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Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Ein großer Mann

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und jede auch noch so strahlende Familie muss sich mit einem schwarzen Schaf herumplagen. Der Seidenfabrikant Gavard gehört zu den Oberen Zehntausend im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eines Tages werden seine Söhne Guillaume und Michel den Laden übernehmen und den Reichtum mehren. Lucien hingegen, der Nachzügler wird wohl eher nicht ins Geschäft einsteigen. Er ist das schwarze Schaf, der Taugenichts. Doch aus dem Taugenichts, der an Wochenenden nicht mit Spazierengehen darf, der aus der Schule genommen wird (sollte eine Strafe sein … der Schuss sollte gewaltig nach hinten losgehen), der aber handwerkliches Geschick wie kaum ein Zweiter besitzt, soll einmal ein großer Mann werden.

Ein kleiner Schuppen dient Lucien als Experimentiergarage. Eines Tages tost er mit einem nicht nur sprichwörtlich großen Knall aus dieser Garage heraus. In einem Auto, einer Teufelsmaschine, jedoch von ihm selbst entworfen und gebaut. Wird doch noch was aus dem Jungen? Der Vater stirbt, Michel steigt bei Gavard, der Autofabrik, zu der sich die Garage mittlerweile gemausert hat, ein. Guillaume wird bald folgen. Bei einer Verfolgungsjagd während eines Autorennens stirbt Michel. Ein trauriger Tag im Privatem, geschäftlich ein Scoop. Jede Zeitung berichtet vom tragischen Unfalltod. Die Auftragsbücher sprengen die Vorstellungskraft. Fehlt nur noch der private Erfolg.

Der kommt in Form von Claire daher. Hübsch ist gar kein Ausdruck für die zarte Fünfundzwanzigjährige, die das Herz des Fünfzigjährigen Lucien erobert. Hübsches Beiwerk zum hübschen Anwesen, das ganz hübsch ins hübsche Bild des erfolgreichen Unternehmers im Glanze des Erfolges passt. Doch das Gesetz von Licht und Schatten kann auch Lucien nicht außer Kraft setzen…

Seine Arbeiter – er betrachtet sie wirklich als „seine“ – streiken. Steine fliegen, Scheiben gehen zu Bruch, wer sich den Arbeitern in den Weg stellt, wird verprügelt. Claude ist ihm in dieser Zeit nur im Weg. Er hat nur eine Liebe, und hat Schornsteine, verpestet die Luft und sorgt für Bewegung.

Ralph Putnam ist die Rettung für die junge Strohwitwe, die sich nicht damit abfinden kann nur als schmückendes Beiwerk des Großindustriellen, des großen Mannes zu gelten. Ganz Paris schwärmt von Putnam, dem charmanten Tenor, dessen Gesang verzaubert und dessen Aussehen die Frauen scharenweise schwärmen lässt. Dass er ein „Negertenor“ ist, verstärkt nur den Reiz. Einen Reiz, dem sich auch Claude nicht vollends entziehen kann. Derweil geht Lucien neue Wege…

Wem die Geschichte des Autobauers ein wenig bekannt vorkommt, dem sei versichert, dass Philippe Soupault sehr wohl ein reales Vorbild für seinen Romanhelden im Auge hatte. Und zwar seinen Großonkel. Vielen ist der als Louis Renault bekannt.

Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten

Ganz praktisch gesehen, ist man mindestens einmal im Jahr froh über die Errungenschaften der Medizin. Nämlich dann, wenn der Zahnarztbesuch ansteht. Man stelle sich vor, der Bohrer würde noch handbetrieben sein. Das Wort Sterilität wäre eine Waffe aus „Game of Thrones“. Oder Schmerzmittel wären in erster Linie dazu da selbige zu verursachen…

50 Mal staunen, Kopfnicken und ein kräftiges Durchschnaufen. Der Titel lässt zuerst einmal die Neugier hochkochen. Dann einen Schauer über den Rücken laufen. Doch dann siegt doch der Wissensdurst und man blättert ein wenig im Buch herum. Oh weh, Chamberlens Geburtszange. Ein fieses Instrument. Und damit sollen Kinder auf die Welt gebracht werden? Doch spannender ist die Geschichte dahinter. Fest steht, es war ein Peter Chamberlens, der im 17. Jahrhundert diese Geburtszange erfand. Nur welcher? Es gab nämlich zwei. Zwei Peters. Und die waren auch noch Brüder. Nicht sonderlich einfallsreich, was da die Eltern bei der Namensvergabe abzogen. Umso einfallsreicher Peter, welcher auch immer. Der Ältere saß sogar im Knast, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, oder was man damals in England dafür hielt. Die Erfindung brachte erst einmal die Hebammen auf. Gebären war Frauensache, Geburtshilfe ebenso. Und mit Werkzeug bei diesem fast schon heiligen Moment hantieren, das ging gar nicht. Nichts hat’s geholfen, die Zange ist heute noch in modifizierter Form in Benutzung.

Gruseliger ist da schon eher der Anfang des Buches. Trepanierte Schädel. Sieht aus als ob jemand versucht hätte aus einem menschlichen Schädel eine Bowlingkugel zu basteln. Medizinisch sind es Bohrlöcher, die man immerhin bei fünf bis zehn Prozent der gefundenen Schädel von vor viertausend bis zehntausend Jahren entdeckt hat. Ob es da schon dieses Buch gegeben haben könnte? 50 Objekte, die die Geschichte der Medizin darlegen? Wohl kaum. Die Bilder erschrecken, dennoch wird das Verfahren noch heute angewandt, nennt sich aber Kraniotomie.

Wer jetzt Angst hat, dass dieses Buch einem sprichwörtlich den Boden unter den Beinen wegzieht, kann beruhigt werden. Es gibt auch weniger blutrünstige Verfahren und Objekte. So wie die Tontafeln aus Mesopotamien. Die enthielten nämlich auch medizinisches Wissen, das eine der ersten niedergeschriebenen Grundlagen bildete. Oder der Chinarindenbaum. Der enthält Chinin, wird bevorzugt in der Malaria-Prophylaxe und –Behandlung eingesetzt. Der Begriff Malaria stammt von den Römern – mala aria, schlechte Luft. Schon im 18. Jahrhundert hörte man von der „Wunderwirkung“, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es „salonfähig“. Von der Petrischale über die künstliche Niere bis zur Insulinspritze liest man sich in diesem Buch durch die Jahrtausende der Heilung und der Prävention. Die Illustrationen untermauern die historische Bedeutung der im Buch vorgestellten Errungenschaften, die Texte enthüllen so manches Geheimnis. Nur die Angst vorm Zahnarzt kann auch diese Buch nicht nehmen…

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

Die Entstehung der Arten

Bei all den Alleinstellungsmerkmalen, die man sich so ausdenkt, haben die meisten Hotelzimmer eines gemeinsam: Die Bibel im Nachttischchen oder offen präsentiert auf selbigem. Das Gegenstück würde sich ebenfalls gut an dieser Stelle machen. Im Gegensatz zur Bibel ist in diesem Fall der Autor bekannt: Charles Darwin. Und sein Werk heißt „Die Entstehung der Arten“. Alles, was in der heutigen Biologie erforscht wird, fußt auf seinen Erkenntnissen über die Entstehung dessen, was auf unserer Welt lebt. Und wenn man sich Portraits des Forschers aus seinen letzten Lebensjahren ansieht – weißer langer Rauschebart – kommt einem der Vergleich mit der Bibel und dessen Hauptakteur gar nicht mehr so abwegig vor…

Das erste Drittel des 19. Jahrhunderts war für Darwin die Zeit, in der er getrieben vom Wissensdurst sich aufmachte neue Welten zu entdecken und zu erkunden. Ihm reichte es nicht als erster seinen Fuß auf unbekanntes Territorium zu setzen. Er wollte dem Artenreichtum auf den Grund gehen.

Ihm fiel – vielleicht als einem der Ersten – auf, dass bei all den Unterschieden in der Tierwelt, immer wieder Gemeinsamkeiten untereinander hervortraten. Das muss doch irgendwie Ursachen haben, dachte er sich. Nach und nach entwickelte er seine Theorien unter anderem zur Anpassung, Mutation oder natürlicher Auslese. Bei Letzter überlebt nicht der Stärkste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste – ein Schlag ins Gesicht von so manchen „Propaganda-Spezi“.

Als „On the origin of species“ erschien, war das Geschrei groß. Darwin, der Verrückte, der Phantast, hieß es. Heute ist sein Hauptwerk, nicht mehr nur allein sein Werk, es ist Lehrbuch, vergöttertes Standardwerk und Fibel für die Kleinsten in Einem. Besonders diese Ausgabe erfüllt diese drei Kriterien. Inhaltlich ist es das Buch, das so manchen lernbefreitem Schüler die Lust an der Biologie wieder zurückgibt, gestalterisch ist es ein Kunstwerk, das sich nur in einem Prachtband wie diesem richtig entfalten kann.

Der Einband lässt die Vermutung keimen, dass sich in diesem Buch noch mehr eindrucksvoll gestaltete Abbildungen verbergen. Diese Annahme ist nur zum Teil richtig: Sie verbergen sich nicht, sondern sie präsentieren sich ganz schamlos dem Leser. Neben Abbildungen aus der Originalausgabe glänzen Photographien, teils historisch, teils aktuell, und begeistern den Leser. Das Highlight sind aber zweifelsohne die zahlreichen Zeichnungen von Lebewesen, die in ihrer Detailtreue und vor allem Detailfülle den Froscherdrang im Leser anheizen. Die Erläuterungen, die Texte, die Theorien sind nicht nur ausgemachte Experten verständlich, sondern machen Darwins Erkenntnisse greifbar.

Diesen Prachtband nur als Weihnachtsgeschenk anzusehen, wäre fatal. Klar ist, dass man mit diesem Geschenk unumschränkten Beifall ernten wird. Doch der Ruf des Buches ist weitaus lauter als man es vermutet. Reich bebilderte Bände gibt es zuhauf. Doch Wissensvermittlung mit exzellenter Aufbereitung des Inhaltes wurde nie so umfangreich und eindrucksvoll an den Leser gebracht. Nicht nur wegen des Gewichtes und der Maße ein echtes Schwergewicht, sondern vor allem inhaltlich und gestalterisch.

München und das Auto

Das Oktoberfest ist vorüber, die Wunden sind geleckt und der Verkehr in der bayrischen Landeshauptstadt läuft wieder „normal“. Was man halt so als „normal“ bezeichnet. Denn Großstädte haben keinen „normalen“ Straßenverkehr, bestenfalls „normalen“ stockenden Verkehr.

Für Verkehrsplaner ist es eine Mischung aus Methusalem- und Sisyphosaufgabe diesen Fluss zu leiten, Historisches an Ort und Stelle zu belassen sowie diesen Fluss nicht der eigentlichen Bedeutung zu berauben. Seit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an München hat sich die Stadt gravierend geändert. Ein Dorf mit einer Million Einwohnern bekommen sie Spiele, lästerten die Spötter damals. Heute ist aus dem Dorf von einst eine Stadt mit weit über eine Million Einwohner geworden, die den Standard in puncto Lebensqualität für den Rest Deutschlands vorgibt. Die nördlichste Stadt Italiens nennen es die Tourismuslenker. Doch wer Touristen beherbergen will, muss sie ziehen lassen (können). München hat viel zu bieten, was lohnt besucht zu werden. Flexible Mobilität in Zeiten erhöhter PKW-Zahlen ist essentiell für eine Stadt wie München.

Axel Winterstein wirft einen Blick zurück auf die Veränderungen in der Stadt mit besonderem Augenmerk auf die verkehrstechnische Entwicklung. Wer vom Hirschgarten  zum Stachus fährt auf die Fahrbahn hinausschaut, sieht nur wenige Vehikel rollen. 1900, als in München die erste Fahrprüfung weltweit absolviert wurde (20 Prozent der Prüfling fielen durch, weil ihr Gefährt den Anforderungen der Prüfer nicht standhielt), waren weniger Fahrzeuge zugelassen als heute in einer Spur an einer roten Ampel stehen.

Kriege verändern überall auf der Welt das Antlitz einer Stadt. Der Wiederaufbau bot den Stadtplanern die Chance nicht Zerstörtes, Bewahrenswertes, Wiederaufzubauendes in die neue Zeit zu integrieren. Immer mehr Fahrzeuge „bevölkerten“ die Wege, wo nur ein paar Jahrzehnte zuvor dampfende Pferdehäuferl die Luft verpesteten. Bereits 1905 sollte Pläne erstellt werden eine U-Bahn in München zu installieren. Der Plan wurde verworfen, da sich eine Bahn wie in Paris und Berlin erst ab einer Einwohnerzahl von einer Million rechnet. Könnten Verkehrsplaner alles so genau voraussehen, würde das Wort Stau auf der Liste der bedrohten Wörter stehen.

„München und das Auto“ ist sicher kein Reiseratgeber im herkömmlichen Sinn. Die „Kleinen Münchner Geschichten“, die durch dieses Buch zweifelsohne bereichert wird (unter anderem handeln sie vom Fußball oder dem Tod, also den Friedhöfen, in München), sind ideale Zusatzlektüre für einen Besuch – egal wie lang – in Weltstadt mit Herz. Kleien Anekdoten lockern die faktenbeladenen Kapitel auf, so dass sich dieses Buch in einem Ritt durchlesen lässt. Ohne ins Stocken zu geraten, zeigt sich München so wie es sich gern nach außen präsentiert: Offen, modern, zugängig. Eine Rundfahrt ohne die Umwelt zu belasten, die dem Leser mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen des Fortschritts erlaubt.

Maximilian I. von Bayern – Der eiserne Kurfürst

Bayern und seine (adligen) Regenten – da fällt einem sofort der Kini ein, Ludwig II., der in den „Fluten“ des Starnberger Sees den selbst erwählten Tod fand. Sein Zuckerbäckerbauwahn hält seinen Mythos bis heute wach. Doch sein Macht- und vor allem Prachtentfaltung ist nicht allein „auf seinem Mist gewachsen“, da gehörte jahrhundertelange Vorbereitung dazu.

Maximilian I. von Bayern ist einer der Ersten des Landes, der eine besondere Erwähnung in den Geschichtsbüchern finden sollte. Umso erstaunlicher, dass dies nicht so umfänglich geschehen ist, wie man meinen sollte. Das ändert sich mit dieser Biographie von Marcus Junkelmann. Der eiserne Kurfürst wird Maximilian I., ab 1623 Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, im Untertitel genannt. Mit diesem Beinamen kann man schon Staat machen. Man denke nur an Bismarck als den Eisernen Kanzler oder Margret Thatcher, die Eiserne Lady.

Ende des 16. Jahrhunderts ist der bayrische Staat Pleite. Herzog Wilhelm V. von Bayern war kein Finanzgenie und übergab dem Sohn Maximilian einen Apparat der nur eingeschränkt handlungsunfähig war. Und er übergab ihm einen Schatz von 1200 Gulden. Für einen Bauern, Angestellten oder Soldaten ein ausreichender Barschatz, für einen Regenten nicht mal ein Tropfen, der ein Fass zum überlaufen bringen könnte. Wohlgemerkt: Die 1200 Gulden waren in bar jederzeit verfügbar. Maximilians Großvater Albrecht V. hinterließ immerhin 715000 Gulden, die in den Gewölben der Burg zu Burghausen lagerten. Und nun musste Maximilian – testamentarisch verfügt – diesen Schatz wieder auffüllen.

Zunächst einmal wurde er Unternehmer. Sehr fortschrittlich in einer Zeit, in der der Absolutismus, den Maximilian in Bayern sozusagen erfolgreich einführte, als Staatsform en vogue war. Bayern war zuvor ein Weinland. Man trank mehr Wein als man es heute vermutet. Politisch wehte ein rauer, klimatisch ein kühler Wind. Der Wein gedieh nicht mehr recht, und so wurde immer mehr Hopfen aus Böhmen importiert. Unternehmerisch unklug. Bayern wurden zum Hopfenland. Die Bierproduktion stieg. Und Maximilian sah das Potential, das darin lag. Zahlreiche Brauereien gehörten ihm. Das Weißbiermonopol war geboren. Und die Gewölbe in Burghausen wurden vom Glanz des Geldes wieder gewärmt. Und zwar so sehr, dass Rücklagen für Friedenszeiten (wenn also das Heer nicht gebraucht und somit teilweise freigestellt wurde) angehäuft werden konnten. Er leih sogar einem Florenzer Bankhaus Geld.

Politisch ist Maximilian der Bund mit den Franzosen hoch anzurechnen. Mittlerweile stiegen in Europa die Rauchsäulen des Dreißigjährigen Krieges gen Himmel. Bayern hatte so eine Art Neutralitätsstatus. Geschickt hielt der Regent das Kriegstreiben aus seinem Land weitgehend heraus.

Marcus Junkelmann gibt Maximilian I. von Bayern die Würdigung, die dem Herrscher lange Zeit versagt blieb. Andere Monarchen waren anscheinend spannender. Die Zahl der Bücher über Maximilian I. ist überschaubar. Dieses Buch sticht durch seine Detailtreue und den enormen Faktenreichtum aus der Reihe der „Kleinen bayrischen Biographien“ heraus. Wer weiß schon, was sein Herrscher verdient? Damals wusste es auch niemand, heute ist es nachzulesen, in diesem Buch. Bayern war nicht immer der Vorzeigestaat, der es heutzutage zu sein scheint. Die Grundlagen für gesundes Wirtschaften (auf dem Papier) wurden vor rund vier Jahrhunderten gelegt. Und Maximilian I. von Bayern war grundlegend daran beteiligt.

Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Lesbos, ägäisches Eiland vor den Toren des Orients. Irgendwann am Nachmittag, am Strand, an einer Lagune sitzt ein Mann und schreibt. Er scheint zu grübeln. Ach ja, wir sind in einer Zeit, die knapp zweieinhalb Jahrtausende zurückliegt. Und der Mann, der da im Strand sitzt, erholt sich keineswegs im Sabatical, wie es heutzutage gern mal gemacht wird, sondern grübelt tatsächlich. Psst, ganz unter uns, er erfindet gerade die Naturwissenschaften. Sein Name: Aristoteles.

Naja, ganz so locker sollte man die Geschichte dieses Buches nicht nehmen. Armand Marie Leroi, Professor für Evolutionäre Entwicklungsbiologie in London, nimmt den großen Denker und seine – bis heute anhaltende – Vorreiterrolle auch nicht auf die leichte Schulter. Wohl auch deswegen ist dieses Buch in vielfacher Hinsicht ein Schwergewicht.

Natürlich hat Aristoteles die Naturwissenschaften nicht erfunden. Die waren schon immer da, nur hat man sie eben nicht erkannt bzw. sie formuliert bzw. nicht mit ihnen hantiert. Wie auch immer, Lesbos war ein Zufluchtsort für Aristoteles. Seine Lehrtätigkeit an der Akademie in Athen ruhte, weil er sich nach Platons Tod dort nicht mehr wohlfühlte. Er folgte dem Ruf Hermias‘, der auf dem Lesbos gegenüberliegenden Festland regierte. Hier konnte er sich voll und ganz seinen Studien widmen. Klingt nicht gerade spannend, doch Aristoteles war kein Erbsenzähler, er war derjenige, der die Regeln unseres Universums auf den Weg brachte und entscheidende Vorformulierungen niederschrieb. Insofern ist er für den Physik- Chemie- und auch den Biologieunterricht unserer Zeit mitverantwortlich. Bitte jetzt kein Aufstöhnen!

„Die Lagune“ ist kein Buch, das man mal so nebenbei beschreibt. Man muss es lesen. Natürlich gibt es keine vollends wahrhaftigen Quellen aus dieser Zeit. Kein digitales Erbe steht heutigen Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Texte über Aristoteles sind tendenziös und meist von Bewunderung oder Missgunst verfasst. Der etwas aufmüpfige Titel macht neugierig, die Dicke und Schwere des Buches lassen nicht minder schwergewichtigen Inhalt erahnen, die Aufmachung lässt die nötige Ernsthaftigkeit des Projektes in den Vordergrund rücken. Anders als so mancher Wissenschaftler, der mit altbackenem Humor und seinem Oberflächenwissen Quote machen will, überzeugt Leroi mit Wissen bis in die untersten Schichten. Dabei vergisst er niemals den Leser mitzunehmen auf eine Reise, die ihn gleichermaßen in die Vergangenheit als auch in die Zukunft entführt. Man kann dieses Buch an den  Stränden von Lesbos lesen, muss man aber nicht. Man kann im Physikunterricht den Lehrer mit Fleiß und Wissen beglückt haben, muss man aber nicht. Wer sich die Mühe macht und „Die Lagune“ mit Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit liest, wird es mit mehr als einem Lächeln und Erhellung auf ganzer Linie wieder zuklappen und ab und an wieder hervorkramen. Dafür sorgt allein schon die stilsichere Schreibweise des Autors.

1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.