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Exil unter Palmen

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur.

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen.

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht.

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.

Stockholm

Det är fint! Beginnen wir mit dem Ende des Reisebandes. Ja, er wird jedem gefallen, der Stockholm auf eigene Faust, auf eigenen Füßen, mit allen Sinnen begegnen und darin eintauchen will. Der beiliegende Stadtplan war eine echte Erleichterung in der Stadt, die Lisa Arnold zu Beginn des Buches als „anders“ beschrieben hat. Anders sind viele Städte, jede auf ihre Art. Doch Stockholm ist es wirklich. „Lagom“ nennen die Schweden das, was man den goldenen Mittelweg zum Glück bezeichnen könnte. Kein endloses Abwegen, was wem am wenigsten schadet. Nein, wahrhaftes Glücklichsein, darum geht es. Und fast scheint es so als ob die Neu-Stockholmerin Lisa Arnold dem Leser mit diesem Buch einen kräftigen Schubs in diese richtige Richtung geben möchte.

Stockholm – noch nie da gewesen, aber schon immer dort hin gewollt? Was fehlte? Der reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag? Weil die immer so tolle Tipps haben und das ganze Buch erst vor Ort seine Reize preisgibt. Jetzt gilt dieses Argument nicht mehr. Erstauflage im Mai 2018, 264 Seiten, 121 Farbfotos, herausnehmbare Karte, Hintergrundinfos in gelben Kästen, neun Touren plus ein je Kapitel zu Ausflügen und den Schären.

Ja, dann haben wir doch alles! Auf geht’s nach Stockholm. So einfach ist es dann doch nicht! Erstmal einen Blick ins Buch werfen. Das ist ganz einfach. Denn jedes Kapitel ist klar strukturiert. Am Beginn einer jeden Tour, eines jeden Kapitels gibt es eine kleine Übersicht, was einen erwartet. So kann man schnell entscheiden, ob man dieses Kapitel sofort liest oder erst später. Man wird es so oder so lesen. Versprochen. Denn Stockholm – und schon lässt man die Seiten durch die Finger gleiten – ist ein Augenschmaus. Nimmt man alle Bilder zusammen, so streicht man die Worte Hektik und Stress postwendend aus seinem Sprachgebrauch. Das gilt übrigens auch für die Texte. Lisa Arnold hat nicht nur einen erstklassigen – Achtung Kritik! – und endlich einen Reiseband für diejenigen geschrieben, die gern auf eigene Faust eine Stadt erkunden. Ein kleiner Schubser hier, ein Fingerzeig da. Mehr braucht sie nicht, um auf den richtigen Pfad zu führen.

Und so kommt man durch Straßenzüge, die man hier nicht vermutet hätte. Der Architekt Sven Wallander, der hieß wirklich so und löste wohl den kniffligsten Fall der schwedischen Stadtplanungsgeschichte, schuf hier zum Beispiel den ersten Wolkenkratzer Europas. 1925 war das. Sechzig Meter hoch sind die Zwillingstürme Kungstornen in der Kungsgatan, der Königsstraße. Die besticht nicht so sehr durch lauschige Geschäfte – auch dafür hat die Autorin mehr als nur ein paar Zeilen eingearbeitet – sondern durch die bauliche Komposition. Nicht lang schnacken, Kopf … Apropos Kopf. Den sollte man keine Sekunde lang ausschalten. Genauso wie man das Buch immer dabei haben sollte. Denn sonst verpasst man womöglich noch die Möglichkeit zu einer Paddeltour, was in einer Stadt im (nicht am) Wasser fatal wäre. Oder ist erst weit nach 16.30 Uhr am ABBA-Museum. Dann kommt man nicht mehr rein. Was auch nicht schlimm wäre, da man sich in diesem Fall in der wohl längsten Galerie der Welt Kunst anschauen kann. Kostet nur so viel wie ein U-Bahn-Ticket und liegt auch genau auf gleicher Höhe. Die Rede ist von der Metro in Stockholm. Jede der einhundert Stationen wurde mit Skulpturen, Mosaiken, Malerei und Installationen gekrönt. Klar, Schweden ist ja auch eine Monarchie. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass im Buch unzählige Tipps für den verwöhnten Gaumen, verwöhnte Häupter und verwöhnte Sportenthusiasten aufgelistet sind? Ja? Sie sind es! Ob nun auf dem Montäliusvägen die romantische Aussicht genießen, im Kungstgrädgården den Wasserspielen fasziniert zuzuschauen oder in einer der zahlreichen Galerien sich ein bisschen Kunst zu gönnen: Zwischen der Sehnsucht und dem Erlebnis hat ab sofort der Michael-Müller-Verlag das ideale Bindungsglied im Programm.

Die Weltbürgerin

Den Titel „Weltbürgerin“ hat sich Alma Karlin mit allem erkämpft, was ihr zur Verfügung stand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließ sie die Enge Celjes im heutigen Slowenien, um in London als Übersetzerin arbeiten zu können. Hier lernte sie auch ihren Verlobten, einen Chinesen kennen. Doch der Weltkrieg durchkreuzte den Lebensplan. Als Deutsche im Feindesland England, blieb ihr nur die Flucht. Nach Norwegen.

Stand wenig Arbeit an, lernte Alma Karlin fleißig Sprachen, so dass sie fließend in Norwegisch, Dänisch, Schwedisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und natürlich auf Englisch parlieren konnte. Es folgten Reisen rund um die Welt. Acht Jahre war sie unterwegs. Amerika, Asien und die Südsee brachten sie zum Schreiben. Wieder zurück in der Heimat tobte wieder Krieg. Als Deutsche in Slowenien wäre sie in prädestinierter Position gewesen. Doch die Abneigung den Nazis gegenüber brachte ihr Verhöre und Haft ein. Was sie nicht vom aktiven Kampf abhielt.

Als Tito an die Macht kam, waren ihre Bücher ein weiteres Mal verboten. Krank, arm und vergessen starb sie 1950.

Milan Dekleva gibt der mutigen Frau eine Stimme, die so schnell nicht verhallen wird. Sein Roman beschreibt drei Abschnitte im Leben der Alma Karlin. Der erste ist die Zeit in London. Eine schöne Zeit. Sie kann sich entfalten. Sie liest, übersetzt, lernt, auch die Liebe kennen. Doch die Stimmung kippt, als marschiert wird. Europa geht in Rauch und Flammen auf. Monarchien zerfallen, auch das Habsburger Reich.

In Peru treffen wir Alma Karlin wieder. Die beschwerliche Anfahrt – Schiffsverbindungen vom Mittelmeer nach Südamerika waren noch nicht so zahlreich vorhanden und schon gar nicht durchorganisiert wie heutzutage – ist vergessen und die Anden verzaubern sie. Doch es drängt sie weiter. Gen Japan.

Jahre später ist die Weltreise vergessen. Ihre Erinnerungen verkauften sich sehr gut. Die neuen Herren in Slowenien nehmen die engagierte Frau ganz genau unter die Lupe. Regelmäßige Verhöre lassen Schlimmeres erahnen. Sie hilft Partisanen, schweigt gegenüber den Nazis.

Es sind nur drei Abschnitte im viel zu kurzen Leben der Alma Karlin, die Milan Dekleva in Romanform vorgelegt hat. Doch sie stehen exemplarisch für ein aufregendes Leben. Alma Karlins Aufgabe bestand darin nicht aufzugeben. Eine wissbegierige Frau, der das Leben immer wieder hart zusetzte. Es war genau die Antriebsfeder, die große Denker brauchen, um zu dem zu werden, was sie sind. Sie sah sich nie als etwas Besonderes. Doch sie wusste stets, dass sie Besonderes erleben will. Und dafür kämpfte sie. Erst seit einigen Jahren rückt Alma Karlin wieder in den Fokus. Ihre Reiseberichte gehören zur Crem de la Creme dieses Genres.

Leute machen Kleider

Es ist mittlerweile zu einer Art Volkssport verkommen jedweden Hersteller auf den Zahn zu fühlen. Woher kommt diese Zutat, woher die andere. Werden die Leute fair (was ist das eigentlich: Fair?) bezahlt? Und so weiter und so fort. Eine endgültige Antwort bekommt man nicht. Doch man weiß, dass es zig Zertifikate gibt, die dem Konsumenten – also uns – ein gutes Gefühl geben sollen. Was sie meist auch tun.

Imke Müller-Hellmann geht es nicht anders. Das, was sie auf der Haut trägt, was sie warmhält, sie schützt, sie kleidet, kommt auch von irgendwo her. Doch von wo genau? Das will sie nun wissen. Und sie fragt nach. Und zwar so lange bis sie eine Antwort erhält, die sie ruhen lässt.

Der Anfang des Buches erschafft ein modernes Märchen. Die Autorin sitzt am Frühstückstisch. Alles Routine. Mit einem Mal stehen die Produzenten in ihrer Küche. Die Erdbeerpflücker, der Weizenbauer, der Kaffeepflücker. Sie kommen aus aller Herren Länder, vom Acker um die Ecke bis nach Nicaragua. Natürlich nur ein Traum, eine Idee, ein Gedankenspiel. Vor allem aber der Grundstock für die Recherchen zum Füllmaterial ihres Kleiderschrankes.

Den Slip, den sie trägt kann sie noch ganz gut nachverfolgen. Vom Kaufhaus zum Vertrieb, von da zum Hersteller. Die Kontaktaufnahme ist relativ problemlos. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mütze. Die wird in China hergestellt. Noch. Bald schon in Bayern. Zum gleichen Preis. Erstaunlich, oder?! Aber es funktioniert wohl doch. Den Arbeitsplatz, wo ihre Mütze einmal das Licht der Welt erblickte, kann sie nicht eruieren. Selbst in Deutschland, wo die Mütze versandfertig gemacht wird, kann ihr niemand genauere Auskünfte geben. Es ist selbst den Auftraggebern nicht bekannt, in welcher Fabrik dies geschieht. Und wenn, ist es extrem schwierig einen Interview zu bekommen, geschwiege denn den Arbeitsplatz zu besichtigen. Es sind auch zu viele kulturelle Unterschiede. Gutes Argument, um eigenes Desinteresse zu kaschieren.

Die Weltreise zu den Geburtsstätten ihres Unterhemdes, ihrer Jeans, ihrer Schuhe, ihrer Fleecejacke, ihres T-Shirts führt Imke Müller-Hellmann um die ganze Welt. Dass die Produktionsbedingungen teils unter aller Würde sind, versteht sich bei den teilweise derart niedrigen Kaufpreisen von selbst. Doch dass, sie es tatsächlich schafft die Fabriken, die Hersteller, die Produzenten am Arbeitsplatz zu finden, ist ein Ergebnis, dass Bewunderung verdient. „Leute machen Kleider“ ist sicherlich der einprägsamste Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2018. Eine spannende Rundreise, eine lehrreiche Umrundung der Welt, die wie ein roter Faden durch das Buch führt. Und immer, wenn man nun sein Shirt Made in Indonesia sich überstreift, seine Sneaker Made in China über die Füße zieht, seinen Meanie made in Vietnam auf den Kopf setzt, hat man diese Reise im Kopf. Auch das ist Kapitalismus. Inklusive der viel zitierten Kritik daran.

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Manchmal gewinnt der Bessere

Physik und Fußball? Oh je. Schon in der Schule schlug man mit der Geschwindigkeit v auf einer Strecke s in einer Zeit t auf die harte Schulbankoberfläche auf, wenn der Lehrer genau dieses Phänomen langweilig wie ein 0:0 beim Kick am Wochenende erklärte. Boah eh, Fußball und Physik … geht gar nich!

Doch! Und wie! Wenn der Lehrer Metin Tolan heißt. Und Fußballfan ist. Und sein Fachgebiet auch außerhalb des Hörsaals liebt und lebt. Fußball ist berechenbar. Aber nicht seine Ergebnisse. Zu viele Variable. Doch man kann die Wahrscheinlichkeit berechnen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wettanbieter nutzen dieses Wissen aus. Professionelle Wetteneinsetzer helfen dann gern mal ein bisschen nach.

Die drängende Frage, wer denn 2018 in Russland am Abend des Finalspiels den Pokal in die Höhe halten kann, ist eindeutig zu beantworten. Aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht Saudi-Arabien oder Panama sein wird, ist doch schon sehr hoch. Wenn es anders kommt, passt es allerdings auch wieder ins aktuelle Bild der Politik. Nichts ist mehr vorhersehbar.

Das spannendste Kapitel kommt zum Schluss des Buches. Wer wird Weltmeister 2018? Das kann man doch gar nicht berechnen! Stimmt. Aber – da ist sie wieder – die Wahrscheinlichkeit. Legt man die Ergebnisse der Qualifikationsrunden zu Grunde ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit von nicht einmaleinem Prozent, dass … Brasilien Weltmeister wird. Ganz dicht gefolgt von Kroatien. Mexiko, der erste Gegner der deutschen Elf kann gar nur mit einer Hoffnung von einem Viertelprozent die Reise nach Russland eigentlich gleich als Erfahrungswert absetzen. Es sind, wenn man es so wie Metin Tolan errechnet, nur drei Mannschaften, die eine reelle rechnerische Chance haben den Pokal in die Höhe zu stemmen: Spanien mit knapp 21 Prozent, Belgien (!) mit fast 30 Prozent und mit der Strahlkraft der vier Sterne Deutschland mit einem statistischen Wahrscheinlichkeitswert von 32,34 Prozent.

Fazit. Die WM wird sterbenslangweilig, weil ja eh am Ende Deutschland gewinnt. Diese Erkenntnis stammt von Gary Lineker, einem Spieler, in dessen Heimat das Fußballspiel erfunden wurde. Er muss es also wissen. Doch warum hat dann England nur einen Chance von 0,62 Prozent auf den Titel? „Manchmal gewinnt der Bessere“, diese titelgebende Weisheit von Lukas Podolski, ist das Besser-Wisser-Buch zum Ereignis des Jahres 2018. Eine gewisse Affinität zu Zahlen, Mathematik und Physik sollte man allerdings mitbringen. Poissonverteilung und Magnuseffekt kann man nachlesen, deren Anwendung muss man sich en détail erklären lassen. Metin Tolan nimmt sich die Zeit, um wortgewandt und detailverliebt die Physik des Fußballs zu erläutern. Man muss sich darauf einlassen. Wer dies tut, wird mit Erkenntnissen erst Klasse belohnt und wird auf den Rängen, auf der Couch, beim „public viewing“ – wo auch immer – für seine Eloquenz und sein Fachwissen beachtet werden. Jetzt müssen sich nur noch die Zweiundzwanzig auf dem Platz an die Physik halten…

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von den Anfängen bis zum fliegenden Holländer

Das brauchte die Fußballwelt noch! Echt jetzt. Das brauchte sie wirklich. Ein Buch mit den Spitznamen aus dem Sport, mit dem weltweit am meisten Aufmerksamkeit erregt wird, das meiste Geld verdient wird und die meisten Menschen begeistert werden können.

Dieses Buch, dieses Kompendium des Fachwissens, beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts. Preston North End schoss sich gerade zum ersten Fußballmeister Englands, ja sogar der Welt. Und schon damals firmierten sie unter zwei weiteren Namen: The Lilywhites, wegen der blauen Hosen und weißen Shirts und The Invincibles, wegen ihrer sagenhaften Serie von 42 Siegen hintereinander. Das war 1887/88. Seit 1961 waren sie nicht mehr erstklassig, spielen heute in der zweiten englischen Liga.

Die Reise zu den Spitznamen von Mannschaften, Derbies und Spielern zieht jeden Fußballfan, egal von welcher Mannschaft in ihren Bann. Ein Lexikon zu lesen ist in etwa so spannend wie bei Volksmusiksendung mitzufiebern. Doch dieses Buch ist nun mal kein Lexikon. Ein Nachschlagewerk sehr wohl.

Und so reist man vom Black Country Derby in England zur spanischen Máquina Blanca, schaut bei der DIMAYOR, einer parallelen Fußballliga im Kolumbien der 50er Jahre den Ballkünstlern auf den Spann, feuert den Windhund an, oder die Knappen, um schlussendlich dem Bomber der DDR, Joachim Streich (den Spitznamen gab es so allerdings nicht in der DDR, viel zu martialisch und militärisch) die gesamtdeutsche Ehre zu erweisen.

Mariano Beraldi und Verleger Wolf-Rüdiger Osburg geben ihrer Leidenschaft nach und schrieben das Fußballbuch, das wirklich in jeden Bücherschrank gehört. In einer Zeit, in der überzuckerte Jungbullen überalteten Fohlen die Sporen geben, Dinos trotz Jugendtrainer nun zu Auswärtsspielen in Orte fährt, die weniger Einwohner haben als so mancher Stadtteil daheim – in einer Zeit also, in der Fans sich über mangelnde Loyalität und überhandnehmenden Kommerz (wieder) einmal beschweren, sind es solche Bücher, die dazu beitragen, Traditionen und Traditionsvereine wieder in den Fokus zu rücken, zumindest aber in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückzuholen. Und das Beste kommt ja noch: Teil Zwei ist schon in Vorbereitung. Denn dieser Band beschäftigt sich von den Anfängen, den eingangs erwähnten Invincibles bis zur WM 1974. Der Rest – vielleicht wird ja bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Russland eine weitere Legende geboren – soll bald folgen.

Noch ein paar Spitznamen zum Rätseln gefällig? The Mighty, The Turfites, El Filtrador, Die Döblinger, Veleno, The Clarets, Der schwarze Peter, Stan, Linke Klebe. Ein köstliches Buch, das im Bücherschrank immer ganz vorn stehen wird, so dass man es immer zur Hand hat, wenn man das Gefühl hat ein bisschen darin herumzublättern.

Die Pracht römischer Mosaiken – Die Villa Romana del Casale auf Sizilien

So in etwa auf halbem Weg zwischen Catania und dem Tal der Tempel bei Agrigent, in der Nähe von Enna, wird der neugierige Sizilienbesucher von einem Kunstwerk in Beschlag genommen, der ihm die Sprache verschlägt: Die Villa Romana del Casale. Sie ist berühmt für ihre Mosaiken. Nun ist man als Italienreisender schon ein wenig verwöhnt, wenn man die prächtigen Bauten aus dem Mittelalter, der Renaissance und der Antike bestaunt, doch hier gibt’s die Kirsche auf die Sahne noch obendrauf.

Die beiden Archäologen Rosaria Ciardiello und Umberto Pappalardo nehmen den Leser – der von nun an nicht mehr um einen Besuch dieser Villa kommt – mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Man muss sich ein wenig einlesen in den Stoff. Nicht jeder hat sofort Jahreszahlen, Namen und Orte parat. Doch die einleitenden Worte schaffen Komfort und bereiten den Zugang zu diesem ungewöhnlichen Ort. An der Stelle, wo heute ein Ausgrabungszentrum auf den Besucher wartet. Ein riesiges Areal mit einem Füllhorn an Augenschmeicheleien wird zum Spielplatz der Genüsse. Denn die Mosaiken sind nicht irgendwelche kleinen Fingerübungen, die dem Meister als Präsentationsobjekte dienten. Hier wurde einmal wirklich im Luxus gelebt. Die Übersichtskarte am Beginn des Buches zeigt eindrücklich wo welches Mosaik verortet ist und in welchen Dimensionen sie bis heute wirken.

Eintausendsechshundert bis eintausendsiebenhundert Jahre ist es her, dass hier der erste Spatenstich gesetzt wurde. Mit allem, was der Luxus der damaligen Zeit zu ließ. Pool, Säulengang (Peristyl), einem Raum für Musiker und Schauspieler und Saunalandschaft, wie man es heute nennen würde. Und jeder Raum mit einem prachtvollen Mosaik verziert. Bis heute sind noch nicht alle Mosaiken freigelegt bzw. entdeckt worden. Doch das, was man sehen kann, kann sich echt sehen lassen!

Die Villa kann jeden Tag in der Woche von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Und diese Zeit sollte man mit diesem Buch unterm Arm und / oder auf dem Schoß ausnutzen. Denn im Vorbeigehen – denn so richtig nah dran darf man natürlich nicht – übersieht man das eine oder andere Detail. Die Freude ist somit umso größer, wenn man das Buch sozusagen als Vergrößerungsglas im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne zur Hand hat. Die beiden Autoren erläutern anschaulich und einfach verständlich die Darstellungen auf den Mosaiken. Sie stehen immer im Zusammenhang mit der Nutzung des Raumes. Wo heutzutage Wandtattoos auf das Lieblingsgetränk (und somit meist auf die Küche) hinweisen, war es damals schon üblich das so genannte Aleipterion, den Massageraum mit entsprechender Kunst zu verzieren. Im Falle der Villa Romana del Casale jedoch mit Mosaiken, die heute noch so strahlen wie vor Jahrhunderten.

Dieses Buch ist ein Prachtbursche für die Pracht der Mosaiken. Jeder Raum, den man nach all den Jahren nicht immer sofort zuordnen kann, fasziniert durch die Kunstfertigkeit der Handwerker. Von Weitem ergibt sich ein Gesamtbild, doch wer sich die Mühe macht und näher tritt – sofern es erlaubt ist – findet einzigartige Details, die man durch dieses Buch erst richtig einordnen kann.

500 hidden secrets Lissabon

Wo Licht und Schatten aufeinanderprallen, bleibt so manches im Verborgenen. Die Hauptstadt Portugals ist in der vorteilhaften Lage dem Besucher das volle Programm bieten zu können: Meer und Berge, Sonne und Schatten, heiße Temperaturen, ein Kulturangebot, das auf Jahrhunderten fußt. Und trotzdem wird man es als Tourist niemals schaffen, alles – wirklich alles – bei einem Besuch sich anschauen zu können.

Ein Reiseband tut Not. Und wenn er so kompakt in der Hand liegt wie dieser, ist er ein willkommener Stichwortgeber in der Stadt am Tejo. Moderne Architektur wie der Pavilhão de Portugal trifft auf Baukunst des 16. Jahrhunderts wie den Torre de Belém. Lissabon lässt sich gern zu Fuß erkunden – das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist sowieso eher was für Nerds.

Und während man so vor sich hinschlendert, ist man in einer Zwickmühle. Zum Einen muss man die Augen offenhalten. Es gibt so viel zu sehen. Der Titel des Buches verrät es schon: Hier sind fünfhundert Geheimnisse versteckt. Das heißt, dass man sie suchen muss. Zumindest aber die Augen nicht schließen darf. Zum Anderen will man aber auch nichts verpassen. Innehalten, ein wenig im Buch blättern und weiter geht’s.

Pastéis de Nata, diese leckeren Teilchen, die einen jedwedes Heimweh runterschlucken lassen, gibt es hier und da im Stadtgebiet. Die leckersten fünf Anlaufstellen findet man in diesem Buch. Wem immer dann immer noch der Sinn nach lukullischen Einkaufserlebnissen steht, muss ein paar Seiten weiterblättern. Mercados soweit das Auge reicht. Auch hier wieder: Die Top Five der Märkte.

Einhundert Kapitel á fünf Tipps zum Einkaufen, sich typisch portugiesisch verköstigen lassen, Tipps zum Sporttreiben, Dingen, die man mit Kindern unternehmen kann und vieles andere mehr, geben einen Überblick über eine Stadt, die eben mehr ist als „nur die Hauptstadt Portugals“. Ob man sie nun als Hotspot oder Place to be bezeichnen will, die Tipps sind kleine Appetithappen, die man ohne Reue genießen kann. Kurz und knackig, ohne viel Schnickschnack wird man verführt Lissabon auf eigene Faust zu erkunden. Das richtige Faustpfand hält man bereits in den Händen.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.