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Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Entdeckungsreisen – Magische Bilder exotischer Welten

Wer heutzutage vermeintlich exotische Orte besucht, muss sich der Tatsache stellen, dass er nicht der Erste ist, der das Paradies entdeckt hat. Das ist der Wermutstropfen auf so manchem Spektakel. Vor Jahrhunderten noch, konnte man sich sicher sein eine unentdeckte Insel nach sich oder seinem Gönner benennen zu dürfen. Ein flüchtiger Blick in den Atlas beweist dies auf zigfache Weise.

Reisen waren im 17., 18. und 19. Jahrhundert noch echte Abenteuer, für echte Kerle. Die Rückkehrer, also eigentlich nur die Lenker und Denker dieser Reisen, wurden zu Vorträgen eingeladen und selbst von gekrönten Häuptern hofiert. Was sie mitbrachten von ihren Reisen ist heutzutage Alltag. Man denke nur an die Massen von Schokolade, die die Regale der Supermärkte füllen.

Sir Hans Sloane war so ein Entdecker, der sich um die – bleiben wir beim leckersten Beispiel für frühe Globalisierungsnachweise – Schokolade besondere Verdienste erwarb. Von 1687 bis 1689, vor mehr als dreihundert Jahren!, schipperte er gen Westen. Jamaika war nicht das vorrangige Ziel der Reise des Arztes mit irischen Wurzeln. Die Naturwissenschaften an sich hatten es ihm angetan. Die im Jahr seiner Geburt gegründete Royal Society „zur Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens“ förderte undorganisierte Fahrten in eben diese fremden, weil fernen Welten. Neugier und Wissensdurst, gepaart mit aggressiver Expansionspolitik, wovon die Forscher natürlich nichts wissen wollten, waren der Antrieb. Außer den Pflanzen, und oft auch Tieren brachten die Seefahrer und Forscher unendlich viele Zeichnungen mit, die der staunenden Menge wie der abgeschlagene Kopf des Teufels präsentiert wurden. Das Natural History Museum zu London könnte sich noch so sehr vergrößern, es würden immer noch nicht alle Exponate ausgestellt werden können. Die Archive quellen über vor Forschergeist und künstlerischer Ästhetik.

Dieser Prachtband ist nichts anderes als das „Best of the Best“ der zweidimensionalen Errungenschaften menschlicher Eroberungsgier und einmaligen Forscherdrang. Keine noch so moderne Kamera mit noch so vielen und detailgenauen Filtern kann die Einzigartigkeit der abgebildeten Objekte widergeben! Das Großformat ist die einzig sinngebende Maßeinheit für ein Buch dieser Ausdruckskraft. Jede Faser eines jeden Blattes, jedes noch so kleine „Blütenstäubchen“, jede Facette eines prächtigen Federkleides, ist den Gestaltern verborgen geblieben. Da kann keine Buntstiftkasten und keine 256 Millionen Farben anzeigende Bildersoftware mithalten. Mutter Natur ist und bleibt die einzig wahre Künstlerin. Die Schmetterlinge von Surinam sind durch Maria Sibylla Merians Zeichnungen einem vorher nie gekannten Publikum bekannt geworden. Die Fahrt der „Investigator“ von 1801 bis 1805 mit Matthew Flinders und Ferdinand Bauer an Bord hat die wohl schönsten Pflanzenzeichnungen überhaupt hervorgebracht. Die Küste Australiens wurde erstmals, wenn auch nur unzureichend kartographiert. Die Flora und Fauna war noch wenig erkundet und noch weniger dargestellt worden. Flinders und Bauer macht dem Unwissen ein Ende.

Wer unter anderem ihre detailreichen (doppelseitigen) Zeichnungen auf dem Schoß liegen hat, weiß um die Schönheit der Natur. Und um die Ausdruckskraft, die ein Buch entfalten kann, wenn es mit Liebe zum Detail und dem Drang nach Perfektion gestaltet wird. Hier trifft alles auf einmal zusammen!

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Spiel des Lebens

Der Mensch als Krone der Schöpfung. Dieses geflügelte Wort kennt jeder. Doch wie jeder (okay, fast jeder), der eine Führungsposition inne hat, braucht er Helfer. Deren fleißige Hände dienten ihm zum Aufstieg und dienen ihm diese Position halten zu können.

War der Mensch anfangs (also vor Tausenden von Jahren) von der Natur derart abhängig, dass sie den Ton angab, so haben sich die Machtverhältnisse im Laufe der Zeit gedreht. Der Mensch beherrscht die Natur. Dass ihr das ab und zu nicht passt und deswegen ein wenig trotzt, muss der Mensch aushalten. Was ist schon ein Tsunami im Vergleich zu überdimensionalen Reisfeldern, die Millionen Menschen weltweit den Magen füllen? Zynisch? Jawohl, aber …

Alice Roberts, Paläopathologin, Medizinerin in Birmingham hat sich den Menschen in seiner heutigen Form genauer betrachtet. Interaktion, dieses scheinbar so ferne Wort ist der Schlüssel zu unserer Welt. Das Spiel zwischen Mensch und Apfel, Reis oder Kartoffeln, zwischen Mensch und Hund. Rind oder Huhn ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen (vielleicht schon zu sehr und zu wortwörtlich), dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Es war wie bei Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen. Mutter Natur gibt gern und viel, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Seit Jahrzehnten unkt man immer wieder, dass dieser Punkt erreicht sei. Und immer wieder gibt es neuere Forschungen, die uns fortschrittsgemäß vom Aufschub dieser Thesen unterrichten und überzeugen wollen. Ein gefundenes Fressen(!) für Verschwörungstheoretiker.

Wer sich selbst ein Bild machen will, ohne Einflüsse von außen, kommt an den Grundlagen nicht vorbei. Und die liefert – eindrücklich, besonnen, großartig ausformuliert – Alice Roberts. Ihren Erkenntnissen folgt man ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es liegt alles auf der Hand.

Mit zahlreichen Anekdoten – zum Beispiel, dass der Neandertaler eigentlich homo var. calpicus heißen müsste – wird dieses Sachbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, dessen Ende der Leser zwar nicht allein, aber in der Gesamtheit in den Händen hält. Das Leben ist mehr als ein Spiel. Und dieses Buch mehr als „nur“ ein Buch!

Ihre Seite der Geschichte

Sie hatten nur einmal eine Wahl. Ja oder Nein zu sagen. Sie sagten Ja. Ja zu dem Mann, der einmal die Geschicke eines Landes leiten bzw. es repräsentieren soll. Sie waren die First Ladies. Sind es noch. Heike Specht hat sich auf Spurensuche gemacht und von Elly Heuss-Knapp und Bettina Wulff über Mildred Scheel und Hannelore Kohl bis zu Christina Rau und Lotte Ulbricht (die den Titel First Lady mit ihrer bekannten bissigen Zunge wohl zu gern zerfleischt hätte) so manches herausgefunden, dass das Protokoll noch unter Verschluss hielt. Auch der aktuelle First Husband, Joachim Sauer und die Hausherrin im Schloss Bellevue, Elke Büdenbender, kommen in diesem mehr als spannenden Sachbuch zu Wort.

Das Vorurteil, dass die Dame an der Seite des Ersten Mannes des Staates nur Beiwerk ist, ist nichts mehr als eben ein Vorurteil. Sie haben Einfluss, sind geschätzte Gesprächspartner und Ratgeber.

Die junge Bundesrepublik kommt mit einem Witwer und einem verheirateten Bundespräsidenten aus dem Kreisssaal. Konrad Adenauer hat rund ein Jahr vor Amtsantritt seine Frau, Gefährtin und engagierte Stütze Gussie verloren. Auch Theodor Heuss‘ Gattin geht es nicht gut, sie verstirbt noch während seiner ersten Amtszeit.

Kurt Georg Kiesingers Frau Luise war nach dem Krieg unerlässliche Stütze für ihren Gatten. Ihre Fürbitte verschaffte dem ehemaligen hochrangigen NSDAP-Mitglied im Reichsaußenministerium zu einer früheren Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.

Im Osten traten die Frauen viel öfter in den Vordergrund, der ihren Männern laut Protokoll vorbehalten war. Allen voran Margot Honecker, die eben nicht nur die Frau Honecker war, sondern auch gefürchtete Ministerin für Volksbildung. Ihr oblag die Bildung der neuen sozialistischen Generation, was sich nicht nur in endlosen Phrasen in den Lehrbüchern niederschlug.

Engagiert sollen sie sein, Empfänge organisieren und einfach repräsentieren. Das hat selbst in den Kinderjahren der Republik nur bedingt funktioniert. Sicher mussten die First Ladies in erster Linie den Staat und ihren Mann unterstützen. Das Lob dafür schmeichelte ohne Frage, aber sich einbringen, das begann erst ein paar Jahrzehnte nach der Staatsgründung. Loki Schmidt ist dafür das beste Beispiel. Als Biologin genoss sie weltweit Anerkennung. Nicht, weil sie Frau Helmut Schmidt war, sondern weil ihre Forschungen in Fachkreisen (und aufgrund ihres Bekanntheitsgrades auch darüber hinaus) Beachtung fanden. Hannelore Kohl, geprägt durch das selbst erlebte Elend der Kriegsjahre war für Helmut Kohl aktive Stütze bei der Ausarbeitung so mancher politischer Papiere. Doris Schröder-Köpf ist nach ihrer Scheidung selbst in die Politik gegangen, ihr Name war dabei kein Hindernis.

Das Jahr 2019 ist das Jahr, in dem einhundert Jahre Frauenwahlrecht und siebzig Jahre Grundgesetz gefeiert werden. „Ihre Seite der Geschichte“ ist mehr als nur ein Zeitdokument, es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit. Auch ohne Jubiläen längst überfällig.

Die Kommune der Faschisten

Da fallen einfach mal so zweieinhalbtausend Mann in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, ein und spielen Faschismus. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man diese Einleitung für den Beginn eines phantastischen Romans für wahr nehmen. Doch es ist leider so gewesen. September 1919. Der erste Weltkrieg ist vorüber und Italien sucht wieder einmal oder noch immer nach einer nationalen Identität.

Der Dichter und Lebemann Gabriele D’Annunzio ist der Anführer dieser Truppe. Schon länger fordert er Bildung und ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Apennin. Was anfangs noch nach Fortschritt klang und sich auch so anfühlte, wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer Idee, die immer wildere Formen annahm. Folgten ihm erst noch sogar die Intellektuellen, so ist er mittlerweile ziemlich isoliert. Der Krieg hat vieles verändert. Wie nach einem Vulkanausbruch, der alles vernichtet, nur um später saftigere Früchte gedeihen zu lassen, ist er überzeugt, dass der Krieg nun fruchtbaren Boden für ihn und seine Ideen parathält.

Europa ist neu geordnet, das Habsburger Reich zerschlagen. Nur Rijeka wurde übersehen, so sieht er die Chance seine Utopie in die Realität umzusetzen.

Der Publizist und Journalist Kersten Knipp nimmt sich viel Zeit, um den Leser eingehend in die Zeit vor dem eigentlichen Ereignis einzustimmen, auf das, was noch folgen wird. Mit Geduld und Detailreichtum zeichnet er das Bild eines Mannes, D’Annunzio, der mit aller Gewalt seine Ideen heraus posaunt. Als die Freischärler auf der östlichen Seite der Adria gelandet sind, wird es für den Leser spannend. Denn die Truppe beginnt sofort mit der Umgestaltung der Menschen. Vieles kommt einem bekannt vor, macht Angst, weil die Geschichte uns lehrt, dass es schief gehen muss, mit vielen Opfern. Und zweitens, weil man derzeit wieder ähnliche Bestrebungen fast schon ungestraft benennen darf. Nationalismus in allen Ehren. Doch wer diesen Nationalismus auf Hass und Ablehnung gegenüber anderen, nur weil sie anders sind, aufbaut, ist zum Scheitern verurteilt. Dass so manche Passage des Buches den Leser zum Schmunzeln bringt, ist nur ein Nebeneffekt. Denn alles in allem war diese reichlich ein Jahr anhaltende Periode für Rijeka / Fiume ein trauriges Kapitel, dessen Auswirkungen bis heute noch in Teilen spürbar sind.

Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Kalabrien und Basilikata

Ganz im Süden ist das Leben noch erfrischend. Die Luft riecht nach Abenteuer. Sie Sicht ist durch die flirrende Sonne getrübt. Kalabrien und Basilikata sind für Italienreisende schon eine gewagte Übung. Kurz hinter Neapel, kurz vor Sizilien. Dazwischen schien lange eine terra incognita zu liegen. Meer und Berge – das gibt’s auch woanders. Warum also bis hier runter reisen, warum nicht weiter bis Sizilien?

Ganz einfach! Weil man es kann, und weil es einen Reiseband vom Michael Müller-Verlag gibt! Zugegeben, nicht für jedermann ein Totschlagargument. Aber ganz von der Hand zu weisen ist es eben doch nicht.

Annette Krus-Bonazza ist die auskunftsfreudige Expeditionsleiterin in diesem Buch. Kalabrien als Alternative zu Sizilien und Apulien – das haben schon viele Touristen nicht eine Sekunde in ihrem wohlverdienten Urlaub so gesehen. Doch Basilikata, die Basilikata, fünf Silben, die erst einmal für Fragezeichen über den Köpfen sorgen, erzählt man wohin es demnächst gehen soll. Klingt schon nach Süden, nach geheimnisvollen Routen.

Das Gremium, das alljährlich die Kulturhauptstadt Europas zu europäischer Ausgelassenheit auffordert, hat die Stadt Matera als eine der beiden Städte (neben dem bulgarischen Plovdiv) auserkoren. Eine Stadt, die durch ihre Felsenkirchen, in den Fels gehauene Häuser und unterirdische Infrastruktur von außen wie innen den Besucher begeistert. Mit einem Mal waren Fernsehteams aus aller Welt in der kleinen Stadt, um zu berichten, was die Welt bisher nicht kannte.

Doch Matera ist bei Weitem nicht der einzige Ort, den man in der Basilikata besuchen sollte. Ihn auszulassen, wäre aber ein noch größerer Fehler. Ebenso irrt, wer meint, dass in dieser dörflichen erscheinenden Landschaft alles zu finden sei außer Nervenkitzel. Der Ponte alla Luna führt nicht wie der Name vermuten lässt in den Orbit, sondern lediglich an das gegenüber liegende Ufer einer Schlucht. Wer unbedingt ganz festen Boden unter seinen Füßen braucht, bekommt hier den Adrenalinkick seines Lebens. Die Belohnung wartet in Form eines gläsernen Skywalks und einer umwerfenden Aussicht. Ausgangspunkt ist das Dörfchen Sasso die Castalda in der Nähe von Potenza.

Nicht weniger Potenzial bietet Belvedere Marittimo und Cittadella del Capo. Schon allein die Namen künden von vollendeter Pracht und Erholung. Annette Krus-Bonazza hat auch gleich noch einen privaten Tipp für die zweite Seite eines gelungenen Urlaubs zur Hand: Die Familie Raffo-Monetta besuchen. Beziehungsweise ihr Fischrestaurant. Schon beim Lesen bekommt Appetit und sieht das Meer vor dem geistigen Auge Wellen schlagen.

Nicht erst durch die Dauerberichterstattung in Reisesendungen ist der Süden Italiens in den Fokus neuer Besucher gerückt. Die berichten aber nur von dem, was ohnehin sichtbar ist. Annette Krus-Bonazza übergeht diese Dinge nicht, schaut aber viel weiter als so manches Kameraobjektiv. Vor ihrer Neugier ist keine Höhle, kein Park, kein Aussichtspunkt, keine Taverne sicher. Spannend erzählt sie von den kleinen und großen Geheimnissen, den verborgenen Schätzen, den nachhaltig wirkenden Plätzen, die man nie wieder vergessen wird.

Als Leser erlebt man eine Metamorphose. Vom neugierigen Durchblätter wird man zum aufgeregten Umblätterer, nur um festzustellen, dass die Welt in Kalabrien und Basilikata schnellstmöglich erkundet werden muss. Angst, dass man etwas verpasst, muss man nicht haben. Annette Krus-Bonazza hat alles (alles!) genau im Blick und teilt ihr Wissen gern mit wissbegierigen Besuchern.