Archiv der Kategorie: aus-erlesen lecker

Brunos Gartenkochbuch

Das Buch wirbelt ganz schön Staub auf, wenn man es in die frisch gepflügte Erde fallen lässt. Das liegt zum Einen an der Größe, mehr als doppelt so groß wie der „normale“ Bruno-chef-de-police-Krimi, zum Anderen liegt es vor allem am Inhalt.

Klar, Bruno ist ein Ermittler wie man ihn sich wünscht, wenn man nicht gerade ein Krimineller ist. Denn hat man ganz schlechte Karten! Brunos Netzwerk ist Saint-Denis. Hier lebt er, hier kennt ihn jeder, hier schätzt man seine ruhige besonnene Art die Dinge anzugehen. Und man schätzt seine Erfolge. Was man aber am allermeisten an ihm mag, sind seine Kochkünste. Kein Falle ohne Küchenzwischenspiel, bei dem auch Balzac, sein Basset niemals zu kurz kommt.

Die Krimireihe wu4rde in der Vergangenheit durch Kalender und ein Kochbuch ergänzt. Nun begibt sich Martin Walker, der geistige Vater von Bruno, in seinen eigenen Garten. Was da aus der Erde lugt, landet früher oder später in Töpfen und Pfannen und auf den Tellern. Zusammen mit seiner Frau Julia Watson hat er es sich im Périgord gemütlich gemacht. Hier in der Wiege der französischen Küche, anders kann man dieses Idyll nicht bezeichnen, findet er die Inspiration für Brunos Fälle, die immer (!) mit einem lukullischen Menü verfeinert werden.

Kleine Kostprobe gefällig? Salat aus Frühlingsgemüse mit weichem Ziegenkäse. Pamelas gekühlte Tomatensuppe mit Kräutermousse, ideal für den sonnendurchfluteten Sommer im Périgord. Kleine Walnuss-Birnen-Blauschimmel-Käse-Törtchen, schon beim zweiten Bindestrich läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und im Winter? Enten-Schwein-Pflaumen-Walnuss-Terrine. Ohne Worte. Buch, Augen und Mund auf – fertig ist das Paradies!

Martin Walkers Gartenkochbuch ist ein Ratgeber durch Gartenjahr, von denen es in den Bücherregalen wimmelt. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Hingabe des Autors und seiner Frau zu jeder einzelnen Zutat. Das spürt man beim Betrachten der ganzseitigen Bilder, bei den Rezepten mit den sorgfältig ausgewählten Ingredienzien, bei jeder Zeile, die die Zubereitung beschreibt. Hin und wieder ist der Einkauf der Zutaten mit ein bisschen Recherche verbunden, da sie nicht sofort greifbar sind. Aber wie bei einem guten Krimi, ist jeder Schritt in die richtige Richtung ein Fortschritt, der zu einem Ergebnis führt, das alle am Tisch in ein wohliges Schmatzen einstimmen lässt.

Wer Bruno mag, wird sich in dieses Gartenkochbuch verlieben. Als Zuckerli für die gespannte Krimileserseele gibt es zwei neue Geschichten um Bruno, das Essen, und das Périgord.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Australia – Living & Eating

Na, heute schon ans Auswandern gedacht? Nach Spanien, Brasilien oder Australien. Australien – das wär’s! Endloser Horizont. Am Strand liegen. Das Leben genießen. Nun hat sich aber vor das Leben die australische Regierung gestellt. Einfach so einreisen und nur schauen, essen, trinken, leben – is nich! Sonst wäre das Land mittlerweile mehrstöckig bewohnt. Und dann wäre auch die Faszination Australien dahin.

Sich einfach Australien nach Hause holen und zwischen Dienst und Pflicht immer mal wieder kleine Auszeiten gönnen, ist mehr als nur ein Anfang, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Harriet Birrell ist Australierin. Und ihre Rezepte sind nicht nur Kult (und das nicht nur in ihrer Heimat), sie sind vor Allem leicht nachzukochen ohne dabei gleich die gesamte Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Was als Erstes auffällt, ist der offensichtliche Zusammenhang zwischen Land und Buch. Großes Land – großes Buch. Kein Buch, das man aus Versehen verlegen könnte. So soll es sein! Der Inhalt besticht auf den ersten Blick durch die ganzseitigen Abbildungen, die spätestens ab Seite Fünf den Appetit ins Unermessliche steigern. Die Rezepte verstärken diesen Eindruck und lassen nur eine Konsequenz zu: Entweder verreisen oder am Herd die Reise „nachspielen“, sprich kochen, kosten, genießen. Lasagne mit Süßkartoffeln und Aubergine. Da kommen selbst eingefleischte Mittelmeerbewohner ins Schwärmen.

Australien ist ein Land, das durch Einwanderer geprägt wurde. Da verwundert es nicht, dass ein Mezze-Teller genauso Einzug ins Buch hält wie Tostaditas, kleine Mais-Tortillas mit allerlei frischen Kräutern und Avocados. Was auf den ersten Blick wie ein politisch korrekter Nachtisch ausschaut, entpuppt sich im Handumdrehen zu einem leckeren Dessert: Probiotischer Eiscreme-Kuchen mit Schoko und Minze. Selbst wer mit vegetarischer Küche nichts am Hut hat, dem läuft bei Regenbogen-Bowl mit knusprigem Tofu und Miso-Sauce das Wasser im Munde zusammen. Oder?!

Es muss nicht immer gleich der ganztägige Flug ans Ende der Welt sein, um fremde Kulturen zu erleben. Manchmal reicht es auch schon sich mit kulinarischen Verführungen wie diesem Buch die Sehnsucht in die heimische Stube bzw. an den heimischen Herd zu holen. „Australia – Living & Eating“ ist nicht einfach nur ein Kochbuch für Sehnsüchte, es lässt Australien mit am Tisch sitzen, wenn man in geselliger Runde von seinen Träumen schwärmt und konkrete Pläne schmiedet.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Philadelphia

Schon beim bloßen Erwähnen der Stadt Philadelphia gibt es nicht wenige, die eine kleine Melodie unter den Namen der Stadt legen. Die Werbung macht’s möglich!

Bevor Koch Mirko Reeh seine Nase in die Kochtöpfe der Stadt der brüderlichen Liebe steckt, macht er mit dem Leser einen kleinen Rundgang durch die Stadt, ihre Geschichte und zeigt, was die Stadt so einzigartig macht. Hier wurde die amerikanische Verfassung geschrieben und hier wird dieses hohe Gut immer noch hochgehalten. Philadelphia ist sicherlich eine der europäischten Städte auf dem amerikanischen Kontinent. Das spiegelt sich auch in der Küche wider. Dass man während der Philly Beer Week in Juni nicht unbedingt Cola oder Table Water beim Kellner bestellen sollte, versteht sich von selbst. Wer jedoch einen warmen Batzen Emmentaler oder Gouda erwartet, wenn er eine Cheesesteak bestellt, bekommt große Augen, wenn sich vor ihm ein Riesensandwich auftut. „Wiz Wit“ bedeutet, dass zwiebeln auf dem Fleisch liegen, wer’s nicht mag, bestellt sein Cheesesteak „Wiz Wit-Out“. Gleichzeitig outet man sich nicht sofort als Touri, der zwanghaft nur das Typische aus Pfannen und Töpfen ordert. Wenn man sich doch derart hervortun will, gibt es keine Ausrede 4300 Silverwood Street zu meiden. Pretzel vor der Silberbrezel – so viel sei verraten.

Und noch eine Besonderheit in Sachen Gaumenfreude bietet die Stadt. Hier gibt es – wegen der strikten Auflagen für den Alkoholausschank – BYOB-Restaurants. Bring You Own Beer bzw. Bring Your Own Bottle. Ja, wer nicht auf Alkohol zum Dinner verzichten will, bringt sein eigenes Getränk mit. Und ein paar Dollar Korkgeld sollte man auch einstecken.

Hat man diese Besonderheiten als gegeben hingenommen, fordert Mirko Reeh den Leser nun zum Tanz auf den heißen Kochplatten auf. Scrapple. Kein Schreibfehler, weil kein Buchstabenrätsel. Die Amish aus der Countryside Philadelphias haben dieses außergewöhnliche Rezept in die Stadt getragen. Maismehl undSchweinfleisch werden vermengt, in Scheiben gepresst und gebraten. Schon zum Frühstück eine deftige Variante.

Ebenfalls auf die Hand lassen sich Amish Donuts mit Nüssen und Rosinen leicht und schnell vertilgen. Als musikalischen Abschluss (dieser Aufzählung, nicht eines Dinners) wird einem Meat Loaf vorgesetzt. Nicht der Sänger, sondern – hier nur die Zutaten – Kalbfleisch, Basilikum, Rosmarin, Thymian, geriebener Käse, Eier, Zucchini, Paprikaschoten, Zwiebel, Mais, Öl, Salz, Pfeffer und Butter. Bis auf den Mais würde man bei dieser Einkaufsliste wohl kaum ein typisch amerikanisches Gericht erwarten, oder?!

Philadelphia ist anders als viele Städte der USA. So auch die Küche. Mirko Reeh arbeitet mit viel Liebe zum Detail die Besonderheiten dieser Küche heraus und serviert dem Leser ein reichhaltiges wie abwechslungsreiches Menü, das man sich allen Sinnen schmecken lassen sollte.

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Illinois

Da schlendert man so vor sich durch die Buchhandlung seiner Wahl. Lässt die Finger über die Bücher fahren. Bayrische Küche – Knödel und Schweinsbraten. Schwäbische Küche – Spätzle, Knöpfle und Co. Italienische Küche – Pasta in allen Variationen. Illinois – äh, ja, was hat es denn Illinois in den USA zu bieten? Auf Anhieb fällt da wohl kaum jemanden etwas Passendes ein. Chicago kennt man. Dass die Hauptstadt Springfield heißt, nein hier wohnen nicht die Simpsons, wissen nur wenige. Doch es gibt ja Mirko Reeh. Der kann kochen und war schon in Illinois. Und in seinem Buch über seine kulinarische Reise in den Präriestaat findet wirklich jeder etwas, das er gern einmal seinen Gästen kredenzen wird.

Die Küche von Illinois ist keine Küche mit besonderen Kreationen, die es ausnahmslos nur vor Ort gibt. Vielmehr hat man sich im Laufe bei anderen Küchen bedient und eigene Variationen entwickelt. Keine Angst, dass man in Chicago einen Blaue-Bohnen-Salat vorgesetzt bekommt. Die Zeiten von Al Capone sind vorbei. Doch eine Deep Dish Pizza wird man außerhalb des Staates kaum bekommen. Es ist eine besonders dicke Pizza, die in mehreren Lagen belegt wird. Der Teig bildet eine Schale, in die die Zutaten gegeben werden. Zum Schluss die Tomatensauce. Also alles in umgekehrter Reihenfolge. Und ein Chicago Style Hot Dog wird im Mohnbrötchen mit Senf und Selleriesalz, und einem quietschgrünen Relish serviert. Mirko Reeh empfiehlt nur denjenigen nach Ketchup zu fragen, die sich ungeniert als Touris zu erkennen geben wollen. Noch mehr Illinois Kitchen Style gefällig? Wie wäre es mit Datteln? Datteln in den USA, in Illinois? Ja, im Speckmantel und Mangochutney, oft auch mit einer Mandel und Chorizowurst. Klingt erst einmal ziemlich wüst. Schmeckt aber, wenn man es einmal ausprobiert hat. Und es beweist, dass die Küche des Staates Illinois bunt ist und seine Wurzeln überall auf der Welt hat.

Wie alle Bücher von Mirko Reeh ist auch dieses Buch kein reines Kochbuch, das man ab und zu aus dem Regal holt, ein bisschen darin herumblättert bis man das Richtige für den passenden Anlass gefunden hat. Ein bisschen Reiseband, ein bisschen Kultur und ganz viel Magenknurren beim Überfliegen der Seiten. Die Zutaten sind auch hierzulande leicht und zu einem erschwinglichen Preis erhältlich. Zum Beispiel für eine Risotto mit gerauchtem Kürbis und Bacon. Wer Eindruck machen will, probiert mal eine Suppe von Cherrytomaten mit gewürztem Popcorn oder Garnelen mit Knoblauch und Pernod. Und wer dann immer noch nicht genug hat, der bucht einfach seinen nächsten Urlaub zwischen Michigan-See und Mississippi.

Kulinarische Reise durch Louisiana

Wer gern reist, ist offen für Neues. Und wenn man es sich so richtig gut gehen ließ, ist man nicht abgeneigt, seinen Enthusiasmus mit anderen zu teilen. Mirko Reeh ist Koch. Und er reist gern. Ein kulinarischer Reisender mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Kein Wunder, wenn man Louisiana im Süden der USA bereist und immer der Nase nach sich von Ort zu Ort bewegt.

Mit Unterstützung des Tourismusbüros Louisiana hat er sich auf die Suche gemacht, um den Geschmack des so untypisch amerikanischen Bundesstaates auf die Spur zu kommen. Hier ist alles ein bisschen schärfer, oft auch ein bisschen süßer als daheim. Und da man im Urlaub ist, ist es auch ein bisschen leckerer. Nicht nur ein bisschen! Einen großen Biss leckerer!

Seit Forrest Gump kennen Millionen von Nichtamerikanern auch die Jambalaya. Es einfach nur als Resteverwertung zu bezeichnen, wäre ein Affront gegen jeden Jambalaya-Koch auf dieser Welt. Fleisch und Wurst (Chorizo) anbraten, dazu Gemüse geben und mit Reis kochen. So die Kurzfassung. Schon anhand dieser kurzen Aufzählung sieht man, dass in Louisiana nicht ein Volk die Küche bestimmt, sondern ein ganzer Schmelztiegel – hier passt das Wort endlich einmal – am verzaubern ist. Die Spanier waren die ersten, die den Ureinwohnern ihr Gebiet streitig machten. Dann die Franzosen. 1803 kaufte Präsident Thomas Jefferson Napoleon das Gebiet für fünfzehn Millionen Dollar ab.

Heute ist Louisiana doppelt so groß wie Bayern, zählt aber nur halb so viele Einwohner. Das Land eignet(e) sich nur schwer als Bauland. Und so konnte hier eine Landschaft gedeihen, die man andernorts lange suchen muss. Olfaktorisch und gaumenfreundlicherseits (gibt es dieses Wort überhaupt, nein … aber ein Happen genügt, um zu wissen, was er bedeuten könnte) ist Louisiana ein Unikum auf der Landkarte. Hier strömen nicht nur Einflüsse aus mehreren Ländern, sondern gleich von mehreren Kontinenten zusammen. Da kann vermutlich nur noch Australien, die ehemalige Häftlingskolonie mithalten. Das Feurige aus Afrika und der Karibik. Mehl und Zucker aus der alten Welt. Gewürze und Gemüse vom seit Ewigkeiten hier ansässigen regionalen Anbieter.

Mirko Reeh will aber mit seinem Buch nicht nur Rezepte anbieten. Seine kulinarische Reise führt den Leser durch eine Gegend, die mit ihren Reizen nicht geizt. Aber als leidenschaftlicher Koch sieht er nicht nur mit den Augen, sondern auch mit Nase und Magen. Klingt komisch, ist aber so! Als zusätzlicher Reiseband für all diejenigen, die immer noch ein wenig mit fremden Küchen fremdeln, gibt dieses Buch Hilfestellung bei Magenknurren. Die Rezepte sind einfach nachzukochen (Kochzeit wird immer angegeben), da die Zutaten an die heimatlichen Warenkörbe angepasst sind. Doch Vorsicht, Reisefieber kann man nur mit viel Liebe zum Kochen entgegnen. Und dafür braucht man kein Rezept vom Doc, sondern die Rezepte aus diesem Buch.