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Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Morde im braunen Berlin

So reißerisch der Titel auch klingen mag: In Regina Stürickows neuer Berliner Kriminalgeschichte stehen Verbrechen im Vordergrund, die sowohl vor als auch nach der braunen Zeit geschehen konnten. Nicht immer waren Straftaten der Jahre 1933 bis 1945 von politischer Motivation freigestellt.

Die Mordinspektion, die maßgeblich von dem aus vielen Büchern der Kriminalhistorikerin Stürickow bekannten Kommissar Gennat geformt wurde, hatte in den Naziorganisationen in braunen und schwarzen Uniformen nicht etwa wie behauptet Unterstützer, sondern knallharte – und vor allem von ganz oben protegierte – Gegenspieler bekommen. Bis zum Jahr 1936, dem Jahr der Olympischen Sommerspiele in Berlin, war die Arbeit der Polizei von gelegentlichen Ränkespielchen mehr oder weniger beeinträchtigt worden. Vetternwirtschaft bzw. Zuschustern von Posten nach dem Parteibuch waren an der Tagesordnung. Echte Polizeiarbeit konnte jedoch noch vonstattengehen. Als die Spiele der Jugend zu Ende waren, die ganze Welt von der Harmlosigkeit des Systems überzeugt schien, wurde der Ton schärfer. Als der Krieg begann, schrumpfte die Polizeistärke auf das Nötigste zusammen. Jede helfende Hand wurde an der Front gebraucht. Ab 1943 versank Berlin im kriminellen Chaos.

Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurden die Gesetze geändert, so dass auch Hilfspolizisten von SA, SS und Stahlhelm für „Recht und Ordnung“ sorgen durften. Allerdings mussten sie sich als Hilfspolizei zu erkennen geben. Doch warum Gesetze verfolgen, wenn die Gesetzgeber ihre schützende Hand über sie halten? Und so passierte es immer öfter, dass zuerst geschossen wurde, und dann erst Fragen gestellt wurden. Besonders, wenn es um „Volksfeinde“ wie Kommunisten, Homosexuelle oder Juden ging. Sobald die Politik ins Spiel kam, war niemand mehr sicher. Verrat lauerte hinter jeder Ecke.

Not und Elend waren in der braunen Zeit ebenso verbreitet – meist sogar noch schlimmer, besonders als die Waffen sprachen – wie zuvor. Ein großer Teil der Bevölkerung musste sich mit mehreren Jobs über Wasser halten. Wer einen kleinen Laden betrieb, war für Diebe meist Freiwild. Die eilig herbeigerufenen Polizisten konnten meist nur noch den Schaden aufnehmen. Ermittlungserfolge waren Glückssache. Je gefestigter das Regime war, desto mehr nahmen sich die angeblichen Ordnungshüter heraus.

Regina Stürickow lässt die Fakten für sich sprechen und verwandelt staubtrockene Aktenberge in rauschende Papierfahnen, die im Wind der Gerechtigkeit wehen. So mancher „Schlaumeier“ mag in Frieden gestorben sein, seine Taten wurden nie gesühnt. Papier ist geduldig. Wenn man ganz genau zwischen den Zeilen liest, treten die wahren Täter langsam aus dem Schatten ihrer Untaten heraus und müssen sich nun ihrer Verantwortung stellen. Die in diesem Buch dargestellten Fälle – manche dienten als Vorlagen für Kriminalbücher und –filme – sind ein Spiegelbild ihrer Zeit, mehr als nur ein „Fliegenschiss“ aus einer Zeit, die von manchen „Politikern“ gern mit der Phrase „Es war nicht alles schlecht“ verharmlost wird. Die Opfer sehen das garantiert ganz anders.

Berliner Literaturgeschichte

Berliner Literaturgeschichte – ach ja, erzähl mal! Ganz so salopp geht es in Roswitha Schiebs Buch über aus und über Berlin doch nicht zu. Auf der Zeitachse gibt sie bekannten und unbekannten Namen der Szene eine Bühne, auf der sie noch einmal auftreten. Vom Barock über die Aufklärung und die Zeiten vor, während und nach den Kriegen bis hin zur wiedervereinigten Stadt. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das bloße Auszählen, wer wann wo und vor allem wie gewirkt hat.

Berlin tat sich schwer auf dem Weg zu einer literarischen Hochburg. Erst mit der Aufklärung wehte ein Hauch von Weltstadt durch die teils modrig riechenden Straßen und Gassen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Berlin ohne Ringelnatz, Döblin und Brecht ist undenkbar. Von hier starteten große Karrieren wie die von Erich Maria Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ – in Berlin verfasst – ein Werk schrieb, das bis heute unerreichbar scheint. Kritiker warfen ihm zeitlebens aber seine ersten Gehversuche in rechtsgerichteten Magazinen und Zeitungen vor.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. Ohne ihn wäre die Bohème nur ein Haufen saufender, unartiger Querdenker gewesen. Er gab ihnen ein Gesicht und verewigte sie in Hunderten von Texten. Die Weimarer Republik ohne Kurt Tucholsky ist ebenso undenkbar. Seine kritische Sicht auf die zaghaften, und wankelmütigen Schritte der zarten Demokratie ist bis heute ein Mahnmal.

Dieses Buch liest sich wie eine Schnitzeljagd durch die Kieze der Stadt und die Jahrhunderte auf der Jagd nach jedem, der Literaturszene seinen oder ihren Stempel aufgedrückt hat. Auch als Reiseband eignet sich das Buch, da oft auch Orte benannt werden, wo man sich traf, wo man kreativ wurde. Bei der Größe der Stadt ein unumgänglicher Ratgeber.

Für so manchen Leser mag „Berliner Literaturgeschichte“ auch der Anlass sein, mal wieder die Nase ins Buch zu stecken. Oder neue Bücher zu erkunden. Einen neuen Autor zu entdecken, mit dem man erst in diesem Buch Bekanntschaft machte. Ein rundum gelungenes Speed-Date mit der Vergangenheit, bei dem man viele bekannte trifft und viele andere mehr, deren Namen wie Geister bisher im Kopf umherschwirrten. Nun sitzen sie alle vereint um den Leser herum und buhlen um dessen Gunst.

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.

Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.