Archiv der Kategorie: aus-erlesen wissen

Naturerkundungen mit Skizzenheft und Staffelei

Das waren noch Zeiten: Ohne GPS, WiFi und flinken Fingern sich durch wirklich unentdeckte Regionen kämpfen. Stattdessen mit dem unbedingten Willen etwas ans Tageslicht zu fördern, das die Welt überhaupt noch nicht gesehen hat. Das ist lange her. Und die, die damals mit Pinsel, Stift und Machete durchs Dickicht huschten, sind immer noch in aller Munde. Haben sogar Hashtags in den sozialen Medien.

Charles Darwin ist sicherlich einer der bekanntesten Abenteurer, wobei der Begriff Forschungsreisender sicherlich passender sein dürfte, dessen Wirken in diesem Buch so eindrucksvoll dargelegt wird. Ebenso Maria Sibylla Merian, deren detailgetreue Schmetterlingszeichnungen bis heute den Betrachter in Staunen versetzen. Alfred Russel Wallace war zu seiner Zeit ein Superstar unter den Forschern. Seine „Mitbringsel“ vom Amazonas füllten damals schon Museen. Von deutscher Seite ist Alexander von Humboldt mehr als nur eine Randnotiz wert. Der Orinoco ohne Humboldt? Unvorstellbar!

Dieses Buch setzt 23 Forschern ein gedrucktes Denkmal, das umfassend deren Arbeit ins rechte Licht rückt. Die 18 Autoren gehören entweder direkt zum Londoner Natural History Museum oder sind mit ihm eng verbunden. Ihnen sind die ausgestellten Exponate so nah wie den beschriebenen Forschern die sie antreibende Neugier.

Jedes einzelne Kapitel besticht durch Fachwissen und den Drang dem Leser eine Welt zu eröffnen, die durch den modernen Informationsfluss immer weniger Spielraum für eigene Phantasien lässt. So viel wie man meint zu wissen, weiß man dann doch nicht. Die Essays sind wahre Fundgruben für jeden, der die Vergangenheit als mindestens genauso spannend erachtet wie die Zukunft. Immer wieder ertappt man sich beim Lesen, dass eigene Pläne im Hinterstübchen gemacht werden. Mit den Möglichkeiten der Gegenwart muss es doch auch möglich sein Neues zu entdecken und der Nachwelt zu erhalten. Allerdings liegt die Messlatte durch Thomas Waitling, Joseph Hooker oder Margret Elizabeth Fountaine sehr hoch!

Australia – Living & Eating

Na, heute schon ans Auswandern gedacht? Nach Spanien, Brasilien oder Australien. Australien – das wär’s! Endloser Horizont. Am Strand liegen. Das Leben genießen. Nun hat sich aber vor das Leben die australische Regierung gestellt. Einfach so einreisen und nur schauen, essen, trinken, leben – is nich! Sonst wäre das Land mittlerweile mehrstöckig bewohnt. Und dann wäre auch die Faszination Australien dahin.

Sich einfach Australien nach Hause holen und zwischen Dienst und Pflicht immer mal wieder kleine Auszeiten gönnen, ist mehr als nur ein Anfang, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Harriet Birrell ist Australierin. Und ihre Rezepte sind nicht nur Kult (und das nicht nur in ihrer Heimat), sie sind vor Allem leicht nachzukochen ohne dabei gleich die gesamte Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Was als Erstes auffällt, ist der offensichtliche Zusammenhang zwischen Land und Buch. Großes Land – großes Buch. Kein Buch, das man aus Versehen verlegen könnte. So soll es sein! Der Inhalt besticht auf den ersten Blick durch die ganzseitigen Abbildungen, die spätestens ab Seite Fünf den Appetit ins Unermessliche steigern. Die Rezepte verstärken diesen Eindruck und lassen nur eine Konsequenz zu: Entweder verreisen oder am Herd die Reise „nachspielen“, sprich kochen, kosten, genießen. Lasagne mit Süßkartoffeln und Aubergine. Da kommen selbst eingefleischte Mittelmeerbewohner ins Schwärmen.

Australien ist ein Land, das durch Einwanderer geprägt wurde. Da verwundert es nicht, dass ein Mezze-Teller genauso Einzug ins Buch hält wie Tostaditas, kleine Mais-Tortillas mit allerlei frischen Kräutern und Avocados. Was auf den ersten Blick wie ein politisch korrekter Nachtisch ausschaut, entpuppt sich im Handumdrehen zu einem leckeren Dessert: Probiotischer Eiscreme-Kuchen mit Schoko und Minze. Selbst wer mit vegetarischer Küche nichts am Hut hat, dem läuft bei Regenbogen-Bowl mit knusprigem Tofu und Miso-Sauce das Wasser im Munde zusammen. Oder?!

Es muss nicht immer gleich der ganztägige Flug ans Ende der Welt sein, um fremde Kulturen zu erleben. Manchmal reicht es auch schon sich mit kulinarischen Verführungen wie diesem Buch die Sehnsucht in die heimische Stube bzw. an den heimischen Herd zu holen. „Australia – Living & Eating“ ist nicht einfach nur ein Kochbuch für Sehnsüchte, es lässt Australien mit am Tisch sitzen, wenn man in geselliger Runde von seinen Träumen schwärmt und konkrete Pläne schmiedet.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.

Am Horizont der Meere

Die starke Frau an der Seite, vor oder doch hinter dem übergroßen Dali? Oder doch hübsches Anhängsel? Oder gewiefte Geschäftsfrau? Helena Diakonova kam nicht mit dem goldenen Löffel im Kindermund zur Welt. Der Familie ging es gut, im zaristischen Russland als sie 1894 in Kasan zur Welt kam. Kaum vor dem Gesetz erwachsen, muss sie ins schweizerische Davos reisen. Zur Kur. Doch sie stirbt fast, vor Langeweile. Wären da nicht ihre Bücher – u.a. Anna Karenina – die blühende Schönheit würde bei klarer Bergluft eingehen wie Zimmerpflanzen, die man nicht gießt.

Als Wasserspender – bleiben wir bei dem Sprachbild –  erweist sich alsbald der junge Paul. Er liest ihr vor, umgarnt sie, beide sind sich sicher, dass sie ohne den Anderen nicht sein können. Doch der Kanonendonner dröhnt schon aus der Ferne und als die Kur der beiden vorbei ist, rasseln die Säbel und Panzerketten im Gleichklang. Mit Energie und Enerviertheit gelingt es Helena, die sich nur allzu gern Gala nennen lässt, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass Paul im fernen Paris der Eine für ihre Zukunft ist. Helsinki, Schweden, England sind ihre Zwischenhalte auf dem Weg in ihre persönliche Freiheit. Paul, Paul Éluard, der Dichter, stammt ebenfalls aus nicht gerade ärmlichen Verhältnissen. Auch seine Eltern haben Vorbehalte gegenüber der Auserwählten. Schließlich ist Krieg!

Aus Helena und Paul wird das Ehepaar Gala und Paul Éluard. Sein mühsam erdichtetes Geld steckt der ruhelose Künstler in Kunst. Picasso (echt) hängt an der Wand wie anderenorts heutzutage Billard spielende Hunde. Gala ist willkommen im Kreis der Bohème von Paris. Und sie strahlt über beide Ohren ob dieses Umstandes. Als Dada die Kunstszene Europas durcheinanderwirbelt, sind Breton und Paul engste Vertraute, Freunde, Tippgeber, Anstupser … und Paul auch der Vater ihrer Tochter. Mit der kann Gala allerdings wenig anfangen. Sie wächst den größten Teil ihrer Kindheit bei Pauls Eltern auf.

Paul stellt Gala Max Ernst vor. Ein begnadeter Künstler wie Paul meint. Gala findet das auch, wird seine Muse und ein bisschen mehr. Paul ist gekränkt, aber im gleichen Maße weiterhin in Gal verliebt. Als ihm die Luft zum Atmen dennoch geraubt wird, flieht er. Gen Westen, bis in die Südsee. Gala wagt einen letzten Versuch ihre Ehe zu retten. Von Liebe keine Spur, Zusammengehörigkeits- und Pflichtgefühl sind der Kitt, der beide zusammenhält. Paul begeht ein weiteres Mal den Fehler Gala einem begnadeten Künstler vorzustellen. Doch dieses Mal wird Gal nicht mehr zu Paul zurückkehren. Denn der Mann, den sie am Strand in Spanien trifft, der so penetrant nach Ziege stinkt, ist Salvador Dali. Aufstrebender Star der Surrealisten. Er wird den Surrealismus an sich reißen, dass neben ihm nur noch Platz für Trittbrettfahrer sein wird. Gala sieht die Chance sich zu verwirklichen und Dali zu einer Marke zu machen.

Unda Hörner strickt den durchaus nachvollziehbaren Fakten des Lebens von Gala Dali ein feines Gewand das so luftig-leicht daher kommt wie selten eine Romanbiographie zuvor. Dabei verzichtet sie auf die Klischees, die unweigerlich mit dem Namen Dali einhergehen. Die Biographie endet an dem Zeitpunkt als Gala und Salvador aufeinandertreffen. Alles, was sie bis zu diesem Treffen ausmachte, nennt man Leben. Und genau um dieses Leben geht es der Autorin. An ihrem 125. Geburtstag am 7. September 2019 gedenkt man vielerorts Gala Dali. Diese Biographie wird dem Einfluss Galas auf die Kunstwelt mehr als gerecht.

Basilikata mit Matera

Die Basilikata ist sicherlich eine Region in Italien, die vielen auf Anhieb nicht viel sagen wird. Sie liegt im Süden, dort wo man umgangssprachlich den Fußball mit dem Vollspann trifft. Sengende Sonne, überbordende Landschaften und die typisch süditalienische Gastfreundschaft sind die Markenzeichen dieses Landstriches. Dass auf dem Titel die Stadt Matera prangt, hat seinen Grund: Denn sie darf sich ans Ortseingangsschild im Jahr 2019 den Sticker „Kulturhauptstadt Europas“ kleben. Sie teilt sich den Titel mit Plovdiv in Bulgarien. Doch dorthin strömen in erster Linie die knallharten Nachrichtenreporter, um „was Buntes“ für ihre Auftraggeber zu recherchieren. Bisher kamen dabei im Großen und Ganzen aber nur Beiträge über Folklore-Auftritte und selbstverliebte Künstler, die das harte Leben in der Region anprangern, heraus.

Matera hingegen kann sich da ganz gemütlich zurücklehnen. Sie haben das, was man als unique selling point bezeichnet. Etwas Unverwechselbares, dass sonst niemand hat. Nämlich Höhlen, in den Fels gehauene Behausungen und Kirchen. Nicht nur ein paar „zum Angucken“, sondern eine ganze Stadt voll. Wer schon einmal die Kasematten in der Zitadelle von Namur im wallonischen Teil Belgiens oder – noch eine Nummer größer – die in Luxemburg besichtigt hat, weiß um die Faszination vom Leben unter der Erde.

Es wäre jedoch der größte Unfug zu behaupten, dass die Basilikata nur aus Matera besteht. Sie ist sicherlich der entscheidende Funken, der das Feuer für den Süden Italiens noch einmal entfacht. Dieses Buch beweist, dass die Basilikata durchaus mehr zu bieten hat als Behausungen, die nur mit enormem Aufwand zu erhalten sind. Zugegeben, hier gibt es keine Städte, die man durch intensives Verfolgen der Serie A aus dem TV kennen mag. Potenza, Rotonda und vielleicht noch Rivello hat man schon mal aufgeschnappt. Doch bringt man sie nicht umgehend mit der Basilikata in Verbindung. Peter Amann ist im Süden Italiens zweitzuhausig, wenn es dieses Wort denn gibt. Kein Baum, kein Weg, kein Haustier, das ihm nicht schon einmal seinen Weg gekreuzt hat. Wer ihm auf Instagram folgt, kennt auch sein Lieblingstier…

Wer auch nur ein wenig in dem Buch blättert, weiß, dass man ohne Ersatzakkus kaum der eigenen Fotografierlust nachgehen kann. Und selbst so kleine Orte wie Pietrapertosa bekommen hier einen Stellenwert, den man nur erahnen kann, wenn man nicht selbst vor Ort war. Warum Pietrapertosa? Warum nicht! Die höchstgelegene Gemeinde der Basilikata auf etwas über tausend Meter Höhe und genauso vielen Einwohnern lässt die Fantasie der Besucher in ungeahnte Höhen aufschwingen. Sandsteinformationen, die alle Sinne in Schwingung versetzen. Seit ca. zweieinhalb Jahrtausenden ist dieser Ort bewohnt. Ganz wichtig für Schnellentschlossene: Die zahlreichen nützlichen Tipps wie etwa die Öffnungszeiten des Tourismusbüros im Ort sowie die Tipps für Übernachtungen und fürs leibliche Wohl. Wobei erstes schon wieder hinfällig ist, da man ja diesen Reiseband in den Händen hält. Und der hat mindestens genauso viele Ratschläge für das Erholung suchende Besucherherz.

Dieser Reiseband hat genau die richtige Größe und das richtige Gewicht. Inhaltlich ist er ein unerlässlicher Reisepartner, der nicht nur den Weg weist, sondern vor allem auf das hinweist, was am Wegesrand erblüht.

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Jede Zeit hat ihre Helden, und jede Epoche hat ihren eigenen Titel. Da war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Entdecker. Was wird man wohl in Zukunft über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Das Jahrzehnt der Clowns?! Denn das, was so manches Staatsoberhaupt absondert, war vor Jahren noch undenkbar. Wenn Donald Trump die Finger über die Tastatur fliegen lässt und einen Tweet nach dem anderen absetzt, spüren viele einen Würgereiz, andere bekommen es mit der Angst, manche müssen einfach nur lachen. Doch wer denkt, dass Trump ein Erzeugnis der Gegenwart ist, täuscht sich. Politiker der USA, und vor allem die Präsidenten hatten schon immer einen Hang zum Skurrilen. Ronald D. Gerste kennt sie und ihre Eigenarten.

Acht Jahre – zwei Amtszeiten – führte Andrew Jackson die Geschicke der Vereinigten Staaten. Er begründete die Demokratische Partei so wie sie heute noch weitgehend existiert. Auf dem Papier, und nach üblicher europäischer Lesart, also ein durchaus würdiger Präsident, der bestimmt viel Gutes bewirkt hat. Der siebte Präsident der USA war aber darüber hinaus auch ein Mörder. In einem Duell, bei dem er zunächst verwundet wurde, erschoss er seinen Kontrahenten. Der Grund war ein – für heutige Maßstäbe – belangloser Streit. Auch der Weg ins Weiße Haus war nicht durch einen fairen Wahlkampf geprägt. Bereits 1824 wollte Jackson das oberste Amt im Staatenverbund haben. Doch eine bis dato und bis heute beispiellose Schlammschlacht verhinderte seine Bestrebungen. Erst vier Jahre war sein Ego beschwichtigt worden. Auch dieser Wahlkampf kann getrost als schmutzig bezeichnet werden. Kriegsheld und Meuchelmörder – unter seinem Befehl ließen hunderte von Indianern auf den nicht selbst erwählten Schlachtfeldern ihr Leben, anschließende Abscheulichkeiten wurden nicht oder kaum geahndet – auch das war Andrew Jackson.

Die schillerndste Figur in diesem mehr als lesenswerten Buch ist sicherlich John F. Kennedy. Dessen Affären sind hinlänglich bekannt. Doch Ronald D. Gerste findet auch im politischen Leben, insbesondere in seinem Aufstieg, den einen oder anderen Schattenfleck, der je nach Vorbildung des Lesers mehr oder weniger bekannt sein dürfte.

Je mehr man sich in dieses Buch vertieft, was bei der Detailfülle und eingängigen Sprache sehr einfach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Angsthasen (Nixon), Bürokraten (Truman) und Waffennarren (Roosevelt) sind bloß die Spitze eines Eisbergs an Präsidenten, die nach heutigen Maßstäben nur noch in populistischen Parteien Gehör finden könnten. Trump als Typus einen neuen Politikers? Da waren andere vor ihm da und haben weitaus mehr auf dem Kerbholz als der aktuelle Präsident, für den sich die meisten Amerikaner, die in Europa urlauben, entschuldigen.

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Straßburg

James Bond shoppte hier mit Vorliebe erlesene Pasteten. Theodor Heuss wurde hier getraut, und zwar von einem gewissen Albert Schweitzer (ja, genau dem Albert Schweitzer). Und in keiner anderen Stadt der Welt teilte man den Bewohnern immer wieder neue Pässe aus. Die Rede ist von Straßburg / Strasbourg. Zwei Schreibweisen einer Stadt – schon daran erkennt der neugierige Reisende, dass eine wechselvolle Geschichte vorhanden sein muss.

Und die ist noch lange nicht zu Ende. Denn Straßburg / Strasbourg ist eine europäische Stadt. Hier residiert das Europäische Parlament. Ein ausgedehnter Spaziergang durch das Europaviertel gehört zum Programm dazu wie der Besuch des Münsters. Die Autoren Antje und Gunther Schwab haben bei der Auswahl der sieben von ihnen vorgestellten Spaziergänge darauf geachtet, dass bewährte Pfade wie auch nicht sofort erkennbare kleine Schätze, die einen Straßburg-Besuch unvergesslich machen werden.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches bekommt man ein Gefühl für die Stadt. Klar, dass sich die offensichtlichen Highlights Straßburgs um den Münster drehen. Ein imposantes Bauwerk, das für viele sicherlich der ausschlaggebende Grund sein dürfte der Stadt am Zusammenfluss von Ill und Rhein-Marne-Kanal einen Besuch abzustatten. Und wer wirklich nur das sucht – also Münster plus ein paar (garantiert) überteuerte Geschäfte – der kommt mit einem Prospekt weit genug, um sich wohl zu fühlen. Wer aber Straßburg besuchen will, weil er davon überzeugt ist, dass Städte in dieser Größenregion mehr als eine Sehenswürdigkeit zu bieten haben, der wird auf den 200 Seiten über und über mit nützlichen Hinweisen versorgt werden.

Die farblich abgesetzten Kästen – passend zur neuen Leitfarbe der MM-City-Reihe – sind die Schatzkisten des neugierigen Individualisten, der nach der Abreise noch sehr lange von seiner Reise schwärmen wird. Auch und vor allem dank dieses Reisebandes.

Ausflüge in die Umgebung, beispielsweise zum Klosterberg Mont-Ste-Odilie, auch hier wieder mit einem „“Straßburg im Kasten“ versehen, der Infos beinhaltet, die andere Reisebände vermissen lassen, werten nicht nur das Buch auf, sondern vermitteln einen Einblick in das Lebensgefühl eines „Meiselockers“. So werden die Straßburger bzw. so wurden die Straßburger lange Zeit genannt. Warum? Steht alles im Buch.

Einen exzellenten Reiseband zeichnet aus, dass er einem nicht nur sagt, wo es lang geht, sondern, dass er dem Benutzer / Leser / Reisenden auf Anhieb das Gefühl gibt sich sicher zwischen fremden Mauern bewegen zu können. Antje und Gunther Schwab begleiten den Besucher Straßburgs nicht nur auf seinen Spaziergängen durch die Stadt – sie sind unaufdringliche und stets präsente Tippgeber.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!