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Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Der Ursprung der Arten

Schulbücher und die Erinnerungen daran – da kann jeder ein Lied singen. Warum sie heute noch einmal in die Hand nehmen? Den Sinn hat man damals schon nicht verstanden. Aber es gibt Ausnahmen. Evolutionstheorie, Charles Darwin, den Ursprung der Arten – das war doch gar nicht so schlimm, damals im Bio-Unterricht. Damit konnte man etwas anfangen. Die Tiere kannte man, die Veränderungen in ihrem Wesen waren nachvollziehbar, nicht so trocken wie das stupide Auswendiglernen von lateinischen Begriffen. Doch warum sollte man sich noch einmal diesem Thema unterwerfen?

Zum Einen, weil man damals bestimmt nicht „Der Ursprung der Arten“ gelesen hat, sondern nur die Auszüge daraus in einem knallbunten Lehrbuch. Und vor allem an einer unbequemen Schulbank. Heute werden Lesesessel oder Couch bevorzugt. Oder man liest noch einmal nach wie das genau war mit den Finken fernab jedweder menschlicher Einflussnahme. Wie war das doch gleich mit der Evolution? Und der Anpassung? Ein grobes Muster hat man noch im Kopf, aber die Details …

Über einhundertachtzig Jahre ist es her, dass Charles Darwin von seiner Südseereise mit der „Beagle“ zurückkehrte. Ganz nebenbei, die erste Millionenfrage bei „Wer wird Millionär?“ handelte von diesem Schiff. Fast ein Vierteljahrhundert dauerte es bis Darwin endlich seine Erkenntnisse dieser epochalen Reise veröffentlichen konnte. Das war 1859. Und noch immer ist dieses Buch eines der wichtigsten und einflussreichsten Bücher überhaupt.

Eike Schönfeld hat es noch einmal neu übersetzt, die Sprache ist nun flüssiger und erleichtert auch Nicht-Biologen einen ungehinderten Zugang zu Darwins Erkenntnissen oder nebenbei Fachliteratur zurate ziehen zu müssen. Der Geist des Buches hat nicht darunter gelitten, die Kompetenz Darwins ist nun einem breiteren Publikum zugänglich.

Die hochwertige Gestaltung, Fadenheftung, Leineneinband mit Goldprägung im Schuber, zahlreichen Illustrationen etc. macht äußerlich schon was her. Doch der Inhalt – und danach sollte man Bücher bewerten – schlägt jeden Thriller um Längen. Es ist unbestritten, dass man dieses Buch nicht auf einmal Seite für Seite liest, um am Ende zu wissen wie die Geschichte ausgeht. Das wusste auch Darwin nicht. Denn die Evolution ist allen Unkenrufen niemals zu Ende. Aber in Kapiteln genossen, die durchaus längere Pausen dazwischen verzeihen, ist „Der Ursprung der Arten“ mindestens genauso spannend wie so mancher Krimi.

Von neuen Welten und Abenteuern – Unterwegs in Burma

Früh morgens halb Sechs in Burma. Fast schon militärisch drillend werden elementar wichtige Sicherheitsrichtlinien dem verschlafenen kleinen Mob entgegen geschmettert. Gleich geht es auf in nie erreichte Höhen. Michael Schottenberg lässt das alles über sich ergehen. Der Schauspieler und Autor hat schon einmal Asien bereist, Vietnam. Und er war fasziniert. So sehr, dass er noch einmal zurückkam, dieses Mal nach Burma.

Fast zwei Wochen ist er nun schon unterwegs. Traf Menschen, die ihn mit ihrer bedingungslosen Gastfreundschaft ein ums andere Mal begeisterten. Und nun steht er hier. Dem Schlaf noch nicht ganz entwachsen. Da steht Coen, Holländer und Herr über Täler, ein gutes Dutzend Menschen und einen Ballon.

Es soll einer der Höhepunkte werden auf einer Reise, die Michael Schottenberg in diesem Buch verewigen wird. Die Morgenstunde ist wohl gewählt, denn Thermik und Temperaturen sind ideal für den Aufstieg. Und wenn das knallbunte Farbenspiel der Sonne am Horizont erscheint, sind Drill und frühes Aufwachen wie weggeblasen.

Das ist nur ein Abenteuer in neuen Welten, das der Autor so wortgewaltig und einnehmend präsentiert. Touri-Programm ade! Michael Schottenberg reist mit der Nase im Wind. Vorbereitet sehr wohl, doch nicht gehetzt, sondern sich treiben lassend. Als Leser, dem das Wasser schon beim Klappentext im Munde zusammenlaufen wird, darf man sich getrost zurücklehnen und den Abenteuern aus zwanzigundeiner Nacht folgen.

Mit Leichtigkeit schafft Michael Schottenberg eine exakte Abbildung dessen, was er selbst gesehen, eingeatmet, gehört und gefühlt hat. Der Staub der Straßen, die Liebenswürdigkeit der Menschen, die Panoramen um ihn herum, sind keine zweidimensionalen „Ach wie hübsch“-Phrasen, sie sind real. Sie passieren genau in dem Moment, in dem man über sie liest.

Als Märchenonkel mit verschmitztem Lächeln zieht der Autor sein Publikum in seine Welt, die er gerade in Begriff zu erkunden. Vorsichtig tappt man mit ihm im Dunkeln und erfreut sich an jedem Lichtstrahl, der einem entgegen strahlt.

Kontaktscheu ist „Schotti“ gewisse nicht. Was ein Glück! Sprachbarrieren – na und! Wozu hat man ein Lächeln, Hände. Füße?! Es wird schon gut gehen. Und wahrlich. Das tut es auch. Es ist der Eintritt in eine andere Welt, in die Michael Schottenberg den Leser mitnimmt. So sind weder er noch der Leser allein in einer fremden Kultur, die so viel zu bieten hat. Mehr als nur Pagoden und Nudeln!

Es sind Bücher wie diese, die einen Urlaub erst vollkommen machen können. An den Ufern von Flüssen, in luftiger Höhe, in Lobbies, in Bars, in Restaurants nimmt man sich die Zeit ein bisschen in diesem Buch herumzublättern. Und siehe da. Es ist alles genau so wie beschrieben. Als Appetitanreger vor der Reise, als Häppchenware unterwegs, als Erinnerungsstück wieder daheim – die neuen Welten (real wie auch im Buch) werden von nun an ein Teil des Lesers sein.

Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Walter Gropius ist der Mann des Bauhaus. 2019 ist das Jahr des Bauhaus und somit auch sein Jahr. Dessau, Berlin und Weimar werden das Bauhaus und Walter Gropius feiern wie selten zuvor eine Kunstrichtung. Ursula Muscheler stellt in ihrem Buch die Frauen um den großen Künstler und Architekten. Und davon gab es mehrere.

Schon als Kind verstand es Walty, wie er von seiner Großmutter Luise genannt wurde, die Menschen um ihn herum zu beeindrucken, zu beeinflussen und in seinen Bann zu ziehen. Der sprichwörtliche silberne Löffel im Mund, golden war er dann doch nicht, erlaubte es ihm die Welt kennenzulernen und zu studieren. Allerdings war sein Handgelenk nur allzu locker, sobald diese sich einer  Geldbörse näherten. Nachschub von zuhause musste zwar flehentlich erbeten werden, doch der monetäre Fluss verebbte nicht.

Auch bei den Frauen hatte er bemerkenswertes Glück. Alma Mahler war die erste, die ihm verfiel. Noch als Frau Mahler, Gattin des berühmten und gefeierten Komponisten, wurde ihre Affäre schlussendlich doch aufgedeckt. Als Gustav Mahler schwer erkrankte – zwischenzeitlich hatte er Wind von der Affäre bekommen, ließ sich allerdings von Alma beschwichtigen – beendete Alma die Liaison. Walter Gropius wurde eingezogen und zog „bester Stimmung“ in den Krieg. 1915 wiederum flammte die Liebe wieder auf. Wieder Alma. Hochzeit und Nachwuchs waren die Folge, doch die Beziehung hielt nicht lang. Er im Krieg, sie im sich wandelnden Wien. Er mit Kameraden im Schützengraben, sie mit Oskar Kokoschka im Austausch. Als Gropius mitbekommt, dass sein Kind nicht von ihm ist, reicht er die Scheidung ein. Und kurze Zeit später steht er dem Bauhaus in Weimar vor. Das nennt man wohl Bilderbuchkarriere.

Walter Gropius war den Frauen immer zugetan, sie ihm nicht minder. Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ilse, die dann doch noch seinen Namen tragen durfte, waren für ihn die wichtigsten Begleiterinnen. Zugegeben hat er das nie. Doch die Briefe an ihn, von ihm, zeichnen ein eindeutiges Bild.

Ursula Muscheler rückt Frauen in den Vordergrund, die es gewohnt waren im Hintergrund zu agieren. Einzig Alma Mahler, Alma Werfel war es vergönnt schon zu Lebzeiten das Korsett des Schweigens durchzuschneiden. Walter Gropius und die Frauen, oder sollte es heißen Walter Gropius im Leben der Frauen? Die Frage könnte nur einer abschließend beantworten. Doch der wird den Mantel des Schweigens über sein Leben legen und ihn liegen lassen. Ursula Muscheler erhascht den einen oder anderen Blick darunter und zieht mit Eloquenz und Eleganz so manches Geheimnis darunter hervor.

Sugar Dead

Da sitzen sie nun im Beisl und diskutieren über die Sachen, die sie umtreiben. Oberst Karl Tannhacker vom LKA Wien, Abteilung Gewaltverbrechen und der Grafiker Jonny Graberth. Eine dieser Sachen ist der Mord an Edwin Kohut-Bäumler. Der hatte im Sechsten Bezirk, Mariahilf, für seine, tja, wie soll man sie nun bezeichnen? Gespielin? Seine Affäre?, eine Wohnung freigehalten. Nun ist er tot. Erschossen. Mitten ins Herz.

Auch Alfons Wyskidensky schied relativ schmerzlos aus dem Leben. Der Bauunternehmer war wie Kohut-Bäumler gern im „Sugar Dad“ anzutreffen. Hier war das schummrige Begegnungszentrum von jungen Damen und älteren Herren. Alles kann, nichts muss! So verkaufte es der Besitzer.

Der Tod von Hans-Werner Strohmer bringt allerdings noch mehr diffuses Licht in diesen undurchsichtigen Fall. Denn er konnte sich das „Sugar Dad“ bzw. das Personal gar nicht leisten. Ihm gehörten keine Immobilien, er baute auch keine. Er war pensionierter Bahnbeamter. Drei Morde. Dreimal das Wort „Kinderficker“ mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel geschrieben. Man müsste irgendwie an die Person rankommen, die diese drei Herren miteinander verbindet. Aber wie?

Neunzehn Jahre zuvor: Dem Ehepaar Scherwath wird eine Tochter geboren, Auxiliadora, die Helferin der Christen, soll sie nach dem Willen ihres Vaters heißen. Das Kind wächst heran. Sie ist höflich, zuvorkommend, fleißig, eloquent. Schon im Teenageralter ist sie jedoch zu höflich und zu zuvorkommend… Eigenschaften, die ihr immer wieder Probleme einbringen werden. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht! Bis zu dem Moment, in dem ihr das Blaulicht das Gesicht erhellt. Tannhackers Vorgesetzten bleibt nur eine Wahl, das junge Ding mit dem vielsagenden Namen festzusetzen und anzuklagen. Doch Tannhacker und vor allem Graberth kommen gehörige Zweifel auf…

Alexander Kautz spielt keine Spielchen mit seinen Ermittlern. Sie wittern heiße Spuren, wischen falsche Fährten mit einem Handstreich vom Tisch und verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand. Klischees haben in diesem dichten Krimi keinen Platz. Der Amateur Graberth ist keine lästige Fliege, die vom Profi Tannhacker immer wieder genervt von der Backe verjagt werden muss. Er ist Ideengeber und darf sogar auf eigene Faust ermitteln. Dabei hat er selbst genug zu tun. Labradormischling Foster fordert liebevoll Zuneigung ein. Seine Freundin Jessy fordert mehr gemeinsame Zeit ein. Und der Job erledigt sich auch nicht von allein.

„Sugar Dead“ führt den Leser durch ein Wien, das von Gewaltverbrechen durchdrungen ist, dessen Leben aber nicht dadurch allein bestimmt wird. Empathie und Wortwitz – abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion Schmäh – bauen sich vor dem Leser auf und lassen ihn herzhaft miträtseln, wer denn da im Hintergrund die Fäden und am Abzug zieht.

Atlas der verlorenen Städte

Es gibt Orte, die gibt es gar nicht (mehr). Und es gibt Orte, die darf es eigentlich gar nicht geben. Und es gibt Leute, die behaupten beispielsweise sich in Centralia, Pennsylvania erkältet zu haben, weil dort permanent niedrige Temperaturen herrschen. Glauben Sie letzteren niemals. Denn Centralia ist ein ziemlich warmer Ort. Hier brennt die Erde seit über einem halben Jahrhundert. Zu Ehren des Memorial Days wurde ein Feuer entzündet. Dumm nur, dass dicht unter der Erdoberfläche der Reichtum der Stadt lag: Kohlevorkommen. Und das Feuer züngelte nun nicht nur gen Himmel, sondern auch gen Hölle. Selbige brach alsbald auch aus. Der Boden hob sich und als er sich Jahre später auftat, beschloss man den Ort zu evakuieren. Ein paar Widerständler leben tatsächlich noch in Centralia. Doch selbst die Post kann hier – offiziell – kaum noch etwas zustellen. Dem Ort fehlt schlichtweg die Postleitzahl. Centralia ist ein Ort, den also gar nicht mehr geben dürfte.

Karthago hatte ein ähnliches Schicksal. Heute ist von der einstigen Perle am Mittelmeer nicht mehr viel übrig. Die Hauptstadt Tunis verdeckt den Blick und hat sich Teile Karthagos einverleibt. Oder Kolmanskop in Namibia. Als hier Diamanten entdeckt wurden, brach ein unerwarteter Boom los. Der verebbte als in der Umgebung weitere Diamantenfunde auftraten. Kolmanskop versandete im Spiegel der Geschichte. Heute ist es eine Touristenattraktion, die teuer erkauft werden muss und dem Besucher nicht viel mehr als Requisiten bietet.

Aude de Tocquevilles „Atlas der verlorenen Städte“ ist ein Ausflug in längst vergangene Tage, an Orte, die dem Begriff Ödnis frisches Blut liefern oder einfach nur die Phantasie beflügeln. Alle Städte haben einmal existiert. Ihre Bewohner konnten sich glücklich schätzen sich als Einwohner bezeichnen zu dürfen. Doch der Zahn der Zeit, Katastrophen, Plagen etc. machten sie zu Legenden. Afrika, Amerika, Europa, Asien – jeder Kontinent ist durch die gemeinsamen Schicksale seiner Städte miteinander verbunden. Das mystische Babylon ist, das gigantische Prora, das verschlafene Balestrino – Orte des Handels, der Protzerei und der Angst. Verlassen wegen Krieg, wegen des Images oder aus Vorsicht. Jedes einzelne Kapitel, jeder einzelne Ort füllt die Geschichtsbücher dieser Welt mit Legenden und Erzählungen. Manche sind wahr, viele überzogen. Wer heute noch echte Abenteuer erleben will, beginnt seine Reise am besten auf Seite Eins dieses Buches!

Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…

Alberts Verlust

Ein zarter Film überzog die Straße, machte sie glänzend, rutschig. Und gefährlich. Wie in einem Film nimmt Albert noch einmal alles um ihn herum wahr. Der Wagen ist Schrott, genauso wie sein Leben. Nichts mehr da! Alles weg. Durch Schläuche mit dem Leben verbunden, harrt er im Krankenbett der Dinge, die noch kommen.

Gerda, seine Frau versteht die Welt nicht mehr. So hat sie ihren Albert noch nie gesehen. Sie berührt ihn, streichelt ihn, entdeckt nach all den Jahren sogar Neues an ihm. Es ist wie eine Analogie für das, was auf Albert und Gerda noch zukommen wird. Denn Albert und Gerda müssen erst wieder zueinanderfinden. Alberts Gedächtnis reicht nur noch wenige Stunden zurück. Gerda erkennt er nicht. Momentan, kurz nach dem Aufwachen hat er ein drängenderes Problem. Weiter unten, so ziemlich in der Mitte seines Körpers…

Dr. Beck sieht den Patienten Albert mit nüchternem Blick. Dass das Gedächtnis nach so einem schweren Unfall nicht mehr richtig funktioniert, ist nichts Besonderes. Gerda gefriert bei solch faktenorientierter Beschreibung das Blut in den Adern. Albert ist doch ihr Mann! Er gehört zu ihr! Sie und Albert, das ist doch eine Einheit! Albert bekommt alles um ihn herum mit. Doch die Frau an seinem Bett ist ihm fremd. Der Mann neben seinem Bett wohl ein Arzt. Albert ist der personifizierte Y2K. Zur Jahrtausendwende 1999 / 2000 befürchtete man ja auch einen weltweiten Absturz aller Computersysteme durch die Umstellung der ersten Ziffer der Jahreszahl von Eins auf Zwei. Der blieb aus. Albert muss nun mit den persönlichen Umständen seines Milleniumbugs umzugehen lernen.

Dr. Beck sieht in Albert eine Chance für einen wissenschaftlichen Erfolg. Gerda sieht in Albert eine Chance ein neues „Albert und Gerda“ zu schaffen. Und Albert? Der will einfach nur wieder Albert sein…

Das Gezerre um Alberts Gedächtnis wird von Urs Zürcher wie ein zartes Pflänzchen dargelegt. Ruhig und mit breiter Wortvielfalt begegnet er Albert auf Augenhöhe. Kein Vorwurf, keine Anklage, nur der Mensch als Opfer seiner Erinnerungen. Doch ist man denn ein Opfer, wenn die Erinnerungen gelöscht sind? Kann man noch einmal neu beginnen, ein neues Leben der Vergangenheit führen? So leise die Töne in diesem Buch, so ungeduldig liest man Seite für Seite in diesem Buch.

Ein Gardaseebuch

Wer an den Gardasee fährt, bucht das Komplettpaket: Sonne, Pasta, Glücklichsein. Ein Klischee? Sommer am Gardasee – das ist kein Klischee, das ist Realität. Monika Kellermann verführt in ihrem Gardaseebuch den Leser es selbst zu erleben, so wie sie einst selbst vom See und seiner Umgebung verführt wurde. Mittlerweile lebt sie dort.

Geheimtipps – und das ist wohl das einzige, was der Region um den Gardasee fehlt – gibt es kaum noch. Es ist die Fülle an Attraktionen, die die Auswahl, was man besuchen möchte, so schwer machen kann. Zum Beispiel Borghetto, ein Ortsteil von Valeggio sul Mincio. Zu Füßen einer Burgruine kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die gewaltige Ponte Visconteo, ursprünglich mal gedacht dem nahen Mantua das Wasser des Mincio abzugraben, thront wie eine Trutzburg über dem Tal. Zu Füßen plätschert der Fluss und wenn man den Blick schweifen lässt, erscheint auf einem Berg das Castello Scaligero. Ab und an kommen ein paar Autos vorbeigefahren. Doch keiner überquert die Brücke. Alle, halten an, steigen aus und genießen die Aussicht. Am Fluss beschauliche kleine Häuschen, Freisitze, und eine unbändige Flora.

Ein bisschen weiter, im Hauptort Valeggio, fesselt einen die Liebe. Und die geht bekanntlich durch den Magen. Nodi d’Amore heißt das Phänomen, das so genüsslich den Traum von Italien wahr werden lässt. Konten der Liebe, Liebesknoten, oder ganz einfach: Tortellini. Hier stellt sich nicht die Frage: Wer hat‘s erfunden? Hier genießt man die vielfältigen Variationen! Es sei denn es ist Mittagszeit Ende Juli mitten in der Woche. Da haben viele Lokale geschlossen. Nur ein, vielleicht zwei lukullische Tempel haben ihre Pforten geöffnet. Allerdings sollte man nicht auf seinem Geldbeutel sitzen. Die volle Pracht dieser Liebesknoten bekommt am dritten Dienstag im Juni. Da wird hier ein Riesenfest gefeiert, das am späten Abend mit einem Feuerwerk gebührend beendet wird. Keine Touristenattraktion, ein Dorffest der edelsten Sorte.

Das ist nur eine kurze Geschichte, einhundert weitere hat Monika Kellermann in diesem Buch zusammengefasst. Es gibt Bücher, die ganz fest mit einem Ort verbunden sind. Tom Sawyer an den Ufern des Mississippi zu lesen, die Brunetti-Romane an den Kanälen Venedigs oder Andrea Camilleri im Süden Siziliens – ein ganz besonderer Hauch umweht Leser und Buch. Dieses Buch am Gardasee zu lesen … besser geht es kaum. Doch schon als amuse gueule entfaltet es eine Faszination, die dem Leser nur noch eine Wahl lässt: Auf zum Gardasee!

Die Rache

Da sitzt er nun der arme Tropf. Iwata betrinkt sich hoffnungslos. Sein Vater wurde ermordet. Wie sinnlos! Vor allem, wenn man bedenkt, wie er ums Leben kam – durch das Schwert. Und warum? Weil er, der Koch, einem Schwertmeister, dem Meister aller Meister, heimtückisch überfallen hat, um Miyamoto Musashi, dem Samurai, auf die Probe zu stellen. Keine gute Idee, kein gutes Ende.

Das Trinkgelage bleibt nicht unentdeckt. Die Familie verstößt den zweiten Sohn des Kochs. Er sei nicht mehr wert als ein Bettler. Ein Bettler, denkt sich Suzuki Iwata, so sein vollständiger Name, keine schlechte Idee. Dann werde ich eben Bettler. Was auf den ersten Blick wie die Reaktion eines trotzigen Kindes wirkt, verwandelt sich bald schon in eine ernste Sache. Denn Bettlern, gerade, wenn sie in Sichtweite eines herrschaftlichen Hauses ihrer erbärmliche Hütte aufgeschlagen haben, wohnt der Geschmack der Rache bei. Und so kommen nicht nur Schaulustige an der Helmhütte von Iwata vorbei, sondern auch viele, die ihm wirklich helfen wollen. Ihre Beweggründe liegen im Dunkeln. Doch Iwata stört das nicht. Vielmehr ist er verwundert. Verwundert über die reichen Gaben, die ihm in schöner Regelmäßigkeit dargeboten werden. Bald schon hat er einen beträchtlichen Schatz angehäuft. Ausgaben hat er ja so gut wie keine…

Doch die Sonnenseite des Bettlerdaseins hat auch Schattenseiten. In Iwatas Kopf hämmert es gewaltig. Was, wenn Miyamoto Musashi Wind von der Hütte, dem Bettler und den Gerüchten bekommt? Was, wenn Miyamoto Musashi der vermeintlichen Rache zuvorkommen will? Upps, der Plan hat aber einige Fehler! Und schon steht der stolze Samurai eines Tages vor der Hütte…

„Die Rache“ spielt im Jahr 1645 in Japan. Samurai sind die Herren über Land und Leute. Der oft falsch verstandene Standesdünkel Japans wird in dieser Geschichte mit der Kehrseite der Medaille konfrontiert. Denn auch in Japan galten und gelten die Gesetze der Physik: Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Das wusste schon Isaac Newton (-San). Die Parallelen zur Gegenwart ist nur allzu offensichtlich, wenn man sich jede der hochwertig gestalteten Seiten durchliest. Die eigene Meinung, die ganz persönlichen Beweggründe etwas zu tun, stehen niemals ganz allein im Raum. Sobald man zum Anschauungsobjekt wird, entsteht zwangsläufig eine zweite, dritte … Meinung. Und die kann, je nach Lautstärke das eigene Tun derart in den Hintergrund rücken, dass man sich sofort in der Defensive befindet und man sich ganz schwer wieder an die Spitze kämpfen kann.