Archiv des Autors: admin

Tod in Connecticut

Nolya Noyes sitzt auf einer Bank und schaut dem Schneetreiben zu. Doch es ist nicht still um sie herum. Sie steht im Mittelpunkt. Das gefiel ihr bisher immer ganz gut. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn die Bank, auf der sie sitzt, ist eine Anklagebank. Sie wird verdächtigt einen Mord begangen zu haben. Robert Brandon wurde ermordet. Oder hat er sich doch selbst gerichtet?

Nolya ist mit ihren 25 Jahren das enfant terrible der New Yorker High Society. Konventionen sind für die anderen da. Sie ist unglücklich verliebt. In Arthur Raymond. Der auch in sie. Die Sache hat nur einen Haken. Arthur ist immer noch mit Betty verheiratet. Und Arthurs Vater Melville, ein schlitzohriger Anwalt sieht die Liaison zwischen seinem Sohn und der lotterhaften Nolya überhaupt nicht gern. Ja, er verabscheut die reiche Göre, die noch nie in ihrem jungen Leben einen Finger krümmen musste.

Robert Brandon, Sohn eines engen Freundes von Melville Raymond ist bis über beide Ohren verknallt in Nolya. Er unterliegt ihrer rebellischen Art und fühlt sich derart stark zu ihr hingezogen, dass er pausenlos versucht sie zu beeindrucken. Doch mit seinen kindischen Aktionen erntet er mehr müdes Lächeln als Bewunderung.

Am Silvesterabend will Nolya die Gelegenheit nutzen, um mit Arthur reinen Tisch zu machen. Sie ist es sich und vor allem ihm schuldig. Ein harter Schnitt mit leichten Blessuren ist ihr allemal lieber als eine ewig klaffende Wunde. Doch der Versuch scheitert kläglich. Im Zimmer befinden sich Arthur, Nolya und der ungestüme Bobby Brandon. Bobby beleidigt Arthur aufs Heftigste. Dann fällt ein Schuss und Bobby liegt in seinem Blut. Was ist passiert? Wer hat geschossen? Wieso hält der Linkshänder Bobby die Tatwaffe in seiner rechten Hand? Nolya nimmt die Schuld auf sich. Für sie ist es der Ausweg aus einer ausweglosen Situation. Doch der Weg in die innere Befreiung ist ihr versperrt worden. Zu viele Ohren, zu viel Zeugen. Einzig das Tribunal kann, so grotesk es erscheinen mag, ihr diesen Weg ebnen.

Wilson Collison portraitiert einmal mehr –wie schon in „Die Nacht mit Nancy“ eine Frau, die die Gesellschaft liebt, die von der Gesellschaft geliebt wird, ihre Regeln jedoch mit ihren zarten Füßchen in den glitzernden Pumps tritt. Sie weiß nicht wie man sich einfügt, ist jedoch elementarer Bestandteil dessen, was sie im Tiefsten ihres Herzen verabscheut. Ein Ende mit Schrecken ist in ihren Augen der beste Ausweg als der sprichwörtliche Schrecken ohne Ende. Sie versucht – schließlich ist sie eine Rebellin, das wird ihr immer wieder gesagt, bis sie es selbst glaubt – sich selbst ihrer Rebellion in den Weg zu stellen, in dem sie anfängt die Regeln der Gesellschaft zu beachten. Sie will einen vernünftigen Weg wählen, um der Misere ihrer chancenlosen Liebe zu entkommen. Doch auch dieser Weg ist steinig und führt mitten in die Katastrophe. Aber wer weiß, vielleicht hält das Schicksal doch ein happy end für die rastlose Nolya parat?

Tod in Monte Carlo

Die Region Banat teilen sich heute Serbien, Ungarn und Rumänien. Aus dieser Region stammt auch er Autor dieser anrührenden, aufwühlenden, verschwenderischen Geschichte. Und auch die Hauptfigur, Moritz Karpaty hat enge Verbindungen zu Ivan Ivanji.

Es ist Spätsommer 1939, Europa bebt, es brennt noch nicht lichterloh, doch die Glutnester sind gelegt. Der jüdische (das muss aufgrund der Zeit, in der die Geschichte spielt leider erwähnt werden) Arzt Moritz Karpaty macht zum ersten Mal Urlaub. Weit über siebzig Lenze zählt er. Sein Freund, der Zuckerfabrikant Viktor Elek (auch keine fiktive Figur, sondern real) überredet ihn nach Monte Carlo zu fahren. Das mondäne Monte Carlo klang in dieser Zeit schon wie das Elysium aller, die Träume wahr werden lassen wollten. Die Zeit mit Viktor – die Familie bleibt zuhause – genießt der Arzt. Ebenso das Klima, die festlichen Tafeln und das Casino. Und siehe da: Der bisher nur im winzigen Rahmen spielende Doktor hat Glück im Spiel. Und wie! Ein Millionengewinn darf er sein eigen nennen.

Viktor rät ihm gleich zu einer sicheren Anlage, zuhause im Banat. Auch wenn die politische Situation in Europa auf mehr als wackligen Füßen steht, so ist er felsenfest davon überzeugt, dass das Geld in der Heimat am sichersten angelegt ist.

Die Nachrichten künden hingegen von den ersten Bomben des Krieges. Polen wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgerieben und aufgeteilt. Deutsche, Schweizer, Franzosen – Europa trifft sich in Monte Carlo und diskutiert aus sicherer Entfernung die Lage des Heimatkontinentes. Das Übel, das allen Gegnern widerfährt, ist vielerorts noch ein Gerücht. Selbst, wer genau Bescheid weiß, sträubt sich sein Wissen zu teilen.

Neben dem Glück im Spiel – Viktor ist inzwischen abgereist und lässt den Doktor allein an der azurblauen Küste zurück – bahnt sich auch das Glück in der Liebe an. Maurice, wie er sich nun nennt, hat beschlossen nicht auf den Rat seines Freundes zu hören und will stattdessen die Millionen lieber in Monte Carlo verjubeln. Die russische Tänzerin Ira hat es ihm angetan. Und sie erwidert seine Avancen. Gen Heimat schickt er Briefe voller Urlaubsschwärmereien, im Gegenzug bekommt er Post voller Sehnsucht nach dem Gatten. Er und Ira sind unzertrennlich, während Europa sich immer weiter aufspaltet und Keile zwischen die Völker getrieben werden. Kann so eine Geschichte gut enden? Darf so eine Geschichte Gewinner haben?

Ivan Ivanji plaudert nicht einfach nur aus dem familiären Nähkästchen. Er zeichnet ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte anhand seiner eigenen Familie nach. Blauäugigkeit und abgrundtiefer Hass treffen an einem Ort aufeinander, der auf den ersten Blick kaum unpassender zu sein scheint. Doch die Idylle des kleinen Landes trügt. Auch die Landesherren wussten geschickt die bald neuen Herren Europas zu umgarnen. Diplomatie hin oder her. Die Grimaldis kämpften an allen Fronten während dieser Zeit. Monte Carlo als sicherer Hafen, diese Illusion wurde mitten Krieg aufs Perfideste zerstört, als Juden ausgeliefert wurden, um in deutschen Konzentrationslagern ihr Ende zu finden. Der Tod in Monte Carlo ist ein symbolischer. Für Moritz Karpaty kam er in Gestalt des Alters…

Desperation road

Drogen und Prostitution – zwei Dinge, die sich bedingen, um das Dritte im Bunde – das Leben ertragen zu können. Diese hohle, und zudem absolut falsche Phrase, würde Maben nicht einmal mehr ein müdes Lächeln abgewinnen. Sie und ihre Tochter Annalee sind in Mississippi auf dem Weg in ein neues Leben. Die Habseligkeiten in einem Müllsack hecheln sie einer Stadt entgegen, in der ein Frauenhaus und ein Job nicht gerade auf sie warten, aber Linderung des Schicksals verspricht.

Russell Gaines ist auch auf dem Weg. Dem Weg nach Hause. Endlich. Wieder. Endlich wieder nach Hause. Elf Jahre konnte er diesen Weg nicht antreten. Die Gefängnismauern hielten ihn im Würgegriff. Zuhause warten sein Vater und eine Hausangestellte nicht auf ihn. Aber sie sind da. Genauso wie die Feinde von einst in Gestalt der beiden übersichtlich intellektuellen Brüderpaares Walt und Larry. Russell soll gleich spüren, dass er hier nicht willkommen ist.

Zwei Menschen auf dem Weg aus dem seelischen Nichts hinein ins Licht, das sie doch noch zu sehr blendet als dass sie seine Schönheit wahrnehmen können.

Mabens Martyrium begann vor Jahren als sie mit ansehen musste wie ihr Freund bei einem Autounfall ums Leben kam. Von da an ging alles bergab. Im Frauenhaus kann sie endlich durchatmen. Annalee wird liebevoll betreut während sie in einem Diner für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Doch leider finden die Angestellten des Frauenhauses eine Pistole in Mabens Klamottensack. Die bekommt zufällig mit, dass die Polizei gerufen und wird gerät in Panik. Sie stiehlt die Waffe, hält sie einem Autofahrer an die Wange und flüchtet. Raus hier, irgendwo hin! Sie Pistole hat sie einem Polizisten abgenommen, der seiner Macht freien Lauf ließ und Maben vergewaltigte. Aus Notwehr erschoss sie ihn.

In derselben Nacht wird Russell angehalten. Zum Glück für ihn erkennt ihn der Deputy sofort. Denn Russell hat eine geladene Waffe bei sich, leere Bierfalsche im Fond, und sein Führerschein ist seit Jahren abgelaufen. Drei Dinge, die ein gerade aus dem Strafvollzug Entlassener nicht vorweisen sollte. Gnade vor Recht. Russell kommt noch einmal davon. Jetzt hält ihm eine aufgebrachte Frau einen Revolver an die Wange.

Michael Farris Smith lässt hier drei Lebenswege kreuzen bzw. aufeinander knallen, die erst am Ende des Buches klar werden. Maben ist eigentlich am Ende ihres Weges. Nur Annalee lässt sie den steinigen Pfad weiter beschreiten. Larry und Walt kennen nur Hass auf den Kerl, der ihrem Sohn und Neffen die Zukunft nahm. Und Russell will nur eines: Leben. Er hat gebüßt. Doch der Strudel der Ereignisse lässt ihn nicht los. Immer tiefer zieht es ihn in einen Abgrund, den er nicht kommen sehen konnte. Die in jeder Silbe aufbrechende Sympathie für Maben und Russell lässt den Leser als Gefangenen der Worte nicht mehr los. Die Wucht der Worte hinterlässt tiefe Striemen im Herzen des Lesers, der sich diese Wunden immer wieder genüsslich leckt.

Alte Freunde

Gute Freunde kann niemand trennen, so schmalzig der Kaiser einst daher trällerte, so viele Funken Wahrheit liegen in diesem emotionslosen Stück deutscher „Sangeskunst“. Shūji, der Erzähler, nicht nur der Ich-Erzähler, sondern der Autor persönlich, erfährt eines Tages eine weitere Bedeutung dieser phrasenhaften Worte: Gute Freunde, nein, alte Freunde. Gute Freunde waren sie nie. Er und dieser Bauer, der da unverhofft auf dem Estrich seines Hauses steht. Freunde bitten einen um einen Gefallen, sie fordern ihn nicht ein! Der Fremde, dessen Namen Shūji erst erfahren soll als fast schon zu spät ist, poltert wie ein rüpelhafter Spendensammler ins Haus und dann gewaltig ins Leben des Schriftstellers.

Der Fremde in Shūjis Augen wird von selbigem als alter Freund angesehen. Und er, der Fremde / alte Freund weiß so manche alte Geschichte zu erzählen. Damals in der Schule haben sie sich pausenlos gerauft. Hier die Narbe ist von Shūji. Und Shūji selbst muss immer noch eine Narbe am Schienbein haben. Doch Shūji hat keine Narbe. Weder am rechten noch am linken Bein. Zeit der Charade ein Ende zu setzen. Doch der Fremde ist so enervierend und irgendwie auch faszinierend, dass Shūji ihn gewähren lässt. Selbst als der Whiskey einfordert, den Shūjis Ehefrau servieren soll, ist von einem polternden Ende nichts zu spüren. Shūji ist viel zu sehr damit beschäftigt wohin das Ganze führen soll. Will der alte Freund Geld? Ein Klassentreffen wäre doch eine Gelegenheit sich mal wieder so richtig die Kante zu geben und in Erinnerungen zu schwelgen, oder nicht?! Das kostet! Doch der fremde alte Freund will kein Geld. Am Ende des Tages, ein bisschen schummrig im Kopf – noch schummriger als es die Situation an sich schon hergibt, trennen sich die beiden. Ein schöner Tag! Aber was soll man von diesem Tag halten?

Osamu Dazai lebte das Leben eines echten Freigeistes. Religion und Politik waren ihm nur so lang nahe, als dass sie ihm Inspiration liefern konnten. Seine Familie verstieß ihn, weil er die Zuwendungen nicht so verwendete wie ihm geheißen. Schließlich nahm er sich mit nicht einmal neununddreißig Jahren das Leben, zusammen mit seiner Geliebten. Doch seine vom eigenen Leben eingefassten Geschichten überlebten jeden Bildersturm.

Diese Geschichte erschien erstmals 1946 in einer Zeitschrift. Nun wurde sie wiederentdeckt und erstrahlt in einer erlesenen Aufmachung mit sieben Bleistiftzeichnungen von Susanne Theumer, die erst bei genauerem Hinsehen die Szene klarer erscheinen lassen. Shūji ist ein Intellektueller, einer, der es besser wissen müsste. Einer, dem Fallen ins Auge fallen. Doch er tappt sehenden Auges hinein. Der Schaden ist seelischer Natur. Körperlich unversehrt bietet ihm dieser besondere Tag, „der Vorfall“, die Möglichkeit mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Der Leser ist stiller Beobachter, der mit offenen Augen den großen Knall herbeisehnt. Doch der kommt nicht, was ein noch größerer Knall ist als beim Lesen erhofft.

La cucina veneziana

Denkt man sich die Touristenmassen, den Schifffahrtswahnsinn und die zahlreichen Besucherfallen in der Lagunenstadt weg, bleibt die Essenz der Serenissima übrig. Und die wird am Mittagstisch oder beim Dinner deutlich: Vielfältig, delikat, schmackhaft und ein bisschen anders als in Mailand, Rom und Neapel. Schon früh erkannten die Stadtväter, insbesondere der Doge, dass die kulturelle Vielfalt einen Mehrwert in jeglicher Hinsicht darstellte. Deswegen erließen sie ein Gesetz, dass jeder zugeriesten Kultur es erlaubte eine Besonderheit ihrer angestammten Provenienz beizubehalten. Wie weitsichtig, bis in die heutige Zeit – nachahmenswert. Und so kommt es, dass auf venezianischen Tellern eben nicht nur Erzeugnisse aus der Region die Sinne erfreuen, sondern auch Exotisches in der Lagunenstadt als „Eigengewächs“ die Phantasie anregt. Gerd Wolfgang Sievers hat sich davon anstecken lassen. Er ist für die Lesedauer des Buches der wissende Connaisseur für den Leser, den Feinschmecker, den Besucher der Stadt.

„La cucina veneziana“ ist bei seinen Recherchen aber keineswegs ein reines Kochbuch geworden. Dieses Buch ist der kulturelle Rundumschlag zu Tische! Den Brückenschlag zwischen den Welten der Erde haben die Venezianer selbst gelegt. Als Großmacht des Mittelalters befuhren zahllose Schiffe die Meere und brachten aus aller Herren Ländern Gewürze, Pflanzen und Kräuter mit in Lagunenstadt. Der Autor hat die (mittlerweile wieder neu erworbenen) Erkenntnisse in diesem Buch zusammengefasst. Und so darf man von der Couch aus, vom Küchentisch aus, an Schneidebrett und Küchenmaschine Venedig aus der Ferne schon einmal vorentdecken. Denn eines steht fest: Wer nach dem Genuss dieses Buches und auch nur eines der darin beschriebenen Gerichte nicht sofort ans nördliche Ende der Adria will, darf sich nie wieder Genießer nennen!

Mit einem (oder gleich mehreren) Ciccheti beginnt die kulinarische Reise in die Stadt von Commissario Brunetti. Geröstete Scheiben Brot, die reich belegt den Mundraum mit Aromen erfüllen. Oder wie wäre es mit einem Insalata die Dogi? Mit Spargel, Garnelen und feinstem Olivenöl? Bevor Gerd Wolfgang Sievers das Rezept zum Besten gibt, verweist er den Leser auf die Schulbank. Doch kein erhobener Zeigefinger trübt die Aussicht auf ein leckeres Mahl, vielmehr ist es ein spannungsgeladener Ausflug in die Geschichte. Ein Appetitanreger, der primo piatti und secondi piatti sehnsüchtig herbeiruft. Die kommen in Gestalt von frittata di San Marco, Bigoli con salsa und natürlich risotto daher. Risotto alla sbirraglia, risotto de gò, risotto co le sécole etc. Und wenn man so richtig eingestiegen ist in die Kulinarik Venedigs verzaubern Bodoletti all muranese, Seppie col nero oder Tettine alla venexiana den immer noch appetitheischenden Gast. Auf dem heimweg schwärmt man immer noch von Fave die morti, Sprumiglie oder Baicoli.  Ein hartes Los, wenn man nur davon liest. Ein wenig abgemildert durch die ausführlichen Einleitungen des Autors zur Herkunft dieser Speisen. Heilung verspricht da nur eine Reise an die Kochtöpfe Venedigs. Adressen hat Gerd Wolfgang Sievers wohlwissend gleich beigefügt.

Es sind Bücher wie diese, die die Sehnsucht nach dem Süden schüren und sie zugleich zu bändigen wissen. Detailreich und mit jeder Silbe nachvollziehbar, bereichert der Autor die Faszination für eine Stadt, die jährliche das Zigfache ihrer Einwohnerzahl als Touristen ertragen muss. Nur wer sucht, wird das Venedig aus diesem Buch finden. Allerdings hat jeder Besucher nun dank dieses Buches die Möglichkeit dazu.

Don Ottos wunderbarer Plattenladen

Glücklich, wer solch einen Laden in der Umgebung hat. Ein Laden, in dem man nicht nur schnöde seine bitter verdienten Penunzen über den Tresen schiebt, sondern ein Laden, in den man sich sein Sofa stellen und nie sich mehr davon erheben möchte. Don Otto hat in Bogotá so einen Laden. Einen Plattenladen. Musik auf Vinyl. So warm der Klang der Kompositionen, so warmherzig – und vor allem wissensreich – der Besitzer, Don Otto. Wer hier her kommt, sucht. Sucht nach Ablenkung. Sucht nach Erkenntnis. Don Ottos wunderbarer Plattenladen ist die Suchtklinik für alle, die noch träumen können.

In Don Ottos Plattenladen, den wunderbaren Plattenladen kommen Punks mit Hakenkreuzen und knallbunt gefärbten Haaren und kehren dieser Plattenküche mit dem wohligen Gefühl ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten zu können diesem wieder den Rücken. Vivaldi empfiehlt er zwei Damen, deren Röcke nur bedingt breiter als ein Gürtel sind. Was Intellektuelles haben sie gesucht, und von Don Otto gleich noch ein paar Anekdoten über den Komponisten mit auf den Weg bekommen. Béla Bartók ist da schon eher was für Zahlenfetischisten. Mit welcher Eleganz Don Otto seinen Kunden die Finobacci-Zahlenreihe erläutert, sucht seinesgleichen.

Es ist die Musik und ihrer Erschaffer, die Don Otto das eigene Leben erträglich machen, die Dinge dieses, seines eigenen Lebens ins rechte Licht rücken. Wo die Guerilla Kolumbiens nur scheitern, kann setzt er mit seinem Wissen der Musik und ihrer Wirkung ein Licht ins Dunkel der Unwissenheit, der Ungewissheit und des täglichen Terrors. Auch wenn selbst bei ihm, im wunderbaren Plattenladen der Tod nicht umkehrt: Ein Kunde ist auf der Suche nach einem Requiem. Irgendeines. Gabriel Faure scheint Don Otto das geeignetste Requiem zu sein. Doch kaum hat er eine passende Aufnahme herausgesucht, passiert das Unerwartete…

Mauricio Botero gelingt mit Leichtigkeit ein Ausflug in die universelle Welt der klassischen Musik. Selbst wer bisher noch nicht von ihr eingenommen war, wird den Plattenschrank durchwühlen, Festplatten durchforsten oder im Netz nach Brahms, Verdi und Berlioz suchen. Für jeden Anlass die passende Musik. Otto Roldán ist der Notendealer des guten Geschmacks! Ein Verführer auf der Klaviatur der Gefühle. Ein Mephisto der musikalischen Empathie. Seine Hörner bestehen aus Aufnahmefühlern mit den sensibelsten Saphiren der Geschichte. Kein gemütsausdruck ist ihm so fremd, dass er nicht die eine Melodie parat hat, um den Moment klangvoll zu unterstützen.

„Don Ottos wunderbarer Plattenladen“ ist nicht einfach nur ein Buch über klassische Musik, ihre Wirkung und einen Ladenbesitzer, der die Kundschaft kenntnisreich mit Anekdoten und Rillentönen versorgt. Es ist der Einstieg in die Welt der Emotionen!

Hamburg

Eins Komma Acht Millionen Menschen können nicht irren! Hamburg lohnt sich! Ob als Zwischenstation oder Urlaubsziel für ein paar Tage oder länger, wird man sich in der Hansestadt vorzüglich amüsieren, verköstigen und unterhalten können. Doch wer jetzt meint, dass nach einem Fischbrötchen, einer Hafenrundfahrt und einem Musicalbesuch nicht mehr viel kommen kann, der hat nun fast dreihundert Seiten lang Zeit sich genüsslich die Vorurteile aus dem Hirn zu schütteln.

Zehn Touren hat Autor Matthias Kröner zusammengestellt. In jeder Tour lernt man die Hansestadt auf eine andere Art kennen. Selbst das über alle Maßen bekannte Sankt Pauli erfährt hier noch eine Wertsteigerung, die selbst eingefleischte Sankt Paulianer ins Staunen versetzen wird. Hat man erstmal die Reeperbahn, das Erotic Art Museum und den Fischmarkt „hinter sich gebracht“, ist noch lange nicht Schluss in dem Stadtteil mit der sündigen Meile – was heutzutage aber nur noch ein nostalgisches Klischee aus „Der guten, alten Zeit“ ist. Denn im Norden Sankt Paulis lässt sich der Tag zwischen Coimic-Buchläden, osteuropäischen Kulinariktempeln und Hinterhofkinos einmalig beenden. Ach ja, über Fußball auf schwankendem Niveau, dafür aber mit den eindrucksvollsten Fans Deutschlands lässt sich hier vortrefflich diskutieren…

Auch der Hafen ist seit jeher ein Anziehungspunkt. Früher Arbeitgeber Nummer Eins der ganzen Region, ist er mittlerweile zu einem architektonischen Schmuckstück gereift. Die Speicherstadt hat mit der Elbphilharmonie einen Hingucker und Ohrenschmaus erster Kajüte bekommen.

„Hamburg im Kasten“ ist nicht der Ausruf eines begeisterten Fotografen – alles bekommt man eh nie ins Bild, zumindest nicht auf einmal – sondern die Rubrik, die man sich als Besucher besonders gut durchlesen sollte. Farbig abgesetzt, lässt Matthias Kröner hier die historischen Puppen tanzen. Wer zum Beispiel einmal um die Alster laufen will, braucht seine Puste. Über sieben Kilometer umläuft man ein Gebiet von 164 Hektar. Da lohnt es sich von einem Experten Rat zu holen, wo man beginnt, wo man innehält und wo man einkehrt. Auch Nachdenkliches wie Hagenbecks Völkerschauen, die zum Glück der Vergangenheit angehören, lassen aufhören und einen Hamburg-Besuch umfassend informiert geschehen.

Die vierte Auflage des Hamburg- Reisebandes der MM City Reihe bekommt auf der weltgrößten Reisemesse die verdienten Lorbeeren, den ITB BookAward. Dieser Preis sticht in der Masse an Buchpreisen dadurch hervor, dass hier nur Reisebücher prämiert werden. Und dieser Preis ist für dieses Buch mehr als gerechtfertigt. Noch was zum Thema irren: Wenn die eingangs erwähnten Eins Komma Acht Millionen Hamburger meinen, dass sie schon alles über ihre Perle wüssten …

Polnische Ostseeküste

Hat man sich an die ungewöhnlichen Buchstabenkombinationen erst einmal gewöhnt, ist es eigentlich ganz einfach den nächsten Badeurlaub zu buchen, oder?! Erstaunlicherweise liegen den Deutschen spanische „Js“ näher als polnische „Czs“. Warum auch immer. Seit Jahren hört man immer öfter, dass die polnische Ostseeküste von vielen als ihr bevorzugtes Badeparadies auserkoren wird. Die Vorteile liegen auf der Hand bzw. der Karte. Es liegt gleich um die Ecke. Die Ostsee ist im Sommer angenehm temperiert. Und das Umland hat sich zu einem wahren Schmuckstück gemausert.

Isabella Schinzel zeigt nun schon zum sechsten Mal, dass das letztgenannte Argument das Ausschlaggebende ist. Von Szczecin (da sind sie wieder die Konsonantenzungenverknoter) bis Gdańsk (wer sich unbedingt als Unverbesserlicher hervortun will, kann auch Danzig sagen – viel Spaß beim Freunde finden!), von Pogorzelica bis Grudziadz gibt es hier noch viel zu entdecken.

Ja, baden kann man hier auch. Was bis ins 18. Jahrhundert noch verpönt war, weil man auf dem Meeresgrund nichts Gutes vermutete. Jedoch ist das Hinterland mindestens genauso spannend wie am Strand Kleckerburgen in den Sand zu setzen. Kamień Pomorski ist seit über einhundert Jahren Kurort. Seit über achthundert Jahren ist die Stadt ein bedeutender mit Kathedrale und einer wehrhaften Stadtmauer, der erst durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg ihre Grenzen aufgezeigt wurden. Hier wurde auch „Doktor Pommer“ wie Luther ihn nannte, ein Wegbereiter der Reformation geboren.

Die bekannteste Stadt Pommerns, des zweiten Kapitels „Die Küste Pommerns“ ist sicherlich Kołobrzeg. Einst Hansestadt unter dem Namen Kolberg bekannt, sind die Hinterlassenschaften aus ihrer Blütezeit bis heute weithin sichtbar. Salzhaltige Quellen und heilendes Moorwasser ließen die Stadt von einem Handelszentrum zusätzlich zu einem Wellness-El-Dorado aufsteigen. Doch wo viel Licht, da auch viel Schatten. Der Regime-Günstling Veit Harlan setzte der Stadt das umstrittene Filmdenkmal gleichen Namens (nur eine Geschichte, die den zahlreichen gelb unterlegten Kästen mit einem Füllhorn an Hintergrundinformationen zu entnehmen ist). Wer sich ein bisschen aus Kołobrzeg herauswagt, erlebt den historischen Stadtkern bzw. das, was von ihm übrig ist. Schon am Ende des ersten Jahrtausends stand hier eine Burg, von der leider nicht mehr als ein paar Wälle noch künden. Wer ein bisschen Phantasie walten lässt, bekommt einen echten Eindruck. Am besten genießt man den vom fast dreißig Meter hohen Leuchtturm

Wanderdünen, die Kasubische Schweiz, eine Dreistadt – Polens Ostseeküste bietet das volle Programm für einen ausgiebigen Urlaub „Gleich um die Ecke“. Dank dieses Buches ist diese Region nicht mehr so verschlossen mit zahlreichen verborgenen Schätzen, sondern ein offenes Buch, das nur noch umgeblättert werden muss.

Waldo und Schnövenichvanschnöf. Abenteuer am Meer

Was ist das Schönste am Urlaub? Die Vorfreude! Neue Welten, neue Menschen – aber der Weg dorthin führt meist durch den Gang der Transportbox oder im Körbchen. Wie jetzt? Transportbox? Körbchen? Die Welt eines Hundes – in diesem Fall zweier Hunde – weist die eine oder andere Gemeinsamkeit mit der des Menschen auf. Aber eben auch Unterschiede. Waldo döst vor sich hin und das leise Klackern des Rollkoffers signalisiert ihm, dass große Veränderungen anstehen. Mit der Nase eines Spürhundes kann er an der Anzahl der Schlüpfer im Koffer erkennen wie lange diese Veränderung andauern wird. Doch Frauchen findet das gar nicht witzig, dass ihr Waldo im Koffer rumwühlt.

Schnövenichvanschnöf, die Grand Dame im Haushalt, ahnt schon, was kommen wird. Sie ist älter und weiser. Transportbox: Dieses Wort klingt allerdings gar nicht nach Erholung, neue Welten und erst recht nicht nach Abenteuer. Während Waldo im Wald (wo sonst?!) den letzten Haufen setzt, zerbricht sie sich ihren Hirn(chen) wie sie dem Reisegefängnis entkommen kann. Es nützt nichts! Mallorca ohne Transportbox – für sie nur ein Traum. Waldo hat es da besser, er darf ins Körbchen, die erste Klasse für niedliche Köter der unteren bis mittleren Größenkategorie. Und er weiß wie man die Aufmerksamkeit der Passagiere auf sich zieht. Er lässt einen nach dem Anderen ziehen…

Noch ist Waldo im Vorteil, er hatte die Reise-Luxus-Variante bekommen. Doch im Auto vergeht ihm bald das Grinsen. Schnövenichvanschnöf setzt sich permanent auf ihn. Er ist nun mal der Kleine. Und als das Meer ist Sichtweite ist, weicht auch der letzte Gedanke von Fröhlichkeit von ihm. Alle wollen ihn immer in das endlose Nasse zerren. Prrr, das behagt ihm so gar nicht. Zuhause ist es doch immer noch am schönsten. Wenn man will, kann man überall seinen Haufen machen. Doch hier? Am Meer?

Schnövenichvanschnöf hingegen träumt schon von einer zweiten Karriere, als Rettungshund, der sich todesmutig in die Fluten stürzt und zum Helden wird. So schäumend die Gischt der Meeres, so schäumend auch der Wunschtraum. Denn insgeheim ist die Hundedame mindestens genau so wasserscheu wie Waldo. Das darf aber niemand wissen. Schon gar nicht Waldo! Der Schisser, der lieber zuhause vor sich hindöst.

Doch so schlimm wie es sich die beiden Hunde ausmalen, wird der Urlaub dann doch nicht. Der Strand ist der größte Abenteuerspielplatz ihres Lebens. Da kann man herumtoben, Sandburgen bauen, sie wieder einstürzen lassen (gewitzt wie Schnövenichvanschnöf Waldo zeigt wer hier die Hosen an hat). Und wer nun denkt, dass die beiden es wohl niemals ins Meer schaffen werden, der irrt. Denn Waldo und Schnövenichvanschnöf sind trotz ihrer Bequemlichkeit pfiffige Hunde. Sie finden schon einen Weg dem Meer das Grauen zu nehmen.

Die Illustrationen von Marion Schickert lassen gar keine Fragen aufkommen, wer hier die Stars in diesem Buch sind. Keck, mit einem Augenzwinkern, unschuldig dreinblickend schaffen die Vierbeiner mit einem Pfotenstreich den Leser, Vorleser und Betrachter in ihren felligen Bann zu ziehen. Ohne falsche Bescheidenheit tun sie im Buch das, was ohnehin jeden Tag auf der Straße von ihnen zu sehen ist. Und wieder gilt es: Wer genau hinsieht, entdeckt immer wieder Neues!

Romeo und Julia in Vigata

Venedig hat seinen Brunetti, Paris Maigret und Verona Romeo und Julia. Doch halt! Auch Vigata, das ja schon Commissario Montalbano sein eigen nennen darf, hat auch sein unglückliches Liebespaar. Nur heißt hier Romeo Montague Manueli d’Asaro, und Julia Capulet heißt hier Mariarosa Petralonga. Das Jahrhundert (das Neunzehnte) neigt sich dem Ende zu und in Vigata beshcließt man dieses Ereignis mit einem Ball gebührend zu feiern. Ein Saal wird gemietet und jeder soll kostümiert erscheinen. Als Anreiz wird das beste Kostüm prämiert. In der Jury sollen auch Vertreter der Familien d’Asaro und Petralonga sitzen. Doch die können sich nicht riechen, duellieren sich und lassen keine Möglichkeit aus die Anderen bloßzustellen oder zu attackieren.

Es ist offensichtlich, dass das Schicksal Manueli und Mariarosa dazu auserkoren hat in der Jury zu sitzen und sich ineinander zu verlieben. Zunächst ist aber von Zuneigung rein gar nichts zu spüren. Würde man es auf die beiden regnen lassen, kämen am Boden nur Eiskörner an. So frostig ist die Stimmung zwischen den beiden. Ein kleine Berührung hier, eine Geste da und schon ist es um den Heißsporn Manueli und die alle verzaubernde Mariarosa geschehen. Doch zusammenkommen, ist einfach nicht drin. Zu tief der Graben zwischen ihren Familien. Eine List muss her. Vertraute arrangieren ein Ablenkungsmanöver, damit Mariarosa entführt werden kann und beide fernab von ihren Familien heiraten und ein zufriedenes Leben führen können. Fehlt nur noch das Gift und Romeo und Julia sind in Vigata auf dem Weg zur Legende. Dann wäre dieses Buch aber nicht von Andrea Camilleri, sondern einem anderen geschrieben worden. Denn der aufmerksame Beobachter baut eine Falle ein und lässt beider Schicksale ihren Lauf…

Die erste (und namensgebende) Geschichte in dieser Sammlung verzückt durch die süffisante Erzählweise Andrea Camilleris. So viel Ehrgefühl und falschem Stolz kann man nur mit Humor begegnen. Manueli und Mariarosa sind Produkte ihrer Familien. Sie wagen sich aus dem sicheren Schneckenhaus heraus, um zu erkennen, dass die Welt da draußen auch nicht viel besser oder schlechter ist als im goldenen Käfig.

Eine ganz andere Fehde, doch mit nicht minder tragischem Ausgang tragen Cecé und Micheli aus. Sie sind Eisverkäufer, mit ganzem Herzen und voller Elan. Und vor allem sind sie Konkurrenten. Micheli ist der Neue von Cecés Ex. Und neu im Geschäft, was bekanntermaßen durch Konkurrenz belebt wird. Die beiden stacheln sich dermaßen an, dass die Staatsgewalt mehrmals eingreifen muss. Selbst ein demokratischer Wettstreit, der endgültig klären soll, wer das beste Eis produziert, endet im Gleichschritt. Da kann nur eine höhere Macht helfen. Doch das dauert …

Acht Geschichten aus seiner sizilianischen Heimat lassen Andrea Camilleri in der Vergangenheit schwelgen. Jede einzelne Geschichte ist ein Kleinod, die es wert ist in Gebetsteppiche eingewebt zu werden, damit man dem großen Sizilianer Camilleri huldigen kann. Camilleri schaut seinen Landsleuten nicht nur aufs Maul, er schaut ihnen in die Seele. Er reißt ihnen nicht das Herz sondern seziert respektvoll das Pochen der Menschen und zeigt es der verzückten Menge. „Romeo und Julia“ hat die Kraft jede Art von Trübsal durch Umblättern der Seiten hinwegzufegen.