Archiv der Kategorie: Bildgewaltig

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Berliner Schicksalsorte

Wer keinen Koffer in Berlin stehen hat, kommt wohl als Tourist in die deutsche Hauptstadt. Und dann will man schließlich auch was erleben. Und fernab der neuen urbanen Kulturausrichtung inklusive der monetären Nebenwirkungen bietet die Stadt einen breiten Teppich aus historischen Orten.

Armin A. Woy unternimmt mit dem Leser einen Rundgang zu zweiundvierzig Schicksalsorten, der einen Bogen von knapp sieben Jahrhunderten schlägt. Und der Rundgang beginnt gleich mit einer deftigen Abreibung. 16. August 1325, Markttag. Berlin wird von den Wittelsbachern regiert und anerkannt. Wegen und vielleicht auch vor allem wegen des Papstbannes, mit dem das Herrschergeschlecht belegt wurde. Die Kirche selbst war damals gespalten, der bannsprechende Papst Johannes XXII. saß im provenzalischen Avignon.  In der Marienkirche sprach Nikolaus Cyriacus von Bernau. Und was er sagte, erzürnte die Berliner. In der Kirche rumorte es, doch es blieb ruhig. Als jedoch der Domprobst aus der Kirche trat, gab es kein Halten mehr. Die Soutane wurde ihm vom Körper gerissen, der Mob macht kurzem Prozess mit ihm. Da die Berliner von jeher ein lockeres Mundwerk haben, hätten sie die Abendstunden wohl sicher mit dem Begriff Barbecue umschrieben, wenn sie ihn schon gekannt hätten. Bis heute steht an dieser Stelle ein Sühnekreuz, das man – wenn die Geschichte darum nicht kennt, sicherlich übersehen bzw. nicht so recht wahrnehmen würde.

Der wilde Ritt durch die Jahrhunderte geht weiter. Wir überspringen die Hinrichtungen von Hans Johlhase1540 am Strausberger Platz und von Lippold Ben Chluchim im Jahr 1573 am Neuen Markt und kommen zum Bülowplatz. „Ich liebe doch alle Menschen“, wer ihm und seinen Worten glaubte, bekommt hier die Quittung für seine Blauäugigkeit. Der doppelte Erich, Erich Ziemer und Erich Mielke, sollten 1931 den Mord an einem ihrer KPD-Genossen rächen. Das Land war in Aufruhr und im Umbruch. Husar und Schweinebacke waren auch da als sich die Massen auf dem Bülowplatz. Husar und Schweinebacke waren allerdings keine Kampfnamen des Parteiselbstschutzes, wie sich der paramilitärische Arm der KPD nannte, sondern Polizisten. Schon lange ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenden Bürgers. Ein heilloses Durcheinander folgte den aus nächster Nähe abgegebenen Schüssen. Rund ein halbes Dutzend Tote und über dreißig Verletzte waren das Ergebnis. Was wurde aus den Tätern? Erich Mielke konnte sich über sechzig Jahre in Sicherheit wiegen. Erst 1993 wurde er zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Knapp zwei Jahre später war wieder frei und starb 2000 unbehelligt in Berlin-Hohenschönhausen.

Nur zwei der schicksalsträchtigen Orte Berlins. Vom Tatort, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde und dem Ausgangsort des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 über die Glienicker Brücke und die Discothek „La Belle“, die durch einen abscheulichen Terrorakt berühmt wurde bis hin zur Mauer und dem Olympiastadion geht die historische Reise vom Armin A. Woy. Unterhaltsam, aber vor allem detailreich gibt dieser Band Auskunft über Orte, die man sicherlich schon mehrmals besucht hat, die man gequert hat, die man aber nicht als solche erkannt hat. Von nun an ist Berlin ein Ort, an dem man aufpasst, wo man hintritt. Dank dieses Buches.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Das Gehirn

Ganz düster hier im Oberstübchen! Und so verworren. Da steht man ganz schön im Wald. Und wird immer wieder angesaugt, aber nicht wieder ausgespuckt.

Das Gehirn spielt uns so manches Mal einen Streich. Zumindest hofft man, dass es so ist. Denn das komplexe Geflecht aus Synapsen, Neuronen, Glutamat und all den anderen Bereichen, Substanzen im Strom des Lebens gibt immer noch Rätsel auf. Dieses Buch löst diese Rätsel nicht – gibt aber einen leicht verständlichen, optisch 1A aufbereiteten Überblick, was da bei jedem einzelnen von uns „da oben“ vor sich geht.

Grundvoraussetzung für dieses Buch ist die Bereitschaft sich Neuem hingeben zu wollen. Ist diese erfüllt, wird dieses graphic science book, also ein Sachbuch in Form eines Comics, zu einer Wissensreise, die viel zu schnell zu Ende ist.

Denn so schwarz-weiß wie die Abbildungen ist es natürlich nicht in unserem Gehirn. Die Ionenpumpen halten das elektrische Potenzial der Zellmembran aufrecht. Kommt es daher, dass manchem manchmal ein Licht aufgeht?

Wie das Hirn funktioniert und dass man doch wieder aus ihm herauskommen kann, wird alles im Buch beschrieben. Jede weitere Interpretation erübrigt sich. Über die künstlerische Gestaltung des Buches hingegen, kann mehr als nur ein Wort verlieren. Dr. Matteo Farinella ist selbst Neurowissenschaftler. Er benutzt also etwas, um dieses Etwas zu erforschen. Ein Teufelskreis. Und aus diesem bricht er manchmal aus. Dann zeichnet er. Nicht einfach nur Neuronen oder elektrische Ozeane (die auch, ebenso wie Kalmare und U-Boote – die sind allesamt in unseren Hirnen vertreten), sondern auf eindrückliche Art den Hirn-Komplex. Bei seiner Reise durch die Irrungen und Wirrungen zwischen Frontallappen und Stammhirn trifft der Leser auf Forscher, die ihr Hirn der Hirnforschung überschrieben haben. Dr. Hana Roš ist ebenfalls Neurowissenschaftlerin und hat ihr Wissen schon in Fachzeitschriften einem breiten Publikum zugängig gemacht.

Die Symbiose von Hirn und Hirn, von Fakten und Kreativität erheben dieses Buch in den Adelsstand der populären Wissenschaftsbücher. Kein Wort und kein Pinselstrich zu viel oder zu wenig verderben den Wissendurst. Ein gewagtes Experiment, die scheinbar unwissenschaftliche Art ein Buch zu gestalten (Comic) mit der knappen Form der Wissensvermittlung in Einklang zu bringen. Das Ergebnis: Ein durchgehend angenehmer Ton, der sich im Ohr bleibt und somit auch im Hirn festsetzt.

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.

Die Pracht römischer Mosaiken – Die Villa Romana del Casale auf Sizilien

So in etwa auf halbem Weg zwischen Catania und dem Tal der Tempel bei Agrigent, in der Nähe von Enna, wird der neugierige Sizilienbesucher von einem Kunstwerk in Beschlag genommen, der ihm die Sprache verschlägt: Die Villa Romana del Casale. Sie ist berühmt für ihre Mosaiken. Nun ist man als Italienreisender schon ein wenig verwöhnt, wenn man die prächtigen Bauten aus dem Mittelalter, der Renaissance und der Antike bestaunt, doch hier gibt’s die Kirsche auf die Sahne noch obendrauf.

Die beiden Archäologen Rosaria Ciardiello und Umberto Pappalardo nehmen den Leser – der von nun an nicht mehr um einen Besuch dieser Villa kommt – mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Man muss sich ein wenig einlesen in den Stoff. Nicht jeder hat sofort Jahreszahlen, Namen und Orte parat. Doch die einleitenden Worte schaffen Komfort und bereiten den Zugang zu diesem ungewöhnlichen Ort. An der Stelle, wo heute ein Ausgrabungszentrum auf den Besucher wartet. Ein riesiges Areal mit einem Füllhorn an Augenschmeicheleien wird zum Spielplatz der Genüsse. Denn die Mosaiken sind nicht irgendwelche kleinen Fingerübungen, die dem Meister als Präsentationsobjekte dienten. Hier wurde einmal wirklich im Luxus gelebt. Die Übersichtskarte am Beginn des Buches zeigt eindrücklich wo welches Mosaik verortet ist und in welchen Dimensionen sie bis heute wirken.

Eintausendsechshundert bis eintausendsiebenhundert Jahre ist es her, dass hier der erste Spatenstich gesetzt wurde. Mit allem, was der Luxus der damaligen Zeit zu ließ. Pool, Säulengang (Peristyl), einem Raum für Musiker und Schauspieler und Saunalandschaft, wie man es heute nennen würde. Und jeder Raum mit einem prachtvollen Mosaik verziert. Bis heute sind noch nicht alle Mosaiken freigelegt bzw. entdeckt worden. Doch das, was man sehen kann, kann sich echt sehen lassen!

Die Villa kann jeden Tag in der Woche von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Und diese Zeit sollte man mit diesem Buch unterm Arm und / oder auf dem Schoß ausnutzen. Denn im Vorbeigehen – denn so richtig nah dran darf man natürlich nicht – übersieht man das eine oder andere Detail. Die Freude ist somit umso größer, wenn man das Buch sozusagen als Vergrößerungsglas im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne zur Hand hat. Die beiden Autoren erläutern anschaulich und einfach verständlich die Darstellungen auf den Mosaiken. Sie stehen immer im Zusammenhang mit der Nutzung des Raumes. Wo heutzutage Wandtattoos auf das Lieblingsgetränk (und somit meist auf die Küche) hinweisen, war es damals schon üblich das so genannte Aleipterion, den Massageraum mit entsprechender Kunst zu verzieren. Im Falle der Villa Romana del Casale jedoch mit Mosaiken, die heute noch so strahlen wie vor Jahrhunderten.

Dieses Buch ist ein Prachtbursche für die Pracht der Mosaiken. Jeder Raum, den man nach all den Jahren nicht immer sofort zuordnen kann, fasziniert durch die Kunstfertigkeit der Handwerker. Von Weitem ergibt sich ein Gesamtbild, doch wer sich die Mühe macht und näher tritt – sofern es erlaubt ist – findet einzigartige Details, die man durch dieses Buch erst richtig einordnen kann.

In 80 Bäumen um die Welt

Was haben Jules Verne, die Flagge des Libanon und ein ohrenbetäubender Lärm gemeinsam? Beginnen wir am Ende. Die Welt ist nach Meinung der meisten Forscher mit einem Urknall auf selbige gekommen. Ob der nun wirklich so laut war, ist eher eine philosophische Frage. Die Flagge des Libanon ziert eine Zeder und Jules Verne ließ seine Phileas Fogg in achtzig Tagen um die Welt reisen. Voilá, „In 80 Bäumen um die Welt“ ist geboren. So einfach ist das!

So einfach ist es dann doch nicht! Jonathan Drori ist Kurator für den Woodland Trust, verantwortlich für Wissenschaftssendungen bei der BBC Botaniker durch und durch. Das merkt man schon allein an der begeisterungsfähigen Wortwahl, die seine Texte schmückt.

Er reist einmal quer um den Globus und sieht da genauer hin, wo andere hinwegsehen. Wer schaut schon genau hin, was da am Wegesrand so grün grünt?! Und das eben nicht nur in den verhältnismäßig wenigen Ländern, die Phileas Fogg bereiste, sondern rund um den Globus: Tonga, Malaysia, Botswana, Kanada, Chile, Belgien, Somalia, Seychellen, um nur einige zu nennen.

Es muss schon ein erhebendes Gefühl sein, wenn das lavendelfarbene Schauspiel des Palisanders im Norden Argentiniens betrachten kann. So filigran die einzelnen Äste, so kompakt die ganze Krone. Es duftet unvergleichlich, die Blüten laden zum Staunen ein. In der Natur eine Wucht, im Buch eine Sehnsucht.

Eine Avocado gehört schon seit Längerem auch bei uns auf einen reich gedeckten Tisch. Doch ihr Geheimnis liegt nicht im Geschmack, sondern in ihrer Fortpflanzung. Erst zeigen sich die weiblichen Blüten. Jetzt sind sie bereit. Dann machen sie schüchtern erstmal wieder dicht. Dann balzen die männlichen Blüten, um zu zeigen, dass es losgehen kann. Echte Emanzipation: Denn nun zeigen sich die weiblichen Blüten wieder und die kleinen Helferlein wie Bienen und andere Insekten legen fleißig Hand an.

Die detailreichen Zeichnungen von Lucille Clerc geben wie bei einem wohlschmeckenden Mahl den unterhaltsamen Texten von Jonathan Drori erst die richtige Würze. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt feinste Pinselstriche. Es ist wie im richtigen Leben: Da ein Baum – zur Kenntnis genommen. Doch wer die Augen richtig aufmacht, erkennt die Vielfalt und Einzigartigkeit einer jeden Pflanze.

„In 80 Bäumen um die Welt“ ist ein Reiseband für unterversorgte Globetrotter. Eine Stadt, eine Region und ihre von Menschenhand erschaffenen Reichtümer zu besichtigen, ist eines. Aber der Natur ihre Geheimnisse, die so offensichtlich dargeboten werden, immer wieder neu zu entdecken, kommt einem echten Abenteuer gleich. Mit Kapitän Jonathan Drori und Lucille Clerc im Ausguck ist immer Land in Sicht.

In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester

Das erste Buch? Ein Bilderbuch. Erinnerungsstück. Und nun? Wieder ein Bilderbuch, ein weiteres Bilderbuch. Neudeutsch graphic novel. Julia Hoße lässt ihre Erinnerungen wieder aufleben. Mehrfach, vielfältig, eindrücklich und nachhaltig.

Erinnerungen spielen uns oft gern mal einen Streich. Sie verblassen im Laufer Zeit oder versteifen sich zu einem Zerrbild. Ganz anders hingegen Julia Hoßes Illustrationen in diesem Buch. Stilistisch so abwechslungsreich wie das Wetter im April. So farbenprächtig wie der knalligste Indian Summer.

Mal möchte man die Seiten aus dem Buch reißen, um sie sich an die Wand zu hängen. Mal möchte man Handschuhe anziehen, um auf jeden Fall keine noch so kleinen Schmutzpartikel zurückzulassen. Knallbunt bis schwarz weiß. Satte Striche und grazile Linienführung. Verlaufende Farben und klare Konturen. Die Klaviatur der Zeichenkunst spielt Julia Hoße virtuos.

Ihr Streichorchester spielt ihr keine Streiche. Mit jeder Seite, die man in dieses Buch eintaucht, fügen sich die Farbnoten zu einer Sinfonie des Augenblicks zusammen. Düster und schwer die Erinnerungen ihrer Oma, die aus Königsberg fliehen musste. Kindheitserinnerungen von sorglosen Tagen am Strand erstrahlen in sonnengelber Leuchtkraft, die den Betrachter blendet.

Wer mit graphic novels bisher nicht viel anfangen konnte, wird mit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ die liebevollste Einladung in ein neues Genre ausgesprochen. Bilder sind die ersten Erinnerungen, die uns prägen und lange erhalten bleiben. Ihre Wirkung wird nicht angerührt. Die Interpretation schon. Eigene Erfahrungen im Laufe eines Lebens verändern die Sicht auf die Dinge, die einst wichtig waren. Äußere Einflüsse schieben einzelne Aspekte „von damals“ an den Rand und holen andere dafür hervor.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsstück, das den Betrachter beeindruckt. Interessant wie es in der Zukunft auf uns wirken wird…

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.