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Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Geschichte Belgiens

Wenn die Tage kürzer und die Abende kälter werden, bleibt Zeit schon mal die nächste Reise im Kopf zu planen. Schließlich will man vorbereitet, und in der schönsten Zeit des Jahres nichts verpassen. Und wer weiß, vielleicht kommt dem Einen oder Anderen dabei noch eine Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

Die „Geschichte Belgiens“ ist auf den ersten Blick erstmal kein Buch, das unterm Weihnachtsbaum für große Augen sorgt. Sollte man meinen, diese Meinung ist aber falsch und wird durch eben diesen Titel von Christoph Driessen umgehend, umfänglich und vor allem ab der ersten Seite widerlegt. Denn Geschichte kann spannend sein, auch ohne schreckenshafte Bilder vor den Augen. Es dauert nur noch ein reichliches Jahrzehnt bis Belgien seinen 200. Geburtstag feiern kann. Und jeder, der bis Seite einhundertdrei dieses Buches gekommen ist, kennt jetzt schon einen Programmpunkt der Feierlichkeiten. Wenn dann zum Beispiel die Oper „Der Stumme von Portici“ aufgeführt wird, werden Erinnerungen wachgerufen an die erste belgische Flagge und die Bedeutung ihrer Farben.

Das Bemerkenswerte an diesem Buch mit dem unscheinbaren Titel „Geschichte Belgiens“ ist die verständliche Sprache des Autors. Prägnant trifft in jedem Satz den richtigen Ton ohne den Zeigefinger zu heben. Kein wilder Ritt durch ein Wirrwarr an Jahreszahlen, die selbst Belgier kaum im Kopf haben, sondern ein angenehmer Flug durch die wilde Geschichte eines Landes, das seit ein paar Jahren erst wieder beispielsweise im Sport wieder für Furore sorgt und dessen Geschicke jahrelang führungslos geleitet wurden.

Da sitzt man nun und fragt sich insgeheim, was man über Belgien weiß. Da Land liegt nicht tausende Kilometer entfernt in einer anderen Zeitzone. Es liegt gleich nebenan. Und welche Antworten muss man sich selber geben? Tim und Struppi, Pommes frites und Schokolade. Manch einem fällt vielleicht noch der koloniale Wahnsinn im Herzen Afrikas ein. Ein Skandal hier, eine Affäre da – aber ansonsten sieht es so aus wie das linke Drittel der Fahne: Ziemlich düster bis schwarz.

Diese Geschichte liest sich wie ein Krimi. Immer wieder unerwartete Wendungen, die Christoph Driessen mit einer Selbstverständlichkeit erklärt, dass sie dem Leser wie der natürliche Fortgang der Geschichte erscheinen. Kein Wort zu viel, kein Ereignis, das ausgespart wird. Und wer für den nächsten Frage-und-Antwort-Spieleabend noch ein paar Anregungen braucht, bekommt gleich noch eine Portion Promiflüstern beigelegt. Man kann ja schon mal anfangen: Wie viele (fiktionale wie reale) Belgier kennt man selbst? Poirot, Brel, Wilmots …

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Der Kramladen des Glücks

Gustav ist ein echter Glückspilz! Er strahlt die Welt an und sie strahlt zurück. Doch das Glück bekommt schon früh Risse. Denn Gustav ist sensibel. Nicht im Sinne, dass er bei jeder Kleinigkeit anfängt zu heulen, sondern, dass er ein aufmerksamer Beobachter ist. Sein älterer Bruder Rudolf nimmt sich gezwungenermaßen seiner des Öfteren an. Das machen große Brüder so. Widerwillig und pflichtbewusst.

Die Zeit vergeht und Gustav wächst heran. In München will / soll er Jura studieren. Doch das Studium reizt ihn kaum. Und so verbringt er mal Zeit in Vorlesungen in Ägyptologie oder anderen Studienfächern. Und er verbringt Zeit mit Frauen.

Die sehen in ihm allerdings nicht den Mann fürs Leben. Geliebtes Anhängsel, gesprächiger Begleiter, romantischer Zeitvertreib – für Gustav gibt es viele Bezeichnungen. Doch Liebhaber, potentieller Gatte – das wird er niemals sein. Irgendwo zwischen Hansguckindieluft und Bohème ist er anzusiedeln. Ihn stört es kaum. Bis auf die Sache mit den Frauen. Das würde schon ganz gern in den Griff bekommen.

„Der Kramladen des Glücks“ ist der erste Roman von Franz Hessel. Er erschien 1913. Schon allein der Titel macht neugierig. Was ist denn gerade im Angebot in diesem Laden? Irgendeine Empfehlung? Ja! Lesen! Wie ein unschlüssiger Kunde streift man durch diesen Laden und ist fasziniert von der Vielfalt der deutschen Sprache. Hessel verleiht seinem Helden Flügel. Die benutzt der jedoch nicht, um großartige Expeditionen zu unternehmen, sondern vogelfrei herumzuflattern. Nie ganz dem Kindesalter entflohen, darf er sich auch so benehmen. Gustav kann man nichts übel nehmen.

Er ist ein ewig Suchender, von dem man weiß, dass er niemals ankommen wird. Und man möchte es auch nicht. Wie ein Voyeur betrachtet man aus sicherer Entfernung wie sich Gustav in Liaisons verrennt und kläglich scheitern muss. Die Risse im Herzen kittet er schnell und nachhaltig. Was ihn nicht davon abhält weitere Verletzungen in Kauf zu nehmen. Ihn sachlich nüchtern als fünftes Rad am Wagen zu bezeichnen, käme seinem Naturell in keiner Weise nahe.

In diesem Kramladen findet jeder etwas. Ein Sammelsurium des Glücks und der Verzweiflung, aber niemals die Rumpelkammer eines Sünders. Es ist ein aufgeräumter Laden, den man gern betritt, weil man immer fündig wird. Der Preis ist ein lang anhaltendes Lächeln. Was will man mehr?

Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Der Ursprung der Arten

Schulbücher und die Erinnerungen daran – da kann jeder ein Lied singen. Warum sie heute noch einmal in die Hand nehmen? Den Sinn hat man damals schon nicht verstanden. Aber es gibt Ausnahmen. Evolutionstheorie, Charles Darwin, den Ursprung der Arten – das war doch gar nicht so schlimm, damals im Bio-Unterricht. Damit konnte man etwas anfangen. Die Tiere kannte man, die Veränderungen in ihrem Wesen waren nachvollziehbar, nicht so trocken wie das stupide Auswendiglernen von lateinischen Begriffen. Doch warum sollte man sich noch einmal diesem Thema unterwerfen?

Zum Einen, weil man damals bestimmt nicht „Der Ursprung der Arten“ gelesen hat, sondern nur die Auszüge daraus in einem knallbunten Lehrbuch. Und vor allem an einer unbequemen Schulbank. Heute werden Lesesessel oder Couch bevorzugt. Oder man liest noch einmal nach wie das genau war mit den Finken fernab jedweder menschlicher Einflussnahme. Wie war das doch gleich mit der Evolution? Und der Anpassung? Ein grobes Muster hat man noch im Kopf, aber die Details …

Über einhundertachtzig Jahre ist es her, dass Charles Darwin von seiner Südseereise mit der „Beagle“ zurückkehrte. Ganz nebenbei, die erste Millionenfrage bei „Wer wird Millionär?“ handelte von diesem Schiff. Fast ein Vierteljahrhundert dauerte es bis Darwin endlich seine Erkenntnisse dieser epochalen Reise veröffentlichen konnte. Das war 1859. Und noch immer ist dieses Buch eines der wichtigsten und einflussreichsten Bücher überhaupt.

Eike Schönfeld hat es noch einmal neu übersetzt, die Sprache ist nun flüssiger und erleichtert auch Nicht-Biologen einen ungehinderten Zugang zu Darwins Erkenntnissen oder nebenbei Fachliteratur zurate ziehen zu müssen. Der Geist des Buches hat nicht darunter gelitten, die Kompetenz Darwins ist nun einem breiteren Publikum zugänglich.

Die hochwertige Gestaltung, Fadenheftung, Leineneinband mit Goldprägung im Schuber, zahlreichen Illustrationen etc. macht äußerlich schon was her. Doch der Inhalt – und danach sollte man Bücher bewerten – schlägt jeden Thriller um Längen. Es ist unbestritten, dass man dieses Buch nicht auf einmal Seite für Seite liest, um am Ende zu wissen wie die Geschichte ausgeht. Das wusste auch Darwin nicht. Denn die Evolution ist allen Unkenrufen niemals zu Ende. Aber in Kapiteln genossen, die durchaus längere Pausen dazwischen verzeihen, ist „Der Ursprung der Arten“ mindestens genauso spannend wie so mancher Krimi.

Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Walter Gropius ist der Mann des Bauhaus. 2019 ist das Jahr des Bauhaus und somit auch sein Jahr. Dessau, Berlin und Weimar werden das Bauhaus und Walter Gropius feiern wie selten zuvor eine Kunstrichtung. Ursula Muscheler stellt in ihrem Buch die Frauen um den großen Künstler und Architekten. Und davon gab es mehrere.

Schon als Kind verstand es Walty, wie er von seiner Großmutter Luise genannt wurde, die Menschen um ihn herum zu beeindrucken, zu beeinflussen und in seinen Bann zu ziehen. Der sprichwörtliche silberne Löffel im Mund, golden war er dann doch nicht, erlaubte es ihm die Welt kennenzulernen und zu studieren. Allerdings war sein Handgelenk nur allzu locker, sobald diese sich einer  Geldbörse näherten. Nachschub von zuhause musste zwar flehentlich erbeten werden, doch der monetäre Fluss verebbte nicht.

Auch bei den Frauen hatte er bemerkenswertes Glück. Alma Mahler war die erste, die ihm verfiel. Noch als Frau Mahler, Gattin des berühmten und gefeierten Komponisten, wurde ihre Affäre schlussendlich doch aufgedeckt. Als Gustav Mahler schwer erkrankte – zwischenzeitlich hatte er Wind von der Affäre bekommen, ließ sich allerdings von Alma beschwichtigen – beendete Alma die Liaison. Walter Gropius wurde eingezogen und zog „bester Stimmung“ in den Krieg. 1915 wiederum flammte die Liebe wieder auf. Wieder Alma. Hochzeit und Nachwuchs waren die Folge, doch die Beziehung hielt nicht lang. Er im Krieg, sie im sich wandelnden Wien. Er mit Kameraden im Schützengraben, sie mit Oskar Kokoschka im Austausch. Als Gropius mitbekommt, dass sein Kind nicht von ihm ist, reicht er die Scheidung ein. Und kurze Zeit später steht er dem Bauhaus in Weimar vor. Das nennt man wohl Bilderbuchkarriere.

Walter Gropius war den Frauen immer zugetan, sie ihm nicht minder. Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ilse, die dann doch noch seinen Namen tragen durfte, waren für ihn die wichtigsten Begleiterinnen. Zugegeben hat er das nie. Doch die Briefe an ihn, von ihm, zeichnen ein eindeutiges Bild.

Ursula Muscheler rückt Frauen in den Vordergrund, die es gewohnt waren im Hintergrund zu agieren. Einzig Alma Mahler, Alma Werfel war es vergönnt schon zu Lebzeiten das Korsett des Schweigens durchzuschneiden. Walter Gropius und die Frauen, oder sollte es heißen Walter Gropius im Leben der Frauen? Die Frage könnte nur einer abschließend beantworten. Doch der wird den Mantel des Schweigens über sein Leben legen und ihn liegen lassen. Ursula Muscheler erhascht den einen oder anderen Blick darunter und zieht mit Eloquenz und Eleganz so manches Geheimnis darunter hervor.

Atlas der verlorenen Städte

Es gibt Orte, die gibt es gar nicht (mehr). Und es gibt Orte, die darf es eigentlich gar nicht geben. Und es gibt Leute, die behaupten beispielsweise sich in Centralia, Pennsylvania erkältet zu haben, weil dort permanent niedrige Temperaturen herrschen. Glauben Sie letzteren niemals. Denn Centralia ist ein ziemlich warmer Ort. Hier brennt die Erde seit über einem halben Jahrhundert. Zu Ehren des Memorial Days wurde ein Feuer entzündet. Dumm nur, dass dicht unter der Erdoberfläche der Reichtum der Stadt lag: Kohlevorkommen. Und das Feuer züngelte nun nicht nur gen Himmel, sondern auch gen Hölle. Selbige brach alsbald auch aus. Der Boden hob sich und als er sich Jahre später auftat, beschloss man den Ort zu evakuieren. Ein paar Widerständler leben tatsächlich noch in Centralia. Doch selbst die Post kann hier – offiziell – kaum noch etwas zustellen. Dem Ort fehlt schlichtweg die Postleitzahl. Centralia ist ein Ort, den also gar nicht mehr geben dürfte.

Karthago hatte ein ähnliches Schicksal. Heute ist von der einstigen Perle am Mittelmeer nicht mehr viel übrig. Die Hauptstadt Tunis verdeckt den Blick und hat sich Teile Karthagos einverleibt. Oder Kolmanskop in Namibia. Als hier Diamanten entdeckt wurden, brach ein unerwarteter Boom los. Der verebbte als in der Umgebung weitere Diamantenfunde auftraten. Kolmanskop versandete im Spiegel der Geschichte. Heute ist es eine Touristenattraktion, die teuer erkauft werden muss und dem Besucher nicht viel mehr als Requisiten bietet.

Aude de Tocquevilles „Atlas der verlorenen Städte“ ist ein Ausflug in längst vergangene Tage, an Orte, die dem Begriff Ödnis frisches Blut liefern oder einfach nur die Phantasie beflügeln. Alle Städte haben einmal existiert. Ihre Bewohner konnten sich glücklich schätzen sich als Einwohner bezeichnen zu dürfen. Doch der Zahn der Zeit, Katastrophen, Plagen etc. machten sie zu Legenden. Afrika, Amerika, Europa, Asien – jeder Kontinent ist durch die gemeinsamen Schicksale seiner Städte miteinander verbunden. Das mystische Babylon ist, das gigantische Prora, das verschlafene Balestrino – Orte des Handels, der Protzerei und der Angst. Verlassen wegen Krieg, wegen des Images oder aus Vorsicht. Jedes einzelne Kapitel, jeder einzelne Ort füllt die Geschichtsbücher dieser Welt mit Legenden und Erzählungen. Manche sind wahr, viele überzogen. Wer heute noch echte Abenteuer erleben will, beginnt seine Reise am besten auf Seite Eins dieses Buches!

Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…