Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

Die ausgegrabene Demokratie

Ein Spaziergang durch Athen – böse Zungen behaupten, dass es wohl die einzige Art sei sich durch die griechische Hauptstadt zu bewegen, um voran zukommen. Ja, so ein Spaziergang kann einem schon die eine oder andere Perspektive aufzeigen. Pedro Olalla tat sich gleich ein ganzes Füllhorn an Perspektiven auf. Und diese erlaubten ihm einen Blick über die Schulter zurück in die Anfänge dessen, was heute noch als Demokratie über uns schwebt. Ob nun als Segen oder Damokles Schwert, das steht außer Frage. Genauso wie die Wiegen der Säulen der Demokratie.

Griechenland und die EU – derzeit ein Trauerspiel. Ein Trauerspiel, das die Beteiligten da abgeben. Die ursprüngliche Idee der Demokratie war es einmal – vor mehr als zweitausend Jahren – wurde aus der Sehnsucht nach etwas Neuem geboren. Dazu gehörte auch der Verzicht, der mittlerweile fast mutterseelenallein dasteht.

Pedro Olalla geht also durch Athen. Durch das Stadtviertel Melite, beziehungsweise dort entlang, wo es einmal stand. Viel Stein hier. Historischer Stein. Bedeutender Stein. Hier wurde schon vor zweieinhalb Jahrtausenden Geschichte geschrieben, hier lebten die, die diese Geschichte mit Leben füllten. Feldherren und Politiker, was zur damaligen Zeit oft ein und dieselbe Person war. Und heute?

Das Buch wurde vor nicht mal einen Jahrzehnt begonnen zu schreiben. Ein Atemhauch im Erdenlauf, wenn man die Wege sich betrachtet, die der Autor erst vor Kurzem beschritt. Die wurden schon von Größen beschritten, die sich im Angesicht der Krise, für die Griechenland nicht nur symbolisch den Kopf hinhalten musste, als steiniger Pfade der Entbehrung erweisen. Von Verdrossenheit keine Spur. Denn Politik in der Demokratie ist ein Wechselspiel. Unrecht bzw. Missstände müssen beseitigt werden, nun heißt es Ärmel, im Falle von Pedro Olalla heißt es die Hosenbeine hochkrempeln.

„Die ausgegrabene Demokratie“ ist mit keinem Reiseband zu vergleichen. Es ist ein Rundgang nicht nur durch Athen, sondern durch das Gestrüpp und Dickicht unserer Zeit mit unzähligen Abstechern in die unsere Anfänge. Immer wieder fällt einem auf, dass man den einen oder anderen Ort vielleicht schon mal besichtigt hat, so manchen Pfad selbst schon beschritten, doch das Bewusstsein auf welch wahrhaft historischem Grund sich man da bewegt, fehlte. Das ist in keiner Weise verwerflich, aber beim nächsten Mal wird man sich dessen sicher bewusst sein.

Reden wir Spanisch, man hört uns zu

Es gibt nicht mehr viele, die man fragen kann wie es damals war. Damals zwischen den Kriegen. Und die, die man fragen kann, waren zu klein, um echte Eindrücke wiedergeben zu können. Ihre Berichte beruhen meist auf Geschichten, die sie selbst nur gehört haben oder, die ihnen erzählt wurden.

César Vallejo wurde 1892 in Peru geboren. Er war Dichter und in jungen Jahren in einen Aufstand verstrickt, der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. 1923 erfüllte er sich einen Traum, die „Alte Welt“ bereisen zu können. Fünfzehn Jahre lang reiste er durch Europa, von Spanien bis in die Sowjetunion, Paris blieb aber immer sein neuer Heimathafen. Peru, seine Heimat, hat er nie wieder gesehen. Als Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen berichtete er regelmäßig über das und sein Leben in Europa. Die in diesem Buch zusammengefassten Berichte geben ein ungeschöntes Bild der Alten Welt wieder.

Einen besonders tiefen Eindruck hat Madrid bei César Vallejo hinterlassen. Drei Stunden im Restaurant beim Mittagessen – das musste er bereits in Paris erfahren. Beschwerde zwecklos. Seinen Lesern im fernen Peru und Lateinamerika schwärmt er nun vor, wie gelassen Madrid ihm erscheint. Der technische Fortschritt wird hier entgegengenommen, jedoch nicht auf einen Sockel oder gar in einen Heiligenschrein gestellt. Wer in Madrid stirbt, stirbt nicht arm. Man hilft sich hier, nicht einmal, wenn nötig sogar zweimal. Madrid ist für ihn die einzigartigste Stadt der Welt. Im Vergleich zu heute…

Europa fasziniert den wissbegierigen Autor. In Paris beäugt er seine Landsleute, Lateinamerikaner mit besonderer Neugier. Da gibt es die offiziellen Künstler – angepasst, auf der Jagd nach Anerkennung und Ruhm. Und es gibt die Inoffiziellen. Sie suchten und fanden Freiheit. Die Freiheit sich auszudrücken. César Vallejo sieht sich als Mitglied letzter Gruppe. Er hat keine Zeit andere zu verachten. Und selbst, wenn er die Zeit hätte, würde er es nie tun. Zu anständig ist er. Und außerdem würde er die Bedeutung der Anderen durch seine Be- bzw. Verachtung nur erhöhen. So wie Frankreich zu dieser Zeit Amerika verachtet und dadurch in unerreichbare Höhen katapultiert.

César Vallejo gelingt es mit unsichtbarer Eleganz Themen anzureißen, um sie im nächsten Moment mit einem Momentum zu verknüpfen. Er macht keinen Elefanten aus einer Mücke, doch seine Gedankengänge sind trotz ihres Laufes nachvollziehbar. Wer Europa heute verstehen will, findet in seinen Aufzeichnungen – den Aufzeichnungen eines Außenstehenden, der nach und nach seinen Beobachterstatus gegen den des aktiven Teilnehmers tauscht – die Wurzeln unseres heutigen Europas. Und das kam manchmal auf leisen Sohlen daher, mal polternd, doch immer unter den wachsamen Augen der Anderen.

Reise von Paris nach Java

Die Sehnsucht verweigert sich strikt der Evolution. Die Objekte der Begierde variieren, doch die Sucht, das Wesen des Verlangens, bleibt gleich. Wer träumt nicht davon einmal auf einer Insel unter der Sonne den Tag, die Tage, die Wochen an sich vorbeiziehen zu lassen? Und träumt sich selbst auf eben ein solches Eiland? Honoré de Balzac ging es vor knapp zweihundert Jahren nicht anders. Allerdings kann man bei ihm davon ausgehen, dass sein Blut nicht unbedingt unfreiwillig in Wallung gekommen ist. Der manische Kaffeetrinker hat nebenbei auch gern mal an was anderem genascht…

Und so träumt er sich auf eine Reise gen Java. Damals – wir reden hier von den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts – war so ein Trip fast noch Utopie. Unbezahlbar. Für kaum jemanden, über den und für die Balzac schrieb realistisch.

Seinen Anzug, ein Paar Rasiermesser, sechs Hemden und leichtes Gepäck – mehr braucht der Mann von Welt im Jahr 1831 nicht, um die Seine gegen den Pazifik einzutauschen. Und erst die Frauen auf Java … Dem Verleger von 1832 waren die erotischen Ausführungen des wuchtigen Schriftsteller zu wuchtig, zu detailliert, zu direkt, dass er sie einfach strich. Skandal! Und dieser wird nun endlich gesühnt. Im Anhang dieses kleinen Büchleins, das auf jedem noch so kleinen Nachttischchens Platz finden muss, ist die gestrichene Passage abgedruckt. Für die heutige Zeit fast schon brav, doch man kann sich vorstellen, dass man damals – und vielleicht noch heute – die Schamesröte deutlich ins Gesicht schießen sah.

Honoré de Balzac war nie auf Java. Wenn man aber diese fast vergessene Geschichte liest, musste er auch nicht dorthin reisen. Er hatte viel gelesen. Solche Reiseberichte waren zur damaligen Zeit auch immer kleine Werbetexte für die Handelskompanien, die für die Anpreisung ihrer exotischen Waren über jedes Wort dankbar waren. Und so kam es wohl auch, dass Balzac diesen Text – sicher nicht ganz nüchtern und in der ihm eigenen Rasanz – zu Papier brachte.

Heute liest man diesen Text mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. Im Schein der Leselampe rückt das Moderne in den Hintergrund und das Verlangen von einst rückt immer näher.

Tschechien

Die Wiedervereinigung Deutschlands hätte mit einem Hauch Tschechien beginnen wollen. Es scheint fast so als ob hier der gemeinsame Nenner beider nun vereinigter Länder liege. Ob Seebär aus Lübeck, Bäcker aus Dresden, Schweißer aus Bochum oder Lokführer aus Magdeburg – in Tschechien traf man sich, unbeabsichtigt oder bewusst. Ost und West teilten sich – und tun es immer noch – dieselben Erlebnisse. Beim Bier in Prag wurden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Doch Vorsicht: Wer jetzt meint, dass ein jährlicher Besuch in der Goldenen Stadt einem zum Tschechien-Experten macht, der irrt. Denn Prag ist nur ein Teil Tschechiens. Nicht überall ist an einem Septemberherbstmontagabend Halligalli auf den Straßen.

Michael Bussmann und Gabriele Tröger haben zum vierten Mal ihren Tschechien-reiseband überarbeitet. Immer noch knapp siebenhundert Seiten stark und unentbehrlich den kleinen Nachbarn mit Grenze nach Bayern und Sachsen näher kennenzulernen. Der Hauptstadt Prag ist gleich das erste Kapitel gewidmet, doch der MM-City-Reiseband der beiden geht da noch viel weiter ins Detail. Richten wir unser Augenmerk auf das, was außerhalb der Millionenstadt Prag in Tschechien passiert.

Im Osten erheben sich die Berge Mährens. Brno als zweitgrößte Stadt Tschechiens ist für alle, „die Prag mal außen vor lassen wollen“ der ideale Ausgangsort Pfaden nicht nur zu folgen, sondern gleich selbst anzulegen. Wanderwege in Nord- und Südmähren sind einwandfrei ausgeschildert, dennoch bieten sie Neugierigen immer wieder die Möglichkeit abseits davon eigene Erkundungen anzustellen.

Westböhmen hingegen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schnell zum Touristenziel. Auf den ersten Blick weiß man gar nicht so recht warum. Wenn man aber die Namen der Städte vernimmt, dämmert’s: Plzen (kein Schreibfehler Pilsen wird tatsächlich so geschrieben – nicht alles glauben, was auf Bierflaschen steht!), Karlovy Vary, Mariánské Lázně und Františkovy Lázné klingen auch im ungewohnten Tschechisch wie wohlklingende Verheißungen. Schon Kaiser, Könige und die, die sich für selbige hielten, sonnten sich, kurten und urlaubten hier. Die Wege in diese Orte sind exzellent ausgeschildert, man kommt nicht herum sie zu besuchen. Es lohnt sich, sowohl in als auch außerhalb der Saison. Die Vietnamesenmärkte mit Zigaretten, Markenimitaten und Alkohol gehören vor den Toren der Stadt zum Bild, in der Stadt bewegt die wieder belebte Architektur jeden Besucher zum Bleiben. In den gelb unterlegten Kästen – und von denen gibt es in diesem Buch fast mehr als Bilder (217 Farbfotos!) – zeugen von der geschichtsträchtigen Vergangenheit dieses Landstriches.

Wer ein Land kennenlernen will, geht auf die Menschen zu, dieses Prinzip gilt weltweit. Wer Tschechien schon vor dem Grenzübertritt kennenlernen will, muss nur ein paar Seiten in diesem Buch blättern und schon ist er infiziert. Das Virus bekommt man nur schlecht wieder heraus. Paddeln auf der Moldau, schmucke Renaissancebauten in Prachatice, Wandern im Kubany-Urwald … und alles verbunden mit einer bodenständigen, teils langanhaltenden Küche, gepaart mit genüsslichem Bier, vor atemberaubender Kulisse zu vieler Orts mehr als erschwinglichen Preisen. Tschechien lohnt sich für die, die schon immer hierher gefahren sind, für diejenigen, denen Prag zu voll ist und vor allem für Tschechien-Neulinge.

Katharina von Medici

Ein Bilderbuchstart ins Leben sieht anders aus. Zwei Wochen nach der Geburt stirbt die Mutter, Prinzessin Madeleine de la Tour d’Auvergne. Etwas später ihr Vater Lorenzo di Piero de‘ Medici. Katharina wird zu ihrem Großonkel geschickt. Der soll sich um das Mündel kümmern. Zufällig ist er Papst Leo X. Katharina ist da gerade mal im Grundschulalter. Und wissbegierig. Ringsum Florenz brodelt es. So wie in ganz Europa. Die Reformation macht den Katholiken ordentlich Dampf unter den Sutanen. In der Toskana – Medici-Land – erheben sich immer mehr gegen die Herrscher. Der Papst stirbt, Katharina wird als Geisel genommen. In einem Dominikanerkloster muss sie lernen, dass der goldene Löffel der Medici hier aus Blech oder gar Holz ist. Denn die Dominikaner mögen die Medici nicht. In Rom regiert derweil der vorerst letzte nichtitalienische Papst. Doch nur zwei Jahre. Dann kommt Clemens VII. Wieder ein Medici. Das Blatt wendet sich abermals. Ach ja, Frankreich meldet auch Ansprüche an die kleine Medici an, ihre Mutter ist schließlich französischen Adelsblutes. Katharina ist Teenager, und die Welt der Medici, die Welt in und um Florenz, das sich unter Lorenzo dem Prächtigen zum Schmuckstück der Welt aufschwang, ist wieder in Ordnung? Katharina wurde von erlesenen Lehrern unterrichtet, sie interessiert sich für Mathematik. Und ihre große Zeit soll noch kommen. Doch es herrscht immer noch Krieg. Florenz wollen sich viele Herrscher unter den Nagel reißen. Clemens VII. findet, dass es an der Zeit ist Katharina zu verheiraten. Viele Herzogtümer, Königreiche und andere Staatengebilde kommen für eine Vermählung in Frage, bzw. ihre Denker und Lenker. Frankreich soll das Rennen machen. 1533 verlässt Katharina Florenz und Italien, sie wird nie mehr zurückkehren. Heinrich ist der Auserwählte. Zwei vierzehnjährige Grünschnäbel, die Geschicke eines Großteils Europas einmal beherrschen sollen. Die Hochzeitsnacht, der Vollzug der Ehe soll von Heinrichs Vater mit den Worten „Allons mon fils!“ begutachtet und befeuert worden sein.

Sabine Appel beschert ab dem ersten Kapitel dem Leser eine erfrischende Reise in die Vergangenheit. Katharina de Medici, die einmal den Thron Frankreichs besteigen soll, liebt ihren Gatten. Trotz des Arrangements. Der ist ein zurückhaltender Jüngling, der seine Augen nicht von seiner Ziehmutter, Diane de Poitiers, immerhin neunzehn Jahre älter, lassen kann. Seine Mutter ist quasi dauerschwanger, sein Vater hält sich mehrere Mätressen und Katharina wird und wird einfach nicht schwanger. Erst nach zehn Jahren und mit Hilfe einer Gehilfin, ebenfalls Diane de Poitiers, gebärt sie endlich einen Thronfolger. Ihre Macht ist somit erhalten. In zwölf Jahren bringt Katharina zehn Kinder zur Welt. Sieben überleben. Sie selbst ist robust und die ständigen Kränkeleien und Kränkungen steckt sie weg. Und sie erwächst zu einer selbst- und machtbewussten Frau heran. Sie wird Europa einmal lenken. Sie wird dem Kontinent ihren Stempel aufdrücken. Machtspielchen der Herren in Rom, London, Madrid oder Paris bietet sie Paroli. Und irgendwann wird sie das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Wer in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat, dem ist die Bartholomäusnacht ein Begriff. Ein Pogrom gegen die Hugenotten, die reformistischen Anhängers von Luthers Thesen, sorgte im katholischen Hochadel Europas für Beifallsstürme. Auch hier hatte Katharina de Medici ihre Finger im Spiel.

War sie nun die Giftspritze mit Hang zur Machtversessenheit? Oder nur ein Produkt ihrer Zeit? Glückskind? Auf alle Fälle war sie eine intelligente Frau, die das, was um sie herum geschah sehr wohl wahrnahm.

Sabine Appel zeichnet ein abwechslungsreiches Bild einer Frau, die Zeit ihres Lebens kämpfen musste. Schon als Kind als Goldesel in Geiselhaft konnte sie über Jahre hinweg und über immense Entfernungen Ränkespiele und Machtpoker aus der ersten Reihe beobachten. Sie war ja nur ein Mädchen, eine Frau. Eine Frau, die man nicht unterschätzen hätte dürfen. So manches Opfer würde zu gern das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen.

Das Leben des Michelangelo Buonarroti

Über 450 Jahre ist es her, dass diese Biographie erstmals veröffentlicht wurde. Seither hat sich am Bild von Michelangelo, bzw. Michelagnolo, wie er im Buch genannt wird, Buonarrroti nicht viel geändert. Noch immer steht man mit offenem Mund in der Sixtinischen Kapelle und staunt über die Echtheit der abgebildeten Figuren.

Und dabei hätte es fast nicht geklappt. Denn Michelangelo, bleiben wir bei der heute gängigen Bezeichnung des Künstlers, sah sich nicht als Maler. Eher als Bildhauer. Als Papst Julius II. ihm dem Auftrag gab, zweifelte Michelangelo, ob er der Aufgabe gewachsen sei. Doch dem Papst die Arbeit, und somit auch die damit verbundene Zuneigung zu verwehren, hätte Michelangelo geschadet. Das wusste er. Doch zuerst einmal musste das Gerüst entfernt werden. Es war in der Decke verankert. So konnte ein Michelangelo nicht arbeiten! Mit dem Auftraggeber des Gerüstes lag er sowieso im Clinch. Doch kaum hatte Michelangelo begonnen zu malen, wurde er sich seine Unzulänglichkeit bewusst. Das Fresko schimmelte. Kein Moses, kein Noah, keine Adam, keine Eva ohne Pilzgeschwulst. Oh je. Man riet ihm weniger Wasser zu benutzen und siehe da: Bis heute eine Augenweide!

Ascanio Condivi ist der zweite, der sich an einer Biographie über Michelangelo versucht hat. Das liegt vor allem daran, dass der erste Autor, Paolo Giovio es nicht gut mit dem großen Meister meinte. Ascanio Condivi war überjeden Zweifel erhaben. Er war ein Weggefährte Michelangelos und sein Schüler. Minder begabt, was die Malerei betraf, aber auch seinen Schreibstil. Weshalb davon auszugehen ist, dass bei dem einen oder anderen Absatz ein Anderer den Feinschliff besorgte. Wer, das ist nicht bekannt.

Ingeborg Walther ist es, die dem Werk Condivis und Michelangelos den erläuternden Rahmen gibt. Ihre Deutung des Textes, ihre Sicht auf den Text lässt den Leser nicht im Regen stehen. Denn Condivi kann niemals hundertprozentig objektiv gewesen sein. Dennoch sind seine Zeilen eine Offenbarung. Zum ersten Mal wurde das Werk Michelangelos einer Analyse unterworfen. Condivi beschreibt en detail unter anderem die einzelnen Abschnitte der Sixtinischen Kapelle. Die Faszination, die die Bilder auf ihn ausübten, ist spürbar und nachvollziehbar. Doch nicht nur diese Bilder beschreibt er exakt, auch das „restliche Vermächtnis“ hält seiner Deutung stand. Mit jeder Seite steigert sich das Wohlwollen des Lesers für den Autor und dessen Objekt.

Michelangelo war zu seiner Zeit Großverdiener. Nicht einmal ein Prozent seiner Gage für die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle musste er für Farben ausgeben. Das rief Neider auf den Plan. Feinde, die ihm die Nähe zum Papst übelnahmen. Herrscher, die ihn verachteten, weil er sich an Verträge hielt und nicht für gigantische Wechselsummen in deren Lager übertrat. Nur einer konnte Michelangelo immer wieder überzeugen: Der Papst, egal welcher. Ascanio Condivi hat eine ähnliche Fähigkeit. Er überzeugt den Leser ein ums andere Mal von der Genialität Michelangelos.