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Die Reise zum ersten Kuss

Wenn der, der seine Versprechen hält mit der Blume en Kind zeugt, ist es frei wie der Wind. Besnik und Lule haben Era in die Welt gesetzt. Sie wohnen in Prishtina, im Kosovo. Sie sind Kosovo-Albaner. In den 90ern kein Zuckerschlecken, vielmehr die Hölle auf Erden. Der Weg zur Schule wird von serbischen Milizen gesäumt, die je Lust und Laune die Bevölkerung drangsalieren dürfen. Ihr Vater ist politisch aktiv. Und zwar so sehr, dass er für zwei Jahre verschwindet. Oma Emine ist der ruhende Pol in der Familie. Für Era bäckt sie Schokoladenbrötchen. Daran kann sich die Kleine einfach nicht sattessen. Ein Jammer, wenn es Emine und ihre Schokoladenbrötchen nicht mehr geben würde. Unvorstellbar!

Doch das Leben hält eine Wendung für Era und ihre Familie parat. Sie folgen dem Vater, der nach zwei Jahren endlich wieder aufgetaucht ist, nach Berlin. Als politisch Verfolgter darf er in Deutschland bleiben. Und der Familiennachzug ist auch kein Problem. Nur Oma Emine will nicht weg. Nicht weg von ihrem angestammten Platz. Trotz des serbischen Milizenterrors. Drei Tage hat Era Zeit. Die Musik von Madonna und der Walkman sind das wichtigste. Die Kassette hat ihr Onkel Agim einmal bespielt. Er fiel dem Terrorregime zum Opfer. Damals sah Era ihren Vater zum ersten Mal weinen.

Berlin ist kalt im November. Grau. Und es fällt der erste Schnee. Die Familie wird in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Alles kahl, kalt, unfreundlich, trostlos. Nach drei Monaten darf Era endlich zur Schule gehen. „Kaba, Autobahn und Tschüss“ kennt sie bereits. Ihr offenes, unschuldiges Wesen macht es ihr einfach Freunde zu finden. Auch ihr Deutschnachhilfelehrer Daniel erleichtert es die fremde Sprache und Kultur zu verstehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Dinge: Karten für das bald anstehende Madonna-Konzert zu bekommen und einen deutschen Jungen zu küssen…

Arta Ramadani stammt selbst aus Prishtina. Sie hatte eine glückliche Kindheit im Kosovo und eine glückliche Jugend in Mannheim. Era und Arta sind zwei Frauen mit ähnlichen Schicksalen. Eras ist fiktiv mit realen Bezugspunkten. Mit echter Lebenslust beschreibt Arta Ramadani das Heranwachsen eines Mädchens, das früh lernen muss, dass Verlust schmerzhaft ist, im Gegenzug aber auch immer einen nächsten Schritt bedeutet. Die ungeschminkten (positiven wie negativen) Erinnerungen an Prishtina schnüren dem Leser fast die Kehle zu. Die unverblümt geäußerten Gedanken in Deutschland rühren zu Tränen. Era wird gezwungenermaßen in ihr neues Leben geschubst. Ehrlich und echt nimmt sie mit, was ihr beigebracht wurde und ist nun mittendrin im neuen Lernprozess des Lebens. Traditionen beißen sich in Berlin noch offener als in der beruhigend anmutenden Heimat im Süden. Doch Era weiß sich zu helfen und die besten Ratgeber der Welt hinter sich: Ihre Eltern.

Die Weltbürgerin

Den Titel „Weltbürgerin“ hat sich Alma Karlin mit allem erkämpft, was ihr zur Verfügung stand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließ sie die Enge Celjes im heutigen Slowenien, um in London als Übersetzerin arbeiten zu können. Hier lernte sie auch ihren Verlobten, einen Chinesen kennen. Doch der Weltkrieg durchkreuzte den Lebensplan. Als Deutsche im Feindesland England, blieb ihr nur die Flucht. Nach Norwegen.

Stand wenig Arbeit an, lernte Alma Karlin fleißig Sprachen, so dass sie fließend in Norwegisch, Dänisch, Schwedisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und natürlich auf Englisch parlieren konnte. Es folgten Reisen rund um die Welt. Acht Jahre war sie unterwegs. Amerika, Asien und die Südsee brachten sie zum Schreiben. Wieder zurück in der Heimat tobte wieder Krieg. Als Deutsche in Slowenien wäre sie in prädestinierter Position gewesen. Doch die Abneigung den Nazis gegenüber brachte ihr Verhöre und Haft ein. Was sie nicht vom aktiven Kampf abhielt.

Als Tito an die Macht kam, waren ihre Bücher ein weiteres Mal verboten. Krank, arm und vergessen starb sie 1950.

Milan Dekleva gibt der mutigen Frau eine Stimme, die so schnell nicht verhallen wird. Sein Roman beschreibt drei Abschnitte im Leben der Alma Karlin. Der erste ist die Zeit in London. Eine schöne Zeit. Sie kann sich entfalten. Sie liest, übersetzt, lernt, auch die Liebe kennen. Doch die Stimmung kippt, als marschiert wird. Europa geht in Rauch und Flammen auf. Monarchien zerfallen, auch das Habsburger Reich.

In Peru treffen wir Alma Karlin wieder. Die beschwerliche Anfahrt – Schiffsverbindungen vom Mittelmeer nach Südamerika waren noch nicht so zahlreich vorhanden und schon gar nicht durchorganisiert wie heutzutage – ist vergessen und die Anden verzaubern sie. Doch es drängt sie weiter. Gen Japan.

Jahre später ist die Weltreise vergessen. Ihre Erinnerungen verkauften sich sehr gut. Die neuen Herren in Slowenien nehmen die engagierte Frau ganz genau unter die Lupe. Regelmäßige Verhöre lassen Schlimmeres erahnen. Sie hilft Partisanen, schweigt gegenüber den Nazis.

Es sind nur drei Abschnitte im viel zu kurzen Leben der Alma Karlin, die Milan Dekleva in Romanform vorgelegt hat. Doch sie stehen exemplarisch für ein aufregendes Leben. Alma Karlins Aufgabe bestand darin nicht aufzugeben. Eine wissbegierige Frau, der das Leben immer wieder hart zusetzte. Es war genau die Antriebsfeder, die große Denker brauchen, um zu dem zu werden, was sie sind. Sie sah sich nie als etwas Besonderes. Doch sie wusste stets, dass sie Besonderes erleben will. Und dafür kämpfte sie. Erst seit einigen Jahren rückt Alma Karlin wieder in den Fokus. Ihre Reiseberichte gehören zur Crem de la Creme dieses Genres.

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Schöne Berlinerinnen

Na das ist ja schön, dass Franz Hessel sich die Zeit genommen hat die schönen Berlinerinnen zu beschreiben! Die Damen – seien sie nun prominent wie Marlene Dietrich oder eben nicht – sind selbstbewusste junge Damen, die sich das Prädikat Berlinerinnen nicht nur durch ihren Geburtsort verdient haben.

Ein junger Mann verkuckt sich unversehens in Lisbeth. Sie nennt ihn Rolf II, weil er sie an Rolf I erinnert. Sein Kumpel, der immer an seiner Seite zu stehen scheint, gibt Lisbeth den schmeichelhaften Beinamen Nephertete. Eine eigenwillige Umsetzung der Nofretete, die französische Variante. Die Verbindungen Frankreichs mit der märkischen Erde sind seit Friedrich dem Großen en vogue. Sie genießen die Zeit zusammen. Er führt sie aus. Sie lässt sich gern ausführen. Doch dann muss Rolf II sich entscheiden: Sichere berufliche Zukunft in Hamburg oder Nephertete. Lisbeth/Nephertete ist nicht auf Rolfs Ausführabende angewiesen. So lässt sie ihn ziehen, nicht jedoch ohne die Zeit vor der Abreise in Berlin gebührend zu feiern.

Franz Hessel hatte das unfassbare Glück auch der berühmtesten Berliner Göre begegnen zu dürfen. Sie war schon ein Hollywood-Star als sie für ein reichliches Vierteljahr nach Berlin zurückkehrte: Marlene Dietrich. Sie genoss es von Hessel interviewt zu werden. Und dass es ihm eine nicht minder währende Freude war, liest man sofort aus seinen Zeilen heraus. Mit Respekt und Ab-/Anstand verleiht er dem Star des Blauen Engel die passenden Flügel ohne dabei ins Kitschige abzurutschen.

„Schöne Berlinerinnen“ ist ein wahres Schmökerbuch. Immer wieder wird man sich an den wohl formulierten Passagen erfreuen und lesen wie Sehnsucht ohne schnöde und offensichtliche Passion – heute würde man es politisch korrekt nennen – Frauen und Beobachter den Raum für Selbstverwirklichung einräumt. Ein Handkuss für die Zuneigung ohne Speichelleckerei.

Die Frauenporträts über die Künstlerin Renée Sintenis oder Jack von Reppert-Bismarck sowie der Damen ohne besonderen Wohlklang in den Ohren der Yellow-Press-Zeitungsleser machen Appetit. Appetit Berlin einmal aus einer anderen Sicht zu erobern. Doch Vorsicht: Berlinerinnen sind keine leichte Beute!

Nach Chicago und zurück

Diese Reise liegt einhundertfünfundzwanzig Jahre zurück. Und schon damals hing eine Dunstglocke über der Stadt, die einiges Geschick erforderte die Sonne erkennen zu können. Ein Öko-Roman, also. Mit Nichten. Aleko Konstantinow wurde in die Rolle des Reisenden gedrängt. Man wusste, dass er gern schrieb. Man wusste, dass seine Ausführungen detailreich und voller Wortwitz stecken.

Von Sofia nach Chicago war 1893 ein echtes Abenteuer. Aleko Konstantinow bestieg voller Vorfreude den Zug nach Paris. Die Reise dahin – darüber möchte er sich lieber ausschweigen. Kein Vergnügen. Im Gegensatz zu Paris. Und der Reise über den großen Teich an die Großen Seen.

Bulgarien hat gerade die Unabhängigkeit von den Türken erlangt. Das Land liegt brach, und es rappelt sich gerade auf eine eigenständige Nation zu werden, eine nationale Identität herauszubilden. Aleko Konstantinow ist ihr Botschafter als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintrifft.

Die Niagarafälle ziehen ihn sofort in ihren Bann. Das Naturschauspiel – und das liest man so eindeutig heraus wie, dass die USA ihm auch als Vorbild einer Nation für seine Heimat gelten können – wird ihm bis zum (zu nahen) Ende seines Lebens beschäftigen.

Im Zug, deren Größe ihn dermaßen beeindruckt, dass er sich in Zahlenspielereien ergeht, sitzt man als Leser direkt neben dem Autor, der mit Kinderaugen das riesige Land erkundet. In Chicago ist er baff erstaunt, dass hier schon weitere Bulgaren auf ihn zu warten scheinen. So wie Bai Ganju, der Rosenölhändler, dem er ein eigenes Buch widmet. Der Typ ist aber auch zu originell, als dass man ihn „nur mit einem Kapitel“ würdigen könnte.

„Nach Chicago und zurück“ dürfte wohl einer der Gründe sein, warum es in Windy City eine ausgeprägte Bulgaren-Community gibt. Dass es der einzige Grund ist, darf bezweifelt werden. Dass Aleko Konstantinow großen Eindruck hinterließ, zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Portrait den Einhundert-Lewa-Schein des Landes ziert.

Die Reisenotizen, die dieses Buch wortreich mit Inhalt füllen, verleiten zum Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch das, was nicht glänzt, ist wenigstens witzig beschrieben. Wer also, auf ausgefallene Reiseberichte wie etwa die von David Foster Wallace steht, kommt mit „Nach Chicago und zurück“ voll auf seine Kosten.

Bai Ganju, der Rosenölhändler

Den Namen muss man sich merken. Bai Ganju. Ein außergewöhnlicher Mann, den der Autor Aleko Konstantinow auf seiner Amerikareise 1893 kennenlernte. Er wurde sanft überredet über die Weltausstellung 1893 in Chicago zu berichten. Seine Reisenotizen gehören zum Besten, was dieses Genre hervorbrachte.

Bai Ganju – so einer muss erstmal erfunden werden. Aleko Konstantinow hat ihn zwar nicht erfunden, jedoch gefunden. Ein gewiefter Geschäftsmann, der sich als das Zentrum seines Universums sieht. Und diese Einstellung mit jeder seiner Fasern lebt. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, ein Dampfplauderer, ein von unerschütterlichem Selbstvertrauen gezeichneter Mittelpunktler, der sich nicht einen Heller darum kümmert, was andere von ihm denken könnten. Geht etwas schief, findet er schnell einen Schuldigen. Sich selbst ausgenommen.

Und so passiert es, dass in illustrer Runde – und die soll es tatsächlich immer wieder mal gegeben haben – sich Menschen treffen, die diesen Bai Ganju (das Bai steht für Gevatter) getroffen haben. Und nun ziehen sie genüsslich über ihn her.

Aleko Konstantinow ist mit der Beschreibung des Bai Ganjus ein Volltreffer der Satire gelungen. Denn dieser Bai Ganju wohnt in jedem von uns inne. Ist er ängstlich und deswegen des Öfteren so ein Scheusal? Vielleicht. Aleko Konstantinow geht es nicht darum moralisch über seinen erfundenen Helden, auf den er im bulgarischen Pavillon der Kuriositäten auf der Weltausstellung 1893 in Chicago gestoßen ist, zu richten. Sein Buch ist eine lupenreine Satire, die den Leser an den Rand des Lachkrampfes bringt.

Immer wieder muss man innehalten. Während andere, bevorzugt die Erzähler in diesem Buch, fast vom Stuhl kippen, weil Bai Ganju einfach zu tölpelhaft, fast schon fatalistisch durchs Leben stolpert, ist man als Leser geneigt diese Gefallenen sofort wieder aufzurichten, damit sie weiter erzählen können.

Aleko Konstantinow gehört bis heute zu den meist gelesenen Autoren Bulgariens. Ihm allein gebührt der Ruhm eines der unterhaltsamsten Bücher des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben zu haben.

Süße Zitronen und bittere Lieder

Was war das einfach, vor ein paar Jahren. Der EU ging‘s schlecht und Griechenland war schuld. Die Griechen! Und so überschlugen sich die Schlagzeilen-Schreiber auf beiden Seiten mit perfiden Vergleichen, die die ohnehin aufgeheizte Stimmung noch weiter befeuerten. Und die Banken in Griechenland – wem auch immer die gehören – wurden mit Krediten überhäuft. Da sollte helfen. Das ist in etwa so wie es in Filmen oft abläuft: Erst die Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sich auf die scheinbar hoffnungslose Verfolgungsjagd macht. Sieht nett aus, ist aber ohne Wirkung.

Mittlerweile ist die wirtschaftliche Lage nicht minder angespannt, dennoch ist das Bild Griechenlands nicht mehr so präsent. Stamm- und Pausentische diskutieren immer noch unter der Gürtellinie, aber die Touristen kehren wieder zurück an die Sonnenplätze des Mittelmeeres.

Caroline Wenzel hat sich – und das liest man eindeutig aus ihren Zeilen heraus – nie am allgemeinen Griechenland-Bashing beteiligt. Sie sieht Griechenland im Allgemeinen, und die Insel Chios im Speziellen mit anderen Augen. Sie interessiert sich für die Menschen, die nicht davon haben, dass die Banken Milliarden um die Ohren bekommen haben. Sie leben ihr Leben, mit all den Unwegbarkeiten, die das Leben für sie parat hält.

Wie Despina. Sie betreibt eine Taverne. Kochen wie bei Muttern. Sie hängt dieses Attribut allerdings nicht so hoch an, wie manch anderer Landgasthof in finanziell scheinbar sichereren Gefilden. Sie macht es einfach. Obwohl es ihr nicht einfach gemacht wurde. Als sie – eine Frau! – sich anschickt die Taverne zu erwerben, treten sich die Kontrolleure der Behörden gegenseitig auf die Füße. Doch statt Despina von selbigen zu holen, stolpern sie alle. Ja, die Frauen von Mestá sind stärker als der Ruf Griechenlands.

Marianthí ist um einiges älter als Despina. Sie hat mehr gesehen als es für sie gut war. Doch den Blick für das Wesentliche konnten weder Diktaturen noch Behörden verschleiern. Bis ins hohe Alter singt sie immer noch inbrünstig auf dem Markt. Bitter sind die Lieder. Das waren sie schon immer. Doch der süße Geschmack der Zitronen – ja, Zitronen schmecken süß – schlägt so manche Bitterkeit in die Flucht.

„Süße Zitronen und bittere Lieder“ ist das Reisebuch, das einen ereignisreichen Abend in einer Taverne, bei Despina vielleicht?, gedankenverloren ausklingen lassen kann. Die Weinblätter sollen ja außergewöhnlich sein. Caroline Wenzel widmet dieses Buch den Frauen des Dorfes im Südwesten der Insel. Ihr erlaubten die, die immer schon hier lebten, die die Insel formten und prägten den Einblick, der nicht durch eine Sonnenbrille verdunkelt ist.

Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!

Wenn hochdekorierte Wissenschaftler ihre Erkenntnisse einem Publikum vortragen, kann es schnell langweilig werden. Entweder, weil sie sich so tief in die Materie eingegraben haben, dass sie nicht mehr über den Tellerrand schauen können und ihr Gegenüber hoffnungslos mit Fachbegriffen zuschütten oder vor Übereifer oder Geltungssucht derart flach ihr Wissen darbieten, dass selbst Grundschüler müde darüber lächeln. Oder – und hier ist die Ursache für den Erfolg von Richard Feynman zu finden – sie sind positiv besessen von dem, was sie tun. So wie beispielsweise auch Musiker, wie Jimmy Page und Tony Iommi die durch beharrliches Hören sich selbst zu Höchstleistungen getrieben haben. Es ist die brennende Leidenschaft, die sie antreibt. Nicht der Wille andere zu belehren.

Feynmans Forschungen zur Quantenelektrodynamik brachten ihm 1965 den Nobelpreis für Physik ein. In seinen Vorlesungen schaffte er es jedem Zuhörer, die ja per se schon etwas mehr Vorbildung als andere besitzen, in seinem Bann zu ziehen und Funken und Feuer zu entfachen und am Leben zu erhalten.

„Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!“ ist das Ergebnis dieser Beharrlichkeit. Als man ihm riet doch mal seine Erinnerungen niederzuschreiben, überreichte und überraschte er mit den ersten Ausgaben dieses Buches. Wie diabolisch! Schon in Kinder- und Jugendtagen ließ er sich durch Quizfragen niemals aufs Glatteis führen. Im Gegenteil, oft kannte er die Lösungen schon der der Fragensteller das Fragezeichen setzen konnte. Die Antwort flog ihm nicht irgendwie zu. Raten war für ihn auch keine Option. Nein, Richard Feynman erkannte schon immer sehr schnell, dass im Problem immer schon die Antwort stecken muss.

Mit diesem Buch hat man keine Probleme. Außer, dass es wie alles im Leben ein Ende hat. Zum Glück erst nach mehr als vierhundert Seiten. Doch ist es unweigerlich ein Bestandteil des Buches. Und das ist aber auch schon das Einzige, was an diesen Erinnerungen zu bemängeln ist.

Die Leichtigkeit, mit der Feynman sein Leben niederschreibt, ist die gleiche, mit der er seine Arbeit versah. Was im Großen funktioniert, klappt auch im Kleinen. Und oft auch umgekehrt. Als die Challenger-Katastrophe aufgeklärt werden musste, zeigte er mit einer Dichtung des Raumgleiters und einem Glas kalten Wassers die Ursache für das Desaster. Der Gummi war einfach nicht elastisch genug. So muss Physik sein. Wenn’s mal zischt und knallt, gibt es irgendwo dafür einen Ursprung und somit eine Erklärung.

Wohlwollend nimmt man als Leser zur Kenntnis, dass Feynman seine Theorien weitgehend außen vor lässt. Dieses Buch ist das Leben eines Menschen, der nur rein zufällig einer der brillantesten und unterhaltsamsten Köpfe der Wissenschaft war. Und sicher auch einer der letzten klassischen  Nobelpreisträger, deren Name in Erinnerung bleibt. Wozu sicher auch die Serie „The Big Bang Theory“ in einzelnen Folgen beigetragen hat. Denn mal ehrlich, wer kann denn schon Physik-Nobelreisträger nach Marie Curie und Albert Einstein benennen? Außer Feynman werden da nur wenige Namen fallen. Wären doch mehr Theoretiker wie Richard Feynman, wären doch mehr Biographien so unterhaltsam wie diese … alles wäre so einfach!

Gezeichnet

Yozo wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. Seine Familie hat Geld, kann ihm bieten, was er benötigt. Zumindest das, was man mit Geld kaufen kann. Im Familienverbund muss einen Weg finden sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Als Clown die anderen zum Lachen zu bringen, scheint ihm der geeignete Weg zu sein. Mit Erfolg.

Auch in der Schule sind seine Clownerien vom Erfolg gekrönt.

Doch das Leben hat sich einen perfiden Plan ausgeheckt. Yozo soll nicht – wie er es sich wünscht – der gefeierte Maler werden. Exzesse pflastern von nun an seinen Weg. Frauen sind ihm suspekt. Drogen und Alkohol seine ständigen Begleiter.

Der Autor Osamu Dazai – ein Pseudonym – wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. … Moment, das wurde doch eben über Yozo gesagt. Yozo und Osamu sind sich gleich. Wenn nicht sogar dieselbe Person. „Gezeichnet“ gehört in Japan zu den meistgelesenen Büchern. Die Düsternis des Textes wird durch die Vielfalt der Worte ins Unermessliche gesteigert.

Es dauert seine Zeit bis man sich an die Bitternis des Autors, der sich selbst im Vexierspiegel betrachtet, annehmen kann. Dann aber öffnet sich ein Meer der Emotionen, eine Farbenpracht der Einsamkeit für den Leser, der einen nicht mehr loslässt. Bilder, die sich so schonungslos offen hinter wohl geformten Worten verbergen, brechen wie ein Tsunami über den Leser herein.

Yozo / Osamu sind gequälte Seelen in einem starren System. Sie können niemals endgültig ausbrechen. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Ohne jede Chance auf Begnadigung. Osamu Dazai unternahm in seinem Leben mehrere Selbstmordversuche. Woran sich scheiterten, ist nicht bekannt. Vielleicht hatte das Leben doch noch eine Hintertür einen Spalt weit geöffnet gelassen?! Doch Osamu Dazai sah das durchdringende Licht nicht, oder wollte es nicht sehen. An seinem neununddreißigsten Geburtstag fand man ihn. Tot. Keine vierzig Jahre alt, doch ein Werk, das seit sechzig Jahren immer wieder neue Leserschaften in seinen Bann zieht.

Mörder Opfer Kommissare

„… dann wurde es mir in Berlin zu klein, so zog ich in Europa ein“ … wer sich für Verbrechen und Verbrecher in Berlin interessiert, kennt sicher Regina Stürickow. Ihre Bücher lassen den Leser an Orte reisen, die niemand freiwillig zur Tatzeit hätte betreten wollen.

In ihrem neuen Buch „Mörder, Opfer, Kommissare“ übertritt sie die Stadtgrenze der deutschen Hauptstadt und nimmt den deutschsprachigen in den Fokus ihrer Ermittlungen. Und dazu gleich noch das ganze 20. Jahrhundert.

Alles beginnt Mitte März des Jahres 1900. Tatort das westpreußische Konitz, heute das polnische Chojnice. Ein Mann entdeckt am Ufer Leichenteile. Was an sich schon schaurig genug ist, muss für den Mann die Qual seines Lebens noch erheblich verschlimmert haben. Denn die Leichenteile gehören seinem seit Wochen verschollenen Sohn. Die fachmännische Zerstückelung deutet auf einen Fachmann hin, einen Metzger beispielsweise. Doch ein Zeuge will einen jüdischen Lumpenhändler gesehen haben, der ein großes Stück Stoff bei sich hatte. War es es? Waren Leichenteile in dem Stoffsack? Oder war es doch der Metzger? Ganz sicher, denn der ist auch ein Jude – und schon beginnt die blinde Hatz auf alles Jüdische. Kommissare beißen sich an diesem Fall die Zähne aus. Selbst aus dem fernen Berlin kommen Ermittler. Allessamt erfolglos. Nach zwölf Jahren wird die Akte geschlossen. Ohne Ergebnis. Aber mit einem gewaltigen Schandfleck.

Die Bestie vom Falkenhagener See, der Werwolf von Hannover, der Mord vom Lainzer Tiergarten sind sicher nicht mehr in aller Munde wie einst der Würger von Wien, Jack Unterweger, dem die High Society der Donaumetropole zu Füßen lag. Oder auch die Ermordung des Krawatten-(Märchen-Königs Rudolf Moshammer, dessen Extravaganzen ihn stetig in den Klatschspalten der Zeitungen hielten.

Für Regina Stürickow sind die Opfer und die Täter, aber auch die Kommissare alle gleich wichtig. Dieses Buch als Sammelsurium der Schrecklichkeiten zu bezeichnen, würde auch nur annähernd dessen Wirkung einfangen können. Vom Hochglanz-Verbrechen, das im Film noch einmal Karriere machte (Vera Brühne, Rosemarie Nitribitt), über Promis, die schon bekannt waren, bevor sie Verbrecher wurden wie Boxweltmeister Bubi Scholz bis zu denen, die tief im kriminalistischen Gewissen des Landes verankert sind wie Fritz Haarmann und Jürgen Bartsch.

Dieses Buch hat wahre Krimis zum Vorbild, nichts ist erfunden, alles echt. Und deswegen so faszinierend zu lesen…