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Petit-Louis

Nur zwei Wochen. Nur zwei Wochen, dann ist alles wieder zuvor. Das dachten Henri und Jeanne als der Krieg losging. Petit-Louis, ihr Sohn ist gerade mal sechzehn. In ihre Pariser Wohnung dringt nur selten das Sonnenlicht, hat man sie im sechsten Stock erreicht, ist man außer Atem. Nur zwei Wochen sollte diese Idylle, und das ist es trotz aller Schwierigkeiten, dem Krieg weichen. Doch die Geschichte will es anders. Vier Jahre soll es dauern bis 1918 endlich wieder Frieden herrschen soll.

Henri wird sofort eingezogen. Kämpfen wird er in seinem Alter nicht, denkt Jeanne. Doch die Geschichte will es wieder anders. Dass Ihr Sohn eingezogen werden soll, auch das kann und vor allem will sich Jeanne nicht vorstellen. Petit-Louis ist so empfindsam, ein belesener, ruhiger, höflicher Junge. Durch den Männermangel in der Stadt begünstigt, findet er schnell Arbeit. Die Kollegen sind schroff und amüsieren sich über die Belesenheit ihres jungen Kollegen.

Nun muss auch Petit-Louis in den Krieg ziehen. Zusammen mit seinen Freunden ist er voller Enthusiasmus dem zivilen Leben den Rücken kehren zu können. Schon kurz nach der Mobilmachung (ein fürchterlicher Euphemismus, wenn man bedenkt, was dahinter steckt: Krieg, Elend, Tod, Verstümmelung, Krankheit – die Reihenfolge in der Aufzählung ist dabei das Einzige, was wirklich egal ist) merkt Petit-Louis die raschen Veränderungen. Plünderungen und Verrohung greifen postwendend um sich als klar wird, das Frankreich als Verbündeter Russlands gegen den so genannten Erbfeind ins Feld ziehen wird.

Hinter der Front ist das Soldatenleben einigermaßen erträglich, im Vergleich zu dem, was die Frontschweine so erzählen. Da kann man dem Vorgesetzten schon eine Krankheit vorspielen, zu Essen gibt es jedenfalls genug. Für Petit-Louis ist der Krieg bei Weitem nicht willkommen, aber mit Hindernissen zu ertragen.

Als der Krieg zu Ende ist, streicht Petit-Louis das petit aus seinem Namen. Wie selbstverständlich sitzt er am elterlichen Tisch auf Vaters Platz. Beide, Vater und Sohn haben den Krieg ohne größere Blessuren überstanden. Jetzt kann das richtige Leben losgehen. Eugène Dabit gelingt es mit nüchterner Distanz eingehende Erfahrungen – er selbst ist wie Petit-Louis 1898 geboren – aufzubereiten. Nicht alles im Roman hat er selbst so erlebt, vieles jedoch selbst mit ansehen müssen. Weniger drastisch als „Im Westen nichts Neues“, aber nicht weniger eindrucksvoll feuert Dabit gegen die Kriegstreiber und gibt dem einfachen Soldaten, der nichts anderes kennt als tumb Befehle befolgen zu müssen ein Gesicht. In seiner Schlichtheit ist dieses Antikriegsbuch ein Kleinod aus der Feder eines gefühlvollen Schreibers.

Tito

Große Staatsmänner werden in zwei Kategorien unterteilt. In die, die wirklich Großes geschaffen haben und denen man den einen oder anderen Fehltritt mit einem ganz zugekniffenen Auge eventuell verzeihen könnte. Auf der anderen Seite gibt es sie, bei denen eine – historisch gesehen – Kleinigkeit immer hervorgehoben wird, die große „Schweinerei“ herunterzuspielen. Wie bitte schön kann Autobahnbau millionenfachen Menschenmord aufwiegen? Oder Alphabetisierung Vertreibung und Völkermord? Oder inszenierte Jubelarien die Unterdrückung des eigenen Volkes? Der Name von Diktatoren jedoch wird immer im Gedächtnis bleiben. Ob in Afrika, Asien, Amerika oder Europa – die Namen schallen wie Donnerhall durch die Kathedralen der Erinnerung. Tito – ist er vielleicht die Ausnahme von der Regel? Von 1945 bis zu seinem Tod 1980 war er Generalsekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, Marschall von Jugoslawien, Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Das Land gibt es so nicht mehr, sein Name scheint außerhalb dieses verschwundenen Landes ebenso ausgelöscht zu sein.

Jože Pirjevic versucht mit seiner Biographie – der ersten überhaupt – dem Partisanen, Politiker und Militärführer nahezukommen und ihm Ecken und Kanten zu geben, Lebenswege nachzuzeichnen, wichtige Stationen einzuordnen – ihm Konturen zu verleihen. Fast vierzig Jahre nach dessen Tod trägt die jahrzehntelange Forschung endlich Früchte. Tito wird dadurch nicht wieder lebendig, was zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise beabsichtigt wird. Aber er bekommt ein Leben zurück, das den nachfolgenden Generationen die Bewertung Titos vereinfachen wird.

Jože Pirjevic schildert auf siebenhundert Seiten, inkl. Anhang, Quellennachweisen und ausgiebigem Bildteil, das Leben eines Mannes, der nach der Macht drängte, ohne diese Machtgeilheit zu ins Unmenschliche zu treiben. Josip Broz, so Titos bürgerlicher Name (insgesamt verwendete er über dreißig Pseudonyme), wurde als junger Mann herumgeschupst, verschleppt, verhaftet, gefoltert. Ihm waren die kommunistischen Führer suspekt. Stalins Weg war nie sein Weg, er wollte eine Alternative zur „restlichen sozialistischen Welt“ schaffen. Auch ihm gelang dieser Weg nicht. Nach dem brutalen Zusammenbruch Jugoslawiens verschwand er schnell aus dem Gedächtnis der Welt.

Fast vierzig Jahre nach Titos Tod gelingt es Jože Pirjevic Tito ein gedrucktes Denkmal zu setzen. Niemals jedoch glorifiziert er den Herrscher des einst am zweithäufigsten besuchten sozialitischen Landes Europas. Die Quellen seiner jahrzehntelangen Recherche stehen stets im Vordergrund, sie zu werten ist dem Leser überlassen.

Am Ende dieser mehr als lesenswerten Biographie sind keine Fragen mehr offen. Tito war ein Querdenker. Sein Charisma suchte seinesgleichen. Tito war ein Genussmensch in jederlei Hinsicht. Wer ihm in die Quere kam, dessen Weg wurde „begradigt“. Bewundern muss man ihn als Person nicht zwingend. Seine Ideen waren ehrenwert. Die Umsetzung scheiterte allerdings an zu vielen Faktoren, die auch dieses Buch nicht komplett offenlegen kann. In der Reihe der Diktatoren, und das war Tito zweifelsohne, nimmt er eine Sonderstellung ein. Dieses Buch ist eine detailreiche Erkundungstour  auf der Suche nach dem Geheimnis Titos.

Die Inschrift

In Diktaturen lässt sich gut leben, wenn man das Maul und sich an die Regeln hält. Und immer schon nach dem Mund reden und auf gar keinem Fall den Blick über den eigenen Tellerrand heben. Als Freigeist oder Humanist hat man in solch einem Fall ganz schlechte Karten.

Michele Ragusano ist ein Sonderfall. Er ist Faschist aus Überzeugung. Einen Tag nach Italiens marktschreierischem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg kehrt er in seinen Heimatort zurück. Seine alten Weggefährten strafen ihn mit Missachtung. Eine Art gefallener Engel, der zurückkehrt, so was kann man nicht gutheißen. Schließlich waren vor Jahren alle einer Meinung, dass Michele in die Verbannung gehört. Einstimmiger Beschluss – wie sich das für eine ordentliche Diktatur gehört. Gleichschritt statt eigener Meinung! Basta!

Doch in ganz edler faschistischer Manier – einige ganz Überzeugte pochen auf die „Werte“ der Faschisten – lässt man ihn doch zu Wort kommen. Don Manueli Persico ist die graue Eminenz des Vereins „Faschismus und Familie“. Sein grauer Bart bedeckt die karge Gestalt, die so vortrefflich und fast schon märchenhaft von Andrea Camilleri beschrieben wird. Der Rückkehrer Ragusano macht eine Andeutung über das Vorleben von Persico, dass es dem die Sprache nimmt, die Luft und schließlich das Leben raubt.

Michele Ragusano hat ein zweites Mal gegen die Regeln verstoßen. Er wusste, dass der Don schwach ist. Und das Worte töten können (eigentlich heißt es, dass die Kehle schneller tötet als das Schwert, aber Faschisten neigen nur allzu gern bei Gedankennot zur Umdeutung). Michele wird dem Gericht überstellt, damit es Recht spreche.

Doch die Worte zeigen Wirkung. Der Don war gar nicht so sehr Faschist und rein wie ihn alle gern gesehen haben. In fast hundert Jahren Lebenszeit ändert sich der Mensch, auch seine Sicht auf die Dinge und die Sicht auf ihn. Zum Glück, sonst wäre ja heutzutage in Deutschland der Begriff „mäßiger Postkartenmaler“ mit allerlei schlechten Assoziationen und einem schlechten Gewissen behaftet…

Der eilig gefasste Beschluss eine Straße nach Don Manueli Persico zu benennen, wackelt an jeder Ecke. Besonders die Erläuterung, die Inschrift, muss nochmal überdacht werden. Und da bricht sich der faschistische Kleinbürger, der lieber nicht gewohnte Bahnen verlässt, seinen ziellosen Weg frei.

Kopfschütteln, gelehriges Wissen und die Gedanken an die Gegenwart mischen sich beim Lesen dieser Satire aus der Feder Andrea Camilleris. Wer die Augen nur stur geradeaus hält, verpasst, was links und rechts geschieht. Nur wer für seine Überzeugungen einsteht, kann ruhigen Gewissen Prügel beziehen. Äußerliche Wunden heilen, innere vernarben sichtbar.

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.

Von Gabriel bis Luzifer

Engel sind für viele eine Alternative zur organisierten Religion. Dort kommen sie auch her. Sie zieren viele Stadtwappen, sogar ein Waschmittel trägt den Namen eines Erzengels. Nur ein Engel wird immer wieder verkannt: Luzifer. Sein Name bedeutet „Der Erleuchtete“.

Schon dieses Grundwissen offenbart die Zwiespältigkeit der himmlischen, ja göttlichen Wesen. Valery Rees geht dem Phänomen Flügelträger auf den Grund. Doch haben Engel wirklich Flügel?

Nicht immer, salopp gesagt, auf Bildern sah und sieht es einfach gut aus. Man kann sie besser von anderen Wesen unterscheiden. Und außerdem müssen sie ja irgendwie ganz schnell von einem Ort zum Anderen, besser gesagt, von einem Hilfebedürftigen zum Nächsten kommen. Also Flügel.

Salopp ist aber nicht die Art, die Valery Rees liegt. Sehr ernst, detailorientiert und so umfangreich wie man es nicht vermuten mag, macht sie den Weg frei für eine fachgerechte Betrachtung der Engel. Denn diese werden oft, zu oft als kitschiges Symbol missbraucht. Gerade zur Weihnachtszeit sind sie nicht mehr wegzudenken.

Und das fast überall auf der Welt. Ob christlich geprägte Kulturen oder in der  islamischen Welt – Engel oder Wesen, die wir in unseren Breiten als Engel bezeichnen, tauchen immer wieder auf. Und das schon seit Jahrhunderten. Wenn es also eine Konstante in den Religionen gibt, dann sind es die Engel.

Michael, Gabriel oder Raphael – um nur drei der Bekanntesten zu nennen – haben nur eine Aufgabe: Zu helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Sie erfüllen einen Auftrag, der einfach nicht in Frage gestellt werden kann.

Dem Thema Engel kann man sich weder mit hundertprozentiger Rationalität noch mit blindem Glauben wahrhaft nähern. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für ihre Existenz. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es ebenso schwer ihr Treiben nachzuweisen. Im besten Fall kann man sie glaubhaft nachweisen. Nicht mehr, und nicht weniger.

Valery Rees gelingt es mit ihrem spannenden Buch den Engeln zumindest eine lange Geschichte mitzugeben. Sie umschifft gekonnt die Klippen des Unangemessenen. Wer Engel als willfährige Glücksboten für sich allein schuften lassen will, glaubt nicht wirklich an sie. Er ist ein Glücksritter auf einem klapprigen Gaul, der sein Ziel nie erreicht.

„Von Gabriel bis Luzifer“ erreicht sein Ziel von A bis Z. Nicht nur zur Weihnachtszeit bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in faszinierende Wesen, egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht.

Geniale Erfindungen made in Berlin

Oft gehört: Berlin erfindet sich immer wieder neu. Mag sein, wenn man sich erinnert wie die Stadt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah und mit heute vergleicht. Doch Berlin ist auch eine Stadt, in der viel erfunden wurde, dass man heute noch – unter anderem Namen oder weiterentwickelter Form  – tagtäglich in den Händen halten kann. Gaby Huch hat sich auf die Suche gemacht und Erstaunliches gefunden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt, die heute kaum noch zu sehen ist, zählte mal der Eckensteher. Ein ruhiger Geselle, meist. Der Körper ohne Spannung, gesenktes Haupt, und wenn er was sagte, dann war es oft unverständlich. Klar, er war betrunken. ‘Ne Molle zu viel! Nicht immer. Einer der geistigen Urväter dieser skurrilen gestalten war Johann Heinrich Leberecht Pistorius. Der Kaufmann hatte eine Leidenschaft für die Wissenschaft und das Ingenieurswesen. Es war gerade einmal ein paar Jahrzehnte her, dass Friedrich der Große, die „Kartoffelbefehle“ erlassen hatte. Diese sind die Grundlage dafür, dass die Deutschen als Kartoffelesser weltweit bekannt wurden. Und Pistorius erfand – deswegen kann man ihn als „geistigen Urvater der Eckensteher“ bezeichnen – einen Apparat, mit dem auf der gelben Knolle ein klarer Geist entsprang, der Kartoffelschnaps. Das Destilliergerät war damals noch ein riesiger Apparat, der riesige Mengen produzieren konnte. Doch schon bald wurde das Verfahren für jedermann zugängig. Die Folgen waren unter anderem eben die Eckensteher.

Und was macht man, wenn einem vom vielen Schnaps der Kopf dröhnt, dass man meint der Kopf würde einem gespalten. Man wirft eine Tablette ein. Eine Spalt am besten. Und wo wurde die erfunden? Na klar, in Berlin. Genauso wie der Frommser. Jahrelang war dieser Begriff Synonym für die einzige (verlässliche) Art der Geburtenkontrolle. Fromms – so hießen die ersten Kondome.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Alkohol. So mancher, der nicht nur ein wenig und zu oft und vor allem zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde schmerzhaft mit einer endgültigen Nebenwirkung vertraut gemacht. Das Sehvermögen ließ stark nach bis hin zum Verlust des selbigem. Und ja, auch die Blindenschreibmaschine ist eine Erfindung aus Berlin. Louis Braille hatte 1825 die Blindenschrift entwickelt. Es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis diese Schrift all denen zugängig gemacht wurde, die ohne sie auf Bildung verzichten müssten. Oskar Picht hieß ihr Erfinder, und er ließ 1901 seine Maschine zum Patent anmelden.

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Western. Pioniergeist, verwegene Gestalten, mutige Draufgänger pflasterten den Weg in die Moderne. Von der Thermoskanne, über die elektrische Straßenbahn, Ohropax, die Erbswurst und den Geigerzähler (eine wahrhaft wilde Mischung) – Berlin ist nicht nur dufte, sondern war stets ein Hort des freien Geistes. Auch wenn die Dampflokomotiven heute meist nur noch als Motive für Selfies herhalten, waren sie doch einst der Motor des Fortschritts. Erfunden von Borsig in Berlin, wo heute noch an namentlicher Stelle an Zügen mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet wird. „Geniale Erfindungen made in Berlin“ ist mehr als nur ein Bilderbuch. Die erläuternden Texte sorgen für so manches Ah und Oh.

Fokus

„O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free
and the home of the brave?“ – so endet die erste Strophe der amerikanischen Nationalhymne. Ja, weht denn die sternenbesetzte Flagge noch immer für alle über dem Land der Freien und der Heimat der Mutigen?

Lawrence Newman war so frei und hat in der Firma, in der er seit Jahren angestellt ist, einen mutigen Entschluss gefasst, eine echte Tat. Die Stenotypistinnen, denen er vorsteht, hatten die Angewohnheit immer mal wieder auf unbestimmte Zeit sich eine kleine große Pause zu gönnen. Das fiel immer nur dann auf, wenn der Arbeitsraum verdächtig übersichtlich aussah. Jetzt – das war die Tat – sitzen alle vor der großen Glasscheibe, und dahinter wacht Newman. Leider verwandelt sich die Scheibe für Newman in Milchglas. Er sieht kaum noch was in dem Großraumbüro vor sich geht. Alle raten ihm endlich mal zum Arzt zu gehen und sich eine Brille verschreiben zu lassen.

Newman sieht ein, dass es nicht mehr ohne geht. Und die Brille erfüllt ihren Zweck. Newman kann die Welt um sich herum nun wieder besser wahrnehmen. Allerdings mit ungeahnten Folgen.

Die USA stehen im Krieg mit den Nazis. Auf den Straßen sind die Zustände in Bezug auf Rassismus denen in Deutschland ähnlich. Juden gelten allgemein als verdächtig. Sind die reich, verschweigen sie ihren wahren Reichtum. Sind sie arm, tun sie nur so. Auch Newman nimmt sich von den Sticheleien nicht aus. Zwar nur hinter vorgehaltener Hand, dennoch spürbar, sind die Juden ihm egal.

Die Brille noch einen weiteren Effekt. Newman wirkt verändert. Im Büro tuschelt man nicht mehr hinter seinem Rücken. Nein, jetzt wird er ganz offen erniedrigt bis angefeindet. Was ist passiert? Die Brille macht ihn jüdisch!

Und deswegen ist er nicht repräsentabel, muss in das Büro in der Ecke umziehen, und der Eckensitzer bekommt seinen Job. Er kündigt, denn eine solche Erniedrigung, nachdem er so viel für die Firma getan hat, kann er nicht hinnehmen. Auch andere Personalchefs – ihm ebenbürtig – sehen in ihm nur den Juden, den man nicht vertrauen kann. Man kann sagen, dass die Brille ihm die Augen geöffnet hat.

Je länger Newman die Brille trägt desto drastischer nimmt er alles um sich herum wahr. Auch Gertrud, die mittlerweile an seiner Seite ist, bemerkt die Veränderungen. Ihre Natur ist jedoch robuster, was Newman anzieht, aber auch abschreckt. Solange man ihn nur körperlich in Ruhe lässt …

Dieses Buch lässt niemanden ruhig bleiben. Wenn jemand wegen seines Aussehens in eine Schublade gesteckt wird, die es scheinbar wiederum Anderen erlaubt, ihn wegen des Aussehens zu belästigen, zu diffamieren, perfide zu unterdrücken, muss man seine Stimme erheben. Arthur Miller gelang mit seinem (übrigens einzigen) Roman sehr lautmalerisch ohne dabei die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Ein düsteres Bild, das er da in seinem Roman zeichnet. Überzeichnet hat er es allerdings niemals.

Genauso wie Franziska Neubert. Ein Punktlandung sind alle ihre Zeichnungen in diesem Buch. Sie stellt Newman nicht bloß, indem sie ihm ein Gesicht gibt. Die Situationen, denen Newman ausgesetzt wird, gibt sie den künstlerischen Rahmen ohne dabei die Wahrheit zu verstecken. So verdeckt der Hass, der Rassismus, der Faschismus ist, so eindeutig zeigt er sich in den Zeilen und in ihren Bildern. Mal düster, mal quicklebendig, mal indirekt, mal beklemmend offen.

Chaplin

In Kindertagen entkam man dem eindringlichen Wunsch der Eltern nach weniger Fernsehkonsum nur mit einer Ausrede: „Aber es läuft doch gerade Charlie Chaplin“. Ein unschlagbares Argument, dem sich niemand verwehren konnte. Als Erwachsener kommt der Bitte dieses “Buch doch endlich beiseite zu legen“ auch nicht nach, denn es geht wieder einmal um Charlie Chaplin. Über 900 Seiten paradiesisches Papier über den Mann, der Film- und Schauspielkunst wie kein anderer beeinflusst hat.

Autor David Robinson beginnt – wie es sich in einem Bericht, eine Biographie über einen Gott gehört – im biblischem Ausmaß die Ahnenreihe der Chaplins (deren Herkunft wohl den Hugenotten zuzuschreiben ist, weswegen wohl ein „Schapleng“ auch nicht ganz so falsch klingen würde) auseinander zu dividieren. Eine Herkulesaufgabe. Dennoch nötig, um die ersten Jahre von Charles Spencer Chaplin einordnen zu können. Diese waren nicht zwingend von Freud, mehr von Leid geprägt. Der Vater oft fort, bis er endgültig verschwand. Als er wieder da war, war sein Verfall sichtbar und das Ende absehbar. Armenhäuser, harte Arbeit, aber auch Theaterbesuche (ein Holzfäller schenkte dem kleinen Charles die erste Theaterkarte – die besuchte Vorstellung bescherte der Truppe später ihren umjubelten Star) und das karge Leben eines Künstlers. Alle Details dieser Zeit, oder fast alle, sind Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben. Die ersten Seiten lesen sich wie die künftige Rolle des Tramps auf die Zuschauer wirkte: Zum Schmunzeln, bitter real und unabwendbar. Manche Rollennamen, die Chaplin später benutzte, hatten hier im armen London der Künstler ihren Ursprung.

Chaplin wurde von der Kritik geliebt und vor allem gelobt. Sein Spiel war intensiv und wirkte lange nach. Er verlieh so manchem mittelmäßigen Stück einen gewissen Glanz. Liefen die Stücke oft nur ein paar Wochen, so war es sein Talent, das nachhallte. Auf Tourneen wie beispielsweise in die USA wurde man auf ihn aufmerksam. Bei einer Tournee war unter anderem ein Schauspieler dabei, der Chaplin in nichts nachstehen sollte und zusammen mit einem weiteren Kollegen das am längsten spielende Duo der Welt bildete: Stan Laurel.

Hollywood steckte noch in den Kinderschuhen, die im Schlamm dahin wateten als Charlie Chaplin die ersten Schritte vor der Kamera tat. Wie er zum Film kam, kann auch David Robinson nicht endgültig aufklären. Aber er kann die Puzzlestücke, die alle Beteiligten hinterlassen haben, auf den Tisch legen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann. Es steht jedoch außer Frage, dass Chaplin zuerst an eine Erbschaft dachte als an ein ernsthaftes Filmangebot als er einem Vorstellungsgesuch in einem Gebäude in New York nachkam, in dem ausschließlich Anwälte ihrer Arbeit nachgingen. Umso größer die Überraschung.

Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie absprechen. Die Studiobosse erkannten den Ehrgeiz und statteten ihn mit Geld und Einfluss aus. Die erste Fassung seines Vertrages mit Keystone (die unter die Keystone Kops, die chaotischen Polizisten, und Fatty Arbuckle, den gefallenen Engel, produzierten), der ihm einhundertfünfzig Dollar pro Woche (schon kurze Zeit später hing man gern ein paar Nullen mehr dran) sicherte, ließ Chaplin zurückgehen und eine Kündigungsfrist einfügen. Man wusste, was man an ihm hat. Und benötigte dringend einen neuen Star(anwärter).

Als später der Tramp geboren wurde, auch hier kam ihm wieder seine harte Kindheit in den Sinn – zugute kam sie ihm bestimmt nicht, das wäre wohl zu viel des Guten gewesen – war es ums Publikum geschehen. Charlie Chaplin war nun mehr als ein Schauspieler, er war eine Marke. Eine Marke, die es ihm erlaubte Gagen zu fordern, die für die damalige Zeit astronomisch waren. Aus dem jungen Talent aus dem schäbigen London war der pedantische Star aus Hollywood geworden. Einer, der gegen alle Widerstände auch einen Film wie „Der große Diktator“ machen konnte. Die Nazis hatten damals perfide Verträge mit Hollywood – auch und gerade mit jüdischen Produzenten – gemacht, um Einfluss zu nehmen. Der Schnauzbart aus Hollywood drehte dem Schnauzbart aus der Wolfsschanze gewaltig eine Nase!

David Robinson ist der autorisierte Biograph Charlie Chaplins. Er allein durfte das Privatarchiv durchforsten. Er recherchierte jedes noch so kleine Detail. Sprach mit Weggefährten und ihm selbst. Das Ergebnis: Diese faktenreiche Biographie, die keine Fragen offen lässt. Es ist ein Fest das Leben eines Mannes nachzuvollziehen, der seit über einhundert Jahren Kinderaugen zum Leuchten bringt, Zuschauer zu Tränen rührt und Filmwissenschaftler begeistert. Charlie Chaplin, der Tramp, der außerordentliche Schauspieler wird nie in Vergessenheit geraten – wegen seiner Filme, aber auch dank David Robinsons Hingabe, die in jeder Zeile des Buches spürbar ist. Als Zugabe gibt es zahlreiche Abbildungen seiner Verträge, eine Karte Londons mit den Wohnorten der Chaplins und einer Ahnengalerie der Menschen, die Charlie Chaplin formten. Das Komplettpaket zum Glücklichmachen!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.

Die letzten Nächte von Paris

Es könnte schlimmer sein! Nur noch eine letzte Nacht in Paris. Und dann ganz viele Nächte nicht in Paris. Doch der namenlose Erzähler hat noch mehrere vor sich. Und die verbringt er mit Georgette. Beziehungsweise verbringt er sie nicht neben Georgette, sondern meist hinter ihr. Sie zu verfolgen, ihrem Sirenengesang zu folgen, ist sein Elixier.

Georgette ist des Nachts der schillernde Schmetterling, der das Dunkel der Nacht vergessen lässt. Tagsüber ist jedoch die graue Maus, die man sehr wohl wahrnimmt, aber nicht mit übermäßiger Beachtung beschenkt. Nicht Georgette allein machen die Nächte von Paris so eindrücklich. Es ist das Drumherum, das den Erzähler unmerklich in einen Strudel hineinsaugen, dem er nicht entkommen kann. Er befindet sich auf einer Reise, die man so nirgends buchen kann, auch wenn Georgette sich sonst für vieles bezahlen lässt.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Andernorts sind diese Jahre golden oder roaring. In Paris treibt der Erzähler in eine krimireife Zeit. In der Zeitung liest er von einem Matrosen, den die Polizei dingfest machen hat. Er den Freund seiner Freundin ermordet, zerstückelt und die Reste dessen menschlicher Existenz in der Seine entsorgt.

Octave, Georgettes Bruder, ist auch so ein Früchtchen. Wie einst Nero will er sich ein flammendes Denkmal setzen. Doch es wird dann doch die letzte Ruhestätte.

Und Volpe schießt den Vogel im Skurrilitätenkabinett ab. Er kann alles, kennt jeden, hat überall seine Finger im Spiel. Doch greifbar wird er niemals sein. All diese Typen und noch einige mehr trifft der Erzähler bei seinen Erkundungen Georgettes. Autark ist er schon lange nicht mehr. Das Milieu hat ihn gefangengenommen. Nur noch ein kleiner Schritt bis er selbst dazugehört…

„Die letzten Nächte von Paris“ sind Philippe Soupaults Liebeserklärung an Paris. Die Poesie seiner Worte hallen noch lange nach. Beispielsweise wenn er Georgettes Schatten als das wahre Licht ihrer Schönheit beschreibt. Oder wenn er vom albernen Xylophon der Bummler spricht. Wer Paris wie es einst war kennenlernen will, wer dem heutigen Paris auf den Grund gehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Picasso und die anderen spielten in Paris nicht mehr lange die große Rolle wie vor zehn, zwanzig Jahren. Montmartre und Montparnasse waren vom Künstler-Walhalla zum Spektakel für allerlei schaurige Gestalten verkommen. Der Mythos Paris kränkelte. Und Philippe Soupault kritzelt eifrig seine Fieberkurve.