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Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Krokodilstränen

Wenn man schon unbedingt einen Geldtransporter überfallen muss, dann wenigstens mit Leuten, denen man vertraut. Sonst geht es auf alle Fälle schief! Dies als Prämisse, die diesem Buch vorangestellt ist, bevor man anfängt zu lesen.

Germán sitzt derzeit im Gefängnis. Er soll jemanden entführt und Lösegeld gefordert haben. Sein Kompagnon wurde nicht geschnappt. Und lässt es sich derweil mit der Beute gut gehen. Doch Germáns Anwalt, Doktor Antinucci, macht ihm Mut. Er sei bald wieder draußen. Die Zweifel an der Tatbeteiligung überwiegen. Außerdem gebe es eine Zeugin, die beschwört, dass Germán ein höflicher Mann gewesen sei, der auch gar nichts von Lösegeld gesagt haben will.

Die Zeugin ist Úrsula Lopez. Sie hatte eine schwere Kindheit. Ihr Vater triezte das pummelige Mädchen wann immer konnte. Stibitzte sie sich mal was aus dem Kühlschrank, gab`s eine verlängerte Nacht in Dunkelheit und ohne Essen. Ihre Schwester hingegen war Papas Liebling.

El Roto, ist im Gefängnis, weil er jemanden ermordet hat. Kein Kind von Traurigkeit, der hinter den dicken Mauern, die die Insassen vom Leben fernhalten, alles an sich reißt, was auch nur im Entferntesten nach Geld reicht. Germán ist ihm ein Dorn im Auge. Denn der genießt eine besondere Art von Protektion.

Das Rätsel um die Drei wird nicht einfacher je mehr man darüber liest. Und das ist gut so! Der so genannte Spannungsbogen biegt sich bis kurz vor dem Zerbersten. Die Verwirrung komplettiert Úrsula Lopez. Denn die ist plötzlich gar nicht mehr in eine Entführung involviert. Des Rätsels Lösung ist scheinbar einfach …

Bei Leonilda Lima laufen die Fäden, die sich wie Fallstricke sich anfühlen zusammen. Die Kommissarin bekommt einen Fall zugeschrieben, obwohl der eigentliche Ermittler doch noch eigene Recherchen durchführt. Mal leitet sie den Fall, mal wieder nicht. Uruguays Staatsapparat ertrinkt im Chaos. Dennoch hat Leonilda Lima den Kampf um die Gerechtigkeit noch nicht aufgegeben. Jeder neue Fall birgt ebenso die Chance auf Veränderung (natürlich zum Besseren) in sich. Doch es kommt alles anders: Qualmwolken verhängen den Himmel, Schüsse fallen, Autos brennen, quietschende Reifen, fünf Tote.

Minutiös berichtet Mercedes Rosende vom mittlerweile zu erwartenden Höhepunkt, der bei allen Beteiligten eine einzige Reaktion hervorrufen wird: Sie werden alle weinen. Krokodilstränen.

Mit einer selten dagewesenen Vehemenz scheucht die Mercedes Rosende ihre Figuren von einem Extrem ins Andere. Úrsulas Vater ist inzwischen verstorben – Selbstmord. Oder doch nicht? Wie ein Geist drängt er sich aber immer noch zwischen sie und ihre Gedanken. Noch nie war Úrsula frei. Immer wieder kreuzten Menschen oder Ereignisse ihren eingeschlagenen Weg. Zeit, dass sich was ändert. Die Zeit kommt als Germán sich für ihre geleistete Hilfe bedanken will. Denn sie war es, die ihn schlussendlich – mit Hilfe des zwielichtigen Doktor Antinucci – aus dem Knast kommen ließ. Den hat inzwischen – auf nicht ganz legale Weise – auch El Roto verlassen können.

Wer bisher immer dachte, dass Kriminalromane im weitesten Sinne dem gleichen Schema folgen, wird mit „Krokodilstränen“ eines besseren belehrt. Wer es einmal aufschlägt, kommt so schnell nicht zur Ruhe. Montevideo als exotischer Handlungsort hält so manche Überraschung parat.

Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Schuld und Gewissensbiss

Es ist nicht das glamouröse Paris, in dem Pierre mit seiner Violette spaziergeht. Unaufhörlich fällt der Schnee, was nicht der Grund für die fehlende Noblesse der Stadt ist. Vielmehr sind es die Ausweglosigkeit und das Wissen darum, dass sich Auswege einem niemals zeigen werden, sondern, dass man sie suchen muss. Violette ist verschüchtert, eingeschüchtert. Brav tippelt sei ein paar Schritte hinter Pierre. Er sieht sich als Verlierer. Sie pflichtet ihm bei. Er will jede sich bietende Möglichkeit nutzen seinem Leben eine andere Wendung zu geben, nutzen. Sie glaubt ihm und pflichtet ihm abermals bei. Zwei, die im Schnee sanfte Pläne schmieden, doch insgeheim wissen, dass es nur Phantasien bleiben werden und die Lippenbekenntnisse ihren Träumen niemals Flügel verleihen werden.

Ein kleiner Mann tritt herbei. Ein Redeschwall prasselt auf das Paar ein. Auch er war einmal voller Hoffnungen. Damals, vor den Wahlen. Und jetzt? Alles vorbei! Pierre platzt der Kragen. Er drückt den kleinen Mann gegen die Wand. Der Schreck fährt ihm in die Glieder, als der kleine Mann reglos in der Ecke liegt. Ist er tot?

Die Gewissensbisse nagen am zerbrechlichen Nervenkostüm Pierres. Er stellt sich den zufällig ihm entgegenkommenden Polizisten. Die suchen schon nach ihm. Beziehungsweise nach einem Dieb, der zusammen mit einer jungen Dame Schreckliches getan hat. So trist der Himmel über Paris scheinen mag, so sehr blendet Pierre das Licht, dass aus der Dunkelheit des Alltags ihm entgegen scheint. Es gibt nur einen Ausweg: Schuld bekennen, und die Gewissensbisse werden verschwinden. Doch Paris hat anderes mit ihm vor…

Die Figuren in den Geschichten von Emmanuel Bove haben das Glück nicht gepachtet. Sie plagt Schuld – wie in dem gleichnamigen Kurzroman. Gewissensbisse erinnern sie an ihre menschliche Gestalt. Klopft das Glück an ihre Tür, klopft ihr Herz heftiger als je zuvor. Kommt nun die Sühne? Droht Strafe?

Emmanuel Bove selbst schrieb in den 20er und 30er Jahren wie ein Besessener. Begegnete er einer Geschichte, musste er sie niederschreiben. Doch selbst der mit 50.000 Francs dotierte Prix Figuière brachte ihm kein (finanzielles) Glück. Alimente und die Pleite der Bank seiner zweiten Frau ließen ihn nicht ruhen. Er starb Mittle Juli 1945, sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse liegt in der Familiengruft seiner Frau.

Die in diesem Buch zusammengefassten neun Geschichten und der einleitende Kurzroman geben einen tiefen Einblick in das Schaffen dieses zwischen Faszination hervorrufenden und dennoch fast unbekannten Autors wieder. Der elegante Einband – Halbleinen – steht im Widerspruch zum einfachen Leben der Hauptprotagonisten. Ein Sinnbild für Emmanuel Bove: Als Autor frei im Tun, doch im ständigen Kampf um Anerkennung und den ersehnten (auch finanziellen) Ruhm. In der Außenwirkung elitär, im Inneren ein Kleinod an Sprachgewalt im Milieu der Außenseiter.

Der Sonnenschirm des Terroristen

Da ist er! Hier steht’s. Toru Miyazaka (48). Und weiter unten: Mayu Miyazaka (6). Keisuke Shimamura liest die Namen in der Zeitung, Seien Hände zittern. Aber das tun sie immer, wenn er noch nicht getrunken hat. Was war passiert? Der Himmel war blau an diesem Tag in Tokio. Ein gutes Tag, um selbigen im Park mit dem Tagesritual zu beginnen. Kappe ab, Flasche auf, und den Brand in der Kehle genießen. Ein kleines Mädchen, frech und keck, spricht den Barkeeper Shimamura an. Warum er so zittere? Ob es ihm gut gehe? Und ob er glaubt, dass sie eine gute Violinistin werde. Verrückter Tag. Der Vater zieht die Kleine vorsichtig, aber bestimmt weg von dem Trinker, der vor ihr im Gras hockt. Nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht einen Moment, oder waren doch mehrere, Shimamura kann sich nicht erinnern, die Erde gebebt. Eine Explosion zerschlägt alles Idyllische, das an diesem Samstag in der Luft lag. Der Park gleicht einem killing field. Und Shimamura? Er ist auf der Suche nach dem kleinen Mädchen.

Nun weiß er, dass es ihr gut geht, Rekonvaleszenz: Drei Wochen. So steht es in der Zeitung. Auch das Bild ihres Vaters ist abgedruckt. Er hatte weniger Glück. Und Shimamura liest weiter: Toru Miyazaka war Polizist bei der National Police Agency. Ui. Ein Polizist. Das gibt Ärger. Denn Shimamura – so klar war er noch – weiß, dass die Polizei die Whiskyflasche, die er im Park leerte, sicher finden wird. Und seine Fingerabdrücke. Und dann werden sie ihn in ihrer Kartei finden. Und dann werden sie ihn verdächtigen. Und dann werden sie ihn finden. Und dann?

Zunächst einmal muss Shimamura arbeiten. In der Kneipe, gleich neben seiner Wohnung, seinem Zimmer, das so wenig Sonnenlicht reinlässt. Zwei zwielichtige Typen lassen sich bedienen. Und essen den besten Hotdog ihres Lebens. Shiro Asai, stellt sich der Eine vor, hat von Shimamura gehört. Wenn er Hilfe brauche … man komme noch mal wieder. Schließlich müsse der Mittelstand sich gegenseitig unterstützen. Keisuke Shimamura weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Doch der gebrauchte Tag ist noch nicht vorüber. Ein Schlägertrupp taucht auf und zermatscht Shimamuras ohnehin lädierten Körper. Und dann taucht plötzlich eine junge Dame auf. Sie berichtet ihm, dass unter den Opfern auch eine langjährige Freundin Shimamuras war. Sie weiß auch, dass Keisuke Shimamura nicht sein richtiger Name ist…

Iori Fujiwara lässt für seinen Helden Shimamura den Geist der Vergangenheit einschweben. In einer Zeit, in der Studentenunruhen auch in Japan die öffentliche Ordnung zu stören drohten, war er ein aktives Mitglied einer Gruppe, die auch vor Sprengstoffattentaten nicht zurückschreckte. Doch es ging etwas schief. Sein Mitstreiter konnte sich noch absetzen. Und jetzt holen ihn die Erinnerungen wieder ein. Ein Yakuza als Freund und Helfer, ist vielleicht die klügste Entscheidung. Doch man greift nach jedem Strohhalm, wenn der Staatsapparat unermüdlich die Schlinge um den eigenen Hals zuzieht. Auch wenn man ein unschuldiger Alkoholiker ist. Dem schwört Shimamura übrigens ab. Und wundert sich, dass auf einmal auch das Zittern verschwunden ist.

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ ist ein grandioser Krimi mit ausgeklügelten Wendungen, der den Leser auch nach dem Ende nicht so schnell loslassen wird.

Stockholm

Det är fint! Beginnen wir mit dem Ende des Reisebandes. Ja, er wird jedem gefallen, der Stockholm auf eigene Faust, auf eigenen Füßen, mit allen Sinnen begegnen und darin eintauchen will. Der beiliegende Stadtplan war eine echte Erleichterung in der Stadt, die Lisa Arnold zu Beginn des Buches als „anders“ beschrieben hat. Anders sind viele Städte, jede auf ihre Art. Doch Stockholm ist es wirklich. „Lagom“ nennen die Schweden das, was man den goldenen Mittelweg zum Glück bezeichnen könnte. Kein endloses Abwegen, was wem am wenigsten schadet. Nein, wahrhaftes Glücklichsein, darum geht es. Und fast scheint es so als ob die Neu-Stockholmerin Lisa Arnold dem Leser mit diesem Buch einen kräftigen Schubs in diese richtige Richtung geben möchte.

Stockholm – noch nie da gewesen, aber schon immer dort hin gewollt? Was fehlte? Der reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag? Weil die immer so tolle Tipps haben und das ganze Buch erst vor Ort seine Reize preisgibt. Jetzt gilt dieses Argument nicht mehr. Erstauflage im Mai 2018, 264 Seiten, 121 Farbfotos, herausnehmbare Karte, Hintergrundinfos in gelben Kästen, neun Touren plus ein je Kapitel zu Ausflügen und den Schären.

Ja, dann haben wir doch alles! Auf geht’s nach Stockholm. So einfach ist es dann doch nicht! Erstmal einen Blick ins Buch werfen. Das ist ganz einfach. Denn jedes Kapitel ist klar strukturiert. Am Beginn einer jeden Tour, eines jeden Kapitels gibt es eine kleine Übersicht, was einen erwartet. So kann man schnell entscheiden, ob man dieses Kapitel sofort liest oder erst später. Man wird es so oder so lesen. Versprochen. Denn Stockholm – und schon lässt man die Seiten durch die Finger gleiten – ist ein Augenschmaus. Nimmt man alle Bilder zusammen, so streicht man die Worte Hektik und Stress postwendend aus seinem Sprachgebrauch. Das gilt übrigens auch für die Texte. Lisa Arnold hat nicht nur einen erstklassigen – Achtung Kritik! – und endlich einen Reiseband für diejenigen geschrieben, die gern auf eigene Faust eine Stadt erkunden. Ein kleiner Schubser hier, ein Fingerzeig da. Mehr braucht sie nicht, um auf den richtigen Pfad zu führen.

Und so kommt man durch Straßenzüge, die man hier nicht vermutet hätte. Der Architekt Sven Wallander, der hieß wirklich so und löste wohl den kniffligsten Fall der schwedischen Stadtplanungsgeschichte, schuf hier zum Beispiel den ersten Wolkenkratzer Europas. 1925 war das. Sechzig Meter hoch sind die Zwillingstürme Kungstornen in der Kungsgatan, der Königsstraße. Die besticht nicht so sehr durch lauschige Geschäfte – auch dafür hat die Autorin mehr als nur ein paar Zeilen eingearbeitet – sondern durch die bauliche Komposition. Nicht lang schnacken, Kopf … Apropos Kopf. Den sollte man keine Sekunde lang ausschalten. Genauso wie man das Buch immer dabei haben sollte. Denn sonst verpasst man womöglich noch die Möglichkeit zu einer Paddeltour, was in einer Stadt im (nicht am) Wasser fatal wäre. Oder ist erst weit nach 16.30 Uhr am ABBA-Museum. Dann kommt man nicht mehr rein. Was auch nicht schlimm wäre, da man sich in diesem Fall in der wohl längsten Galerie der Welt Kunst anschauen kann. Kostet nur so viel wie ein U-Bahn-Ticket und liegt auch genau auf gleicher Höhe. Die Rede ist von der Metro in Stockholm. Jede der einhundert Stationen wurde mit Skulpturen, Mosaiken, Malerei und Installationen gekrönt. Klar, Schweden ist ja auch eine Monarchie. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass im Buch unzählige Tipps für den verwöhnten Gaumen, verwöhnte Häupter und verwöhnte Sportenthusiasten aufgelistet sind? Ja? Sie sind es! Ob nun auf dem Montäliusvägen die romantische Aussicht genießen, im Kungstgrädgården den Wasserspielen fasziniert zuzuschauen oder in einer der zahlreichen Galerien sich ein bisschen Kunst zu gönnen: Zwischen der Sehnsucht und dem Erlebnis hat ab sofort der Michael-Müller-Verlag das ideale Bindungsglied im Programm.

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Kärtner Ecke Ring

Der Zweck heiligt die Mittel. Die große Sache steht über dem Schicksal des einzelnen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Ludwig Bilinski ist von einer gnadenlosen Idee beseelt. Wien muss wieder erblühen. Weg mit dem gentrifizierten Mist. Weg mit dem Schutt des Alltags. Weg mit der Apathie des Hinnehmens. Es ist Zeit zu Handeln.

Große Worte, großes Gedankengut. Norbert und Tamara Bauer sind hierfür wie gemacht. Mit der Mutter bändelt Ludwig an, mit dem Sohn verschlägt es ihn in die Opera Toilet Vienna. Norbert ist vom Leben nicht nur enttäuscht, es kotzt ihn an. Den Vater hat er früh verloren – wenn er wüsste, dass der erst vor Kurzem ins Gras gebissen hat und als Poet und Sänger in Wien so manchen neuen Gassenhauer ersonnen hat. Die Mutter verbot ihm strengstens eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Als Steppke hat er eine Gitarre mal in der Abstellkammer entdeckt und ein wenig darauf rumgeklimpert. Patsch, peng, Erst ins Gesicht, seines, dann gegen den Türrahmen, die Gitarre.

Jetzt schlägt sich Norbert mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Blowjob da, ein Joint hier. Der Einbeinige, bei dem er lebt, ist auch nicht gerade das Paradies. Doch weniger ist besser als gar nichts.

Man liest sich fasziniert vom Wortschwall des Autors Paul Auer (der Name erscheint nicht nur auf dem Cover, sondern am Anfang und am Ende des Buches als Doktor – auf die Idee muss man erst mal kommen) und merkt gar nicht wie tief man in den Strudel der kommenden Ereignisse hineingezogen wird. Es ist ein Labyrinth. Eines aus dem nur der Leser entkommen kann. Aber warum sollte er? Es ist doch grad so schön!

Ludwig sieht das anders. Nichts ist schön. Alles ist verkommen. Er selbst steckt in einem perfiden Spiel fest. Die Spielregeln kennt er allerdings noch nicht. Nicht mal die Spielanleitung wurde ihm angeboten. Die liegt irgendwo im kranken Hirn von Ludwig Bilinski rum.

Wer Wien besucht, kommt automatisch irgendwann an der Kärntner Ecke Ring vorbei. An der Oper, und der Toilette. Eine Querstraße weiter ist das Sacher. Die Häuserfassaden verschwimmen im Meer der neuen Architektur. Und hier soll das neue Wien erstehen. Aus Ruinen. Doch die müssen erst einmal geschaffen werden. Paul Auer geht mit dem Leser auf einen Trip, von dem man verändert wieder zurückkehren wird. Das monarchische Ambiente reizt immer noch, doch ein Beigeschmack wird immer am Leser hängenbleiben. Viel Spaß beim nächsten Wien-Besuch! Und nicht vergessen: Hinterher immer brav die Hände waschen!

Schmidt ist tot

Schmidt ist tot! Nicht Schmidtchen, nicht Schmidti, nicht Patrick Schmidt, nein René Schmidt ist tot! Achtung Spoiler-Alarm, er ist es nicht! Patrick Schmidt ist der kleine Bruder von René. Immer im Schatten und permanenten Konkurrenzkampf stehend.

Der Anruf kommt für um Acht. Kurz nach Acht. Aus Wien. Tausend Kilometer entfernt. Ein Herr Müller ist dran, stammelt, entschuldigt sich, fordert. Er fordert, dass Schmidt, Schmidt Patrick, so schnell wie möglich nach Wien kommen möge. Beerdigung, Wohnung auflösen, bei der Klärung des Sachverhaltes helfen. Denn Schmidt, René Schmidt, ist nicht einfach s aus dem Leben geschieden. Selbstmord, so soll es gewesen sein.

Patrick und sein Bruder René standen sich nie besonders nah. Der Eine ordentlich, der Andere Rebell. Einser-Schüler und Nachahmer. Kaum Kontakt seitdem René die Biege gemacht hat. Die Eltern sind beide tot. Drei Schmidts tot, nur noch Patrick übrig.

Kaum in Wien angekommen, verändert Autor Raoul Biltgen die Tonart. Jetzt mitten in einem Agentenkrimi. René soll Terrorist gewesen sein, oder vielmehr Drogendealer. Na was jetzt? Fragt sich Patrick. René kann er ja nicht mehr fragen. Engl, die Freundin, pardon: Ex-Freundin von René ist auch keine große Hilfe. Eher wortkarg. Ein bisschen abwesend, die Gute.

Und immer wieder die Polizei. Leonhardtsberger, Süß, Müller. Mindestens einer von denen spielt falsch. Müller ist nicht mehr bei dem Verein. Konnte die Vertuschung nicht mehr ertragen. Er versucht Schmidt, Patrick Schmidt, Schmidt Patrick, auf die richtige Fährte zu führen. Die führt nach Ungarn. Und Patrick erinnert sich an ein Spiel mit René aus Kindertagen…

Raoul Biltgen lässt die Gedanken von Schmidt, und nun ist es egal, welcher damit gemeint ist, wie die Laserblitze im gedruckten Orbit herumgeistern. Straffe Dialoge, die nicht viel preisgeben, aber dafür umso mehr die Spannung anheizen. Was? Wie? Warum? Werden bei ihm zu Was! Wie! Darum! Ein herrenloses Floß auf einem tosenden Fluss ist dagegen geradlinig unterwegs. Wien als Austragungsort todessehnsüchtiger Skurrilitäten ist wie gemalt für die schwarzhumorige Krimipersiflage „Schmidt ist tot“. Lachkrämpfe inklusive. Raoul Biltgen ist der Meister der Ein(wort-)sätze. Ehe man sich versieht, vertauscht man Fragesteller mit Antwortgeber und beginnt noch einmal von vorn. Und immer wieder entdeckt man neue Aspekte im Spiel von echten Begegnungen und gedachter Erinnerung. Wer sich durch das Netz aus Lügen und Halbwahrheiten durchgekämpft hat, wird mit einer einzigartigen Geschichte belohnt.

Schöne Berlinerinnen

Na das ist ja schön, dass Franz Hessel sich die Zeit genommen hat die schönen Berlinerinnen zu beschreiben! Die Damen – seien sie nun prominent wie Marlene Dietrich oder eben nicht – sind selbstbewusste junge Damen, die sich das Prädikat Berlinerinnen nicht nur durch ihren Geburtsort verdient haben.

Ein junger Mann verkuckt sich unversehens in Lisbeth. Sie nennt ihn Rolf II, weil er sie an Rolf I erinnert. Sein Kumpel, der immer an seiner Seite zu stehen scheint, gibt Lisbeth den schmeichelhaften Beinamen Nephertete. Eine eigenwillige Umsetzung der Nofretete, die französische Variante. Die Verbindungen Frankreichs mit der märkischen Erde sind seit Friedrich dem Großen en vogue. Sie genießen die Zeit zusammen. Er führt sie aus. Sie lässt sich gern ausführen. Doch dann muss Rolf II sich entscheiden: Sichere berufliche Zukunft in Hamburg oder Nephertete. Lisbeth/Nephertete ist nicht auf Rolfs Ausführabende angewiesen. So lässt sie ihn ziehen, nicht jedoch ohne die Zeit vor der Abreise in Berlin gebührend zu feiern.

Franz Hessel hatte das unfassbare Glück auch der berühmtesten Berliner Göre begegnen zu dürfen. Sie war schon ein Hollywood-Star als sie für ein reichliches Vierteljahr nach Berlin zurückkehrte: Marlene Dietrich. Sie genoss es von Hessel interviewt zu werden. Und dass es ihm eine nicht minder währende Freude war, liest man sofort aus seinen Zeilen heraus. Mit Respekt und Ab-/Anstand verleiht er dem Star des Blauen Engel die passenden Flügel ohne dabei ins Kitschige abzurutschen.

„Schöne Berlinerinnen“ ist ein wahres Schmökerbuch. Immer wieder wird man sich an den wohl formulierten Passagen erfreuen und lesen wie Sehnsucht ohne schnöde und offensichtliche Passion – heute würde man es politisch korrekt nennen – Frauen und Beobachter den Raum für Selbstverwirklichung einräumt. Ein Handkuss für die Zuneigung ohne Speichelleckerei.

Die Frauenporträts über die Künstlerin Renée Sintenis oder Jack von Reppert-Bismarck sowie der Damen ohne besonderen Wohlklang in den Ohren der Yellow-Press-Zeitungsleser machen Appetit. Appetit Berlin einmal aus einer anderen Sicht zu erobern. Doch Vorsicht: Berlinerinnen sind keine leichte Beute!