Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Das Glück auf Erden

Von wegen „Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“! Wenn schon Rücken, dann zwischen zwei Buchrücken. Auch wer sich augenverdrehenden Pferdeschwärmerein bisher verschlossen hat, bekommt nun beim Lesen dieser Reportage-Kollektion feuchte Augen. Denn keine Wendy-Phantasien werden hier befriedigt, sondern die Sehnsucht nach dem Neuen, dem weit Entfernten, der Freiheit die Welt auf traditionelle Weise erkunden zu können.

Stefan Schomann reist durch die Welt. Nicht hoch zu Ross. Doch reist er da hin, wo man es noch tut. Pferde haben seit Menschengedenken eine bedeutende Rolle gespielt. Die Reiterarmeen der Perser, als Nutztiere, um in unwegsamem Gelände ihren Herren die Arbeit abzunehmen odereinfach nur als Fortbewegungsmittel. In manchen Regionen der Erde besitzen Pferde einen höheren Wert als die kostbarsten Juwelen. Von Marokko über Südtirol, Südafrika bis Portugal. Vom Balkan bis in die mongolische Steppe. Von Dülmen bis ins Limousin. So abwechslungsreich die Welt, so vielschichtig die Liebe zu den zahmen, mal wilden, doch immer eleganten Vierbeinern.

„Das Glück auf Erden“ ist mehr als nur ein bloßer Buchtitel, um Assoziationen bei Lese zu wecken. Es handelt tatsächlich vom Glück auf Erden, das für viele nunmal auf den Rücken der Pferde zu finden ist. Keine Jubelarien wie erhaben man sich fühlt über die Köpfe hinweg die Welt erkunden zu können. Es sind journalistische Glanztaten, weil der Autor sämtliche Klischees außen vor lässt und das beschreibt, was er sieht, was ihm erzählt wird. Es kommt ein bisschen Lagerfeuerstimmung auf, wenn von der Eleganz geschwärmt wird, wenn der wahre Pferdeflüsterer aus dem Nähkästchen plaudert, wenn die Weite der Landschaft so greifbar vor einem erscheint, dass man das Pferdegetrappel unterm Gesäß spürt, ohne dabei im Sattel zu sitzen.

Das Buch ist kein Ponyhof, genauso wie das Leben. Aber es könnte so einfach sein, sich die Welt im Trab, im Galopp oder einer anderen Gangart eigen zu machen. Es muss was Wunderbares sein einen Meter über den Anderen zu sich selbst zu finden. Westernromantik auf einem erhöhten Niveau!

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Im Laufe eines Lebens sammelt sich in einer Wohnung so allerlei an, dass man einst zusammengetragen hat, um sich einmal deren Herkunft zu noch einmal herbeiführen zu können. Urlaubserinnerungen nennen das die meisten. Das reicht vom Kühlschrankmagneten über kitschige Figuren bis hin zu kleinen Malereien, die nun zeitlebens die Wände schmücken. Achtlos geht man an ihnen vorbei. Doch wären sie nicht da, würde man sie schmerzlich vermissen.

Xavier de Maistre musste Ende des 18. Jahrhunderts nach einem illegalen Duell einmal 42 Tage in Hausarrest verbringen. Für ihn keine Strafe, vielmehr endlich die Möglichkeit sein Habitat zu sichten und im Kopf zu ordnen. Karl-Markus Gauß tut es ihm mehr als zweihundert Jahre später gleich. Er muss nicht das Haus hüten, weder aus gesundheitlichen Gründen noch aus der aus der Mode gekommenen Duell-Bagatelle. Sein Salzburger Domizil ist das, was ihn ausmacht. Oder ist das Domizil ein Spiegelbild seiner selbst? Wie auch immer: Die Reise über die Quadratmeter, durch die Bücherregale, an den Wänden vorbei ist eine Reise durch sein Leben, durch Europa und seine Geschichte.

Karl-Markus Gauß ist Schriftsteller und seine Bibliothek ist enorm. Tausende Bände zieren die Wände und sein Können. Er hat sie nicht alle gelesen, musste sogar aussortieren, weil er sich eingestehen musste, dass es ihm unmöglich sein werde jedes Werk lesen zu können. Verzweiflung? Nicht im Geringsten! Denn die Erinnerungen wie er in ihren Besitz gelangte, reichen vollkommen aus, um selbst Seiten in einem Buch zu füllen.

Dieses Buch ist der Rückblick auf ein Leben, das sich immer noch in einer Aufwärtsbewegung befindet. Den Höhepunkt zwar vor Augen, doch die Entspannung in weiter Ferne. Er berichtet vom familiären Hotel in Meran, von Freunden, die ihm zur Seite standen, von Dingen, die ihm um nichts in  der Welt abzukaufen seien. Und der Leser? Er muss nicht mal anklopfen oder die Klingel betätigen, um im Gauß’schen Wissensschatz kramen zu dürfen. Wie in einem lebendigen Museum schreitet er durch die heiligen Hallen des Wissens und der Vergangenheit, steckt hier und da seine Nase, die ihn eigentlich nichts angehen (der Zimmerherr passt schon auf, dass nichts nach außen dringt, was besser indoor bleibt), blättert in Erinnerungen, die nie so ganz verblassen werden.

So eine Biographie sucht man vergebens auf dem Büchermarkt. Ein einzigartiges Lesevergnügen, dass die Neugier weckt und im Seitentakt befriedigt.

Fränkische Schweiz

Hier bläst man nicht das Alphorn, hier rollt man das R so schön wie nirgendwo auf der Welt. Hier rauchen nicht nur die Schornsteine, hier raucht‘s auch im Braukessel. Und Rrrricharrrd Wagnerrrr wird hier nicht als Volksdichter verehrt, sondern als der Komponist, der Bayreuth (wieder ein R), der der Stadt einen anhaltenden Besucherstrom beschert.

Doch Spaß beiseite, Franken, die Fränkische Schweiz ist eine Region, in der man getrost zu jeder Jahres-, Tag- und Nachtzeit sich erholen kann. Kaum ein anderer Landstrich ist so gut zu erreichen. Die Berge sind für jedermann zu erklimmen. Die Küche ist für Groß und Klein ein Wohlgenuss. Und trotzdem gibt es noch Ecken, die den Massen verborgen bleiben. Das ist auch gut so. Dennoch wagen Hans-Peter Siebenhaar und Michael Müller den Versuch diese aufzustöbern und dem geneigten Publikum zu präsentieren. Das Ergebnis sind über dreihundert Seiten Fränkische Schweiz, die schon beim Durchblättern Lust auf Schäufele, Rauchbier, Äktschn, tiefes Luftholen – kurzum: Urlaub machen.

Die sechs Kapitel können unterschiedlicher nicht sein. Da ist Bamberg am westlichen Rand der Fränkischen Schweiz, das sich mit seiner prächtigen Architektur nicht verstecken muss. Forchheim und das Walberla hingegen sind schon eher was für Eingeweihte. Ob von Oben als Gleitschirmflieger oder als Erdbuddler mit archäologischer Präzision – wenn eine Region ein Komplettpaket anbieten kann, dann ja wohl hier. Und das gleich um die Ecke. Egal, ob nun ein Virus die Welt in Atem hält oder nicht, muss man hier mindestens einmal im Leben gewesen sein. Noch ein bisschen Geschichte gefällig? 10-19 lautet das Erfolgsgeheimnis des Tales der Wiesent. Zehn Burgen und Schlösser plus neunzehn Mühlen. Solch eine Einleitung gibt es in jedem Kapitel. Kurz und knapp wird Appetit gemacht, was auf einen wartet. Auf den Folgeseiten werden diese Thesen nicht nur erhärtet, sie werden derart anschaulich dargestellt, dass man gar nicht mehr umhin kann als weiterzulesen und den nächsten Urlaub herbeizusehnen.

Als Reisebuchverlag aus Franken gehört es sich auch einen Reiseband im Programm zu haben. Und der Chef packt selbst mit an. Als Autor kulinarischer Unikate („Do schmeckts!“, Teil Eins und Zwei) weiß er wie der Leser nicht nur an den Tisch, sondern in seine Region lockt. Hans-Peter Siebenhaar weiß wie man dorthin kommt. Links und Rechts der zahlreichen beschriebenen Weg finden die beiden Autoren das, was als unverwechselbar die Fränkische Schweiz auszeichnet. Mit kleinen Anekdoten und unterhaltsamen Beiwissen in farbig abgesetzten Kästen, erleichtern sie jedem Reisebuchleser die Lektüre. Da passiert es auch schon mal, dass man mitten im Schwelgen an Franken plötzlich in der Türkei landet. Wie das geht? Besuchen Sie Hollfeld, lesen Sie vorher diesen Reiseband und das entsprechende Kapitel.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

Sturm über Hamburg

Kuriere haben es ab und zu mit wirklich sonderbaren Auftraggebern zu tun. Das ist heute fast schon Normalität, im Jahr 1848 darf sich ein junger Mann, der als Kurier auch nicht offen wundern, warum er mitten in der Nacht einen Kupferstich bei einem Kunden abliefern soll. Doch er wird seinen Auftrag nicht vollenden können. Oder doch? Bald schon findet man seine Leiche im Alsterfleet der Hansestadt Hamburg. Titus Heißig von der Polizei fällt nun die ehrenvolle Aufgabe zu dem Toten – soweit möglich – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hilfe bekommt er von unerwarteter Seite: Moritz Forck. Gerade mal zwei Jahrzehnt auf dieser Welt, ein Frischling im Handelsgeschäft im Hamburger Hafen. Und doch schon sein zweiter Fall. Autor Jürgen Rath betätigt sich ein weiteres Mal als Arbeitsbeschaffer.

Es ist vor allem die detaillierte Beschreibung der Umstände in dieser Zeit, die „Sturm über Hamburg“ so nachhaltig im Gedächtnis bleibt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Europa einem echten Umsturz ausgeliefert. Überall Revolution (fast überall), die Arbeiter streikten, die Arbeitsbedingungen, die Willkür der Staatsmacht, die wackelnde Macht des Adels etc.

Moritz Forck ist nicht mehr der Stift, der für jedermann den Dreck wegräumen muss. Das erledigen nun seine Nachfolger. Er ist sozusagen Azubi im zweiten Lehrjahr. Und zwar – um in der Sprache der Gegenwart zu bleiben – in der Logistikbranche. Wareneingang, Warenausgang – solche Sachen halt. Inklusive Buchhaltung. Wobei hier sein Aufgabenfeld mehr in der Vorbereitung der eigentlichen Arbeit liegt. Wer in seinem Bücherregal vorwiegend Krimis der Gegenwart liest, kommt schnell zu dem Entschluss, dass Telekommunikation für die heutigen Ermittlungen unerlässlich ist. Doch damals, vor mehr als anderthalb Jahrhunderten, war maximal eine Trillerpfeife zur Hand, um behördliche Hilfe herbeizu-, naja „trällern“. Mehr war nicht drin!

Jürgen Raths historischer Kriminalroman ist ein spannender Krimi aus einer spannenden Zeit, der vor allem durch sein hintergrundwissen lebendig wird. Die Hafencity Hamburg, wie sie sich heute gern nennt, war seit jeher ein Ort, in dem Geschichten entstanden, sie bis heute gern erzählt werden. Hier wurde die Welt nicht nur am Laufen gehalten, hier gab man ihr Schwung. So wie Moritz Forck den Ermittlungen im Fall des toten Kuriers Schwung gibt. Er ist kein Naseweis mit altklugen Sprüchen, sondern den Berufsspürnasen immer eine Nasenlänge voraus.

Die verlorene Schwester – Elfriede und Erich Maria Remarque

Da sitzt ein Mann in einem Zug Richtung Osten, von Kalifornien gen Chicago. Er sehnt sich nach seiner deutschen Heimat. Als Exilant muss er jedoch noch zwei Jahre warten. Denn das aktuelle Deutschland ist nicht sein Deutschland. Er versinkt im Bombenhagel und willkürlicher Brutalität. Die Hitze der Brandbomben reicht bis New York. Doch echte Nachrichten, die er nicht sucht, und auch nicht bekommt erreichen ihn später, viel später, zu spät.

Etwa zur gleichen Zeit wird eine Schneiderin barsch aus ihrer Arbeit und umgehend aus ihrem Leben gerissen. Das energische Klopfen an der Tür verheißt nichts Gutes. Staatsschutz. Festnahme. Anklage. Wehrkraftzersetzung. Ihr Bruder hat einen der größten – vielleicht den wichtigsten – Antikriegsroman aller Zeiten geschrieben, „Im Westen nichts Neues“. Die Neuigkeiten aus dem Osten, von ihm aus gesehen, erreichen ihn erst Monate später.

Der Mann im Zug ist Erich Maria Remarque, die Schneiderin seine fast fünf Jahre jüngere Schwester Elfriede Scholz. Sie hat mit Freunden, Kunden und ihrer Vermieterin über den Krieg gesprochen wie ihr Bruder in seinem Roman. Sie ließ kein gutes Haar am Krieg und schon gar nicht an den Verantwortlichen. Die erste Hinrichtung wird verschoben. Die Zweite findet statt. Sie hat nicht mehr die Zeit um auf ihr niemals glamouröses Leben zurückblicken zu können. Zu schnell das Fallbeil in Plötzensee.

Währenddessen genießt Erich Maria, die Maria hat er ihr geklaut, hat sie immer belustigt kundgetan, das Leben des erfolgreichen Autors in den Staaten. Er floh früh, rechtzeitig. Die Tantiemen seines Romans und die Filmrechte daran sichern ihn bis an sein Lebensende exquisite Gemälde, Teppiche und nie versiegende Champagnerflüsse. Seine Affären sind fast schon legendär: Marlene Dietrich, Greta Garbo Paulette Goddard (Chaplins Ex). Er schreibt, er lebt, er liebt. Fern der Heimat erfreut er sich des Lebens, das er selbst retten konnte. Viele hatten kein Glück, Andere flohen über Monate, Jahre unter unmenschlichen Bedingungen.

Heinrich Thies eignet sich Remarques Schreibstil an und vollführt einen grandiosen Veitstanz in der biografischen Literatur. Erich Maria und Elfriede hatten ein spannendes Leben. Nicht immer gewollt, doch immer bei vollem Bewusstsein. Keine Kinder von Traurigkeit. Aber immer klar im Denken und bereit die eigene Einstellung zu vertreten. Wenn nötig auch öffentlich. Ein gutes Ende konnte beiden – im Nachgang kann man immer schnell urteilen – eigentlich niemals angedeihen. Zu groß die Leidenschaft, zu immens der Druck. Berlin, New York, Osnabrück, Porto Ronco – Stationen zweier Leben, die unterschiedlicher nicht verlaufen konnten. Erst in der Endgültigkeit sind sie wieder vereint.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Kalender Berliner Geschichte 2021

Was haben Ely Beinhorn, Jesse Owens und Papst Johannes Paul II. gemeinsam? Im Jahr 2021 denken wir an sie an einem bestimmten Tag. Ende Juni ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Papst die deutsche Hauptstadt besuchte. Im Januar vor neunzig Jahren bestieg Ely Beinhorn ihr Flugzeug, um – nach einem kurzen Zwischenstopp im Schwarzwald – nach siebzig Stunden am Äquator ankam. Für das Jahr 1931 eine erstaunliche Leistung, als Frau eine echte Pionierarbeit zu der Zeit.

Und Jesse Owens? Klar, dass sein Jubiläum nur mit den Olympischen Spielen 1936 zu tun haben kann. Den Hundert-Meter-Lauf, den Sprint über die doppelte Strecke und den Weitsprung hatte er schon mit Olympischen Rekord vergoldet und seine eigene Zielsetzung erfolgreich gestaltet. Am 9. August 1936 setzte er seiner Legende die Krone auf als er mit der 4x100m-Staffel zum vierten Mal Gold gewann. Am Tag zuvor hatte die Staffel im Vorlauf mit glatten vierzig Sekunden den bestehenden Weltrekord egalisiert. Bei angenehmen 22 Grad spurteten Jesse Owens, Ralph Metcalfe, Foy Draper und Frank Wykoff allen andern davon und unterboten ihre Bestmarke vom Vortag noch einmal um zwei Zehntel. Gastgeber Deutschland verbesserte sich gegenüber dem Vortag zwar auch, es reichte dennoch nur für Bronze. Auf der Tribüne schäumte die Lamettafraktion.

Geschichte und geschichtliche Daten waren im Schulunterricht meist eine langweilige Sache, wenn man mit dem Gesicht zur Tafel saß. Dieser Kalender, der von Marc Lippuner mit viel Herzblut gestaltet wurde, ist das komplette Gegenteil. Ob die Eröffnung des Palastes der Republik, dem Tod am Kleinen Wannsee, einem Attentat auf Bismarck oder der Geburt einer der wenigen echten deutschen Legenden – „Berlins janze Jeschichte“ übers Jahr verteilt sichtbar, lesbar, erlebbar.

Woche für Woche bewegt die Berliner das, was in ihrer Stadt vorgeht. Vieles geht im Laufe der Jahre wieder verloren und kommt danke solch eines Kalenders nach und nach wieder ans Tageslicht. Ein Stimmungsfänger für das ganze Jahr!

Die rote Hand

Eigentlich hatte Arnolt Streich alle Voraussetzungen für ein gutes Leben: Dank der Gnade der späten Geburt den Ersten Weltkrieg verpasst, Kinderstube in den Goldenen Zwanzigern, später Fremdenlegion und nun eine Säule des deutschen Wirtschaftswunders der Fünfzigerjahre. Doch mit den Säulen ist das so eine Sache. Sie tragen die ganze Last und die Aahs und Oohs ernten die, die man trägt. Streich legt nicht viel Wert auf Lob. Schon gar nicht auf Gesellschaft anderer. Bommel, sein Boss, ist cholerisch und wenn er Streich das Gehalt zahlen soll, muss Streich nachverhandeln. Für den dicken Boss, ein Gewinnler des Wirtschaftswunders, bewacht er Garagen, drückt dort die Klinken runter und schaut, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht zu viel Unsinn anrichten. Für ihn, den Eigenbrödler genau richtig. Aber unbefriedigend.

Am Stehbüdchen bei Ali, holt er sich immer am Anfang des Monats seine Zigarre. In der Zeitung steht dieses Mal sogar was Interessantes. Ein Waffenschieber wurde ermordet. Georg Pucherts Mercedes sieht nicht mehr so aus wie vor dem Attentat. Und Puchert selbst schon gleich gar nicht. Dass Streich wie nebenbei mittgeteilt wird, dass sich ein paar Typen – keine Polente wird ihm versichert – nach ihm erkundigt haben, lässt Streich sogar vergessen Zigaretten zu kaufen. Einer der Typen könnte Drei-Finger-Diether sein. Streich hatte ihm vor einiger Zeit mal fast den Job streitig gemacht, als er einem freier, der es partout nicht unterlassen wollte ein Mädchen zu schlagen. Streich verpasste ihm zwei Hiebe und schon war Ruhe im Karton. Doch Drei-Finger-Diether sieht es nicht gern, wenn man ihm die Ausführung verleidet… Nur Gilla, das Mädchen, das sich Streich „einmal im Monat gönnt“, sah darin etwas ganz und gar Ehrenhaftes. Vielleicht hat sich aber auch jemand was zusammengesponnen, um Streich einen selbigen zu spielen..

Schön wär’s! Denn auf dem Weg zum Boxclub von Franz Jung wird Streich abgefangen. Er solle heute nicht zu Franz kommen, ließ Franz ausrichten. Ein paar Typen, sehen gefährlich aus, hatten nach Streich gefragt. Auch wenn Streich es will, Eins und Eins macht Zwei. Und er muss Augen und Ohren offenhalten. Im besten Fall könnte es Großmann sein, der er noch Geld vom Pferderennen schuldet. Im schlimmsten Fall … das kann Streich noch nicht abschätzen.

Über kurz oder lang werden die Typen in dem eleganten französischen Wagen bei ihm auf der Matte stehen. Vielleicht kann sich Streich mit ihnen arrangieren? Und etwas über die Rote Hand herausbekommen. Die kämpfen mit allen ihnen „von Oben“ zur Verfügungen gestellten Mitteln gegen die Aufständischen in Algerien, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Dafür brauchen sie Waffen. Puchert war Waffenhändler… Streich dämmert es … zuerst ein wenig, doch dann kommt die Erkenntnis. Zu spät?

Jürgen Heimbach lässt so manchen Strick vom Himmel herab. Wessen Kopf sich in die Schlinge legt, oder ob, man die Stricke als Himmelsleiter zusammenknüpft, lässt geschickt offen. Jede Seite seines preisgekrönten Romans – Friedrich-Glauser-Preis 2020 – ist ein Puzzleteil, das dem Leser immer wieder neue Perspektiven öffnet. Spannend bis zum letzten Buchstaben!