Archiv der Kategorie: Bildgewaltig

Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin der Fotothek des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Metropolis – Die Stadt in Karten

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Städtereisen haben als eigenständiges Segment des Tourismus durchgesetzt. Mal eben schnell nach Amsterdam – kein Problem. Ein (verlängertes) Wochenende in Paris gehört schon fast zum Standard. Doch so neu wie immer behauptet wird, sind diese Reisen gar nicht. Schon vor tausenden von Jahren reiste man nach Tenochtitlan, Aden oder Damaskus. Ganz ohne technische Hilfsmittel. Die waren, wenn überhaupt vorhanden, nicht mobil. Die Rede ist von Karten, Stadtplänen.

Jeremy Black reist auch, und zwar durch die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. Seine ersten Ziele stehen heute kaum noch in den Programmen der Reiseveranstalter. Denn die Städte, die er kartographisch bereist, sind versunken. Manche wortwörtlich, manche wurden ausradiert, manche sind nur noch rudimentär wahrnehmbar. Einzig allein Karten zeugen von einstiger Größe – und der Fertigkeit ihrer Erschaffer.

War das Zentrum der Welt vor vier- bis zweitausend Jahren noch viel weiter im Osten, so verschob sich dieses mit dem römischen Reich nach links (auf den Karten zumindest, jeder Geographielehrer schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: „Das heißt nach Westen!“). Erstaunlich an dieser Aussage ist jedoch, dass es schon so lange Karten gibt. Kunstvoll sind sie, ein wenig unpräzise, aber durchaus brauchbar. Und vor allem hübsch anzusehen. Sizilien als Oval mit Palermo als Kreis in der oberen (nördlichen) Hälfte. Mit so einer Karte könnte man heute nicht mehr viel anfangen. Aber warum auch? GPS im Smartphone, Reisebände in gedruckter oder digitaler Form ersetzen die detaillierten Karten.

Wer sich die Mühe macht und die alten Karten einmal genauer betrachtet, wird überrascht sein, wie viel von damals heute noch zu bestaunen ist. Beziehungsweise wie lange die vorhandenen Strukturen den Veränderungen der Stadtplaner getrotzt haben.

Städte waren seit jeher Sammelpunkte des Fortschritts. Hier wurde Politik gemacht, der Lauf der Welt beeinflusst. Schon lange bevor in Europa der Begriff Zivilisation von Bedeutung war, gab es in China schon Städte mit über eine Million Einwohner. Seite für Seite wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt. Eine Karte prachtvoller als die andere! Die dazugehörigen Texte verwandeln den Betrachter in einen echten Experten für Geschichte und Kartographie. Phantasien und Vision (Fritz Langs „Metropolis“ gehört genauso zum Stoff wie eine ungewöhnliche Karte der siebzehn Provinzen der Niederlande in Form eines Löwen) finden hier ebenso Gehör wie fast schon nostalgisch anmutende Stadtansichten von Florenz.

Die beeindruckenden Abbildungen, gepaart mit den kenntnisreichen Absätzen zu deren Bedeutung machen „Metropolis – Die Stadt in Karten“ zu einem besonderen Band, den man sich gern immer mal wieder aus dem Regal holt. Wer als Kind gern in Opas Schrank herumschnüffelt und auf Karten mögliche Routen mit den Fingern nachzog, wird an diesem Buch seine bislang ungestillte Freude haben.

Farbtransfer

Farbtransfer

Der Herbst wird bunt! Weihnachten wird bunt! Das ganze Jahr wird bunt! Denn jetzt wird gemalt, gedruckt – farbenfrohe Resteverwertung par excellence! Der Titel „Farbtransfer“ klingt auf den allerersten Blick etwas schwerfällig. Dabei handelt es sich um nichts anderes als Farbe auf ein Objekt aufzubringen. Keine Angst, Autorin Courtney Cerruti gibt Tipps, dass es klappt mit den farbenprächtigen Geschenken für sich selbst oder andere. Pinsel werden getauscht gegen Plastikkarten. So erhalten ausrangierte, ungültige Kreditkarten einen neuen, langlebigeren Verwendungszweck. Die Farbpalette überlässt sie ganz dem Leser und anschließenden Bastelprofi.

Wie jedes Jahr steht man kopfschüttelnd vor der Frage wie man an Weihnachten eine Freude machen kann. Parfüm und Krawatten (oder schlimmer: Socken) sind keine Option. Dem Klischee entgegenwirken, lautet das Schenkemotto für dieses Jahr. Selber basteln … naja. Hat immer was von Kindergeburtstag. Man ist beschäftigt, es sieht ja auch alles ganz gut aus, aber ist es auch gut genug, um es zu verschenken? Ein bisschen Übung gehört natürlich dazu, wenn man sich an die verschiedenen Drucktechniken wagt. Aber die detaillierten Bilder und die exakten Beschreibungen lassen diese Ängste schnell verfliegen. Ob Holzmaserungen auf Notizbüchern, Farbverläufe auf Armreifen oder sogar Tellern, oder fantasievolle Tücher und T-Shirts bis hin zu Schuhen – Courtney Cerruti ist die Basteltante mit der Extraportion Raffinesse. Ja, auch Schuhe werden hier zu besonderen Designobjekten, die so in keinem Geschäft stehen und bei denen man nie in Verlegenheit kommt, wenn jemand vor Begeisterung schreit: „Die habe ich mir gestern auch kaufen wollen, waren mir aber zu teuer!“. Einzigartig werden alle selbst gestalteten Objekte sein. Denn hier geht es um Handwerk, mit Betonung auf Hand. Wie immer gilt, die Masse macht’s bzw. die geringe Menge.

Die Hilfsmittel sind zum größten Teil in jedem Haushalt vorhanden. Einige Zutaten wie Gelatine oder Farben müssen selbstredend besorgt werden, doch das ist kein Problem, weil sie so ausgefallen nun auch wieder nicht sind. Seit der Erfindung der Blogs tummeln sich viel Kreative mehr oder weniger erfolgreich und vor allem mehr oder weniger unabhängig (Modebloggern wird fot nicht zu Unrecht die Unabhängigkeit von Labels nachgesagt) im virtuellen Raum. Wer dieses Buch als Grundlage eines Geschäftes nutzen will, ist herzlich eingeladen dies zu tun. Doch die Exklusivität bleibt auf der Strecke. Denn dieses Buch wird Viele ansprechen. Und wenn’s jeder kennt, ist der unique selling point schnell flöten.

Besonders beeindruckend ist die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten und Einsatzgebieten. Von Buchrücken über Geschirr, Postkarten, Geschenkpapier und –bändern, bis hin zu Girlanden und Mobiles wird dem Leser ein Füllhorn an Möglichkeiten präsentiert sich auszudrücken und auszutoben. Wem regelmäßig die Ideen ausgehen, um Freunden und Familie einzigartig und originell eine kleine Aufhellung in den Alltag zu zaubern, wird hier auf lange Zeit Anregungen und Hilfestellung finden. Es als pures Bastelbuch zu bezeichnen, wird dem Buch nicht gerecht. Es ist ein reich bebildertes  Lexikon der Phantasie für alle Altersklassen, Jahreszeiten und Interessensgebieten, das nie aus der Mode kommen wird.

Der Mensch

Der Mensch

Dieses Buch ist das persönlichste Buch, das man haben kann. Denn es geht um jeden einzelnen von uns. Für Kinder geschrieben, aber bei Weitem nicht nur für Kinder gemacht. Den ersten Kinofilm, den man je gesehen hat, schaut man sich ja auch immer wieder gern an. Und außerdem: Was wissen wir schon über uns? Ganz ehrlich? Nach der Lektüre dieses Buches müssen die meisten von uns bekennen: Nicht viel. Wer weiß schon aus wie vielen Bausteinen wir bestehen. Mal raten? Eine Million, hundert Millionen. Falsch, ganz weit weg – siebenunddreißig Billionen Zellen ist jeder von uns schwer, leicht, wert … was auch immer. Das sind zwölf Nullen hinter der Siebenunddreißig. Allein unser Gehirn besteht aus sechsundachtzig Milliarden Nervenzellen. Und die sind manchmal alles bis zum Zerbersten angestrengt. Beim Lesen dieses Buch aus Verwunderung! Noch eine Zahl gefällig? Bevor wir wir sind, müssen wir uns zum ersten Mal einem Kampf stellen. Aber keine Angst, so viele Gegner werden wir nie wieder haben (es sei denn wir werden Diktatoren). Im Kampf um die eine Eizelle, die aus uns was macht, müssen wir uns gegen dreihundert Millionen Mitbewerber, Samenzellen, durchsetzen. Das ist eine Drei mit acht Nullen.

Es ist eine Wohltat dieses Buch zu lesen und nicht im Krabbeltisch der Pseudowissenschaften nachlesen zu müssen, dass der Mensch Mensch heißt, weil er ein Mensch ist. Sondern sich selbst anatomisch (schon allein die leicht verständliche Worterläuterung im Buch zeigt, was auf den Leser zukommt) durchzublättern.

Der menschliche Körper ist ein wahres Kraftwerk – Wunder verbringt er nicht, versteht es aber immer wieder zu verblüffen. Zahnweh muss nicht zwangsläufig auf zu viel Süßes hinweisen. Die Ursache liegt manchmal viel tiefer, bzw. weiter unten, zum Beispiel in den Füßen. Klingt komisch, … naja Sie wissen schon … ist aber so! Der Körper kann sich selbst heilen. Wenn wir Fieber haben, fühlen wir uns schlapp. Aber Fieber ist eine Abwehrtechnik des Körpers. Durch den Temperaturanstieg werden die Eindringlinge in die Flucht geschlagen.

Dieses Buch kann man nicht beschreiben. Man kann es schreiben, das hat Jan Paul Schutten bewiesen und mit Floor Rieder die wohl beste Wahl bei der Illustratorin gefunden. Ihre Bilder zeigen anschaulich für Groß und Klein wie wir ticken. Die Fülle an Informationen hebt dieses Buch auf einen besonders hohen Thron. Immer wieder wird man das eine oder andere Kapitel durchlesen. Und Staunen. Und Lernen. Und Freude daran haben. Es in einem Ritt durchzulesen, ist schwierig, weil so viele Informationen, so viel Neues erst einmal verarbeitet werden muss. Aber es schadet niemandem immer wieder ein Kapitel als Stimmungsaufheller zu lesen und das Blut zum Kochen zu bringen. Was man übrigens nicht machen sollte. Denn Blut ist einer der wichtigsten Indikatoren für unseren Gesundheitszustand. Für den Wissensdurst gibt es dieses Buch.

Die Alhambra

Die Alhambra

So was wird ja heutzutage überhaupt nicht mehr gebaut! Richtig! Und das ist auch gut so. Denn Exklusivität hebt das Ansehen. Die Alhambra hat dies allerdings nicht nötig. Eine Burganlage, die fast tausend Jahre auf den Mauern hat und seitdem immer wieder erweitert, verändert und verschönert wurde. Das, was wir heute als Alhambra millionenfach besuchen können, ist knapp achthundert Jahre alt. Der Zahn der Zeit nagt zwar an dem einen oder anderen Bereich, doch vom satten Teller-Bei-Seite-Schieben-Und-Zufrieden ist dieses UNESCO-Weltkulturerbe weit entfernt.

Schatten spendende Alleen, erhabene Säulengänge, wuchtige Türme, gigantische Höfe, filigrane Muster, ach die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Sie in Worte zu fassen, ihr gebührend Respekt zu erweisen, ist schwer.

Sabine Lata wählt einen einfachen und sehr beeindruckenden Weg die Alhambra greifbar zu machen. Auge und Mund sind ihre Werkzeuge. Sie fixiert einen Punkt im Raum, richtet ihre Kamera aus und, klick, ist der Moment als Foto festgehalten. Doch dabei belässt sie es nicht. Kenntnis- und detailreich schildert sie die Besonderheiten der Alhambra. Die, oft doppelseitigen, Bilder vermitteln eine unverhoffte Nähe. Man steht umgeben von grazilen Säulen, vor von Löwen umrankten Wasserbecken, unter im höchsten Maße kunstvoll gearbeiteten Bögen oder in verzauberten Gärten. Von draußen drängt kraftvoll das Sonnenlicht durch Fensteröffnungen, offene Dächer und durch geheimnisvolle Ornamente.

Die Nasriden hatten sich hier niedergelassen und wurden erst vor reichlich fünfhundert Jahren wieder vertrieben. Eine Trutzburg sollte hier entstehen. Ist es auch. Bei so viel Glanz und Gloria mag man als Besucher sich nicht die sicherlich oft blutigen Schlachten vorstellen. Denkt man sich die Touristenströme weg – auf den Bildern im Buch klappt das einwandfrei, es ist keine einzige weiße Tennissocke in Sandalen zu sehen – ist hier ein Ort der Ruhe. Und dieses Buch liefert den gedruckten Soundtrack zum Staunen. Wer noch nie die Alhambra besucht hat, könnte fast an seiner Urlaubsplanung zweifeln. Ist ja alles im Buch! Muss man nicht mehr sehen! Stimmt nur zur Hälfte. Denn das Buch liefert Unmengen an Eindrücken, erspart aber nicht die steigende Reisefieberkurve, vielmehr wird das Fernweh noch verstärkt.

City impressions Lissabon

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„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Mit dem Zeppelin nach New York

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Ein beliebtes Spiel ist Entfernungen oder Volumen zu schätzen. Klar, einen Liter kann jeder anzeigen. Eine Milchtüte bzw. Tetra-Pack kennt schließlich jeder. Aber wie sieht es mit 200.000 Kubikmetern aus? Schwer anzuzeigen und noch schwerer sich vorzustellen. Das ist das Volumen, das der Zeppelin Hindenburg als Gasreservoir mit sich führte. Zweihundertfünfzig Meter lang und Durchmesser von einundvierzig Komma zwei Meter. Das sind Dimensionen, die man Kilometer entfernt schon wahrnimmt.

So in etwa ergeht es auch dem 14jährigen Werner Franz als er als Schiffsjunge auf dem Riesenflieger 1936 anheuert. Nach Rio soll es gehen. Und die Überfahrt dauert fast zwei Wochen. Aktuell werden deutsche Olympioniken mit dem Flugzeug nur ca. einen halben Tag unterwegs sein. Soviel zum Abschätzen.

Mit großen Augen erkundet er die fliegende Zigarre. Brücke, Kombüse, Aufenthaltsräume – Rauchsalon, so was gibt’s heute auch nicht mehr – erforscht er mit kindlicher Neugier. Höhepunkt der Reise ist die Vorüberfahrt der Graf Zeppelin, einem weiteren Luftschiff, das in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist. Das Treffen über dem offenen Meer erfolgt so nah, dass sich die Gäste zuwinken können. Dann kommt der Mai 1937. Deutschland ächzt unter dem Joch der Nazis. Die Hindenburg macht sich bereit für die große Überfahrt nach New York. Schneller als ein Schiff zu sein gilt es. Alles muss reibungslos ablaufen. Nur so wird das Unternehmen wasserstoffgefüllte Luftschiffe auch in Zukunft erfolgreich sein. Auf der anderen Seite des Atlantiks erwartet man gespannt die Ankunft des Zeppelins. Unter anderem ist Reporter Herbert Morrison dabei, der mit seiner flehenden Stimme bis heute, knapp achtzig Jahre später, immer noch Gänsehaut hervorruft. Werner kann sich in letzter Sekunde retten.

Sein Urenkel findet eines Tages die Mütze des Uropas auf dem Speicher des Großvaters und fragt ihn aus. Der hatte die Mütze schon längst vergessen, nicht jedoch die Geschichte seines eigenen Vaters.

Die verheerende Katastrophe vom 6. Mai 1937 in Lakehurst beendete mit einem zweiunddreißigsekündigen Feuerball die Ära der Zeppeline. Ein echtes Abenteuer, das man so heute nicht mehr erleben kann. Dieses Buch ist in Zusammenarbeit mit dem Zeppelin Museum Friedrichshafen entstanden, wo die Geschichte der Luftschiffe immer noch lebendig gehalten wird. Dieses Buch ist der richtige Appetitmacher auf solch einen Ausflug. Technische Details werden in kleine Infokästen erläutert, Skizzen und Zeichnungen zeigen die unglaublichen Ausmaße der Zeppeline deutlich auf. Das Buch ist vor allem für Kinder und Jugendliche gedacht, doch auch so mancher Erwachsener wird fasziniert sein. Entweder, weil er die Zeppeline noch nie live gesehen hat oder weil er zu den Wenigen gehört, die sie noch fliegen sahen.

Manet – Sehen

Manet sehen

Bild – Skandal – Revolution … wie geht’s weiter? Manet! Edouard Manets Bilder waren zeitlebens ein Aufreger. Doch man konnte sich der Anziehungskraft der Werke nicht entziehen. Kritiker und (einstige) Freunde gerieten sich regelmäßig in die Haare, wenn Manet ausstellte.

Schon Mitte der 60er Jahre des vorletzten Jahrhunderts fanden in Paris regelmäßig Salons statt. In denen stellten die Künstler ihre Exponate aus. Tausende Exponate. Wer auffallen wollte – und Manet wollte auffallen – musste sich schon was Besonderes einfallen lassen. Edouard Manet traf den Nerv der Zeit. Und vor allem den der Betrachter. Ein wohl gesonnener Kritiker traf den Nagel auf den Kopf, als er meinte, dass es immer ein Bild im Salon gibt, das heraussticht. Und das sei immer ein Bild von Manet.

Noch bis zum 4. September 2016 kann man dies in der wieder eröffneten Kunsthalle Hamburg überprüfen. Denn hier sind alle herausstechenden Bilder versammelt. Der begleitende Bildband / Katalog ist ein Füllhorn an Wissen zum Wegbereiter der Moderne. Kann der Besucher dem Blick der Exponate standhalten? Wenn ja, hat man den Titel der Ausstellung „Manet – sehen“ schon verinnerlicht und nach der Lektüre vollständig verstanden.

Wie bedeutend Manet ist, lässt sich nicht allein schon an der Liste der Leihgeber erahnen: Die Bilder stammen aus Paris, Sao Paolo, Boston, Zürich Stockholm, Chicago, Essen und vielen anderen Städten der Erde. Das Buch ist kein Leichtgewicht! Weder wortwörtlich noch sinnbildlich.

Wem Manet bisher nicht viel (außer dem Namen nach etwas) sagte, wird schon auf den ersten Seiten ein Déjà-vu erleben. Viele Bilder sind dermaßen im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, dass man sie als kulturelles Welterbe ansehen kann. Nur der Produzent ist einigen unbekannt. Eine Nackte im Park mit zwei Männern, die sie betrachten, mit ihren Reden. Sie schaut lieber auf die, die nicht im Bild zu sehen sind, sondern davor stehen. „Picknick im Freien“ – würde auch heute noch Regungen beim Betrachter hervorrufen, wenn man Model und Maler im Park sehen würde. Nur, dass eben heute tausende von Handy-Fotos gemacht werden würden und in Klatschmagazinen darüber berichtet werden würde…

Die Autoren des Bildbandes sezieren das künstlerische Schaffen Edouard Manets ohne ihn dabei zu verletzen. Mit chirurgischer Präzision tragen sie Schicht für Schicht ab, um den Besuchern das Werk unzensiert nahezubringen. Eindrucksvoll berichten sie von den Schwierigkeiten, denen Manet, der Künstler mit dem ausgeprägten Ego, sich gegenüber sah. Es waren die Blicke, die Manets Werke so aufrührerisch erscheinen ließen. Künstler – Modell, Modell – Modell, Modell – Betrachter. Portaits im Maßstab Eins zu Eins lassen das gängige Verhältnis von Groß und Klein verschwimmen. Man geht an ihnen vorbei, achtlos. Um im gleichen Moment wieder umzukehren, und noch einen zweiten, dritten, vierten Blick zu riskieren. Das Risiko lohnt sich!

Wenn die Ausstellung Anfang September endet, ist der Nachklang immer noch spürbar. Manet ist immer eine Reise, einen Besuch wert. Dieser Bildband wird zukünftigen Besuchern nicht die Neugier auf kommende Ausstellungen nehmen, sondern vielmehr Appetit machen Edouard Manet in seiner Komplexität aufzusaugen.

Fußball in Berlin

Fußball in BerlinIch bin ein Fan von Hertha! Is erstmal ‘n Statement. Aber welche Hertha? Literatur-Nobelpreisträgerin Hertha Müller? Politik-Dauer-Nörglerin Hertha Däubler-Gmelin? Oder doch Hertha Suurbier, die mit der eigenen Fahne…

Dann doch lieber Hertha BSC. Als Fußballfan eines Hauptstadtvereins hat man in England die Qual der Wahl – Chelsea, Arsenal, Tottenham ganz oben mit dabei, West Ham, Crystal Palace, Fulham eher Kellerkinder. In Frankreich ist es der Hauptstadtclub PSG, der seit einiger Zeit den Ton angibt – und wie! Italiens römische Vereine sticheln gern und oft, aber Meister kommen dann doch von „weiter oben“. Und in Deutschland? Von den 54 Vereinen, die jemals in der Bundesliga gespielt haben – ja, auch vorher wurde schon Fußball gespielt, aber … – hat sich der Hauptstadtclub auf Platz Zwölf der ewigen Bundesligatabelle eingerichtet. Nicht schlecht! Aber ohne Titel eben. Die letzte Meisterfeier stammt aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Ostteil der einst geteilten Stadt wurde dagegen regelmäßig der Meistertitel gefeiert. Allerdings hatten da höhere Mächtige ihre Hände im Spiel, echte Menschenfreunde wie sie meinten…

Noch einmal zur Ewigen Tabelle. Ein Berliner Verein führt diese an – allerdings nur, wenn man sie auf den Kopf stellt: Der SC Tasmania 1900 Berlin. Acht kümmerliche Punkte nach der Dreipunktregel. Zur aktiven Zeit  der Verein ist mittlerweile Pleite – waren es sogar nur sechs Punkte. Zwei Siege, zwei Unentschieden. Und sagenhafte einhundertacht Gegentore. Das ist Fußball in Berlin! Nicht ganz. Meint zumindest Henry Werner, Autor des Buches „Fußball in Berlin“. Und er hat recht!

In Berlin wurde 1897 der erste Fußballverband gegründet, im „Dustren Keller“ in der Bergmannstraße 107, unweit des Flughafens Tempelhof. Das Buch ist mehr als ein Almanach der Punkteverteilung. Historische Plakate wie dem von den Internationalen Fußball-Wettspielen, fotografischen Zeugnissen u.a. von Viktoria Berlin und den Gründungsvätern des BFV oder auch athletischen Momentaufnahmen des Weltsports Fußball. Die Texte strotzen nur so von Fachwissen.

Über einhundert Jahre Fußballgeschichte aus und in einer der bedeutendsten Städte der Welt, deren Veränderungen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte bewegten und immer noch bewegen. Auch wer kein Fußballfan eines Berliner Vereins ist – und Vereine gibt es hier mehr als Baustellen – wird sich an diesem Buch erfreuen können. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, die man einfach nicht kennen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie die der „Spartaner“. Ernst Fuhry gründete diese sektenartige Mannschaft in der dunkelsten Zeit Deutschlands. Nationalsozialistische Ideologien paarten sich mit kruden Idealen, die den Spielern wirklich jeden Spaß am Leben verdarben. Doch ihr Spielstil war einzigartig: Fair, ritterlich, aufopferungsvoll und ohne Fouls und Tacklings. Das war selbst den Machthabern suspekt. Fuhry selbst wurde denunziert, verfolgte aber – ganz Sportsmann – stur seine Linie. Die Spartaner wurden dem Post-SV untergeordnet, das war das Ende der Spartaner. Dennoch wurden sie in der Saison 1937/38 ungeschlagen Berliner Meister. In 27 Spielen kassierten sie lediglich 17 Gegentore.

Bildband oder Nachschlagewerk? Das ist hier nicht die Frage! Fußballfieber zwischen zwei Buchdeckeln trifft es eher. Das Großformat trägt der Bedeutung der Stadt als Fußball-Dauerbrenner Rechnung. Wer Berlin besucht, kommt irgendwann auch am Olympiastadion vorbei – auf der letzten Umschlagseite mit der „Berliner Fußball-Karte“ übrigens als Standort „3:10“ gekennzeichnet. Spätestens hier wird auch der neutrale Beobachter vom Fußballfieber gepackt. Für echte Fans müssen nicht immer die Alte Försterei oder der Jahnsportpark sein…

Paris City Trip 2017 Kalender

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Wie wird Sehnsucht geweckt? Man sieht etwas, immer wieder, hört davon, härt andere davon schwärmen. So nach und nach baut sich eine innere Unruhe auf. Es fehlt plötzlich was im Leben. Da ist ein Loch, das gefüllt werden muss. So wird das Jahr 2017 mit dem Kalender „Paris City Trip“. Zwölf Monatsblätter, die alle 28 bis 31 Tage ein neues Verlangen kreieren werden. Garantiert!

Eine typische Boulangerie, Holztäfelung an der Außenfassade, Jugendstilelemente an den Glasscheiben, stimmungsvolle Lichtakzente – gleich der Januar lässt die kalten Tage vor den heimischen Fenstern vergessen machen. Actionreicher wird es im Folgemonat. Die ehrwürdige Kathedrale Notre Dame im farbenprächtige Wintersonne, im Vordergrund ein Straßenkünstler bei der Arbeit. Und – wie unfair – ein lupenreiner blauer Himmel! Romantischer als der April in Paris ist der launische Monat nirgends. Die Seine plätschert vor sich hin und die Bäume beginnen ihre bunten Gewänder wieder zu tragen. Wer unter Romantik im Lexikon nachschlägt, wird dieses Bild entdecken.

Doch auch der Mai wird Paris gerecht. Anders! Ganz anders. Modern, kitschig koloriert schon fast. Moderne Architektur, klare Formensprache, aufwühlende grelle Farben. Ganz im Gegensatz zum Juli. Hier wird das savoir-vivre gefeiert. Entspannte Atmosphäre, leere Stühle in einem Café. Das, was man tagsüber nie zu sehen bekommt, wird zum Symbol der Nacht. Und trotzdem geschäftiges Treiben drumherum.

Ein Kurzurlaub in der Stadt der Liebe ist immer ein Erlebnis. Wer noch nie Paris en direct gesehen hat, es aber immer vorhatte, kommt nun nicht mehr daran vorbei die ersten Reisevorbereitungen zu treffen. Zwölf Monate hat man nun Zeit sich Paris noch einmal zweidimensional anzusehen. Dann wird es Zeit einen Schritt, eine Dimension, weiter zu gehen. Dieser Kalender lässt niemanden kalt, der sich für Ästhetik, Farbenspiele, Architektur, Lebenslust und die Magie der Bilder begeistern kann.