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Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Kriegspilger

Peter Frankopan gelang 2016 der Sachbuch-Coup des Jahres. Die Weltgeschichte aus der Sicht des Ostens gesehen. Mit „Licht aus dem Osten“ unternahm er nicht nur den Versuch Geschichtsschreibung mal aus der Sicht „der Anderen“ zu betreiben, sondern schärfte die Sinne für das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen wie kaum jemand zu vor. „Kriegspilger“ folgt diesem Beispiel in nicht verminderter Raffinesse.

Die Kreuzzüge finden in den meisten Gedankengängen derer, die nicht Geschichte als ständig präsenten Zustand empfinden in Kriegsgetümmel und Intrigen statt. Bilder von heroischen, verlustreichen Schlachten bestimmen die Vorstellungen der heiligen Krieger im heiligen Land für die heilige Sache. Eine einseitige und zuweilen falsche Sichtweise. Peter Frankopan wählt den unbequemen, mit enormem Rechercheaufwand behafteten Weg der Wissensvermittlung. Alexios von Konstantinopel ist der Dreh- und Angelpunkt des ersten Kreuzzuges.

Europa war vor über neunhundert Jahren ein fragiles Gebilde. Rom, das Römische Reich, war in einen Ost- und einen Westteil zerfallen. Ein geschwächtes Reich, das Anfeindungen fast aussichtslos ausgeliefert schien. Innerhalb der einzelnen Reiche wurde um jeden Zentimeter Macht mit erbitterter Grobheit gekämpft. Horrende Steuern, Zügellosigkeit und Machthunger zerfraßen den letzten Rest Würde. Den mächtigen Nachbarstaaten entging diese Entwicklung nicht, und immer wieder ware4n Attacken von außen abzuwehren.

In einer Zeit, in der – wieder einmal oder immer noch? – Religion zur Machtdemonstration missbraucht wird, sind historische Ereignisse ein gern genommenes Propagandamittel. Was damals nicht zu Ende gebracht wurde, muss nun endlich mal ein Ende finden, so die gängige Meinung. Alles Quatsch! Wenn dem so wäre, würden Lebenseinstellungen ganzer Völker im Boden versinken und Chaos die Regentschaft übernehmen.

Peter Frankopan schafft es mit Leichtigkeit die den Kreuzzügen vorangehenden Überlegungen und die daraus resultierenden Umsetzungen dem Leser nahe zu bringen und den Kreuzzügen die Wissenslücken zu entreißen. Ja, die Schlachten waren verlustreich. Ja, es gab edle Herren unter den Kriegern. Ja, Jerusalem war das Ziel der Armeen. Doch ist damit die Geschichte schon erzählt? Bei Weitem nicht! Hat man sich an die ungewöhnlichen Jahreszahlen gewöhnt, die 1080er Jahre, 1090er Jahre sind nicht unbedingt die Jahreszahlen, mit denen man täglich jongliert, liest sich „Kriegspilger“ wie ein spannender Agententhriller, der einzig allein nur ein Ziel hat: Geschichte greifbar zu machen.

Dear Germany

Deutschland muss eine führende Rolle in Europa übernehmen. Gerade wegen seiner Geschichte, und besonders wegen der Verarbeitung dieser Geschichte. Der erste Teil dieser These ruft sicherlich die falschen Krakeeler auf den Plan. Die Erweiterung der These regt durchaus zum Nachdenken an. Und jetzt kommt’s: Die These kommt nicht etwa aus einem Hinterzimmer reaktionärer Sturköpfe, sondern von Lord Stephen Green. Er war von 2011 bis 2013 Handelsminister unter James Cameron und heute Politikberater, Zuvor war er Vorstandsvorsitzender bei HSBC, der größten Privatbank der Welt.

Lord Green liebt Deutschland, seine Sprache und seine Musik. Ein wenig gebauchpinselt kommt man sich vor, wenn man die ersten Seiten liest. Er führt dem Leser die Vorzüge der eigenen Kultur vor Augen – was man selbst als selbstverständlich hinnimmt, ist in seinen Augen das Besondere. In einem Land, das weniger demokratisch gefestigt ist, würden seine Thesen verbannt oder gar verbrannt werden. Der Autor wäre Anfeindungen ausgesetzt sein.

Margret Thatcher war es, die in den (deutschen) Wendejahren vor einem wiedererstarkten Deutschland warnte. Ihr war es suspekt und fremd, dass Deutschland wieder als eine Nation auftritt. Das Gleichgewicht, dass knapp ein halbes Jahrhundert die Geschicke in den Händen hielt (das Dreigestirn aus London, Paris und Bonn) hatte seine Aufgaben noch nicht vollends erledigt und nun sollte Deutschland nicht mehr nur eine Eckpunkt sein, sondern Eckpfeiler, um den sich Vieles drehen sollte und wird.

Lord Stephen Green macht dem – typisch deutschen – Zögerern Mut aus der Deckung zu kommen. Seit reichlich zehn Jahren, seit der Fußball-WM in Deutschland, ist es wieder en vogue stolz auf Deutschland zu sein. Das Stigma des falsch gelebten Nationalismus war auf einmal wie weggeblasen. Man schwenkte voller Freude wieder Schwarz-Rot-Gold, malte sich das freudestrahlende Gesicht in diesen Farben dicht und rief zaghaft, aber unüberhörbar den Namen des eigenen Landes. In Großbritannien ist der Union Jack mittlerweile zur Modemarke, zum unerlässlichen Accessoire geworden. Kaum eine Marke kommt ohne die Mixtur aus Georgs- und Andreaskreuz aus. Nun auch die deutsche Nation – Lord Green fasst den Begriff Nation weiter als die bloße geografische Ausdehnung Deutschlands. Doch blieb immer noch ein bitterer Beigeschmack bei dem Begriff Stolz. Zu viel Porzellan wurde in der Vergangenheit in Bezug auf den Stolz zerschlagen.

Und nun kommt ein Brite daher und sagt den Deutschen, dass Stolz nicht unbedingt mit Ablehnung und Hass gleichzusetzen ist, sondern wie jede Medaille zwei Seiten hat. Fahne hissen ist das Eine. Verantwortung zu übernehmen das Andere. Zu oft hören die falschen Leute auf die falschen Propheten – im Wahlkampf tönen die Fanfaren des Angriffs oft lauter als die der Veränderer. „Dear Germany“ ist ein Buch, das ernst genommen werden muss. Es einfach zu überfliegen und nur die die Parolen fehlzuinterpretieren, wäre Öl ins Feuer der alternativlosen Kritiker zu gießen. Und es wäre ein Affront gegen Lord Green und seine Ideen. Hat sich das Staunen über diese Gedanken eines Engländers über die Rolle Deutschlands in Europa erst einmal gelegt, ist der Weg frei diese Gedanken zu überdenken. Manches muss man mehrmals lesen, um den wahren Beweggrund zu erkennen. Doch wie so oft im Leben, lohnt sich die Wiederholung, denn nicht alles ist beim ersten Mal offensichtlich. Nur eines darf man nicht: Dieses Buch ins Gegenteil verkehren. „Dear Germany“ ist keine Nationalismusfibel, die gegen etwas ist. Dieses Buch regt zum Nachdenken an.

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Oberitalien

Es ist einsam, da oben an der Spitze – so mancher wünscht sich das auch da oben, in Oberitalien, an so manchem Ort. Überall staunende Touris, die es nicht lassen können, sich dort breitzumachen wohin sie die Reisebände für die Masse(n) hinführen. Eigentlich bräuchte Oberitalien (also die Gegend von … bis … in nord-südlicher Ausrichtung, und von … bis … in west-östlicher Richtung) keine Reisebände. Ist ja eh alles bekannt. Meint man. Dann kann (und es wird so sein!) es natürlich passieren, dass die „Anderen“ das genauso sehen, und einem permanent über den Weg laufen. Erholung kann dann sehr anstrengend sein.

Eberhard Fohrer stellt sich der Mammutaufgabe Oberitalien auch abseits der offensichtlichen Schönheiten zu erkunden und dem Leser ein (Ober-) Italien zu zeigen, dass er ohne dieses Buch wohl nicht so einfach entdecken könnte. Oberitalien ist der Bereich oberhalb des Stiefelschafts plus eine gedachte Linie von der Kniescheibe bis ins obere Drittel der Wade. Sofern der italienische Stiefel unter dem Knie endet! In anderen Worten: Von Südtirol bis San Marino und von Turin bis Triest. Auch wer im Geschichtsunterricht mehr aus dem Fenster statt an die Tafel geschaut hat, weiß, dass hier Geschichte geschrieben wurde und – aus touristischer Sicht – immer noch geschrieben wird.

Wer in der Lombardei seine Erholung sucht, kommt am Namen Visconti nicht vorbei. Ja, die Viscontis, deren berühmtester Vertreter der Regisseur Luchino Visconti. Seine Vorfahren machten sich gern und häufig in dieser Region breit. Ihre Hinterlassenschaften sind bis heute Markenzeichen von so manchem Ort. Borghetto, ein Ortsteil von Vallegio sul Mincio zu Füßen des Gardassees wartet ebenso mit einer Ponte Visconti auf – unbedingt den Parco Giardino Sigurtà besuchen, eine riesige Gartenanlage, die jeglichen Anflug von Sorgen im Handumdrehen vertreibt – wie Pavia mit seinem Castello Visconteo. Piacenza, gerade so in die Region Emilia Romagna eingebettet, kann sich ebenfalls mit einer Visconti-Behausung schmücken. Wirklich: Schmücken! Nur drei Orte, die innerhalb von einer reichlichen Stunde per Bahn zu erreichen sind. Bahnfahren in Italien – ein Muss, ein Schongang für den Geldbeutel und ein einwandfrei funktionierendes Beförderungssystem, das nur mit wenigen Verspätungen auskommt.

Oft ist es so, dass prall gefüllte Reisebände, die einen großen Teil eines Landes beschreiben sollen, bei der Aufzählung von Kirchen und anderen heiligen Stätten ihr Potential ausgeschöpft sehen. Man hetzt dann von Kirche zu Kirche – in Brescia liegen Alter und Neuer Dom schmerzfrei nebeneinander – und verpasst dabei den Rest. Wer also nicht nur siebenhundert Seiten gefühltes Kirchensponsoring sucht, sondern paradiesische Aussichten (zu empfehlen hier der Lago d’Iseo, der kleinste der vier großen Seen im Norden, wo echte Pyramiden in den Himmel wachsen), erlebnisreiche Touren (mit dem Rad am Po entlang – ein Genuss und dank der kaum vorhandenen Hügel für jedermann erlebbar) und genussvoll die Gaben italienischen Küche (nodo d’amore – bekannt, aber unter einem anderen Namen…mit eigenem Festival) als Normalität in sich aufsaugen will, tut Not daran die eingeschlagenen Wege eines Eberhard Fohrer zu nutzen. Jeder noch so kleiner Restauranttipp sitzt, jeder Aussichtspunkt hält das, was der Autor verspricht und mit jeder Seite, die man nach dem Urlaub noch einmal grob überschaut, wächst die Sehnsucht noch einmal Pavia, Bologna, Brescello (dort, wo Don Camillo und Peppone mit ihren Nickligkeiten dem Anderen das Leben erschwerten) zu besuchen. Noch ein Grund gefällig? Viele Tourismusbüros sind genau dann geschlossen, wenn man sie am nötigsten hat. Und dann? Warten? Nein, zum Fohrer greifen!

Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

Es ist schon fast ein Markenzeichen von Genies oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Oft wurden ihre Ideen und Theorien verlacht, hinweg gewischt oder gar verteufelt. Die Inquisition und die 30er, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stechen dabei besonders hervor. Und je fortschrittlicher die Gelehrten desto früher erkannten sie die Dringlichkeit der Abwanderung. Der Exodus an genialen Köpfen während der Nazizeit wirkt bis heute nach. Eine Stadt wie Princeton hätte sicherlich immer noch eine Universität, aber der Ausstoß an Uni-Devotionalien wäre heutzutage niemals so groß ohne beispielsweise Albert Einsteins Wirken vor Ort.

Apropos Albert Einstein. Er gehört unbestritten zu denen, die man als Erstes nennt, wenn man eine Liste mit Wissenschaftlern erstellen sollte. Max Planck gehört noch dazu. Werner Heisenberg, Marie Curie und vielleicht noch Stephen Hawking. Aber wer kennt schon David Hilbert? Der lehrte in Göttingen Mathematik. Mathe – oh je! Das meist gehasste Fach im Schulunterricht. Und doch ist die Mathematik die Grundlage für Physik und Chemie. Er war sozusagen das Rückgrat von Einstein. Beide rechneten. Dabei ging es nicht um Summen, vielmehr um Differenzen. Ohne Hilbert wäre Einstein nur einer von vielen gewesen.

Georg von Wallwitz setzt der Unkenntnis von David Hilbert ein Ende. Und was für eines. Voller Wortwitz, Detailverliebtheit, Tiefgang und Verständnis für Hilbert (aber auch für den Leser, denn Hilberts Wissen ist bis heute für die meisten eine Tür, die ewig verschlossen bleibt) setzt er ihn auf eine Stufe mit Größen, die auf anderen Gebieten zur ersten Garde gehörten. David Hilbert war – um den heute gängigen Sprachgefühl ein wenig Tribut zu zollen – der Mathematiker der Stars.

Einstein hatte schon seine Gravitationstheorie formuliert, musste sie aber noch beweisen. Hilbert bemängelte schon Jahre zuvor, dass die Mathematik schon seit Jahrhunderten ohne echte Beweise auskomme. Jedoch mussten Einstein wie Hilbert erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Jeder war ein Genie auf seinem Gebiet, das eigene Wissen mit anderen zu Teilen scheiterte – wie bei so vielen in dieser Zeit – an der Basis.

Wie kommt man aber nun dazu ein Buch über einen der hellsten Köpfe der Wissenschaft mit einem so scheinbar banalen Titel zu krönen? Der Titel weckt Interesse, so viel steht fest. Der Inhalt ist sicherlich keine leichte Kost, die FfF – Fußnoten für Fortgeschrittene – sind Knobeleien auf hohem Niveau. Doch Hilbert sah sich nie als abgehobenen Star, der über allen schwebt, er war ein bodenständiger Mann, und wohl auch deswegen auch so angesehen. Der Titel ist ein Zitat Hilberts. Nur einmal fuhr Hilbert aus seiner Haut. Gegenüber den Philologen in Göttingen, die unbedingt verhindern wollten (und es auch schafften), dass Emmy Noether, eine brillante Theoretikerin, von Hilbert gestützt, eine Professorenstelle erhalte. Denn eine Badeanstalt, wie es damals noch hieß, war streng nach Geschlechtern geordnet. Die einzige Ordnung, die Hilbert anprangerte…

Es ist auch für Mathe-Verweigerer ein Genuss dieses Buch zu lesen. Das liegt zum einen am untersuchten Objekt, genauso aber auch am Untersuchenden selbst. Die vermeintlich „zweite Reihe“ steht viel zu oft eben da. Georg von Wallwitz holt mit Eleganz und einem umwerfende Verständnis für Vorurteile gegenüber der Mathematik einen dieser Hinterbänkler an die Tafel. Ein spannender Vortrag, der an so manchem Vorurteil zweifeln lässt.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…