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In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

City Maps – Die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen

Es gibt Dekogegenstände, die muss man sorgsam aussuchen. Denn sie begleiten einen das ganze Jahr hindurch. Sie sollen im Winter wie im Sommer Freude bringen. Die Suche kann anstrengend sein. Aber wenn man dann das Richtige gefunden hat, ist die Freude umso größer und anhaltender. Drei Viertel unserer Lebenszeit soll diese Freude dreihundertfünfundsechzig Tage andauern. So ist es zum Beispiel bei einem Kalender. Die Tage soll er anzeigen. Diese Funktion haben nunmal Kalender. Wandkalender sollen hingegen noch ein bisschen mehr. Sie sollen so richtig was hermachen. Ausdrucksstarke Bilder sollen Sehnsüchte wecken, motivieren, vielleicht sogar ein (Reise-)Ziel schmackhaft machen.

Landkarten und Stadtpläne sind seit der digitalen Revolution zu blassen Linienformationen in einfachen Farben geworden. Sie sollen einen ans Ziel bringen mehr nicht. Es gab Zeiten, da waren Karten wahre Kunstwerke. Eben echte Handarbeit von echten Künstlern. Achtung Phrase: So was gibt’s heute nicht mehr!

Doch! Und zwar das ganze Jahr über. „City Maps – die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen“ nennt sich ein Kalender, der großformatig (50 mal 66 Zentimeter) das historische Auge schult. Wer weiß schon wie Sydney im 19. Jahrhundert aussah. Kleiner Tipp: Wer die Oper sucht, tut dies vergeblich. Als die Karte, die den Mai 2018 ziert, erstellt wurde, war Jørn Utzon, der Architekt der Oper, noch nicht einmal geboren, auch Harbor Bridge sucht man vergebens. Dafür findet man im März ganz leicht die Verbotene Stadt in Peking oder im April die Tower Bridge und Tate Gallery.

Das Großformat erlaubt es die Karten durchaus als naturgegeben anzusehen. Einzelne Spazierfahrten und –gänge können teils noch einmal mit dem Finger abgegangen werden. Von schachbrettartigen Stadtplanungen wie New York oder Mexico-City über dreidimensionale Abbildungen von Los Angeles bis hin zum königlichen Oslo und dem habsburgischen Wien legen die Städte ihre geheimsten Wege frei.

Die zarten Farben machen den Kalender passend für jeden Wohnungstyp, von antik über rustikal bis zur modernen Wohnungseinrichtung: Dieser Kalender ist eine Zier für jeden Haushalt. Wer reist, braucht Orientierung. Wer außerdem noch geschmackvolle Erinnerungsstücke sein eigen nennt, wird an diesem Kalender seine helle Freude haben.

Archäologischer Kalender 2018

Wie lang dauert eine Weltreise? Ein paar Monate sollten es schon sein, um von China und Griechenland über Syrien, Italien und Persien bis nach den Irak bis nach Mali zu reisen. Und wie lang dauert dann eine Zeitreise, die mehrere Jahrhunderte, so gar Jahrtausende zurückreicht? Ca. ein Jahr! Genauer gesagt vom ersten Weihnachtsfeiertag 2017 bis zu Heilige Drei Könige 2019. Dazwischen hat man im –Zwei-Wochen-Rhythmus immer wieder Reiseziel, die so nicht, ja sogar niemals wieder so zu sehen sind.

Der archäologische Kalender aus dem Philipp-von-Zabern-Verlag ist eben mehr als nur ein A4-Wandschmuck, den Gäste sich gern betrachten, der einen selbst immer wieder zum Anhalten und Bestaunen anhält, sondern der ein ganzes Jahr lang Reisen in ferne Welten parathält. Zwei Wochen hat man jeweils Zeit, um vielleicht eine kleine Museumstour zu erstellen. Denn die abgebildeten Objekte entspringen nicht der Phantasie, sondern sind hier und da tatsächlich in Museen rund um den Globus zu betrachten.

Amulette, eine Wangenplatte einer Pferdetrense, Mosiaken, antike Flaschen und ein wahres Füllhorn an archäologischen Fundstücken erster Klasse machen es schwer nicht schon mal weiterzublättern, um die Neugier zu stillen.

Es passiert zum ersten Mal, dass ein Montag so sehnsüchtig erwartet wird. Dann darf endlich – beim Adventskalender darf man ein weiteres Türchen öffnen, allerdings nur vierundzwanzig Mal – umgeblättert werden. Die Rückseite wird als detailreiches Infoblatt genutzt. Kurze Texte geben einen exzellenten Einblick in das, was Geschichte ausmacht: Spannende Alltagsgeschichten zu den abgebildeten Objekten und eine zeitliche Einordnung. Ägypter, Paestanier und Babylonier haben viel zu erzählen. Da sie es nicht mehr können, machen sich seit Ewigkeiten Wissenschaftler daran die Geheimnisse der verschwundenen Reiche aufzudecken. Und das auch anhand von Hinterlassenschaften. Und die sind in diesem Kalender ein Jahr lang zu bestaunen.

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen

Da fehlt doch was! Ein Fragezeichen, oder ein Ausrufezeichen. Oder doch nicht. Victor Klemperer, der große sprachgewaltige Humanist, Idealist und Philologe lässt das Ende des Satzes offen. Das schelmige Lächeln trägt er nicht nur auf dem Buchcover – auf jedem Bild, das man von ihm kennt, kann er seiner zeitweisen Hoffnungslosigkeit immer noch einen Funken Positivität abgewinnen.

Ja, warum soll man denn unbedingt aufhören auf bessere Zeiten zu hoffen.?! Schlimmer kann es nicht werden. Das dachte er, als der erste Weltkrieg begann. Auch als er – studiert, voller Tatendrang, arbeitsbesessen – keine Anstellung fand. Als die Nazis immer breitere Bevölkerungsschichten erreichten. Und schließlich die Macht errangen. Als ganz Europa in Schutt und Asche lag. Schlimmer konnte es nicht kommen. Als man ihm Arbeitsverbot, Publizierungsverbot auferlegte. Es kam schlimmer. Und doch schwebte ein Funken Hoffnung im täglichen Leben mit.

In den Briefen, die er schrieb – an Mitstreiter, Familie, Freunde – wird sein Leben so greifbar wie kaum zuvor. Kurze Einblicke in einen kurzen Lebensabschnitt sind es, die den Leser in eine Zeit versetzen, in der man nicht an seiner Stelle gewesen sein möchte. Und trotz alledem stechen die wohl gewählten Worte wie glühende Eisen ins Augenlicht des Lesers. Höflichkeit ist Trumpf. Keine abgehackten auf wenige Zeichen limitierten Tiraden gegen etwas oder wen, sondern exakt formulierte Bitten, Klagen und dabei so voller Zuversicht und Ehrerbietung dem Empfänger und voller Respekt der deutschen Sprache gegenüber. Eine echte Wohltat dem Künstler, der aus tiefster Überzeugung gar nicht anders konnte als dem am breitesten Kulturgut eines Volkes, der Sprache, zu folgen.

Sein Hauptwerk „LTI – Lingua Tertii Imperii“, in dem er die Sprache des so genannten Dritten Reiches unter die Lupe nahm, ist erschreckend, wenn man die Verformungen heutzutage wahrnehmen muss. Ein Buch, das heute mehr denn je gelesen – und vor allem – gelehrt werden sollte. Denn Sprache ist Leben und Tod zugleich. Twitternachrichten als Regierungserklärung, die für jedermann sofort und ungefiltert erreichbar sind, bergen mehr als nur ein Risiko. Denn die Reaktionen folgen postwendend. Und meist im gleichen Stil. Ohne nachzudenken reagiert man auf das, was einfach mal so rausgeblasen wird. Oder man reagiert nicht minder langsam, auf Provokationen, statt selbst zu agieren, und dem Stumpfsinn eigene Ideen und Argumentationen entgegenzusetzen.

Es ist eine Freude den Gedankengängen Victor Klemperers zu folgen. Man erschrickt vor so viel Courage und Zuversicht in der dunkelsten Zeit, man staunt über die Vielfalt der Worte der eigenen Sprache und hofft wie in einem spannenden Thriller auf ein gutes Ende. So wie der Autor, der sich letztendlich doch bestätigt fühlen konnte: Irgendwann ist dann doch Schluss mit dem „Schlimmer geht’s immer“.

Sizilien. Eine Geschichte von der Antike bis in die Moderne

Je nach Größe verfügt jede Stadt, jede Region, jedes Land über eine gewisse Anzahl von Bauwerken oder Naturschönheiten, die unverwechselbar sind. Und jeder Besucher will dort hin. Oft sind es die Stilbrüche, die einen Ort so einzigartig machen. Und je mehr davon zu sehen ist, desto beliebter war dieser Ort, diese Region, diese Insel (wir nähern uns langsam dem Thema). Davon kann man ausgehen. Denn zum Einen war der Ort – okay, sagen wir wie es ist: Die Insel – schon vor Zeiten ein Anziehungspunkt und man blieb auch lang genug, um sich hier ein Denkmal zu setzen, eine Burg zu bauen, auf jeden Fall etwas Bleibendes zu hinterlassen. Eine Frühform von Multikulti.

Und dann steht man in Sizilien. Auf einer Piazza, einer Via in einer Stadt, einem Dorf oder am Strand. Und überall wimmelt es nur von fremder Architektur, exotische Düfte umschwirren die Nase, ein seltsam hartes Italienisch dringt ins Ohr … es ist zwar Italien, aber auch noch vieles Anderes. Je nach Reiseband ist man nun aufgeschmissen oder man erfährt so manches, warum es hier so aussieht wie es ist.

Man kann aber auch die Abkürzung nehmen und den Richtigen fragen. John Julius Norwich ist der Richtige. Er ist der Chronist der Winde und Stürme, die über die größte Insel des Mittelmeeres jemals fegten. Und er kennt sie alle, die Griechen, die Karthager, die Römer und die Barbaren, von Napoleon bis zur Mafia. Es ist faszinierend dem Autor auf seinem Ritt durch die Geschichte zu folgen. Und folgen kann man ihm ganz leicht. Als ob es die einfachste Sache der Welt wäre, macht er Geschichte, die Geschichte Siziliens greifbar, nahbar. Kein stupides Daten herunterrasseln oder gehetztes „dann kam der, dann der und dann die“ etc. Hier ist ein Fachmann am Werk, der nicht nur sein Themengebiet beherrscht, sondern spielerisch Anekdoten und Fakten miteinander zu verknüpfen weiß.

Man muss dieses Buch nicht lesen, um Sizilien zu lieben. Aber es ist Basislektüre, um es zu verstehen. John Julius Norwich stellt keine Hinterlassenschaften in den Vordergrund, er stellt die Erbauer vor, führt den Leser in längst vergangene Zeiten und verknüpft die historischen Eckpunkte zu einem edlen Teppich, auf dem sich vorzüglich Sizilien erkunden lässt. Die Liebe zu der Insel ist in jedem Absatz spürbar. Immer weiter zieht der Autor den Leser in die ereignisreiche Historie der Insel, die von den Normannen genauso beeinflusst wurde wie von deutschen Kaisern, sarazenischem Säbelrasseln, griechischer Kulinarik oder anderen „Ehrenmännern“. Sizilien ist der wahrgewordene Urlaubstraum, dieses Buch der ideale Begleiter.

Long John Silver

Long – John – Silver: Ein Name wie Donnerhall auf den Sieben Weltmeeren! Ritsch-ratsch und der Stummel ist ab. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne, dass ihm jemand Händchen hält. Er harter Kerl, der Quartermeister. Und Flint, sein Kapitän, weiß um die Fähigkeiten des treuen Silver. So beginnt eine der außergewöhnlichsten Biographien des Jahres.

Ja, es handelt sich um den berühmten John Silver aus der „Schatzinsel“. Jim Hawkins hat ihn gefürchtet, die Mannschaft an Deck hat ihn gefürchtet. Alle haben ihn gefürchtet. Denn der harte Hund hatte seinen Spitznamen „Barbecue“ nicht zu unrecht. Robert Louis Stevenson hat ihm schon einmal ein Denkmal gesetzt, eines, das ein wenig wackelt. Björn Larsson rückt nun einiges gerade. Und um es vorwegzunehmen, wer nicht mehr alle Details aus der „Schatzinsel“ parat hat, wird in so mancher Passage des Buches staunen, was da alles noch im Hinterstübchen hängengeblieben ist.

Johns Kindheit war nicht besonders glücklich. Im Brighton des ausgehenden 17. Jahrhunderts gab es für die meisten, fast alle, nur einen Weg, den man einschlagen konnte: Zur See fahren. So wie sein Vater, den er nie kannte, von dem er allerdings nur Schlechtes zu hören bekam. Erst später soll er erfahren, dass sein Erzeuger im „maritimen, kreativen Handelsgeschäft“ tätig war.

Der harte Hund, der er einmal werden sollte, ging durch eine harte Schule. Der Rektor seiner Ausbildungsstätte neigte zu ausgiebigen Züchtigungen. Immerhin besuchte John Silver die Schule, was ihm schon bald einen Vorteil einbringen sollte. Gebildetes Personal an Bord war Mangelware. So macht er schnell Karriere.

Er lernt aber auch die Schattenseiten des Geschäftes kennen. Den Rattenfänger der Marine kann er gerade noch entkommen, doch schon sein erster Kapitän will ihm eine Falle stellen. Selbst nicht ganz helle, setzt er sein Schiff auf Grund, bzw. gegen die Klippen. Als Sündenbock muss John Silver herhalten, der sich nun vorsehen muss. Denn auf Meuterei – das wird ihm nämlich vorgeworfen – steht eine harte bis endgültige Strafe.

John Silver tingelt durch die Welt. Das Leben auf See ist hart bis ungerecht, und es ist nichts wert. Wenn man sich nicht zu helfen weiß. John Silver ist oft vor den Kopf gestoßen worden, niemals aber auf selbigen gefallen. Und so reift der junge, vorwitzige Mann zu einem gefürchteten, dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden verpflichteten Rauhbein heran, der sogar einem Romanschriftsteller Hintergrundinformationen liefern wird.

John Silver sitzt am Ende eines ereignisreichen Lebens und schreibt seien Memoiren, teils im Dialog mit Daniel Defoe – ja, es ist wahr: Eine Romanfigur  gibt einem Schriftsteller Tipps! – und man nimmt es ihm ab. Björn Larsson gelingt es, dass alles im Buch wie wirklich geschehen wirkt, obwohl er der Fiktion eine weitere Ebene hinzufügt. Ein Erlebnis für alle Abenteurer!

Der Kuss

Jetzt wird auch noch dieser sinnliche Moment wissenschaftlich zerrupft?! Jein! Ja, es stimmt, Alain Montandon nimmt den Kuss unter die Lupe. Nein, er wird nicht zerrupft, sondern stilvoll unter die Lupe genommen. Kein erbsenzählender Kinsey-Report, der bei der Fortsetzung des Kusses seine Nase in alles reinstecken musste, sondern die literarische und kulturelle Erkundung kurz unter Augenhöhe. Versprochen! Es wird ein Fest für die Sinne!

Oscula, basia und suavia bezeichnen alle dasselbe, den Kuss. Und zwar den ritualisierten, den freundschaftlichen und den erotischen Kuss. Die Römer verstanden zu küssen. Beziehungsweise ihn einzuordnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und zu benennen. Und dann liest man weiter. Der Kuss als Friedensbekundung (unter Staatsoberhäuptern) – man stelle sich vor in welche Orgie es ausartet, wenn wieder einmal ein G-20-Treffen stattfindet, wie in Hamburg. Die Synapsen spielen verrückt, wenn man sich das Begleitprogramm dann ausmalt, Rundgang auf Sankt Pauli etc…

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen das Küssen verboten ist. In Frankreich zum Beispiel. Ja, Frankreich! Dem Land, in dem das Küssen erfunden zu sein scheint. Gilt aber nur auf Bahnübergängen. Alles halb so wild. Wilder, fast schon ernst – das Gesetz wird aber wohl kaum noch angewendet –  ist es in einigen Staaten der USA, in denen ein Kuss nur eine Sekunde dauern darf (Maryland), oder drei (Rhode Island) oder fünf Minuten (Iowa). In Wisconsin muss die Zunge im eigenen Mund bleiben. Also Vorsicht bei der Wahl des Urlaubsziels! Im Pazifik wird noch richtig gebissen, bei den Papua. Die Aborigines teilen sogar den eigenen Schweiß mit den Fremden. Die Eskimo stupsen sich mit der Nase.

Die Untersuchung des Kusses kann also auch lehrreich und manchmal kurios sein bis hin zum Schmunzeln. Es besteht jedoch nicht die Gefahr, dass man nach der Lektüre des Buches zum Fachidioten wird. So wie manche Fachleute ihr Fachgebiet nicht mehr mit Abstand betrachten können, wird es sicher nicht bei jedem Kuss, den man bekommt oder gibt vorkommen, dass man ihn nun analysiert. Vielmehr wird man bewusster dem Gegenüber seine Ehrerbietung bekunden. Nicht jeder, der den Kopf des Anderen in die Hand nimmt und ihm einen innigen Kuss gibt, wird kurze Zeit später („wenn Mama nicht mehr unter uns weilt“) zum Mörder. Das Buch wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei denen, die viel küssen sowieso. Bei denen, die sich nach mehr Küssen sehnen ganz bestimmt. Und bei denen, die endlich mal geküsst werden wollen, regt es die Sehnsucht zusätzlich an.

Von Mundhygiene über Mundpropaganda bis hin zum Austausch von Flüssigkeiten leitet Alain Montandon den Leser durch die Kulturgeschichte des Kusses. Keine Angst vor dem großen Wort Kulturgeschichte, es war, ist und bleibt immer nur ein Kuss!

Andalusien

Ándale, ándale – auf nach Andalusien! Ja, so geht es vielen. Endlich Sommer, endlich Sonne, endlich Urlaub! Und dann muss man sich entscheiden. Meer oder Berge, Kultur oder all inclusive oder oder oder – die Auswahl ist schier unmöglich zu bewältigen. Aber man weiß immerhin schon, dass es nach Andalusien gehen soll. Gute Wahl! Noch besser, wenn man auf zehn Auflagen Reiseabenteuer aufbauen und auf die elfte sich verlassen kann. Thomas Schröder hat die Zeit seit der zehnten Auflage genutzt, um noch ein wenig mehr zu recherchieren und seinen Reiseband über Andalusien mit noch mehr Tipps anzureichern.

Siebenhundertzwanzig Seiten liest man nicht einfach mal so durch. Muss man ja auch nicht. Doch das erste Fünftel sollte man schon einmal genauer durchlesen. Eine ausführliche Einleitung gibt den Weg frei für einen unvergesslichen Urlaub. Andalusien hat seinen Namen nicht etwa, weil hier alles so schnell und hektisch vonstatten geht (Stichwort ándale, ándale! – das gehört zu Speedy Gonzalez), sondern weil hier das Licht zuhause ist, meinen die Einen. Andere vermuten in dem Wort den arabischen Namen für Atlantis. Nun, beides ist vorstellbar. Denn hier kann man sich verlieren, was nicht schlimm ist, und die Sonne ist täglicher Begleiter. Auch wenn Autor Thomas Schröder noch so präzise Angaben macht, ist es doch verlockend auch seinen Ausführungen mal ein wenig auszubüchsen. So wie ein Kleinkind, dass nicht immer an der Hand geführt werden will und muss, sind es die eigenen Erkundungen, die jede Reise so nachhaltig in Erinnerung bleiben lassen.

Auch wer noch nicht viel von Andalusien zu wissen scheint, wird beim ersten Blick auf die beiliegende Karte überrascht sein, wie viel orte doch shcon bekannt sind: Sevilla, Malaga, Cadíz, Granada, Cordoba … Auch Marbella als „Hotspot der Schönen und Reichen“ wie es in einschlägigen Magazinen heißt, darf sich zu Andalusien zählen. Doch was nützt es einem, wenn man zwar die Orte kennt, aber nichts mit ihnen anzufangen weiß?

In acht Teile ist dieser Reiseband gegliedert, acht Regionen und ein kleiner Wanderführer, denn auch dafür ist diese Region prädestiniert. Genauso fürs Schlemmen, fürs ausgedehnte Baden, für erlesene Kulturrundgänge – Andalusien hat einfach alles. Es bietet sich an dieses Buch beim ersten-Mal-in-die-Handnehmen die Seiten durch die Finger rinnen zu lassen. Noch nie schnell eine Region auf über siebenhundert Seiten kennengelernt! Man schafft es nicht alle Seiten schnell durchzublättern. Immer wieder stockt man. Jungwölfe im Lobo Park, gelbe Infokästen mit unterhaltsamen Hintergrundwissen, die Weine von Montilla-Morilles, Karten, wehrhafte Burgen – man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Wie immer wird jedes Kapitel mit zahlreichen Tipps zur Einkehr, zum Shoppen, Tanzen oder für Ausflüge abgerundet. In diesem Buch gibt es allerdings noch eine weitere Besonderheit: Tipps rund um das, was Andalusien für die meisten greifbar macht, den Flamenco. Und Thomas Schröder setzt noch einen drauf. Was einem vielleicht erst vor Ort auffällt, weil man so weit dann doch nicht plant, wie kommt man denn nun zu den einzelnen Orten? So was kann man nicht am Laptop recherchieren, das muss man erlebt haben. Genau wie Andalusien. Und damit jeder mindestens genauso begeistert ist wie der Autor, gehört dieses Buch einfach mit ins Reisegepäck. Individuell reisen – so lautet das Motto des Michael-Müller-Verlages. Viele wollen es, nur wenige schaffen es. Hundertprozentige Zufriedenheit gibt es nicht – doch, wer sich an dieses Buch hält, ist verdammt nah dran!

L’amour toujours – toujours l’amour?

Um es gleich vorwegzunehmen und jeglichen Zweideutigkeiten die Luft aus den Segeln zu nehmen: Es geht um die Liebe!, nicht ums Liebemachen. Zum Beispiel um die so wunderbar klinge ménage à trois – klingt nur im Französischen so geheimnisvoll. Jean-Baptiste Robert ist ein glücklicher Mann. Er hat die Liebe in all ihren Vorzügen gepachtet. Ein ihn liebendes Eheweib und eine ihn liebende Geliebte. Alice – die Ehefrau – umsorgt ihn, Célia – die Geliebte – empfängt und umfängt ihn. Clémentine Beauvais lässt ihn gewähren, bis eines Tages Célia ihm die Zweisamkeit kündigt. Tief gekränkt versucht herauszufinden, wer der geheimnisvolle Jüngling ist, der ihm von nun an die Schäferstündchen stiehlt. Wahrlich ein Fortschritt für Célia, muss er neidlos anerkennen. Doch dann sieht aus seinem Versteck heraus eine weitere Person sich aus Célias Wohnung stehlen…

Immer wieder die Liebe, für immer – kurze Texte, die die ganze Bandbreite der Liebe, wenn man es so nüchtern betrachten will – darbieten. So wie Frankreich ist, unterschiedliche Kulturkreise aus aller Herren Länder, sind auch die Geschichten in Afrika, Osteuropa, und natürlich auch im Mutterland der Liebe angesiedelt.

Jede Geschichte ist es wert abgedruckt zu werden. Dass so viele Texte in einem Buch dem liebestrunkenen Lesevolk in die Hand gegeben werden, ist ein Glücksgriff für jeden, der auch nur wenige Seiten in diesem Buch blättert. Preisgekrönte Autoren, allesamt noch jung, einigen sich ohne Absprachen darauf, dass die Liebe einzigartig und vielfältig in Einem ist.

Von der Liebe zu Charlotte Corday, die auf dem Schafott endete, von roten Socken, die allein nur einem Zweck dienen: Dem, die Liebe zu entfachen und am Brennen zu halten oder einem neuen Rotkäppchen – davon erzählen die Autoren, die bislang wenig bekannt sind.

Wer es sich nicht verkneifen kann und dieses Buch Seite für Seite nacheinander durchliest, wird den Fortgang der Geschichten wie einen Liebesakt erleben. Vom zarten Annähern bis hin zur ungeschminkten Ekstase ist der Leser gern gesehener Gast im Boudoir der Autoren, stiller Teilhaber im Beben der Körper und (wissbe-)gieriger Voyeur neuer Geschichten des beliebtesten Themas der Literatur.

Depeche Mode – Monument – Limited Extended Version

Jetzt gibt’s was auf die Augen! Normalerweise wartet eine Band bis zu einem runden Jubiläum, um die Fans mit einem besonderen Geschenk zu beglücken. Depeche Mode – Achtung Phrase! – waren schon immer anders als die anderen Band. Hier war es nur eine Question Of Time bis so ein monumentales Werk den Markt eroberte. Der Titel „Monument“ ist Programm: Fast so groß wie der Stapel an LPs, den die Band irgendwann mal hinterlassen wird, voller Bilder, Interviews, Magazin- , LP/CD-Covern und doppelseitigen Nahaufnahmen der Bandmitglieder. Keine Condemnation, vielmehr Enjoy The Umblättern!

Der Leser ist Museumsbesucher. Große Sonderausstellung zum 37jährigen Bandjubiläum von Depeche Mode! Erleben Sie die Band, in privaten Momenten, lesen Sie, was Wegbereiter und andere Fans zu berichten wissen! Mittendrin im Geschehen und nicht Behind The Wheel. Ein lebendiges Museum von vier Jahrzehnten Popgeschichte. Über vierhundert Seiten Bilder For The Masses, eine bunte Celebration, die jeden Fans schreien lässt I Want You Now.

Für Fans der ersten Stunde ist es streckenweise erstaunlich, was man alles schon mit der Band erlebt und eventuell schon wieder vergessen hat. Die ersten Bühnenoutfits, schon allein über Martin Gores Garderobe könnte man ein nicht minder monumentales Werk gestalten, Schwarz-Weiß-Bilder der Gegend, aus denen Dave Gahan, Andy Fletcher und Vince Clarke stammen, markieren nicht nur den Ausgangspunkt für eine der weltweit erfolgreichsten Bands, sondern weisen schon den Weg, den das Buch einschlagen wird. Mit jeder Seite mehr taucht man tiefer ein ins Universum der Synthi-Pop-Helden. Schonungslos offen auch der Umgang mit dem traurigen Kapitel als die Band vor ein paar Jahren fast vor dem Aus stand. Dave Gahan war erkrankt, dem Tode nah, ein überlebter Drogenexzess öffnet ihm die Augen. Seitdem kennt die Band nur einen Weg: Den nach oben. Immer weiter.

Es gibt vielleicht nur ein paar noch praktizierende Bands, denen ein Buch von diesen Ausmaßen zusteht: Klar, die Rolling Stones, U2 sicher, Metallica gehören auch fest in diesen erlauchten Kreis. Dann wird’s schon schwierig eine Band zu benennen, die so lange einen so großen weltweiten Erfolg aufweisen kann. Und diesen Erfolg mit einem Buch zu bildgewaltig präsentieren darf. Preiswerter als jede Konzertkarte, langlebiger als das komplette Musikwerk ist „Monument“ das, was es vorgibt zu sein. Nämlich die kiloschwere Historie einer Band, die den Modestil nicht nur einer Generation beeinflusst hat, deren Musik schon nach wenigen Takten eindeutig als Depeche-Mode-Sound zu erkennen ist, und die es immer wieder schafft Fans und Kritiker zu überzeugen und neue Fans zu erobern. Dieses Buch will nicht erobert werden. Das passiert einfach so! Als Meister der Maxiversionen – ja, das gab es einmal – lautet der Untertitel natürlich auch „Limited extended version“. Die Maxi von „Shake The Disease“ war eine Viertelstunde lang. Das ist man in diesem Buch vielleicht gerademal auf Seite Dreißig. Bis man mit dem Buch „durch ist“, kann man also noch die gesammelten musikalischen Werke der Band von 1980 bis zur Jahrtausendwende hören. Und blättern und blättern und schwelgen und träumen und …