidenden Wahl des Präsidenten. Das Militär hat mehr als nur die Finger im Spiel. Die Schergen der Machthaber sorgen schon dafür, dass der Richtige gewinnen wird. Und alles so bleibt wie es ist. Ein Putsch liegt in der Luft, ist für alle spürbar angekündigt. Couto, die einzige fiktionale Figur ohne realen Hintergrund versucht Dulce, die es wirklich gab, nur in abgewandelter Form, ein Denkmal zu setzen. Super Mama Djombo sollen noch einmal spielen, für Dulce. Sie, die die Band verließ und die einen Putschisten, einen General heiratete. Und dafür benötigt er die Hilfe der Band und ein neues Lied.

Sylvain Prudhomme lässt Couto durch die Straßen der Erinnerung laufen. Leise zupft die Erinnerung die Saiten der Vergangenheit. Zuerst nur einzelne Töne, dann klangvolle Akkorde bis eine Melodie der Sehnsucht entsteht. Im Rhythmus der Schritte, mal dumpf, mal glockenklar, geht der Leser auf Tour mit Couto, mit Dulce, der Geschichte und biegt schlussendlich ein auf den Pfad der Hoffnung, dessen Ende so klar am Horizont erscheint, dass man ihn schon gar nicht mehr wahrhaben will.

Die Flagge des westafrikanischen Landes hat drei Farben und einen schwarzen Stern. Dieses Buch hat unzählige Sterne und noch mehr Farben, die der Autor allesamt zum Leuchten bringt: Das Rot der Erde, das Gold der Fassaden, das Grün der Natur … Sie alle strahlen mit jeder Zeile dieses Romans kräftiger als je zuvor, wenn Couto durch die Häuserschluchten streift und sein Land sich verändern sieht. Couto schafft, was er sich vorgenommen hat. Das Konzert findet statt. Doch es wird nicht so enden, wie er und seine Freunde es sich ausgemalt hatten…

Lesetrunken torkelt man schnurgeradeaus durch eine Geschichte, die zwar weit weg angesiedelt ist und doch so nah für Herzklopfen sorgt. Immer wieder sorgen afrikanische Sänger und Bands für Furore. Youssou N’Dour aus Senegal (nördlicher Nachbar von Guinea-Bissau), Mori Kante aus Guinea (südlicher und östlicher Nachbar von Guinea-Bissau) oder auch Papa Wemba aus Kongo, der im Frühjahr 2016 verstarb. Nur einem kleinen Kreis sind sie außerhalb ihres Landes, ihres Kontinents (dauerhaft) bekannt. Dulce Neves gibt es, sie singt immer noch. Sie ist die Vorlage der Dulce im Roman. Sylvain Prudhomme verleiht ihr Attribute, die sie zu einer Romanheldin reifen lassen, die sie real aber nie hatte. Der Sommer wird dieses Jahr, mit diesem Roman, schon sehr früh eingeläutet.

Thomas & Mary

Ein Roman für die ganze Familie. Für die zerbrechende Familie? Für die heile Familie? Für Sie. Für ihn. Tim Parks schickt seine Leser auf einen Seelenstriptease, der von außen gesehen und gesteuert wird. Denn Thomas und Mary erkennen viel zu spät, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Und wenn doch, dann sind es Strohfeuer, die eher einer Reminiszenz an die „gute, alte Zeit“ gleichen.

Scheidungsromane sind meistens für Frauen geschrieben – Achtung Vorurteil! Männer kommen in der Regel ganz schlecht weg. Und sind einmal die Frauen schuld, dann auch zurecht. Tim Parks lässt von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass hier zwei Schuldige auf der literarischen Anklagebank sitzen: Jeder hat schon mal in seiner Firma einen Vorgesetzten gehabt, der allzu gern mit dem Handrücken der einen Hand permanent und lautstark in die hohle Handinnenfläche schlagend die – meist richtige – Aufforderung hinausposaunt: „Kommunikation!“. Meist sind es die, die immer davon ausgehen, dass alle wissen sollten, was zu tun und zu lassen ist. Da kann man sich als Chef hinterher viel besser aufregen, wenn es mal nicht so ist… Thomas und Mary sind diejenigen, die wissen sollten, was geht und was nicht geht. Kleine Aufmerksamkeiten für den Anderen gibt es schon lange nicht mehr. Haus, Kinder (je eines von jedem Geschlecht), Hund, Job. Alles da, was man braucht um zufrieden zu sein. Materiell mag das stimmen. Doch eine Ehe, ein Zusammenleben fußt doch nicht auf materiellen Dingen!

Wenn dann allerdings bei der Arbeit auch noch alles aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Ärger im Privaten vorprogrammiert. Besonders, wenn Kollegen einem richtig ans Herz bzw. in Thomas‘ Fall an die Hose gewachsen sind. Er hat eine Affäre. Ist er doch an allem schuld?

Das unaufgeregte Sezieren des langsamen Zerfalls von Thomas & Mary in Thomas und Mary ist eine Kunst, die Tim Parks vortrefflich beherrscht. Man kann keinem der beiden einen echten Vorwurf machen. Mit geschlossenen Augen entfliehen beide gleichermaßen der Realität, nicht um ins Unglück zu stürzen, sondern festzustellen, dass in der Langsamkeit eine gewisse Art Lösung ihrer Probleme steckt. Mary wie Thomas handeln nicht übereilt. Weder Lügenberge noch entwaffnende Ehrlichkeit verletzen den jeweils anderen. Ihre Kinder Mark und Sally haben schon längst vor ihren Erzeugern bemerkt, dass die Ehe nur noch auf dem Papier besteht. Doch es ist nicht ihre Aufgabe die Brüche zu kitten. Das sollen die Eltern mal selber machen! Sofern sie es denn wollen…

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

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Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.

Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen

Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen

Hätte er/sie mal jemand gefragt, der sich damit auskennt! Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll mit Ratschlägen und vor allem Ratgebern zu allem möglichen Unrat. „Modellieren mit Kartoffelsalat“, „50 Kilo abnehmen im Schlaf“, „Wie kriege ich ihn / sie rum in 90 Sekunden“. Alles Quatsch und so nötig wie ein Geschwür. Hilft eh nicht und macht nur dumm. Doch der Ansatz sich zu belesen, um Fragen auf das eine oderandere Problem zu erhalten, ist nicht verkehrt. Es ist nur die falsche Lektüre!

Wer Jane Austens Werke abschätzig als Mädchen- oder Frauenliteratur bezeichnet, tut nicht nur der Autorin, sondern vielen Lesern unrecht, die regelrecht in die Bücher vernarrt sind. Nur ein echter Kerl liest Jane Austen! Man wird sicher kein Frauenversteher, wenn man sich Emmas Schicksal widmet. Doch die Lektüre öffnet den Weg zu so manchem Herzen…

Natürlich hatte Jane Austen nie im Sinn Ratgeber für den Alltag zu schreiben. Das war eher ein Zufallsprodukt, dennoch kann so manche Zeile als Hilfestellung angesehen werden. Man muss nur die Gegebenheiten verändern. Schon das Titelbild weist vielsagend den Weg: Ein moderne Frau des frühen 19. Jahrhunderts mit einem Tablet. Nein, nicht Tablett, auf dem für den Gatten eine Tasse Tee steht. Sondern ein Tablet-Computer. Selbst Miss Austen konnte diese Entwicklung nicht voraussehen.

Rebecca Smith hat sich als „writer in residence“ in „Jane Austen’s House Museum“ intensiv mit der Schriftstellerin beschäftigt, ihre Schriften studiert und auf Brauchbarkeit in der Gegenwart untersucht. Die Parallelen sind frappierend! So modern die Bücher damals waren, so unverhohlen aktuell sind sie bis heute. Stress mit den Eltern oder dem Angebeteten? Das kann auch die Zeit nicht heilen! Jane Austen ist auch zweihundert Jahre nach ihrem Ableben 1817 (Achtung, Jubiläum im Jahr 2017!) immer noch ein gefragte Ratgeberin.

Rebecca Smith ist regelrecht in Jane Austen vernarrt. Kein Wunder, denn schließlich ist sie die Ururururgroßnichte (viermal „ur“) der viel zu früh gestorbenen Schriftstellerin. Liebe und Beziehung, Freunde und Familie, Arbeit und Karriere, Mode und Stil, Heim und Garten sowie Freizeit und Reisen – in diese Kapitel ist das Buch unterteilt. Eigentlich das ganze Leben! Manchmal muss man schmunzeln, oft jedoch nickt man freudig den beiden Autorinnen zu. Fast zwei Jahrhunderte trennen Austen und Smith. Zwei Jahrhunderte, in denen sich die Welt gravierend verändert hat. Umso erfreulicher ist es, dass es so manches gibt, dass sie hartnäckig weigert zu verschwinden. Und dass es immer noch Interesse gibt diese Probleme auf „altmodische Weise“ zu lösen.

Mit Fug und Recht kann man nach der Lektüre von sich behaupten, dass man ab sofort mit Stolz und vielleicht ohne Vorurteil als Emma, oder wie auch immer man nun heißen mag, durch Mansfield Park oder gleich durch das gesamte Leben schreiten kann. Die gute Jane Austen wusste vielleicht nicht alles, aber bei Weitem oft einiges besser als die heutigen Pseudo-Lebensberater, die ihre Zeile nur allzu gern in den bunten Blättern wiederfinden wollen.

Doc Alex‘ wunderbare Welt der Zähne

Doc Alex wunderbare Welt der Zähne

Zähne sind wie das Wetter: Jeder kann was dazu sagen. Meist beschränkt sich die Konversation eher auf ein „Können wir das Thema wechseln?“, dennoch hat jeder eine besondere Beziehung zu den Nahrungszerteilern in seinem Mund.

Doc Alex, der eigentlich Dr. Alexander Lehnartz heißt und – was Wunder – im wahren Leben Zahnarzt ist – legt ab den ersten Seiten so richtig los. Siebzig Kilogramm pro Quadratmillimeter (!) kann ein Zahn aushalten. Das ist das Härteste, was der menschliche Körper hervorbringen kann! Wenn das nächste Mal eine Ausfallerscheinung Gestalt annimmt, kann man ja mal die Oberfläche messen und beim Discounter um die Ecke nachfragen, ob der nächste Lieferant mal mit seinem LKW drüber fahren kann. Der Zahn wird gewinnen!

Apropos Nahrung. Der Impressionist Auguste Renoir sagte einmal, dass die besten Beefsteaks kommen, wenn man keine Zähne mehr hat… So viel zum Thema Zahnpflege und LKW-Ladungen voller Nahrung. Überhaupt ist dieses Buch ein Füllhorn an Wissen, dem sich die meisten hartnäckig widersetzen. Denn ein Zahnarztbesuch taugt auch zum Pausenthema unter Kollegen. Tage- manchmal sogar wochenlang rennen Freunde, Bekannte, Kollegen mit dicker Backe rum. Jammern, wimmern vor sich hin. Wer noch kraftvoll in einen Apfel beißt, dem fällt es leicht zu sagen „Geh doch zum Doc!“. Wer den Schmerz hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und dann? Aua, autsch, nervöses Hinwegducken vor den Gerätschaften des Fleischermeisters. Aber, wenn der Schmerz nachlässt, ist der Zahnarzt der liebste Freund. Am besten vorher noch eine Narkose. Selbst Spritzenphobiker geraten da in Verzückung.

Doc Alex schafft es mit einfachen Worten den Leser für das Thema Dentalhygiene der Beißerchen zu begeistern. Sie sind ein wahres Wunderwerk im System menschlicher Körper. Sie sind nicht einfach nur da, um Fleisch, Gemüse und Sättigungsbeilagen zu zerkleinern. Sie sind wichtiger Bestandteil der Maschinerie Mensch. So stehen beispielsweise die Schneidezähne – oben wie unten – im direkten Zusammenhang mit Blase und Nieren, aber auch den Geschlechtsorganen. Wer gern mal einen über den Durst trinkt, sollte besonderes Augenmerk auf die unteren Backenzähne legen. Was nicht heißen soll, dass übergründliches Putzen selbiger einen erhöhten Alkoholkonsum legitimiert.

Es ist eine wahre Freude in diesem Buch zu schmökern. All die bunten Prospekte in den Praxen der mehr oder (meist) weniger geliebten Dentalhandwerker sind wichtig, doch dieses Buch ist das Vererbstück des Dentalwissens. Nicht nur ein Aha-Erlebnis pro Kapitel, sondern gleich mehrere Augen-Auf-Fakten pro Seite! Da bekommt man richtig Lust zum Zahnarzt zu gehen…

Zum Schluss noch eine gute Nachricht von Doc Alex: Es gibt immer weniger Menschen, bei denen sich die Weisheitszähne ihren Weg schmerzvoll ans Licht bahnen. Sonnige Aussichten für alle Angsthasen!