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Tito

Große Staatsmänner werden in zwei Kategorien unterteilt. In die, die wirklich Großes geschaffen haben und denen man den einen oder anderen Fehltritt mit einem ganz zugekniffenen Auge eventuell verzeihen könnte. Auf der anderen Seite gibt es sie, bei denen eine – historisch gesehen – Kleinigkeit immer hervorgehoben wird, die große „Schweinerei“ herunterzuspielen. Wie bitte schön kann Autobahnbau millionenfachen Menschenmord aufwiegen? Oder Alphabetisierung Vertreibung und Völkermord? Oder inszenierte Jubelarien die Unterdrückung des eigenen Volkes? Der Name von Diktatoren jedoch wird immer im Gedächtnis bleiben. Ob in Afrika, Asien, Amerika oder Europa – die Namen schallen wie Donnerhall durch die Kathedralen der Erinnerung. Tito – ist er vielleicht die Ausnahme von der Regel? Von 1945 bis zu seinem Tod 1980 war er Generalsekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, Marschall von Jugoslawien, Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Das Land gibt es so nicht mehr, sein Name scheint außerhalb dieses verschwundenen Landes ebenso ausgelöscht zu sein.

Jože Pirjevic versucht mit seiner Biographie – der ersten überhaupt – dem Partisanen, Politiker und Militärführer nahezukommen und ihm Ecken und Kanten zu geben, Lebenswege nachzuzeichnen, wichtige Stationen einzuordnen – ihm Konturen zu verleihen. Fast vierzig Jahre nach dessen Tod trägt die jahrzehntelange Forschung endlich Früchte. Tito wird dadurch nicht wieder lebendig, was zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise beabsichtigt wird. Aber er bekommt ein Leben zurück, das den nachfolgenden Generationen die Bewertung Titos vereinfachen wird.

Jože Pirjevic schildert auf siebenhundert Seiten, inkl. Anhang, Quellennachweisen und ausgiebigem Bildteil, das Leben eines Mannes, der nach der Macht drängte, ohne diese Machtgeilheit zu ins Unmenschliche zu treiben. Josip Broz, so Titos bürgerlicher Name (insgesamt verwendete er über dreißig Pseudonyme), wurde als junger Mann herumgeschupst, verschleppt, verhaftet, gefoltert. Ihm waren die kommunistischen Führer suspekt. Stalins Weg war nie sein Weg, er wollte eine Alternative zur „restlichen sozialistischen Welt“ schaffen. Auch ihm gelang dieser Weg nicht. Nach dem brutalen Zusammenbruch Jugoslawiens verschwand er schnell aus dem Gedächtnis der Welt.

Fast vierzig Jahre nach Titos Tod gelingt es Jože Pirjevic Tito ein gedrucktes Denkmal zu setzen. Niemals jedoch glorifiziert er den Herrscher des einst am zweithäufigsten besuchten sozialitischen Landes Europas. Die Quellen seiner jahrzehntelangen Recherche stehen stets im Vordergrund, sie zu werten ist dem Leser überlassen.

Am Ende dieser mehr als lesenswerten Biographie sind keine Fragen mehr offen. Tito war ein Querdenker. Sein Charisma suchte seinesgleichen. Tito war ein Genussmensch in jederlei Hinsicht. Wer ihm in die Quere kam, dessen Weg wurde „begradigt“. Bewundern muss man ihn als Person nicht zwingend. Seine Ideen waren ehrenwert. Die Umsetzung scheiterte allerdings an zu vielen Faktoren, die auch dieses Buch nicht komplett offenlegen kann. In der Reihe der Diktatoren, und das war Tito zweifelsohne, nimmt er eine Sonderstellung ein. Dieses Buch ist eine detailreiche Erkundungstour  auf der Suche nach dem Geheimnis Titos.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.

CityTrip Belgrad und Novi Sad

Es gibt noch die kleinen Juwele in Europa, die sich ihre Eigenständigkeit mit der Pflege der historischen Hinterlassenschaften erhalten haben. Gastfreundlichkeit und ursprüngliche Stadtentwicklung gepaart mit moderner Ausrichtung und dem Ausbau der Infrastruktur – Belgrad gehört zweifelsohne zu diesen Juwelen. Die Hauptstadt Serbiens ist eine Millionenmetropole am Zusammenfluss von Donau und Save, dem wasserreichen Zufluss zum europäischsten aller Flüsse. Man spricht oft und gern von einem Schmelztiegel, wenn Kulturen an einem Ort zusammentreffen und wie selbstverständlich zusammen (nicht nebeneinander) das Bild einer Stadt prägen.

Und trotzdem ist Belgrad immer noch ein Geheimtipp. Die weiße Stadt, die sich in Altstadt und Neustadt untergliedert, bietet schon auf dem ersten Blick ein Füllhorn an Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde bereits vor über tausend Jahren erstmals erwähnt. Die Neustadt hingegen ist ein Produkt aus Titos Zeiten, um der Welt zu zeigen, dass der Sozialismus der einzige Weg in die Moderne ist. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass dies nur ohne Machtmissbrauch möglich ist, und auch hier zum Scheitern verurteilt war.

Man ist also nach einer wahren Odyssee in Belgrad gelandet (die Anreise aus Deutschland von oberhalb des Weißwurstäquators ist mit stundenlangen Aufenthalten verknüpft, so dass man schon ca. einen kompletten Tag für die Anreise einrechnen muss). Und schon ist man überwältigt vom Charme der Stadt: Weitläufige Boulevards, beeindruckende Architektur, wildes Markttreiben und eine reichhaltige Küche verführen den Gast sofort. Doch wohin als Erstes? Dieses kleine Büchlein gibt den Ein- und Überblick, den man jetzt dringend braucht. Auch schon wegen der (für die meisten) ungewohnten Schriftzeichen. Wer noch Russisch als Pflichtfremdsprache in der Schule zu erdulden hatte, kommt leichter vorwärts. Für alle anderen werden alle Hotspots im Buch auch auf Serbisch abgedruckt. Ein Stadtplan und Spaziergänge, die keinen Wunsch offen- und keine Sehenswürdigkeit auslassen, machen den CityTrip Belgrad/Novi Sad zum unerlässlichen Begleiter.

Dieser CityTrip ist eigentlich ein CitiesTrip. Denn auch das knapp einhundert Kilometer entfernte Novi Sad, neuer Garten, ist mehr als nur einen Tagesausflug wert. Viel kleiner ist die zweitgrößte Stadt Serbiens. Doch nicht minder reich an Entdeckenswertem. Das Verhältnis der beiden Städte an der Donau ist vielleicht zu vergleichen mit Seattle und Portland oder Berlin und Potsdam. Hier der administrative große Bruder und da die hübsche kleine Schwester. Beide sind eigenständig und bedürfen einander kaum bis gar nicht, doch zusammen bilden sie ein unschlagbares Paar. Beide Städte weisen als hervorstechendes Merkmal eine Burg, eine Festung auf. Beide Städte laden zum Bummeln, wobei Novi Sad die Grünere ist.

Die beiden Autoren Ralf Hälg und Milana Momčilović-Hälg bereitet es eine Freude ihre Stadt dem Leser nahezubringen. Unzählige Tipps – vom Restaurant über Märkte bis hin zu Unterkünften, Museen und anderem Sehenswerten – lassen die Zeit in Belgrad und Novi Sad wie im Fluge vergehen. Und hinterher ist man immer noch angetan vom Reichtum einer Region, die nicht viele auf dem Schirm zu haben scheinen. Ein Fehler, wie man schon während des Lesens feststellen muss.

Von Gabriel bis Luzifer

Engel sind für viele eine Alternative zur organisierten Religion. Dort kommen sie auch her. Sie zieren viele Stadtwappen, sogar ein Waschmittel trägt den Namen eines Erzengels. Nur ein Engel wird immer wieder verkannt: Luzifer. Sein Name bedeutet „Der Erleuchtete“.

Schon dieses Grundwissen offenbart die Zwiespältigkeit der himmlischen, ja göttlichen Wesen. Valery Rees geht dem Phänomen Flügelträger auf den Grund. Doch haben Engel wirklich Flügel?

Nicht immer, salopp gesagt, auf Bildern sah und sieht es einfach gut aus. Man kann sie besser von anderen Wesen unterscheiden. Und außerdem müssen sie ja irgendwie ganz schnell von einem Ort zum Anderen, besser gesagt, von einem Hilfebedürftigen zum Nächsten kommen. Also Flügel.

Salopp ist aber nicht die Art, die Valery Rees liegt. Sehr ernst, detailorientiert und so umfangreich wie man es nicht vermuten mag, macht sie den Weg frei für eine fachgerechte Betrachtung der Engel. Denn diese werden oft, zu oft als kitschiges Symbol missbraucht. Gerade zur Weihnachtszeit sind sie nicht mehr wegzudenken.

Und das fast überall auf der Welt. Ob christlich geprägte Kulturen oder in der  islamischen Welt – Engel oder Wesen, die wir in unseren Breiten als Engel bezeichnen, tauchen immer wieder auf. Und das schon seit Jahrhunderten. Wenn es also eine Konstante in den Religionen gibt, dann sind es die Engel.

Michael, Gabriel oder Raphael – um nur drei der Bekanntesten zu nennen – haben nur eine Aufgabe: Zu helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Sie erfüllen einen Auftrag, der einfach nicht in Frage gestellt werden kann.

Dem Thema Engel kann man sich weder mit hundertprozentiger Rationalität noch mit blindem Glauben wahrhaft nähern. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für ihre Existenz. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es ebenso schwer ihr Treiben nachzuweisen. Im besten Fall kann man sie glaubhaft nachweisen. Nicht mehr, und nicht weniger.

Valery Rees gelingt es mit ihrem spannenden Buch den Engeln zumindest eine lange Geschichte mitzugeben. Sie umschifft gekonnt die Klippen des Unangemessenen. Wer Engel als willfährige Glücksboten für sich allein schuften lassen will, glaubt nicht wirklich an sie. Er ist ein Glücksritter auf einem klapprigen Gaul, der sein Ziel nie erreicht.

„Von Gabriel bis Luzifer“ erreicht sein Ziel von A bis Z. Nicht nur zur Weihnachtszeit bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in faszinierende Wesen, egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht.

Geniale Erfindungen made in Berlin

Oft gehört: Berlin erfindet sich immer wieder neu. Mag sein, wenn man sich erinnert wie die Stadt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah und mit heute vergleicht. Doch Berlin ist auch eine Stadt, in der viel erfunden wurde, dass man heute noch – unter anderem Namen oder weiterentwickelter Form  – tagtäglich in den Händen halten kann. Gaby Huch hat sich auf die Suche gemacht und Erstaunliches gefunden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt, die heute kaum noch zu sehen ist, zählte mal der Eckensteher. Ein ruhiger Geselle, meist. Der Körper ohne Spannung, gesenktes Haupt, und wenn er was sagte, dann war es oft unverständlich. Klar, er war betrunken. ‘Ne Molle zu viel! Nicht immer. Einer der geistigen Urväter dieser skurrilen gestalten war Johann Heinrich Leberecht Pistorius. Der Kaufmann hatte eine Leidenschaft für die Wissenschaft und das Ingenieurswesen. Es war gerade einmal ein paar Jahrzehnte her, dass Friedrich der Große, die „Kartoffelbefehle“ erlassen hatte. Diese sind die Grundlage dafür, dass die Deutschen als Kartoffelesser weltweit bekannt wurden. Und Pistorius erfand – deswegen kann man ihn als „geistigen Urvater der Eckensteher“ bezeichnen – einen Apparat, mit dem auf der gelben Knolle ein klarer Geist entsprang, der Kartoffelschnaps. Das Destilliergerät war damals noch ein riesiger Apparat, der riesige Mengen produzieren konnte. Doch schon bald wurde das Verfahren für jedermann zugängig. Die Folgen waren unter anderem eben die Eckensteher.

Und was macht man, wenn einem vom vielen Schnaps der Kopf dröhnt, dass man meint der Kopf würde einem gespalten. Man wirft eine Tablette ein. Eine Spalt am besten. Und wo wurde die erfunden? Na klar, in Berlin. Genauso wie der Frommser. Jahrelang war dieser Begriff Synonym für die einzige (verlässliche) Art der Geburtenkontrolle. Fromms – so hießen die ersten Kondome.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Alkohol. So mancher, der nicht nur ein wenig und zu oft und vor allem zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde schmerzhaft mit einer endgültigen Nebenwirkung vertraut gemacht. Das Sehvermögen ließ stark nach bis hin zum Verlust des selbigem. Und ja, auch die Blindenschreibmaschine ist eine Erfindung aus Berlin. Louis Braille hatte 1825 die Blindenschrift entwickelt. Es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis diese Schrift all denen zugängig gemacht wurde, die ohne sie auf Bildung verzichten müssten. Oskar Picht hieß ihr Erfinder, und er ließ 1901 seine Maschine zum Patent anmelden.

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Western. Pioniergeist, verwegene Gestalten, mutige Draufgänger pflasterten den Weg in die Moderne. Von der Thermoskanne, über die elektrische Straßenbahn, Ohropax, die Erbswurst und den Geigerzähler (eine wahrhaft wilde Mischung) – Berlin ist nicht nur dufte, sondern war stets ein Hort des freien Geistes. Auch wenn die Dampflokomotiven heute meist nur noch als Motive für Selfies herhalten, waren sie doch einst der Motor des Fortschritts. Erfunden von Borsig in Berlin, wo heute noch an namentlicher Stelle an Zügen mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet wird. „Geniale Erfindungen made in Berlin“ ist mehr als nur ein Bilderbuch. Die erläuternden Texte sorgen für so manches Ah und Oh.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Chaplin

In Kindertagen entkam man dem eindringlichen Wunsch der Eltern nach weniger Fernsehkonsum nur mit einer Ausrede: „Aber es läuft doch gerade Charlie Chaplin“. Ein unschlagbares Argument, dem sich niemand verwehren konnte. Als Erwachsener kommt der Bitte dieses “Buch doch endlich beiseite zu legen“ auch nicht nach, denn es geht wieder einmal um Charlie Chaplin. Über 900 Seiten paradiesisches Papier über den Mann, der Film- und Schauspielkunst wie kein anderer beeinflusst hat.

Autor David Robinson beginnt – wie es sich in einem Bericht, eine Biographie über einen Gott gehört – im biblischem Ausmaß die Ahnenreihe der Chaplins (deren Herkunft wohl den Hugenotten zuzuschreiben ist, weswegen wohl ein „Schapleng“ auch nicht ganz so falsch klingen würde) auseinander zu dividieren. Eine Herkulesaufgabe. Dennoch nötig, um die ersten Jahre von Charles Spencer Chaplin einordnen zu können. Diese waren nicht zwingend von Freud, mehr von Leid geprägt. Der Vater oft fort, bis er endgültig verschwand. Als er wieder da war, war sein Verfall sichtbar und das Ende absehbar. Armenhäuser, harte Arbeit, aber auch Theaterbesuche (ein Holzfäller schenkte dem kleinen Charles die erste Theaterkarte – die besuchte Vorstellung bescherte der Truppe später ihren umjubelten Star) und das karge Leben eines Künstlers. Alle Details dieser Zeit, oder fast alle, sind Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben. Die ersten Seiten lesen sich wie die künftige Rolle des Tramps auf die Zuschauer wirkte: Zum Schmunzeln, bitter real und unabwendbar. Manche Rollennamen, die Chaplin später benutzte, hatten hier im armen London der Künstler ihren Ursprung.

Chaplin wurde von der Kritik geliebt und vor allem gelobt. Sein Spiel war intensiv und wirkte lange nach. Er verlieh so manchem mittelmäßigen Stück einen gewissen Glanz. Liefen die Stücke oft nur ein paar Wochen, so war es sein Talent, das nachhallte. Auf Tourneen wie beispielsweise in die USA wurde man auf ihn aufmerksam. Bei einer Tournee war unter anderem ein Schauspieler dabei, der Chaplin in nichts nachstehen sollte und zusammen mit einem weiteren Kollegen das am längsten spielende Duo der Welt bildete: Stan Laurel.

Hollywood steckte noch in den Kinderschuhen, die im Schlamm dahin wateten als Charlie Chaplin die ersten Schritte vor der Kamera tat. Wie er zum Film kam, kann auch David Robinson nicht endgültig aufklären. Aber er kann die Puzzlestücke, die alle Beteiligten hinterlassen haben, auf den Tisch legen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann. Es steht jedoch außer Frage, dass Chaplin zuerst an eine Erbschaft dachte als an ein ernsthaftes Filmangebot als er einem Vorstellungsgesuch in einem Gebäude in New York nachkam, in dem ausschließlich Anwälte ihrer Arbeit nachgingen. Umso größer die Überraschung.

Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie absprechen. Die Studiobosse erkannten den Ehrgeiz und statteten ihn mit Geld und Einfluss aus. Die erste Fassung seines Vertrages mit Keystone (die unter die Keystone Kops, die chaotischen Polizisten, und Fatty Arbuckle, den gefallenen Engel, produzierten), der ihm einhundertfünfzig Dollar pro Woche (schon kurze Zeit später hing man gern ein paar Nullen mehr dran) sicherte, ließ Chaplin zurückgehen und eine Kündigungsfrist einfügen. Man wusste, was man an ihm hat. Und benötigte dringend einen neuen Star(anwärter).

Als später der Tramp geboren wurde, auch hier kam ihm wieder seine harte Kindheit in den Sinn – zugute kam sie ihm bestimmt nicht, das wäre wohl zu viel des Guten gewesen – war es ums Publikum geschehen. Charlie Chaplin war nun mehr als ein Schauspieler, er war eine Marke. Eine Marke, die es ihm erlaubte Gagen zu fordern, die für die damalige Zeit astronomisch waren. Aus dem jungen Talent aus dem schäbigen London war der pedantische Star aus Hollywood geworden. Einer, der gegen alle Widerstände auch einen Film wie „Der große Diktator“ machen konnte. Die Nazis hatten damals perfide Verträge mit Hollywood – auch und gerade mit jüdischen Produzenten – gemacht, um Einfluss zu nehmen. Der Schnauzbart aus Hollywood drehte dem Schnauzbart aus der Wolfsschanze gewaltig eine Nase!

David Robinson ist der autorisierte Biograph Charlie Chaplins. Er allein durfte das Privatarchiv durchforsten. Er recherchierte jedes noch so kleine Detail. Sprach mit Weggefährten und ihm selbst. Das Ergebnis: Diese faktenreiche Biographie, die keine Fragen offen lässt. Es ist ein Fest das Leben eines Mannes nachzuvollziehen, der seit über einhundert Jahren Kinderaugen zum Leuchten bringt, Zuschauer zu Tränen rührt und Filmwissenschaftler begeistert. Charlie Chaplin, der Tramp, der außerordentliche Schauspieler wird nie in Vergessenheit geraten – wegen seiner Filme, aber auch dank David Robinsons Hingabe, die in jeder Zeile des Buches spürbar ist. Als Zugabe gibt es zahlreiche Abbildungen seiner Verträge, eine Karte Londons mit den Wohnorten der Chaplins und einer Ahnengalerie der Menschen, die Charlie Chaplin formten. Das Komplettpaket zum Glücklichmachen!

Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.