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Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt

Wow, wie muss man sich fühlen, wenn man eine Stadt wie Istanbul in einer Biographie vorstellen will? Hat man sich zu viel vorgenommen? Wird man den Erwartungen der Leser gerecht? Wo anfangen, wo aufhören? Um es gleich vorwegzunehmen: Bettany Hughes schafft es mit unfassbarer Leichtigkeit der Millionenmetropole Istanbul ein würdiges Denkmal zu setzen!

Fünfzehn Millionen Menschen leben derzeit in der Stadt am Bosporus. Knapp eintausend Seiten zeigen auf unvergleichliche Art ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Dieser liegt rund sechstausend Jahre zurück. Doch Bettany Hughes beginnt noch früher. Ca. 800.000 bis 5500 vor unserer Zeitrechnung. Schon die Argonauten beschrieben ihre Fahrt durch den Bosporus – das war vor rund 2300 Jahren. Und schon damals siedelten hier Menschen.

So farbenfroh der Einband des Buches, so farbenfroh auch die Geschichte der Stadt. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – drei klangvolle Namen, die zu ihrer Zeit stets mit Sehnsüchten gefüllt wurden. Das ist der rote Faden der Stadt, und das ist auch der Leitfaden dieses Buches. Diese Stadt wird geliebt und gehasst. Es gibt kein Dazwischen!

Am besten beginnt man dieses Buch am Ende. Nicht um das Ende schon vorwegzunehmen, das wird noch lange nicht geschrieben werden. Nein, am Ende befindet eine über dreißig Seiten lange Zeittafel. So kann man sich schon mal an die Hauptakteure des Buches gewöhnen. Wie üblich gründet der Sage nach Byzas Byzantion am Westufer des Bosporus. Der entstand irgendwann zwischen 7.400 und 5.500 vor unserer Zeit als das Schwarze Meer geflutet wurde. Es folgten zahlreiche Reiche. Die Achämeniden, Alexander der Große, die Kreuzzüge – sie alle hinterließen etwas, das bis heute mehr oder weniger offen zu Tage tritt.

Jeder Besuch Istanbuls wird ab sofort in einem neuen Licht gesehen – das ist garantiert! Die keine Widerworte duldende Detailversessenheit der Autorin lässt den Leser mit staunenden Augen und einem brummenden Hirn zurück. Darf man dieses Buch in einem Ritt durchlesen? Die Frage stellt sich nicht. Denn wer einmal angefangen hat, kann es nicht mehr so schnell beiseitelegen. Ob man den Istanbul-Besuch mit Lesen verbringen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man könnte, nein man wird auf alle Fälle, etwas verpassen! Denn Istanbul lebt, verändert sich stetig. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis weitere Kapitel in dieses Buch Einzug halten werden.

Aktuelle Geschehnisse, Unkenrufe und Horrormeldungen aus und über Istanbul soll man nicht ausblenden, wenn man sich entschließt diese –Eintausend-Seiten-Reise anzutreten. Doch die Störfeuer sollten keine einzelne Zeile trüben. Vielmehr sollte dieses Buch als Grundlage genommen werden eine Stadt genau zu betrachten und sich dann mit dem neu gewonnen enormen Wissen selbst ein Bild zu machen. Am besten in Istanbul!

Königinnen – Macht und Mythos

Auch wenn man nicht ständig die Regenbogenpresse verfolgt, kommt man an den gekrönten Häuptern unserer Zeit nicht vorbei. Jeder noch so kleine Fauxpas – auch wenn es nach menschlichem Ermessen manchmal keine sind – wird genüsslich ausgeschlachtet und die öffentliche Meinung nachhaltig geprägt.

Was muss das erst für ein Vergnügen gewesen sein als Marie Antoinette geköpft wurde? Permanent hat das It-Girl, den Begriff gab es damals garantiert noch nicht, das Geld ihres Gatten, Ludwig XV. mit übervollen Händen ausgegeben. Und als das Volk nach Brot verlangte, sollte es nach ihrem Dafürhalten doch Kuchen essen.

Daniela Sannwald und Christina (ein wahrhaft königinnenhafter Name) Tilmann geben den Regentinnen von einst einmal mehr eine Stimme. Sie durchforsteten Biographien und legte sogleich die Filmrolle darüber. Denn das Leben von Katharina der Großen, Sisi, Queen Victoria, den beiden Elisabeths oder Christina von Schweden haben auch und vor allem Filmkünstler schon immer beschäftigt. Nicht immer mit der gleichen Akribie und schon gar nicht mit gleichbleibendem Erfolg. So wie es eben auch die echten Leben waren.

Christina von Schweden verzichtete mehr oder weniger freiwillig auf ihren angestammten Thron. Das Gezerre im Hintergrund war ihr, salopp gesagt, too much. Doch sie hinterließ bleibenden Eindruck. Sie forcierte das Ende des dreißigjährigen Krieges. Sie ließ unermessliche Reichtümer sprich Kunstschätze nach Stockholm bringen, wo sie noch heute vom einstigen Ruhm der Wasas künden.

Sophia Coppola gelang es wohl als Letzte einen royalen Stoff in ein modernes Gewand zu kleiden. Ihre Umsetzung des Stoffes um die Halsbandaffäre der Marie Antoinette setzt nicht so sehr auf detailgetreue Darstellung der historischen Fakten, was sie nicht davon abhielt trotzdem ganz nah an selbigen zu bleiben, sondern mit modernen Rhythmen und Statussymbolen der Gegenwart eine historische Anekdote gekonnt ins Bild zu setzen.

Beginn und Ende des Buches bilden Elisabeths. Die Erste der beiden bestimmt das 16. Jahrhundert und brachte ihren Beraterstab regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Die Zweite, keineswegs ihre Nachfolgerin, ist bis heute das ungebrochene Sinnbild für strikte Pflichterfüllung gegenüber der Nation. Beide wurden klangvoll und bildgewaltig immer wieder fürs Kinopublikum aufbereitet.

„Königinnen – Macht und Mythos“ verbindet die wahre (dreidimensionale) Geschichte mit der fiktionalen Wahrheit auf der Leinwand. Filme beflügeln unsere Phantasie, können aber das Abbild der Wahrheit verfälschen. Wer Geschichte nur aus der Glotze kennt, weiß nicht viel über Geschichte. Wer dieses Buch liest, spürt den unbedingten Drang mehr über die Frauen an der Macht zu erfahren.

Die Seidenstraßen

Seidenstraße 28, Bagdad – hier gibt’s das beste bakllavë der Stadt. Nein, darum geht es nicht in nächsten genialen Wurf von Peter Frankopan. Es geht sehr wohl um Straßen, um verheißungsvolle Pfade des Erlebens. Seine Seidenstraßen sind jedoch Synonyme der Geschichte. Er benutzt den Begriff Seidenstraßen als Vehikel, um Kindern die Weltgeschichte näherzubringen. Natürlich ist die auch eng mit den Seidenstraßen der Vergangenheit verknüpft. Denn die eine Seidenstraße – wie oft angenommen wird- gab es nicht. Es waren Wege von Ost nach West und, was oft vergessen wird, ebenso von West nach Ost.

Einst brachten Karawanen Gewürze und Tuch ins Abendland. Im Gegenzug stürmten Handelsleute aus West, Süd und Nord voller Dollarzeichen (oder Talerzeichen?) in den Augen gen Osten. Es entstand ein Mythos, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Peter Frankopan löst diese starren Vorstellungen auf wie einst Alexander den Gordischen Knoten. So eroberte Alexander Asien, oder zumindest einen Teil.

Für Peter Frankopan sind die Seidenstraßen Lebensadern. Sie führen je nach Betrachtungsweise zum Islam oder in die Hölle, befördern Sklaven, befeuern Konflikte. Wie der Windhauch der Geschichte streift der Autor das Wissen des Lesers. Vieles hat man schon mal gehört, kann es jedoch nicht mehr so recht einordnen. Der Orient als Zankapfel, der Allianzen schmiedet und auch wieder zerbrechen lässt. Das britische Empire war da ganz groß im Geschäft.

Kindern Geschichte schmackhaft zu machen – daran scheitern regelmäßig Generationen von Geschichtslehrern. Peter Frankopan kann sich getrost als überragende Ausnahme von der Regel bezeichnen. Unfassbar sitzt man vor dem riesigen Buch und staunt wie einfach doch Zusammenhänge her- und dargestellt werden können. Vorbei die Zeit, in der man fast ohnmächtig sein Haupt auf den Pult legte und inständig hoffte, dass das Zahlenherunterbeten endlich ein Ende finden wird.

Auf den beschriebenen Seidenstraßen herrschte niemals Ruhe. Berittene Armeen und bekömmliche Köstlichkeiten kommen in Eintracht daher. Die beeindruckenden Illustrationen von Neil Packer lenken den Leser nicht ab, sie verstärken die ersten und garantiert bleibenden Eindrücke um ein Vielfaches. Mal als Untermalung des Textes, mal als Verstärkung auf einer komplett eingefärbten Seite, doch als verbürgtes Highlight im Doppelseitenformat. Warum aufhören, wenn Bücher am schönsten sind. Peter Frankopan ist der Märchenonkel der Geschichte. Die Vorgängertitel „Licht aus dem Osten“ und „Kriegspilger“ bescherten Geschichtsinteressierten einen ungeahnten Zustrom an Neulingen, die sich durch diese Bücher ihrer und anderer Geschichte zuwandten.

„Die Seidenstraßen – Eine Weltgeschichte für Kinder“ wird nicht nur unterm Weihnachtsbaum für Furore sorgen, sondern ganze Bücherregale um ein faktenreiches, grandios gestaltetes Wissenswerk auf eine neue Stufe heben.

Wissen wir wohin wir gehen?

Prominente Umgebung hier in Vincennes, im Jahr 1749. Der Marquis de Sade wird hier auch so manchen Tag, manche Woche, Monate, Jahre verbringen. Gemeint ist natürlich nicht der Ort Vincennes, sondern das dort ansässige Gefängnis. Denis Diderot hat es sich redlich verdient hier einzusitzen. Mitte Dreißig ist er und hat noch immer nichts von seinem Jungencharme und seiner unbändigen Leidenschaft verloren.

Schon als Kind konnte man den kleinen Denis nicht bändigen. Wissbegierig war er von Anfang an, und er legte es auch nie gänzlich ab. Messerschmied wie sein Vater wollte er nicht werden. Priester, wie der Vater es wollte, schon gar nicht. Aber nach Paris wollte er. Und er dufte es. Nach zwei Wochen Versichern, dass der Filius in guten Händen ist, reist der Vater aus Paris wieder ins heimische Langres im Nordosten ab. Jetzt beginnt für Denis das eigentliche Abenteuer. Bohème-Leben und Studien – das Leben hat Denis Diderot angenommen. Und er verliebt sich. In Nanette. Ein bildhübsches Ding, doch leider nicht mit der gleichen Neugier, Eloquenz und Exaltiertheit wie Diderot ausgestattet. Sie ist Näherin, was den Vater dazu bringt der Hochzeit keine Erlaubnis zu geben. Diderot war noch keine dreißig Jahre alt, nicht volljährig und musste – um das Erbe zu erhalten – die Erlaubnis einfordern. So lebten Nanette und Denis in wilder Ehe und in Sorge, dass jemand hinter ihr Geheimnis kommt. Als Nanette schwanger wird, sind „Bruder und Schwester Diderot“ weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Ein uneheliches Kind – so was gehört sich nicht.

Beruflich geht es mit Diderot bergauf. Er übersetzt Lexika und verdient ganz gut. Privat jedoch geht es bergab. Die Unterschiede zwischen Nanette und Denis sind zu groß, zu offensichtlich. Ganz der moderne Mann der Zeit, nimmt sich Diderot eine Mätresse, Marie-Madeleine de Puisieux. Sie ist das ganze Gegenteil von Nanette. Eine Schönheit im Geiste, doch ihre Hülle hält in keiner Weise einem Vergleich mit Nanette stand. Als Schreiberin ist sie auch nicht gerade eine Koryphäe, die besseren Passagen ihrer Bücher werden Diderot zugeschrieben.

Und nun sitzt Denis Diderot im Gefängnis. Die gekonnt formulierten Hetzen gegen die Kirche und die Monarchie waren wohl doch zu viel. Seine Gleichnisse trieben den Betroffenen die Zornesröte ins Gesicht. Sie saßen aber auch am längeren Hebel. Einhundertdrei Tage sitzt Denis Diderot ein. Diese Tage nutzt er sich zu profilieren. Rousseau war schon immer einer, dem er folgte. Voltaire schwebte wie segensreicher Geist über ihm. Auf der anderen Seite standen Doppelmoral und höfisches Kleingeistertum. Willkommene Gegner, die nun es erst recht verdient hatten einen mitzubekommen.

Denis Diderot war für viele Philosophen und Schriftsteller ein Wegbereiter. Ein Wegbereiter für die Aufklärung. Goethe konnte sich an seinen Schriften nicht sattlesen. Der aufgeweckte Geist, der ewig frische Hauch des Fortschritts, der ihn umwehte, lassen den Namen Diderot noch heute wohlklingen.

Christiane Landgrebe ist eine Spezialistin für Biografien außergewöhnlicher, in den Hintergrund gerückter Freigeister. Bereits in ihrer Biographie über Schwedens Königin Christina bewies, dass scheinbar Vergessene sehr wohl ihre Spuren bis heute erstrahlen lassen. Nun also Denis Diderot. Autor, Übersetzer, Philosoph – Querdenker, Freigeist, Atheist. Der beeindruckende Detailreichtum und die treibende Schreibweise lassen den Leser nicht eher ruhen bis die letzte Seite erlesen wurde. Die exakte Benennung der „Tatort Diderots Wirken“ lassen darüber hinaus jeden Parisaufenthalt in einem neuen Licht erstrahlen.

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…