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Tochter des Geldes

Der Name Mentona Moser wird nur von wenigen Experten mit Ehrfurcht in den Mund genommen. Diejenigen, die sie noch nicht kennen, lernen in diesem Buch eine Frau kennen, die mit eben solcher Ehrfurcht vor dem Leben ein wahrhaft revolutionäres Gedankengut verbreitete.

Ihr Vorname geht auf die Stadt Menton zurück. Dort hatten ihre Eltern die wohl glücklichste Zeit ihres Lebens. Doch die Zweisamkeit währte nur kurz. Der Vater – Uhrenfabrikant mit dem besonderen Händchen für gute Geschäfte – starb kurz nach Mentonas Geburt. Was die Mutter den beiden Töchtern – Fanny war ein paar Jahre älter als Mentona – verschwieg, waren die Halbgeschwister. Eine Handvoll weiterer Mosers gab es in der Schweiz.

Fanny und Mentona wuchsen wohlbehütet – zu sehr unter der Fuchtel der eigensinnigen Mutter – in einem Schloss im Zürichsee auf. Die Halbinsel Au mit ihrer Flora und Fauna war besonders für Mentona ein Ort des Glücks. Wer die Strecke einmal mit dem Zug entlang des Sees zurückgelegt hat, weiß wovon die Rede ist. Doch die strenge Mutter sah es nicht gern, dass ihre Töchter, besonders Mentona, sich „eigenen Studien hingaben“. So suchte Mentona früh die Flucht. London war ihr erstes Exil, als Studienort. Hier lernte sie auch die Schattenseiten des Lebens kennen. Allerdings nur als Beobachterin. Sie selbst war von unermesslichem Reichtum. Die Fabriken des Vaters, Pfandbriefe und so mancher Franken auf der Bank machten sie zu einer der reichsten Nicht-Adeligen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Doch goldene Löffel im Mund hinderte sie jedoch nie daran einen ungetrübten Blick auf die Welt zu haben.

Auf dem Berg Geld gluckte immer noch die kaltherzige Mutter. Ihrer Erstgeborenen Fanny enthielt sie ebenso Geld vor (Ihre Ehe mit einem Musiker war nicht gerade von Erfolg gekrönt) wie Mentona. Die verliebte sich nach ihrer Rückkehr nach Zürich ziemlich schnell in Hermann Balsiger, einen Sozialdemokraten, der wie sie für die Rechte der Rechtlosen eintrat. Mentona plante Spielplätze, machte sich für Ausbildungen im sozialen Bereich stark. Sie und Hermann waren ein unschlagbares Team, privat wie beruflich.

Doch dem Hoch der Gefühle folgt das Tief der Realität. Ihr Sohn Eduard erkrankt schwer. Nur durch das – späte – Eingreifen eines als Kurpfuscher bezeichneten Arztes kann das Schlimmste verhindert werden. Privat hat Mentona Moser weniger Glück. Die Ehe mit Hermann zerbricht. Ihr Kinderheim steht vor dem finanziellen Aus. Ihrer Schwester Fanny steht das Wasser bis zum Hals. Erst als Mentona Moser die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz miterlebt, bekommt ihr Leben wieder einen Sinn. Die zwanziger Jahre – Mentona ist da schon in den 50ern und hat das Vermögen ihrer Familie geerbt – sind von Reisen in die neu gegründete Sowjetunion geprägt. Nach dem Tod Lenins wird ihr jedoch gewahr, dass nicht alles Gold ist, was den roten Stern trägt.

Eveline Hasler gibt der reichsten Revolutionärin der Welt ihren Namen zurück. Nur engagierte Geschichtslehrer haben die Feministin und Kommunistin in ihren Lehrstoff aufgenommen. Ihr Wirken ist bis heute nachvollziehbar – der St. Annahof in der Zürcher Bahnhofstraße war die Idee der Eheleute Moser-Balsiger. Mentona Mosers Leben ist ein glühendes Beispiel für den unbedingten Willen Veränderungen auch unter schwierigsten Umständen als unerfüllbar nicht abzustempeln. Mit Detailwissen und empathischen Stil gelingt Eveline Hasler ein besonderes Portrait einer besonderen Frau zu entwerfen.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Rundreise USA Nationalparks Südwesten

Da soll nochmal jemand behaupten, dass man in der Zivilisation keine echten Abenteuer erleben kann! Mit dem Auto durch naturgewaltige Landschaften cruisen, im Schatten von Natural Bridges rasten, mitten in der Wüste einen Staudamm entdecken. Das geht! Und zwar im Südwesten der USA.

Eines gleich vorweg: Die in diesem Buch beschrieben Routen kann niemand in einem Jahresurlaub nacheinander erleben! Es sind einfach zu viele. Deshalb ist eine sorgfältige Planung vor der Reise unerlässlich. Und mit diesem Buch ein Fingerschnipp!

Schon allein die Routen befeuern das Reisefieber gewaltig: Von Las Vegas bis zum Grand Canyon South Rim, und zurück über die Route 66. Oder einmal um den Salt Lake. Oder vom Zion zum Bryce Canyon National Park. Jede Route ist mit einer anderen kombinierbar und dauert bis zu fünf Tagen.

Die Empfehlungen der Autorin Marion Landwehr erstrecken sich aber nicht nur auf das Links und rechts der Strecke, sondern sind Wegweiser für jedermann. Ob mit Kind und Kegel, allein, Wandergeselle oder Fotoholic – alle kommen auf ihre Kosten. Schon vor Beginn der Reise, gerade wenn man sich von den zahlreichen imposanten Abbildungen verführen lässt.

Zur Einstimmung – die Autorin lässt gar keinen Zweifel aufkommen – wird der Leser mit Land und Leuten auf sympathische Art und Weise in Kontakt gebracht. Denn so sehr wir uns an amerikanische Produkte gewöhnt haben, so unterschiedlich sind doch kulturellen Unterschiede im Allgemeinen. Beherzigt man die Ratschläge der Autorin, steht einem Naturerlebnis erster Güte nichts mehr im Weg.

Dinosaurierspuren, wie mit dem Rechen gezogene Felsoberflächen oder locker geschichtet wirkende Felsformationen sind so einzigartig, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Und jede Seite im Buch ist mindestens einen Stopp wert. Nevada, Utah, Arizona, New Mexico und Colorado geizen nicht mit ihren Schönheiten. Da wäre es doch schade, wenn einem das eine oder andere Highlight, dass so „great“ in der Weltgeschichte „rumsteht“ durch die Lappen geht.

Marion Landwehr streicht auch die letzten Ausreden („Da war keine Zeit für“ oder „Davon habe ich noch nie gehört“) aus dem traurigen Repertoire der Enttäuschten. Umfassend, informativ, abenteuerlustig und immer wieder brauchbar ist ihre „Rundreise USA Nationalparks Südwesten“.

Jules Verne

Es wird immer noch gern das Klischee gepflegt, dass Künstler arm sein müssen, um kreativ sein zu können. Bei Jules Verne kann, ja, muss man dieses Vorurteil mit einem Handstreich beiseite wischen. Den goldenen Löffel hatte er zwar nicht im Mund bei seiner Geburt 1828, jedoch erlaubten es die Einkünfte des Anwalts Pierre Verne, seines Vaters, der Familie finanziell sorgenfrei leben zu können.

Die Nähe zum Atlantik, Jules Verne wurde in Nantes geboren, war es dann wohl auch, die dem späteren Autor seinen Hang zu den Weltmeeren schriftstellerisch Ausdruck verleihen konnte. Als zehnjähriger war er einmal auf einer kleinen vorgelagerten Insel ein kleiner Robinson. Die Ebbe erlaubte es dem kleinen Jules jedoch klammen Fußes wieder nach Hause zu gelangen.

Paris sollte für Jules Verne die zweite Station seines erfolgreichen Lebens werden. Als Jurastudent genoss er das Leben in der französischen Hauptstadt, die für die meisten das Sprungbrett zu einer großen Karriere war. Doch es zog ihn zum Schreiben. Kunstkritiken – Gustave Courbet war einer seiner bevorzugten Maler, die er mit Genuss verriss – waren die ersten Gehversuche auf dem literarischen Feld. Er begegnete dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der als einer der ersten dem Beruf des Verlegers eine neue Dimension verlieh. In Zeitschriften fütterte er das Publikum an, um seine Bücher besser verlegen bzw. an den Leser zu bekommen. In Jules Verne erkannte er den idealen Partner. Wissenschaftliche Neugier und ebenso tiefgreifendes Verständnis, gepaart mit einem exzellenten Talent diese auch transportieren zu können – danach musst der Verleger von nun an nicht mehr suchen. Der Mythos Jules Verne schlug Wurzeln.

Die lagen von nun an aber in Amiens. Von hier aus – Jules Verne hatte sich auf einer Hochzeit unsterblich in eine junge Dame verliebt – hielt Verne Kontakt nach Nantes zu seiner Familie und nach Paris zu seinem Verleger. Es folgen die fetten Jahre. Schon der Erstling „Fünf Wochen im Ballon“ (der Titel wurde von Verleger Hetzel angepasst) ist ein Erfolg. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (beträchtlich inspiriert von einem riesigen Aquarium auf der Weltausstellung und durch die Schriftstellerin George Sand befeuert) und „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“ (als Theaterstück binnen kurzer Zeit hunderte Male aufgeführt)  besiegeln den Ruhm Jules Vernes, der bis heute anhält. Privat hingegen lief es weniger gut. Jules Vernes Sohn Michel bereitete mit seiner renitenten Art dem Vater immer mehr und anhaltend Kopfzerbrechen, wie er seinem Verleger mitteilte.

Ralf Junkerjürgen gelingt es mit der Akribie seines Helden Jules Verne dem Leser eine Biographie vorzulegen, die es an Spannung und neuen Elementen mit dem Werk des Schriftstellers aufnehmen kann. Jules Verne wird bis heute als Vater der Science-fiction-Literatur bezeichnet. Dabei hat er „nur“ das verwendet, was sowieso schon vorhanden war. Er nutzte die technischen Errungenschaften der und wob sie in seine Abenteuergeschichten ein. Schreckensszenarien waren der Zeit geschuldet und waren keineswegs rein Utopien. So wie diese Biographie. Ralf Junkerjürgen hat unzählige Fakten zusammengetragen und sie mit dem Werk Vernes verknüpft. So manche Episode aus Robur, geheimnisvollen Inseln und mutigen Kapitänen sind der damaligen Realität entlehnt. Sie zu erkennen ist von nun an ein Kinderspiel.

Öl auf Wasser

Journalist Rufus wittert den Scoop. Die Story seines Lebens. Die Story, die ihn berühmt machen wird. Dass im Nigerdelta nur die Gewalt regiert, ist bekannt. Wieder einmal wurde jemand entführt. Doch dieses Mal ist es die Frau eines hochrangigen Mitarbeiters aus der oberen Etage eines Ölmultis.

Die Rebellen, so bezeichnen sich die Kidnapper, fordern Geld, viel Geld und laden zynischerweise auch noch Journalisten ein. Rufus reist mit Zaq in eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Zaq war einmal das, was Rufus vielleicht noch bevorstehen wird: Ein gefeierter Autor einer großen Zeitung. Beide kennen sich von der Journalistenschule, von der Rufus von Zaq für seine herausragenden Leistungen geehrt wurde. Jetzt ist Zaq ein Säufer, ein desillusioniertes Wrack.

Für Rufus ist er aber auch Ratgeber. Nicht die Suche nach der verschwundenen Frau steht im Vordergrund. Die Suche nach dem Was soll Rufus antreiben. Die Frau taucht schon wieder auf. Der Konzern wird schon zahlen. Am Geld wird’s nicht scheitern.

Die Horde Journalisten dezimiert sich freiwillig immer mehr. Bis nur noch Rufus und Zaq übrigbleiben. Schnell finden sie Helfer und Gefährten, die sie im Dickicht der Gefahren in scheinbar sicheres Land führen. Die Ruhe trügt. Ein perfides System aus Korruption, Gewalt und Einschüchterung hält ganze Landstriche in Atem. Wo eben noch das Leben pulsierte, regieren nun Ödnis, Angst und über allem hängt der Gestank des Todes. Wie Captain Willard in „Apocalypse Now“ schreitet Rufus immer weiter voran. Zum Schluss sogar ganz allein. Denn Zaq hat seine letzte Reise bereits angetreten. Willard wusste wen er sucht. Rufus hingegen weiß bis zum Schluss nicht, was er sucht bzw. zu finden droht. Im Reisegepäck hat Rufus außerdem die Erinnerungen. An die Familie, den Vater, die Mutter und die geliebte Schwester.

Helon Habila zeichnet ein düsteres, vor allem aber klares und exaktes Bild einer Region, die fast gänzlich von der öffentlichen Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Kleine Nadelstiche ins welkende Herz des Deltas verschaffen den Menschen zu kurzzeitig Linderung. Große Veränderungen bedürfen größerer Schritte. Dieses Buch ist aber elementarer Bestandteil dieses Kampfes, der niemals vergessen werden darf.

Tod in Monte Carlo

Die Region Banat teilen sich heute Serbien, Ungarn und Rumänien. Aus dieser Region stammt auch er Autor dieser anrührenden, aufwühlenden, verschwenderischen Geschichte. Und auch die Hauptfigur, Moritz Karpaty hat enge Verbindungen zu Ivan Ivanji.

Es ist Spätsommer 1939, Europa bebt, es brennt noch nicht lichterloh, doch die Glutnester sind gelegt. Der jüdische (das muss aufgrund der Zeit, in der die Geschichte spielt leider erwähnt werden) Arzt Moritz Karpaty macht zum ersten Mal Urlaub. Weit über siebzig Lenze zählt er. Sein Freund, der Zuckerfabrikant Viktor Elek (auch keine fiktive Figur, sondern real) überredet ihn nach Monte Carlo zu fahren. Das mondäne Monte Carlo klang in dieser Zeit schon wie das Elysium aller, die Träume wahr werden lassen wollten. Die Zeit mit Viktor – die Familie bleibt zuhause – genießt der Arzt. Ebenso das Klima, die festlichen Tafeln und das Casino. Und siehe da: Der bisher nur im winzigen Rahmen spielende Doktor hat Glück im Spiel. Und wie! Ein Millionengewinn darf er sein eigen nennen.

Viktor rät ihm gleich zu einer sicheren Anlage, zuhause im Banat. Auch wenn die politische Situation in Europa auf mehr als wackligen Füßen steht, so ist er felsenfest davon überzeugt, dass das Geld in der Heimat am sichersten angelegt ist.

Die Nachrichten künden hingegen von den ersten Bomben des Krieges. Polen wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgerieben und aufgeteilt. Deutsche, Schweizer, Franzosen – Europa trifft sich in Monte Carlo und diskutiert aus sicherer Entfernung die Lage des Heimatkontinentes. Das Übel, das allen Gegnern widerfährt, ist vielerorts noch ein Gerücht. Selbst, wer genau Bescheid weiß, sträubt sich sein Wissen zu teilen.

Neben dem Glück im Spiel – Viktor ist inzwischen abgereist und lässt den Doktor allein an der azurblauen Küste zurück – bahnt sich auch das Glück in der Liebe an. Maurice, wie er sich nun nennt, hat beschlossen nicht auf den Rat seines Freundes zu hören und will stattdessen die Millionen lieber in Monte Carlo verjubeln. Die russische Tänzerin Ira hat es ihm angetan. Und sie erwidert seine Avancen. Gen Heimat schickt er Briefe voller Urlaubsschwärmereien, im Gegenzug bekommt er Post voller Sehnsucht nach dem Gatten. Er und Ira sind unzertrennlich, während Europa sich immer weiter aufspaltet und Keile zwischen die Völker getrieben werden. Kann so eine Geschichte gut enden? Darf so eine Geschichte Gewinner haben?

Ivan Ivanji plaudert nicht einfach nur aus dem familiären Nähkästchen. Er zeichnet ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte anhand seiner eigenen Familie nach. Blauäugigkeit und abgrundtiefer Hass treffen an einem Ort aufeinander, der auf den ersten Blick kaum unpassender zu sein scheint. Doch die Idylle des kleinen Landes trügt. Auch die Landesherren wussten geschickt die bald neuen Herren Europas zu umgarnen. Diplomatie hin oder her. Die Grimaldis kämpften an allen Fronten während dieser Zeit. Monte Carlo als sicherer Hafen, diese Illusion wurde mitten Krieg aufs Perfideste zerstört, als Juden ausgeliefert wurden, um in deutschen Konzentrationslagern ihr Ende zu finden. Der Tod in Monte Carlo ist ein symbolischer. Für Moritz Karpaty kam er in Gestalt des Alters…

La cucina veneziana

Denkt man sich die Touristenmassen, den Schifffahrtswahnsinn und die zahlreichen Besucherfallen in der Lagunenstadt weg, bleibt die Essenz der Serenissima übrig. Und die wird am Mittagstisch oder beim Dinner deutlich: Vielfältig, delikat, schmackhaft und ein bisschen anders als in Mailand, Rom und Neapel. Schon früh erkannten die Stadtväter, insbesondere der Doge, dass die kulturelle Vielfalt einen Mehrwert in jeglicher Hinsicht darstellte. Deswegen erließen sie ein Gesetz, dass jeder zugeriesten Kultur es erlaubte eine Besonderheit ihrer angestammten Provenienz beizubehalten. Wie weitsichtig, bis in die heutige Zeit – nachahmenswert. Und so kommt es, dass auf venezianischen Tellern eben nicht nur Erzeugnisse aus der Region die Sinne erfreuen, sondern auch Exotisches in der Lagunenstadt als „Eigengewächs“ die Phantasie anregt. Gerd Wolfgang Sievers hat sich davon anstecken lassen. Er ist für die Lesedauer des Buches der wissende Connaisseur für den Leser, den Feinschmecker, den Besucher der Stadt.

„La cucina veneziana“ ist bei seinen Recherchen aber keineswegs ein reines Kochbuch geworden. Dieses Buch ist der kulturelle Rundumschlag zu Tische! Den Brückenschlag zwischen den Welten der Erde haben die Venezianer selbst gelegt. Als Großmacht des Mittelalters befuhren zahllose Schiffe die Meere und brachten aus aller Herren Ländern Gewürze, Pflanzen und Kräuter mit in Lagunenstadt. Der Autor hat die (mittlerweile wieder neu erworbenen) Erkenntnisse in diesem Buch zusammengefasst. Und so darf man von der Couch aus, vom Küchentisch aus, an Schneidebrett und Küchenmaschine Venedig aus der Ferne schon einmal vorentdecken. Denn eines steht fest: Wer nach dem Genuss dieses Buches und auch nur eines der darin beschriebenen Gerichte nicht sofort ans nördliche Ende der Adria will, darf sich nie wieder Genießer nennen!

Mit einem (oder gleich mehreren) Ciccheti beginnt die kulinarische Reise in die Stadt von Commissario Brunetti. Geröstete Scheiben Brot, die reich belegt den Mundraum mit Aromen erfüllen. Oder wie wäre es mit einem Insalata die Dogi? Mit Spargel, Garnelen und feinstem Olivenöl? Bevor Gerd Wolfgang Sievers das Rezept zum Besten gibt, verweist er den Leser auf die Schulbank. Doch kein erhobener Zeigefinger trübt die Aussicht auf ein leckeres Mahl, vielmehr ist es ein spannungsgeladener Ausflug in die Geschichte. Ein Appetitanreger, der primo piatti und secondi piatti sehnsüchtig herbeiruft. Die kommen in Gestalt von frittata di San Marco, Bigoli con salsa und natürlich risotto daher. Risotto alla sbirraglia, risotto de gò, risotto co le sécole etc. Und wenn man so richtig eingestiegen ist in die Kulinarik Venedigs verzaubern Bodoletti all muranese, Seppie col nero oder Tettine alla venexiana den immer noch appetitheischenden Gast. Auf dem heimweg schwärmt man immer noch von Fave die morti, Sprumiglie oder Baicoli.  Ein hartes Los, wenn man nur davon liest. Ein wenig abgemildert durch die ausführlichen Einleitungen des Autors zur Herkunft dieser Speisen. Heilung verspricht da nur eine Reise an die Kochtöpfe Venedigs. Adressen hat Gerd Wolfgang Sievers wohlwissend gleich beigefügt.

Es sind Bücher wie diese, die die Sehnsucht nach dem Süden schüren und sie zugleich zu bändigen wissen. Detailreich und mit jeder Silbe nachvollziehbar, bereichert der Autor die Faszination für eine Stadt, die jährliche das Zigfache ihrer Einwohnerzahl als Touristen ertragen muss. Nur wer sucht, wird das Venedig aus diesem Buch finden. Allerdings hat jeder Besucher nun dank dieses Buches die Möglichkeit dazu.

Durch den Süden Frankreichs

„Umso weniger man denkt, desto einfacher wird es“, mit dieser epochalen Erkenntnis reicht es allenfalls für ein projektbezogenes „Kommentatoren“-Engagement in einer Randsportart. Wer mit dieser Einstellung Frankreich im Allgemeinen und dessen Süden im Speziellen erleben will, kommt über Bouillabaisse und Sonnenbrand nicht hinaus!

Manfred Hammes liebt die Côte d’Azur, die Rhône, das Languedoc, den Train de pigne … halt alles, was im Süden Frankreichs den Süden Frankreichs ausmacht. Und das spürt man mit jeder Zeile dieses Buches, mit dem man diesem einzigartigen Landstrich näher kommt und ihn in sich aufsaugt. Ein Reiseband soll Appetit machen, Hilfestellung leisten und die richtige Weg anzeigen. Das tut dieses Buch! Doch es erlaubt dem Leser / Reisenden mehr als nur einen Blick über den Fischsuppentellerrand hinaus.

Sechzehn Postkarten schickt Autor Manfred Hammes an den Leser. Sechzehn Kapitel verführen, verzaubern und lassen den Leser sich in eine Region verlieben, die mit offenen Armen auf Besucher wartet, doch ihre wahren Schätze nur dem Neugierigen offenbart. Joseph Roth und Vincent van Gogh bereichern gleich das erste Kapitel. Letzter war dermaßen von dem Licht angetan, dass er es sich nicht vorstellen konnte jemals wieder woanders zu malen. Eine unglückliche Liebe, wie hinlänglich bekannt ist. Doch die Provence ohne van Gogh wäre auch irgendwie unvorstellbar. Wesentlich kühler ist es, wenn der Mistral durchs Rhônetal bläst. Dann sinken die Temperaturen sichtbar – im Ernst: Wer das Thermometer währenddessen beobachtet, kann den Temperaturabfall nicht nur spüren, sondern auch sehen.

Doch man fährt nicht in die Provence, an die Côte oder in die Pyrenäen, um van Goghs Motiven nachzujagen oder dem Thermometer beim Sinken zuzuschauen. Man will ein Lebensgefühl in sich aufnehmen. Und dazu gehört auch Wein. In loser Reihenfolge berichtet Manfred Hammes über die Flüssigkeit, die in Maßen ein Genuss ist, bei Mangelerscheinungen Objekt der Begierde ist und im Übermaß den Kopf wegen zu viel Input anschwellen lässt.

Zu viel Input kann man diesem Buch nicht vorwerfen. Es gibt halt nur zu wenig Zeit, um alles aus diesem Buch zu besuchen, auszuprobieren oder nachzuempfinden. Wobei das Nachempfinden ganz einfach ist. Besonders mit diesem Buch in der Hand oder zumindest im Reisegepäck. Siebenhundert Seiten sind kein Leichtgewicht. Aber Kultur hat nun mal ihren Preis! Den Preis des Wissens und des Abenteuers. Es ist ein Leichtes sich Land und Leute eigen zu machen ohne dabei anzuecken.

„Literatur, Kunst, Kulinarik“ lautet die Unterzeile des Buches. Es ist schwer eine rundum funktionierende Handhabung des Buches zu empfehlen. Wer den Süden Frankreichs besuchen will, aber partout nicht weiß, wohin, dem fällt die ehrenvolle und segensreiche Aufgabe zu die siebenhundert Seiten zu lesen. Wer sich in Nizza, Perpignan, Montpellier auskennt wie in der sprichwörtlichen Westentasche, findet in den Ecken selbiger noch so manchen Krümel Wissenslücke, der ihm bisher verborgen blieb. Wann und wo auch immer man dieses Buch in die Hand nimmt, wird man fündig, um die nächsten fünf Minuten oder fünf Urlaube gehaltvoll verbringen zu können. „Durch den Süden Frankreichs“ ist mehr als nur eine Ergänzung zu einem klassischen Reiseband. Ohne dieses Buch ist Südfrankreich nur der Süden unseres Nachbarn, mit diesem Buch ist dieser Landstrich die zweite Heimat, die man jeden Tag neu entdeckt.