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Mainfranken

 

www.michael-mueller-verlag.de, 336 Seiten, 17,90€, ISBN 978-3-95654-369-2

In den meisten Regionen Deutschlands erkennt man schon am Namen, was einen erwartet. Hier hat das Marketing die Deutungshoheit übernommen. Aber Mainfranken? Der Begriff ist den wenigsten bekannt. Zu Unrecht, denn der Bogen, den die großen Touristenströme um diese Ecke Frankens machen, lässt die Region wachsen und unberührt erstrahlen. Autor Hans-Peter Siebenhaar gibt dem Landstrich zwischen Hessen und Bamberg nun bereits zum sechsten Mal ein Gesicht, dem man gern begegnet und mit einem Lächeln gegenübertritt.

Würzburg, Aschaffenburg, Schweinfurt, Steigerwald sind sicherlich die Eckpunkte, die aufhorchen lassen. Mehr als ein „Schon mal gehört“ sind sie die Leuchttürme Mainfrankens. Orte wie Dettelbach beispielsweise hingegen muss man schon finden wollen. Was sich allerdings lohnt. Wallfahrtskirche und Rathaus sind die architektonischen Blickfänge, die kredenzten Gaumenfreuden verstärken die Richtigkeit der Entscheidung für den 7.000-Einwohnerort.

Dass Mainfranken schon in der Geschichte eine Region war, in der man sich gern niederließ und wirkte, zeigen unter anderem auch die farbig unterlegten Infokästen. Tilman Riemenschneider oder auch der Schriftsteller Leonhard Frank lebten und wirkten in Würzburg. Doch spätestens beim Spessart wird auch der letzte Zweifler überzeugt sich intensiver mit Mainfranken auseinander zu setzen. Räuber findet man hier nicht mehr, schon gar nicht singende Raufgesellen. Doch im dichten, dunklen Wald lässt es sich auch ganz angenehm gruseln. Geografisch ist man hier schon im Mainviereck. Wo andere mit Dreiecken aufwarten, legt man hier noch eine Ecke drauf…

„Mainfranken“ entwickelt sich im Laufe des Lesens – ein Reiseband, der durchaus dazu einlädt das Buch wie einen Roman Seite für Seite zu lesen – zu einer Region, die man gern als „Mein Franken“ bezeichnen möchte. So anschaulich und empathisch wurde selten eine Region beschrieben. Dieser Band ist eine kontinuierliche Größe im Bücherregal eines jeden Reiselustigen, der mit aller gegebener Vorsicht, auf Erkundungstour geht.

Hans-Jörg Siebenhaar gelingt mit seinem Wissen und der Liebe zu Mainfranken ein Reiseband mit enormem Detailwissen, gepaart mit uneingeschränkter Nutzbarkeit. Den Beginn eines jeden Kapitels leiten so genannte Lotsenseiten ein. Das heißt, das was wichtig ist, wird kurz dargestellt, und die Seitenangabe ermöglicht den schnellstmöglichen Zugriff. In Sachen Handhabung eine Eins mit Sternchen. Inhaltlich ist dieser Reiseband über Mainfranken unschlagbar!

Fränkische Schweiz

Hier bläst man nicht das Alphorn, hier rollt man das R so schön wie nirgendwo auf der Welt. Hier rauchen nicht nur die Schornsteine, hier raucht‘s auch im Braukessel. Und Rrrricharrrd Wagnerrrr wird hier nicht als Volksdichter verehrt, sondern als der Komponist, der Bayreuth (wieder ein R), der der Stadt einen anhaltenden Besucherstrom beschert.

Doch Spaß beiseite, Franken, die Fränkische Schweiz ist eine Region, in der man getrost zu jeder Jahres-, Tag- und Nachtzeit sich erholen kann. Kaum ein anderer Landstrich ist so gut zu erreichen. Die Berge sind für jedermann zu erklimmen. Die Küche ist für Groß und Klein ein Wohlgenuss. Und trotzdem gibt es noch Ecken, die den Massen verborgen bleiben. Das ist auch gut so. Dennoch wagen Hans-Peter Siebenhaar und Michael Müller den Versuch diese aufzustöbern und dem geneigten Publikum zu präsentieren. Das Ergebnis sind über dreihundert Seiten Fränkische Schweiz, die schon beim Durchblättern Lust auf Schäufele, Rauchbier, Äktschn, tiefes Luftholen – kurzum: Urlaub machen.

Die sechs Kapitel können unterschiedlicher nicht sein. Da ist Bamberg am westlichen Rand der Fränkischen Schweiz, das sich mit seiner prächtigen Architektur nicht verstecken muss. Forchheim und das Walberla hingegen sind schon eher was für Eingeweihte. Ob von Oben als Gleitschirmflieger oder als Erdbuddler mit archäologischer Präzision – wenn eine Region ein Komplettpaket anbieten kann, dann ja wohl hier. Und das gleich um die Ecke. Egal, ob nun ein Virus die Welt in Atem hält oder nicht, muss man hier mindestens einmal im Leben gewesen sein. Noch ein bisschen Geschichte gefällig? 10-19 lautet das Erfolgsgeheimnis des Tales der Wiesent. Zehn Burgen und Schlösser plus neunzehn Mühlen. Solch eine Einleitung gibt es in jedem Kapitel. Kurz und knapp wird Appetit gemacht, was auf einen wartet. Auf den Folgeseiten werden diese Thesen nicht nur erhärtet, sie werden derart anschaulich dargestellt, dass man gar nicht mehr umhin kann als weiterzulesen und den nächsten Urlaub herbeizusehnen.

Als Reisebuchverlag aus Franken gehört es sich auch einen Reiseband im Programm zu haben. Und der Chef packt selbst mit an. Als Autor kulinarischer Unikate („Do schmeckts!“, Teil Eins und Zwei) weiß er wie der Leser nicht nur an den Tisch, sondern in seine Region lockt. Hans-Peter Siebenhaar weiß wie man dorthin kommt. Links und Rechts der zahlreichen beschriebenen Weg finden die beiden Autoren das, was als unverwechselbar die Fränkische Schweiz auszeichnet. Mit kleinen Anekdoten und unterhaltsamen Beiwissen in farbig abgesetzten Kästen, erleichtern sie jedem Reisebuchleser die Lektüre. Da passiert es auch schon mal, dass man mitten im Schwelgen an Franken plötzlich in der Türkei landet. Wie das geht? Besuchen Sie Hollfeld, lesen Sie vorher diesen Reiseband und das entsprechende Kapitel.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

55x verführt Bamberg

Urlaub planen in der Coronakrise ist wie in der Ladeschleife bei dürftiger Netzleistung zu hängen. Man wartet, dass endlich was passiert. Da freut man sich, wenn es Konstanten gibt, die einem die leidvolle Zeit in angenehmer Art und Weise irgendwie erträglich machen können. Bamberg zählt sicher nicht zu den Gewinnern der Krise – die gibt es nicht wirklich. Aber eine Stadt, die über Jahrhunderte so manche Krise gesehen und überlebt hat, kann so leicht nichts aus den Angeln heben. Schon ein einfacher Spaziergang durch die ehrwürdigen Gassen mit der beeindruckenden Architektur hilft über so manche Einschränkung hinwegzusehen. Doch wie weiter?

Markus Raupach weiß da Rat. Er ist Bamberger, hat hier studiert, arbeitet hier. Und er hat fünfundfünfzig Leggerlis zusammengestellt, die jeden Besucher verführen sollen. Vorab schon mal so viel: Es funktioniert! Denn selbst, wer Bamberg noch nicht kennt, ist schon nach dem einfach Durchblättern zwar kein Kenner der Stadt, jedoch um die Sehnsucht nach Bamberg reicher.

Auf über 240 Seiten breitet sich die Stadt an der Regnitz, die die Stadt zu umarmen scheint – schließlich gibt es hier den rechten und den linken Regnitzarm – vor dem Auge des Lesers, später des Betrachters, Besuchers aus. Wie die Tipps über die Kneipenszene momentan ausgelebt werden können, kann niemand voraussehen. Aber ohne die Tipps würde man das Eine oder Andere garantiert verpassen. Also, auch diese Kapitel sorgsam lesen!

Manchmal gibt das Buch gleich mehrere Tipps auf einmal. Die Altenburg ist seit Jahrhunderten (1109 wurde sie erstmals erwähnt) ein Blickfang und Abenteuerspielplatz für Groß und Klein. Der Blick vom Greifenklau-Biergarten ist wohl der Schönste auf das imposante Bauwerk. In dem hat sich zu Lebzeiten schon E.T.A. Hoffmann mit Graffitis verewigt. Bier, Burg – ein guter Einstieg Bamberg zu erobern.

Apropos Bier. Daran kommt man hier nicht vorbei. Das berühmte Rauchbier gehört zur Stadt wie der Eiffelturm zu Paris. Nur dass es in Bamberg wohl nicht so recht Zweifel gab, ob man es wirklich braucht. Selbst im so genannten Bierkrieg, wurde die Notwendigkeit nicht angezweifelt.

Auf dem Weg durch die Stadt werden einem immer wieder Skulpturen auffallen. Sie gehören zum Bamberger Skulpturenweg. Nicht alle Werke sind noch zu besichtigen, aber die wichtigsten sind im Buch mit Ort und Namen samt Künstler benannt.

Neben den fast schon versteckten Orten, die Bamberg so einzigartig machen, sind es aber vor allem die im strahlenden Sonnenlicht schimmernden Augenschmäuse, die Besucher nach Bamberg locken. Auch hier hat der Autor so manche Anekdote parat, die man sich gern noch einmal erzählt, wenn man rund ums prächtige Rathaus schlendert oder dem Naturkundemuseum einen Besuch abstattet.

Ein rundum gelungener Stadtreiseband, der nicht mehr verspricht als er hält. Ehrliche Recherchen in einer der beeindruckendsten Städte, die mit der Bahn dank ICE-Anbindung so einfach zu erreichen ist. Und dank dieses Buches nun kein Buch mit sieben Siegeln ist.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Sächsische Schweiz

Die Schweizer müssen doch verrückt werden! Überall, wo es Berge gibt, heißt es gleich Schweiz. Die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz sind die berühmtesten. In der Sächsischen Schweiz ist die höchste Erhebung aber gerade mal ein Achtel so hoch wie die höchste Erhebung der Alpenrepublik. Wobei es dort immer wieder Diskussionen gibt, welche denn nun diesen Titel tragen darf.

Dass die Sächsische Schweiz mit der originären Schweiz nur wenig zu tun hat, liegt aber nicht nur daran, dass kein Gipfel im vierstelligen Bereich auszumachen ist, sondern vor allem daran, dass sie wirklich einzigartig ist. Der Elbsandstein gab ihr den eigentlichen Namen, Elbsandsteingebirge. Für Kletterer ein Sinnesrausch erster Klasse. Für „normale“ Besucher ein Erholungsort, der je nach Anfahrtsweg gleich vor der Haustür liegt. Leider schafft es die Region nur bei Hochwassern regelmäßig in die Nachrichten. Wer schon einmal mit dem Zug gen Prag – oder in umgekehrter Richtung – gefahren ist, wird unmissverständlich in den Sog der Begeisterung gezogen, den die Landschaft unbestritten ausübt. Und mit der Festung Königstein gibt es hier einen Ort, der über die Landesgrenzen hinaus die Besucher in Strömen anzieht.

Doch das ist bei Weitem noch lange nicht alles, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Detlef Krell beweist detailreich, dass man hier durchaus mehrere Tage, Wochen, Monate zubringen kann ohne dass ein einziges Mal Langeweile aufkommen könnte.

Von den offensichtlichen Punkten, die man einfach gesehen haben muss, über teils verschlungene Pfade bis hin zu Orten, die man ohne grundlegende Ortskenntnisse und ohne dieses Reisebuch wahrscheinlich niemals entdecken würde, führt er ein in eine Region, die eine große Dichte an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Und um die man sie mancherorten sicherlich beneidet. Wie zum Beispiel die Gemeinde Rosenthal-Bielatal. Der Begriff Ruhefinden scheint eigens für diesen Ort erfunden. Oder die Umgebindehäuser im Weißbachtal. Der rustikale Charme lässt automatisch den Wanderschritt verlangsamen. Wen es nach so viel Erholung und Entschleunigung dann wieder in den Trubel der Stadt zieht, für den hat das Kapitel über die sächsische Landeshauptstadt so manche Überraschung im Reisegepäck.

Man kann die Sächsische Schweiz auch ohne Reisebuch erkunden. Immer der Menschenschlange folgen, sich einreihen und dann Aussichtspunkten warten bis man an der Reihe ist. Wer jedoch ungestört als Erster in der Reihe stehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Die Karten sind übersichtlich, die Tipps ausgeklügelt und sorgfältig ausgewählt.

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Kalender Berliner Geschichte 2021

Was haben Ely Beinhorn, Jesse Owens und Papst Johannes Paul II. gemeinsam? Im Jahr 2021 denken wir an sie an einem bestimmten Tag. Ende Juni ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Papst die deutsche Hauptstadt besuchte. Im Januar vor neunzig Jahren bestieg Ely Beinhorn ihr Flugzeug, um – nach einem kurzen Zwischenstopp im Schwarzwald – nach siebzig Stunden am Äquator ankam. Für das Jahr 1931 eine erstaunliche Leistung, als Frau eine echte Pionierarbeit zu der Zeit.

Und Jesse Owens? Klar, dass sein Jubiläum nur mit den Olympischen Spielen 1936 zu tun haben kann. Den Hundert-Meter-Lauf, den Sprint über die doppelte Strecke und den Weitsprung hatte er schon mit Olympischen Rekord vergoldet und seine eigene Zielsetzung erfolgreich gestaltet. Am 9. August 1936 setzte er seiner Legende die Krone auf als er mit der 4x100m-Staffel zum vierten Mal Gold gewann. Am Tag zuvor hatte die Staffel im Vorlauf mit glatten vierzig Sekunden den bestehenden Weltrekord egalisiert. Bei angenehmen 22 Grad spurteten Jesse Owens, Ralph Metcalfe, Foy Draper und Frank Wykoff allen andern davon und unterboten ihre Bestmarke vom Vortag noch einmal um zwei Zehntel. Gastgeber Deutschland verbesserte sich gegenüber dem Vortag zwar auch, es reichte dennoch nur für Bronze. Auf der Tribüne schäumte die Lamettafraktion.

Geschichte und geschichtliche Daten waren im Schulunterricht meist eine langweilige Sache, wenn man mit dem Gesicht zur Tafel saß. Dieser Kalender, der von Marc Lippuner mit viel Herzblut gestaltet wurde, ist das komplette Gegenteil. Ob die Eröffnung des Palastes der Republik, dem Tod am Kleinen Wannsee, einem Attentat auf Bismarck oder der Geburt einer der wenigen echten deutschen Legenden – „Berlins janze Jeschichte“ übers Jahr verteilt sichtbar, lesbar, erlebbar.

Woche für Woche bewegt die Berliner das, was in ihrer Stadt vorgeht. Vieles geht im Laufe der Jahre wieder verloren und kommt danke solch eines Kalenders nach und nach wieder ans Tageslicht. Ein Stimmungsfänger für das ganze Jahr!

Nordseeküste Schleswig-Holstein

Es ist ein Leichtes in schweren Zeiten, bei der Reiseplanung mal eben nicht über den Tellerrand zu blicken. So mag es manchem ergehen, der vorhatte den Sommer 2020 in bella italia oder dem quirligen Marrakesch zu verbringen oder in Stadtabenteuer von Lissabon bis Berlin einzutauchen. So wird es eben die Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Was kein „Abstieg“ bedeutet – im Gegenteil, wenn man dem Autor Dieter Katz folgt und in seinem Reiseband diese Gegend Deutschlands bis ins kleinste Detail erforscht.

Denn Weltspitze-Erlebnisse kann man auch hier erleben. Zum Beispiel die weltweit am meisten befahrene Wasserstraße. Den Nord-Ostsee-Kanal, international aus Kiel-Canal genannt. Und wer vom einem ans andere Ufer will, nutzt die vierzehn Fähren. Und die sind allesamt kostenfrei. Das wurde vor 125 Jahren – juhu ein Jubiläum – vom Kaiser persönlich so verfügt. Auch in Brunsbüttel, der geteilten Stadt am westlichen Ende bzw. dem Anfang des Wasserweges, kann man innerorts kostenlos parken. Man stelle sich dies in einer Metropole wie Rom vor…

Ob das idyllische Dithmarschen, wo Radfahrer die Szenerie mehr bestimmen als anderswo, oder das zu Dreiviertel vom Wasser umgebene Eiderstedt –keine Stadt, sondern ein Landstrich – oder die zahlreichen Inseln, die Nordseeküste ist seit sehr langer Zeit ein Anziehungspunkt für  zahllose Erholungssuchende.

Sylt ist sicherlich die bekannteste, und berüchtigste Insel. Teuer und unfassbar schön. Dennoch stehen Föhr und Pellworm ihr sicher in Nichts nach. In Sachen Ruhe und Erholung haben sie sicher einen entscheidenden Vorteil. Wie gemalt für Familien. Und fernab vom klischeehaften Schickimicki-Gehabe der Promi-Insel. Dieter Katz darf für sich in Anspruch nehmen, dass der Urlaub hier nicht erst bei der Anreise beginnt, sondern schon beim ersten Durchblättern dieses umfangreichen und informativen Reisebandes. Von Pharisäern (den originalen bis hin zum Getränke, die ja auch zusammengehören) über Weinanbau (ja, Föhr und Sylt sind nicht nur Krabbenregionen, irgendwie muss man ja auch mal die Kehle ölen bei so viel salzhaltiger Luft) bis hin zu einer Rebellensteuer weiß der Autor neben den zahlreichen Ausflugstipps – wie dem obligatorischen Wattwandern – auch so manche Anekdote zu erzählen.

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins wird dank dieses Buches einen Ansturm von wissbegierigen Besuchern erleben. Die Träume von der großen weiten Welt sind aufgeschoben, für viele sind sie aufgehoben. Und die meisten wird dieser Urlaub vielleicht der Anfang eines neuen andauernden Traumes werden.

Nehmen Sie den Weg nach Süden

Gibt es den richtigen Zeitpunkt für das richtige Buch? Ja, Frühjahr 2020! Und das Buch nennt sich „Nehmen Sie den Weg nach Süden“! Der vergessene Kontinent, der gerade jetzt in der Krise, wenn irgendwelche Experten meinen den Kontinent als Labor für Impfstoffversuche nutzen zu müssen und die ganze Welt im Corona-Fieber zu verrecken scheint. Es gibt noch einen weiteren Anlass das Buch genau jetzt zu lesen. Es ist vierzig Jahre her, dass Schwarzafrika – ein Begriff, den übereifrige Erbsenzähler heute wohl auch nicht so gebrauchen würden – war Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Noch nie zuvor war ein ganzer Kontinent einem so großen Lesepublikum vorgestellt worden. Kurz zuvor hatte sich ein Verein gegründet, der heute als Litprom das Bindeglied zwischen den Kontinenten, zwischen Autoren und Verlagen darstellt. Deren Bestenliste ist oft hilfreicher als so manches Sprachorgan der organisierten Lesefreude.

In diesem Buch treffen Autoren aufeinander, die Afrika auf ihre besondere Weise darstellen. Ja, es geht um Kämpfe. Aber nicht nur um den Kampf an der Waffe gegen die alten und neuen Kolonialisten, sondern auch um den täglichen Kampf. Aber es geht vor allem um Lebensfreude. Das geflügelte Wort, dass „hier so viele so fröhlich sind, obwohl sie so wenig haben“, spielt hier keine Rolle. Das sagen nur die, die von außen, und vor allem von oben herab, den Kontinent so gern verklären. Schon in der ersten Geschichte von Nathacha Appanah aus Mauritius – was weiß man schon über Mauritius, außer dass von dort eine der seltensten Briefmarken kommt? – schildert das Erwachen der ersten Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens.

Mia Couto aus Mosambik hingegen zerrt die hierzulande unbekannte Vergangenheit seines Heimatlandes an die Oberfläche und gibt dem Leser einen umfassenden Einblick in seine Welt.

Alain Mabanckou aus Kongo, dem kleinen Kongo, oder Kongo-Brazzaville, Nachbarland der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaïre, lässt seinen Helden innerlich wachsen, als er elegant gekleidet den Abend verbringt. In einer Gegend, die nur wirklich individuell Reisende mit viel Mut im Herzen betreten.

Sefi Atta aus Nigeria, die mittlerweile an der Mississippi State University unterrichtet, zeigt ihr Nigeria von der fröhlichen Seite, die jedoch von allerlei Fassaden umzäunt ist.

Dieses Buch ist mehr als nur ein Appetitanreger, um Afrika literarisch zu erkunden. Die Quintessenz mehrerer Generationen erstklassiger Schreiber wird in diesem Buch auf ein Podest gehoben, das noch immer nur seitenweise wahrgenommen wird. Die Vielfalt der Themen und der unvergleichliche Schreibstil lassen diese Geschichten und Auszüge aus Romanen wie ein blühendes Feld voll duftender Phantasien erstrahlen.