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Von Gabriel bis Luzifer

Engel sind für viele eine Alternative zur organisierten Religion. Dort kommen sie auch her. Sie zieren viele Stadtwappen, sogar ein Waschmittel trägt den Namen eines Erzengels. Nur ein Engel wird immer wieder verkannt: Luzifer. Sein Name bedeutet „Der Erleuchtete“.

Schon dieses Grundwissen offenbart die Zwiespältigkeit der himmlischen, ja göttlichen Wesen. Valery Rees geht dem Phänomen Flügelträger auf den Grund. Doch haben Engel wirklich Flügel?

Nicht immer, salopp gesagt, auf Bildern sah und sieht es einfach gut aus. Man kann sie besser von anderen Wesen unterscheiden. Und außerdem müssen sie ja irgendwie ganz schnell von einem Ort zum Anderen, besser gesagt, von einem Hilfebedürftigen zum Nächsten kommen. Also Flügel.

Salopp ist aber nicht die Art, die Valery Rees liegt. Sehr ernst, detailorientiert und so umfangreich wie man es nicht vermuten mag, macht sie den Weg frei für eine fachgerechte Betrachtung der Engel. Denn diese werden oft, zu oft als kitschiges Symbol missbraucht. Gerade zur Weihnachtszeit sind sie nicht mehr wegzudenken.

Und das fast überall auf der Welt. Ob christlich geprägte Kulturen oder in der  islamischen Welt – Engel oder Wesen, die wir in unseren Breiten als Engel bezeichnen, tauchen immer wieder auf. Und das schon seit Jahrhunderten. Wenn es also eine Konstante in den Religionen gibt, dann sind es die Engel.

Michael, Gabriel oder Raphael – um nur drei der Bekanntesten zu nennen – haben nur eine Aufgabe: Zu helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Sie erfüllen einen Auftrag, der einfach nicht in Frage gestellt werden kann.

Dem Thema Engel kann man sich weder mit hundertprozentiger Rationalität noch mit blindem Glauben wahrhaft nähern. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für ihre Existenz. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es ebenso schwer ihr Treiben nachzuweisen. Im besten Fall kann man sie glaubhaft nachweisen. Nicht mehr, und nicht weniger.

Valery Rees gelingt es mit ihrem spannenden Buch den Engeln zumindest eine lange Geschichte mitzugeben. Sie umschifft gekonnt die Klippen des Unangemessenen. Wer Engel als willfährige Glücksboten für sich allein schuften lassen will, glaubt nicht wirklich an sie. Er ist ein Glücksritter auf einem klapprigen Gaul, der sein Ziel nie erreicht.

„Von Gabriel bis Luzifer“ erreicht sein Ziel von A bis Z. Nicht nur zur Weihnachtszeit bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in faszinierende Wesen, egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht.

Geniale Erfindungen made in Berlin

Oft gehört: Berlin erfindet sich immer wieder neu. Mag sein, wenn man sich erinnert wie die Stadt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah und mit heute vergleicht. Doch Berlin ist auch eine Stadt, in der viel erfunden wurde, dass man heute noch – unter anderem Namen oder weiterentwickelter Form  – tagtäglich in den Händen halten kann. Gaby Huch hat sich auf die Suche gemacht und Erstaunliches gefunden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt, die heute kaum noch zu sehen ist, zählte mal der Eckensteher. Ein ruhiger Geselle, meist. Der Körper ohne Spannung, gesenktes Haupt, und wenn er was sagte, dann war es oft unverständlich. Klar, er war betrunken. ‘Ne Molle zu viel! Nicht immer. Einer der geistigen Urväter dieser skurrilen gestalten war Johann Heinrich Leberecht Pistorius. Der Kaufmann hatte eine Leidenschaft für die Wissenschaft und das Ingenieurswesen. Es war gerade einmal ein paar Jahrzehnte her, dass Friedrich der Große, die „Kartoffelbefehle“ erlassen hatte. Diese sind die Grundlage dafür, dass die Deutschen als Kartoffelesser weltweit bekannt wurden. Und Pistorius erfand – deswegen kann man ihn als „geistigen Urvater der Eckensteher“ bezeichnen – einen Apparat, mit dem auf der gelben Knolle ein klarer Geist entsprang, der Kartoffelschnaps. Das Destilliergerät war damals noch ein riesiger Apparat, der riesige Mengen produzieren konnte. Doch schon bald wurde das Verfahren für jedermann zugängig. Die Folgen waren unter anderem eben die Eckensteher.

Und was macht man, wenn einem vom vielen Schnaps der Kopf dröhnt, dass man meint der Kopf würde einem gespalten. Man wirft eine Tablette ein. Eine Spalt am besten. Und wo wurde die erfunden? Na klar, in Berlin. Genauso wie der Frommser. Jahrelang war dieser Begriff Synonym für die einzige (verlässliche) Art der Geburtenkontrolle. Fromms – so hießen die ersten Kondome.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Alkohol. So mancher, der nicht nur ein wenig und zu oft und vor allem zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde schmerzhaft mit einer endgültigen Nebenwirkung vertraut gemacht. Das Sehvermögen ließ stark nach bis hin zum Verlust des selbigem. Und ja, auch die Blindenschreibmaschine ist eine Erfindung aus Berlin. Louis Braille hatte 1825 die Blindenschrift entwickelt. Es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis diese Schrift all denen zugängig gemacht wurde, die ohne sie auf Bildung verzichten müssten. Oskar Picht hieß ihr Erfinder, und er ließ 1901 seine Maschine zum Patent anmelden.

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Western. Pioniergeist, verwegene Gestalten, mutige Draufgänger pflasterten den Weg in die Moderne. Von der Thermoskanne, über die elektrische Straßenbahn, Ohropax, die Erbswurst und den Geigerzähler (eine wahrhaft wilde Mischung) – Berlin ist nicht nur dufte, sondern war stets ein Hort des freien Geistes. Auch wenn die Dampflokomotiven heute meist nur noch als Motive für Selfies herhalten, waren sie doch einst der Motor des Fortschritts. Erfunden von Borsig in Berlin, wo heute noch an namentlicher Stelle an Zügen mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet wird. „Geniale Erfindungen made in Berlin“ ist mehr als nur ein Bilderbuch. Die erläuternden Texte sorgen für so manches Ah und Oh.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Chaplin

In Kindertagen entkam man dem eindringlichen Wunsch der Eltern nach weniger Fernsehkonsum nur mit einer Ausrede: „Aber es läuft doch gerade Charlie Chaplin“. Ein unschlagbares Argument, dem sich niemand verwehren konnte. Als Erwachsener kommt der Bitte dieses “Buch doch endlich beiseite zu legen“ auch nicht nach, denn es geht wieder einmal um Charlie Chaplin. Über 900 Seiten paradiesisches Papier über den Mann, der Film- und Schauspielkunst wie kein anderer beeinflusst hat.

Autor David Robinson beginnt – wie es sich in einem Bericht, eine Biographie über einen Gott gehört – im biblischem Ausmaß die Ahnenreihe der Chaplins (deren Herkunft wohl den Hugenotten zuzuschreiben ist, weswegen wohl ein „Schapleng“ auch nicht ganz so falsch klingen würde) auseinander zu dividieren. Eine Herkulesaufgabe. Dennoch nötig, um die ersten Jahre von Charles Spencer Chaplin einordnen zu können. Diese waren nicht zwingend von Freud, mehr von Leid geprägt. Der Vater oft fort, bis er endgültig verschwand. Als er wieder da war, war sein Verfall sichtbar und das Ende absehbar. Armenhäuser, harte Arbeit, aber auch Theaterbesuche (ein Holzfäller schenkte dem kleinen Charles die erste Theaterkarte – die besuchte Vorstellung bescherte der Truppe später ihren umjubelten Star) und das karge Leben eines Künstlers. Alle Details dieser Zeit, oder fast alle, sind Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben. Die ersten Seiten lesen sich wie die künftige Rolle des Tramps auf die Zuschauer wirkte: Zum Schmunzeln, bitter real und unabwendbar. Manche Rollennamen, die Chaplin später benutzte, hatten hier im armen London der Künstler ihren Ursprung.

Chaplin wurde von der Kritik geliebt und vor allem gelobt. Sein Spiel war intensiv und wirkte lange nach. Er verlieh so manchem mittelmäßigen Stück einen gewissen Glanz. Liefen die Stücke oft nur ein paar Wochen, so war es sein Talent, das nachhallte. Auf Tourneen wie beispielsweise in die USA wurde man auf ihn aufmerksam. Bei einer Tournee war unter anderem ein Schauspieler dabei, der Chaplin in nichts nachstehen sollte und zusammen mit einem weiteren Kollegen das am längsten spielende Duo der Welt bildete: Stan Laurel.

Hollywood steckte noch in den Kinderschuhen, die im Schlamm dahin wateten als Charlie Chaplin die ersten Schritte vor der Kamera tat. Wie er zum Film kam, kann auch David Robinson nicht endgültig aufklären. Aber er kann die Puzzlestücke, die alle Beteiligten hinterlassen haben, auf den Tisch legen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann. Es steht jedoch außer Frage, dass Chaplin zuerst an eine Erbschaft dachte als an ein ernsthaftes Filmangebot als er einem Vorstellungsgesuch in einem Gebäude in New York nachkam, in dem ausschließlich Anwälte ihrer Arbeit nachgingen. Umso größer die Überraschung.

Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie absprechen. Die Studiobosse erkannten den Ehrgeiz und statteten ihn mit Geld und Einfluss aus. Die erste Fassung seines Vertrages mit Keystone (die unter die Keystone Kops, die chaotischen Polizisten, und Fatty Arbuckle, den gefallenen Engel, produzierten), der ihm einhundertfünfzig Dollar pro Woche (schon kurze Zeit später hing man gern ein paar Nullen mehr dran) sicherte, ließ Chaplin zurückgehen und eine Kündigungsfrist einfügen. Man wusste, was man an ihm hat. Und benötigte dringend einen neuen Star(anwärter).

Als später der Tramp geboren wurde, auch hier kam ihm wieder seine harte Kindheit in den Sinn – zugute kam sie ihm bestimmt nicht, das wäre wohl zu viel des Guten gewesen – war es ums Publikum geschehen. Charlie Chaplin war nun mehr als ein Schauspieler, er war eine Marke. Eine Marke, die es ihm erlaubte Gagen zu fordern, die für die damalige Zeit astronomisch waren. Aus dem jungen Talent aus dem schäbigen London war der pedantische Star aus Hollywood geworden. Einer, der gegen alle Widerstände auch einen Film wie „Der große Diktator“ machen konnte. Die Nazis hatten damals perfide Verträge mit Hollywood – auch und gerade mit jüdischen Produzenten – gemacht, um Einfluss zu nehmen. Der Schnauzbart aus Hollywood drehte dem Schnauzbart aus der Wolfsschanze gewaltig eine Nase!

David Robinson ist der autorisierte Biograph Charlie Chaplins. Er allein durfte das Privatarchiv durchforsten. Er recherchierte jedes noch so kleine Detail. Sprach mit Weggefährten und ihm selbst. Das Ergebnis: Diese faktenreiche Biographie, die keine Fragen offen lässt. Es ist ein Fest das Leben eines Mannes nachzuvollziehen, der seit über einhundert Jahren Kinderaugen zum Leuchten bringt, Zuschauer zu Tränen rührt und Filmwissenschaftler begeistert. Charlie Chaplin, der Tramp, der außerordentliche Schauspieler wird nie in Vergessenheit geraten – wegen seiner Filme, aber auch dank David Robinsons Hingabe, die in jeder Zeile des Buches spürbar ist. Als Zugabe gibt es zahlreiche Abbildungen seiner Verträge, eine Karte Londons mit den Wohnorten der Chaplins und einer Ahnengalerie der Menschen, die Charlie Chaplin formten. Das Komplettpaket zum Glücklichmachen!

Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Das Gesicht Deutschlands

„Das Gesicht Deutschlands“ – ein Sittengemälde, eine Abrechnung mit den vorherrschenden Meinungen? Nein, dieses Buch ist das, was es vorgibt zu sein. Es zeigt das, was man tagtäglich sehen kann. Nicht alle zugleich, aber jeder für sich. Wen es in die Ferne zieht, der bekommt einen anderen Blick auf das, was vor der eigenen Haustür wächst, gedeiht, blüht, welche Pracht es entfalten kann. Bernd-Jürgen Seitz, promovierter Biologe und Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Freiburg i. Br., zeigt die Charakteristika dessen, was sichtbare Heimat ist.

Deutschland ist dicht besiedelt. Echte naturbelassene Landschaften sind spärlich gesät und somit schützenswert, aber – und vor allem – sehenswert. Jeder hat schon mal den Urlaub, egal, ob kurz oder lang, in Deutschland verbracht. Und jeder hat dabei – egal, wo dieser Urlaub nun stattgefunden hat – mindestens einen Ort für sich entdeckt, der etwas Besonderes darstellt. Das kann ein Aussichtspunkt sein, eine Schlucht, ein Berg, dicht bewachsener Wald, aber auch eine grüne Oase im hektischen Großstadtdschungel. Und dieser Ort hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, ihn wird man niemals wieder vergessen können.

Bei Bernd-Jürgen Seitz sind diese Orte gleich mehrfach vorhanden. Doch ihm geht es nicht zu zeigen, wo er sich am wohlsten fühlt, er will darüber hinaus auch noch zeigen, wie diese Landschaften entstanden sind, was sie so charakteristisch macht und vor allem, wie prachtvoll sie sich dem Besucher präsentieren. Und das alles gepaart mit einer ordentlichen Portion Wissen über Entstehungsgeschichte und Entwicklung. Die Bilder sprechen jedes für sich. Eindrucksvoll und oft überraschend. Die Darstellungsdiagramme vermitteln auf eindringliche Art und Weise ein Gesamtbild, das man sich so eigentlich niemals vorstellt. Zum Beispiel ist Sachsen ein fast exaktes Spiegelbild Gesamtdeutschlands. Wenn man nur die Bevölkerungsdichte betrachtet. In Deutschland leben rund 227 Menschen pro Quadratkilometer. In Sachsen sind es 220.

Das Kapitel „Was liegt wo in Deutschland“ sorgt bei allen Geographie-Muffeln für Besorgnis. Doch keine Angst, eine Eignungsprüfung für dieses Buch muss man nicht ablegen. Vielmehr ist es anders herum. Wer eine Prüfung zur Biologie, in Geographie oder Sachkunde vor der Brust hat, kommt mit diesem Buch, bzw. mit der intensiven Lektüre des Buches, ziemlich weit. Wie natürliche Ländergrenzen teilen Flüsse und Gebirge Deutschland. Administrativ sieht es da natürlich anders aus.

Landschaft bedeutet aber auch, und vor allem in Deutschland Nutzfläche. Je weiter man in den Norden vordringt, desto geringer wird der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Bayern ragt mit rund 37 Prozent aus der Masse hervor. Bremen als kleinstes Bundesland kann nur zwei Prozent vorweisen. Selbst das am dichtesten besiedelte Nordrhein-Westfalen wartet noch mit 26 Prozent auf.

„Das Gesicht Deutschlands“ ist nicht nur ein Bilderbuch, das man sich in Ruhe immer mal wieder auf den Schoß legt, um darin ein wenig zu blättern. Es ist darüber hinaus auch ein Lehrbuch, ohne den obligatorisch erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass Deutschland schon immer bunt war, wie farbenfroh es ist und dass es wert ist genau so bunt zu bleiben…

Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten

Ganz praktisch gesehen, ist man mindestens einmal im Jahr froh über die Errungenschaften der Medizin. Nämlich dann, wenn der Zahnarztbesuch ansteht. Man stelle sich vor, der Bohrer würde noch handbetrieben sein. Das Wort Sterilität wäre eine Waffe aus „Game of Thrones“. Oder Schmerzmittel wären in erster Linie dazu da selbige zu verursachen…

50 Mal staunen, Kopfnicken und ein kräftiges Durchschnaufen. Der Titel lässt zuerst einmal die Neugier hochkochen. Dann einen Schauer über den Rücken laufen. Doch dann siegt doch der Wissensdurst und man blättert ein wenig im Buch herum. Oh weh, Chamberlens Geburtszange. Ein fieses Instrument. Und damit sollen Kinder auf die Welt gebracht werden? Doch spannender ist die Geschichte dahinter. Fest steht, es war ein Peter Chamberlens, der im 17. Jahrhundert diese Geburtszange erfand. Nur welcher? Es gab nämlich zwei. Zwei Peters. Und die waren auch noch Brüder. Nicht sonderlich einfallsreich, was da die Eltern bei der Namensvergabe abzogen. Umso einfallsreicher Peter, welcher auch immer. Der Ältere saß sogar im Knast, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, oder was man damals in England dafür hielt. Die Erfindung brachte erst einmal die Hebammen auf. Gebären war Frauensache, Geburtshilfe ebenso. Und mit Werkzeug bei diesem fast schon heiligen Moment hantieren, das ging gar nicht. Nichts hat’s geholfen, die Zange ist heute noch in modifizierter Form in Benutzung.

Gruseliger ist da schon eher der Anfang des Buches. Trepanierte Schädel. Sieht aus als ob jemand versucht hätte aus einem menschlichen Schädel eine Bowlingkugel zu basteln. Medizinisch sind es Bohrlöcher, die man immerhin bei fünf bis zehn Prozent der gefundenen Schädel von vor viertausend bis zehntausend Jahren entdeckt hat. Ob es da schon dieses Buch gegeben haben könnte? 50 Objekte, die die Geschichte der Medizin darlegen? Wohl kaum. Die Bilder erschrecken, dennoch wird das Verfahren noch heute angewandt, nennt sich aber Kraniotomie.

Wer jetzt Angst hat, dass dieses Buch einem sprichwörtlich den Boden unter den Beinen wegzieht, kann beruhigt werden. Es gibt auch weniger blutrünstige Verfahren und Objekte. So wie die Tontafeln aus Mesopotamien. Die enthielten nämlich auch medizinisches Wissen, das eine der ersten niedergeschriebenen Grundlagen bildete. Oder der Chinarindenbaum. Der enthält Chinin, wird bevorzugt in der Malaria-Prophylaxe und –Behandlung eingesetzt. Der Begriff Malaria stammt von den Römern – mala aria, schlechte Luft. Schon im 18. Jahrhundert hörte man von der „Wunderwirkung“, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es „salonfähig“. Von der Petrischale über die künstliche Niere bis zur Insulinspritze liest man sich in diesem Buch durch die Jahrtausende der Heilung und der Prävention. Die Illustrationen untermauern die historische Bedeutung der im Buch vorgestellten Errungenschaften, die Texte enthüllen so manches Geheimnis. Nur die Angst vorm Zahnarzt kann auch diese Buch nicht nehmen…

Iran – Tausend und ein Widerspruch

Die Besucherzahlen steigen in erheblichem Maße. Vorurteile werden als solche demaskiert. Und in den Nachrichten wird der Iran immer noch als repressiv und aggressiv verteufelt. Nur ein Widerspruch. Lässt man Politik und religiösen Stillstand außer Acht, gehört der Iran jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern. Und zu den reichsten. Nicht allein nur wegen des Öls, nein, wegen der unermesslichen kulturellen Hinterlassenschaften eines Jahrtausende alten Strebens nach Fortschritt.

Die Fotografen Samuel Zuder und Mina Esfandiari sowie der Journalist Stephan Orth haben den Iran besucht. Nicht einfach nur, um mal zu schauen, ob und wie schön es denn im Iran sei. Das wussten sie schon vorher. Ihnen ging es darum den Alltag einzufangen. Einen Alltag, der in unseren Augen voller Widersprüche steckt.

Zuallererst fallen die intensiven Bilder auf. Sie bestechen durch Motivwahl und die Wirkung. Grandiose Lichtermeere künden vom regen Leben in den Großstädten wie Teheran. Strukturierte Architektur sind Zeugnisse städteplanerischer Notwendigkeit. Diese Bilder sind jedermann zugänglich, der den Iran besucht.

Immer werden jedoch Bilder eingestreut, die man selbst auch wahrnehmen kann, deren Einordnung einer gewissen Vorbereitung (von nun an auch durch dieses Buch) bzw. Erklärungen bedürfen. Sechs Holztüren. Folklore kommt dem Betrachter da erst einmal in den Sinn. Doch neben dem Glanz, der Kunstfertigkeit, der Schlichtheit und der Funktionalität treten Geheimnisse zutage, die man so nie vermutet hat. Zwei Türklopfer pro Eingang. Beide reich verziert. Der Eine erzeugt einen tiefen, dumpfen Klang und der Andere ein helleren … Geschlechtertrennung auf iranisch.

Das Leben im Iran ist geprägt von Regularien, die sich in unseren Breiten fremd bis unterwerfend anhören. Dann liest man vom hohen Bildungsgrad der Menschen, auch bei Frauen. Dass sie, die Frauen, diesen nicht oft ausnutzen können, ist so widersprüchlich wie die Bilder in diesem Buch. Da stehen Beinprothesen an einem Strand und nur wenige Seiten später erstrahlt die Imam-Moschee in Isfahan in einem Farbenmeer, dass kein Kirchenfenster der christlichen Welt nachahmen könnte. Nasenkorrekturen sind im Iran so alltäglich die Märtyrerverehrung. So selbstverständlich Schleier getragen werden, die Revolutionswächter kommen sonst vorbei – im günstigsten Fall „nur mit einem bunten Staubwedel“ – so selbstverständlich ist es unbeobachtet Selfies ohne die Verschleierung online zu stellen.

Man mag den Kopf schütteln über die Ignoranz gegenüber den vermeintlich falschen Werten. Man mag es faszinierend finden wie ein so riesiges Volk immer noch scheinbar altertümlichen Riten brav folgt. Fakt ist, dass der Iran ein Land ist, dass wir trotz aller Reiseerleichterungen immer noch nicht ganz verstehen. Dieses Buch ist der richtige Schritt, um Vorurteile abzubauen und mit beeindruckenden Bildern die Augen für eine wahrhaft fremde Welt zu öffnen. Es kann nur im Falschen enden, wenn man Vergleiche mit sich selbst anstellt, um etwas schön, interessant oder bemerkenswert zu finden. Manchmal reicht es einfach nur sich zurückzulehnen und ein bisschen über den Tellerrand schauen zu können.

Mehr über Mina Esfandiari gibt’s hier.

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…