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An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.

Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!

Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt

Liest man nur die Kapitelüberschriften, könnte man meinen, dass es sich hierbei um einen ganz normalen Urlaubsbericht handelt, den jeder, der gern reist und der eigenen Sprache mächtig für sich und Freunde (zum Vorzeigen) verfasst hat. Doch schon nach wenigen Zeilen merkt man, dass man hier keinen vorzeigbaren Reisebericht in den Händen hält, sondern eine Reiseberichtoffenbarung!

Marko Martin bereist Tel Aviv nicht als partysüchtiger badeschlappiger Hipster im coolen Look. Er will die Seele der Stadt einfangen. Will sie nicht einsperren und am Nasenring in der Arena herumführen. Nein, er will (und er schafft es auch!) den Leser die Stadt spüren lassen.

Tel Aviv stand lange im Schatten Jerusalems. Israel war Jerusalem, und Jerusalem war Israel. Zumindest touristisch gesehen. Ein bisschen Bethlehem zur Weihnachtszeit. Aber das war‘s auch schon. Seit einigen Jahren sind Tel Aviv und Jerusalem gemeinsam auf Besucherjagd im Dschungel des Tourismusmarketings. Twin Cities, so wie St. Paul und Minneapolis in Minnesota. Doch, was einen dort genau erwartet schafft kein noch so hochglanzgestalteter Werbeprospekt. Marko Martin schafft es scheinbar spielend leicht.

Er kommt wie ein ganz normaler Tourist in Tel Aviv an. Er übernachtet im Hotel, in Absteigen. Genießt die Küche in Restaurants, spricht mit Kollegen und erholt sich am Strand. Wie im Prospekt. Doch die Menschen, die er trifft, sind keine Fotomodels, deren sehnlichster Wunsch Weltfrieden und Tierschutz ist. Es sind Menschen, die wie in keinem anderen Land der Welt die Geschichte ihres Landes kennen. Ihnen ist die Geschichte ihres Landes, ihres Volkes in Fleisch und Blut übergegangen. Die aktuelle Situation mit der allgegenwärtigen Gefahr ist nicht wegzudenken. Juden und Araber gemeinsam sind immer noch ein seltenes Bild. Politik ist so präsent wie andernorts Billigkaufhausketten.

Die Stadt pulsiert wie New York. Dennoch hat jeder ein Auge auf den Anderen geworfen. Was isst er, was kauft er? Die Schlussfolgerungen sind meist schon zum Volkssport verkommen. In Tel Aviv trifft sich die Welt. Sie lebt hier zusammen. Friedlich. Ausbremser dieses Friedens gibt es wie anderorts auch. Nur, dass eben hier die Kameras 24 Stunden auf die Stadt gerichtet sind.

Marko Martins Buch ist kein Reisebericht, der die unbekannten Hotspots ins Spotlight führt. Keine Handhabe für verlorene Seelen in der viel zu großen Stadt. Er reißt den Brustkorb der israelischen Hauptstadt auf und zeigt das Herz einer Stadt, die das staubige Gewand der Gewalt ablegt und zu einer blühenden Oase heranwächst.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.

Großes Kino

Bis vor Kurzem war Carsten Wuppke noch engagierter Sozialarbeiter. Schon vorher, und jetzt noch mehr bekämpft er das System von innen. Als Sozialarbeiter kennt er die Schlupflöcher verteilt großzügig diese gekennzeichneten Landkarten. Doch eine Vorstrafe macht ihm nun den Garaus. Im Supermarkt kommt es dann zur Eskalation als ein Polizist in barschem Ton eine Kassiererin anpöbelt. Wuppke kann Ungerechtigkeit und Amtsmissbrauch nicht ausstehen und pöbelt gegen den Amtsträger zurück. Böser Fehler! Denn der will nun postwendend Wuppkes Legitimationspapiere sehen. Nisch mit Wuppke! Ab durch die Mitte. Raus uff de Straße. ‘Nen Mopedfahrer umgenietet, Ruff uffs Moped und wech. So weit so gut.

Der „ausgeliehene“ Roller gehört aber dem Chinesen, Ali al-Safa. Der hat in Berlin-Neukölln mehr zu sagen als so mancher Politiker. Sein Wort hat wirklich Gewicht. Und mit Wuppke versteht er sich ganz gut. Eine Hand wäscht die Andere – alles klar?

Der Chinese ist nun aber ganz und gar nicht angetan, dass Wuppke Salid den Roller unterm Arsch weggeklaut hat. Moment, von Klauen kann hier nicht die Rede sein, kontert Wuppke. Ali sieht das anders. Eine Wiedergutmachung würden die Wogen erheblich glätten. Wie soll das aussehen, fragen sich Leser und Wuppke. Ali will auf Solt, wie er sagt, gemeint ist Sylt, mal nach dem Rechten schauen. Ali wollte Land kaufen. Hat sich mit den örtlichen Verantwortlichen eingelassen. Doch nun herrscht Funkstelle zwischen Spree und Nordseestrand. Wuppke wird’s schon richten. Er kann reden. Kennt Schleichwege wie kein anderer. Doch so schnodderig Wuppke ist, so verflixt kompliziert ist die Sache mit dem Landkauf auf Sylt. Wuppke muss wohl zum ersten Mal in seinem Leben wirklich arbeiten. Und dann auch noch mit Nachdruck! Für Druck sorgt Ali al-Safa schon.

Wuppke hat sich inzwischen die politischen Gegebenheiten auf der Insel zu Gemüte geführt. Da ist eine Aktivistengruppe. Ein Beamter, der weiß wie man Aufträge so vergibt, dass das eigenes Mütchen stets kühl und die Brieftasche immer kurz vorm Zerbersten bleibt. Der kleene Sozialarbeiter aus Neukölln, der sich nie bei seinem Bewährungshelfer meldet, der die schiefe Schnauze zur Kunstform erhoben hat, pingpongt inzwischen im Spiel der großen und kleinen Ganoven vom feinsten Sandstrand bis zum Spreeufer. Ob det was wird? Zum Helden scheint Carsten Wuppke jedoch erst einmal nicht geboren…

Sascha Reh mit Wuppke eine echte Type. Mit der Mafia nimmt er es genauso auf wie mit dem Clan aus seinem Kiez. Listige Bauunternehmer und zukünftige Amtsträger können ihm zwar drohen, doch ernsthaft in Gefahr bringen, kann er sich nur selbst. Mit allerlei Anleihen beim Großen Kino (von E.T. bis Jackie Brown) und einer unschlagbaren Eloquenz schafft es Wuppke immer wieder zu beschwichtigen. Origineller kann ein Krimi nicht sein!

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

Das Pferd würde von der falschen Seite aufgezäumt werden, wenn man behauptet, dass Egon Schieles Charakter seinen Werken entsprechen würde. Die kantigen Konturen erinnern stark an die Wirkung der Bilder, mit denen er Zeit seines kurzen Lebens aneckte. Die explizite Darstellung des Körpers, meist des weiblichen, sorgt bis heute – also über hundert Jahre später – immer noch für zumindest große Augen.

Immer wieder wurde Egon Schiele angefeindet. Doch hinter vorgehaltener Hand fragten sich die meisten Kritiker doch, woher der dünne Schlacks seine Modelle bekam. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass Prostituierte bei ihm ein und ausgingen. Auf Edith und Adele, Schwestern, kennen das Gerücht. Sie wohnen direkt bei ihm gegenüber. Können alles ganz genau sehen. Alles! Wirklich alles! Und Schiele selbst? Auch er hat die Blonde und die Dinkelhaarige schon entdeckt. Er weiß nur nicht wer Edda und wer Adda ist. Eine kleine Notiz ins Haus gegenüber soll Abhilfe schaffen. Der Rest ist verbürgte Geschichte. Aus Edith Harms wird Edith Schiele. Sie und Modell stehen? Niemals! Diese Posen, diese Freizügigkeit – niemals! Adda, Adele ist da ganz anders gestrickt. Ein bisschen älter als Edith ist sie der neuen Kunst nicht unaufgeschlossen. Auch Egon ist nicht ohne Reiz. Doch Egon entscheidet sich für Edith. Sie wird seine Frau. Und Adele seine Muse und Geliebte.

Egon Schiele war als er Edda und Adda kennenlernte, wie umwarb mit Wally zusammen. Auch sie war seine Muse. Und als Gouvernante beim Date mit Adda fast schon so was wie unverzichtbar. Ebenso Moa Nahuimir. Und Gerti. Sie alle waren Egon Schiele zu Diensten. Standen Modell. Waren da, wenn er rief. So expressionistisch seine Arbeiten, so exzessiv war auch sein Leben. Als Künstler trennt man nicht zwischen Leben und Arbeit.

Dem lange verkannten, oft verfemten, angeklagten Egon Schiele war der verdiente Ruhm niemals zugesprochen worden. Erst viele Jahre nach seinem Tod im Alter von 28 Jahren besann man sich seiner. Heute hängen seine Bilder im Museum Leopold und der Albertina in Wien. Der Stadtteil Hietzing, wo er, aber auch Gustav Klimt lebte und arbeitete, Johann Strauss „Die Fledermaus“ komponierte, Franz Schubert starb, Maria Lassing ihr Atelier hatte, Hans Moser herrschaftlich residierte, ist für Kunstliebhaber ein wahres El Dorado. Nur einen Steinwurf von Schloss Schönbrunn entfernt, entfaltet sich hier das künstlerische Wien der vergangenen anderthalb Jahrhunderte.

Egon Schiele und die Frauen ist ein Kapitel für sich. In diesem Fall sogar ein ganzes Buch. Hilde Berger, die auch am Drehbuch zum gleichnamigen Film mitwirkte, lässt einen Exzentriker auferstehen und gibt dem Leser die Aufgabe mit, ob er die Frauen nur ausnutzte oder ob sie selbstbestimmt in den Abgrund rauschten. Denn jede Frau in Egon Schieles Leben wurde auf die eine oder andere Art durch ihn gezeichnet. Wien ohne Schiele ist wie Barcelona ohne Gaudí. Nur schwer vorstellbar und um einiges ärmer. Und Schiele ohne Frauen – das will man sich gar nicht erst vorstellen. Es ist unvorstellbar nach dem Genuss dieses Buches.

Wo Dein sanfter Flügel weilt

Philip Mason ist ein Glückspilz. Der Musikstudent bekommt ein Stipendium für seine Arbeit über die „Verbindungen der zwischen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Wiener Klassik“, um seine Forschungen an der Donau voranzutreiben. Im heimatlichen Amerika kann er schon erhebliche Erfolge vorweisen, doch in der Geburtsstadt seiner Mutter, wo Beethoven, Schubert, Mahler, Mozart zuhause waren, sind die Archive praller gefüllt als anderswo.

Um sich an die Stadt zu gewöhnen und sich einzuleben, eignet sich ein Konzert in dieser von Musikgeschichte durchtränkten Stadt vorzüglich. Doch das Klangerlebnis wird bald schon zu einer Obsession. Schuberts letzte Sinfonie, die in C-Dur, weist erstaunlich viele Parallelen zu Beethovens Neunter auf. Auch bei „Don Giovanni“ von Mozart scheint sich Franz Schubert bedient zu haben. Auf den ersten Blick – für den ungeübten Leser – ein klarer Fall von Plagiat. Aber wen soll man denn heute noch belangen? Schubert selbst? Der ist 1828 im Wiener Stadtteil Hietzing gestorben.

Als Musiktheoretiker wird in Phil Mason dem Forscherdrang Nahrung gegeben. Ihn wundert’s, dass es so wenig Literatur über das Offensichtliche (zumindest für Wissenschaftler wie ihn) gibt. Eine Arbeit allerdings gibt es schon. Verschlossen. Nur mit Erlaubnis der Autorin zu lesen. Die muss er erstmal finden? Gar nicht so einfach. Zumal auch dieses Dame inzwischen verstorben ist. Hat sich erhangen, wie ihre Mitbewohnerin und Jugendfreundin voller Bedauern auf Phils Drängen hin ihm mitteilt. Wem bis hierhin nicht klar sein sollte, worum es in diesem Buch geht, wird von nun auf der Klaviatur des Bösen eine harte Wendung nach der Anderen entgegen geschmettert.

Das legendäre Moskauer Sonderarchiv – Phil ist mittlerweile derart von der Idee besessen, dass in Schuberts Sinfonie ein Geheimnis lauert, das nur darauf wartet ans Tageslicht gezerrt zu werden – dringt Phil in Dimensionen vor, die er niemals zu erforschen wagte. Bis nach Südamerika treibt es ihn. Ihm wird schlussendlich klar, dass er nicht nur in ein Wespennest gestochen hat, sondern dass die Wespen schon einige Male zu gestochen und ebenso Larven hinterlassen haben…

Wie ein Doctor Jones der Musiktheorie wird aus dem wissbegierigen Musiktheoretiker Phil der sich jeder Gefahr stellende Abenteurer Mason. Man muss kein Schubertianer, Beethoven-Fanatiker oder Mozartienser sein, um sich in den Stoff hineinzudenken. Ein gesundes Maß an Krimispaß und das natürliche Gespür für Klassik reichen aus, um Sebastian Themessls Roman folgen zu können. Die möglichen Wissenslücken füllt er mit Präzision und Detailreichtum auf.

Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.