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Jagd nach einem Schatten

Seite 153, untere Hälfte: „Wer bist Du?“. Ein Aufschrei geht durch den Leser. Wird er sich nun zu erkennen geben? Alles auf den Tisch legen, seinen Antrieb, seine Verfehlungen.

Bis zu diesem Punkt hat man schon einiges gelesen von einem gerissenen, gescheiten jungen Mann. Samuel Ben Nissim Abul Farag wurde als Sohn des Rabbis von Caltabellotta vielleicht nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, doch der Zugang zu Büchern und Schriften und somit zu Wissen war für ihn ein offenes Tor. Gar nicht töricht beschritt er oft und vor allem gern den Weg des Wissens. Ein aufgewecktes Kerlchen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten – wir befinden uns im 15. Jahrhundert – seiner Rebellion freien Lauf ließ.

Er ist befreundet mit einem Moslem. Mehr als befreundet. Doch die Liebe soll nicht lange währen. Große Veränderungen warten auf den wissbegierigen (Betonung auf „gierig“!) Jüngling. Eine gesicherte Zukunft ist ihm mehr als sicher. Doch eine, nennen wir es Unachtsamkeit, die Quellen geben dazu auch keine konkreten Auskünfte, zwingen ihn zur Flucht. Aus dem jüdischen Samuel wird der getaufte Guglielmo Raimondo Moncada. Sein neuer Name bezieht sich auf seinen Taufpaten.

Neuer Name, neues Glück! Der Papst, Sixtus IV. bekommt Wind von dem engagierten Prediger. Er lädt ihn ein die Karfreitagsmesse zu zelebrieren. Wieder einmal kennt der Weg des Mannes aus dem tiefsten Süden Italiens, das es so damals noch gar nicht gab, nur eine Richtung: Nach oben, nach vorn. Und wieder klopft das Schicksal an die Tür. Und wieder muss Samuel, dieses Mal als Guglielmo flinke Füße beweisen. Die historischen Fakten liegen dieses Mal aber etwas offener dar: Es war Mord. Mord an einem Geldverleiher, der, nachdem er herausgefunden hat, wer sich hinter Guglielmo in Wirklichkeit verbirgt, noch einmal nachkobert. Das hätte er nicht tun sollen…

Flavio Mitridate, wieder eine Namenswahl, die nicht zufällig geschieht, reist in der Folge durch ganz Europa. Als Kenner vieler Sprachen ist er ein gern gesehener Mitarbeiter und Wissensvermittler. Irland soll er besucht haben. In Deutschland hat er garantiert gelebt und gearbeitet. Doch Mitridate – der natürlich Samuel heißt oder Guglielmo – zieht es zurück in die Heimat. Heimweh? Oder doch irrwitziger Versuch mal zu schauen, ob er doch durch kommen kann mit all dem, was die Vergangenheit ihm bescherte?

Andrea Camilleri stieß Anfang der 70er Jahr auf die mosaikhafte Geschichte eines Mannes, der unter drei Namen für Furore sorgte. Exakte und vollständige Schriften gab es nicht, jedoch Bruchstücke. Leonardo Sciascia hatte sich schon einmal der Geschichte angenommen. Der literarische Wegbereiter Andrea Camilleris, der am 6. September 2018 seinen 93. Geburtstag feiert, ließen diese Bruchstücke keine Ruhe. Seine Gedanken zu dem „Schatten“ erhellen jede noch so kleine lichtverschlingende Stelle in der Geschichte von Samuel, Guglielmo und Flavio. Immer wieder unterbricht er den Leserfluss und unterrichtet den Leser über das, was dieser soeben gelesen hat und was ihm noch bevorsteht. Das Triptychon der Gerissenheit bekommt mit jeder Seite mehr Konturen. So lange bis es ein Gesamtwerk von unendlicher Strahlkraft ergibt. Der Dank gilt in diesem Fall nur einem: Andrea Camilleri.

1000 places to see before You die

Die Bucket-list fürs ganze Leben. Eintausend Orte, die man gesehen haben sollte, bevor der Zug des Lebens endgültig abgefahren ist. Eine gewaltige Herausforderung. Aber keine Aufforderung!

Oft ist es doch so, dass man von magischen Orten gehört hat. Doch nur wegen einer bestimmten Sache die halbe Welt umrunden, um dann stundenlang in einer Warteschlange zu stehen, um hinterher sagen zu können „Ich war da!“ … Aufwand und Nutzen liegen da gewaltig auseinander.

Doch wer sich ein Land aussuchen möchte, das er bereisen möchte, will wissen, was es da zu entdecken gibt. Und hier kommt dieser tausendzweihundert Seiten schwere Schmöker ins Spiel. Schottland zum Beispiel wird als Reiseziel immer beliebter. Warum nicht mal in die Grampian Mountains? Auf dem Castle Trail eine Burg nach der anderen besichtigen. Eintausend sollen es sein. Nur ein Ort von Tausend und schon hat man neunhundertneunundneunzig weitere an der Hand. Ein echter Gewinn dieses Buch!

Leider hat dieses Buch auch seine Schattenseiten. Denn Die Umayyaden-Moschee, die Suks von Aleppo und Palmyra liegen in Syrien. Und hierfür gibt es eine explizite Reisewarnung. Und ob diese Weltkulturstätten überhaupt noch stehen, weiß auch niemand so genau. Wahrscheinlich eher nicht!

Es ist eine nicht enden wollende Reise um die Welt auf über tausend Seiten. Vom Berg Kailash (unbedingt auch den Potala-Palast in Lhasa, der Hauptstadt Tibets besuchen!) und den farbenfrohen Festen in Bhutan über die Lord-Howe-Inseln in New South Wales (der Artenreichtum an Korallen, Vögeln und Fischen ist faszinierend) und die Kleinstadt Durango in Colorado bis hin zu Skiabenteuern in Portillo und Valle Nevado in Chile, wo das Panorama der Anden einem den Atem stocken lässt, und fast zwanzig Kilometer (!) unberührter Strand in Grace Bay auf den Turks- and Caicos Islands – hier kann man träumen, entdecken, Pläne schmieden, verrückte Reisen ersinnen.

„1000 places to see before You die“ ist die perfekte Reisefibel für alle, die noch Träume haben. Scheinbar unerreichbare Reiseziele sind auf einmal zum Greifen nah.

1000 places to see before You die – Deutschland, Österreich, Schweiz

Na dann mal ran an den Speck! Eintausend Plätze, Orte, Höhepunkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Selbst, wenn man von nur fünfzig Jahren Reisezeit ausgeht, sind das zwanzig Plätze, Orte, Höhepunkte pro Jahr. Oder alle zwei Wochen ein Hotspot. Respekt, wer dieses Buch als Anleitung zum Wohlfühlen annimmt.

Wer sich schon beim großen Vorbild „1000 places to see before You die“ – der Weltausgabe – dachte, wie viele Orte er wohl noch sehen möchte bevor die letzte große Reise ansteht, wird hier erst recht ins Grübeln kommen. Eine Fläche von über 160.000 Quadratkilometern mit rund einhundert Millionen Einwohnern gilt es zu erkunden. Wenn man weiter rechnet, ist das ein Ort, den man nicht verpasst haben sollte, innerhalb eines jeden anderthalb Quadratkilometers. Wenn man das dann ins Verhältnis zum täglichen Aktionsradius setzt, sieht man die Welt um sich herum auf einmal mit ganz anderen Augen. Das muss doch auch was bei mir um die Ecke sein…

Am besten ist es wohl das Buch erst einmal kurz durchzublättern. Schlösser, Burgen, Inseln. Von Nord nach Süd, von Ost nach West. Eine Seite pro place to be … von der Altstadt Rostocks bis zum Freilichtmuseum Klockenhagen (eine Doppelseite). Von der Museumsmeile in Bonn bis Fürstäbtlichen Residenz in Kaufbeuren. Von der Schwanenburg in Kleve bis zur Schwebebahn in Wuppertal. Und jedes Mal kommt einen ein „Da muss ich hin“ über die Lippen.

Tourismusmanager werden sich über dieses Buch freuen. Ohne Schnörkel mit informativen Texten, die einen groben Gesamtüberblick geben, kurze Infos zu Öffnungszeiten, zumindest jedoch immer eine Homepage bzw. Telefonnummer, die weiterführende Informationen parat halten wird. Die Tektonikarena Sardona im Kanton Graubünden ist hierzulande vielleicht nicht so bekannt. Doch spektakulär ist sie allemal. Genauso wie Schloss Ambras in Innsbruck. Letzteres ist dann wohl aber doch bekannter.

Ob als Geschenk oder Ideengeber, dieses Buch sollte man nicht einfach mal nur in den Händen gehalten haben (als Zeitvertreib in einer Buchhandlung sollte man gleich zur Ladenöffnung die erste Seite aufschlagen, sonst wird man nicht fertig). Diese überarbeitete Neuauflage stupst den Leser sanft in die Rippen oder scheucht ihn von der Couch auf. Drei Länder, tausend Tipps, unendliche viele Eindrücke.

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.

Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand

Aktion gleich Reaktion. Er hätte es wissen müssen. Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Doch Isaac Newton war dermaßen von sich überzeugt, dass Kritik an ihm abprallte wie ein Tennisball vom Center court. Oder besser, in ihm noch mehr Ehrgeiz hervorrief, der schon die Grenzen des guten Geschmacks übertrat.

Wenn man mit ihm spazieren ging, was ohnehin sehr selten vorkam, denn Newton war nicht unbedingt das, was man einen angenehmen Begleiter nannte, konnte es schon mal vorkommen, dass er wort- und grußlos umdrehte und sich seinen Forschungen hingab. Das war im 17. Jahrhundert. Forschung bedeutete damals eigentlich nur, dass man sein Wissen fast schon prahlerisch kundtat und wenn Fragen aufkamen sie mit einem Handstreich hinfort wischte. Physik, Chemie, oder gar Mathematik zu studieren, war nicht mit den Fächern der Gegenwart zu vergleichen. Auch die Literaturlisten, die am Anfang des Semesters ausgegeben wurden, waren eher übersichtliche Notizen denn echte Listen.

Isaac Newton wird in den Jahren nach seinem Tod 1727 (nach gregorianischem Kalender) als der Erfinder der heute gängigen Physik bezeichnet. Alles, was heute unter dem Begriff Physik erforscht wird, geht auf ihn zurück … salopp gesagt. Ihn als Urvater der Physik anzuerkennen, ist aber mehr Ehrerbietung als Wahrheit. Seine Forschungen dienen bis heute jedoch als Grundlagen. Die Geschichte vom Apfel, der ihm auf den Kopf fiel, und er somit der Erdanziehung auf die Spur kam, ist im Land der legenden anzusiedeln. Wahrscheinlicher ist es, das Newton bei einem seiner Spaziergänge eventuell einen fallenden Apfel beobachtet hat und einem ihm eigenen gedankenblitz hatte. Wie auch immer, dass alles, was hier bei uns den Halt verliert, nach unten fällt, ist Fakt. Ihn zu erklären, die Grundlagen für diese Erklärung zu schaffen, ist Newtons Verdienst.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Newtons Rückseite ist wahrlich schwarz, tiefschwarz. Denn charakterlich war er – wenn man Autor Florian Freisetter, selbst Astrophysiker in Jena, glauben darf – nicht der angenehmste Geselle. Wer ihm in die Quere kam, bekam die Wucht seiner Wut zu spüren. Plagiatsvorwürfe und ein nicht gerade soziales Verhalten brachten ihm den Ruf als Arschloch ein. Legendär sein Streit mit seinem deutschen Pendant Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Missachtung des Anderen betraf aber beide Parteien. Die Diskreditierung der Arbeiten ging ziemlich weit. Man stelle sich vor, dass soziale Netzwerke damals schon bestanden hätten. Der Krieg der Posts wäre in die Geschichte eingegangen.

Florian Freistetter nimmt kein Blatt vor den Mund, um Isaac Newton zu würdigen, ihn aber gehörig den Kopf zu waschen. Als Akademiker war Newton ein Revolutionär. Aber einer, der sich nicht vollständig von der Vorstellung eines höheren Wesens, das all unsere Geschicke leitet, lösen konnte. Als Wächter der königlichen Münzprägestätte ging Newton mit Geschick und unbändigem Einsatz gegen Fälschungen vor. Theologie und Alchemie (die heute wahrlich nicht mehr als ernstzunehmende Wissenschaft im engeren Sinne angesehen wird) waren ihm genauso nah wie die Beleuchtung der Bewegung innerhalb unseres Sonnensystems. Einstein gilt heute als der genialste Kopf der Physik. Doch auch er wäre ohne Newtons Vorarbeit nicht weit vorangeschritten. Einstein war einfach sympathischer. Und deswegen ist er vielen heute näher als Isaac Newton. Er hätte es wissen müssen…

Was bleibt, ist die Liebe

Franz Ferdinand, Erich Kästner, Ludwig van Beethoven – klar, sie waren (und sind) alle weltbekannt. Ihr Ruhm überstand gesellschaftliche Veränderungen fast unbeschadet. Doch es verbindet diese Drei noch etwas: Ihre tiefe Liebe. Franz Ferdinand, als potentieller Thronfolger, verzichtete der Liebe zu seinem Sopherl auf die Thronansprüche seiner Frau und Nachkommen. Nicht standesgemäß lautete das Urteil, das ihrer Liebe nur noch mehr Futter gab. Bei van Beethoven und Kästner war es die Liebe zu ihrer Mutter. Der Musiker konnte nicht mit seinem Vater, die Mutter verlor er mitten in der Pubertät als er in Wien schon mehr als ein Standbein hatte. Noch heute ist in Briefen nachzulesen, dass seine Liebe nur einer galt: Seiner Mutter. Und Erich Kästner kann getrost als Muttersöhnchen bezeichnet werden. Als er schon in Berlin lebte und arbeitete, also sein eigenes Leben führte, schickte er regelmäßig seine Schmutzwäsche heim. Oft auch mit einem Wunschzettel – die Mutter erfüllte ihm jeden Wunsch.

Dietmar Grieser führt wie Amor durch die Spielarten der Liebe. Mutterliebe – ob sie nun als übertrieben bezeichnet werden soll oder nicht, sei erstmal dahingestellt – oder Partnerliebe, die jeder Widrigkeit die Zunge rausstreckt oder Kinderliebe, Männerliebe, Hassliebe oder die Eigenliebe: Sie alle eint die bedingungslose Hingabe zu einem Menschen.

Biographien tragen die Faktenschwere per se in sich. Zahlen und Daten sind ihr Salz in der Suppe. Dieses Kompendium der Liebesschwüre sticht aus der Masse der Biographien schon allein durch das Thema heraus. Doch Dietmar Grieser setzt mit seiner eloquenten Art allem noch die Krone auf. Ein bisschen Geschichtsunterricht hier, ein kleiner Ausritt in die Psyche da – die Liebe ist faszinierend und ein unerschöpfliches Themengebiet. Liest man den Titel „Was bleibt, ist die Liebe“ und betrachtet man das Titelbild von Auguste Renoir, so ist man sofort im Thema.

Doch was folgt, ist bei Weitem mehr als nur eine Aufzählung von Liebschaften. Es sind wahre Wurzeln wahrer Größen. So wie die Geschichte von Franziska Donner, der ersten First Lady Südkoreas. Oder von Nikolai Kobelkoff, der als Zirkusattraktion (wegen seiner körperlichen Deformation) Karriere machte. Oder von Agatha Christie, die im fernen Orient die engste Liebe zu einem Mann fand.

Ihre Geschichten beweisen, dass die Liebe immer weiter existieren wird. Man muss manchmal hart dafür arbeiten, oft sogar Essentielles aufgeben. Doch der Lohn ist dauerhaft.

Köln MM City

Da ist man doch baff erstaunt, dass Köln gar keine Hauptstadt ist. Jeder Kölner wird nun zustimmen. Und alle von der Schäl Sick müssen – sofern sie noch nicht vor Ort waren – mit diesem Buch neidlos anerkennen, dass Köln eine Reise wert ist, auch wenn es auf der falschen Seite (des Rheins) liegt. Das liegt immer im Auge des Betrachters.

Hat man die Vorurteile, die besonders im Fernsehen von mehr oder weniger Begabten wie der Bauchladen der Eitelkeiten (wenn man schon sonst „cantz“ und gar nichts zu bieten hat) vor sich hergetragen wird, hinter sich gelassen, kann man sich auf dieses Buch konzentrieren. Es lohnt sich!

Jeder Kölner, der auch nur im Entferntesten eine Fernsehkamera erspäht, muss seine uneingeschränkte Liebe zum Dom kundtun. Andreas Haller hält diesem Domsinn ein knappes Dutzend Spaziergänge entgegen, die die Stadt auch ohne Jahrtausendbaustelle lebenswert machen. Das erste Kapitel ist jedoch dem Kirchenbau am Bahnhof gewidmet. Man aber auch einfach nicht ohne den Dom aus, in Köln.

Wer noch nie in Köln war, weiß ohne es zu ahnen schon eine ganze Menge von der Domstadt. da ist er schon wieder, der Dom. Zum Beispiel, dass man seine Liebe hier mit einem Schloss besiegelt bzw. bekundet. Und das hängt man an die Hohenzollernbrücke. Die verbindet Deutz (auf der Schäl Sick, man kommt in einer Stadt wie Köln einfach nicht ohne Stereotypen aus), mit der Innenstadt. Doch das war es noch lange nicht mit Deutz. Zum Beispiel steht hier ein Denkmal für einen Düsseldorfer. Ja, tatsächlich. Jan Wellem hieß er. Zumindest bei den Kölnern. Im Pass stand Herzig Johann Wilhelm II. Als katholischer Ableger der Wittelsbacher erlaubte er auch Protestanten ihre Religionsausübung. Und als Bewohner einer toleranten Stadt wie Köln, darf man auch mal über seinen Schatten springen und einem Düsseldorfer ein Denkmal setzen. Allerdings übersehen auch viele Kölner dieses Dreimetermonument im Mühlheimer Stadtgarten.

Grinköpfe hingegen sind keine mehr oder weniger liebevolle Bezeichnung für den einen oder anderen, der dem Kölner zum Schabernack treibt, sondern nützliche Hilfsmittel aus alten Zeiten, um die Arbeit zu erleichtern. In der Altstadt findet man sie hier und da noch. Statt eines Unterkiefers haben sie Metallzähne. Und das alles nur, um Waren in die Keller befördern zu können.

Das sind nur zwei Geschichten, die in den typischen gelben Kästen für Abwechslung bei der Reiseplanung sorgen. Es sind aber vor allem Hintergrundinfos, die einen hohen Wiedererkennungswert haben.

So wie das gesamte Buch. Jede Seite ist gespickt mit Wissen für den Reisenden, der offen Auges durch die Stadt spaziert.

Oberbayerische Seen

Berge oder Meer? Diese Frage kann schon mal für Verwirrung, im schlimmsten Fall für Streit sorgen. Ein Kompromiss muss her. Wie wäre es mit beidem? Aber bitte nicht so weit weg! Dann ist die Entscheidung gefallen. Berge, ein bisschen plätschern drumherum. Also Oberbayern. Und dann nimmt man sich den Atlas vor, oder schaut im Netz nach. Welche Orte gibt es, welche Seen bieten sich an (Meere sind dann eben doch nicht vorhanden, wieder ein Kompromiss)? Und dann hat man eigentlich nur noch eine Wahl: Dieses Buch! Ein paar Seen kennt jeder, Tegernsee, Starnberger See, Chiemsee.

Thomas Schröder gibt ihnen den entsprechenden Raum, jedoch nicht ohne auch den vermeintlich kleinen, unbedeutenderen Seen Stimme zu verleihen. Wie den Wörthsee. Da fehlt kein ER, der Wörthersee ist im benachbarten Ausland. Wörthsee. Dreieinhalb Kilometer lang und ca. halb so breit. Eine exzellente Wasserqualität wird ihm bescheinigt. Leider sind die Ufer fast komplett bebaut und in Privatbesitz, so dass mal eben schnell in den See fast eine Lotterie grenzt. Aber drumherum gibt’s ja auch was zu sehen. Und mit elf Kilometern Umfang kann man sich einige Stunden mit Umsehen ganz gut vertreiben.

Das Wechselspiel von Berge und Meer treiben Eib- und Badersee auf die (Zug-)Spitze. Der höchste Berg Deutschlands ist in Sichtweite – wenn der Himmel es zulässt – und das glitzernde Grün des Eibsees besticht auch durch Sonnenbrillengläser. Fast wie am Königssee, der gleich um die Ecke liegt. Doch alles ein wenig beschaulicher, ruhiger, gelassener. Sein kleiner Bruder in der Badersee. Hier ist das R an der richtigen Stelle. Wer also nach einem Badesee fragt, sollte sich einer optimalen Aussprache bedienen.

Dieses Buch mutet wie ein Werbeprospekt an. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sollte sie auch. Schließlich ist man in Bayern. Zum Baden in die Berge. Was auf den ersten Blick wie ein Witz daherkommt, wird schon auf den ersten Seiten in ernste Absichten verwandelt. Und wenn dann auch noch kleine Anekdoten mit Hintergrundwissen dem Leser den letzten Zweifel aus den Augen wischen, steht einer erholsamen Zeit an den Seen zwischen den Gipfeln der Alpen nichts mehr im Weg. Da kann noch so viel vom Öl-Boom am Tegernsee geredet werden, 150 Jahre Schifffahrtstradition wiegen so manches auf. Wobei das mit dem Öl-Boom natürlich nicht so ernst gemeint ist…

Dieses Buch ist alternativlos. Die Region ist mehr als eine Alternative zu Meer oder Bergen. Wer beides hat, muss beides vermarkten. Und bewerben. Dieses Buch jedoch als reines Werbeobjekt zu sehen, wäre fatal. Denn 264 Seiten voller Tipps und Hinweise zu dem, was man 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche benötigt, sind eine nicht zu unterschätzende Stütze im Kampf gegen die Langeweile.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Burgkinder

Ein Märchenschloss am Rhein. Blick auf das Siebengebirge, den Drachenfels, irgendwo zwischen Honnef und Unkel. Remagen ist auch nicht weit. Die Stadt erlangte in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges eine Berühmtheit, auf die ihre Bewohner mit Freuden verzichtet hätten. Doch es kam anders. Es wurde eine taktische zähe Schlacht um die Rheinbrücke. Und da setzt dieser Roman ein.

Hermann Fürst ist der Dichter der Deutschen. Seine Werke verkauften sich und verkaufen sich noch immer wie geschnitten Brot. Dass er sich an die neuen Machthaber ranwanzte, gab seiner Karriere noch einmal einen Schub. Seiner Familie konnte er ein sorgloses Leben bieten. Man kann vieles kaufen, doch nicht das Glück. Als die Alliierten immer näher rücken, wird es eng auf dem Schloss. Das wird bald schon zu einem Lazarett unter Führung von Rob Wiseman aus San Francisco umfunktioniert. Man beugt sich widerwillig den neuen Herren.

Nur Erika Fürst, eine der Töchter des Literaten sieht darin eine Chance. Hals über Kopf beginnt sie eine kurze Affäre mit Rob Wiseman. Doch so stürmisch alles begann, so schnell sind die Aufregung und der Soldat wieder verschwunden. Zurück bleiben die Erinnerungen und …

Ein Vierteljahrhundert später macht sich ein junger Mann, von allen King genannt, auf Amerika zu erobern. Eines Tages wird eine Galerie eröffnen. Davon ist er überzeugt. Im Gepäck hat er die Arbeiten seiner Künstler und den Namen eines Bekannten seiner Mutter. Dieser Bekannte hatte die Familie damals als Soldat besucht. Rob Wiseman ist sein Name. Der Name der Mutter: Erika Fürst. Als s ich Rob und King, der den bezeichnenden Namen Friedemann trägt, gegenüberstehen, kommt nur einer ins Grübeln. Dass sich King dann auch noch in die Tochter von Rob Wiseman verknallt, kommt dem mittlerweile überaus erfolgreichen Geschäftsmann nicht gelegen. Er versucht alles, um King aus dem Land zu komplimentieren. Doch King hat seinen eigenen Kopf. Mit fatalen Folgen…

Der dritte Teil des Buches führt wieder auf die Burg am Rhein in den Jahren 1996 bis 1999. Die Nachfahren Rob Wisemans haben ein Auge auf die Burg geworfen. Keine späte Genugtuung, vielmehr Ehrgefühl und Pflicht treiben sie wieder an den Ort, wo so viele verendeten und so vieles begann,

J.R. Bechtle schreibt in „Burgkinder“ vehement die Geschichte seiner Familie auf. Der alte Dichterfürst, der sich mit den Nazis verbrüderte oder auch die hochfliegenden Träume des eigenen Verlages – zu all dem hat der Autor eine sehr innige und familiäre Verbindung. Knapp fünfhundert Seiten deutsche-amerikanische Geschichte, die einen nicht mehr loslassen wird.