Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bio

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Die Lichter von Pointe-Noire

Für Alain Mabanckou hat die Zahl Dreiundzwanzig eine fast mystische Bedeutung. Mit dreiundzwanzig verließ er seine Heimat Kongo (das kleinere, Kongo-Brazzaville), um in Frankreich sein Jurastudium fortzuführen. Dreiundzwanzig Jahre später besucht er es wieder. Zum ersten Mal seit dem Tag, als seine Mutter ihm einen letzten Rat mit gab: Heißes Wasser vergisst nie, dass es einmal kalt war.

Was sollte er mit diesem Spruch anfangen? So poetisch der Abschied auf dem Papier aussieht, so bitter war es im wahren Leben. Alain Mabanckous Mutter starb, als in Europa Fuß gefasst hatte. Zur Beerdigung konnte er nicht kommen. Oder wollte er nicht? Sein Vater, der nicht sein Erzeuger war, starb ebenfalls in den Jahren des Exils. Mitte vierzig, als berühmter Schriftsteller kehrt er nun heim. Nach Pointe-Noire. Dorthin, wo er Tanten und Onkel, Neffen und Nichten, Großmutter und Großvater den Rücken kehren wollte, musste … konnte.

Endlich daheim. Der Ort, an dem man ungeschminkt und unverblümt der sein darf, der man wirklich ist. Doch die Fremde hat Alain Mabanckou verändert. Das wissen auch diejenigen, die er zurückließ, und auch diejenigen, die aus ihnen hervorgingen. Dass allenorts die Hand aufgehalten wird, ist nicht Befremdliches. Doch dass die Heimat nicht der Ort der Rückbesinnung ist, stört den Autor erheblich.

Das Kino, in dem er zu träumen begann, ist nur mehr ein Schatten seiner selbst. Freunde von damals, sind heute Familienväter. Und der Fortschritt ist immer noch eine jähe Vision, die immer wieder vor den Toren der Stadt haltmacht. Nichts Neues im Herzen Afrikas? Alain Mabanckou findet nicht recht die Zeit, um sich treiben zu lassen. Zu nah sind ihm die Geschichten derer, mit denen er aufwuchs. Traurigkeit? Ein bisschen. Er weiß, dass das Leben weitergeht. Weitergehen muss. Auch wenn in Pointe-Noire für viele die Lichter ausgehen, so sind sie für Alain Mabanckou immer noch an. Sie werden in seinen Erinnerungen leuchten wie die Filme und Stars einmal auf der Leinwand.

Schonungslos bricht Alain Mabanckou die Mauern des Schweigens und des Vergessens ein, um seinem Leben die Sporen zu geben. Erinnerungen spielten in all seinen Büchern die zentrale Rolle. Freunde und Gefährten fanden sich in seinen Zeilen wieder. Nun muss er sich der Realität stellen und den Figuren aus seinen Romanen gegenübertreten. Manche erkennt er nicht wieder, andere weisen ihn direkt auf sich hin. Das Knieschlottern vor dieser Reise war schlussendlich unnötig. Die Heimat ist und bleibt die Heimat. Sie verändert sich nicht, nur der eigene Blick auf sie rückt vieles in ein anderes Licht.

Nur das Geistige zählt

Wenn jemand fünfundneunzig Jahre alt geworden ist, kann er nicht nur viel erzählen, sondern hat sich das Attribut „Niemals aufgeben!“ redlich verdient. Meta Erna Niemeyer kennt heute kaum noch jemand. Ré Soupault ein paar ausgewählte Kunstinteressierte. Ihre Erinnerungen strotzen nur so vor Lebensfreude und Lebensmut, dass Madame Soupault sich ihren Platz in der Geschichte bald wieder zurück erobern wird.

Sie begleitete fast das komplette 20. Jahrhundert hindurch das Leben diesseits wie jenseits des Atlantiks. Aus der pommerschen Provinz ins thüringische Weimar katapultiert, gehörte sie den Bauhaus-Absolventen, deren Namen vielleicht nicht in erster Reihe standen. Ihre Dozenten hielten große Stücke auf sie. Ludwig Mies von der Rohe gestaltete später noch ihre Büroräume und Ateliers als sie als Verlagsmitarbeiterin in Paris weilte. Doch die Nazis machten ihrer Karriere einen Strich durch die Rechnung. Über Marseille gelangte sie nach Tunesien.

Da war sie schon die Frau an der Seite von Philippe Soupault, der in Tunis einen Widerstandssender als Gegenstück zum faschistischen Radio Bari gründete. Auch dafür kam er ins Gefängnis. Ré Soupault blieb immer an seiner Seite, hielt durch. Durch ihren Einsatz und den von anderen durften die beiden bald Tunesien verlassen. Über Algier ging es in die neue Welt, New York war ihre erste Anlaufstelle.

Eine ausgedehnte Weltreise durch Südamerika lässt den Krieg, der immer noch in Europa herrscht, ein wenig in Vergessenheit geraten. Als dieser vorbei ist, ist auch die Ehe von Philippe und Ré zunächst einmal unterbrochen. Doch die Zeiten sind hart. Als Deutsche im Land der Sieger hat sie wenig Chancen. Sie über nimmt die Wohnung von Max Ernst. Muss jedoch einsehen, dass die Mieten in New York für sie nicht bezahlbar sind. Doch aufgeben gilt nicht. Wer mit André Gide Schach gespielt hat, sich von Antoine de Saint-Exupery Fliegergeschichten anhörte und die Schriften von Romain Rolland übersetzen kann, den haut so schnell nichts um. Mittlerweile lebt Ré Soupault in der Schweiz, erhält ein karges Einkommen. Ohne die Unterstützung derer, die sie einst unterstützte, wäre sie am Ende…

Am Ende sind die Memoiren dieser einzigartigen Frau mit der letzten Seite des Buches noch lange nicht. Es ist das Jahr 1949. Ein halbes Leben. Ein Fortsetzung ist also mehr als gewünscht und sicher in absehbarer Zeit erhältlich. Sie Selbstverständlichkeit, mit der Ré Soupault ihr Leben annahm, ringt höchsten Respekt ab. Immer wieder kommen einem Gedanken in den Kopf, wie es wohl gewesen wäre, wenn Ré Soupault nur ein paar Jahrzehnte später geboren wäre. Ohne Krieg, ohne Einschränkungen für Frauen, ohne staatlich unterstützte Ressentiments gegenüber Ausländern. Gegenwärtig hat man das Gefühl, dass Letzteres schon wieder salonfähig werden kann…

Liebe mich!

In seinen Romanen gab es nur ansatzweise ein Happy end. Im wahren Leben des Erich Maria Remarque ebenso. Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war es gerade alt genug, um in den Schützengräben den Allmachtsphantasien der Generäle folgeleisten zu können. Seine Erinnerungen wurden zum meist publizierten Buch des 20. Jahrhunderts: „Im Westen nichts Neues“.

Es war der Anfang einer Schriftstellerkarriere, die ihn finanziell sorglos machte. Doch Geld allein kann niemals glücklich machen. Vom Erfolg überfordert, ihn selten akzeptierend suchte er Erfüllung in den Armen der Frauen. Sie überhäuften ihn mit Zuneigung, er gab ihnen das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Er war ein Geber. Es liegt in der Natur der Sache, dass er folglich scheitern musste.

Ilse Jutta Zambona begleitete Erich Maria Remarque fast sein gesamtes Leben lang. Sie trieb ihn an, und es mit anderen. Sie liebten und stritten. Sie heirateten und ließen sich scheiden. Ob sie die große Liebe seines Lebens war? Zeitlich begrenzt – ja. Ewig – niemals. Deutschland war dem Autor nicht immer wohlgesonnen. Nach Erscheinen von „Im Westen nichts Neues“ warf man ihm vor, die Kriegserinnerungen zu verteufeln. Deutschland musste schließlich enorme Reparationszahlungen leisten. Das musste als Sühne reichen. Da brauchte man nicht noch jemanden, der den Krieg in den Dreck zieht. Mit dem Aufkommen des neuen Nationalstolzes und der damit einhergehenden Verfemung alles Fremden, kommt für Remarque der Abschied von seiner geliebten Kultur. Er reiste schon vorher – die finanziellen Mittel hatte er sich redlich verdient – in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Doch diese Länder waren nun auch nicht mehr eine sicherer Halt in unruhigen Zeiten.

In den USA konnte er endlich wieder aufatmen. Die Folgeromane waren ebenso Kassenschlager wie sein Erstlingswerk. Wie ein roter Faden zieht sich der Erfolg als Schriftsteller durch seine Leben. Doch genauso das Scheitern als Mann an der Seite einer Frau. Marlene Dietrich wickelt ihn nonchalant um den Finger. Ihre Karriere steht an einem Wendepunkt. Doch auch sie kann ihn nicht halten. Oder er sie nicht?

Als Lebemann hat er sich nie gefühlt. Im Kreise von Paulette Goddard, die mit Chaplin verheiratet war, mit und durch ihn zu Weltstar wurde, war die letzte große Dame in Remarques Leben. Er setzte sie als Alleinerbin ein, sie jedoch trat seine letzten Wünsche mit Füßen.

Gabriele Katz lässt in „Liebe mich!“ eine Parade an Damen auffahren, die Remarque verehrte, die ihn verehrten, die jedoch niemals zur Liebe fähig waren. Um ihn herum versank die Welt im Pulverdampf, im Herzen sucht er das Kanonenfeuer. Lichtblitze waren das einzige, die ihm blieben. War er unglücklich? Tief im Inneren sicherlich. Karen Horney, Psychologin und Mutter der Schauspielerin Brigitte Horney (alle Damen in Remarques Leben zeichneten sich nicht durch gewöhnliche Lebensläufe aus) öffnete ihm als einzige wohl dauerhaft die Augen. Aber auch ihre Untersuchungen, die Sigmund Freuds Thesen widersprachen, konnten Erich Maria Remarque kein dauerhaftes Glück bescheren. Lediglich der Leser dieses Buches darf sich eines Happy ends erfreuen. Kompakt, detailreich und spannend geschrieben, gibt die Autorin Einblick in die Welt eines Menschen, dessen Geburt sich im Sommer 2018 zum 120. Mal jährt. Es wird Zeit Erich Maria Remarque die gebührende Ehrung zuteilwerden zu lassen. Dieses Buch ist mehr als nur ein Auftakt. Es legt die Latte sehr hoch!

Ich bin eine befreite Frau

Fast scheint es, als ob es ein Vorrecht der Frauen ist, frei zu sein. Zumindest, wenn man Annette Seemanns Biographie über Peggy Guggenheim liest. Sie hatte ja auch genug Geld, um sich zu befreien, spötteln ihre Kritiker. Da muss wohl einiges zurechtgerückt werden…

Ja, es ist richtig, Peggy Guggenheim kam 1898 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt. Doch bis zu ihrem 21. Lebensjahr konnte sie nicht frei über ihr Vermögen bestimmen. Außerdem war sie ein Mädchen und nur die Jungens, ihre Brüder durften mit dem redlich erarbeiteten Geld arbeiten und es vermehren. Peggy war die dritte Generation der Liaison aus Franken und der Schweiz.

Schon früh setzte sich ihr Trotzköpfchen durch. Der gerade Weg war nie ihr Ding. Links und rechts ist es eh viel bunter und interessanter. Wenige Jobs füllten sie aus. Männer und Frauen weckten da schon eher ihr Interesse. Ohne luderhaft zu wirken, gab sie sich dem Bohemian-Life-Style – wie man es heute vielleicht nennen würde – hin. Paris war ihr Gravitationsfeld. Energisch sog sie das Künstlerleben in der Seine-Metropole auf. Der Surrealist Marcel Duchamp wurde ihr (nicht immer, letztendlich aber doch) treuer Weggefährte, der ihr den Unterscheid zwischen Kunst und Ramsch und Surrealismus und Abstraktion erklärte. Jean Cocteau gehörte genauso zu ihrem erlesenen Freundeskreis wie später der Schriftsteller Samuel Beckett und der Fotograf May Ray.

Peggy Guggenheim liebte es zu leben. Doch immer wieder rannte sie sehenden Auges ins Unglück. Ehen zerbrachen an Eifersüchteleien und Gewalt. Ihr eigener Lebensplan stand mehr als einmal auf der Kippe. Ihr Freundeskreis war – oft in wechselnder Besetzung – immer für sie da. Genauso wie sie immer für diejenigen da war, denen sie zu Dank verpflichtet war. Ihrer Lehrerin in Teenagertagen überweis sie bis ans Lebensende eine monatliche Rente – die Dame wurde über 90 Jahre alt.

Venedig sollte nach den Grauen des Weltkrieges ihr neues Paradies werden. Die Liebe zur Kunst und zu Künstlern – der Expressionist Max Ernst war ihr zweiter Ehemann, nachdem aus Paris vor den Nazis flüchten mussten – sowie ihr unbändiger Durst nach Rebellion machten sie zu einer angesehenen und vor allem einflussreichen Kunstmäzenin. In ihrer Familie war es seit jeher Gang und Gäbe Künstlern eine Präsentationsfläche zu bieten. Natürlich nicht ohne finanzielle Hintergedanken. Peggy wurde mit ihrer Galerie oft belächelt und sogar beschimpft. Von familiärer Seite! Schlussendlich war sie es aber, die beispielsweise Jackson Pollock den Weg ebnen konnte zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu reifen.

Ihrer Wahlheimat, und es war eine zweite Heimat für sie, Venedig blieb sie treu. Dort ist sie auch begraben, ihr Museum ist eines der meist besuchten Museen der Stadt. New York rühmt sich ebenso mit dem gleichnamigen Museum und Bilbaos Aufstieg zum Touristenmagneten ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden.

Peggy Guggenheim war sicherlich ein streitbarer Mensch. Wen sie nicht mochte, bekam das auch zu spüren. Doch über die Jahrzehnte hinweg versprüht ihr Name noch immer den Hauch von Eigensinn, gepaart mit Durchsetzungskraft und dem Willen zur Erneuerung. Das ist Freiheit, die sie meinte, und die sie sich erkämpfte.

Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Als 2016 Prince aus der aktiven Musikwelt schied, überschlugen sich die Schreiber mit Superlativen. Er war so ungemein produktiv wie kaum einer zuvor. Vielleicht noch mit Mozart zu vergleichen, dem man so manches Werl abspenstig machen könnte, da es unmöglich erscheint in so kurzer Zeit so viele Werke (von Weltruhm) zu produzieren. Wie immer im Überschwang der Gefühle, vergisst man dabei leicht den einen oder anderen „Großproduzenten“.

Gioacchino Rossini wurde 1792 in Pesaro geboren. Im Nachbarland Frankreich standen die Fallbeile nicht still, in Italien dümpelte man vor sich hin, salopp betrachtet. Noch keine dreißig Jahre alt hatte Rossini schon den Ruf eines Wunderkindes weg. Gesegnet mit einer glockenklaren Stimme war er früh ein kleiner Star – was ihn mit Prince durchaus vergleichen lässt. Was den frühen Ruhm betrifft. Mailand und Neapel stritten sich um das Engagement Rossinis. Stilistisch war die Oper stehengeblieben. Erst die Leidenschaft Rossinis für die buffa, die komische Oper, brachte neuen Schwung ins Kulturleben. Und Rossini war ihre Triebfeder.

Bei all der Produktivität und Kreativität müsste Rossini eigentlich ein langweiliges Leben geführt haben. Meint man. Doch weit gefehlt! Eine sein Leben lang anhaltende Harnweginfektion sind erste Anzeichen für sein ausschweifendes Leben. Die Frauen waren ihm zugetan, er ihnen nicht abgeneigt.

Während Europa sich im Wandel nachhaltig verändert, sucht Rossini den Erflog auf der Bühne. Berühmt die Anekdote von der Katze während der Premiere von „Der Barbier von Sevilla“, die das Premierenpublikum zu Lachanfällen inspirierte. Wäre er nicht direkt davon betroffen gewesen, hätte er die Geschichte schrecklich amüsant gefunden. Denn Rossini galt als Liebhaber solcher Geschichten, die er gern zum Besten gab.

Die fetten Jahren gingen schnell vorüber, Autor Joachim Campe nennt sie auch die hellen Jahre. In Paris feierte er Triumphe, dirigierte in Madrid, wo er mit tosendem Beifall bedacht wurde, Doch zurück in Mailand war all der Ruhm wie hinweg geblasen. Neid, Missgunst und Unzuverlässigkeiten vergällten ihm den Alltag. Sein Stern begann zu sinken.

Ein wenig Fachwissen tut dem Leser gut, bevor er sich diesem Buch widmet. Eine Oper sich anzusehen, ist das Eine. Sie einzuordnen, Besonderheiten zu erkennen das Andere. Joachim Campe versteht es sein Fachwissen einem breiten Publikum nahezubringen ohne dabei die Hörer / Seher außeracht zu lassen. Rossinis Leben war spannend, zum Ende hin fast schon tragödienhaft. Geblieben sind fulminante Ouvertüren und eine riesige Anzahl an Werken, die bis heute begeistern. Rossinis Leben hingegen ist weitgehend unbekannt. Joachim Campe schiebt dem nun einen über 200 Seiten starken Riegel vor.

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Seit dem Frühjahr 1996 lässt sich Johann Scheerer noch unlieber aufwecken als zu vor. Denn an einem Märztag überraschte ihn seine Mutter, dass sein Vater entführt worden sei. Zwanzig Millionen Mark wollten sie haben, die Polizei nach Möglichkeit außen vor lassen. Jan Philipp Reemtsma war kein normales Entführungsopfer. Ihm gehörte ein Tabakimperium, dass er geerbt hatte. Das wussten die Entführer, und deswegen hatten sie sich ihn ausgesucht. Seine Anteile hatte er aber schon Jahre zuvor verkauft und war als Publizist tätig, der in der Kunstwelt einen klangvollen Namen hat.

Ein bisschen Wild-West-Romantik könnte man meinen, wenn man hört, dass ein Angehöriger über den Entführungsfall nun, nach zweiundzwanzig Jahren, ein Buch veröffentlicht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Fast schon nüchtern distanziert kramt Johann Scheerer in seinem Gedächtnis die Tage im Frühjahr 1996 heraus. Gerade mal dreizehn Jahre war er als zum ersten Mal seine heile Welt Risse bekam. Risse, die bis heute unterschiedlich intensiv sichtbar sind.

Einen Tag zuvor paukte Johann noch für eine Latein-Klausur. Zusammen mit dem ungeduldigen Vater, der nur allzu oft seine Nase in Bücher steckte, und der auch nicht gerade vor Latein-Grammatik-Wissen strotzte. Jetzt ist alles anders. Die Polizei ist im Haus. Mehrfach, vielfach, rund um die Uhr. Inklusive der Familienbetreuer für die Angehörigen.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“, ein schnöder Spruch, der die hanseatische Gelassenheit widerspiegelt, die jedoch tief im Inneren von Angst, Ungewissheit und Furcht zersetzt wird. An Schule und die Latein-Klausur ist derzeit nicht zu denken. Die Entführer melden sich. Klar und konzentriert. Amateure sind das keineswegs.

Immer wieder scheitern Geldübergaben. Freunde und Familie sind für die Angehörigen da. Nur ein paar Dutzend Stunden soll alles dauern – es werden fast fünf Wochen. Wochen, in denen Jan Philipp Reemtsma in einem Keller angekettet sind und sein Bewegungsradius der eines Zollstocks ist. Für die Familie ist es ein Segen, dass sie das Geld mehr oder weniger schnell auftreiben kann. Hoffnung keimt auf. Doch die Entführer sind vorsichtig, extrem auf der Hut. Lauert auch nur ein Funken Gefahr, brechen sie die Übergabe ab. So scheitern mehrmals Übergabe. Der Funke Hoffnung scheint gar bald zu ersticken. Und Johann. Keine Schule. Besuch bei Verwandten. Fingerübungen auf der Gitarre. Chips. Gedanken über sein Verhältnis zum Vater, den er beim Vornamen nennt. Und Briefe des Vaters an die Familie. So viel lassen die Entführer zu. In dreiundreißig Tagen wird er vom Sohn zum Angehörigen.

Die Geschichte ist echt. Nichts erfunden, nicht hinzugedichtet. Sieben Menschen waren unmittelbar an der Entführung beteiligt. Vater, Mutter, Sohn sowie die vier Entführer. Hintermänner, Freunde und weitere Angehörige nicht mit eingerechnet. Johann Scheerer klagt nicht an. Weder die Entführer, noch die Polizei, die nicht immer richtig gehandelt hat (was heißt schon richtig in einer derartigen Situation?). Er lässt mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten das Geschehene noch einmal Revue passieren. Er ist reifer geworden, hat Familie. Der Schnellschuss ist nicht sein Ding. Analysiert und reflektiert holt der die Vergangenheit zurück, ohne dabei gekünstelt die Schleusen ins Tränental aufzudrehen. Gelungener Rückblick auf ein Stück deutscher Geschichte, auf das so viele mit Freuden gern verzichten können.

Petit-Louis

Nur zwei Wochen. Nur zwei Wochen, dann ist alles wieder zuvor. Das dachten Henri und Jeanne als der Krieg losging. Petit-Louis, ihr Sohn ist gerade mal sechzehn. In ihre Pariser Wohnung dringt nur selten das Sonnenlicht, hat man sie im sechsten Stock erreicht, ist man außer Atem. Nur zwei Wochen sollte diese Idylle, und das ist es trotz aller Schwierigkeiten, dem Krieg weichen. Doch die Geschichte will es anders. Vier Jahre soll es dauern bis 1918 endlich wieder Frieden herrschen soll.

Henri wird sofort eingezogen. Kämpfen wird er in seinem Alter nicht, denkt Jeanne. Doch die Geschichte will es wieder anders. Dass Ihr Sohn eingezogen werden soll, auch das kann und vor allem will sich Jeanne nicht vorstellen. Petit-Louis ist so empfindsam, ein belesener, ruhiger, höflicher Junge. Durch den Männermangel in der Stadt begünstigt, findet er schnell Arbeit. Die Kollegen sind schroff und amüsieren sich über die Belesenheit ihres jungen Kollegen.

Nun muss auch Petit-Louis in den Krieg ziehen. Zusammen mit seinen Freunden ist er voller Enthusiasmus dem zivilen Leben den Rücken kehren zu können. Schon kurz nach der Mobilmachung (ein fürchterlicher Euphemismus, wenn man bedenkt, was dahinter steckt: Krieg, Elend, Tod, Verstümmelung, Krankheit – die Reihenfolge in der Aufzählung ist dabei das Einzige, was wirklich egal ist) merkt Petit-Louis die raschen Veränderungen. Plünderungen und Verrohung greifen postwendend um sich als klar wird, das Frankreich als Verbündeter Russlands gegen den so genannten Erbfeind ins Feld ziehen wird.

Hinter der Front ist das Soldatenleben einigermaßen erträglich, im Vergleich zu dem, was die Frontschweine so erzählen. Da kann man dem Vorgesetzten schon eine Krankheit vorspielen, zu Essen gibt es jedenfalls genug. Für Petit-Louis ist der Krieg bei Weitem nicht willkommen, aber mit Hindernissen zu ertragen.

Als der Krieg zu Ende ist, streicht Petit-Louis das petit aus seinem Namen. Wie selbstverständlich sitzt er am elterlichen Tisch auf Vaters Platz. Beide, Vater und Sohn haben den Krieg ohne größere Blessuren überstanden. Jetzt kann das richtige Leben losgehen. Eugène Dabit gelingt es mit nüchterner Distanz eingehende Erfahrungen – er selbst ist wie Petit-Louis 1898 geboren – aufzubereiten. Nicht alles im Roman hat er selbst so erlebt, vieles jedoch selbst mit ansehen müssen. Weniger drastisch als „Im Westen nichts Neues“, aber nicht weniger eindrucksvoll feuert Dabit gegen die Kriegstreiber und gibt dem einfachen Soldaten, der nichts anderes kennt als tumb Befehle befolgen zu müssen ein Gesicht. In seiner Schlichtheit ist dieses Antikriegsbuch ein Kleinod aus der Feder eines gefühlvollen Schreibers.

Tito

Große Staatsmänner werden in zwei Kategorien unterteilt. In die, die wirklich Großes geschaffen haben und denen man den einen oder anderen Fehltritt mit einem ganz zugekniffenen Auge eventuell verzeihen könnte. Auf der anderen Seite gibt es sie, bei denen eine – historisch gesehen – Kleinigkeit immer hervorgehoben wird, die große „Schweinerei“ herunterzuspielen. Wie bitte schön kann Autobahnbau millionenfachen Menschenmord aufwiegen? Oder Alphabetisierung Vertreibung und Völkermord? Oder inszenierte Jubelarien die Unterdrückung des eigenen Volkes? Der Name von Diktatoren jedoch wird immer im Gedächtnis bleiben. Ob in Afrika, Asien, Amerika oder Europa – die Namen schallen wie Donnerhall durch die Kathedralen der Erinnerung. Tito – ist er vielleicht die Ausnahme von der Regel? Von 1945 bis zu seinem Tod 1980 war er Generalsekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, Marschall von Jugoslawien, Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Das Land gibt es so nicht mehr, sein Name scheint außerhalb dieses verschwundenen Landes ebenso ausgelöscht zu sein.

Jože Pirjevic versucht mit seiner Biographie – der ersten überhaupt – dem Partisanen, Politiker und Militärführer nahezukommen und ihm Ecken und Kanten zu geben, Lebenswege nachzuzeichnen, wichtige Stationen einzuordnen – ihm Konturen zu verleihen. Fast vierzig Jahre nach dessen Tod trägt die jahrzehntelange Forschung endlich Früchte. Tito wird dadurch nicht wieder lebendig, was zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise beabsichtigt wird. Aber er bekommt ein Leben zurück, das den nachfolgenden Generationen die Bewertung Titos vereinfachen wird.

Jože Pirjevic schildert auf siebenhundert Seiten, inkl. Anhang, Quellennachweisen und ausgiebigem Bildteil, das Leben eines Mannes, der nach der Macht drängte, ohne diese Machtgeilheit zu ins Unmenschliche zu treiben. Josip Broz, so Titos bürgerlicher Name (insgesamt verwendete er über dreißig Pseudonyme), wurde als junger Mann herumgeschupst, verschleppt, verhaftet, gefoltert. Ihm waren die kommunistischen Führer suspekt. Stalins Weg war nie sein Weg, er wollte eine Alternative zur „restlichen sozialistischen Welt“ schaffen. Auch ihm gelang dieser Weg nicht. Nach dem brutalen Zusammenbruch Jugoslawiens verschwand er schnell aus dem Gedächtnis der Welt.

Fast vierzig Jahre nach Titos Tod gelingt es Jože Pirjevic Tito ein gedrucktes Denkmal zu setzen. Niemals jedoch glorifiziert er den Herrscher des einst am zweithäufigsten besuchten sozialitischen Landes Europas. Die Quellen seiner jahrzehntelangen Recherche stehen stets im Vordergrund, sie zu werten ist dem Leser überlassen.

Am Ende dieser mehr als lesenswerten Biographie sind keine Fragen mehr offen. Tito war ein Querdenker. Sein Charisma suchte seinesgleichen. Tito war ein Genussmensch in jederlei Hinsicht. Wer ihm in die Quere kam, dessen Weg wurde „begradigt“. Bewundern muss man ihn als Person nicht zwingend. Seine Ideen waren ehrenwert. Die Umsetzung scheiterte allerdings an zu vielen Faktoren, die auch dieses Buch nicht komplett offenlegen kann. In der Reihe der Diktatoren, und das war Tito zweifelsohne, nimmt er eine Sonderstellung ein. Dieses Buch ist eine detailreiche Erkundungstour  auf der Suche nach dem Geheimnis Titos.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.