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Toscana

Wälzt man Bildbände über Italien, erhält man ein Bild, dass nur einen Schluss zulässt: Die Toscana ist Italien! Endlose Alleen, kraftstrotzende Felder an den Hängen sanfter Hügel, und zwischendrin immer mal wieder ein Artefakt aus vergangenen Zeiten. Wer Florenz dann auch noch auf dem Reiseplan hat, ist verloren. Denn hier – und nur hier – hat die Renaissance stattgefunden. Nirgendwo anders! Basta!

Oh, du wunderbare Welt der Alternativwahrheiten. Dann kommt einer wie Verleger Michael Müller daher und rückt die Toscana wieder dahin, wo sie hingehört. Ins Herz Italiens, ohne dabei den Rest des Stiefels in den Schatten zu stellen. Es ist immer wieder erstaunlich wie kompakt Reisebände sein können, ohne Inhalt zu verlieren. Auf den ersten Blick klingen siebenhundertvierundachtzig Seiten viel. Doch wer schon einmal in der Toscana war, weiß, dass man blöckeweise Eindrücke niederschreiben kann. Da hilft nur kürzen, kürzen, kürzen. Nicht in diesem Fall!

Mit voller Hingabe lässt Autor und Verleger Michael Müller die Metropolen erstrahlen, gibt den anderen Regionen der Toscana aber mindestens genauso viel Luft und Platz im Buch wie Pisa, Siena, Florenz. Mugello zum Beispiel ist eben nicht nur Motorsportfans ein Mekka geworden, sondern vor allem der farbenprächtige Kontrast zum geschäftigen Treiben am Arno. Die Medici haben hier ihre Wurzeln. Fra Angelo wurde hier geboren. Die unrasierte Toscana nennt der Autor diese Region. Pratolino ist sicherlich nicht der erste Ort, der einem einfällt, wenn man an die Toscana denkt. Der mediceische Park jedoch ist mehr als nur einen Abstecher wert. Teiche, Wasserspiele, Grotten zieren heute das Areal, wo einst Gastfreundschaft ein Fremdwort war.

Eins Zwei Drei Vier, also 1234, das Jahr, gilt als Geburtsdatum des Klosters Monte Senario im Luftkurort Bivigliano. Ein traumhafter Nadelwald soll den Anstieg in 800 Meter Höhe versüßen. Und oben angekommen, ist man wahrhaft oben angekommen. Der Ausblick … göttlich!

Achtzehn Auflagen und immer nur ein Ziel im Blick: Dem Leser die Toscana so zu zeigen wie sie wirklich ist. Wer sich die Zeit gibt und die knapp achthundert Seiten als Herausforderung annimmt, wird Seite für Seite der Toscana ein Stück näherkommen. Wer im Urlaub sich ein paar Minuten mit dem Buch beschäftigt, wird fürstlich entlohnt werden. Wer nach dem Urlaub noch einmal ein wenig die Seiten durch die Finger rinnen lässt, hat nur eine Wahl. Immer wieder zu kommen und immer wieder in diesem Buch blättern, den Urlaub planen und die schönste Zeit des Jahres haben.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.

Gladiatoren

Das muss ja eine ganz schöne Schweinerei gewesen sein! Da stampfen mehrere Dutzend Gladiatoren durch den blutverschmierten Sand und prügeln, hauen und stechen aufeinander ein als ob es kein Morgen gibt. In den meisten Fällen war es wahrscheinlich so. Reichlich zweitausend Jahre ist es her, dass die ersten ultimate fighter die Arena betraten. Unter Kaiser Trajan wurde ein Sieg über ein Land einmal einhundertsiebzehn Tage lang mit Gladiatorenwettkämpfen „gefeiert“.

Leoni Hellmayr fasst das gesamte Wissen über die Recken der Antike in diesem kleinen Büchlein zusammen und räumt dabei auch gleich noch ein paar Vorurteile aus dem Weg. Von wegen Daumen hoch oder Daumen runter. Diese Geste passt gut in Filme, aber nicht in die Zeit der Gladiatorenkämpfe. Genauso das „Ave Caesar, morituri est salutant“ – dass die Todgeweihten den Kaiser extra noch grüßten, gehört ins Reich der Legenden.

Fakt jedoch ist, dass Kaiser Augustus erste Normierungen einführte – es ist also keine Erfindung der Gegenwart alles in Tabellen und Kolonnen pressen zu müssen. Es gab drei Arten von Kämpfern, die unterschiedliche Waffen benutzen mussten. Dabei durfte aber die Chancengleichheit nicht untergraben werden. Welch ein perfides Unternehmen!

Einhundert Seiten – jede einzelne ein Füllhorn an Informationen, die so mancher Filmemacher schon mal lesen sollte, bevor er blitzblank geputzte Panzerträger in eine kaum Staub aufwirbelnde Kulisse schickt.

Für die Wettkämpfe – wenn man es so nennen kann – gab es einen eigenen Sprachschatz. Die Kämpfe wurden sogar auf Graffitis verewigt. Und es gab damals schon echte Superstars unter den – nicht immer versklavten – Kämpfern. Die Liste des Wissens ließe sich um einiges erweitern – Leoni Hellmayr schafft es tatsächlich auf den ihr zur Verfügung stehenden einhundert Seiten ein umfassendes Bild der schaurigen Kämpfe abzubilden.

Wer also in Zukunft „Spartacus“ von Stanley Kubrick schaut, wird kopfnickend und staunend applaudieren. Wer den Vormittag lieber vor der Glotze mit den dritten Programmen und unsagbar schlechten Sandalenfilmen Made in Italy verbringt, wird kopfschüttelnd ans Bücherregal rennen und vehement mit dem Finger auf die entsprechenden Passagen zeigen und stöhnen „Das war doch alles ganz anders!“

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland

Schaurig-schöne Geschichten umranken so manche Burg, ausgewählte Kapellen, Maare und ganze Landschaften. Wer sich gruseln will, vollführt an diesen Orten wahre Freudentänze. Wobei dies sicherlich auch nicht die richtige Weise ist, diesen Orten Tribut zu zollen. Hauptsache, es laufen einem Schauer über den Rücken – auch wenn es nicht regnet.

Hennig Aubel hat für diesen gewichtigen Band Orte gesucht, gefunden und detailreich aufgearbeitet und dabei wohl einen der ungewöhnlichsten Reisebände für und in Deutschland erstellt. Kloster Oybin im Zittauer Gebirge ist vielen von den Gemälden Casper David Friedrichs ein Begriff. Doch hier oben, wo man bei Sonnenschein den weitläufigen Ausblick bis in benachbarte Tschechien genießen kann, knackt es bis heute im Gehölz, wenn der Wind durch die Landschaft weht. Ein bisschen romantisch verklärt wurde das Gemäuer. Doch auch ohne große Anstrengungen kann man sich leicht ein Bild davon machen, wie man hier das Fürchten lernen kann. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts – während der Hussiten-Aufstände und –kämpfe wurden hier die Schätze aus dem Prager Veitsdom „zwischengelagert“.

In der Eifel brodelt es bis heute ab und zu. Und die Erde bebt. Doch selbst wenn die Hinterlassenschaften der Tektonik besonders aus der Luft sehr idyllisch anmuten, so ranken sich bis heute Legenden um das Weinfelder Maar in der Nähe von Daum. Feuer und Wasser haben hier eine einzigartige Landschaft geschaffen, die wegen der konstant niedrigen Temperaturen und der tiefblauen Farbe des Wassers, Schwimmern das Planschen vermiesen können, aber auch schon seit Ewigkeiten Mythen kreieren. Sogar ein Schloss soll in den Strudeln versunken sein.

Und wer an den Starnberger See denkt, denkt doch nicht an faulen Zauber. In der Pollingsrieder Kapelle bei Seeshaupt kann einem dann doch anders werden. Vier Brunnen sind noch zu sehen, einer soll unter der Kapelle noch existieren. Zusammen ergeben sie ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels. Und das mitten im katholischen Bayern!

Alle in diesem Buch vorgestellten Orte, vom sagenumwobenen Kyffhäuser über den eiskalten Funtensee bis hinauf nach Prora, wo die Nazis ihr dunkles geheimnisumwittertes Monumentalbauwerk in die Dünen wuchteten, sind von einer Aura umgeben, der man Glauben schenken darf oder sich einfach an ihr ergötzt. Hennig Aubel ist es zuzuschreiben, dass man nun nicht mehr achtlos an so mancher „Bauruine“ vorbeischlendert, sondern sich ihrer Geschichte ein wenig erfreuen kann. Und ein wenig Grusel hat ja noch niemandem geschadet…

Sri Lanka fürs Handgepäck

Sri Lanka ist der Torwächter zum Paradies. Beim Lesen der ersten Seiten dieses Buches kann man gar nicht anderes denken. Jeder Autor dieser Anthologie bestätigt en ersten Eindruck mit der vollen Wucht seiner Worte.

Die Indigo Street ist das Füllhorn des Lebens. Spielende Kinder, der Krämerladen um die Ecke, die tosende See. Wer als Besucher diese Straße entdeckt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass er zwar auch ohne dieses Buch die Straße entdeckt, sie jedoch anders wahrgenommen hätte. Jede Zeile ein Volltreffer, der mitten ins Herz zielt … und vor allem auch trifft.

Und dann, gleich an zweiter Stelle, Hermann Hesse. Auf der Rückreise von Indien machte er Halt in Kandy. Ein Örtchen, das seinen Charme zu verstecken weiß. Doch nicht vor einem wie Hesse. Die nuancenreiche Sprache gibt jedem Grau den Regenbogen zurück. Ist man als Reisender in Sri Lanka, Kandy unterwegs, verleihen seine Worte dem Besucher Flügel.

Wen man wahrscheinlich weniger zu Gesicht bekommt, sind die Wedda. Helmut Uhlig ist dem Geheimnis dieser Ureinwohner auf der Spur. Nur wenige leben noch traditionell und schon ihre Nachfahren wurden von der Gesellschaft geschluckt und leben ein eher modernes Leben. Somit sind seine Zeilen ein echtes Zeitdokument, das jedem Reisenden einen staunenden Blick über den Tellerrand gewährt.

„Sri Lanka fürs Handgepäck“ – wie die gesamte Reihe – erlaubt tiefe Einblicke in ein Land, das so weit weg erscheint. Jedes Kapitel verjagt mit Wohlklang das Grau des Fremden und taucht es in ein farbenprächtiges Spektrum der Neugier. Mehr als nur kleine Tupfen von Wissen, die dem Leser das Gefühl geben Sri Lanka schon länger zu kennen, obwohl dieser maximal mit dem Finger auf dem Globus das Land gestreift hat.

Einem Reiseband kann man vertrauen, wenn es darum geht die Reise nach Höhepunkten zu sortieren. Schließlich will man ja nichts verpassen. Doch Zahlen, Wegweiser und nützliche Tipps sind nur die eine Seite der Reisemedaille. Sinngemäß in ein Land eintauchen kann man aber nur mit Büchern wie diesem. Als Leser profitiert man von den Eindrücken der Autoren. Und sie waren meist nicht nur als Vierzehn-Tage-All-Inclusive-Pauschalisten am Büffet, sondern sind ihrer Neugier gefolgt. Sie verfolgen einen anderen Ansatz als der einmalige Besucher der Insel. Wenn dann noch landestypische Erzählungen, de jahrhundertelang nur mündlich übertragen wurden in einem Buch erscheinen, ist man dem Eintauchen in eine fremde Kultur schon näher als man denkt. Reiseband – unbedingt zu empfehlen. Aber nur in Verbindung mit diesem Buch im Handgepäck!

Verrat

In Bridget O’Neills  Gedanken spiegelt sich das gesamte Leid Irlands wieder. Ein geteiltes Land, hirnverbrannte Kinder der Insel bomben und morden sich bis zum zu erwartenden Ende, Familien werden im Hass zerrissen und zusammengeschweißt. In ihrem Dorf herrscht Tristesse. Als sie in jungen Jahren Francis kennenlernt, ist er ihre Chance. Denkt sie. Eigentlich hat sie alle Qualifikationen, um auf die Uni zu gehen, ihr Dorf zu verlassen und ein „normales Leben“ führen zu können. Doch das Glück mit Francis ist ihr näher.

Doch Francis ist wie so viele junge Männer Mitglied der Republikanischen Armee. Keiner, der ab und zu mal „ein krummes Ding dreht“. Die Offiziere bedienen sich gern des skrupellosen Killers. Wird’s knifflig, ist Francis ihr Mann. So verrinnen die Jahre, Bridget und Francis wachsen zusammen. Auf einer Reise nach Singapur, zur Hochzeit von Freunden, wird Bridget ihr elendes Leben klar. Was hätte sie nicht alles werden können? Wozu das Bomben, das Morden?

Sie trifft Sarah, die von ihrer Firma zu einem Meeting nach Singapur geschickt wurde. Die beiden sind froh jemanden gefunden zu haben, der sie vom Alltag, von ihren Gedanken ein wenig ablenken kann. Sie beschließen in Kontakt zu bleiben. Denn plötzlich will Francis noch vor der Hochzeit der Freunde wieder abreisen. Bridget ist irritiert. Was sie nicht weiß, ist, dass Francis in Singapur abgefangen wurde. Man wollte ihn umdrehen. Weglocken vom Kampf, die Gefährten verraten. Doch Francis ist verbohrt, fanatisch.

Zuhause ist Irland spitzt sich die Lage zu. Liam, Francis‘ jüngerer Bruder, bietet sich scheinbar den Prod (den Protestanten) an, um Informationen über Francis‘ Hintermänner zu liefern. Auch ein Jahr nach Singapur stehen Bridget und Sarah noch in Kontakt. Sarah bietet Bridget an mit ihr nach Frankreich zu fliegen. Ihren Bonus zu verprassen. Bridget riecht den Braten, doch jahrelanges Lieber-Den-Mund-Halten lässt sie lieber erstmal abwarten.

Die Katze ist aus dem Sack: Francis ist in Gefahr. Die eigenen Leute vertrauen ihm nicht mehr. Sarah ist Agentin und Bridget mittendrin. Seit ihrer Kindheit hält man sich – besonders als Frau – aus der Sache der Männer, dem Kampf um ein geeintes Irland heraus. Nun steckt sie mitten im Schlamassel.

Francis muss wieder an die Front, von der er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Doch Liams Verrat und Tod zwingen ihn zu diesem Schritt. Die erste Aktion verläuft einwandfrei. Die Zweite auch, nur dieses Mal verläuft die für die Gegenseite einwandfrei. Francis wird verhaftet. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Ebenso die Verräter…

Nicholas Searle beschreibt nicht das Irland, in dem man „Sunday bloody Sunday“ vor sich hin summt, über das „Belfast child“ sinniert oder „Zombie“ verflucht. Es ist das Irland der Familien, die in einem Land leben, dass innerlich zu eng miteinander verwoben ist und doch die tiefsten Gräben aufweist. Manchen gelingt der Ausbruch aus dieser Welt. Aber zu welchem Preis?

Ein Attentat

Wien, Mariahilfer Straße. Vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ein namenloser Jura-Professor, steigt auf den Dachboden seiner Wohnung. Ein Paradies für Kinder, die unter der dicken Staubschicht aus der Vergangenheit ein Abenteuer machen können. Doch dieser namenlose Professor sieht mehr in diesem Chaos als so manch anderer. Eine Lafette, inkl. passenden Maschinengewehrs. Mit so einem Ding kann man gut geschützt riesigen Schaden anrichten. Doch woher kommt das Ding? Wer hat es aufgestellt? Und vor allem warum?

Das Räderwerk im Oberstübchen des Professors beginnt sich in Bewegung zu setzen. Schnell wird klar, dass hier etwas Großes im Gange zu sein scheint. Denn ein wichtiger Staatsgast hat sich angesagt. Die Augen der Weltöffentlichkeit, wie es so schön heißt, sind auf Wien gerichtet. Der Staatsgast trägt die Initialen N.C., und er kommt aus Moskau: Nikita Chruschtschow. Soll ihm von hier der Garaus gemacht werden? Aus dieser Mansarde im Sechsten? Die Auswirkungen wären immens, welterschütternd, langanhaltend bis zerstörerisch. Doch wem soll man sich anvertrauen?

Das Rätselraten mit den Freunden und Kollegen steigert sich fast zu einer Hysterie. Der Tanzbär aus Moskau – soll er wirklich hier in Wien um die Ecke gebracht werden? Von wem? Den eigenen Genossen? Ungarn, die sich für die Niederschlagung ihres Aufstandes rächen wollen? Den Amerikanern? Oder gar von einem oder mehreren verrückten? Die Gedanken sprießen wie Unkraut.

Der Professor schweift in dieser für ihn durchaus brenzligen Situation immer wieder ab. Wie verlief sein Leben bis hierhin? Was musste er tun, was hat er getan, um der zu sein, der er jetzt ist? Wie Blitzeinschläge holen in ihn die Lafette, die Waffe wieder zurück ins wahre Leben…

Ernst Brauner lässt seinen namenlosen Professor ganz schön schwitzen. Kriege hat er überlebt, Besetzungen überstanden, Genugtuung in seiner Arbeit und Frieden in seiner Ehe gefunden. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint. Und nun das? Unerhört! Doch der Kampfgeist ist noch nicht verschwunden. Intellektuell, komisch, dramatisch – „Ein Attentat“ fordert die volle Konzentration des Lesers. Kein Roman, der mit anderen zu vergleichen ist. Kein puff, peng, bumm, und alles ist wieder wie es mal war. Aktionismus, blind oder wütend, führt zur Katastrophe. Die Auswirkungen können die Handlenden selbst beeinflussen. Opfer gibt es am Ende immer. Tod und Flucht – wer hat eigentlich gewonnen? Viele Fragen, die der Autor nicht komplett beantwortet und die lange am Leser nagen werden…

Paris, Mai ’68

Anne Wiazemsky ist Cineasten ein Begriff. Als Schauspielerin, die mit Robert Bresson, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard arbeitete, mit dem sie auch verheiratet war. Auch als Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.

Das Jahr 1968 beginnt wie jedes andere auch für die junge Schauspielerin, die – gerade mal zwanzig – in Jean-Luc Godard die Liebe gefunden hat. Ihr Leinwandstern beginnt gerade richtig zu funkeln als in Paris erste Unruhen das öffentliche Leben zu stören beginnen. Im Frühjahr eskaliert die Gewalt auf den Straßen. Das Pflaster wird aufgerissen, um den Strand ans Licht zu holen. Knüppel und Schutzschilde auf der einen, Tücher vor dem Mund und eindeutige Parolen auf der anderen Seite. Und mittendrin ihr Gatte. politisiert, angestachelt von Kameraden und dem Drang mitzugestalten.

Jean-Luc Godard ist nun nicht mehr nur die Ikone der nouvelle vague, sondern will in die erste Reihe der Kämpfer hervorstoßen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne großes Grübeln über die Wahl der Worte, sehr wohl aber der Waffen, stürzt er sich ins Getümmel. Wer Widerworte gibt, bekommt die volle Breitseite seines Wortschatzes zu spüren. Unversöhnlich ist er. Nur gegenüber Anne ist er ab und an ein wenig zahmer.

Für sie ist der Mai 1968 ein Wendepunkt. Mit aller Macht wird sie in die Unruhen, die Kämpfe, die politischen Agitationen hineingezogen, obwohl ihr Filmemachen näher ist als der gesellschaftliche Umsturz. Bernardo Bertolucci macht ihr Offerten für einen Film. Die Beatles, wollen mit Godard drehen. Die Stones drehen mit Godard.

Filme werden radikaler, die Kunst einmal mehr als Waffe installiert. Wirtschaftlich weitgehend abgesichert, lässt es sich besser kämpfen als mit knurrendem Magen. In der Wohnung von Jean-Luc Godard und Anne Wiazemsky tummeln sich die Agitatoren. Sie ekelt sich vor ihrer rüden Sprache, ihrem ungepflegten Aussehen, kann ihrer Logik nicht folgen. Jean-Luc ist Feuer und Flamme, stößt alte Weggefährten vor den Kopf. Die Ehe wackelt und wird bald schon vor dem Aus stehen. Doch darüber wird sie niemals schreiben. Da bleibt sie sich treu.

„Paris, Mai ‘68“ ist kein aufwieglerisches Manifest, das zum Kampf aufruft. Es sind Memoiren einer Frau, die in einen Kampf hineingezogen wurde, der nicht der ihre war. Sie gibt einen Einblick in Kreise, die ihr eigenes Leben führen. Elitär – ja, aber stets darum bemüht dem wahren Leben auf der Straße nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Daniel Cohn-Bendit, François Truffaut und Bruno Cremer treten in Episoden auf wie der Nachbar von nebenan, den man an der Supermarktkasse trifft. Gespickt mit Anekdoten, die das Lesen dieses ernsten Textes immer wieder auflockern, zeigt Anne Wiazemsky ihre Sicht auf die Dinge im Mai ’68 und die darauf folgende Zeit.