Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Bai Ganju, der Rosenölhändler

Den Namen muss man sich merken. Bai Ganju. Ein außergewöhnlicher Mann, den der Autor Aleko Konstantinow auf seiner Amerikareise 1893 kennenlernte. Er wurde sanft überredet über die Weltausstellung 1893 in Chicago zu berichten. Seine Reisenotizen gehören zum Besten, was dieses Genre hervorbrachte.

Bai Ganju – so einer muss erstmal erfunden werden. Aleko Konstantinow hat ihn zwar nicht erfunden, jedoch gefunden. Ein gewiefter Geschäftsmann, der sich als das Zentrum seines Universums sieht. Und diese Einstellung mit jeder seiner Fasern lebt. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, ein Dampfplauderer, ein von unerschütterlichem Selbstvertrauen gezeichneter Mittelpunktler, der sich nicht einen Heller darum kümmert, was andere von ihm denken könnten. Geht etwas schief, findet er schnell einen Schuldigen. Sich selbst ausgenommen.

Und so passiert es, dass in illustrer Runde – und die soll es tatsächlich immer wieder mal gegeben haben – sich Menschen treffen, die diesen Bai Ganju (das Bai steht für Gevatter) getroffen haben. Und nun ziehen sie genüsslich über ihn her.

Aleko Konstantinow ist mit der Beschreibung des Bai Ganjus ein Volltreffer der Satire gelungen. Denn dieser Bai Ganju wohnt in jedem von uns inne. Ist er ängstlich und deswegen des Öfteren so ein Scheusal? Vielleicht. Aleko Konstantinow geht es nicht darum moralisch über seinen erfundenen Helden, auf den er im bulgarischen Pavillon der Kuriositäten auf der Weltausstellung 1893 in Chicago gestoßen ist, zu richten. Sein Buch ist eine lupenreine Satire, die den Leser an den Rand des Lachkrampfes bringt.

Immer wieder muss man innehalten. Während andere, bevorzugt die Erzähler in diesem Buch, fast vom Stuhl kippen, weil Bai Ganju einfach zu tölpelhaft, fast schon fatalistisch durchs Leben stolpert, ist man als Leser geneigt diese Gefallenen sofort wieder aufzurichten, damit sie weiter erzählen können.

Aleko Konstantinow gehört bis heute zu den meist gelesenen Autoren Bulgariens. Ihm allein gebührt der Ruhm eines der unterhaltsamsten Bücher des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben zu haben.

Die Pracht römischer Mosaiken – Die Villa Romana del Casale auf Sizilien

So in etwa auf halbem Weg zwischen Catania und dem Tal der Tempel bei Agrigent, in der Nähe von Enna, wird der neugierige Sizilienbesucher von einem Kunstwerk in Beschlag genommen, der ihm die Sprache verschlägt: Die Villa Romana del Casale. Sie ist berühmt für ihre Mosaiken. Nun ist man als Italienreisender schon ein wenig verwöhnt, wenn man die prächtigen Bauten aus dem Mittelalter, der Renaissance und der Antike bestaunt, doch hier gibt’s die Kirsche auf die Sahne noch obendrauf.

Die beiden Archäologen Rosaria Ciardiello und Umberto Pappalardo nehmen den Leser – der von nun an nicht mehr um einen Besuch dieser Villa kommt – mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Man muss sich ein wenig einlesen in den Stoff. Nicht jeder hat sofort Jahreszahlen, Namen und Orte parat. Doch die einleitenden Worte schaffen Komfort und bereiten den Zugang zu diesem ungewöhnlichen Ort. An der Stelle, wo heute ein Ausgrabungszentrum auf den Besucher wartet. Ein riesiges Areal mit einem Füllhorn an Augenschmeicheleien wird zum Spielplatz der Genüsse. Denn die Mosaiken sind nicht irgendwelche kleinen Fingerübungen, die dem Meister als Präsentationsobjekte dienten. Hier wurde einmal wirklich im Luxus gelebt. Die Übersichtskarte am Beginn des Buches zeigt eindrücklich wo welches Mosaik verortet ist und in welchen Dimensionen sie bis heute wirken.

Eintausendsechshundert bis eintausendsiebenhundert Jahre ist es her, dass hier der erste Spatenstich gesetzt wurde. Mit allem, was der Luxus der damaligen Zeit zu ließ. Pool, Säulengang (Peristyl), einem Raum für Musiker und Schauspieler und Saunalandschaft, wie man es heute nennen würde. Und jeder Raum mit einem prachtvollen Mosaik verziert. Bis heute sind noch nicht alle Mosaiken freigelegt bzw. entdeckt worden. Doch das, was man sehen kann, kann sich echt sehen lassen!

Die Villa kann jeden Tag in der Woche von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Und diese Zeit sollte man mit diesem Buch unterm Arm und / oder auf dem Schoß ausnutzen. Denn im Vorbeigehen – denn so richtig nah dran darf man natürlich nicht – übersieht man das eine oder andere Detail. Die Freude ist somit umso größer, wenn man das Buch sozusagen als Vergrößerungsglas im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne zur Hand hat. Die beiden Autoren erläutern anschaulich und einfach verständlich die Darstellungen auf den Mosaiken. Sie stehen immer im Zusammenhang mit der Nutzung des Raumes. Wo heutzutage Wandtattoos auf das Lieblingsgetränk (und somit meist auf die Küche) hinweisen, war es damals schon üblich das so genannte Aleipterion, den Massageraum mit entsprechender Kunst zu verzieren. Im Falle der Villa Romana del Casale jedoch mit Mosaiken, die heute noch so strahlen wie vor Jahrhunderten.

Dieses Buch ist ein Prachtbursche für die Pracht der Mosaiken. Jeder Raum, den man nach all den Jahren nicht immer sofort zuordnen kann, fasziniert durch die Kunstfertigkeit der Handwerker. Von Weitem ergibt sich ein Gesamtbild, doch wer sich die Mühe macht und näher tritt – sofern es erlaubt ist – findet einzigartige Details, die man durch dieses Buch erst richtig einordnen kann.

Der schwarze Gürtel

Was ein Ehrgeizling! Fernando Retencio will unbedingt nach oben. Er will den schwarzen Gürtel. Nein, keine sportlichen Meriten. Bei Soluciones, wo er als Problemlöser arbeitet, gilt der schwarze Gürtel als ultimative Huldigung der erbrachten Leistungen. Dann hat man es geschafft.

Und Fernando ist ganz gut in seinem Job. Zumindest besser als die ganzen Pérez, die tagein tagaus am Schreibtisch ihren Fließbandjob verrichten. Ein ausgeklügeltes Punktesystem, das nur der Chef zu entziffern im Stande ist, zeigt im Firmengebäude für alle sichtbar an, wer es drauf hat und wer nicht.

Fernando ist also Problemlöser. Was das genau ist, ändert sich von Auftrag zu Auftrag. Mal kommt ein Boxpromoter, dessen Star auf einmal Gewissensbiss bekommt, und nicht mehr draufhauen will. Dann muss Fernando sich was einfallen lassen. Er redet mit dem Boxer, bietet ihm die Möglichkeit zu seinen Wurzeln zurückzukehren, indem er ihm einen Boxring aufbauen lässt. Fernando sieht all diese nervenaufreibenden Jobs nur als Wegmarken seines Aufstieges. Er will den schwarzen Gürtel, raus aus der Tretmühle und nicht ewig dort festhängen, wo andere ihr Leben lang nicht von der Stelle kommen.

So wie Dromundo. Ein Kollege. Fernando sieht ihn aber mehr als persönlichen Sklaven, der er nach seinen Vorstellungen „formen darf“. Nach Oben buckeln, dafür nach Unten umso heftiger treten. Dromundo lässt alles mit sich machen. Noch tiefer kann er nicht sinken. Er wohnt ja schon da, wo er arbeitet. Frau und Kinder inklusive. Letzte spielen jeden Tag saubermachen im Foyer.

Señor Sonrisa ist der allgegenwärtige Herrscher von Soluciones. In regelmäßigen Abständen verkündet er mit plärrender Lautsprecherstimme seine kryptischen Befehle. Wer nicht spurt, fliegt … und wird nie den ominösen schwarzen Gürtel sein eigen nennen können. Witzig für die anderen, besonders aber für Fernando, ist die Abschiedszeremonie, wenn ein Angestellter entlassen wird: Eine Cheerleader-Gruppe singt zum Abschied ein Ständchen und geleitet den Delinquenten dann zur Tür hinaus. Für Fernando ist das immer ein Triumph. Denn dann gibt es eine Hürde weniger auf dem Weg zum schwarzen Gürtel. Bis eines Tages die dauerlächelnden Mädels an seinem Schreibtisch stehen…

Eduardo Rabasa zeichnet ein düsteres Bild der mexikanischen Arbeitswelt. So surreal, dass man kaum an sich halten kann, und immer wieder schmunzeln muss. Er schickt seinen Helden Fernando durch ein Minenfeld der Emotionen. Seine Frau scheint ein Verhältnis zu haben und genießt es sichtlich ihren Gatten leiden zu sehen. Nur um ihn kurze Zeit später wieder zu umgarnen. Und wiederum später ihm seine Tolpatschigkeit und Eiferucht aufs Brot zu schmieren. Ohne die Tabletten von Dr. Lao könnte Fernando nicht überleben. Oder würde er besser leben ohne die weißen Dinger? Schwarzhumorig, was sonst, führt Eduardo Rabasa den Leser am Ring durch die Arena der Halbwahrheiten auf dem übertriebenen Grün der Eitelkeiten.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.

101 Kopenhagen

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kopenhagen schickt sich an ein Reise-Hot-Spot erster Klasse zu werden. Immer mehr Artikel in Magazinen, Fernsehbeiträge und Reisebücher beschäftigen sich mit der dänischen Hauptstadt. Und dass immer noch, immer wieder die Filme der Olsenbande gezeigt werden, trägt sicherlich auch dazu bei die Stadt am Øresund begehrenswerter zu machen. Schon seit Jahren gelten die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Welt. Wie man das exakt messen will, bleibt schleierhaft. Doch zufrieden sind die Dänen. Und diese entspannte Atmosphäre, die nur jemand ausstrahlen kann, der wirklich zufrieden ist, spürt man in der ganzen Stadt.

Zufrieden wird auch der Leser dieses Buches sein. Einhundertundeins Sehenswürdigkeiten, Plätze zum Entspannen und Staunen … es sind weitaus mehr als die angeführten einhundertundeins. Es sind einhundertundeins Ausgangspunkte, um Kopenhagen tiefgreifend zu erkunden. Beginnt man das Buch von hinten, schwelgt man schon beim Stichwortverzeichnis in Erinnerungen, die man nach der Reise pflegen wird. Cafés und die Carlsberg-Brauerei, Roskilde, das bei Festivalfans besondere Erinnerungen hervorrufen wird, und Rundetårn, Smørrebrød und Den Blå Planet lassen einen ganz „hyggelig“ werden. Hyggelig bezeichnet dieses spezielle Zufriedenheitsgefühl der Dänen, das sich so schwer übersetzen lässt. Einfach hinfahren, es sich anschauen und einen großen Teil mit nach Hause nehmen.

Kopenhagen ist von Deutschland aus nun wirklich sehr leicht und vor allem schnell zu erreichen. Für einen Kurztrip wie gemacht. Hat man sich das Buch schon vorher einmal durchgelesen, wird man aber rasch zu der Erkenntnis kommen, dass ein Kurztrip genau das Falsche ist, um Kopenhagen zu entdecken. Die Zeit ist einfach zu kurz! Also mehrmals hierher kommen!

Ulrich Quack und Dirk Kruse-Etzbach haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, sinnbildlich, um dem Leser eine Stadt näherzubringen, die bisher in einem Dornröschenschlaf verfallen schien. Ja, die Meerjungfrau kennt jeder – sollte man auch mindestens einmal im Leben gesehen haben. Aber dann geht es auch schon los, das andere, vielleicht noch unbekannte Kopenhagen unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Rad ein besonderes Erlebnis. Besonders fahrradfreundlich, besonders aber fahrradfahrerfreundlich ist die Stadt. Seit über einem halben Jahrhundert gehören Radwege zum Verkehrskonzept der Stadtplaner. Die Massen an Pedalrittern fallen schon gar nicht mehr auf. Kødbyen ist ein Stadtteil, der erst in der jüngeren Vergangenheit sich zu einem lebenswerten Flecken aufgeschwungen hat. Restaurants locken heute mit moderner Küche wo einst das Vieh seinem jähen Ende entgegensehen musste. Und wer im Sommer in der Stadt weilt, wird auf dem Streetfoodmarket auf dem Flæsketorvet erleben können, was Fingerfood im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet. Auch einen kleinen Stadtrundgang auf den Spuren skandinavischen Designs halten die beiden Autoren parat. Nach so vielen Eindrücken und leckerem Essen, empfiehlt sich eine ruhigere Alternative. Vielleicht mit einem Besuch bei Hans Christian Andersen oder Asta Nielsen? Die Friedhöfe der Stadt sind eine willkommene Abwechslung.

Quirlig und zurückgenommen zeigt sich die dänische Hauptstadt. Großstädtisch, ohne großspurig zu sein ist sie das ideale Reiseziel für ein paar Tage oder einen kompletten Urlaub mit Familie oder allein. Auf alle Fälle bietet dieses Buch den kompletten Service, den man braucht, um Kopenhagen erkunden zu können.

Mörder Opfer Kommissare

„… dann wurde es mir in Berlin zu klein, so zog ich in Europa ein“ … wer sich für Verbrechen und Verbrecher in Berlin interessiert, kennt sicher Regina Stürickow. Ihre Bücher lassen den Leser an Orte reisen, die niemand freiwillig zur Tatzeit hätte betreten wollen.

In ihrem neuen Buch „Mörder, Opfer, Kommissare“ übertritt sie die Stadtgrenze der deutschen Hauptstadt und nimmt den deutschsprachigen in den Fokus ihrer Ermittlungen. Und dazu gleich noch das ganze 20. Jahrhundert.

Alles beginnt Mitte März des Jahres 1900. Tatort das westpreußische Konitz, heute das polnische Chojnice. Ein Mann entdeckt am Ufer Leichenteile. Was an sich schon schaurig genug ist, muss für den Mann die Qual seines Lebens noch erheblich verschlimmert haben. Denn die Leichenteile gehören seinem seit Wochen verschollenen Sohn. Die fachmännische Zerstückelung deutet auf einen Fachmann hin, einen Metzger beispielsweise. Doch ein Zeuge will einen jüdischen Lumpenhändler gesehen haben, der ein großes Stück Stoff bei sich hatte. War es es? Waren Leichenteile in dem Stoffsack? Oder war es doch der Metzger? Ganz sicher, denn der ist auch ein Jude – und schon beginnt die blinde Hatz auf alles Jüdische. Kommissare beißen sich an diesem Fall die Zähne aus. Selbst aus dem fernen Berlin kommen Ermittler. Allessamt erfolglos. Nach zwölf Jahren wird die Akte geschlossen. Ohne Ergebnis. Aber mit einem gewaltigen Schandfleck.

Die Bestie vom Falkenhagener See, der Werwolf von Hannover, der Mord vom Lainzer Tiergarten sind sicher nicht mehr in aller Munde wie einst der Würger von Wien, Jack Unterweger, dem die High Society der Donaumetropole zu Füßen lag. Oder auch die Ermordung des Krawatten-(Märchen-Königs Rudolf Moshammer, dessen Extravaganzen ihn stetig in den Klatschspalten der Zeitungen hielten.

Für Regina Stürickow sind die Opfer und die Täter, aber auch die Kommissare alle gleich wichtig. Dieses Buch als Sammelsurium der Schrecklichkeiten zu bezeichnen, würde auch nur annähernd dessen Wirkung einfangen können. Vom Hochglanz-Verbrechen, das im Film noch einmal Karriere machte (Vera Brühne, Rosemarie Nitribitt), über Promis, die schon bekannt waren, bevor sie Verbrecher wurden wie Boxweltmeister Bubi Scholz bis zu denen, die tief im kriminalistischen Gewissen des Landes verankert sind wie Fritz Haarmann und Jürgen Bartsch.

Dieses Buch hat wahre Krimis zum Vorbild, nichts ist erfunden, alles echt. Und deswegen so faszinierend zu lesen…

Ein Mensch wird

Ein langes Leben wurde ihr von vorn herein nicht prophezeit. Ein ereignisreiches Leben ebenso wenig. Doch Alma Karlin zeigte allen Kritikern und Spöttern gleichermaßen. Sie war ein spätes Kind, ihre Eltern hatten mit der Familienplanung schon seit längerer Zeit abgeschlossen, als es ihrer Mutter immer schlechter ging. Da war was in ihrem Bauch. Sicher eine Geschwulst, die dringend raus musste. Die Schwester im Krankenhaus meinte, dass die schon von allein rauskommt. So in ein paar Monaten. Almas Mutter war schwanger.

Der süffisante Unterton, den Alma Karlin in ihren endlich auf Deutsch erschienenen Biographie lässt die Zeit auf die nächste Seite unerträglich lang werden. Ja, sie war der Nachzügler, den niemand erwartete und so auch nicht richtig haben wollte. Doch ihre Eltern gaben sich die größte Mühe. Mama war streng und unnachgiebig, der Vater etwas milder, doch unfähig seine Liebe komplett zu zeigen. Auch weil Alma nicht zu hundert Prozent gesund zur Welt kam.

Doch aus ihr wurde was, wie man so schön zu sagen pflegt. In Ermangelung gleichaltriger Spielgefährten vertiefte sie sich schon früh in Bücher. Daher wohl auch die abgeklärte, teils bissige, immer aber unterhaltsame Sprache. Sprachen waren ihre Leidenschaft. Im Laufe ihres Lebens erlernte sie Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, Englisch, Französisch und Spanisch, Italienisch und Russisch sowie Sanskrit, Chinesisch und Japanisch. Mit Engelsgeduld lehrte sie auch einige dieser Sprachen.

Aufgewachsen als Teil der deutschen Minderheit in Slowenien, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, ging sie früh hinaus in die Welt. Sie studierte in London und arbeitete schon früh als Sprachlehrerin. Später zog es sie weiter in die Welt hinaus. Ihre Reisebücher waren Verkaufsschlager. Doch sie selbst starb verarmt und vergessen 1950 in ihrer Heimat bei Celje.

Alma Karlins Bücher waren in den 20er Jahren das Lesetor in ferne Welten. Als die Nazis die Herrschaft übernahmen, wurde sie umgehend inhaftiert. Und alsbald wieder freigelassen. Trotz ihres Engagements im Widerstand wurde sie als deutschsprachige Schriftstellerin nach dem Krieg nicht anerkannt.

Biographien haben immer den bitteren Beigeschmack alle Zahlen und Fakten zwischen zwei Buchrücken pressen zu müssen. Alma Karlin hat sie diesem Zwang nicht unterworfen und schreibt ungekünstelt, aber auch ohne Gier nach Anerkennung über ihr wahrhaft ereignisreiches Leben. Immer wieder setzt man ab und staunt, was diese Frau allen Widerständen und widrigen Umständen zum Trotz alles gesehen und erlebt hat. Es ist schon fast skandalös, dass über ein halb Jahrhundert ins Land gehen musste, damit ihr die Ehre zu Teil wird, die sie verdient. „Ein Mensch wird“ liest sich spannend wie ein Abenteuerroman, geschrieben von einer Frau, die Konventionen nicht anerkannte und ohne zusätzliche Plessuren durch die Wand ging.

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.

Polizeigeschichten

Staubige Akten mit staubtrockenen Fakten – von wegen! Ernst Dronke wurde vor knapp zweihundert Jahren geboren. Als Journalist, der offen über die sozialen Ungerechtigkeiten in der Sozialreportage „Berlin“ schrieb, brummte man ihm zwei Jahre Festungshaft auf. Er floh nach Brüssel, wo er Friedrich Engels kennenlernte.

Seine „Polizeigeschichten“ sind keineswegs nur sensationslüsterne Anekdoten aus den staubigen Archiven der Polizeireviere. Sie sind vor allem Anklagen gegen eine Gesellschaft, die die Verrohung hinnimmt und deren Opfer dann zusätzlich auch noch mit Strafen belegt, ja, sogar verhöhnt. Wie die des Tischlers Fritz Schenk. Ein echter Handwerker, geschickt wie kaum ein anderer seiner Kollegen. Eines Tages wird von einem Mann verletzt. Die Kosten der Behandlung trägt der Unfallverursacher. So weit so gut. Doch der Arm will nicht recht wieder in Ordnung kommen. Sein Chef degradiert ihn, mault über seine Arbeit. Schenk will sich selbständig machen. Er sucht den Mann auf, der für seine momentane Situation verantwortlich ist. Dieses Mal wird es nur halb gut. Denn die angebotene Summe reicht nicht, um eine eigene Werkstatt eröffnen zu können.

Zwischenzeitlich ist Schenk Ehemann und Vater geworden. Die finanziellen Sorgen treiben ihn zu Taten, die er sich nie vorstellen konnte. Eines Tages bietet sich bei einem Kunden die vermeintliche Chance auf den großen Fang. Schenk greift zu. Die Brieftasche nah am Herzen, plagt ihn sein Gewissen. Er hat gestohlen. Ein zu geringer Betrag, um sorglos die Zukunft planen zu können. Zu dilettantisch, um damit davonzukommen. Und schon stehen die Polizei auf der Matte und die Gefängniszelle weit offen. Das Wort Zukunft ist erst einmal aus dem Wortschatz gestrichen. Eine Zeit später trifft Schenk einen ehemaligen Kumpan aus der Knastzeit wieder. Schenk steht kurz vor dem Rauswurf aus seiner Wohnung. Das Angebot des einstigen Schicksalsteilers klingt verlockend. Schnelles Geld für wenig Arbeit. Dass das Risiko zu hoch ist, wird ausgeblendet. Denn der Kumpan spielt ein doppeltes Spiel…

„Das Böse ist immer und überall“, sang die Erste Allgemeiner Verunsicherung. Was als lustiger Chartbreaker bis heute nachhallt, hat in diesem Buch mehr als nur einen derben Hintergrund. Dronke vertritt die Ansicht, dass der Mensch nicht von Natur aus böse ist. Die Umstände zwingen den einen oder anderen durchaus das eine oder andere Mal Maßnahmen zu ergreifen, die die Grenze des Legalen überschreiten. Die Polizei ist dann nicht mehr der Freund und Helfer, sondern willfähriges ausführendes Organ des Staates. Da gibt es auch kein links oder rechts mehr. Es geht schnurstracks geradeaus. Mitten ins Verderben. Lesenswert ist dieses Buch auch wegen der originalen Übernahme des Textes von vor über 150 Jahren. Da ist von Ingrimm die Rede, von Gensd’armen oder Provinzialstädten. So hat man damals geredet – wer deutsche Kultur erlesen underleben will, kommt an diesem Buch nicht so schnell vorbei.