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Vom Tunnel zur Himmelsleiter

Vom Fringsen zum Schmieren. Vom Durchlavieren zum Sesshaftsein. Vom Tricksen zum schelmenhaften Lächeln. Paul Zakowski ist zurück. Eigentlich ist er nicht zurück. Denn Paul ist Peter, der zwar zurück ist, aber eben nicht als Paul, sondern als Peter. Verwirrend? Verwirrend! Paul Zakowski ist das alter ego von Peter Zingler. Und der ist der Autor von „Im Tunnel“ und dem Nachfolger „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“.  Zur Erinnerung: Nach dem Krieg war es hart für den jungen Paul / Peter. Man musste sich „zu helfen wissen“. Und es kam wie es kommen musste. Paul / Peter wurde kriminell, saß mehr oder weniger brav seine Strafen (!) ab und wurde wieder kriminell. So ging das mehrere Jahre. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Einsicht, kommt die eine große Chance.

Zweites Chancen hatte Peter – jetzt bleiben wir bei diesem Namen – Zingler immer wieder. Doch dieses Mal soll er sie nutzen. Mit der Zwei hat es der Autor. Der zweite Teil seiner Biographie, zwei Jahre nach dem ersten Teil. Mittlerweile ist Peter Zingler dem kriminellen Milieu entkommen, entwachsen könnte man meinen. Eine zweite (das ist die wieder, die Zwei) Karriere muss her. Schon in der ersten Hälfte seines Lebens ging es immer darum, mit einem Ding für immer auszusorgen. Der Traum von der ewig währenden Sorgenfreiheit muss doch aber irgendwie auch anders zu stemmen sein…

Sonntagabend, ARD, Tatort. Der Abspann läuft. Und da! Autor: Peter Zingler. Hat es also doch geklappt. Ein paar Jahre sind vergangen. Der Knast ist immer noch elementarer Bestandteil von Peter Zingler. Doch dieses Mal nicht als Insasse, sondern als Insider. Mitte der 80er Jahre ist Krimizeit nicht mehr dasselbe wie zuvor. Als Außenstehender mit detailliertem Fachwissen schreibt sich Peter Zingler an die Spitze der deutschen Fernsehkrimiautoren. Der Grimme-Preis, immerhin der am meisten geachtete und für Qualität stehende Medienpreis Deutschlands, winkt aus der Ferne.

Soll er nun dankbar sein, dass alles so war wie es war? Zumindest dankbar dafür, dass alles so kam, wie es kam. Denn im Knast entdeckt er sein Talent aus seinem Schicksal Kapital zu schlagen. Ganz legal, mit der Kraft der Phantasie und der Gabe wortstark formulieren zu können. „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“ ist mehr als eine Fortsetzung. Es ist der grandiose Abschluss eines langen Weges, den man nicht gehen muss. Aber wenn man ihn beschritten hat, ist es eine Wohltat (für Autor und Leser gelichermaßen) zu sehen, dass Happy ends nicht nur in der Phantasie entstehen können.

Der Weg dorthin war nicht minder schwierig und erforderte nicht weniger Phantasie als die Fluchtpläne, die Verfolgungsjagden, die Versteckspielchen im ersten Teil. Auch in der Legalität lauern überall Fallstricke und Missgunst. Nur haben die Strippenzieher jetzt andere Möglichkeiten der Machtausübung. Die Parallelen zu „damals“ sind für den Autoren Zingler sichtbar, und sie machen ihm nicht weniger Angst als „damals“ entdeckt zu werden. Durchbeißen heißt es ein weiteres Mal. Dieses Mal aber mit sauberen Mitteln, doch nicht minder gewitzt.

Zwei Jahre mussten Leser warten, um endlich Peter Zinglers Weg zum vorläufigen Ende verfolgen zu können. Diese Verfolger sind die ersten, die Peter Zingler keine Angst machen.

Für Christus und Venedig

Nur Wenige können eine echte Berühmtheit in ihrer Ahnenreihe vorweisen. Vielleicht mal ein Maler, der in einer Künstlerkolonie wirkte. Vielleicht ein Backgroundsänger bei einem echten (!) Superstar. Aber einer, der Geschichte schrieb, wird nur selten in Pausenerzählungen genannt. Sibyl von der Schulenburg kann da schon mit etwas mehr aufwarten. Feldmarschall Graf Johann Matthias von der Schulenburg – der Name macht schon was her. Auf der Insel Korfu im Ionischen Meer vor der Küste zwischen Albanien und Griechenland erlebte einen heißen Sommer 1716. Es war August. Wer Korfu schon einmal zu dieser Jahreszeit erlebt hat, kennt die klimatischen Gegebenheiten. Und zu dieser Zeit sollte sich das Schicksal des Eilandes entscheiden. Wird es weiterhin zum Abendland gehören? Oder werden die Horden aus dem Osten Korfu zu einer Insel ihres Reiches machen können?

Venedig ist damals das schützende Schild der Insel. Europa hat sich eingerichtet. Hier und da flackern Konflikte auf, doch hier im beschaulichen Mittelmeer sind die Wogen noch weitesgehend glatt. Das Osmanische Reich jedoch streckt seine Fühler gen Westen aus. Doch die Fühler verwandeln sich in nach allem greifenden Tentakeln. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, dass das Osmanische Reich dem Sonnenuntergang entgegenreitet und dem Westen östliche Manieren beibringen will.

Schnelles Handeln ist gefordert. Seit einiger Zeit steht Graf Johann Matthias von der Schulenburg in Diensten des Dogen von Venedig. Dem „gehört“ auch Korfu. So kurz vor dem europäischen Festland, dort, wo heute Albanien und Griechenland eine gemeinsame Grenze haben, ist es von nicht unerheblicher strategischer Bedeutung. Fällt Korfu, fallen die Türken von einer weiteren Seite in Europa ein. Europas Streitmächte ziehen von dann, um den Eroberungsplänen Einhalt zu gebieten. Doch so schnell wie man möchte, kommt man einfach nicht voran. Und immer mehr kristallisiert sich Korfu als Dreh- und Angelpunkt einer möglichen Wende im Kampf der Systeme heraus. Korfu darf nicht fallen! Aufopferungsvoll wirft sich der Graf in die Schlacht.

Sibyl von der Schulenburg hat uneingeschränkten Zugang zu den Archiven ihrer Familie und nutzt diesen Vorteil, um Geschichte für Geschichte aus der Geschichte auszugraben, zu analysieren und in diesem historischen Roman ihrem berühmten Vorfahren ein Denkmal zu setzen. Sie setzt ihm keinen Glorienschein auf. Wohl aber inszeniert sie ihren Urururur … großvater als wahren Helden, der diese Auszeichnung nur zu gern in Empfang genommen hätte. Als Leser, als Korfu-Besucher – übrigens hat die zweitgrößte Ionische Insel eine weitere adelige Persönlichkeit von Weltrang hervorgebracht: His Royal Highness Prinz Philip, Duke of Edinburgh, dem Gemahl der Queen – ist man dankbar für den liebevoll geschrieben und tiefgehend recherchierten Roman, den man als Strandlektüre genauso verschlingen wird wie als Wanderroutenbuch für Ausflüge über die Insel. Die Hitze im August ist übrigens immer noch die gleiche…

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Diese verdammte Hand

Groß ist die Freude, aber auch die Ernüchterung als der anonyme Erzähler seinen nicht minder anonymen Freund X nach fünfzehn Jahren besucht. Der hat sich in die Berge zurückgezogen, um Inspiration zu finden. Doch stattdessen wurde er einsam, ein gebeugter Mann, der krampfhaft Anschluss sucht. Und Inspiration. Der Erzähler will der Verzweiflung des Freundes auf den Grund gehen und … erhält dessen Tagebuch.

In irgendeinem kleinen französischen Dorf wächst der kleine Georges (X) auf. Schon früh merken er und die anderen, dass an ihm so einiges anders ist. Oft geistig abwesend, schlendert er durch seine Kindheit. Man ist ihm zugetan, doch auch auf der Hut. Denn Georges ist irgendwie anders, sonderbar, zum Glück aber nicht gefährlich. Erst Jahre später soll er begreifen, was mit ihm los ist. Er trifft Lucien, einen Maler. Und der klärt ihn im Handumdrehen auf: Georges ist ein Künstler! Durch und durch Künstler. Für den jungen Mann, der Lucien nach Paris folgt eine Offenbarung.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Klar, die gerngesehene Vorderseite, die glänzt, Bewunderung erntet. Aber auch die Rückseite, die, die niemand sieht. Niemand sehen will. Die schmutzige, die dunkle Seite, gespickt mit Selbstzweifel und unbändiger Wut. Wut darüber, dass Kopf und Körper nicht immer eine Einheit bilden.

Lucien und Georges, der Maler und der Schriftsteller gehen eine Symbiose ein, die zum Scheitern verurteilt ist. Denn Künstler müssen losgelöst von Konventionen und Abhängigkeiten wirken können. Als Lucien Georges für eine gewisse Zeit verlässt, wird Georges wieder in Kindertage zurückgeschleudert. Wohin mit sich und seiner Kreativität? Was anfangen mit den Tagen voller Öde und Leere? Doch Lucien ist bald zurück. Doch die Zeit verlangt ihre Opfer…

Octave Mirbeau ist dieser Georges. Kreativ ist er zweifelsohne. Doch er braucht den Anstoß, den ihn im richtigen Leben seine Frau geben musste. Die ihn aber auch unglücklich machte. Und Lucien? Wer ist dieser an sich selbst zerbrechende Mann, der dem jungen Georges so viel Enthusiasmus gab? Die Antwort liegt nahe: Vincent van Gogh.

Ein Tatsachenroman ist „Diese verdammte Hand“ bei Weitem nicht. Aber der Abriss eines Lebens. Das eines Künstlers, der an sich selber zerbrochen ist. Und zwar aus der Sicht eines Leidensgenossen. Wer schon immer mal tief in die verborgene Welt eines Künstlers eintauchen wollte, bisher aber nur an der Oberfläche gekratzt hat, erreicht mit „Dans le ciel“ wie der Roman im Original heißt, eine neue Ebene des Verständnisses. Ein anonymer Erzähler, von dem man annimmt, dass er der Autor ist, trifft einen Autor, der wiederum die Aufzeichnungen eines Künstlers hütet. Drei Ebenen, drei Menschen, eine Geschichte.

Holland, Belgien, Frankreich waren drei Stationen im Leben des zu Lebzeiten verkannten Malergenies Vincent van Gogh. Heute sind seine Werke unbezahlbar. Wer dennoch in der Lage ist eines zu ersteigern, reißt ein gewaltiges Loch in die Portokasse. Da ist es doch einfacher (und vor allem preiswerter) einen Tag oder gleich ein paar Tage auf den Spuren des Künstlers zu wandeln und zu reisen. Sei es nun ein Tag im Van Gogh Museum in Amsterdam oder einer Tour durch Brabant, seine Heimat oder nach Mons (Europas Kulturhauptstadt 2015), wo er zum ersten Mal sich ausschließlich der Malerei widmete. Wer sich damit nicht zufrieden geben kann, wird mit einer Tour von Amsterdam über Otterlo, Paris bis zum Beispiel nach Auvers-Sur-Oise oder Arles geradezu überschüttet mit Eindrücken, die van Gogh zu seinen Werken inspirierten. Auf www.RouteVanGoghEurope.com wird jeder fündig, dem die Sonnenblumen mehr geben als nur bloße Dekoration einer Küchenwand oder die neuesten Zahlen aus dem Hause Sotherby’s, wenn wieder mal ein van Gogh Höchstpreise erzielt hat. Sechs länderübergreifende Touren wurden zusammengestellt, neun Standorte vervollständigen das Bild des Malers Vincent van Gogh und laden ein ihn zu Hause zu erleben und ihm über die Schulter zu schauen.

Der Fürstentrust

Selten zuvor lagen „Faites vos jeux“ und „Rien ne va plus“ so eng beieinander wie vor einem Jahrhundert und einem Jahrzehnt. Und zwar in Europa, verantwortet von deutschen Adelshäusern. Nämlich dem zu Hohenlohe-Öhringen und dem Hause Fürstenberg. Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen und Max Egon II. zu Fürstenberg waren die Häupter ihres Geschlechts und Geschäftsmänner, die mit allen Wassern gewaschen waren.

Schon einmal waren sie aktiv geworden, als sie Geld rochen. Viel Geld! Schnelles Geld! Auf Madeira. Hier sollte der Luxus-Tourismus Welnnes-Urlaubern die Taler, Kronen, Pfund, Mark und so noch was aus den Taschen ziehen. Man drohte sogar Portugal mit Krieg, wenn man sich nicht nachgiebig zeigen würde. Klappte nicht. Fünf Mios in den Sand gesetzt! Ärgerlich, doch nicht ganz hoffnungslos die Lage. Man verbuchte den Verlust als Lehrgeld.

Die beiden Cousins – die Familien Hohenlohe und Fürstenberg standen sich sehr nah – gründen einen Trust. Eine Art Gegenbewegung zum Großbankenkapital.

Die beiden Köpfe der Herrschaftshäuser waren von jeher vermögend. Bis heute zählen sie zu den größten Waldbesitzern Deutschlands. Aber auch immense Immobilienbestände nannten sie ihr Eigen sowie einige Konzerne. Zusammen mit anderen Industriekapitänen gründeten sie den so genannten Fürstentrust. Die Mitgliedernamen sind heute noch in aller Munde. Max Egon II. zu Fürstenberg hatte zudem das unverschämte Glück zum engsten Vertrauten des Kaisers zu gehören. Eine unermesslich wertvolle Freundschaft, die den Trust zwar nicht vor dem Ende, jedoch vor einem für alle Beteiligten bitteren Ende bewahren sollte.

Autor Christian Bommarius gibt im Vorwort zu, dass die Geschichte an sich keine leichte Kost ist – die Panama-Papers sind dagegen ein offenes Buch. Ab und zu muss man kurz absetzen und ein wenig die Fäden wider zusammenklöppeln. Nichts desto trotz liest sich dieses Buch wie ein Wirtschaftskrimi durchaus mit erkennbaren Parallelen zur Gegenwart.

Die Geschichte, die Christian Bommarius in seinem Buch „Der Fürstentrust“ erzählt ist echt, steht aber in keinem Geschichtsbuch. Selbst ausgefuchste Historiker haben maximal davon gehört. Belege? Mangelware. Denn die Nachkommen der herrschaftlichen Häuser – heute sind sie Society-Ladies und Charity-Damen erster Kajüte – hocken wie die Glucken auf den spärlich vorhandenen Aufzeichnungen. Die meisten Papiere wurden „Opfer des Feuers“.

Christian Bommarius ist Jurist und Journalist und widmet sich mit Hingabe der deutschen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bereits mit „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun“ zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf jenen Teil der deutschen Geschichte, der im Verborgenen gehalten wurde und bis heute kaum Aufmerksamkeit erregt.

Madrid, Mexiko

Sie heißen Yago, Benjamin oder Maria. Sie heißen Omar, Catalina oder werden Mariachito genannt. Sie leben in Madrid und in Mexiko. 1923, 1938, 1944, 1997, 2014. Das hat sich Antonio Ortuño ausgedacht und lässt seine Protagonisten auf den Leser los. Und er beginnt gleich mit einem Schuss und der Gewissheit des Todes. Aus – Schluss – Ende? Noch lange nicht!

Es braucht seine Zeit bis man die einzelnen Stecknadeln auf der Landkarte dieses Romans mit Fäden verbinden kann. Denn die hält der Autor noch in der Hand.

Doch ist man einmal drin im Dickicht der Familienbande, entspinnt sich ein Familiendrama primera clase. Yago hat es endlich geschafft und ist mit Maria zusammen. Doch Benjamin wäre zu gern an der Seite Marias. Yago ist sein bester Freund. Jahre später ist davon nichts mehr übrig. In Spanien wütet der Bürgerkrieg. Und Yago und Benjamin kämpfen auf unterschiedlichen Seiten. Die Einigkeit von einst ist erbitterter Feindschaft gewichen.

Jahre, Generationen später geht es Omar nicht viel anders. Auch in seinem persönlichen Drama spielt eine Frau eine wichtige Rolle: Catalina. Seine Chefin. Und auch hier wieder ein eifersüchtiger Mann, der den beiden das Glück nicht gönnen kann.

Für beide, Omar und Yago gibt es nur eine Möglichkeit. Die Flucht. Während der eine nach Mexiko flieht, zieht es den Anderen eben genau da hin, wo es für den jeweils Anderen begann.

Schließt sich ein Kreis oder wird der Kreis des Lebens erneut angestoßen? Emigration, Entwurzelung, Neuanfang sind die Themen, die Antonio Ortuño in seinem Geschichtenpotpourri zu einem würzigen, scharfen Gericht zusammenfügt. Ortuño urteilt nicht. Auch der Leser wird nicht dazu gezwungen. Vielmehr gehen Autor und Leser Hand in Hand der Frage nach, was mit Menschen passiert, die ihre selbstgeschaffenen Pfade verlassen müssen, um anderswo wieder von vorn anzufangen. Und was passiert, wenn das Schicksal, die Schatten der Vergangenheit wieder sanft an die sicheren Pforten des neuen Lebens klopfen. Kurzweilig und packend wird die Frucht der Erkenntnis geschält, und es tritt ein großes Geheimnis zu Tage…

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Aus Liebe zu den Pflanzen

Fast scheint es unter Künstlern und vor allem Wissenschaftlern zum Standard zu gehören: Je höher der Wert der Erkenntnis desto niedriger der Bekanntheitsgrad. Van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkauft. Und wer kennt heutzutage noch Wissenschaftler? Einstein, ja, der ist bekannt. Aber wer kann seine Relativitätstheorie kurz erklären? Der Raum ist krumm, und wer schneller als das Licht reist, wird jünger – das soll alles sein, was von ihm und seiner Theorie bleibt?

Stefano Mancuso ist selbst Biologe, forscht in Italien. In „Aus Liebe zu den Pflanzen“ setzt er den vergessenen Genies der Biologie ein Denkmal. Ein Dutzend Forscher stellt er vor, von denen gerade mal ein Viertel der Mehrheit bekannt sein dürfte: Da Vinci, Mendel, Darwin und Goethe. Schon, wenn man die Vornamen der Genannten weiß, würde man in einer Quizshow einen vierstelligen Betrag erhalten können. So unbekannt sind sie immer (noch).

George Washington Carver – kein Verwandter des ersten Präsidenten der USA, sondern ein Biologe, dessen Forschungen bis heute die amerikanische Kultur prägen. Salopp gesagt: Ohne ihn hätten Millionen von Kindern in den USA keinen Brotaufstrich. Ihm ist die Erdnussbutter zu verdanken. Unter anderem. Da könnte man meinen, dass ein solcher Erfinder im Reichtum gelebt hat. Nein, ganz im Gegenteil. Als Sohn von Sklaven in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ihm nicht mal ansatzweise eine Art von Karriere vergönnt. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz (und davon gab es immer wieder welche – schließlich hatte er als Schwarzer in den USA keinerlei Rechte) – schaffte er es dennoch seine Ziele durchzusetzen.

Ganz im Gegensatz zu Charles Darwin. Seine Familie war und ist bis heute eng mit der Wissenschaft, besonders mit der Botanik verbunden. Darben musste er nie. Auch der Ruhm wurde ihm schon zu Lebzeiten zuteil. So bildet er eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen in diesem Buch.

Ja, auch „olle Goethe“ steckte schon während seines Studiums der Rechtswissenschaft seine Nase nicht nur in juristische Fachbücher, sondern auch in Seminare der Naturwissenschaftler. Die Botanik war mehr als nur eine Zeitvertreib oder willkommene Abwechslung vom stringenten Schriftenwälzen.

Von der Erdnuss über Weinbau, von Pflanzenkreuzungen bis hin zu Wechselwirkungen in der Natur haben alle in diesem Buch beschriebenen Wissenschaftler eines gemeinsam: Verdiente Ehre für die geleistete Arbeit mussten sie sich schwer erarbeiten. Wenige hatten Glück, viele fristen bis heute ein Mauerblümchendasein. Stefano Mancuso wirkt dieser Gedankenlosigkeit mit Verve entgegen. Seine Zuneigung für seine geistigen Väter ähnelt der Liebe derer zu den Pflanzen.

Sibylla und der Tulpenraub

Dreihundertfünfzig Jahre ist es her, dass Sibylla Maria Merian geboren wurde. Wenn man sich ihre Biografien (im Jahr 2017 gibt es gleich mehrere davon – Jubiläum!) durchliest, wird man das Gefühl nicht los, das man es hier mit einer der ersten weiblichen Wissenschaftlerinnen zu tun hat, die systematisch und analytisch gearbeitet hat. Und trotzdem ist sie (fast!) in Vergessenheit geraten. Aber die Zeiten sind ja nun vorbei.

Die E. A. Seemanns Bilderbände sind ein Grund dafür. Diese Reihe bietet Kindern die unterschätzte Möglichkeit sich der Kunst spielerisch zu öffnen. Und so ganz nebenbei lernt man auch noch was…

„Sibylla und der Tulpenraub“ stellt die kleine Sibylla vor. Weit bevor sie weite Reisen nach Surinam machte, wo sie Schmetterlinge beobachtete und in einzigartiger Weise festhielt. Bis heute faszinieren ihre Bilder der bunten Welt der Schmetterlinge die Betrachter.

Sibylla ist ein Einzelgänger. Sie interessiert sich für Dinge, die Andere einfach nur eklig finden: Kreuzottern, Gelbbauchunken, Ungetier. Eines Tages dringt ein seltsamer Duft in ihre Nase. Ein wohltuender Duft. Ein Duft, der die Kleine neugierig macht. Er weht von den Tulpen aus Nachbars Garten. Der Graf, dem der Garten und die Tulpen gehören, wird sicher niemals der „kleinen Göre von nebenan“ erlauben diese zu betrachten, geschweige denn zu malen. Und wie das eben so ist mit den verbotenen Früchten und Kindern – man nimmt sich, was man nicht haben kann. Sieht man heute noch öfter an Supermarktkassen.

Das Geschrei am nächsten Tag ist natürlich groß. Doch der Gärtner des Grafen hat schon einen Verdacht: Sibylla. Die kecke Nachbarstochter wickelt den aufgebrachten Mob jedoch schnell um den Finger. Die von ihr gemalten Bilder des Diebesgutes besänftigen im Handumdrehen die erhitzten Gemüter.

So einfach war Sibylla Merians Leben nicht immer, so schwierig wie diese Kindheitsepisode schon. Ein Frau, die wissenschaftlich arbeiten will – wo gibt’s denn sowas?! Doch sie setzte sich durch, wie schon in Kindertagen. Text und Illustration stammen von Benita Roth, die in diesem Buch mit Weiß und grellen Farben arbeitet. Mit viel Lieb zum Detail würdigt sie die Arbeit der vor dreihundert Jahren gestorbenen Forscherin und Künstlerin, deren Werke bis heute in Königlichen Galerien ausgestellt sind.

Erinnerungen

Ein Buch über zwei Vorbestrafte. Zwei, die es einfach nicht lassen können mit illegalen Aktionen ihre Ziele zu verfolgen. Darf man so was veröffentlichen? Eine provokante Frage! Ja, man darf. Man muss! Denn es handelt sich hierbei nicht um irgendwelche Gauner, Diebe, Trickser oder gar Schlimmeres, sondern um Beate und Serge Klarsfeld. Nazijäger nennt man sie. Dieser Titel erfasst nicht einmal annähernd die Bedeutung der Arbeit der Beiden.

Gerade dem Teenageralter entwachsen, ging Beate Klarsfeld als Au-pair nach Paris. Mit im Gepäck waren Neugier und Schüchternheit, aber auch Charme und Durchsetzungsvermögen. Hier lernt sie auch Serge kennen. Dessen Familie hat die Judenverfolgung in Frankreich miterleben müssen, Serges Vater konnte gerade noch Frau und Kinder verstecken, bevor die Nazis ihn verhafteten, deportierten und in Auschwitz ermordeten.

Vom Ausland aus wird Beates Blick auf die Heimat geschärft. Kurt Georg Kiesinger soll Bundeskanzler werden. Nur wenige haben damals den Mut ihn wegen seiner führenden Propagandatätigkeit im Dritten Reich anzugreifen.  Beates Kampfeswille ist geweckt. Als sie in einer französischen Zeitung zum Widerstand gegen den Kanzlerkandidaten aufruft, wird sie entlassen. Ihre Vorgesetzten berufen sich auf die Statuten des Deutsch-Französischen Jugendwerkes. Einer der Hauptakteure trat am gleichen Tag wie Kiesinger in die NSDAP ein – ein Wink des Schicksals? Doch all das Kämpfen, Aufrütteln und Öffentlichmachen nützt nichts – das Angestelltenverhältnis bleibt aufgelöst. Es müssen andere Methoden her, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Serge ist eine der treibenden Kräfte die Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit Nazideutschland publik zu machen. Wie zwei Terrier am zerren die beiden am Hosenbein der Geschichte. Aufdecken als Rache ist es nicht, was die beiden antreiben wird. Gerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes ist ihre Triebfeder. Wenn es sein muss – und es muss immer wieder sein! – auch mit illegalen und spektakulären Aktionen. Als Fanal galt und gilt die schallende Ohrfeige für Kiesinger.

Es war die Zeit des Vergessens. Ruhe war eingezogen, und so sollte es auch bleiben. Krieg und Verfolgung waren über ein Jahrzehnt her, doch die Täter waren immer noch unter ihnen. In führenden Positionen, wie unter anderem das Beispiel Kiesinger zeigte. Andere waren geflohen, um sich nicht vor Gerichten verantworten zu müssen. Diese aufzuspüren, ihre Taten lautstark anzuprangern und vor Gericht zu bringen, war von nun an das Lebensziel der beiden. Und ist es bis heute.

Dem Anwalt und Historiker Serge Klarsfeld ist es zu verdanken, dass die Opfer der Nazidiktatur namentlich nicht vergessen werden. Unermüdlich durchforstete er Archive und gab den Hinterbliebenen die Möglichkeit Zweifel und Ungewissheit über den Verbleib ihrer Väter und Mütter, Tanten und Onkel, Söhne und Töchter auszuräumen. Immer wieder kehrte auch der Terror in ihr Leben zurück. Anschläge und Anfeindungen waren Alltag.

Ihre Lizenz zum Jagen erhielten Beate und Serge Klarsfeld von der Humanität. Ihnen wurde in frühen Jahren zum Verhängnis, dass sie vorausschauend wirkten. Erst in jüngster Vergangenheit konnten sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Das Bundesverdienstkreuz für beide und die Kandidatur Beate Klarsfelds als Bundespräsidentin waren mehr als Genugtuung. Es war die nie eingeforderte, doch willkommene Anerkennung ihrer niemals endenden, aufopferungsvollen Arbeit.

Die Erinnerungen lesen sich wie ein Thriller, mal mit gutem, mal mit nicht so befriedigendem Ende. Die Jagd nach Klaus Barbie dem Schlächter von Lyon (in Frankreich verurteilt)  oder Alois Brunner, dem Handlager von Adolf Eichmann (entkommen, aber elend in Syrien gestorben).

Die Parallelen zur aktuellen politischen Lage sind erschreckend. Wortwahl und Zielstrebigkeit der so genannten neuen Rechten sind so eng mit der Zeit des Faschismus in Europa verknüpft, dass man meinen sollte, dass allein der Habitus dieser Querköpfe ausreichen sollte, um sie zu entlarven und zu verteufeln. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Schlag auf den Hinterkopf mit diesem über sechshundert Seiten starken Buch können die Schreie nach der „starken Hand“ von denen, die Barbie, Lischka, Brunner schon vergessen haben, verstummen lassen.