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Die amerikanische Freundin

Remi Lawal und ihrem Mann Tunde geht es gut. Es ist Januar im Jahr 1976. Sie leben in Lagos, der größten Stadt Nigerias. Im Spätsommer des Vorjahres wurde Präsident Gowon, während er im Ausland war, aus dem Amt geputscht. Mutala Mohammed ist seit fast einem halben Jahr an der Macht. Man kann die Zeit als gute Jahre in Nigeria bezeichnen, sechs Jahre nach den Biafrakriegen.

Remi hat einen kleinen Laden, in dem sie Grußkarten herstellt. Auch Tunde hat, nachdem man ihn aus dem Ministerium entlassen hat, wieder Arbeit gefunden. Die Kinder gehen auf Privatschulen. Durch das Grußkartengeschäft sind Remi und Tunde auch zu einer Vernissage eingeladen. Während Tunde sich allzu gern mit der Gastgeberin unterhält, was Remi ganz und gar nicht gefällt – ihr Mann verhält sich zeitweise wie eine Gockel – spricht eine Fremde Remi an. Frances Cooke ist Amerikanerin. Und ziemlich forsch in ihrer Art. Als Tunde sich doch von der Gastgeberin des Abends loseisen kann, tut er seinen Unmut über Remis neue Bekanntschaft kund. Sie sei doch bestimmt eine Spionin. Alles Amerikaner seien das. Und das in Zeiten, in denen seit Wochen und Monaten Gerüchte über einen weiteren Putsch die Runde machen. Remi solle aufpassen mit wem sie spreche. Was so viel heißen soll, Remi darf sich nicht mit Fremden im Allgemeinen, und mit Francis im Speziellen einlassen. Sie Geschichte weiß mittlerweil mehr. Schon knapp fünf Wochen, nachdem Remi von Francis angesprochen wurde, riss Olusegun Obasanjo erstmals die Macht an sich, und es begann eine Schreckensherrschaft, die Nigerias Entwicklung für eine lange Zeit unterbrach.

Die Panikmache ihres Gatten ist Remi herzlich egal. Zwischen ihr und Francis entspinnt sich eine enge Bindung, eine Freundschaft. Je länger diese anhält, je öfter und heftiger Tunde sich dieser Beziehung entgegenstellt, desto mehr keimen auch bei Remi Zweifel an der Rechtschaffenheit ihrer amerikanischen Freundin. Wie war das gleich nochmal? Auf der Vernissage. Wer hat da wen und vor allem wie angesprochen? Hat Tunde recht und Francis schleicht sich unmerklich in die Familie ein, um mehr über den Mittelstand zu erfahren? Was steckt hinter der Hartnäckigkeit von Francis‘ Fragerei?

Sefi Atta zeichnet mit wohlwollenden Worten ein Bild einer zufriedenen nigerianischen Familie, die trotz bescheidenen Wohlstands darauf achtet, dass die Höhenflüge nicht mit einer allzu harten Landung beendet werden. Dass amerikanische Freunde nicht immer die sind, die sie zu sein scheinen oder zu etwas anderem gemacht werden, hat die Literatur schon einmal bewiesen. Bei Patricia Highsmith. Anders als beim Versteckspiel des Tom Ripley ist hier allerdings nicht die Amerikanerin das unwissende Ding – oder doch?! Es sind gute Zeiten in und für Nigeria. Doch das Licht am Ende des Tunnels ist von einem grauen Schleier der Ungewissheit und der Angst eingehüllt. Remi ist hin und hergerissen. Kann sie Francis vertrauen? Mit jeder Seite gräbt sich der Leser in eine Zeit, über die selbst viele Nigerianer nicht mehr viel wissen. Geht es einem gut, muss man sich an den guten Dingen festhalten, aber die Gefahr, dass alles nur allzu schnell vorbei sein kann, gibt unaufhörlich den Takt an. Sefi Atta komponiert daraus eine Melodie, die dem Leser noch lang in Erinnerung bleiben wird.

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

Viva

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – und schon hat man ein schmackhaftes Gericht, das nährt und die Sinne anregt. Jeder passionierte Koch kennt das! Als Schriftsteller tappt man schnell in die Falle des Faselns, der Unkorrektheiten. Patrick Deville hat mehrmals bewiesen, dass Fiktion und historische Fakten durchaus eine Liaison eingehen können, die auf Gleichberechtigung basiert. Er verwob die Geschichte Kampucheas zu einem atemberaubenden Thriller. Er durchstreifte das dunkle Herz Afrikas, den Kongo. Und er ließ eine Arzt und einen Abenteurer ihrem Drang nach Erlösung folgen. Nun also Mexico. Trotzki, Kahlo, Lowry. Leo, Frida, Malcolm.

Lew Dawidowitsch Bronstein ist viel und weit gereist. Von Sibirien über Finnland, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul. Er sah New York, Kanada und ist nun in Mexico gelandet. An seiner Seite, seine Frau. An seinem Herzen sein Pass. Sein gefälschter Pass auf den Namen Trotzki. Der Maler Diego Rivera konnte den Präsidenten, nicht nur die mexikanischen Behörden, überzeugen den Geflüchteten – einen Weltenbummler konnte man Trotzki wegen seiner zahlreichen Flüchte nun wirklich nicht nennen – Asyl zu gewähren. Wohnen wird er bei Frida Kahlo, der Malerin. Wäre alles nicht so tragisch, könnte man dieses Asyl als das Sommerhaus der Stars bezeichnen.

Malcolm Lowry ist ein mittelloser Schriftsteller, der von den Almosen seines Vaters lebt, die er sich pünktlich am Monatsersten persönlich an einem Bankschalter ins Portemonnaie steckt. Er hat große Pläne. Den Liebesroman zu schreiben, auf den die Welt gewartet hat. „Unter dem Vulkan“ wird er heißen, wird erfolgreich sein.

Rund um das Blaue Haus, dem Haus Frida Kahlos, schwirren weitere gestalten der Geschichte. Wie zum Beispiel B. Traven, der sagenumwobene Schriftsteller, der Mexico auf das literarische Aufmerksamkeitstableau hievte. Ob sich alle tatsächlich getroffen haben, ob sie sich mochten, sich anregten, mag bezweifelt werden. Doch der unbestechliche Schreibdrang, den Patrick Deville einmal mehr an den Tag legt, lässt diese Fragen erst gar nicht aufkommen. Alles könnte in den Tagen des Jahres 1937 wirklich so gewesen sein. Ein Jahr, in dem Spanien im Bürgerkrieg ertrank. Der deutschen Kultur die Grundlagen genommen wurden und die Welt in den gefräßigen Schlund des Krieges schaute.

Ein wenig Vorbildung ist  wie bei allen Romanen von Patrick Deville – schon vonnöten, um die Brillanz des Buches erkennen zu können. Wer die Bilder von Frida Kahlo auf Anhieb unter Tausenden erkennt, wem die Bedeutung Diego Riveras nicht ganz abhandenkommt, wer Trotzki nicht nur als sturen alles plattmachenden Revolutionär wahrnimmt, wer Mexico nicht nur als Land mit immensen Problemen ansieht, der wird in diesem Geschichtsspiel der Extraklasse ein Hochgefühl der Leselust erleben.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!

Die Adern Wiens

Straßen als Adern einer Stadt zu bezeichnen, ist schon seit Jahren in Mode. Wer in Wien während der Rush hour im Stau gestanden hat, könnte leicht das Gefühl bekommen, dass ein verlangsamter Puls nicht zwingend zum Herzstillstand führen muss. Man kann sich links und rechts an der Architektur erfreuen. Nach ein paar Wochen wirkt allerdings auch das nicht mehr.

Norbert Philipp studierte in Wien und schwimmt mit in seinem Buch durch die Arterien und Venen einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die eine oder andere Straße ist so bekannt, dass man meint sie müsse nicht mehr vorgestellt werden. Doch selbst die Kärtner Straße birgt noch Geheimnisse in sich, die man erst durch dieses Buch erkennt. In dem Kapitel über die berühmteste Einkaufsmeile Wiens wartet der Autor gleich mit einem interessanten Fakt auf. Wer Wien allein erleben will, der macht am besten einen großen Bogen um die Kärntner, besonders zwischen halb und um Fünf. Dann ist diese Fußgänger-Straße am belebtesten, am beliebtesten … am vollsten.

Ein sehr langes und abwechslungsreiches Leben hat die Währinger Straße hinter sich und sicher auch noch vor sich. Es geht Auf und Ab. Burgerbuden und Häuser mit Geschichte, dichter Verkehr und lauschige Plätze zum Entspannen bilden auf sowie links und rechts der Währinger Straße ein Netz, das moderne Urbanität stilvoll vorlebt.

Auf seiner inspirierenden Reise auf Wiens Straßen, den Adern der Stadt, trifft Norbert Philipp zwangsläufig auf die ereignisreiche Geschichte der Mariahilfer Straße. Vor nicht allzu langer Zeit war hier das Infarktrisiko am größten. Beginnend am Museumsquartier lieferten sich Autos und Fußgänger ein atemraubendes Rennen. Bis die Stadt beschloss die Bergaufstrecke (vom Museumsquartier kommend) – und natürlich auch die Gegenrichtung – nur noch für Lieferanten zu öffnen. Die anliegenden Geschäfte liefen Sturm. Wie sollen denn jetzt die Kunden in die Geschäfte kommen? Das ist der Untergang! Doch alles kam anders. Heute trollen sich, besonders am Abend Musikanten, Skater und Bummler auf der verkehrsberuhigten Straße und machen sie zu der Straße mit dem ungehindertsten Menschfluss der Stadt.

Eine Stadt muss sich entwickeln, um überleben zu können. Eine Metropole wie Wien immer wieder neu zu erfinden, weiterzuentwickeln, bedarf Mut und Weitsicht. Nicht immer sind die Veränderungen sofort spürbar und noch seltener werden sie umgehend angenommen.

„Die Adern Wiens“ sind besonders strapazierfähige Ströme, die den Besucher aufnehmen und ihn an die unterschiedlichsten Orte führen. Als Bettlektüre ist dieses Buch die ideale Einstimmung auf den folgenden ereignisreichen Tag und eine Ergänzung zu so manchem Reiseband. Wer die beiden Bände „Wien abseits der Pfade“ vom Braumüller-Verlag schon als unerlässlich kennengelernt hat, wird mit diesem Buch eine unkonventionelle Ergänzung mit enormem Hintergrundwissen entdecken.

Tierische Jobs

Wenn dieses Buch Schule macht, sind die Warteschlangen in Zoohandlungen bald länger als die in den Praxen der Fachärzte. Denn Tauben können Tumore besser erkennen als so mancher Spezialist, wenn man sie trainiert Röntgenbilder zu betrachten. Und Ratten sind um ein Vielfaches schneller als der Mensch bei der Tuberkuloseerkennung. Nicht alle Ratten, sondern nur die Gambia-Riesenhamsterratte. Und wer kennt nicht die spanische Fliege? Natürlich nur vom Hörensagen. Ein kleiner Käfer, also keine Fliege, der Cantharidin enthält. Das hilft einigen Menschen nicht sich zu entspannen, sondern genau das Gegenteil in bestimmten Körperregionen zu fördern. Blöd nur, dass die Menge, die dafür benötigt wird, nur geringfügig geringer ist als die tödliche Menge dieser Substanz. Spricht man deshalb in Frankreich auch vom kleinen Tod …?

Es gibt halt Arbeiten, die will man einfach nicht verrichten. Sehr zuvorkommend von den Tieren, sich anzubieten dieses Jobs zu verrichten. Kapuzineraffen sind – vorrangig in den USA, da sind die Tierschutzgesetze nicht so streng wie anderswo – für Behinderte oft Haushaltshilfen par excellence. Vom Müll rausbringen, über Brille aufsetzen bis hin zum Kratzen an Stellen, die man selbst nicht erreichen kann, sind sie unersetzlich. Und – an diesem Thema kommt niemand mehr vorbei – sie kosten nichts. Für die Ausbildung werden 40.000 Dollar veranschlagt, doch das Tierchen kann nach bestandener Prüfung und Eingewöhnungszeit zwei bis drei Jahrzehnte „arbeiten“. Der Schimpanse, der dem Menschen so ähnlich ist, bekommt das nicht hin. Wenn er geschlechtsreif ist, stellt er für den Menschen immer öfter eine Bedrohung dar.

40.000 Euro hingegen muss man heutzutage für ein Kilo Sommergras-Winterwurm hinblättern. Ein seltenes Wesen, das nur in den Höhen des Himalaya-Gebirges vorkommt. Die Geistermotte legt ihre Eier ab. Daraus entwickeln sich Raupen. Diese werden von den Sporen des Raupenkeulenpilzes befallen. Nach und nach wächst ein Pilzfruchtkörper heran, der in China als Universalheilmittel gilt. Und es ist ein … man kann es sich schon denken … Potenzmittel.

Es ist eine Wonne das Buch von Mario Ludwig zu lesen. Von Drogenspürhunden hat man schon gelesen. Auch von widerwärtigen tierischen Einsätzen in Kriegsfällen. Doch diese Ansammlung an teils mehr als außergewöhnlichen Einsatzgebieten von Tieren in menschlicher Umgebung, lässt aufhorchen. Kröten als Schwangerschaftstest sind da nur die originelle Spitze eines Eisberges, den kaum ein Wissensreisender je gesehen hat.

Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.