Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Hineni

Die Geschichte ist bekannt: Abraham, der damals noch Avram hieß, verließ sein Land, um frei zu sein. Er suchte nach dem einen Gott und der erhörte ihn. Hireni – ich höre Dich! Das, was Ivan Ivanji aus dieser Geschichte macht, wie er sie interpretiert, ist es wert sich noch einmal mit Abrahams Weg – belassen wir es bei diesem Namen, unter dem ist er schließlich bekannt geworden – zu beschäftigen.

Wer bibelfest ist, dem kommen beim Lesen vielleicht einige Zweifel, ob der Autor da nicht was verwechselt hat. Keine Angst, Ivan Ivanji weiß worüber er schreibt. Im letzten Kapitel, das den vielsagenden Titel „Spurensuche“ trägt, erlöst er den Zweifler von seiner Skepsis. Da die Forscher den Fortgang Abrahams nicht exakt bestimmen können, es lediglich Ansätze für seine Existenz und seine Auswandererpläne gibt, hat sich Ivanji selbst als Forscher hervorgetan und ihn in die Amtszeit des Pharaos Amenemhet I. transformiert. Das war ca. 1980 bis 1970 vor unserer Zeitrechnung. Auch hat er ein bisschen die Reihenfolge der alttestamentarischen Überlieferung verändert. „Hireni“ sollte ja auch kein Sachbuch werden, sondern ein Roman.

Mission erfüllt! Wer sich bisher kaum bis gar nicht mit den Grundlagen der westlichen Zivilisation und ihren christlichen Ursprüngen beschäftigt hat, trifft in diesem Buch auf viele bekannte Namen. Namen, die, wenn man in einer Quizshow auftritt, für Verwirrung sorgen. Wie war das doch gleich? Wer mit wem wann? Ob es wirklich so gewesen ist, diese Frage stellt sich nicht. Aber es könnte so gewesen sein.

Die einzigartige Leistung Ivanjis besteht darin dem starren Text, der nur allzu viel Spielraum für Interpretationen lässt, ein relativ stabiles Grundgerüst zu geben. Die Sprache ist modern, und lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier um wahre Begebenheiten handeln könnte. Mord, Intrigen, aber auch Liebe sind die Zutaten dieser leicht zu lesenden Variante des ältesten Buches der Welt.

Perla

Perla – kein Kosename für die Angebetete. Sondern ein Name für eine Frau, deren Schicksal gar nicht glänzend war. Sie ist die Mutter des Autors Frédéric Brun. Erst nach dem Tod der Mutter traut sich Brun sich ihr und ihrem Schicksal zu nähern. Perla war in Auschwitz! Und sie überlebte! Was sie nie vollends überwinden konnte!

Für Frédéric Brun ist es immer noch schwer zu verstehen, dass in einem Land, aus dem so viele von ihm verehrte Dichter kamen so viele Henker hervorbringen kann. Er schafft Parallelen und bringt sie im gleichen Moment zum Einsturz. Er lässt Caspar David Friedrich auferstehen und schüttelt den Kopf, wenn er schreibt, dass Hölderlin von Auschwitz-Insassen wie Erbauern gleichermaßen geliebt wurde.

Ein besonders nachhallender Vergleich ist der von Josef Mengele, dem KZ-Arzt in Auschwitz, der im Exil im Meer ertrank und seinem noch ungeborenen Sohn Julien, den er in einem wohligen Meer im Bauch der Mutter heranwachsen lässt. Ein Vergleich, der nur Phantasievollen naheliegt, und den Leser ins Herz trifft. Und den Leser im Mark erschüttert. Perversion und Unschuld in einem Kapitel – das prägt das Bild dieses Buches. Denn dieser Josef Mengele war es, der mit einer Handbewegung Perla das Leben rettete. Eine perfide Vorstellung, denn ein Leben in Auschwitz war nicht mit menschlichen Maßstäben messbar.

Frédéric Brun kleidet Gedankenblitze und Erinnerungen an seiner Mutter unaufgeregt mit wohl platzierten Worten aus. Die Wucht der Bedeutung der Worte fegt jeden um, die Poesie der Sprache hebt jeden sanft an. Nun kann man sich wie in einem spannenden Krimi durch dieses Buch lesen. Man kann aber auch Zeile für Zeile aufsaugen. Letzteres ist auf alle Fälle empfehlenswert. Es lohnt sich dem Wohlklang der Worte hinzugeben. Ein weiteres Leben wird diesen Worten durch Christine Cavalli, die Übersetzerin, eingehaucht. Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe, da jedes Wort sehr persönlich ist und von Erinnerungen geformt wurde. „Perla“ ist eine echte Perle. Und der Auftakt einer Trilogie.

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.

Die feine englische Art von A – Z

Nichts ist schlimmer als in angenehmer Runde zusammenzusitzen und einer fällt wie auch immer geartet aus der Reihe. Das kann der Dazugekommene sein, der nur einigen ihm Gewogenen die Hand zum Gruß reicht und die Anderen mit einem Kopfnicken bedenkt oder jemand, der das Mahl in sich hineinschaufelt als gäbe es kein Morgen. Fremdschämen kann man das oftmals nennen. Oder Pikiert sein. Wie auch immer man es nennt, Auffälligkeiten sollten immer einen positiven Aspekt haben. Wer durch negatives Verhalten auffällt, trägt bald schon Fettnäpfchen statt Schuhen.

Italienern und Franzosen sagt man ein untrügliches Gespür für Mode nach. Engländern bzw. Briten verpasst man manchmal etwas angestaubte, jedoch feine Manieren. Die so genannte feine englische Art ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch was genau besagt diese feine englische Art denn nun genau? Seit über zweihundertfünfzig Jahren (es würde so gar nicht der Etikette entsprechen übertrieben von einem Vierteljahrtausend zu sprechen) ist Debrett’s das Maß aller Dinge, wenn es um das soziale Verhalten in bestimmten Situationen geht. Dieses kleine Lexikon kann man durchaus mal komplett durchlesen. Denn so mancher Fauxpas (ein Wort, das mittlerweile aus der Mode gekommen scheint) ließe sich durch nur ein paar Minuten Leseaufmerksamkeit vermeiden.

Da sitzt man in einer Pause, versucht sich ein wenig zu erholen und der Gegenüber lässt seinem Unmut über sein Leben mit einem Gähnen nach dem Anderen freien Lauf. Man kann aus dieser Situation einen Witz machen. Doch wenn das Gähnen durch Körperzucken und andauerndes Gähnen einfach kein Ende nehmen will, muss man sich selbst ordentlich zusammenreißen, um nicht selbst ins Konzert des Gähnens einzustimmen. Jeder ist mal müde. Dann zeigt man aber nicht jedem die handwerklichen Fähigkeiten seines Dentalspezialisten des Vertrauens. Eine Entschuldigung wäre auch ganz hilfreich, wenn man sich nicht postwendend zum Gespött machen möchte. Das sollte normal sein, doch erst wenn man diesen kurzen Abschnitt gelesen hat, kommt einem vielleicht die eigen Unzulänglichkeit ziemlich albern vor. Oder man selbst ist peinlich berührt…

Keine Angst, dieser Etikette-Band ist weder verstaubt noch antiquiert. Er wurde den Anforderungen der Gegenwart angepasst. Denn wie sollte man vor zweihundertfünfzig Jahren wissen, dass es nicht schicklich ist alle um einen herum mit privaten Telefonaten zu belästigen? Oder, dass man durchaus dem Gastgeber einen Hinweis geben darf (oft sogar muss), wenn man verschiedene Speisen nicht verträgt.

Kurzum: Die Fettnäpfchen gehören der Vergangenheit an. Gutes Benehmen ist eine Zier und darf niemals aus der Mode kommen. Ob man dieses Buch nun einmal komplett durchliest oder Abschnitt für Abschnitt in wohltuenden Dosen genießt, eines steht fest. Dümmer wird man nicht, und schon gar nicht unliebenswerter.

Andalusien

Das Dutzend ist voll. Eine Fußballmannschaft und ein Ersatzmann. Es ließe sich vortrefflich (ein Volltreffer!) über das Dutzend Auflagen des Andalusien-Reisebandes von Thomas Schröder fabulieren. Aber warum etwas Zerreden, wenn es nichts zu zerreden gibt. Fakt ist: Wer Andalusien besuchen will, hat beim Kauf dieses Buches nicht nur den ersten Schritt getan, sondern den wichtigsten, den richtigen Schritt und die richtige Richtung gewählt.

Das Land des Lichts kann man ohne Umschweife den Süden Spaniens nennen. Und es wird für jeden eine erhellende Reise. Die Sonnenstunden zu zählen ist mühselig, die paar Tagesstunden ohne Sonnenlicht kann man fast an einer Hand abzählen.

Wer Andalusien sagt, meint auch und vor allem die Alhambra in Granada. Kein Monument, kein Museum, keine andere Attraktion in Spanien wird häufiger besucht. Wer meint dieses Kunstwerk islamischer Baukunst allein besichtigen zu können, ist ein Träumer. Umso traumhafter ist es jedoch, wenn man dem Ratschlag Thomas Schröders folgt und seine Karten vorbestellt. Dann hat man zumindest Karten. Denn nicht alles hier ist kostenfrei besuchbar. Und das Kartenkontingent ist beschränkt. Muss man wissen, sonst ist der gesamte Urlaub futsch!

Was fällt einem noch zu Andalusien ein? Klar, Flamenco. Man muss nicht lange suchen, um den harten Tanzschritten und den fordernden Saitenklängen auf die Spur zu kommen. Doch Vorsicht vor zu viel Touristenabzocke. Auch hier gilt wieder: Nicht verzagen, Schröder fragen! Was sofort auffällt an diesem Reiseband sind die gefällig geschriebenen Tipps und die strahlenden Fotos. Sicherlich hat Thomas Schröder sich immer die schönsten Stunden und Tage ausgesucht, um den Auslöser zu drücken. Doch so viel Glück hat selbst der Autor nicht. Es herrscht halt immer klarstes Fotografierwetter in Andalusien. Da fällt es auch nicht schwer, die Kachelbänke an der Plaza des España im Parque María Luisa ins rechte Licht zu setzen. Wenn man aber nicht weiß, dass sie überhaupt existieren …

Ob genussvoll den Tag mit Schinkenverkostung zu verbringen oder sich am Strand die Sonne auf die Haut scheinen zu lassen, Kultur im ganz großen Stil zu tanken – Andalusien bietet mehr als so mancher Prospekt vorzugeben vermag. Der Reiseband „Andalusien“ von Thomas Schröder bündelt nicht nur sämtliche Informationen, der Autor findet selbst die geheimsten Ecken, die einen Urlaub in Andalusien erstrahlen lassen. Die gelben Infokästen, für die der Michael-Müller-Verlag bekannt und beliebt ist, lassen jeden Fremdenführer vor Ort einen Anflug von Schamesröte ins Gesicht zaubern. Denn die Geschichten hinter der Geschichte machen Ausflüge erst nachhaltig. Der sprichwörtliche Traum vom Süden wird mit diesem Reiseband zu einem greifbaren Traum.

Exil der frechen Frauen

Zwei Tage nach Ostern 1928 kommt es im Kriminalgericht Moabit in Berlin zu einer der spektakulärsten Befreiungsaktionen. Otto Braun, wegen Hochverrats und Spionage (für die Sowjetunion) angeklagt und schon länger inhaftiert, wird mit Waffengewalt aus den Fängen der Justiz befreit. Ein Gerichtsschreiber wird mit einer Waffe bedroht. Diese hält Olga Benario. Die Flucht gelingt, ist jedoch der Anfang einer bis zu ihrem Tode währenden Reise. Die Waffe war nicht geladen. Dafür hatte sie sich stark gemacht. Immer wieder argumentierte sie für die Aktion bei den Genossen der KPD. Immer wieder wurde sie – sie war eine Frau – belächelt (?), zumindest jedoch hingehalten. Nun also der große Tag.

Die Aktion schlägt hohe Wellen. An den Litfasssäulen leuchten die Konterfeis des Delinquenten und seiner Befreierin. In Kinos werden ihr Heldenmut und die Chuzpe gefeiert, was dazu führt, dass ihre Gesichter aus dem öffentlichen Leben auf Geheiß der Administration verbannt werden. In den Cafés sind sie Gesprächsthema Nummer Eins. Auch Maria Osten, damals noch Maria Greßhöner und Ruth Rewald sind ganz angetan von den Schlagzeilen und der außergewöhnlichen – frechen – Tat. Rewald ist Autorin, Greßhöner Verlagsangestellte bei Malik. Man kennt sich flüchtig. Im Hinausgehen bittet Greßhöner Rewald allen vom Verein der frechen Frauen zu berichten.

Für die drei Frauen beginnt unabhängig voneinander eine Odyssee, die für keine der Drei ein gutes Ende nehmen wird. Olga Benario ist noch in Moskau, als sie Luis Carlos Prestes kennenlernt – der von ihr befreite Braun steht wieder einmal nicht mehr an ihrer Seite. Mit ihm Prestes reist sie nach Brasilien. Er soll dort einen Umsturz – ohne Waffengewalt – initiieren und umsetzen. Wie so oft in ihrem Leben wird Olga Benario verhaftet. Und nach Deutschland abgeschoben. Hier haben inzwischen die braunen Schergen die Macht. Als alt, krank und nicht mehr arbeitsfähig – so hieß das im Jargon der Nazis – wurde sie in der Euthanasie-Anstalt Bernburg 1942 vergast.

Im gleichen Jahr wurde das Urteil gegen Maria Osten umgesetzt. Ihr warf die stalinistische Justiz Spionage vor. Das sah zur damaligen Zeit nur eine Konsequenz vor: Todesstrafe. Osten war mehrmals europaweit verhaftet worden. Und immer wieder freigelassen worden. Ebenfalls 1942 schnappte die Gestapo Ruth Rewald in Frankreich und deportierte sie nach Auschwitz.

Robert Cohen muss keine Verbindungen weben, um die Geschichte dieser drei außergewöhnlichen Frauen schreiben zu könne. Er muss jedoch im Staub des Vergessens wühlen, damit dieses Netz wieder im Tageslicht seine Brillanz zeigen kann. Maria Osten, Olga Benario und Ruth Rewald sind mittlerweile fast in Vergessenheit geraten. Das Werk Ostens ist zum größten Teil vernichtet. Rewalds Geschichten sind vom Staub bedeckt. Im Osten Deutschlands erinnern Straßen und eine Jugendherberge an die „freche“ Aktivistin.

Cohen übersieht nicht, dass Idealismus und Gemeinsinn zu oft dem alles gleichmachen wollenden Aktionismus, der nur allzu gern Ehrgeiz und Ignoranz verbergen soll, so manch gutem Tun den Garaus machen konnte. „Exil der frechen Frauen“ zeigt einmal mehr, dass die Geschichte nicht vorbei ist, nur weil das Heute dem Morgen weichen musste. Geschichte darf niemals vergessen werden!

Der Zwang

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Maler Ferdinand ist vor dem Krieg in Europa in die Schweiz geflüchtet. Hier ist er frei. Zusammen mit seiner Frau. Hier ist er Mensch. Kann sich entfalten. Doch der Brief, den er erwartet, von dem er hofft, dass er niemals kommen wird, doch er wird kommen, und Ferdinand weiß das, schwebt wie ein Damokles Schwert über ihm und seinem Glück.

In Europa bersten die Kanonen unter der Wucht ihrer Geschosse. In den Schützengräben ätzen Gase den Soldaten die Gedärme aus dem Leib. Aus der Luft fallen erstmals im großen Stil Bomben auf die, die mit den Ränkespielen der Machthaber nichts am Hut haben. Sie sind die Verlierer des Krieges, der keine Gewinner kennen wird. Millionen sind schon geflohen.

Das Warten auf den ominösen Brief treibt Ferdinand in einen goldenen Käfig. Denn eigentlich ist er gesegnet. Eine Frau, die ihn liebt. Ein ruhiges Umfeld, denn in der Schweiz schweigen die Kanonen. Kein Schießpulver in der Nase lässt die Sorgen Europas und der Welt weit weg erscheinen. Ferdinand sehnt diesen Brief herbei. Den Brief, der ihn zum patriotischen Akt mit der Hand an der Waffe verpflichtet. Er will nicht kämpfen, sieht es jedoch als seine Pflicht an es zu tun. Ein innerer Zwang lässt ihn dieses Blatt Papier zu ihm fliegen.

Sogleich macht er sich auf dem Weg zum deutschen Konsulat. Doch oh weh, das Konsulat öffnet er in ein paar Stunden. Und schon setzen sich die Zahnräder des Denkwerkes in Bewegung. Ferdinand ist sich bewusst, dass er nicht kämpfen will, dass er den Zwang besiegen muss. In seinem Oberstübchen setzt er die möglichen Gesprächsfetzen schon zusammen. Alles passt. Dem Mitarbeiter des Konsulats wird nichts anderes übrigbleiben als ihm, dem Künstler den Weg in die alte Heimat – zur Tauglichkeitsüberprüfung – zu ersparen. Dann endlich. Die Tore zum Konsulat öffnen sich. Doch das Konsulat ist nichts mehr als eine Behörde für im Ausland lebende Deutsche. Man dient dem Vaterland, in dem man die aufgestellten Regeln einhält. Kein Blick nach links und rechts. Und Ferdinand? Perplex vom scheinbaren Entgegenkommen macht sich freiwillig (!) auf den Weg nach Deutschland. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die die Freiheitsliebe ihres Gatten vermisst und nur noch Feigheit in ihm sieht. Doch Deutschland hat sich verändert. Das Ende mit Schrecken wird in seinen Augen zum Schrecken ohne Ende…

Stefan Zweig ist dem Maler Ferdinand sehr ähnlich. Auch er floh vor dem Krieg. Ein bisschen Frans Maserell schwebt in der Figur des vom Zwang geleiteten Malers mit. Die Holzschnitte von Masereel wurden eigens für die Novelle des Freundes und Wegbegleiters Zweig angefertigt. Nun sind sie in dieser stilistisch einwandfreien Ausgabe wieder vereint. Scharfkantig wie ein Granatsplitter zeichnen sie die Zeilen des Autors nach, der einen Krieg später seinem Leben ein Ende setzen sollte. Einhundert Jahre ist es her, dass Stefan Zweig eine bislang kaum beachtete Komponente des Krieges zu eindrucksvoll beschrieb. Was bewirken Worte und selbst verordneter Gehorsam mit einem Menschen? Der Grat zwischen Pflicht und Zwang ist oft ein schmaler. Den eigenen Prinzipien zu folgen ist immer verbunden mit dem richtigen Weg. Der allerdings ist mit tonnenschweren Nebenwirkungen gepflastert.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

Kalender Deutsche Geschichte 2020

Wenn ein Jahr zu Ende geht, erinnert man sich gern an das, was war. Fast schon im gleichen Atemzug schaut man voraus, freut sich auf das, was kommen wird. Das erinnert auch gern schon mal an eine Rateshow.

Und genauso beginnt auch dieser Kalender. Das Jahr 2020 beginnt auch gleich mit einem Jubiläum. Am 2. Januar 1955 – also vor 65 Jahren – wurde zum ersten Mal die Sendung „Ja oder Nein“ ausgestrahlt. Berühmt geworden ist sie sechs Jahre später unter dem Titel „Was bin ich?“. Robert Lembke wurde zu einer der Kultfiguren im TV und ist bis heute eine Marke.

Ebenfalls eine Marke, die ein Jubiläum feiert ist der DFB, der Deutsche Fußballbund. In jüngster Zeit immer mehr in der Kritik stehend, war es die Gartenkneipe „Zum Mariengraben“ in Leipzig, die als Wiege des deutschen Fußballs anzusehen ist. Die Satzung wurde am 28. Januar 1900 verabschiedet. Wenig verwunderlich, dass auch der erste Deutsche Meister aus Leipzig kam, der VfB Leipzig, der als Nachfolgeverein des 1.FC Lok Leipzig zwischenzeitlich in der ersten Bundesliga spielte, um kurz darauf in den Untiefen des Vergessens begraben wurde.

Ein deutsch-deutsches Phänomen, was ebenfalls wieder in der Kritik steht, war und ist die Sommerzeit. Die wurde gleichzeitig in Ost und West am 6. April 1980 eingeführt. Ihr wird wohl ein ähnlich kurzes Leben wie der DDR beschieden sein. Denn schon in absehbarer Zukunft muss man nicht mehr zweimal im Jahr am Räderwerk drehen. Das Bild zur Einführung der Sommerzeit ist ein echter Hingucker. Denn welcher Schlagerstar war wohl mit der Umstellung der Uhren als Werbegesicht bekannt? Die Woche Karwoche verrät es.

Von politischen Ereignissen über Naturkatastrophen bis hin zu so genannten Lustlagern bietet dieser Kalender einen bunten Über- und Rückblick auf mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Vieles ist schon wieder in Vergessenheit geraten, bei manchen ist man erstaunt, dass man sie schon wieder vergessen hat. Jede Woche wird montags mit einem Aha-Erlebnis beginnen.