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Eine kurze Geschichte der Fotografie

Warum nur sehen meine Bilder nie so aus wie die in Magazinen, auf Plakaten oder in Museen? Es ist doch nur ein Kamera durch die man sehen muss, klick, fertig. Ja, wenn das so einfach wäre, wir würden alle van Gogh heißen. Wie in jeder Kunstart denkt man nur allzu gern, dass man das auch kann. Und dann? Alles verwischt, zu dunkel, zu hell, Bildausschnitt zu eng, zu weit. Es ist schon ein Kreuz mit der Kunst! Sie zu verstehen … ein Buch mit sieben Siegeln.

Zumindest, was die Fotografie im Allgemeinen betrifft, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sachen Verständnis in Sichtweite. Ian Haydn Smith (bei dem Namen denkt man zuerst an einen Kunstführer durch die Musik) hat die bis vor Kurzem jüngste Kunstrichtung (Video ist noch jünger, aber wohl eher ein Ableger der Fotografie) unter die Lupe genommen und analysiert. Einfach abdrücken, aufs Vögelchen warten und Bild betrachten – das sind im besten Fall die Basiseigenschaften der Fotografie. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Stilrichtungen und Spielarten, die man auf den ersten Blick gar nicht auf dem Schirm hat.

Ein bunter Spaziergang durch die Geschichte – klingt nach einem Rundgang durch alte Gemäuer, angereichert mit ein paar Schauergeschichten und unvergesslichen Eindrücken. So ergeht es einem auch – die Schauergeschichten sind in diesem Fall Hintergrundinfos – beim ersten Durchblättern. Man sucht das eine oder andere Bild, das man schon kennt. Das Portrait von Che Guevara, die napalmverbrannten Kinder in Vietnam oder James Dean mit hochgeschlagenem Mantelkragen in New York.  Vielleicht sind dem Leser ein paar Namen schon bekannt: Frank Capa, Man Ray oder auch Anne Leibovitz. Der Einstieg ist somit schon getan.

Mit der Entwicklung von Apparaten und Entwicklungstechniken wurden immer mehr Möglichkeiten geschaffen den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Ein Schnappschuss, der erst beim entwickelten Foto seine ganze Anziehungskraft entfaltet oder ein gestelltes Modefoto schwimmen emotional auf Augenhöhe. Der Augenblick wird zur endlosen Route der Gefühle. Man steht vor einem Bild und spinnt sich seine eigene Geschichte um dieses zweidimensionale Objekt. Was geschah just zu dem Zeitpunkt als der Fotograf den Auslöser drückte?

Bekannte Namen, vergessene Namen, Künstler, die ihre Zeit prägten, einen Stil vorgaben und ihrer Kunst den Stempel aufdrückten – ausnahmslos alle versammeln sich in diesem Buch, das aus dem Leser / Betrachter sicherlich keinen besseren Fotografen machen, aber das Auge für moderne Kunst schult.

Tattoo & Religion

Wer vor Jahrhunderten seinen Freigeist, sein Weltgewandtheit, sein Weltenwissen demonstrieren wollte, zeigte nur allzu gern seine Tätowierung(en). Ein Seemann schmückte Arm und Oberkörper mit einem Kreuz, einem Herz und einem Anker. Glaube, Liebe, Hoffnung. Somit war klar, dass hier einer einem gegenübersteht, der die Welt gesehen hat, den kein Sturm so leicht umhaut. Dann kamen die Knasttätowierungen. Ein Träne am Auge, drei Punkte auf dem Handrücken – Vorsicht!, der kann auch anders! Und heute? Die Schlampenstempel gehören der Vergangenheit an – zu Beginn des Jahrtausends waren sich noch ein Zugehörigkeitssymbol des Abgrenzens, is noch gar nicht so lange her.

Tausende von Tattoo-Studios überleben dank des anhaltenden Dranges sich ewig als einzigartig darzustellen. Wie bei so vielen Trends kristallisieren sich aber immer wieder echte Könner ihres Faches heraus, die die breite Masse an „Handwerkern“ im schwammigen Licht ihrer verwischten Hautbildchen in die Bedeutungslosigkeit rücken.

Und so gibt es zahlreiche Bücher mit zahlreichen Bildern von mehr oder weniger originellen Tattoos. Paul-Henri Campbell sticht mit seinem Buch „Tattoo & Religion“ aus dieser Masse auffällig hervor. Er interviewte rund um den Erdball wahre Meister, die mit der Nadel wahre Kunstwerke schufen, die ihre Träger / Besitzer tatsächlich aus der Masse der Tätowierten herausstechen lassen. Natürlich fallen dem Betrachter, dem Leser zuerst die eindrucksvollen Bilder auf. Schließlich sind die Hauptakteure, die bleibenden Eindrücke, geritzt in die Epidermis der Unvergänglichkeit. Doch schon einmaligem Durchblättern kehrt man schnell zum Anfang zurück, um die Interviews eingehend zu studieren. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob man sich selbst zur Leinwand machte oder nicht. Ein gut gesetzter Strich bleibt nun mal in Erinnerung!

Schon die Pilger vor Jahrhunderten ließen sich die religiöse Symbole in die Haut ritzen, um den Daheimgebliebenen von ihren Reisen ein zweidimensionales Andenken präsentieren zu können. Instagram Null Punkt Null, sozusagen. Wobei das Demonstrieren eher der Zugehörigkeit zu einer Gruppe diente als pures Präsentieren der eigenen Einzigartigkeit.

„Tattoo und Religion“ – mehr als nur ein Buch über Zeichnungen und Gottesglaube. Für viele ist das Tätowieren an sich schon eine Lebenseinstellung, eine Art Religion. Und wie so oft in der organisierten Kirche, geht es irgendwann auch mal ums Image, sprich ums Geld. Henk Schiffmacher aus Amsterdam kann sich rühmen Lady Gaga auf seiner Pritsche unter sich leiden zu sehen. Bei ihm – und da stellt er eine echte Ausnahme dar – war zuerst das Talent da. Dann kamen die Ideen (Tattoo-Conventions, ein Tattoo-Museum), erst dann der Ruhm und somit auch der prall gefüllte Klingelbeutel. Seine Ansichten und Erfahrungen zur Körperkunst sind nicht unbedingt mit einer Bibel gleichzusetzen, seine Jünger werden dieses Kapitel jedoch verschlingen. Alles in allem ist dieses Buch eine Abwechslung zum vielfachen Dilettantismus, der fast schon an Beleidigung grenzt, wenn man des Sommers durch die Straßen läuft. Ob das reduzierte Linienspiel von Chaim Machley oder farbgewaltige Kirchenfensterbilder von Mickaël de Poissy – dieses Buch begeistert nicht nur wegen der Darstellungen was Tätowierkunst überall auf der Welt im Stande ist zu vollbringen, sondern und vor allem durch die Ansichten der Meister. Für Kenner, für Puristen, für alle dazwischen.

La cucina sarda

Na, hier ist doch wohl alles klar! Auch ohne weitreichende Italienischkenntnisse kann man dem farbenfrohen Cover sofort seine Geheimnisse entlocken. Sardinien und lecker Essen. Gehört doch irgendwie auch zusammen, oder?! Und das gleich fünfundachtzig Mal!

Zu einem gelungenen Sardinienurlaub gehört neben einem Strandbesuch, einer ausgedehnten Wanderung durch eine unvergleichbare Natur auch der Besuch eines Marktes und der zahlreichen Feste. Und schon hat Sardinien einen Fest im Griff. Der Duft von Myrte, Rosmarin, und Thymian steigt in die Nase und man wünscht sich, dass der Urlaub niemals enden wolle. Doch das Ende kommt, so viel steht fest. Und dann? Nur ein Urlaub von vielen, an den man sich immer wieder gern erinnert? Jein. Die Erinnerungen verblassen mit der Zeit. Selbige zurückdrehen kann man nicht. Doch sich Sardinien in die Küche, an und auf den Tisch zu zaubern, ist keine Hexerei.

Zur Einstimmung auf den Hochgenuss der einfachen Küche geben Autor Herbert Taschler und Fotograf Udo Bernhart einen kleinen Einblick auf die kommenden über dreihundert Seiten. Das Brot der Erde steht in Sardinien nicht nur sinnbildlich auf dem Tisch. Sardinien und Brot verhalten sich wie Pizza und Neapel – ohne is(s) nich. Dass die Worte nicht vom lauten Knurren des Magens schon bei den einleitenden Seiten verhallen, dafür sorgen die zahlreichen unzähligen Fotografien. Hat man erst einmal die ersten Reisefieberschübe überstanden, lässt es sich vortrefflich durch die Rezepte stöbern. Tartare di ombrina con fichi. Hierfür benötigt man dann doch die deutsche Übersetzung: Tatar vom Schattenfisch mit Feigen. Ist ganz einfach: Den Fisch in Würfel schneiden. Schnittlauch dazu, salzen, pfeffern und mit Öl beträufeln. Drei Viertel der Feigen mit dem Fisch vermengen. Dazu gibt’s … na was wohl? Brot. So einfach kann das Paradies schmecken. Und es ist ein abgerundeter Einstieg ins Buch, das man garantiert nicht ohne abzusetzen durchlesen kann. Wer zu Maharrones mit Tomatensauce, Kartoffel und Ricotta niccht nein sagen kann, der wird sich auch an dem Kapitel über den sardischen Sherry nicht satt lesen können. Vegetarier können beruhigt sein, auch für ihren Geschmack halten Insel, Autor und Fotograf einiges parat. Kartoffeln, Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, Vermentino und Chiliflocken lassen einen vor Ungeduld schon an den Nägeln knabbern.

Ein rundum gelungenes Buch, das als aperitivo Appetit macht und nach einem Sardinienurlaub die schönste Zeit des Jahres auf einer der schönsten Inseln des Mittelmeeres unvergesslich macht.

Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Vögel der Nacht

Ein lieblos am Straßenrand abgestelltes Moped ist noch lange keine Bordsteinschwalbe. Ein Vogel, der mit der Bahn fährt erst recht kein Zugvogel. Und wenn alle Scheinwerfer auf einen Gefiederträger gerichtet sind, ist immer noch kein Star.

Es sind schon besondere Menschen, die sich in diesem Buch versammeln und sich eine besondere Vogelbezeichnung einfangen. Die Rabenmutter gibt den Dingen in ihrer Wohnung, die sie umgeben extra Namen, um für sie sorgen zu können: Balthasar Baldachin, Deborah Deckchen, Melchior Matratze. Katharina Günther-Keßler gibt ihren nicht immer so flatterhaften Figuren Flügel damit sie abheben, ausbrechen und erkunden können. Mehrdad Zaeri steuert die Illustrationen bei. Verschiedene Stilarten, dicke Striche, dünne Linien, satte Farben, expressive Gestalten – sie geben den eigenwilligen Texten ein Gesicht.

Lesen soll die Phantasie anregen. Und dieses Buch braucht dazu nicht einmal mehrere Seiten Anlauf – es klappt auf Anhieb ab den ersten Zeilen. Acht besondere Vögel, acht besondere Geschichten, die darauf abzielen dem Leser den passenden Stromstoß im Gehirn zu verpassen. Füttern ausdrücklich erlaubt!

Der Name des Verlages – Kunstanstifter – darf, ja, muss hier wortwörtlich genommen werden. Die „Vögel der Nacht“ stiften Unruhe, wirbeln Staub auf, wechseln ihr Gefieder, fliehen in die Dunkelheit. Als Leser folgt man ihnen auf Schritt und Flügelschlag, um zu sehen, was die Nacht zu bieten hat. Eine ganze Menge, so viel sei schon mal verraten. Dieses Buch ist kein Buch, das man Seite für Seite liest und dann zufrieden ins Regal stellt. Gute-Nacht-Lektüre auf hohem Niveau, die man immer wieder zur Hand nimmt, wenn die Nacht am tiefsten ist. Dann erhellt das Federvieh das Firmament und lässt tausend Sterne funkeln.

Über das Marionettentheater

Wie an Fäden gezogen schweben die Figuren dahin. Die Gesetze der Physik scheinen sie zu ignorieren. Dabei sind sie die perfekten Anschauungsobjekte für eben diese Gesetze. Jeder Aktion folgt eine entsprechen Reaktion.

Ein junger Mann ist vom Spiel der Puppen derart fasziniert, dass sie ihn zu einem kleinen Ausflug in die Kunst der Puppenspieler inspirieren. Dieser junge Mann ist Heinrich von Kleist, der mit dem Krug und dem Richter. Die Geschichte ist nicht lang und liest sich wie ein funkelnder Reisebericht. Das Besondere an diesem Buch sind die vielsagenden Illustrationen von Hanna Jung.

Marionetten sind für die meisten der erste Kontakt mit der darstellenden Kunst. Kinder sehen beispielsweise wie Bewegungen von Menschenhand entstehen und sind baff erstaunt wie ein kleiner Wink eine so große Auswirkung haben kann. Als Erwachsener wird man beim Marionettenspiel vielleicht an die Kindheit erinnert oder sieht wie einfach doch so manche Faszination aufgebaut sein kann.

Und erst die prachtvollen Kostüme, bei denen sich jeder Designer mal so richtig austoben kann. Ein Fuchs mit eleganter Rüschenbluse, Jagdrock, Zylinder. Ein Reiher, dessen Gefieder durch die Farbkombination seiner Garderobe noch mehr zu glänzen scheint. Sie alle hängen nicht am sprichwörtlichen seidenen Faden, sondern am wortwörtlichen. Grazile Bewegungen sind ihnen anheimgefallen und sind ein Augenschmaus für jeden Betrachter. Denn der Leser verlässt mit dem Aufschlagen des Buches seine angestammte passive Position des stillen Lesers, um mit wachem Auge die Szenerie zu verfolgen.

Es sind Bücher wie dieses, die die Lust am Lesen, am Entdecken, am Forschen wieder entfachen. Dazu genügt nur eine Portion Lust und der Wille in eine Welt einzutauchen, die die Realität widerspiegelt und dennoch völlig losgelöst von ihr ist. Die zarten Farbenspiele, die Detailverliebtheit der einzelnen Figuren und der tiefergehende Text lassen beide Welten, diese und jene, miteinander verschmelzen.

Waldo und Schnövenichvanschnöf. Abenteuer am Meer

Was ist das Schönste am Urlaub? Die Vorfreude! Neue Welten, neue Menschen – aber der Weg dorthin führt meist durch den Gang der Transportbox oder im Körbchen. Wie jetzt? Transportbox? Körbchen? Die Welt eines Hundes – in diesem Fall zweier Hunde – weist die eine oder andere Gemeinsamkeit mit der des Menschen auf. Aber eben auch Unterschiede. Waldo döst vor sich hin und das leise Klackern des Rollkoffers signalisiert ihm, dass große Veränderungen anstehen. Mit der Nase eines Spürhundes kann er an der Anzahl der Schlüpfer im Koffer erkennen wie lange diese Veränderung andauern wird. Doch Frauchen findet das gar nicht witzig, dass ihr Waldo im Koffer rumwühlt.

Schnövenichvanschnöf, die Grand Dame im Haushalt, ahnt schon, was kommen wird. Sie ist älter und weiser. Transportbox: Dieses Wort klingt allerdings gar nicht nach Erholung, neue Welten und erst recht nicht nach Abenteuer. Während Waldo im Wald (wo sonst?!) den letzten Haufen setzt, zerbricht sie sich ihren Hirn(chen) wie sie dem Reisegefängnis entkommen kann. Es nützt nichts! Mallorca ohne Transportbox – für sie nur ein Traum. Waldo hat es da besser, er darf ins Körbchen, die erste Klasse für niedliche Köter der unteren bis mittleren Größenkategorie. Und er weiß wie man die Aufmerksamkeit der Passagiere auf sich zieht. Er lässt einen nach dem Anderen ziehen…

Noch ist Waldo im Vorteil, er hatte die Reise-Luxus-Variante bekommen. Doch im Auto vergeht ihm bald das Grinsen. Schnövenichvanschnöf setzt sich permanent auf ihn. Er ist nun mal der Kleine. Und als das Meer ist Sichtweite ist, weicht auch der letzte Gedanke von Fröhlichkeit von ihm. Alle wollen ihn immer in das endlose Nasse zerren. Prrr, das behagt ihm so gar nicht. Zuhause ist es doch immer noch am schönsten. Wenn man will, kann man überall seinen Haufen machen. Doch hier? Am Meer?

Schnövenichvanschnöf hingegen träumt schon von einer zweiten Karriere, als Rettungshund, der sich todesmutig in die Fluten stürzt und zum Helden wird. So schäumend die Gischt der Meeres, so schäumend auch der Wunschtraum. Denn insgeheim ist die Hundedame mindestens genau so wasserscheu wie Waldo. Das darf aber niemand wissen. Schon gar nicht Waldo! Der Schisser, der lieber zuhause vor sich hindöst.

Doch so schlimm wie es sich die beiden Hunde ausmalen, wird der Urlaub dann doch nicht. Der Strand ist der größte Abenteuerspielplatz ihres Lebens. Da kann man herumtoben, Sandburgen bauen, sie wieder einstürzen lassen (gewitzt wie Schnövenichvanschnöf Waldo zeigt wer hier die Hosen an hat). Und wer nun denkt, dass die beiden es wohl niemals ins Meer schaffen werden, der irrt. Denn Waldo und Schnövenichvanschnöf sind trotz ihrer Bequemlichkeit pfiffige Hunde. Sie finden schon einen Weg dem Meer das Grauen zu nehmen.

Die Illustrationen von Marion Schickert lassen gar keine Fragen aufkommen, wer hier die Stars in diesem Buch sind. Keck, mit einem Augenzwinkern, unschuldig dreinblickend schaffen die Vierbeiner mit einem Pfotenstreich den Leser, Vorleser und Betrachter in ihren felligen Bann zu ziehen. Ohne falsche Bescheidenheit tun sie im Buch das, was ohnehin jeden Tag auf der Straße von ihnen zu sehen ist. Und wieder gilt es: Wer genau hinsieht, entdeckt immer wieder Neues!

Leb wohl, Berlin

Der Herbst 2018 stand ganz im Zeichen Berlins. Das babylonische Treiben zog Fernsehzuschauer in Scharen vor die Glotze. Und alle fanden es chic und schnieke diesem Berlin bei einem Kurzbesuch auf die Spur zu kommen. Doch es war halt alles nur Fiktion.

Christopher Isherwood, der Weltreisende mit dem eingebauten Radar fürs Besondere im Alltäglichen, war auch in Berlin. Doch er hat dieses Berlin, das den Herbst noch bunter machte, selbst erlebt. 1929 setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf märkischen Boden. Vier Jahre sollte seine Spürnase in Berlin schnüffeln, aufsaugen und seine Hände dieses Berlin in Buchform verewigen.

Auch seine Figuren sind fiktional, orientieren sich aber stark an echten Typen, die Berlin zu jener Zeit den echten Glanz verliehen. Die berühmteste ist zweifelsohne Sally Bowles. „Cabaret“ soll ihr Denkmal werden. Als Isherwood sie trifft – Realität und Fiktion verschwimme in diesem Band auf wundersame undwunderbare Art und Weise – erwacht Berlin im Scheinwerferstrahl des Hedonismus. Mr. Issiwu wie ihn seine Vermieterin nennt, ist ständiger Begleiter und Beobachter dieses Berlins, das sich noch einmal für die große Party rausputzt. Denn schon bald regiert der braune Terror. Die ersten Ausuferungen sind schon da. Prügeleien und Pöbeleien auf offener Straße werfen ihren angsterfüllenden Schatten voraus, während in den Sälen unter den Kronleuchtern Champagner in Strömen fließt, die Bühnen zum letzten Mal ein Beben verkünden, das bald schon Donnergrollen weichen soll.

Es sind aber nicht nur die Zeilen, die dem Leser hier in eine Zeit entführen, die die Phantasie beflügeln. Christine Nippoldt ist die kongeniale Begleiterin an Isherwoods Seite. Ihre Illustrationen helfen dem Leser nicht nur auf die Sprünge das Gelesene vor Augen zu haben, sondern springen den Leser an, dass er eintauchen kann in eine Welt, die so weit weg zu sein schien.

Dieses Berlin hat nichts mit der so genannten Hipsterkultur der Berliner Gegenwart zu tun. Man trank richtigen Alkohol ohne exotische Zutaten, rauchte puren Tabak, kein flüssiges Gemisch, dessen Namen mehr an Pornodarsteller als Markennamen erinnern, und man feierte aus ganzem Herzen, weil man es wollte und nicht nur, damit das Social-Media-Profil einen hübschen Zuwachs verzeichnen kann. Jede Zeile in diesem Buch, jede Abbildung lässt den Wunsch im Leser erwachen, sich frisch frisiert und im besten Zwirn der Lebenslust hinzugeben.

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!