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Der van Gogh Coup

Wenn große Ausstellungen ihre Schatten vorauswerfen, kommt ordentlich Bewegung in den Büchermarkt. So wie bei den großen van-Gogh-Ausstellungen im Städel in Frankfurt und im Museum Barberini in Potsdam. Sie bilden den würdigen Abschluss des Museumsjahres in Deutschland. Van Gogh geht immer, möchte man meinen. Doch es gab eine Zeit, da sträubten sich Kunstsammler sich einen van Gogh „ans Bein zu binden“. Warum? Es waren einfach zu viele Fälschungen im Umlauf! Das ist rund neunzig Jahre her und ist Gegenstand dieses vor Spannung zu platzen drohenden Buches.

Otto Wacker wurde 1898 als Sohn eines Malers geboren. Schon früh wurde seine künstlerische Ader erkannt, und er wurde Tänzer. Unter dem Namen Olinto Lovaël war er eine Größe in Tänzerkreisen. Doch schon in jungen Jahren verdiente er sich etwas zur kargen Gage hinzu: Als Vermittler / Verkäufer von Kunstfälschungen. Polizeilich bekannt war er also schon.

Im Berlin der 20er Jahre sah er seine Chance. Hier brummte jegliches Geschäftsgebaren. Ausgelassene Parties, die schier endlose Kunstszene und der freie Geist der Zeit boten den Nährboden für allerlei Kunst und Business. Das Geschäft von Paul Cassirer, dem Kunsthändler seiner Zeit imponierte Otto Wacker. Als er ihm auch noch Bilder verkaufen konnte, gab es für kein Halten mehr. Auf der Karriereleiter nahm er Sprosse für Sprosse.

Doch etwas war seltsam am Aufstieg des Otto Wacker. Er kam wie der Graf von Montecristo in die Berliner Kunstwelt. Auf einmal war er da. Und das mit großem Reisegepäck, sprich einem Arsenal an Bildern, das für einen Emporkömmling schon sehr umfangreich erschien. Und dann auch noch Bilder von van Gogh! Alle jedoch echt, die Echtheit von angesehenen Experten bestätigt. Solang jeder etwas vom Kuchen abbekam, hielt man sich mit Kritik und Zweifeln zurück. Erst als Wacker einige Bilder aus Ausstellungen zurückzog, und die Antworten auf die Herkunft der Bilder immer weniger glaubhaft klangen, regte sich Unmut. Das war Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Vier Jahr später das Urteil: Dreißig Fälschungen hatte Wacker verhökert, und dafür musste er ein Jahr und sieben Monate in der Strafanstalt Tegel sitzen. Und dreißigtausend Mark Strafe zahlen. Es wurden drei Jahre, die er saß. Danach war alles fast wie zuvor. Tänzer und Restaurator – seinen beiden Leidenschaften konnte er weiter ungehindert nachgehen. Auch weil er – und sein Lebensgefährte (inoffiziell, natürlich) schon früh Mitglied der NSDAP wurden. Nach dem Schreckensregime lebte und wirkte Wacker in der DDR.

Die schwammige Herkunft der van Goghs – ein russischer Exilant soll sie Stück für Stück aus Russland herausgeschafft haben – konnte nie belegt werden. Ebenso wurde die Identität des Fälschers – wahrscheinlich Otto Wackers Bruder Leonhard – nie aufgedeckt.

Nora und Stefan Koldehoff haben ihre Spürnasen ganz tief in die Archive der Kunstszene gesteckt. Die Prozessakten sind fast gänzlich verschwunden. So mussten sie sich auf Berichte zum Prozess berufen. Nachlässe, wie dem van Goghs, Briefwechsel, Expertisen dienten ihnen als kaum versiegende Fundgrube für ihre Recherchen. „Der van Gogh Coup“ ist spannender als jeder Thriller und die umfassende Gestaltung des Buches ist einladender als jeder Museumsbesuch. Und Otto Wacker? Ist er nun Opfer von Experten, die ihre eigene Haut retten wollten, weil auch sie als Kenner reichlich vom Kunstbetrieb profitierten? Oder ist er ein gewiefter Geschäftsmann gewesen, der skrupellos das System Kunst ausnutzte? Wohl Letzteres! Er hat sich geschickt durchlaviert, hat als Homosexueller jegliche Klippen umschifft und ist sich immer selbst treugeblieben, ist als Kunsthändler mittlerweile nur Insidern noch ein Begriff. Es ist wie bei Dopingsündern. Die pumpen sich jahrelang voll, verdienen sich eine goldene Nase. Wenn alle Verträge ausgelaufen sind, bereuen sie großmütig und stehen als reuige Sünder vor der Öffentlichkeit. Ohne jedoch wirklich büßen zu müssen. Otto Wacker starb am 13. Oktober 1970 in der DDR. Einer Bestrafung entkam er, vergessen sind seine Taten nicht. Auch dank dieses Buches.

A wie Antarktis

Da hat man nun die ganze Welt gesehen, Pizza in Neapel gegessen, Kokosnüsse am Pazifik genossen, einen Höhenrausch in den Anden erlebt. Und dennoch gibt es ein Land, einen ganzen Kontinent, über den man so gut wie gar nichts weiß: Die Antarktis. Das fängt schon bei der Namensgebung an. Die Griechen – nein, sie waren nicht dort, zumindest nicht die „Alten Griechen“, von denen man so gern spricht – gingen davon aus, dass jeder Punkt auf der Welt einen entsprechenden Gegenpunkt hat. Der Nordstern im Sternbild Bär, griechisch arktos – wie in Arktis – muss also irgendwo im Süden, dem Gegenteil des Nordens, also einen Gegenpunkt haben. Anti, ante, Antarktis – so einfach ist das!

Naja ganz so einfach ist dann doch nicht alles. Wenn man zum Beispiel die Antarktis auf einer Karte abbilden will, nimmt sie einen enormen Platz ein. Sie reicht vom linken Rand einer Karte bis zum rechten. Und dabei ist sie „nur“ 20 bis 30 Prozent größer als Europa, je nach Jahreszeit. Denn, wenn bei uns sommerliche Temperaturen herrschen, ist es am Südpol bitterkalt. Bis zu minus 89 Grad Celsius. Die höchste jemals gemessene Temperatur in der Wüste – ja, es ist eine Wüste, in der weniger Niederschlag fällt als in der Sahara – betrug plus 17 Grad Celsius.

Kindern einen so extremen Kontinent nahezubringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Nur allzu oft tappt man in die Falle, und lässt es beim „Da unten ist es verdammt kalt“ einfach bewenden. Wobei das mit dem „unten“ auch schon wieder so eine Sache ist, weiß Autor David Böhm zu berichten. Es begegnet dem Kontinent, der nun wirklich allen gehört, auf dem mehrere Länder Forschungsstationen unterhalten, dem ewigen Eismeer mit Landmasse, mit dem nötigen Respekt. Zahlreiche Abbildung dienen dazu das geschriebene Wort noch einmal zu verdeutlichen. Die ausklappbaren Schautafeln sind das Highlight des Buches großformatigen Bandes. Von Amundsen bis Tierarten, von Landkarten bis Eisbergen, vom Leben in der Antarktis bis zu den zahlreichen Südpolen (nicht gewusst, dann wird es Zeit einen Blick in dieses Buch zu werfen) – wer als Elternteil dieses Buch nur dem Nachwuchs überlasst, wird früher oder später vom enormen Wissensschatz des Kindes überrascht werden.

Die Aufbereitung des Themas ist in diesem Buch erstklassig gelungen. Alles, was jetzt noch an Wissen fehlt, kann nur vor Ort erfahren werden. Am besten mit diesem Buch im Handgepäck, so wird es in der eisigen Ödnis niemals langweilig!

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Stadtabenteuer New York

The Ramones, Wale, Essen wie bei Oma und der wohl langweiligste Sport der Welt, wenn man die Regeln nicht kennt. Na klingt das nach Urlaub? Ein entschiedenes JEIN kann da nur die Antwort sein. Doch das monotone Rock Rock Rockaway Beach von Joey, Tommy und Johnny und Deedee macht noch keinen Urlaub perfekt, es sei denn, dass Rumhängen und Schmähgesänge auf Disco singen das Eilixier sind. Da braucht es schon mehr. So was wie Futtern bei Muttern. Oder noch besser: Nonnas, die ihre Küche der Kindheit für andere öffnen. Wie in der Enoteca Maria in Staten Island. Gar nicht weit vom Rockaway beach. Und überhaupt nicht monoton. Ein Baseballspiel für ein paar Dollar – auch wenn die Regeln nur Amerikanern wirklich sinnvoll erscheinen – kann auch schon eine Abwechslung sein. Monotonie? Nicht bei den Staten Island Yankees. Die haben mit den Yankees eines Babe Ruth oder Joe DiMaggio nur den Namen, aber nicht einmal die Spielklasse gemeinsam. Das Feuerwerk am Ende des Spiels – immerhin sind 14 zwischen Juni und September – hat Autorin Dorothea Martin noch am besten gefallen. Auch Monotonie kann aufregend sein. Was fehlt noch? Ach ja, Wale wurden eingangs erwähnt. Ist hier in Queens – wir sind zurück am Rockaway beach – etwa ein amerikanisch riesiges Aquarium mit den sanften Riesen der Meere? Ney, die tummeln sich hier nur a few miles vor dem beach. Wenn man Glück hat, kann man sie auftauchen und herumtoben sehen. Whalewatching ist immer Glückssache.

Eine Glückssache im herkömmlichen Sinn ist der außergewöhnlichste Titel der ersten Bände der Stadtabenteuer-Reihe. Denn New Yorks Extravaganzen in ein derart handliches Buch zu pressen, scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Ohne groß nachzudenken, fallen jedem sofort ein Dutzend Dinge ein, die man in New York tun muss. Dann wäre das Buch schon voll. Dann hätte man aber auch nur das erlebt wie Millionen andere auch. Und dafür 300 Euro aus- und fast neun Stunden im Flieger in Kauf nehmen?

Dorothea Martin zeigt Big Apple wie er nur ansatzweise in ausgewählten Bänden am Rande vorgestellt wird. In ihren Stadtabenteuern kommt niemand auf die Idee völlig überdrehte Shoppingtouren auf der Fifth Avenue zu unternehmen oder stundenlang für die Besteigung von Lady Liberty auf sich zu nehmen. Das sind nur Nebenschauplätze, die für Erstbesucher interessant sind. Doch das New York in diesem Buch wird dem Besucher auf ewig verfolgen, in Gesprächsrunden (After-Vacation-Talks, gibt es sowas? Wenn nicht, dann jetzt) für Furore sorgen, und ein anderes New York sein als man es sich jemals vorstellen konnte. Dafür nimmt man doch gern Fluggebühren und Flugzeit in Kauf, oder?!

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen

Ende des vergangenen Jahrtausends bekam man in den Fernsehredaktion langsam Panik. Für die anstehenden Jubiläen gingen den Autoren und Produzenten langsam die zeitzeugen aus. 2014, als man des Beginns des Ersten Weltkrieges gedachte, waren keine Zeitzeugen mehr vorhanden. Die Archive waren die letzten verbliebenen Sprachrohre einer Zeit, die längste vergessen war.

2020 nun steht wieder ein Kriegsjubiläum ins Haus. Vor einhundertfünfzig Jahren begann der Deutsch-Französische Krieg, an dessen Ende die Gründung des deutschen Reiches stand. Zeitzeugen findet man auch nach der aufwendigsten Recherche nicht mehr. Doch historische Dokumente gibt es in Hülle und Fülle. Wie verlässlich die allerdings sind, müssen Historiker bewerten. Historiker wie Klaus-Jürgen Bremm, Militärgeschichte ist für ihn mehr als ein Steckenpferd. Sein Buch „70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ stellt erstmalig dieses Ereignis in seiner Gesamtheit dar. Denn Kriege beginnen nicht einfach so, ohne Vorwarnung. Ebenso sind sie auch nicht schlagartig zu Ende, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen. Deswegen sind sie so widerwärtig, grausam und menschenverachtend. Und deswegen ist es auch so wichtig immer wieder daran zu erinnern, ohne Helden zu kreieren. Sondern, um Ursachen und Folgen in den Vordergrund zu setzen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kein geeintes Europa wie wir es heute vorfinden. Nicht einmal ein geeintes Deutschland. Frankreich sonnte sich in der Vorstellung die Herrscher Europas zu sein. In Spanien tobte ein Thronfolgerkrieg. Und in Deutschland wurschtelte man so vor sich hin. Um die Gesamtsituation salopp kurz zu einzufangen. Klaus-Jürgen Bremm gelingt es mit scheinbarer Leichtigkeit die großen Zusammenhänge in Europa prägnant darzustellen. Da ist war man auf dem Schlachtfeld noch weit vorm ersten Schuss entfernt. Bismarcks Drängen auf einen Krieg und – da sind sich alle Historiker einig – das Überschätzen der eigenen Macht in Frankreich konnte nur in einer Katastrophe enden. Von Juli 1870 bis Januar 1871 sprachen in Europa Stahl und Donner. Geblieben ist davon kaum noch etwas. Kein Reich, kein Kaiser, keine Generäle haben mehr das Sagen, nicht einmal Preußen ist mehr existent, nur das unsägliche Wort vom Erbfeind scheint überlebt zu haben.

„70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest. Die Detailfülle und die durchgehende Lesbarkeit des Buches, was bei historischen Sachbüchern nicht generell gegeben ist, lassen diesen Titel aus der Masse der Bücher hervorragen.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.