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Kalabrien und Basilikata

Ganz im Süden ist das Leben noch erfrischend. Die Luft riecht nach Abenteuer. Sie Sicht ist durch die flirrende Sonne getrübt. Kalabrien und Basilikata sind für Italienreisende schon eine gewagte Übung. Kurz hinter Neapel, kurz vor Sizilien. Dazwischen schien lange eine terra incognita zu liegen. Meer und Berge – das gibt’s auch woanders. Warum also bis hier runter reisen, warum nicht weiter bis Sizilien?

Ganz einfach! Weil man es kann, und weil es einen Reiseband vom Michael Müller-Verlag gibt! Zugegeben, nicht für jedermann ein Totschlagargument. Aber ganz von der Hand zu weisen ist es eben doch nicht.

Annette Krus-Bonazza ist die auskunftsfreudige Expeditionsleiterin in diesem Buch. Kalabrien als Alternative zu Sizilien und Apulien – das haben schon viele Touristen nicht eine Sekunde in ihrem wohlverdienten Urlaub so gesehen. Doch Basilikata, die Basilikata, fünf Silben, die erst einmal für Fragezeichen über den Köpfen sorgen, erzählt man wohin es demnächst gehen soll. Klingt schon nach Süden, nach geheimnisvollen Routen.

Das Gremium, das alljährlich die Kulturhauptstadt Europas zu europäischer Ausgelassenheit auffordert, hat die Stadt Matera als eine der beiden Städte (neben dem bulgarischen Plovdiv) auserkoren. Eine Stadt, die durch ihre Felsenkirchen, in den Fels gehauene Häuser und unterirdische Infrastruktur von außen wie innen den Besucher begeistert. Mit einem Mal waren Fernsehteams aus aller Welt in der kleinen Stadt, um zu berichten, was die Welt bisher nicht kannte.

Doch Matera ist bei Weitem nicht der einzige Ort, den man in der Basilikata besuchen sollte. Ihn auszulassen, wäre aber ein noch größerer Fehler. Ebenso irrt, wer meint, dass in dieser dörflichen erscheinenden Landschaft alles zu finden sei außer Nervenkitzel. Der Ponte alla Luna führt nicht wie der Name vermuten lässt in den Orbit, sondern lediglich an das gegenüber liegende Ufer einer Schlucht. Wer unbedingt ganz festen Boden unter seinen Füßen braucht, bekommt hier den Adrenalinkick seines Lebens. Die Belohnung wartet in Form eines gläsernen Skywalks und einer umwerfenden Aussicht. Ausgangspunkt ist das Dörfchen Sasso die Castalda in der Nähe von Potenza.

Nicht weniger Potenzial bietet Belvedere Marittimo und Cittadella del Capo. Schon allein die Namen künden von vollendeter Pracht und Erholung. Annette Krus-Bonazza hat auch gleich noch einen privaten Tipp für die zweite Seite eines gelungenen Urlaubs zur Hand: Die Familie Raffo-Monetta besuchen. Beziehungsweise ihr Fischrestaurant. Schon beim Lesen bekommt Appetit und sieht das Meer vor dem geistigen Auge Wellen schlagen.

Nicht erst durch die Dauerberichterstattung in Reisesendungen ist der Süden Italiens in den Fokus neuer Besucher gerückt. Die berichten aber nur von dem, was ohnehin sichtbar ist. Annette Krus-Bonazza übergeht diese Dinge nicht, schaut aber viel weiter als so manches Kameraobjektiv. Vor ihrer Neugier ist keine Höhle, kein Park, kein Aussichtspunkt, keine Taverne sicher. Spannend erzählt sie von den kleinen und großen Geheimnissen, den verborgenen Schätzen, den nachhaltig wirkenden Plätzen, die man nie wieder vergessen wird.

Als Leser erlebt man eine Metamorphose. Vom neugierigen Durchblätter wird man zum aufgeregten Umblätterer, nur um festzustellen, dass die Welt in Kalabrien und Basilikata schnellstmöglich erkundet werden muss. Angst, dass man etwas verpasst, muss man nicht haben. Annette Krus-Bonazza hat alles (alles!) genau im Blick und teilt ihr Wissen gern mit wissbegierigen Besuchern.

Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen

Ein echtes Buch für Männer! Ein Buch für echte Männer! Und ein Titel zu dem man sofort eine Meinung hat bzw. etwas zu sagen hat. Mal im Spaß, mal im Ernst.

Doch so einfach macht es sich die Herausgeberin Barbara Sichtermann nicht! Es sind Texte die fast ein ganzes Jahrhundert alt sind. Der Begriff „moderne Frau“ oder eben „Frau von morgen“ existiert bereits. Die Goldenen Zwanziger sind schon Geschichte, wenn auch noch greifbar, da bat der E. A. Seemann Verlag Männer mit Gewicht in der Stimme Texte zu diesem Thema zu schreiben. 1929 sollten sie (und wurden auch) veröffentlicht werden. Zehn Jahre nach dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Frauenwahlrecht eingeführt? Ja so sachlich nannte man es damals – heute würde auch weniger Leidenschaft in die Formulierung gelegt werden. So viel hat sich seitdem also auch nicht verändert. Frauen durften wählen. Punkt!

Die wohl bekanntesten Namen in diesem Buch sind Stefan Zweig und Max Brod. Auch ihnen entging nicht, dass das vorherrschende Klischee der Frau am Herd wohl bald der Vergangenheit angehören wurde. Die industrielle Revolution – von Männerhand erdacht und erschaffen – zog in langen Bahnen auch den Kampf für faire Bedingungen am Arbeitsplatz hinter sich her. Sozialversicherungen wurden eingeführt. Alles so weit in Ordnung, doch die Frau durfte ihr angestammtes Revier, Herd und Bett, nicht verlassen.

Fast allen Texten – von den bereits erwähnten beiden Schriftstellern über den Journalisten Alfons Paquet und Robert Musil bis hin zu Otto Flake und Frank Thiess – ist es gemein, dass Inhalt und Überzeugung nicht die gesamte Strecke Hand in Hand gehen. Wüste Theorien aus utopo-kommunistischen Zeiten, in denen Kinder nach der Geburt in Kinderlagern erzogen werden, Frauen und Männer gleichberechtigt ausgebeutet werden, und Zeiten, in denen das Individuum in der Masse untergeht. Von Familie keine Spur. Nicht gerade realistisch. Aber das sollten die Texte vielleicht auch nicht sein.

Die Frau geht in ihrer Rolle als Sie neben Ihm auf. So war es und nach Ansicht der Autoren wird sich daran auch nicht so viel ändern. Überspitzt gesagt, ein bisschen mehr Haushaltsgeld und Entscheidungsfreiheit, was auf den Tisch kommt, dürfte für den Anfang reichen. Die gegenwärtigen Verhältnisse können modifiziert, aber um keinen Preis der Welt aus den Fugen geraten. Natürlich spricht das keiner offen aus. Wahrscheinlich denkt kaum einer in diese Richtung. Zu festgefahren sind die Rollenbilder.

Ist dieses Buch nun ein Buch für echte Männer? Aber ja doch. Nicht, um zu recherchieren, was an Katastrophen auf einen zukommt á la „man muss den Feind kennen, um ihn besiegen zu können“. Wie in so vielen Texten liegt die Wahrheit in den Worten und zwischen den Zeilen. So mancher Chauvi wird sich erstaunt die Augen reiben, was es denn tatsächlich bedeutet Gleichberechtigung Eins zu Eins umzusetzen. Es gehört mehr dazu als sich die meisten vorstellen können. Wem dieses Thema auch nach der Lektüre immer noch zu fremd und zu fern ist, der hat zumindest klangvolle Ideen gelesen, die trotz des Alters immer noch aktuell sind.

Zu Hause im 20. Jahrhundert – Hermann Kesten

Dieses Leben wartete nur darauf endlich komplett niedergeschrieben zu werden. Er war der niemals stille Beobachter des 20. Jahrhunderts. Geboren 1900, war seine Berufswahl von Anfang an klar: Schriftsteller. Worte formen und zusammenstellen, um zu berichten.

Im Alter von vier Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern aus dem heute ukrainischen Galizien nach Nürnberg. Hier ging er zur Schule, besuchte Kaffeehäuser, stürzte sich in die Bibliothek seines Vaters. Bis der Krieg seinem bis dahin sorglosem Leben die erste Schramme versetze. Sein über alles geliebter Vater fiel im Krieg. In der Stadt, in der seine Mutter geboren wurde. An dem Tag als seine jüngere Schwester ihren 14. Geburtstag feierte.

Schon früh war sich Kesten der Wirkung seiner Texte bewusst. Wenn er veröffentlichte, dann nur bei renommierten Zeitungen oder Verlagen. Ein Studienfreund lotste ihn schließlich zum Verlag von Gustav Kiepenheuer. Es ist die herrlichste Zeit in seinem Leben. Er kann selbst schreiben und wird veröffentlicht. Er holt Dichter in den Verlag, die veröffentlicht werden. Er heiratet. Doch Berlin ist seiner nicht gewachsen. Die ewigen Literatenzirkel engen ihn ein. Er kennt jeden, der schreibt. Alle, die schreiben, kennen ihn. Doch so recht dazuzugehören, scheint Hermann Kesten nicht. Die ungewöhnliche Arbeitssituation geht auch im Privaten vollkommen auf. Neben Toni, seiner Frau, die aus Nürnberg zu ihm kam, wohnt auch noch seine Mutter bei dem jungen Paar in Charlottenburg.

Und wieder ist es ein gewaltiges Erlebnis – nach dem kriegsbedingten Tod des Vaters – dass ihn zwingt die nicht unbedingt geliebte Heimat, Berlin, Deutschland zu verlassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist es für ihn, jüdischen Glaubens, unmöglich weiterhin in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dass er unbewusst die braune Brut im Verlag untergebracht hat, befeuert seine „Reisepläne“ immens und bestärkt ihn in seinem Beschluss. Keine schlechte Wahl. Als einer der ersten begibt er sich ins Exil nach Frankreich, wird später so was wie der Herbergsvater einer ganzen Schriftstellergeneration, als Dichter wie Mann, Feuchtwanger oder Roth im südfranzösischen Sanary sur mer einen zeitlich begrenzten Hort der Ruhe fanden.

1940 kehrt Kesten Europa endgültig den Rücken. New York wird seine neues zuhause, ein Jahrzehnt findet er dies in Rom und 1977, dem Jahr als seine Frau starb, lässt er sich in der Schweiz nieder, wo er 1996 starb.

Albert M. Debrunner hat sich jahrzehntelang mit Hermann Kesten beschäftigt. Seine Biografie eines unermüdlichen Schreibers, eines Verfechters der deutschen Sprache ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten, es ist ein spannungsgeladener Krimi eines Mannes, der sich seine Umgebung nicht immer zurechtbiegen konnte. Mit Liebe und Hingabe – so wie Kesten sich selbst auch verstand – gelingt ihm das Kunststück einen teils vergessenen Literaten die wohlverdiente Ehrung zukommen zu lassen. Kestens Weg und Kestens Werk sind aus den Bestsellerlisten längst verschwunden. Wer jedoch die Poesie in der deutschen Sprache sucht, findet sie bei Kesten in jeder Silbe. Debrunners Biographie ist das Silbertablett, auf dem Kestens Leben ein sanftes Ruhekissen findet.

Saxones

Die Sachsen haben die stille Revolution begonnen, die zum Zusammenschluss beider deutscher Staaten führte. Hier liegt die Wiege der deutschen Hochsprache, dank Lessing. Doch das Land, das von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Tschechien und Polen umrandet wird, trägt seinen Namen und seine Geschichte weit darüber hinaus. Das Land Niedersachsen ist nicht nur sprachlich den Sachsen verbunden. In einer Ausstellung, die bis zum 18. August im Landesmuseum Hannover und vom 21. September 2019 bis Ende Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum wird die nachhaltige Geschichte der Sachsen mit zahlreichen eindrucksvollen Exponaten erlebbar gemacht. Als Begleitband zur Ausstellung, als Appetithäppchen vor dem Museumsbesuch oder / und als Erinnerungsstück danach sind die knapp vierhundert Seiten ein wahres Füllhorn an überraschenden Einblicken in eine Kultur, die seit über tausend Jahren maßgeblich die deutsche Geschichte geprägt hat.

Die Hinterlassenschaften wie Schmuckstücke, Werkzeuge, Alltagsgegenstände auf einmal zu erfassen, ist unmöglich. Eine Vielzahl von Forschern hat sich auf diesem Gebiet hervorgetan und präsentiert in diesem Katalog die Erkenntnisse der Forschungen. Manchmal spannend wie ein Krimi, immer sachlich fundiert, liegt ein echter Schatz in den Händen des Lesers. Schon vor rund zweitausend Jahren bekamen die römischen Invasoren die scharfen Klingen der Sachsen zu spüren. In Hedemünden an der Werra wurden mehr oder weniger gut erhaltene Dolche aus dem Leib der Erde entnommen und sind nun wieder zu bestaunen.

Selbst so nützliche Alltagsdinge wie ein Eimer zeugen von der Kunstfertigkeit der Sachsen. Der Hemmoorer Eimer, der im Landkreis Cuxhaven gefunden wurde, beeindruckt durch die zahlreichen Verzierungen, die man heutzutage in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser vergeblich sucht.

Landkarten, Skizzen, Fotos von Ausgrabungsstellen bereichern jedes Kapitel in diesem Buch. Sie zeugen von der gewissenhaften Arbeit der Archäologen, die nicht müde werden unter der Oberfläche die Vergangenheit ans Tageslicht zu holen.

Der alte Gassenhauer von den Sachsen, der das reisen so sehr liebt, bekommt durch die Ausstellung und auch dieses Buch eine zusätzliche Komponente, die Sachsen, aber auch alle anderen Völker des deutschen Sprachraumes in Erstaunen versetzen wird.

Eine kurze Geschichte der Fotografie

Warum nur sehen meine Bilder nie so aus wie die in Magazinen, auf Plakaten oder in Museen? Es ist doch nur ein Kamera durch die man sehen muss, klick, fertig. Ja, wenn das so einfach wäre, wir würden alle van Gogh heißen. Wie in jeder Kunstart denkt man nur allzu gern, dass man das auch kann. Und dann? Alles verwischt, zu dunkel, zu hell, Bildausschnitt zu eng, zu weit. Es ist schon ein Kreuz mit der Kunst! Sie zu verstehen … ein Buch mit sieben Siegeln.

Zumindest, was die Fotografie im Allgemeinen betrifft, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sachen Verständnis in Sichtweite. Ian Haydn Smith (bei dem Namen denkt man zuerst an einen Kunstführer durch die Musik) hat die bis vor Kurzem jüngste Kunstrichtung (Video ist noch jünger, aber wohl eher ein Ableger der Fotografie) unter die Lupe genommen und analysiert. Einfach abdrücken, aufs Vögelchen warten und Bild betrachten – das sind im besten Fall die Basiseigenschaften der Fotografie. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Stilrichtungen und Spielarten, die man auf den ersten Blick gar nicht auf dem Schirm hat.

Ein bunter Spaziergang durch die Geschichte – klingt nach einem Rundgang durch alte Gemäuer, angereichert mit ein paar Schauergeschichten und unvergesslichen Eindrücken. So ergeht es einem auch – die Schauergeschichten sind in diesem Fall Hintergrundinfos – beim ersten Durchblättern. Man sucht das eine oder andere Bild, das man schon kennt. Das Portrait von Che Guevara, die napalmverbrannten Kinder in Vietnam oder James Dean mit hochgeschlagenem Mantelkragen in New York.  Vielleicht sind dem Leser ein paar Namen schon bekannt: Frank Capa, Man Ray oder auch Anne Leibovitz. Der Einstieg ist somit schon getan.

Mit der Entwicklung von Apparaten und Entwicklungstechniken wurden immer mehr Möglichkeiten geschaffen den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Ein Schnappschuss, der erst beim entwickelten Foto seine ganze Anziehungskraft entfaltet oder ein gestelltes Modefoto schwimmen emotional auf Augenhöhe. Der Augenblick wird zur endlosen Route der Gefühle. Man steht vor einem Bild und spinnt sich seine eigene Geschichte um dieses zweidimensionale Objekt. Was geschah just zu dem Zeitpunkt als der Fotograf den Auslöser drückte?

Bekannte Namen, vergessene Namen, Künstler, die ihre Zeit prägten, einen Stil vorgaben und ihrer Kunst den Stempel aufdrückten – ausnahmslos alle versammeln sich in diesem Buch, das aus dem Leser / Betrachter sicherlich keinen besseren Fotografen machen, aber das Auge für moderne Kunst schult.

Faschist werden

Der Titel fällt auf! Und wem das Wort Humanismus genau so locker von der Zunge geht wie die Brötchenbestellung beim Bäcker, der erkennt auch, dass dieses Buch keineswegs eine Anleitung zur Kehrtwende ist, sondern eine im tiefsten Herzen verankerte Satire. Michela Murgia, die mit ihren fantasievollen Geschichten aus ihrer Heimat Sardinien schon so manche Musestunde bescherte, wagt einen – mehr als gelungenen, so viel sei schon mal verraten – Ausflug ins ernste Fach.

Der Faschismus ist die simpelste Form des Zusammenlebens. Dem F in Faschismus liegen zwei weitere Fs zu Grunde: Führer und Feindbild. Ohne die geht es nicht! Für etwas zu sein, ist immer schwieriger, weil es eine Begründung braucht und eine Lösung einfordert. Gegen etwas zu sein, macht es einfach Massen zu mobilisieren. Sobald sich das Gegenüber aber selbst Gedanken machen muss, wird es kompliziert. Und der Faschismus bzw. dessen Agitatoren kommen ins Schwimmen.

Also braucht man eine starke Hand. Einen, der die Trillerpfeife bläst und alle nach seinem Plan marschieren lässt. Dabei darf er allerdings nie das Heft des Handelns aus der Hand geben. Das ist sein Aufgabenbereich, nicht der der Anderen. Es ist bequem zu wissen, dass es jemanden gibt, der diese Aufgaben

Erledigt und nach seinem eigenen Diktat auch lebt. Diktatoren, pardon Führer, die dies tun, haben erfahrungsgemäß eine längere Überlebenszeit als die, die immer nur andere die eigenen Aufgaben erledigen lassen. Handlanger und die, die sich als solche bezeichnen, kommen schnell unter die Räder. Adolf Eichmann konnte davon ein Lied singen.

Jeder hat sicher schon mal den launigen Spruch von der starken Hand gehört oder selbst schon einmal ausgesprochen. Immer dann, wenn man an die eigenen Grenzen stößt, erhallt der Ruf nach Härte und Strenge. Dass „die da oben“ zuerst eigene Interessen vertreten, wird schnell beiseite gewischt. Demokratie ist Verhandlungssache. Und nicht immer will man alles ausdiskutieren. Zu oft schon kam schlussendlich nichts „Zählbares“ dabei raus. Wenn man die Argumente jedoch bis zum Schluss einmal durch exerziert, ist dem nicht so, was jedoch einen riesigen Aufwand bedeuten würde. Also doch lieber draufhauen und nach Regeln verlangen. Schon bei der abendlichen Freizeitgestaltung setzt bei vielen der Demokratiegedanke aus. Wer die Fernbedienung in den Händen hält, ist König, oder Führer. Wie schwer ist es erst eine Millionenbevölkerung unter einen Hut zu bekommen? Links und rechts eine Ohrfeige und alles läuft nach (dem eigenen) Plan?! Wie viel Faschist steckt in jedem von uns. Michela Murgia treibt es in ihrem Büchlein auf die Spitze. Sie ist weit von einer Faschistin entfernt, gibt jedoch zu, dass auch sie schon schwache Momente hatte, in denen ihr der Gedanke kam, dass doch nicht alles schlecht sei an dem Bund-Tum. Faschismus leitet sich vom italienischen fascio – Bund ab. Für dieses Buch spann sie diese Gedanken weiter. Am Ende des Buches – und dieses Mal sollte man nicht schon vorher „in den Lösungsteil“ schauen – hat sie einen Fragebogen, das so genannte Faschistometer, erfunden. Fünfundsechzig Fragen und Behauptungen, die man entweder gut oder schlecht findet. Es gibt nur diese zwei Antwortmöglichkeiten, kein naja, jein oder ähnliches Herumgestammele. Je nachdem wie viele Behauptungen daraus man für sich selbst einfordert (oder gut findet), wird man im Nachgang lesen können, wie weit der innere Faschismus schon gediehen ist. Erschreckend und ernüchternd für den Einen oder Anderen. „Faschist werden. Eine Anleitung“ ist sachlich unterhaltsam, ohne zu diffamieren oder anzuklagen. Nach LTI von Victor Klemperer eines der wichtigsten Bücher zu diesem Thema. Für Aufsehen sorgt das Buch allemal: Pink und Faschismus. Als Lektüre in Bus und Bahn. Oder wenn man seine Bestellung aus der Buchhandlung seines Vertrauens abholt mit den Worten: „Ich möchte gern Faschist werden … abholen“. Ausprobieren!

Tirza Atar. Wenn alles berührt

Eine Biografie über eine Frau, die nicht einmal bei Wikipedia erscheint? Da sind die herkömmlichen Medien den digitalen endlich mal einen Schritt voraus. Aber mal ganz ehrlich, wer kennt Tirza Atar? Das wird sich mit diesem Buch schlagartig ändern.

Die israelische Poetin Tirza Atar wurde 1941 in Tel Aviv geboren, wo sie auch sechsunddreißig Jahre später starb. Sie war die Tochter des bekannteren Literaten Nathan Alterman. Der Untertitel „Wenn alles berührt“ weist auf eine verletzliche Seele hin, wie man so schön sagt. In Essays und texten kommt der Leser der unbekannten Tirza Atar auf die Spur.

Der Nachname ist ein Pseudonym. Nach einem abgebrochenem Schauspielstudium in New York kehrt Tirza Atar zurück in ihr Heimatland. Die Texte aus ihrer Feder werden allerdings erst Jahre nach ihrem Tod im Archiv ihres Vaters entdeckt. Zu Lebzeiten war Tirza Atar immer die Tochter von Nathan Alterman. Ein trauriges Schicksal für eine empfindsame Frau, die der Welt so viel zu verraten, im Sinne von preiszugeben hatte.

Einzelne Texte hat die Autorin Gundula Schiffer in diesem Buch zusammengetragen und den entsprechenden Rahmen mit Erläuterungen versehen.

Für den Leser eine neue Erfahrung. Denn wer nicht gerade den Dokumentarfilm „Bird in the room“ über die israelische Autorin gesehen hat, der wird mit den meisten Formulierungen nicht viel anfangen können. Ob Tirza Atar traurig war, heutzutage würde man vorbehaltlos von Depressionen sprechen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aber ist das wichtig? Nein! Sie lässt ihre Texte für sich sprechen. Eine gewisse Schwermut kann man hier und da schon feststellen. Doch im gleichen Maße aber auch eine unbändige Lebensfaszination, die sie ergriff und nie los ließ. Bis zu jenem 7. September 1977, als sie wahrscheinlich die Bauarbeiter von gegenüber um etwas Ruhe bitten wollte. Sie verlor den Halt und stürzte mehrere Stockwerke tief in den Tod.

Über vierzig Jahre sollte es dauern bis man auch in Europa etwas von Tirza Atar vernehmen soll. Dem Verlag Edition Karo ist es zu verdanken, dass Tirza Atar nicht mehr nur eine Randbemerkung der Literaturgeschichte Israels ist – die Gesamtausgabe ihres Werkes ist auch dort erst seit ein paar Jahren erhältlich – sondern dank ihrer Gedichte und Texte eine kleine Renaissance erleben kann.

Tattoo & Religion

Wer vor Jahrhunderten seinen Freigeist, sein Weltgewandtheit, sein Weltenwissen demonstrieren wollte, zeigte nur allzu gern seine Tätowierung(en). Ein Seemann schmückte Arm und Oberkörper mit einem Kreuz, einem Herz und einem Anker. Glaube, Liebe, Hoffnung. Somit war klar, dass hier einer einem gegenübersteht, der die Welt gesehen hat, den kein Sturm so leicht umhaut. Dann kamen die Knasttätowierungen. Ein Träne am Auge, drei Punkte auf dem Handrücken – Vorsicht!, der kann auch anders! Und heute? Die Schlampenstempel gehören der Vergangenheit an – zu Beginn des Jahrtausends waren sich noch ein Zugehörigkeitssymbol des Abgrenzens, is noch gar nicht so lange her.

Tausende von Tattoo-Studios überleben dank des anhaltenden Dranges sich ewig als einzigartig darzustellen. Wie bei so vielen Trends kristallisieren sich aber immer wieder echte Könner ihres Faches heraus, die die breite Masse an „Handwerkern“ im schwammigen Licht ihrer verwischten Hautbildchen in die Bedeutungslosigkeit rücken.

Und so gibt es zahlreiche Bücher mit zahlreichen Bildern von mehr oder weniger originellen Tattoos. Paul-Henri Campbell sticht mit seinem Buch „Tattoo & Religion“ aus dieser Masse auffällig hervor. Er interviewte rund um den Erdball wahre Meister, die mit der Nadel wahre Kunstwerke schufen, die ihre Träger / Besitzer tatsächlich aus der Masse der Tätowierten herausstechen lassen. Natürlich fallen dem Betrachter, dem Leser zuerst die eindrucksvollen Bilder auf. Schließlich sind die Hauptakteure, die bleibenden Eindrücke, geritzt in die Epidermis der Unvergänglichkeit. Doch schon einmaligem Durchblättern kehrt man schnell zum Anfang zurück, um die Interviews eingehend zu studieren. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob man sich selbst zur Leinwand machte oder nicht. Ein gut gesetzter Strich bleibt nun mal in Erinnerung!

Schon die Pilger vor Jahrhunderten ließen sich die religiöse Symbole in die Haut ritzen, um den Daheimgebliebenen von ihren Reisen ein zweidimensionales Andenken präsentieren zu können. Instagram Null Punkt Null, sozusagen. Wobei das Demonstrieren eher der Zugehörigkeit zu einer Gruppe diente als pures Präsentieren der eigenen Einzigartigkeit.

„Tattoo und Religion“ – mehr als nur ein Buch über Zeichnungen und Gottesglaube. Für viele ist das Tätowieren an sich schon eine Lebenseinstellung, eine Art Religion. Und wie so oft in der organisierten Kirche, geht es irgendwann auch mal ums Image, sprich ums Geld. Henk Schiffmacher aus Amsterdam kann sich rühmen Lady Gaga auf seiner Pritsche unter sich leiden zu sehen. Bei ihm – und da stellt er eine echte Ausnahme dar – war zuerst das Talent da. Dann kamen die Ideen (Tattoo-Conventions, ein Tattoo-Museum), erst dann der Ruhm und somit auch der prall gefüllte Klingelbeutel. Seine Ansichten und Erfahrungen zur Körperkunst sind nicht unbedingt mit einer Bibel gleichzusetzen, seine Jünger werden dieses Kapitel jedoch verschlingen. Alles in allem ist dieses Buch eine Abwechslung zum vielfachen Dilettantismus, der fast schon an Beleidigung grenzt, wenn man des Sommers durch die Straßen läuft. Ob das reduzierte Linienspiel von Chaim Machley oder farbgewaltige Kirchenfensterbilder von Mickaël de Poissy – dieses Buch begeistert nicht nur wegen der Darstellungen was Tätowierkunst überall auf der Welt im Stande ist zu vollbringen, sondern und vor allem durch die Ansichten der Meister. Für Kenner, für Puristen, für alle dazwischen.

Audrey Hepburn

Nein, es gab und gibt keinen Menschen, der nicht ihrem natürlichen Charme erlegen ist. Kaum zu glauben, dass die ewig jugendliche Audrey Hepburn im Mai 2019 ihren 90. Geburtstag feiern könnte. Wir können es! Mit diesem Buch.

Schwer vorzustellen, dass eine Holly Golightly (Breakfast at Tiffany’s) von einer Marilyn Monroe ähnlich nachwirkend gespielt worden wäre. Nichts gegen die Monroe. Ihr reduziertes Spiel hätte ebenso für Furore gesorgt wie ihre Kurven. Truman Capote hatte ihr den Stoff schließlich auf den Leib geschrieben. Doch Audrey Hepburn – figürlich das Gegenteil der ewig lockenden M.M. – konnte sie noch toppen. Capote fluchte über die Besetzung und verfluchte jeden, der nicht seiner Meinung war. Vielleicht war er einer der ganz wenigen, die doch nicht ihrem Charme erlagen? Capote wollte ihr einfach nicht erliegen. So war er halt.

Der Krieg ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt vorüber, da erleuchtet ein neuer Star den Himmel über Rom, Hollywood, der Welt: Audrey Hepburn. „Roman Holidays“, auf Deutsch „Ein Herz und eine Krone“ bringt bella italia auf die Leinwände. Unnachahmlich verkörpert durch eine belgisch-stämmige Schauspielerin, die Hollywood und ihren Partner Gregory Peck ins Schwärmen versetzt. Zierlich und stilsicher, mit einer kindlichen Naivität, dass man sie stante pede in den Arm nehmen möchte, um sie vor sämtlichem Unbill dieser Welt zu beschützen. Als Prinzessin incognito will sie diese Welt mit Haut und Haaren auffressen, in sich aufsaugen. Nur ein Reporter erbarmt sich ihrer.

Hubert de Givenchy, der Modedesigner, konnte sich nicht wehren als er – wie wenn er es gewusst hätte – den Auftrag bekam Miss Hepburn einzukleiden. Sein minimalistischer Stil passte zu der grazilen Gestalt in seinem Atelier wie die Faust aufs Auge. Sie und er waren auf dem Weg nach ganz oben. Er kleidete sie ein, sie trug seine Kreationen wie selbstverständlich. Hepburn und Givenchy gehören zusammen wie Hepburn und UNICEF.

Denn nach ihrer Karriere als Schauspielerin begann ihre Karriere als Mutter, eine Rolle, der sie alles unterordnete. Schon da begann ihr Interesse den Bedürftigen der Welt ein Licht der Hoffnung zuteilwerden zu lassen. Als die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, begann ihr unerschütterliches Engagement für die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ließ es sich nicht nehmen vor Ort zu sein, sich persönlich ein Bild der verheerenden Situation in Lateinamerika, Asien und Afrika zu machen. Bloßes Lamentieren und Spendenerbitten war ihr zu wenig. Sie war die erste Kämpferin für diejenigen, die nicht mehr zum Kämpfen in der Lage waren. Heute muten so manche halbherzige Auftritte von Promis wie durchgestylte, aber herzlose PR-Projekte an. Bei Audrey Hepburn kamen sie direkt aus dem Herzen. Denn ihre Kindheit war von Hunger und Krankheit geprägt. Sie konnte genau einschätzen, was es bedeutet Hilfe unaufgefordert empfangen zu dürfen.

Daniela Sannwald nennt ihr Buch eine Hommage. Es ist mehr. Zum Einen die geballte Ladung Erfolg einer verhinderten Primaballerina, die durch ihre Natürlichkeit zum Leinwandstar wurde. Zum Anderen die geballte Ladung Menschlichkeit einer überzeugenden Frau, die sich ihre Freiheit erkaufen konnte. Und diese dann auch uneigennützig weitergab.

101 Wien

Wien mit Reiseband – ist das wirklich notwendig? An jeder Ecke ist doch irgendwas zu sehen, was sehenswert ist. Zur Not folgt man unauffällig irgendeiner Gruppe und man gelangt garantiert zur nächsten Attraktion. Mag sein. Aber dann sieht man nur irgendetwas und weiß nicht was und warum es so bedeutsam ist. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja!

Einer Autorin wie Sabine Becht kann man vertrauen. Zusammen mit Sven Talaron steigt sich nicht nur in die Tiefen der Stadt hinab, sie holt auch das ans Tageslicht, was man beim Hinterhertraben in der geführten Masse nur als sehenswertes Etwas wahrnimmt. Wien birgt die Gefahr in sich, dass man nach ein paar Tagen der Attraktionen müde wird. Es ist einfach zu viel. Bekommt man allerdings Hintergrundinfos an die bzw. in die Hand wird Wien wieder zum Sehnsuchtsort, den man sich erhofft hat.

Und wenn man die ersten Highlights der Stadt (Stephansdom, Kunsthistorisches oder Naturhistorisches Museum, Stadtpark, Bellevue …) als durchaus sehenswert, aber teilweise derart überlaufen, abgearbeitet hat, kann man sich der Wiener Küche zuwenden. Auch hier gilt es wieder Akzente zu setzen. Der Gaumen soll doch nach dem Urlaub nicht der einzige sein, der abgefrühstückt wurde, oder?! Ja, Figlmüller und seine Schnitzel sind weltberühmt, doch wer in der Hauptfiliale speisen möchte, muss erstmal anstehen. Und das nicht nur ein paar Minuten. Ebenso im Griechenbeisl, um die Ecke, dem ältesten Schnitzelrestaurant der Stadt. Ankommen, hinsetzen, genießen, zahlen und weiter geht’s – illusorisch, wenn man zu einer zivilen Zeit dem Magen was Gutes gönnen will. Die Autoren haben Alternativen zur Auswahl, die sich schon zu den etablierten Einkehrmöglichkeiten zählen dürfen.

Wer an Wien denkt, kommt an der zentralen Sammelstelle für Touristen nicht vorbei. Schloss Schönbrunn. Wer meint, dass die Wartezeit vor dem Figlmüller schon unmenschlich ist, der war noch nie in Schönbrunn. Ein riesiges Kassenhäuschen mit zahllosen Warteschlangen. Und ist man endlich im Schloss, geht’s im Gänsemarch durch die Gemächer derer von Habsburg. Schön ist anders! Aber die Anlagen um das Schloss sind sehenswert und wirkliche Erholung. Wer dem Ganzen aber noch die Krone aufsetzen will, fährt ein paar Haltestellen mit U-Bahn stadtauswärts in den Stadtteil Hietzing. Hier lebte Hans Moser, heute die Botschaft Aserbaidschans. Hier lebten Beethoven, Strauss, starb Liszt, und hier wirkte einer der größten Künstler Wiens, Österreichs, Europas, wenn nicht gar der Welt: Gustav Klimt. In einer kleinen Straße (nicht ganz so leicht zu finden, da nicht überall Hinweisschilder hängen) lebte und arbeitete er. Die kleine Villa beherbergt immer noch das Atelier des Künstlers, so als ob er vor seiner Siesta hier noch den einen oder anderen Pinselstrich getan hat.

Allen, die meinen, dass Wien mehr als nur einhundertundeinen Tipp zu bieten hat, sei versichert, dass sie recht haben und die im Buch angepriesenen einhundertundein Tipps Ausgangspunkte für weitaus mehr als hundert Tipps mehr sind. Auch wenn man nicht gezielt nach Höhepunkten der Donaumetropole sucht, empfiehlt es sich dieses Buch auf alle Fälle dabei zu haben. Wie soll man sonst das eine oder andere Highlight erkennen? Die Mischung macht’s: Das, was jeder sieht (was man schon zu kennen glaubt), gepaart mit dem, was man nur sieht, wenn man nicht nur vorwärts schaut, sondern auch links und rechts nach oben und unten schaut, in Verbindung mit naiver Neugier – die Autoren lassen jedem Wienbesucher den Freiraum Wien auf eigene Faust zu erkunden, stupsen ihn aber wieder an innezuhalten und sich umzuschauen. Der Lohn: Wien mit ganz anderen Augen sehen zu können!