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70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen

Ende des vergangenen Jahrtausends bekam man in den Fernsehredaktion langsam Panik. Für die anstehenden Jubiläen gingen den Autoren und Produzenten langsam die zeitzeugen aus. 2014, als man des Beginns des Ersten Weltkrieges gedachte, waren keine Zeitzeugen mehr vorhanden. Die Archive waren die letzten verbliebenen Sprachrohre einer Zeit, die längste vergessen war.

2020 nun steht wieder ein Kriegsjubiläum ins Haus. Vor einhundertfünfzig Jahren begann der Deutsch-Französische Krieg, an dessen Ende die Gründung des deutschen Reiches stand. Zeitzeugen findet man auch nach der aufwendigsten Recherche nicht mehr. Doch historische Dokumente gibt es in Hülle und Fülle. Wie verlässlich die allerdings sind, müssen Historiker bewerten. Historiker wie Klaus-Jürgen Bremm, Militärgeschichte ist für ihn mehr als ein Steckenpferd. Sein Buch „70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ stellt erstmalig dieses Ereignis in seiner Gesamtheit dar. Denn Kriege beginnen nicht einfach so, ohne Vorwarnung. Ebenso sind sie auch nicht schlagartig zu Ende, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen. Deswegen sind sie so widerwärtig, grausam und menschenverachtend. Und deswegen ist es auch so wichtig immer wieder daran zu erinnern, ohne Helden zu kreieren. Sondern, um Ursachen und Folgen in den Vordergrund zu setzen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kein geeintes Europa wie wir es heute vorfinden. Nicht einmal ein geeintes Deutschland. Frankreich sonnte sich in der Vorstellung die Herrscher Europas zu sein. In Spanien tobte ein Thronfolgerkrieg. Und in Deutschland wurschtelte man so vor sich hin. Um die Gesamtsituation salopp kurz zu einzufangen. Klaus-Jürgen Bremm gelingt es mit scheinbarer Leichtigkeit die großen Zusammenhänge in Europa prägnant darzustellen. Da ist war man auf dem Schlachtfeld noch weit vorm ersten Schuss entfernt. Bismarcks Drängen auf einen Krieg und – da sind sich alle Historiker einig – das Überschätzen der eigenen Macht in Frankreich konnte nur in einer Katastrophe enden. Von Juli 1870 bis Januar 1871 sprachen in Europa Stahl und Donner. Geblieben ist davon kaum noch etwas. Kein Reich, kein Kaiser, keine Generäle haben mehr das Sagen, nicht einmal Preußen ist mehr existent, nur das unsägliche Wort vom Erbfeind scheint überlebt zu haben.

„70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest. Die Detailfülle und die durchgehende Lesbarkeit des Buches, was bei historischen Sachbüchern nicht generell gegeben ist, lassen diesen Titel aus der Masse der Bücher hervorragen.

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Sunwise Turn

Wer nix wird, wird Wirt. Und eine Frau im beginnenden 20. Jahrhundert, mit einer Freundin, deren Gatte ein hinreichend bekannter Künstler ist, die in New York sich durchsetzen will, macht einen Buchladen auf. So einfach ist das!

So einfach ist es eben nicht! Madge Jenison ist von Büchern beseelt. Und von der Vorstellung diese in einem angemessenen Ambiente zu verkaufen. An Menschen, die Bücher genauso lieben und verehren wie sie selbst. Eine Kalkulation ist schnell gemacht. Zahlen und Papier sind geduldig. Und die Phantasie schönt so manches Risiko. „The Sunwise Turn“ (Mit dem Lauf der Sonne) wird 1916 von Madge Jenison und Mary Mowbray-Clarke in Manhattan eröffnet. Orange an den Wänden – das fördert den Verkauf, eine heimelige Atmosphäre – wer heutzutage einen Buchladen eröffnen will, findet bei den beiden Damen die Anregungen, die es braucht, um sich eine gesunde Basis für geschäftlichen Erfolg zulegen zu können.

Die Suche nach der richtigen Location erweist sich als besonders schwierig. Frauen und Geschäft, das passt nicht zusammen. Eine schief hängende Werbung, und schon steht die Polizei vor der Tür. Mit hohler Hand! Doch Madge Jenison ist keine, die schnell und / oder klein beigibt. Der Begriff Frauenrechtlerin ist noch nicht einmal in aller Munde, da ist sie bereits schon eine. Bei den Vorbereitungsarbeiten helfen alle mit, die an die beiden Damen glauben: Sogar ein Verlagsmitarbeiter legt Hand an. Damen der Gesellschaft arbeiteten unermüdlich, unbezahlt – und nicht immer zur vollsten Zufriedenheit ihrer Chefinnen – mit im Laden. Sie sortierten Rechnungen, erledigten Botengänge. Sie kamen aus allen Schichten. Sogar eine Peggy Guggenheim, die Peggy Guggenheim, war als Laufmädchen engagiert. Im Maulwurffellmantel, natürlich, wie es sich gehört. In einer Zeit, in der Amerika kurz vor dem Eintritt in den Weltkrieg stand, ein Geschäft zu eröffnen, in dem der Service an erster Stelle steht, beweist Mut. Wenn Kunden das Geschäft betraten und nicht wussten wonach sie suchen, konnte ihnen geholfen werden. Kundendateien mit Vorlieben wurden angelegt, Bücherlisten erstellt, Werbebriefe gestaltet – alles in Handarbeit.

Erfolg ist immer ein zweischneidiges Schwert. Ein voller Laden garantiert noch lange keine volle Kasse. Das müssen Magde Jenison und Mary Mowbray-Clarke bald merken. Doch Durchhaltevermögen und der unbedingte Glaube an den Erfolg lasse sie durchhalten.

Es klingt alles wie aus einem Coming-of-age-Roman, ist aber alles wahr und hat sich genauso zugetragen. Denn Madge Jenison hat in diesem Buch (eines von vielen, das sie geschrieben hat) ihren steinigen Weg zur erfolgreichen Buchhändlerin beschrieben. Immer noch lesenswert für alle, denen Bücher wichtig sind.

Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte

Mit dem Wissen, dass die eine Seidenstraße nicht gab, nicht gibt und sicherlich auch niemals geben wird (maximal als Restaurantname) liest es sich viel entspannter durch diesen Prachtband.

Die Seidenstraße bezeichnet Handelsrouten, die schon vor über zweitausend Jahren die Völker, vor allem aber die Händler, aus dem Osten mit denen aus dem Westen verbanden. So gelangten Porzellan und Gewürze, Zahlen und Musik, aber auch Brauche und Tiere von einem Ende der Welt ans andere.

Auf knapp fünfhundert Seiten wird die Pracht der Wege – mal eng wie die Gassen einer Kleinstadt, mal unendlich breit, nur von Bergketten begrenzt – in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt. Die Bilder springen als Erstes dem Betrachter ins Auge. Farbenprächtige Mosaiken, traditionelles Handwerk, prunkvolle Teppiche, erhabene Reliefs, einsame Oasen, verlassene Ruinen, umgeben von spannenden Texten, die von Forschern geschrieben wurden, die sich ganz und gar ihrer Arbeit verschrieben haben. Allesamt Experten auf ihrem Gebiet.

So umfangreich und eindrucksvoll wurde die Seidenstraße noch nicht dargestellt. Die Vielzahl von alten Karten und Plänen, die Interpretation von Handwerkskunst, Funde von alten Schriften erstaunen ab der ersten Seite.

Es ist nicht leicht so ein Schwergewicht wieder beiseite zu legen. Ein bisschen Fernweh kommt auf, wenn man von exotischen Orten wie Simurgh, Pir-e Sabz oder Samarkand liest. Viele Orte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so dass einem nur der Griff zu diesem Buch bleibt, um sie erleben zu können.

Nicht nur Geschichtsfans kommen hier auf ihre Kosten. Jeder, dem Abenteuer nicht fremd sind, wird mit wachsender Begeisterung in diesem Buch blättern, lesen und sich an Texten und Abbildungen erfreuen. Gepaart mit Wissensvermittlung, die einem Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ vor Neid erblassen lassen.

„Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte“ eröffnet eine alte neue Welt. Die gekonnt in Szene gesetzten Schätze – von Grabsteinen über tanzende Pferde bis hin zu Edelsteinen – vermitteln nachhaltig einen detaillierten Einblick in über zweitausend Jahre Kulturaustausch, der heutzutage viel zu oft und viel zu offen angeprangert, manchmal sogar verteufelt wird. Erst dieser Kulturaustausch erlaubt die eigene Kultur im richtigen Licht zu sehen. Dieses Buch muss man zumindest einmal im Jahr in die Hand nehmen, um nicht zu vergessen, dass Kultur immer auf Gegenseitigkeit beruht.

Goyas Geister

Eine Katze soll sieben Leben haben. Francisco de Goya schien auch mehrere Leben gehabt zu haben. Julia Blackburn hat das zweite Leben des spanischen Hofmalers genauer unter die Lupe genommen.

Goya hat gerade mal die Hälfte seines Lebens gelebt – was er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen konnte – als ihm quasi über Nacht das Schicksal einen gewaltigen Knüppel zwischen die Beine, genauer gesagt in die Ohren jagt. Sein Hörsinn lässt nach, er wird taub. Nie mehr wird er hören können wie der König für ihn Violine spielt. Nie mehr Kinderlachen. Nicht mehr das menschliche Geschrei auf den Straßen wahrnehmen. Für einen Lebemann wie ihn eine echte Horrorvorstellung.

Der Lebemann in ihm, und das ist kein Synonym für einen Hallodri, sondern einen Mann, der das Leben konventionslos genießt, stirbt aber nicht wie ein Ast an einem kranken Baum. Goya ist zu sehr verliebt ins Leben. Und seine Arbeit. Bis heute zieren die Bilder, Zeichnungen und Drucke Museen rund um den Globus.

„Goyas Geister“ ist der Beweis, dass immer noch Biographien geschrieben werden können, die den Leser erstaunen lassen. Goya ist fast zweihundert Jahre tot. Als Hofmaler musste er nie finanzielle Not erleiden. Er lebte sparsam, so dass seine – zahlreichen – Nachkommen auch entsprechend leben konnten. Dass die Realität teils anders aussah, war nicht seine Schuld. Es ist selbstverständlich, dass auch Biographen sich um das Leben des Malers rissen.

Julia Blackburn hat eine ganz persönliche Art an den Maler heranzutreten. In einem Museum, vor einem Bild Goyas reift in ihr der Wunsch tiefer in das reiche Leben Francisco de Goyas einzutauchen. Mit viel Hingabe und unermüdlicher Neugier folgt sie ihm auf Schritt und Tritt. Jeder Weg wird exakt nachgezeichnet, ohne dabei einen Kalender zu entwerfen, der stupide das Leben nachskizziert. Vielmehr sind es die persönlichen Gedanken der Autorin, die Goya noch einmal ins Leben zurückführen.

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Es werden immer wieder die Stimmen derer laut, die den Untergang der deutschen Sprachkultur bedauern und anprangern. Die Verweigerung längst im deutschen Sprachgebrauch angelangter Anglizismen trägt dann aber auch manchmal allzu lächerliche Züge. Warum also nicht dem, was es schon gibt, Raum zu geben? Dem, was erhaltenswert ist, einen Ort der Nachschlagbarkeit zu geben. Dort, wo es Not tut, nachzuhaken?

Wem der Titel dieses Buches ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, kommt nicht umhin ein wenig in dem Buch zu blättern. Einmal aufgeschlagen kann man es kaum wieder aus der Hand geben. Denn der Titel hat noch ein paar Zeilen mehr zu bieten als den scheinbaren Unfug, dass es dunkel ist, wenn der Mond hell scheint.

Horst Kunze hat Reime aus längst vergangenen Zeiten zusammengetragen, irre Wortspiel gefunden und witzige Dichtung in diesem Buch zu einem Kompendium des deutschen Humors zusammengefügt. Hohe Worte, für ein hohes Gut. Denn die Sprache ist das originäre Primärmerkmal für eine Kultur. Nur wer sie beherrscht, kann sie gestalten.

Nicht immer sind die Verfasser der Zeilen bekannt. Zwischen „Alles, was sich reimt, ist gut“ und „Reim Dich oder ich fress‘ Dich“ wird man immer wieder das Buch absetzen müssen, um innezuhalten. Manchmal muss man noch einmal nachlesen, um den Sinn zu erfassen oder den Witz dahinter zu erkennen. Oft jedoch bekommt man sich nicht mehr ein ob der den Gedichten innewohnenden Witzes.

Und wer sich die Mühe macht den einen oder anderen Vers, Absatz oder das gesamte Werk zu verinnerlichen, wird sich des Applauses der Zuhörer sicher sein können. Nicht geht über ein geschickt (und vor allem vollständig) vorgetragenes Gedicht. Modern (neudeutsch) nennt man das Poetry Slam. Der Kern jedoch ist Komik. Gassenhauer und Schlager – so heißt denn auch ein Kapitel mit geistigen Ergüsse, die man teilweise schon einmal gehört hat. Wie das Lied vom lieben Augustin – aufmerksame Wienbesucher haben in der des Museumsquartiers vielleicht auch schon sein Denkmal entdeckt.

Alles ist hin, wenn man mit der eigenen Sprache auf Kriegsfuß steht (oder stehen tut). Der Volksmund sagt, dass man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen soll. Erst dann kann man sich als erfolgreich bezeichnen. Wem das alles nicht vergönnt ist, kann immer noch mit kompaktem Wissen, aus diesem Buch, die Zuhörer auf seine Seite ziehen. Vielleicht sogar bis aufs Kanapee, denn das bleibt einem immer erhalten…

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Ich schreibe, also bin ich

Was macht eine Schriftstellerin zu einer guten Schriftstellerin? Ihre Werke, ihre Preise, die Diskussion des Werkes? Für den Leser mögen dies alles Parameter für Erfolg bzw. Misserfolg sein. Für den Autor selbst zählt in erster Linie nur die Tatsache, dass er überhaupt schreiben kann. Als Autorin ist es nicht selbstverständlich (gewesen), neben Kindererziehung, Haus-In-Schuss-Halten, Küche und Garten auch noch die Zeit zum Schreiben zu finden. Erst wenn sie wirklich schreiben konnten, waren sie das, was sie selbst sein wollten: Autorinnen, Schriftstellerinnen, Geschichtenerzählerinnen, Mahnerinnen, Beobachterinnen.

Und das kann an ganz unterschiedlichen Orten geschehen. Es muss nicht immer das erhabene Anwesen sein wie es Virginia Woolf bewohnen durfte. Auch gehört nicht zwingend der Verzicht auf sämtliche Annehmlichkeiten – wie bei Marina Zwetajewa – zur Legendenbildung dazu. Und schon gar nicht die Enge einer Gefängniszelle, wie sie Rosa Luxemburg so „ihr eigen nennen durfte“.

Simone Frieling stellt in ihrem Buch Autorinnen vor, die an den unterschiedlichsten Orten ihr Wirken ausleben konnten bzw. der Not trotzten und schrieben, was sie umtrieb. Luxus um einen herum ist kein Garant für Erfolg. Genauso wenig wie Kargheit einen nicht davor schützt erfolglos zu wirken. Es sind allesamt starke Frauen, die aufs Podest gehoben werden. Ja, aufs Podest! Denn nicht eine dieser Frauen ist bis heute vergessen. Sie lebten ihr Leben mal spärlich, mal öffentlichkeitswirksam. Ihre Werke wurden verkannt, bejubelt und sind immer noch verfügbar.

Hannah Arendt genoss von ihrem Schreibtisch den Blick über den Hudson-River in New York. Gertrude Stein war als Autorin weniger erfolgreich denn als Kunstsammlerin, so dass eine Stippvisite (angekündigt, bitteschön!) mehr einem Museumsbesuch glich. So viel Picasso in einem Raum, da werden selbst Prado, Albertina und Louvre neidisch. Elisabeth Langgässers Werk konnten selbst Vertreibung aus dem (Gruneweald-) Paradies nichts anhaben. Ihr sehr wohl.

Die in diesem Buch zusammengeführten Biographien zeigen eines ganz deutlich: Als Frau hatte man es noch nie leicht. Als Autorin noch einmal um ein Vielfaches schwerer. Doch wer an sich und seine Sache glaubt, dem gelingt auch auf engstem Raum Weitreichendes.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.