Archiv der Kategorie: Bildgewaltig

Kartenwelten

Landkarten haben trotz digitaler Revolution nichts von ihren Mysterien verloren. Kein Piratenfilm, der ohne Schatzkarte auskommt. Keine Reiseband ohne graphische Wegbeschreibung. Keine Wanderroute ohne Kurven und Ecken.

Die Farbenpracht vergangener Karten ist im Laufe der Zeit einer nüchternen Praktikabilität gewichen. Jedoch einfach mal so beispielsweise den Grand Canyon zu kartographieren, das geht auch nicht. Acht Jahre benötigte Bradford Washburn vor rund vierzig Jahren, um dieses Naturschaupiel zu erfassen. Schweres Gerät musste auf Gipfel geschaffte werden. Für Berechnungen standen zwar schon präzise Computer zur Seite. Die Karte selbst zu erstellen, war ein Abenteuer, dessen Ergebnis all die Mühen vergessen ließ.

Eine Karte ist aber nicht immer nur der schnöde Wegweiser, um sicher von A nach B zu kommen. Karten dienen Ökonomen zum Beispiel den Weg von Waren nachvollziehen zu können. Und auch das ist keine Erfindung der globalisierten Gegenwart.

Dieser Prachtband hält sein Versprechen ganze Welten von Karten zu präsentieren. Betsy Mason und Greg Miller lassen phantastische Welten erstehen, die bisher kaum jemand in dieser Hülle und Fülle jemals betrachten durfte. Ist man anfangs noch von der Farbenvielfalt und Detailverliebtheit historischer Karten geblendet, vertieft man sich zugleich in die Texte. Deren Informationsgehalt lenkt nicht von den Bildern ab, sondern schafft ein einzigartiges Kartenuniversum. Museumsreife Karten, Karikaturen (auch dafür eignen sich Karten!) und Abbildungen, die erst auf den zweiten Blick ihr kartographisches Wissen darlegen, geben sich ein Stelldichein, die den Leser immer wieder ins Bücherregal greifen lassen, um die Sinne zu stimulieren. Boston, Hongkong, der Pazifik sind nur drei Beispiele für Karten, die den Leser, der sich wie ein Besucher in einer fremden farbenfrohen Welt fühlen darf, immer wieder Neues entdecken lassen.

Vergessen Sie Schatzkarten! Hier sind die wahren Schätze!

The roaring Twenties

  1. Januar 1920: Roar!!! So einfach war es dann doch nicht. Neues Jahrzehnt und die Sorgen von gestern waren nichts weniger als das, und man konnte das Tanzbein schwingend und Champagne schlürfend die erste weltweite Partygesellschaft feiern. In Deutschland hatte man sich erst vor Kurzem eine Republik zu gelegt, man knabberte immer noch an den horrenden Reparationszahlungen, und der aufkommende Faschismus dient auch nicht gerade als Aushängeschild für ein tolerantes Zusammenleben. Auch wenn es Geld im Überfluss gab …

Im Cafe Größenwahn traf sich die künstlerische Hautevolee und separierte gleich einmal die aus, die ihrer Ansicht nach nicht zum erlauchten Kreis der Eilte gehören durften. Dieser umfasste Brecht, Grosz, Kästner, Kisch, Liebermann. Kokain wurde zur Modedroge, selbst Juweliere fertigten einzig dafür spezielle Döschen an, was den Behörden dann doch zu weit ging und Kokain nur noch auf Rezept erhältlich war.

Während in Paris die Liebe (zwischen Mann und Frau) erblühte wie kaum anderswo auf der Welt, war Berlin das El Dorado für Mann/Mann- aber besonders für Frau/Frau-Konstellationen. Nicht nur auf der Bühne. Gegen Ende der Goldenen Zwanziger war Berlin das geworden, was man sich bis heute unter einer Weltstadt der Zwanziger vorstellt: Kreativzentrum und Sündenbabel zugleich.

Paris und seine Künstleravantgarde, Chicago und seins Al Capone, Lissabons Art Deco, Moskaus revolutionärer Aktionismus – jede Metropole prägte die zwanziger Jahre auf ihre Art und Weise. Von Wien bis Tokio, von Rom bis Shanghai wurden Toren weit aufgestoßen und der Wind der Veränderung wirbelte das Inventar gehörig durcheinander. Bis heute haben die Zwanziger Jahre nichts an ihrer Faszination verloren.

Die Vielfalt dieser Veränderungen überrascht vielleicht nicht jeden, so komprimiert waren sie jedoch selten in einem Buch enthalten. Die beiden Historiker Detlef Berghorn und Markus Hattstein verstehen es mit prägnanten Sätzen die Uhr anzuhalten und um fast ein ganzes Jahrhundert zurückzudrehen. Die ganz- und manchmal doppelseitigen Abbildungen ergeben zusammen mit ihren Texten ein umfassendes Bild einer Zeit, die heute nur allzu oft verklärt in den Köpfen der Menschen herumspukt. Es war nicht alles Gold, schon gar nicht „roar“ in dieser Zeit. Doch die Illusion, dass es so gewesen sein könnte, ist auch schön. Ein bisschen Tatsachenforschung tut dabei aber Not!

100 Highlights Neuseeland

Abenteuer im Doppelpack, das gibt es nur in Neuseeland. Zwei Inseln, die so pickepackvoll an Andersartigem sind, gibt es kaum noch auf der Welt. Nur leider für viele am anderen Ende der Welt. Ein echter Ein-Tagestrip um überhaupt ankommen zu können. Doch ist man entweder auf der nördlichen oder südlichen Neuseeland-Insel angekommen, ist beim Anblick der faszinierenden Kultur der Anreisestress wie weggeblasen.

Thomas Sebastian Frank und Thomas Stankiewicz nennen ihr Buch zwar „100 Highlights Neuseeland“, doch sind es bei Weitem mehr als die angekündigten Einhundert. Es sind Unzählige! Schon auf den ersten Seiten wird die Vielfalt des Doppelinselstaates sichtbar: Mondäne Hafen, wie in Auckland. Felsklippen, von denen man über zerklüftete Fjorde den Sonnenauf- oder untergang in sein Herz lassen kann. Bergspitzen, die in Nebel gehüllt ein erhabenes Gefühl vermitteln. Und wer lautlos mit einem Gleitschirm über die Landschaft hinweg fliegt, wird von den Eindrücken ein Leben lang zehren.

Die Wucht der Bilder haut den Leser, den Betrachter um! Wie Abenteuergeschichten rühren da die kurzen Artikel an. Ein Werbefeldzug, der nur ein Ziel kennt: Neuseeland näher an diejenigen zu rücken, die noch echte Abenteuer suchen. In farbig abgesetzten Kästen sind nützliche Informationen noch einmal zusammengefasst. Und immer wieder Bilder, Bilder, Bilder. Über Doppelseiten ergießen sie sich und überschwemmen den Leser mit ihrer Pracht und Präsenz.

Manchmal kommt man sich verloren vor. Wenn ein einsamer Surfer am Strand vor tosender Gischt steht, sind die Felsformationen im Hintergrund ungerührt. Sie kennen das Naturschauspiel seit Jahrmillionen. Welch Glück sie haben, ausgerechnet hier ein Leben als Uferfels leben zu dürfen…

Genauso fühlen sich Besucher in Waimangu. Nie gehört? Dieser Ort wird niemals mehr als unbekannt gelten, nachdem man dieses Buch auch nur durchgeblättert hat. Hier ist der größte Heißwassersee der Welt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts tat sich hier die Erde auf. Kalte Füße bekommt man in der jüngsten geothermischen Attraktion der Welt nicht. Eine mehrere Meter dicke Ascheschicht bedeckt das Tal, unterirdisch brodelt immer noch das Wasser, und lässt Algen und Pflanzen blühen, die in ihrer Farbenvielfalt den Besucher innehalten lassen.

Das Bild vom umfassenden Bildband einer echten Abenteuer-Doppel-Insel vervollständigen die Kapitel, die man auf den ersten Blick nicht vermutet. Der Fokus des Buches liegt eindeutig auf den zahllosen Naturimpressionen. Doch und gerade die Abschnitte über das kulturelle Leben, wie das Festival der tragbaren Kunst, abseits von Maori-Kultur und Kiwi-Souvenirs, werden für zusätzliche Ahas und Wows sorgen. Wer auf er Suche nach einem unvergesslichen Weihnachtsgeschenk ist, oder sich selbst immer wieder in Erstaunen versetzen will, ist mit diesem Prachtband mehr als auf der sicheren Seite.

Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte

Mit dem Wissen, dass die eine Seidenstraße nicht gab, nicht gibt und sicherlich auch niemals geben wird (maximal als Restaurantname) liest es sich viel entspannter durch diesen Prachtband.

Die Seidenstraße bezeichnet Handelsrouten, die schon vor über zweitausend Jahren die Völker, vor allem aber die Händler, aus dem Osten mit denen aus dem Westen verbanden. So gelangten Porzellan und Gewürze, Zahlen und Musik, aber auch Brauche und Tiere von einem Ende der Welt ans andere.

Auf knapp fünfhundert Seiten wird die Pracht der Wege – mal eng wie die Gassen einer Kleinstadt, mal unendlich breit, nur von Bergketten begrenzt – in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt. Die Bilder springen als Erstes dem Betrachter ins Auge. Farbenprächtige Mosaiken, traditionelles Handwerk, prunkvolle Teppiche, erhabene Reliefs, einsame Oasen, verlassene Ruinen, umgeben von spannenden Texten, die von Forschern geschrieben wurden, die sich ganz und gar ihrer Arbeit verschrieben haben. Allesamt Experten auf ihrem Gebiet.

So umfangreich und eindrucksvoll wurde die Seidenstraße noch nicht dargestellt. Die Vielzahl von alten Karten und Plänen, die Interpretation von Handwerkskunst, Funde von alten Schriften erstaunen ab der ersten Seite.

Es ist nicht leicht so ein Schwergewicht wieder beiseite zu legen. Ein bisschen Fernweh kommt auf, wenn man von exotischen Orten wie Simurgh, Pir-e Sabz oder Samarkand liest. Viele Orte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so dass einem nur der Griff zu diesem Buch bleibt, um sie erleben zu können.

Nicht nur Geschichtsfans kommen hier auf ihre Kosten. Jeder, dem Abenteuer nicht fremd sind, wird mit wachsender Begeisterung in diesem Buch blättern, lesen und sich an Texten und Abbildungen erfreuen. Gepaart mit Wissensvermittlung, die einem Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ vor Neid erblassen lassen.

„Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte“ eröffnet eine alte neue Welt. Die gekonnt in Szene gesetzten Schätze – von Grabsteinen über tanzende Pferde bis hin zu Edelsteinen – vermitteln nachhaltig einen detaillierten Einblick in über zweitausend Jahre Kulturaustausch, der heutzutage viel zu oft und viel zu offen angeprangert, manchmal sogar verteufelt wird. Erst dieser Kulturaustausch erlaubt die eigene Kultur im richtigen Licht zu sehen. Dieses Buch muss man zumindest einmal im Jahr in die Hand nehmen, um nicht zu vergessen, dass Kultur immer auf Gegenseitigkeit beruht.

Naturerkundungen mit Skizzenheft und Staffelei

Das waren noch Zeiten: Ohne GPS, WiFi und flinken Fingern sich durch wirklich unentdeckte Regionen kämpfen. Stattdessen mit dem unbedingten Willen etwas ans Tageslicht zu fördern, das die Welt überhaupt noch nicht gesehen hat. Das ist lange her. Und die, die damals mit Pinsel, Stift und Machete durchs Dickicht huschten, sind immer noch in aller Munde. Haben sogar Hashtags in den sozialen Medien.

Charles Darwin ist sicherlich einer der bekanntesten Abenteurer, wobei der Begriff Forschungsreisender sicherlich passender sein dürfte, dessen Wirken in diesem Buch so eindrucksvoll dargelegt wird. Ebenso Maria Sibylla Merian, deren detailgetreue Schmetterlingszeichnungen bis heute den Betrachter in Staunen versetzen. Alfred Russel Wallace war zu seiner Zeit ein Superstar unter den Forschern. Seine „Mitbringsel“ vom Amazonas füllten damals schon Museen. Von deutscher Seite ist Alexander von Humboldt mehr als nur eine Randnotiz wert. Der Orinoco ohne Humboldt? Unvorstellbar!

Dieses Buch setzt 23 Forschern ein gedrucktes Denkmal, das umfassend deren Arbeit ins rechte Licht rückt. Die 18 Autoren gehören entweder direkt zum Londoner Natural History Museum oder sind mit ihm eng verbunden. Ihnen sind die ausgestellten Exponate so nah wie den beschriebenen Forschern die sie antreibende Neugier.

Jedes einzelne Kapitel besticht durch Fachwissen und den Drang dem Leser eine Welt zu eröffnen, die durch den modernen Informationsfluss immer weniger Spielraum für eigene Phantasien lässt. So viel wie man meint zu wissen, weiß man dann doch nicht. Die Essays sind wahre Fundgruben für jeden, der die Vergangenheit als mindestens genauso spannend erachtet wie die Zukunft. Immer wieder ertappt man sich beim Lesen, dass eigene Pläne im Hinterstübchen gemacht werden. Mit den Möglichkeiten der Gegenwart muss es doch auch möglich sein Neues zu entdecken und der Nachwelt zu erhalten. Allerdings liegt die Messlatte durch Thomas Waitling, Joseph Hooker oder Margret Elizabeth Fountaine sehr hoch!

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

Wandkalender Büchergilde Gutenberg 2020

Ein Jahr lang Bücher gucken! Der Wandkalender der Büchergilde Gutenberg lädt 2020 dazu ein für die eigenen vier Wände Eintritt zu verlangen. Während Fernsehsender sich am laufenden Band dafür feiern, was sie alles vollbracht haben, um diese vier Wände mit Show-, Licht- und Aha-Effekten zum Erstrahlen zu bringen, präsentieren sich in zwölf Monatsblättern die eindrucksvollsten Illustrationen der Sondereditionen.

Da schauen Holly Martins und Harry Lime aus der Gondel im Prater auf das vom Krieg zerstörte Wien. Ein Cocktailglas aus „Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ schwimmt mutterseelenallein im Ozean. Die Farbwucht aus der „Euphoria“-Ausgabe zeigt die komplette Farbpalette, die man sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Jeder Monat wird so zu einem Kunstgenuss, den man im Vorbeigehen jedes Mal sinnlich wahrnimmt, und man sich einfach die Zeit nimmt noch einmal die nun viel größeren Abbildungen etwas genauer zu betrachten. Sicherlich fallen dem Einen oder Anderen einzelne Textpassagen aus den Büchern, denen diese Illustrationen entnommen wurden, wieder ein. Was gibt es Schöneres als bereits Erlebtes noch einmal zu erfahren. Christian Schneider verzichtet bei seinem Fauna-Potpourri gänzlich auf Farben. Ein Frevel denkt man zuerst, wenn man die einzelnen Tiere aus dem Bild seziert hat. Der Tukan, dem jegliches Blau, Grün, Gelb, Rot abhanden gekommen ist, ist trotz seiner Farbschwäche nicht minder beeindruckend wie seine dreidimensionalen, lebendigen Artgenossen. Das ist wahre Kunst!

Grün und Rot mit Unterstützung von Schwarz und Weiß hat sich Joe Villion „Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau genähert. Ein starker Kontrast zu Hans Tichas Idee zu Karl Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“, die in einem satten Grün und einem fröhlichen Frosch vor dem Mikrofon dem Betrachter ins Auge springt.

Dieser Kalender zeigt, was Buchkunst alles kann. Ein Buch allein kann schon ein Kunstwerk sein. Ein geistreich illustriertes Buch hebt ein gutes Buch auf eine höhere Ebene. Leider fristen die meisten Bücher nach dem Lesen ein Dasein im Bücherregal. Der Mehrwert dieses Kalenders besteht darin das eine oder andere exzellent gestaltete Buch noch einmal aus dem Regal zu nehmen, um es zumindest noch einmal durchzublättern. Das um ein Vielfaches größere Format der Bilder zeigt vielleicht Stellen auf, die man bisher übersehen hat.

Hans Ticha Wandkalender 2020 – Zeichnungen zu Ringelnatz

Es gibt Künstler, die können gar nicht groß genug gefeiert werden. Einem wie Joachim Ringelnatz kann man dieses Privileg nur schwer absprechen. Hans Ticha hat für die Büchergilde Gutenberg die Gedichtband „und auf einmal steht es neben dir“ die Illustrationen angefertigt. Sie verleihen den Texten des sächsischen Autors, der in München und Berlin seine größten Erfolge feierte, der seiner Ostsee so vielfältig und nachhaltig geschriebene Denkmale widmete, der Schauspieler wie Otto Sander zu unverwechselbaren Lesungen anstiftete, die gewünschte Untermalung.

Nein, es ist mehr als „nur“ eine Untermalung. Sie geben Ringelnatz‘ Texten die verdiente genreübergreifende Bedeutung. Zweitausendzwanzig ist nun das Jahr, in dem diese Illustrationen ganz groß auftrumpfen werden. Als Wandkalender auf 42 mal 60 Zentimeter. Größer ist kein Buch. Zumindest nicht im Format. Inhaltlich begegnen sich Ringelnatz und Ticha auf Augenhöhe.

Man stellt sich vor den Kalender und malt sich aus wie die beiden über ihre jeweilige Kunst fachsimpeln. Ein Fest für die Ohren! Klare Linien und kunstvolle Farbverläufe lassen den Betrachter die Zeit vergessen. Ein Punkt hier, eine Linie da. Übergänge, bei denen man sich das Hirn zermartert, wie Ticha das wohl gemacht hat. Die Bilder sind keine Rätsel, die dem Kunstinteressierten Gedankenverrenkungen abverlangen. Ihre Aussagen sind klar und schnörkellos. Dennoch ertappt man sich immer wieder auf der Suche nach der Intention. Einfach mal bei Ringelnatz nachschlagen. Das kann nie schaden!

Spätestens, wenn man den Raben entdeckt, der sich locker lässig an eine Vogelscheuche lehnt, ist man auf der richtigen Spur. Ernsthafte Sinnsuche weicht hier unterhaltsamer Motivsuche. Das Jahr 2020 wird das Jahr des Lächelns mit diesem Kalender an der Wand!

Thorbeckes Tiere und Pflanzen der Berge Kalender 2020

Tiere und Pflanzen der Berge – klingt nach Heimatidylle mit kitschigem Anstrich. Klingt aber auch nur so! Ist es ganz und gar nicht. Das Jahr grüßt mit einem Steinbock. Erhaben mit stolzem Geweih zeigt er seine Flanke und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass 2020 ganz im Zeichen nostalgischer Fauna steht. Flora folgt eine Woche später, wenn das Jahr bzw. man sich selbst im neuen Jahr eingefunden hat. Ein Potpourri farbenprächtiger Alpenpflanzen, mit dem Edelweiß, das auch im Jahr 2020 bei keiner Bergansicht fehlen darf. Doch die Pflanzen sind nicht nur hübsch anzusehen, sie sind nicht zuletzt auch nützlich. Flavonoide heißt das Zauberwort, Stoffe, die die Pflanzen, aber auch die menschliche Haut vor Schädigungen der UV-Strahlung schützen.

Die Trollblume – so erfährt aus einem der zahlreichen Texte, die die beeindruckenden Abbildungen vervollkommnen – ist eine bedeutende Blume. Ihren Namen hat sie – und da müssen jetzt alle Fantasyfans ganz stark sein – nicht von den Figuren ohne die kein echtes Fantasyabenteuer auskommt, sondern vom altdeutschen Wort troll, und das bedeutet kugelig. Sie kann entweder winzig kleine Insekten aufnehmen oder mit ihren starken Blättern nicht erwünschte Eindringlinge beiseiteschieben.

Wer schon mal in den Alpen geurlaubt hat, kennt den geistreichen Enzianschnaps. Gewöhnungsbedürftiger Geschmack – und wer weiß wie der Basisstoff dieses hochprozentigen Erlebnisses aussieht? Ende Mai ist man schlauer. Mit feinster Pinselführung werden kleinste Erhebungen und Details sichtbar gemacht. Ein Genuss für alle Sinne. Bis auf den Geruchssinn, der wird mit diesem Kalender leider nicht bedient.

Fast schon technisch wird Anfang Juli der Wacholder vorgestellt. Im Bildmittelpunkt ein Zweig mit den charakteristischen Nadeln und dichtem Fruchtstand, darunter die einzelnen Stadien der Fruchtwerdung. Zu finden ist der Wacholder dort, wo andere Bäume keinen Halt mehr und keine Nahrung finden. Und zwar von Hier bis in den Himalaya.

Im November, wenn man sich nur allzu gern zuhause verkriecht und mit sehnsuchtsvollem Blick jeden Sonnenstrahl erhaschen versucht, thront der Steinadler auf einem Felsen. Die Beute fest im Griff sondiert er die Umgebung, auf dass ihm niemand den Fang streitig macht.

So unverhohlen rein war die Natur der berge noch nie zu sehen. Ozonalarm, Smog und von Menschenhand geschaffene Einflüsse sind mit jedem Umblättern im Kalender – also jede Woche  – wie weggeblasen. Knallige Farben, dass man meint sie können nicht echt sein, machen aus jedem der 366 Tage des Jahres 2020 (es ist wieder Schaltjahr!) ein Fest für die Augen.

Thorbeckes historischer Fahrradkalender 2020

Jedes Jahr im Sommer wird fast ganz Europa von einem rätselhaften Fieber erfasst. Man hockt stundenlang vor der Glotze und schaut gebannt zu wie sich erwachsener Männer – mehr oder weniger stimuliert – auf ihren Drahteseln von A nach B bewegen. Reporter versuchen diese Zeit – ebenso mehr oder weniger engagiert und eloquent – mit unterhaltsamen Fakten zu untermalen. Es ist wieder Tour de France. Drei Wochen Werbung für Frankreich.

Mahr als siebzehn Mal so lang wirkt dieser Kalender. Historische Bildzeugnisse aus Zeitungen, Illustrierten, Prospekten aus allen Sparten des Radsports zeugen von der Faszination Radfahren. Wie zum Beispiel das Titelblatt des „Le Petit Journal“ vom 26. September 1891, in dem ein gewisser Charles Terront vorgestellt wurde. Er war einer der ersten Superstars der Szene. Frisch geduscht, mit frischen Trikot wurde er nach seinem Sieg des Rennens von Paris nach Brest für die Nachwelt verewigt. Er selbst begann seine Karriere auf dem Hochrad. Nach dem „Abstieg“ auf „normale“ Vehikelgröße gewann er Bahnradrennen wie Straßenrennen.

Hochräder waren nicht zu übersehen. In luftiger Höhe überschaute man die Landschaft und schaute herab auf Fußgänger. Ein riskantes Unterfangen, denn bei plötzlichem Bremsen, war der unfreiwillige, und somit verletzungsanfällige Abstieg, vorprogrammiert. Die Werbung von Columbia Bicycle zeigt aber auch die Eleganz dieses grazilen Gefährtes.

Es sind nicht nur glitzernde Bilder aus der Welt des Radfahrens, die diesen Kalender zu einem echten Highlight des Jahrs 2020 machen. Auch technische Detailzeichnungen wie von einem Patentkurbellager oder eines Dreigang-Nabengetriebes zeigen die Präzision, mit der das Produkt Fahrrad beworben wurde. Rennszenen, schon damals – so zeigt es das Titelbild des „La Domenica del Corriere“ – erregten spektakuläre Rennverläufe, wie nach einem Sturz, die besondere Aufmerksamkeit der Leser.

Ein wenig Wehmut schwingt schon mit, wenn man schon vorher ein wenig durch den Kalender blättert. Echte Kerle, die ohne Begleitfahrzeug ihr Rennen bestritten. Keine Wasserträger, die ihren Kapitänen, das Wasser reichen, weil sie ihnen aufgrund mangelnder Unterstützung aus der medizinischen Abteilung das Wasser nicht reichen können. Kein Vergleich mit dem Heute.

Diesen Kalender als nur hübsch anzusehen, ist eine gewaltige Untertreibung. Mit großen Augen erwartet man den Montag, um ein neues Histörchen aus der pedalen Welt zu erfahren. Die kurzen Texte auf jedem Blatt halten so manche vergessene Geschichte parat.