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Väterland

Kaum vorstellbar, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der es in Argentinien kaum fanatische Fußballfans gab. Doch das war vor diesem Roman, der im Jahr 1933 in der brodelnden Metropole Buenos Aires spielt. Bernabé Ferreyra ist der Star der ganzen Liga. Steht er auf dem Spielfeld, haben Torhüter wenig zu lachen. Ein einziger Torwart hat es geschafft mal keinen Ball von ihm in die Maschen knallen zu lassen. Dafür gab`s eine Prämie und ‘nen Pokal. So war das 1933 in Buenos Aires. Bis … ja bis Bernabé Ferreyra verschwand. Einfach so. Wie schon so manches Mal zuvor. Er weiß, was er wert ist und nutzt sein Talent, um die Kasse aufzufüllen. Doch dieses Mal scheint alles anders zu sein.

Andrés Rivarola hat da so ein Gefühl. Das hat er öfter mal. Zu mehr hat er es mit seinen fast dreißig Jahren noch nicht gebracht. Sein Kumpel Gorrión ist da schon eine Stufe weiter. Als Kokaindealer hat er ein einträgliches Geschäft. Zu seinen Kunden zählen unter anderem echte Stars. Solche wie Bernabé Ferreyra. Der, der gerade die Schlagzeilen der Gazetten mit seiner Nichtpräsenz füllt. Rivarola wittert eine Geschichte, einen Zeitvertreib, vielleicht sogar den einen oder anderen Peso. Er muss nur seinem Freund, dem Dealer aus seiner misslichen Lage befreien helfen. Raquel soll ihm dabei zur Seite stehen.

Er und Raquel – ein Traum. Auch sie ist momentan nicht bei bester Verfassung. Eine Freundin ist verschwunden. Finanziell kommt María de las Mercedes Olavieta aus einer ganz anderen Liga. Viel weiter oben. Als die Befürchtungen wahr werden – María de las Mercedes Olavieta ist tot – nimmt sie liebend gern das Angebot Rivarolas an, ein bisschen für Ordnung im chaotischen Buenos Aires zu sorgen. Rivarola macht tatsächlich den flüchtigen Fußballstar ausfindig. Der brüstet sich mit seiner Macht, dass er den Clubbossen auf der Nase herumtanzen kann, wie es ihm beliebt. Denn schließlich füllt er Stadien und Kassen der Vereine. Dass er eine Beziehung mit der Tochter des reichlich suspekten Politiker Olavieta – genau der, dessen Tochter verschwunden war, getötet wurde und bald beerdigt wird – sorgt für Erstaunen im Gesicht und im Kopf des verhinderten Tangodichters Rivarola. Das ungleiche Duo – er und Raquel – geht auf Schnüffeltour durch die Szenen der Stadt. Er trifft Journalisten, die dem Fußballer in ihren Artikeln die Meinung geigen. Er sitzt mit dem Arbeitgeber Ferreyras an einem Tisch und ist angewidert von solch perfider Natur. Im Café trifft er Dichter bis Adolfo Bioy Cesares und Jose Luis Borges. Doch des Rätsels Lösung lässt noch auf sich warten. Einzig allein die Einsicht, dass sein kleines Licht viel schnell erlöschen kann als ihm lieb ist, als die vielen strahlenden Scheinwerfer derer „da Oben“, lässt ihn eine gewisse Vorsicht walten.

Martín Caparrós lässt in „Väterland“ eine Zeit wieder auferstehen, die längst vorbei zu sein schien. Fußballer, die ihren Wert als Druckmittel einsetzen, Nichtsnutze, die ihre spärlichen Fähigkeiten endlich einmal formvollendet zur Geltung bringen, eine sexy Verführerin, Straßenkampf und das Lebensgefühl einer Stadt, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird. Ein Fußballkrimireisereporttango allererster Klasse!

World of food Kalender 2021

Wenn jemand dicke Backen macht, ist er erstaunt über das Erlebte. Wer die Welt mit dem Gaumen erforscht, hat noch einen Grund mehr dicke Backen zu machen. Er isst dann baff erstaunt!

Wer reist, staunt je nach Reiseart mal mehr, mal weniger über die kulturellen Unterschiede, besonders bei der Nahrungsaufnahme, bei der Zubereitung und bei der Darstellung in den Auslagen. Ein schier unendliches Feld mit roten … ja womit eigentlich? Es ist rot. Aber was ist dieses ES? Es sind Süßigkeiten. In Vietnam. Zum Trocknen in die Sonnen gelegt, damit Kinder – große und kleine – sich später an ihnen laben können und ihnen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert wird.

Wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt, wirkt ein weiteres Kalenderblatt dieses außergewöhnlichen Kalenders. Ein Fischer auf dem Mekong in Thailand. Er wirft sein Netz in den Fluss. Das hat die Form eines riesigen Balles, fast wie ein Erdball. Ein Schnappschuss, der für Innehalten sorgt. Oder ein total überladenes Fahrzeug, das unter der Last der Paprikaschoten einzuknicken droht. Überfluss mal anders. Ganz im Gegensatz zur kontemplativen Stimmung im April. Eine Gruppe von Reisebäuerinnen zieht im Morgengrauen über eine endlos erscheinende Plantage. Das zarte Grün der terrassenförmigen Anbaufläche ist für sie nur Staffage. Für den Betrachter eine Augenweide.

Wer Essen nur als Energiegewinnung betrachtet, wird mit diesem Kalender eines Besseren belehrt werden. Diese Welt des Essens ist eine Welt voller Genüsse. Ob ein Basar, der ohne das Übermaß an Gewürzen nur eine Halle im shabby look wäre oder ein kleiner Laden, der so unscheinbar wirkt, dass man ihn glattweg übersehen könnte, dessen Angebot aber so manches Leckermäulchen ins Schwärmen geraten lässt – hier ist die Welt noch in Ordnung.

Zwölf Kalenderblätter, die intensiv unseren Hunger nähren und stillen zugleich.

Farbwelten Kalender 2021

Das Jahr 2021 wird bunt! Nicht im Vergleich, sondern besonders zu diesem Jahr. So könnte man diesen Kalender jetzt schon als hoffnungsvollen Farbschimmer für ein rotes, grünes, blaues, gelbes, violettes Jahr sehen. Erlebnisse, die an einem haften bleiben, sind mit unseren Sinnen verknüpft. Ein duftendes Mahl, ein knalliger Augenschmaus, ein wohlklingendes Geräusch. Damit verbinden wir schöne Ereignisse, eine gute Zeit.

Als optisch eingestelltes Wesen, was der Mensch nun mal ist, gehört es zum guten Ton (ein Sinn allein kann nicht existieren) ein Farbenspiel als Assoziationsmöglichkeit zu empfinden.

Rot ist eine Signalfarbe. Und so beginnt in diesem Kalender das Jahr 2021 mit eben diesem Alarm. Es sticht ins Auge, ohne Schmerzen zu verursachen. Vielmehr ist es „Hallo-Wach-Erlebnis“, dass das Jahr 2021 einläutet. Weiß und Rot, wobei das Weiß lediglich die Leinwand bildet, um dem Rot den Raum zu geben, den es verdient. In China gilt Rot als Farbe des Lebens. Ein Farbe, die Glück verheißt. Deswegen werden in China zum Neujahrsbeginn auch gern rote Dinge verschenkt. Wer Rot trägt (und zwar so eng am Körper wie möglich), dem wird ein glückliches Jahr beschieden sein. Gerade nach dem Jahr 2020 ein Hoffnungsschimmer, eine Verheißung, ein gutes Omen.

Blau beruhigt das Auge. Kalte Fließenornamente bestimmen den Fortgang des Jahres.

Nicht minder entspannt, doch schon ein wenig lebendiger zeugt der März vom aufziehenden Frühling. Ein Kirchendach, dessen Dachziegel in Gelb, Grün und Schwarz in der Sonne glänzen, lässt den Betrachter die kalte Zeit vergessen.

Vom überbordenden Farbrausch kann man 2021 nicht genug bekommen. Jedes Kalenderblatt zeigt in jeweils drei übereinander gestapelten Bildern die Pracht einer oder mehrerer Farben. Alltägliche Ansichten, die man allzu oft übersieht, weil der Weg nicht als Ziel, sondern als nötiges Übel hingenommen wird. Ein Blick nach Oben, nach Links oder Rechts, manchmal auch nach Unten, fördert so manche Überraschung ans und ins Licht. Mal verträumt, mal nachdenklich, mal melancholisch, mal Abenteuer verheißend. Diese Farbwelten sind eine eigene Welt für sich!

Auf den Spuren der Theatertante durch das Banat

Zwei Unbekannte, die man sofort ins Herz schließt, wenn man die ersten Seiten durchblättert. Zum Einen die Theatertante, die Pippitante, wie sie von ihren Neffen und Nichten – unter ihnen auch die Autorin – genannt wurde. Zum Anderen das Banat. Dieser Landstrich – der Untertitel verrät es schon – liegt in Rumänien. Teils auch in Ungarn und Serbien. Hier sind viele Deutschstämmige zu Hause. Das kommt daher, dass die Habsburger, als sie den Landstrich unter ihre Fittiche bekamen, viele Deutsche mit Land und Vieh hierher lockten. Auf den so genannten „Ulmer Schachteln“ erreichten sie die neue Heimat auf der Donau.

Katharina Joanowitsch wurde in Timoşoara geboren. Lange, sehr lange war sie nicht mehr hier, in ihrer alten Heimat, die diesen Begriff kaum noch verdient. Aber Heimatdefinition ist nicht ihr Metier, auch nicht das Thema des Buches. Ihre Tante blieb in der Ferne, im fernen Banat und war eine gefeierte Schauspielerin beim Deutschen Theater in Timoşoara. Regelmäßig führte sie Tagebuch, das nun die Autorin zum Anlass nimmt endlich einmal Timoşoara und das Banat zu besuchen. Adrian ist ihr umsichtiger und rührseliger Reiseguide. Er macht das möglich, was sonst unmöglich ist, gibt Katharina Joanowitsch die Freiheit, die sie braucht, um auf den scheinbar verschwundenen Pfaden heimisch zu werden ohne dabei heimlich über die Gartenzäune schielen zu müssen.

Es sind ganz besondere, weil persönliche Eindrücke, die die Autorin dem Leser und sich selbst anbietet. Ein Abenteuer durch und durch. Schon allein deswegen, weil sie einiges kennt, oder es zumindest vermutet es zu kennen. Immer wieder kommen Erinnerungen hoch. Selbst alte Bekannte, die die Tante kannten, werden umgehend zu Freunden, an deren Tisch man sich sinnbildlich in die alte Zeit versetzen kann.

Hier in der Ferne ein Stück Geborgenheit zu finden, gelingt nicht jedem. Der alltägliche Luxus blitzt nur vereinzelt hervor. Rumänien und das Banat sind noch weit vom „normalen Tourismusstandard“ entfernt, auf den die meisten im Urlaub nur ungern verzichten. Die Triebfeder der Tante noch einmal nahe sein zu können – sie ist mittlerweile verstorben – lässt über so manche Unwegbarkeit gütig hinwegsehen. Eine Biographie? Nein! Ein Reiseband? Nein! Dafür ein Schatz an Erinnerungen, neuen Erlebnissen und der Gewissheit, dass diese Reise nur der Anfang einer weiteren Reise sein kann. Eine Reise zu den eigenen Wurzeln, die – warum auch immer – ein wenig in Vergessenheit geraten schienen. Immer wieder verblüfft sich die Autorin selbst, wenn sie Straßenzüge wiedererkennt oder sie von Erinnerungen eingeholt wird.

Als Außenstehender ist man Teil einer faszinierenden Reise, die nur wenige machen können, und nur ganz Wenige auch wirklich unternehmen.

Spaziergänge in Bologna

Die Fette, die Gelehrte – so nennt man Bologna. Zum einen wegen der kulinarischen Spezialitäten, zum Anderen wegen der ältesten Universität Europas, die hier das Stadtbild prägt. Man kann die Stadt – mit einem Augenzwinkern – aber auch als die Missverstandene nennen. Denn, wenn man schon mal hier ist, muss man doch das Lieblingsgericht aus Kindheitstagen probieren, oder?! Spaghetti bolognese. Doch groß ist die Enttäuschung, wenn man diese Speise auf den Menükarten vergeblich sucht. Tagliatelle gibt‘s allerorten. Meist mit ragù. Ziemlich schnell wird klar, dass Spaghetti und gekochtes Rinderhack hier den viel saugfähigeren Breitbandnudeln und dem echten ragù weichen.

Ulrike Rauh kennt diese Falle und tappt gar nicht erst hinein. Vielmehr klärt sie das Missverständnis umgehend auf. Sie ist wieder einmal in ihrem Lieblingsland Italien unterwegs. Mailand, Venedig, Neapel, Triest, Ischia, Rom, Florenz, Sizilien und Verona hat sie zahlreichen Lesern mit ihren Spaziergängen schon nähergebracht. Nun also Bologna, die Stadt der Arkaden. Anfangs verdecken diese von Oben angeordneten Überbauten der Autorin und Spaziergängerin Italiens die Sicht auf die Stadt. Doch sie trotzt der Stadt doch noch ihre Schönheiten ab. Und das schafft sie, in dem sie sich nicht von Souvenirläden und allerlei anderem Touristenkram ablenken lässt, sondern ihre Augen immer in die Höhe richtet. So entgeht ihr nicht der kleinste historische Hinweis mit denen Bologna so reich beschenkt wurde.

Sie besucht Hauskonzerte, besteigt Türme, genießt es sich in dieser Stadt willkommen zu fühlen. Und das überträgt sich schlagartig auf den Leser. Bologna muss man einmal im Leben gesehen haben – es gibt keine andere Schlussfolgerung als diese, wenn man das Buch zuklappt. Es wieder zu öffnen, liegt auf der Hand, denn wenn man dann endlich Bologna besucht, sind diese Reiseimpressionen unverzichtbarer Wegbereiter und Sinnesschweifer in einem.

Alle Spaziergänge von Ulrike Rauh zeichnen sich im wahrsten Sinne des Wortes durch ein weiteres Merkmal aus: Die Autorin hält ihre Eindrücke und Erinnerungen nicht nur mit der Schreibfeder fest, sondern auch mit Farben und Pinsel. Kleine Farbtupfer, die einzelne Kapitel noch einmal farbenfroh untermalen.

Das Buch hat sogar ein happy end. Der anfänglichen Enttäuschung dem Originalrezept für Tortellini und dem klassischen ragù einfach nicht auf die Spur zu kommen, weicht die Freude darüber einen Übersetzer des Rezeptes in ihrem Begleiter Marc gefunden zu haben. Dem Leser freut‘s und das Nachkochen wird eine lukullische Einstimmung auf die eigene Reise nach Bologna.

Nordseeküste Schleswig-Holstein

Es ist ein Leichtes in schweren Zeiten, bei der Reiseplanung mal eben nicht über den Tellerrand zu blicken. So mag es manchem ergehen, der vorhatte den Sommer 2020 in bella italia oder dem quirligen Marrakesch zu verbringen oder in Stadtabenteuer von Lissabon bis Berlin einzutauchen. So wird es eben die Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Was kein „Abstieg“ bedeutet – im Gegenteil, wenn man dem Autor Dieter Katz folgt und in seinem Reiseband diese Gegend Deutschlands bis ins kleinste Detail erforscht.

Denn Weltspitze-Erlebnisse kann man auch hier erleben. Zum Beispiel die weltweit am meisten befahrene Wasserstraße. Den Nord-Ostsee-Kanal, international aus Kiel-Canal genannt. Und wer vom einem ans andere Ufer will, nutzt die vierzehn Fähren. Und die sind allesamt kostenfrei. Das wurde vor 125 Jahren – juhu ein Jubiläum – vom Kaiser persönlich so verfügt. Auch in Brunsbüttel, der geteilten Stadt am westlichen Ende bzw. dem Anfang des Wasserweges, kann man innerorts kostenlos parken. Man stelle sich dies in einer Metropole wie Rom vor…

Ob das idyllische Dithmarschen, wo Radfahrer die Szenerie mehr bestimmen als anderswo, oder das zu Dreiviertel vom Wasser umgebene Eiderstedt –keine Stadt, sondern ein Landstrich – oder die zahlreichen Inseln, die Nordseeküste ist seit sehr langer Zeit ein Anziehungspunkt für  zahllose Erholungssuchende.

Sylt ist sicherlich die bekannteste, und berüchtigste Insel. Teuer und unfassbar schön. Dennoch stehen Föhr und Pellworm ihr sicher in Nichts nach. In Sachen Ruhe und Erholung haben sie sicher einen entscheidenden Vorteil. Wie gemalt für Familien. Und fernab vom klischeehaften Schickimicki-Gehabe der Promi-Insel. Dieter Katz darf für sich in Anspruch nehmen, dass der Urlaub hier nicht erst bei der Anreise beginnt, sondern schon beim ersten Durchblättern dieses umfangreichen und informativen Reisebandes. Von Pharisäern (den originalen bis hin zum Getränke, die ja auch zusammengehören) über Weinanbau (ja, Föhr und Sylt sind nicht nur Krabbenregionen, irgendwie muss man ja auch mal die Kehle ölen bei so viel salzhaltiger Luft) bis hin zu einer Rebellensteuer weiß der Autor neben den zahlreichen Ausflugstipps – wie dem obligatorischen Wattwandern – auch so manche Anekdote zu erzählen.

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins wird dank dieses Buches einen Ansturm von wissbegierigen Besuchern erleben. Die Träume von der großen weiten Welt sind aufgeschoben, für viele sind sie aufgehoben. Und die meisten wird dieser Urlaub vielleicht der Anfang eines neuen andauernden Traumes werden.

Kilometer 123

Wahrlich kein romantischer Ort, hier am Kilometer 123. Ein Wrack liegt im Graben. Darin ein Mann. Schwer verletzt. Und doch hat die Szenerie etwas romantisches. Denn der Mann, Giulio, hat gerade eine SMS von seiner geliebten Ester bekommen. Doch er kann sie nicht mehr lesen. Er liegt im Krankenhaus, wo sich Pfleger rührend um ihn kümmern. Besonders Giacomo. Er ist ein Engel. Ein Liebesengel. Ein Liebesengel, der Nachrichten übermittelt. Nachrichten von Ester an Giulio. Nachrichten von Giulio an Ester. Giulio bezahlt ihn aber auch gut dafür. Das hat seine Gründe. Denn Giuditta, Giulios Ehefrau, darf nichts von der Affäre wissen.

Tut sie aber. Denn sie hat inzwischen das Telefonino ihres Gatten in die Hände bekommen. Und sie sinnt auf Rache! Und wie! Wer sie betrügt, muss zahlen. Und wie! Sie zeigt ihn an. Als Bauunternehmer weiß er wie man vertuscht, betrügt und so manche Regel umgeht. Die Finanzpolizei ist hocherfreut über die tatkräftige Unterstützung. Die Beweggründe sind den Ermittlern egal. Noch!

Die Anzeige bringt eine Lawine ins Rollen, die niemand aufzuhalten in der Lage ist. Ester ist verzweifelt. Sie kann ihren Giulio nicht besuchen. Nicht einmal in das gemeinsame Liebesnest kann sie sich flüchten. Denn ihr Gatte Stefano scheint sie in Verdacht zu haben, dass sie ihm nicht immer treu ist.

Einzig Maria scheint in diesen schweren Zeiten ihr beistehen zu können. Die beste Freundin, die vor einiger Zeit mit ihrem Mann Rom verließ, um in Mailand noch einmal neu anzufangen, ist momentan die glücklichste Frau der Welt. Der Neuanfang steht unter einem – oder besser: mehreren – guten Stern. Gern ist sie die gute Zuhörerin und verständnisvolle Freundin. Doch auch ihr spielt das Schicksal einen Streich. Francesco, ihr Gatte kommt bei einem Unfall ums Leben. Nun ist Ester die Freundin in der Not, die ein offenes Ohr hat.

Währenddessen laufen die Ermittlungen gegen den Bauunternehmer Giulio auf Hochtouren. Als er sich in die Schweiz absetzen will, wird er verhaftet. Kontaktaufnahme mit ihm, ist für Ester ein für allemal unmöglich. Es zerreißt ihr das Herz. Nicht zum letzten Mal! Denn Ispettore Bongioanni weiß mehr als den Turteltäubchen lieb ist. Er weiß zum Beispiel, dass Giulio nicht nur seiner Frau Giuditta, sondern auch seiner Geliebten Ester untreu war. Gianna heißt die gute Frau und sieht ihre Affäre erstaunlich nüchtern. Anders als Giuditta… Ein weiterer Unfall macht den Kilometer 123 an der Via Aurelia zu einem traurigen Ort, der seine Romantik, hat er sie je besessen, nun vollends verloren hat…

Andrea Camilleri lässt in Gesprächen, Briefen, Notizen, SMS, Mails, Telefonaten die Quadratur des Kreises auferstehen. Wer mit wem? Das Warum steht außer Frage. Motive hagelt es en masse. Möglichkeiten zum Mord, Mordversuch, gibt es zahlreich. Den Mut so etwas durchzuziehen, hat jedoch nur eine Person! Die fast schon als nüchtern zu bezeichnende Aufzeichnung der Fakten, verbunden mit der ihm eigenen Art die Spielarten der Liebe so nuancenreich darzustellen, machen „Kilometer 123“ zu einem Leseerlebnis für Liebende, Betrogene sowie für außenstehende Leser. Hier – und nur hier! – darf der Gaffer ganz er selbst sein.

Mitten im August

Alles richtig gemacht, und trotzdem gibt’s ein Donnerwetter vom Chef. Eben noch erntete Enrico Rizzi zusammen mit seinem Vater Pfirsiche, nahm den alten Cinquecento unter die Lupe und schon rauscht die Hand von Ispettore Lombardi auf den Tisch. Ein Toter auf Capri, mitten im August! Den hätte doch die Küstenpolizei mit nach Neapel nehmen können. Dann wäre hier nicht so ein Aufruhr. Und dass ihm Antonia Cirillo zur Seite stehen soll, findet Enrico auch nicht gerade prickelnd. Sie wurde hierher versetzt. Warum, weiß keiner. Sie ist die Neue, die Fremde. Das weiß sie, das spürt sie. Und Enrico? Ordnungshüter am schönsten Platz der Welt – und nun das! Ein Mord! Straßenmusiker, der oft mit seiner Freundin stand, musizierte und den vielen bemerkten, der aber niemandem auffiel.

Jack Milani – so heißt der junge Mann, der mit fünf Messerstichen am Strand von Capri tot aufgefunden wurde – stammt aus dem Piemont und hatte hier im Haus seiner Familie gewohnt. Also doch ein Fall für die Polizei auf Capri. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Für die einen war der charmante Straßenmusiker, für andere ein sturer Hund, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Er interessierte und setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein. Die Methoden, die er dabei bevorzugte, waren aber nicht immer die geeigneten Mittel. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, das war sein Elixier.

Was Enrico Rizzi und seinen Kollegen, allen voran Antonia Cirelli, Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass Jack immer mit Sofia zusammen gesehen wurde. Doch die ist wie vom Erdboden verschwunden. Auf so einer kleinen Insel dürfte es doch kein Problem sein jemanden wie Sofia ausfindig zu machen. Denn sie ist die Verdächtige Nummer Eins. Nummer Zwei ist sicher ein Mitarbeiter des Meeresbiologischen Instituts, dem Jack seine hanebüchene Idee den CO2-Ausstoß des Meeres mit einer Chemikalie zu verringern (die Folgen sind nicht absehbar) vehement vorgeschlagen hat. Es gibt aber noch weitere Verdächtige…

Luca Ventura siedelt seinen Ermittler, der gern gärtnert und auf den ersten Blick so gar nicht wie ein Polizist wirkt, auf einer paradiesischen Insel an. Die Postkartenidylle steht hier aber nicht im Vordergrund. Das wird eh schon viel zu viel von Besuchern überprüft. Es geht vielmehr darum dieses Idyll zu beschützen und weiterem Verfall vorzubeugen. Capri ist gerade in den Sommermonaten derart überfüllt, dass an Erholung kaum noch zu denken ist. Die Neue im Team verspricht für die Fortsetzungen für Überraschungen sorgen zu können. Sie hat ein kleines Geheimnis, das am Ende des Buches nur andeutungsweise zur Sprache kommt.

Nehmen Sie den Weg nach Süden

Gibt es den richtigen Zeitpunkt für das richtige Buch? Ja, Frühjahr 2020! Und das Buch nennt sich „Nehmen Sie den Weg nach Süden“! Der vergessene Kontinent, der gerade jetzt in der Krise, wenn irgendwelche Experten meinen den Kontinent als Labor für Impfstoffversuche nutzen zu müssen und die ganze Welt im Corona-Fieber zu verrecken scheint. Es gibt noch einen weiteren Anlass das Buch genau jetzt zu lesen. Es ist vierzig Jahre her, dass Schwarzafrika – ein Begriff, den übereifrige Erbsenzähler heute wohl auch nicht so gebrauchen würden – war Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Noch nie zuvor war ein ganzer Kontinent einem so großen Lesepublikum vorgestellt worden. Kurz zuvor hatte sich ein Verein gegründet, der heute als Litprom das Bindeglied zwischen den Kontinenten, zwischen Autoren und Verlagen darstellt. Deren Bestenliste ist oft hilfreicher als so manches Sprachorgan der organisierten Lesefreude.

In diesem Buch treffen Autoren aufeinander, die Afrika auf ihre besondere Weise darstellen. Ja, es geht um Kämpfe. Aber nicht nur um den Kampf an der Waffe gegen die alten und neuen Kolonialisten, sondern auch um den täglichen Kampf. Aber es geht vor allem um Lebensfreude. Das geflügelte Wort, dass „hier so viele so fröhlich sind, obwohl sie so wenig haben“, spielt hier keine Rolle. Das sagen nur die, die von außen, und vor allem von oben herab, den Kontinent so gern verklären. Schon in der ersten Geschichte von Nathacha Appanah aus Mauritius – was weiß man schon über Mauritius, außer dass von dort eine der seltensten Briefmarken kommt? – schildert das Erwachen der ersten Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens.

Mia Couto aus Mosambik hingegen zerrt die hierzulande unbekannte Vergangenheit seines Heimatlandes an die Oberfläche und gibt dem Leser einen umfassenden Einblick in seine Welt.

Alain Mabanckou aus Kongo, dem kleinen Kongo, oder Kongo-Brazzaville, Nachbarland der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaïre, lässt seinen Helden innerlich wachsen, als er elegant gekleidet den Abend verbringt. In einer Gegend, die nur wirklich individuell Reisende mit viel Mut im Herzen betreten.

Sefi Atta aus Nigeria, die mittlerweile an der Mississippi State University unterrichtet, zeigt ihr Nigeria von der fröhlichen Seite, die jedoch von allerlei Fassaden umzäunt ist.

Dieses Buch ist mehr als nur ein Appetitanreger, um Afrika literarisch zu erkunden. Die Quintessenz mehrerer Generationen erstklassiger Schreiber wird in diesem Buch auf ein Podest gehoben, das noch immer nur seitenweise wahrgenommen wird. Die Vielfalt der Themen und der unvergleichliche Schreibstil lassen diese Geschichten und Auszüge aus Romanen wie ein blühendes Feld voll duftender Phantasien erstrahlen.

Augenstern

Nichts ist mehr wie es einmal war. Damals als er in den Krieg zog, den Krieg gegen Irak. Er, Amir, auf iranischer Seite. Der Irak unter der Führung eines gewissen Saddam Hussein wird vom Westen mit Waffen unterstützt, um dem neuen Gottesstaat Iran den Garaus zu machen … was seit einem Jahrhundert immer wieder und fortwährend geschieht, aber niemals endgültig zu Erfolg führt. Die iranische Bevölkerung wurde Jahrtausende von einem Schah mit Folter und Bespitzelung unterdrückt. Jetzt hält eine Schar religiöser Führer das Land mit Folter und Bespitzelung im Schwitzkasten. Doch Amir zieht mit Begeisterung in den Kampf.

Momentan muss er nicht mehr an der Front kämpfen. Ein Arm fehlt ihm, genauso die Erinnerung an das, was einmal war. Reyhaneh ist an seiner Seite. Sie liebt ihn, doch die Zweifel an seiner Aufrichtigkeit nagen an ihr. Auf seinen Schultern – und darin liegt die Einzigartigkeit dieses Romans – leben, schreiben, lasten zwei Engel. Einer links, einer rechts. Sie notieren alles aus seinem Leben. Das haben sie auch schon vor dem Krieg getan. Ihre Niederschriften sind Amirs Gedächtnis. Doch die Engel spielen ihm immer wieder einen Streich. Da ist hinter einem dichten Schleier, der nur vage Andeutungen durchlässt diese Frau. Ein wildes Ding. Sie nimmt sich, was sie braucht. Auch von Amir. Er kann es ihr nicht geben.

Viel klarer sind dagegen die Kriegserinnerungen. Granaten, di in zerfetzten Körpern stecken und ihre Arbeit nicht verrichten, dennoch ihr Ziel erreichten. Widerwärtiger Gestank und poetische Träume lassen in Amir zwei Herzen schlagen. Nicht immer im Gleichklang.

Und zwischendrin das, was selbst Europäer immer wieder von einer fremden Welt schwärmen lässt. Die Basare des Landes. Das funkelnde Gold. Für Amir hat es eine tiefere Bedeutung. Das Gold, das so strahlend und funkelnd das Gesicht der geheimnisvollen Frau erleuchten lässt.

Shariar Mandanipur schafft eine geheimnisvolle Welt, die so real ist, dass man sich in ihr heimisch fühlt. So greifbar die Gedanken Amirs sind, so unnahbar sind im Gegenzug seine Erinnerungslücken. Man fiebert mit dem Protagonisten mit und wünscht ihm so sehr, dass seine Welt wieder in die richtigen Bahnen gelenkt wird, obwohl man weiß, dass dies mit großen Opfern verbunden ist. Liebesgeschichte vs. Kriegstrauma? Oberflächlich gesehen, ja! Doch hinter der Fassade des Bösen wartet ein Zaubergarten mit duftenden Blüten und wohlschmeckenden Früchten, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.