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Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Wachtmeister Studer – Erwin Schlumpf Mord

Der Kaufmann Witschi ist ermordet worden. Und dreihundert Franken hat man ihm gestohlen. Verdächtig ist Erwin Schlumpf. Einer zu dem das Verbrechen passt. Gelegenheitsarbeiten wechselten sich mit Gefängnisaufenthalten ab. Und außerdem hat er kurz nach dem Mord im „Bären“ einhundert Franken gewechselt. In seiner Tasche befanden sich noch mehr als 280 Franken. Klar, dass er es war. Außerdem war mit Sonja liiert. Die ist die Tochter des Opfers. Alles sonnenklar: Der war’s!

Nur einer zweifelt. Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei Bern. Der gemütliche Bulle mit dem analysierenden Stigma hat ihn als Erster vernommen. Irgendwie scheinen die Ausführungen des Delinquenten plausibel. Die Handlungen Schlumpfs nicht. Als er befragt werden soll, haut er ab. Spricht nicht gerade für jemanden, der unschuldig ist. Nun liegt er da, schnappt nach Luft – nach einem Selbstmordversuch nicht Ungewöhnliches. Studer hält ihm Händchen, versucht Informationen aus ihm herauszubekommen.

Den Untersuchungsrichter hat Studer schon fast auf seine Seite gezogen. Der ist mittlerweile auch nicht mehr hundertprozentig von Schlumpfs Schuld überzeugt. Witschi lag kopfüber im Dreck. Auf den Tatortfotos sieht man keinen einzigen Krümel auf dem Rücken des Opfers. Seine Taschen waren leer. Da stimmt was nicht! Und warum sollte der Täter, also Erwin Schlumpf, das Opfer, Witschi, anhalten, in den Wald scheuchen, ausrauben und ihn dann hinterrücks erschießen?

Als dann auch noch Cottereau vermisst wird, kommt Schwung in den Fall. Cottereau war es, der den Toten entdeckt hat. Studer bekommt Hilfe, von Kommissar Zufall. Er entdeckt Cottereau. Doch der hält lieber sein Maul als dem Fahnder zu helfen. Auch das Verhalten Sonjas kommt Studer komisch vor…

Studer ist einer, der sich einmischt. Einer, der sich nichts vormachen lässt und einer, der sich nur einer Sache verpflichtet fühlt: Der Gerechtigkeit. Wer ihm nichts sagen will, ist zwar nicht automatisch verdächtig, doch bekommt er eine Sonderbehandlung. Diskret versteht sich. Studer ist ein Meister der Beobachtung. Die Lebenserfahrung hilft ihm die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Friedrich Glauser führte selbst ein unstetes Leben, arbeitete in vielen Berufen an verschiedenen Orten, war morphiumsüchtig. Seinem Kommissar Studer kommen diese Erfahrungen zugute. Der Leser wird augenblicklich zum Komplizen des Ermittlers und rätselt Kapitel für Kapitel mit dem träge wirkenden Studer, um letztendlich durch Beharrlichkeit und Kombinationsgabe den wahren Täter zu ermitteln.

Wachtmeister Studer- Matto regiert

Borstli und Pieterlen sind fort. Was wie aus einem Kinderreim klingt, ist besorgniserregend. An diesem Wort – „besorgniserregend“ – hätte Jakob Studer seine Freude. Zu nachtschlafender wird er mit dieser – besorgniserregenden – Situation aus Morpheus Armen gerissen. Dr. Laduner wird ihm Näheres erklären. Laduner, Laduner, den Namen kennt er. Doch der Treibsand in seinen Augen lässt noch keine Schlüsse zu.

Borstli ist der Direktor der Nervenheilanstalt in Randingen, Pieterlen Kindsmörder. Beide sind nicht mehr da, wo man sie vermutet. Während Wachtmeister Studer sich die Fakten berichten lässt, dämmert es ihm. Laduner – klar, der war doch damals in Wien dabei als Studer das Bauernopfer spielen musste und strafversetzt wurde. Dass das mehr als nur eine Randnotiz ist, wird einige Seiten später klar als Studer in der Anstalt auf Caplaun trifft. Dessen Vater, der Oberst, war damals, in Wien, auch mit von der Partie. Na, das kann ja heiter werden.

Das Büro des Direktors, Borstli, ist verwüstet. Das Mobiliar liegt verstreut, Fensterscheiben sind zerbrochen, Blut auf dem Boden. Beim Rundgang durch die Anstalt lernt Studer schnell, dass hier nur mit Zucht und Ordnung ein geregelter Tagesablauf möglich. Die Ärzte sind die Könige, die Insassen bedauernswertes Volk. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen hier, Kriminelle und Kriegsversehrte. Das dem Borstli was zugestoßen ist, freut den Einen mehr als den Anderen. Kurz bevor Studer die Leiche des Direktors entdeckt, hört er das erste Mal von einem Geist, der in der Anstalt wohnt. Studer – ganz in seinem Element – nimmt es zur Kenntnis, tut es allerdings nicht ganz als Spinnerei eines Insassen ab. Gut so, Studer!

Bei seinen Rundgängen und Ermittlungen taucht Studer immer tiefer in die „heiligen Hallen“ der Anstalt ein, er fährt wie mit psychisch Kranken heutzutage verfahren wird. Neue Behandlungsmethoden versprechen Linderung, doch haben die auch Nebenwirkungen. Auch die Vergangenheit ruht nicht …

Matto, der Geist, der alle Formen annehmen und Unheil verbreiten kann, ist allgegenwärtig und allmächtig. Studer ermittelt nicht mehr nur in einem Mordfall und sucht nicht mehr nur einen Flüchtigen, einen Geisteskranken. Er taucht ab in bis für ihn bis dahin unbekannte Welten.

Wachtmeister Studer – Die Fieberkurve

Da man diesen Titel im Buchhandel niemals unter Sachbüchern finden wird, und bei Friedrich Glauser die Krimi-Glocken schellen, kann der geneigte Leser sich auf eine rasante Mörderjagd gefasst machen. Der Mörder wird in die Enge getrieben, Schweiß tritt auf die Stirn – jetzt bloß keinen Fehler machen. Das Adrenalin wird brockenweise in die Adern gepumpt – ruhig Blut. Das wird schon. Dem Jäger geht es ähnlich. Auch bei ihm pumpt das Herz wie verrückt. Wann macht der Mistkerl endlich einen Fehler? Ich rieche ihn schon.

Jakob Studer ist kein Heißsporn. Er wittert den Ganoven. Und wenn er sich festbeißt, dann geifert und sabbert er nicht. Vielmehr ist Wachtmeister Studer ein analytischer Geist. Die Fakten werden ihn schon auf die richtige Spur bringen. Und der Leser erfährt dieses Mal sogar etwas Persönliches. Wachtmeister Studer wird befördert. Vom unermüdlichen Ermittler zum liebevollen Opa. Studers Tochter ist Mama geworden. Viel Gefühlsregung verursacht das bei ihm aber nicht.

Denn Studer hat einen kniffligen Fall zu lösen. Im fernen Marokko wurde einst ein Mann ermordet. In Basel eine Frau. Und nun auch in Bern. Und die drei Fälle haben alle was miteinander zu tun. Friedrich Glauser diente auch einmal in Marokko, in der Fremdenlegion. Drei Jahre lang. Eine nachhaltige Zeit, wenn man den detaillierten Beschreibungen trauen darf.

Der Tote aus Marokko hat ein doppeltes Spiel gespielt. Was ihm seine Auftraggeber übel nahmen. Und die beiden Damen standen in engem Kontakt zu ihm. Wenn an dieser Stelle zu viel verraten wird, ist die Spannung weg. „Die Fieberkurve“ ist einer der spannendsten Krimi aus der Feder von Friedrich Glauser. Denn nur wer sich auf das Wesentliche besinnt, kommt der Lösung auf die Schliche. Eine Fieberkurve ist nicht nur die dramaturgische Zuspitzung einer – misslichen – Lage. Es ist auch eine grafische Abbildung eines Krankheitsbildes. Aus einer Fieberkurve kann eine Diagnose und demzufolge auch eine Prognose abgegeben werden. Wenn Diagnose und Fieberkurve nicht übereinstimmen, muss eines von beiden falsch sein…

Wachtmeister Studer – Der Chinese

Selbstmord? Wachtmeister Jakob Studer glaubt nicht, dass der Chinese sich selbst gerichtet hat. Herzschuss. So viel steht fest. Aber wie um alles in der Welt soll der Tot sich dann noch das Hemd wieder feinsäuberlich zugeknöpft haben? Anna Hungerlott hat es auch dahingerafft. Darmgrippe. Naja, passiert. Doch in ihrem Taschentuch finden sich Spuren von Arsen. Anna war die Frau vom Hausvater der Armenanstalt in Pfründisberg, zu der zwei Bauernhöfe und eine Gartenbauschule gehören. Zufall? Mord? Gibt es gar einen Zusammenhang zwischen den beiden … Unglücksfällen?

Studer kennt den Chinesen, Farny heißt … hieß er. Hatte ihn schon mal getroffen. War viel rumgekommen. Kanada, Japan, Amerika. Und jetzt Pfründisberg. Damals, als Studer seine Bekanntschaft machte, der Chinese ihn „Bruder-Studer“ nannte, was Studer gar nicht gefiel, juxte der Chinese, dass man Studer wohl einmal bitten würde seinen Tod zu untersuchen. Nun wird aus dem Lacher bitterer Ernst. Zumal, wenn man bedenkt, dass Jakob Farny, der Chinese, einen Zeitraum von drei Monaten angegeben hat, in dem er wohl das Zeitliche segnen wird. Um einen Monat zu seinen Gunsten verrechnet, denkt sich Studer.

Bei den ersten Ermittlungen lernt Studer den Neffen des Chinesen kennen, Ludwig Farny. Der führte ein Leben, das auch nicht gerade von einer behüteten Kindheit überschattet war. Weggegeben, Verdingbub, Prügel. Der Onkel hatte ihn zu sich geholt, weil er der Meinung war, dass bald etwas Schlimmes passiere. Wie recht er doch hatte!

Alle Beteiligten scheinen was zu verbergen. Was wohl auch daran liegt, dass der Begriff der Vetternwirtschaft hier seinen Ursprung zu haben scheint. Jeder ist über weniger oder mehrere Ecken mit dem Anderen verbandelt. Ein Dickicht aus Abhängigkeiten verübelt Studer so manches Mal die Lösung der beiden Fälle. Der beiden Fälle? Es soll nicht bei den beiden bedauernswerten Opfern bleiben…

Friedrich Glauser gibt seinem Wachtmeister Studer eine echte Kopfnuss. Hin und Her gerissen von stückchenweise hingeworfenen Wissenshappen, der Gedanken an das eigene Scheitern – und einer möglichen persönlichen Befriedigung selbiger – und dem Drang den oder die Täter zu finden, ist Studer letztendlich ganz allein auf sich gestellt. Am Anfang des Buches wird Agatha Christie erwähnt, deren Hauptfigur Hercule Poirot am Ende des Buches von Studer fast schon Besitz ergreift.

Wachtmeister Studer – Die Speiche

Jede Medaille hat zwei Seiten. Wachtmeister Studers Tochter hat geheiratet, welche Seite der Medaille das nun ist, weiß Studer noch nicht. Auf alle Fälle hat Studer jetzt einen Schwiegersohn, den Albert. Auch hier ist ihm auch noch nicht recht klar, zu welcher Seite der Medaille der Albert gehört. Der ist nämlich bei der Kantonspolizei. Beim Fest gibt es – und das ist zweifelsohne die schlechte Seite der Medaille – eine Leiche. Stieger liegt erstochen im Garten. Mit einer Velospeiche. Auch die hat zwei Seiten: Eine stumpfe und eine angespitzte. Senkrecht in den Körper gerammt. Erst beim Abtasten des Rückens fällt Studer das Mordwerkzeug auf. E fehlt jedoch das Zusatzteil, mit dem die Speiche in den Körper getrieben wurde. Tja, die Feierstimmung ist wohl dahin.

Die Brissago im Mund, sich den Kopf kratzend schnaubt Studer seinem letzten Fall entgegen. Der örtliche Fahrradhändler (von Glauser so herrlich für uns altmodisch Velohändler genannt) ist einer der Hauptverdächtigen. Motiv: Eifersucht. Stieger und Graf waren in die gleiche Frau verknallt. Fräulein Loppacher. Es gibt halt immer zwei Seiten.

Die Loppacher arbeitet bei einer Privatdetektei, die Stieger und Krock gehört. Sie war vor Kurzem erst vom Graf zum Stieger „gewechselt“. Nun ist einer der Detektive tot. Bald schon auch der Zweite. Krock fällt mit Schaum vorm Mund vom Hocker als er gerade am Klavier saß. Dr. Salvisberg kann nur noch den Tod durch Vergiftung feststellen.

Nach und nach wird Studer klar, dass Graf nicht der Mörder von Stieger sein kann, und auch, dass es doch keiner besonderen Kraftanstrengung benötige, um die angespitzte Speiche in einen Körper zu jagen. Vielmehr interessiert den Ermittler warum der zweite Tote, Krock, an den Polizeipräsidenten in Mannheim einen Brief geschrieben hat. Von der Stadt, in der der Hotelbesitzer, und jetzige Ehemann von Anni, einer Schulfreundin von Studer, und jetziger Gastgeberin, sein Vermögen gemacht hatte. Viele Fragen, viele Seiten, zwei Morde.

Und dann gerät auch noch die Anni ins Fadenkreuz seiner Ermittlungen. Denn der ermordete Stieger hatte zweitausend Franken für sie dabei bevor das Zeitliche segnen musste. Doch Habgier?

Das so fröhliche Ereignis – die Hochzeit der eigenen Tochter – und dann so ein verzwickter Fall – Studer schlittert fast in seine eigene Ermordung. Für die Schönheit der Umgebung hat Jakob Studer keine Zeit. Der Berner trifft im Appenzeller Land auf seine eigene Vergangenheit, muss sich mit der Situation abfinden, dass er fernab von zuhause ein Fest feiern muss, und wird schlussendlich wieder in seinen alten Trott zurückgeworfen. Jede Medaille hat halt immer zwei Seiten …

Was macht Sie glücklich?

Einfache Frage – aber verdammt schwere Antwort. Schon seit Jahrtausenden suchen die großen Denker ihrer Zeit nach der universellen Antwort auf die Frage nach dem Glück. In letzter Zeit leider auch immer mehr Pseudoforscher. Aber von denen kommt hier keiner zu Wort. Es sind Menschen, die – wenn man reist, viel reist, weit reist, lange reist – treffen kann. Sie sind echt! Genauso wie ihre Vorstellung vom Glück.

Für den elfjährigen Damian aus Buenos Aires ist es ganz einfach: Fußball, Videospiele, Fernsehen. Und ein Geld verdienen. Mit seiner Fertigkeit die Bälle geschickt im Spiel aneinander zu reihen, verdient er für sich und seine Familie, immerhin hat er noch sechs Geschwister, einen kleinen Beitrag zum Leben dazu.

Ein grimmiges Gesicht erwartet den Leser nur ein paar Seiten weiter. Pape aus Senegal ist Schaukämpfer. Und genauso kämpferisch ist seine Antwort: Erfolg. Nichts ist einfach im Leben, das hat er schon früh lernen müssen. Selima aus Ägypten ist in Eile, Gold kann sie dem Autor noch als Antwort zuwerfen. Die Eile kommt nicht von ungefähr. Selima ist Beduine. Und mit Fremden reden, könnte gefährlich werden. Für beide Seiten…

Und weiter geht die wilde Fahrt über den Globus. Monica aus Angola betrachtet ihre Freunde als das größte Glück. Swamit Dandi Gowind aus Nepal empfindet es als Glück so netten Besuch empfangen zu können. In Kamerun fühlt sich Ngodi August nur glücklich, wenn er in Gesellschaft anderer ist. Ruth aus Vanuatu, also rund siebzehntausend Kilometer entfernt, sieht das ähnlich. Sie lebt in einem ruhigen Dorf, fest in der Gemeinschaft verankert.

Daniel R. Gygax gehört nicht nur zu den glücklichsten Menschen der Welt, sondern zu den reichsten. Mit Warren Buffetts oder Bill Gates‘ Konto kann er nicht konkurrieren, aber sein Glücksfaktor ist um einiges höher. Er trifft Menschen, überall auf der Welt. Erzählt von sich (und seinen Buchprojekten) und stellt immer nur eine Frage. Und so kommt ein universelles Buch wie „Was macht sie glücklich?“ auf den Leser zu, dass so unscheinbar und schillernd zugleich fasziniert. Die Gesichter der Welt vereint im Ringen nach der einen Antwort. Eines steht fest: Wer Freunde hat, dem fällt es leichter dem Drang nach materiellen Werten zu streben zu entsagen. Und das gilt überall auf der Welt. Von New York bis Rio, von Nairobi bis Caracas.

Was ist Ihr größter Traum?

Wenn man Daniel R. Gygax nach seinem größten Traum fragt, wird er bestimmt sagen, dass er ihn gerade lebt. Um die Welt reisen, Hinterlassenschaften von Generationen, Epochen, großen Reichen betrachten, begeisterte Menschen treffen. Und ihnen eine Frage stellen: „Was ist Ihr größter Traum?“ Und dann daraus ein Buch machen. Gleich der Erste, Tony, hat es geschafft – er lebt seinen Traum. Und man liest, dass Tony auf den Cook Islands lebt. Da muss mancher erstmal den Globus hervorkramen. Cook Islands? Wo haben die sich denn versteckt? Ostnordöstlich von Australien und nordnordöstlich von Neuseeland, Tonys Heimat. Als Leser, neugieriger Weltenbummler, Kulturhungriger denkt man sich, dass man hier sicher seine Träume leben kann. Tony hat das getan. Er „floh“ von Neuseeland, vor der Zivilisation, um hier ein ungestörtes, doch hartes Leben mit den Einheimischen zu führen.

Lan aus Vietnam formuliert ihre Antwort rationaler. Ihren Kindern soll es einmal gut gehen, damit sie im Alter für sie sorgen können. Thayana aus Brasilien ist neugierig für eine Teenagerin. Sie ist ja auch eine. Die Welt bereisen, Schauspielerin werden, das ist ihr Traum. Ein Haus, noch drei Kinder und ein Leben in einer modernen Gesellschaft, davon träumt Namunyak aus Kenia. Sie hat schon fünf Kinder und lebt somit schon einen Teil ihres Traumes. Ihr Gegenüber steht Karen. Sie lebt schon in einer modernen Gesellschaft, in New York. Auch sie, die alles zu haben scheint wovon zumindest Namunyak träumt, ist bei Weitem noch nicht am Ziel ihrer Träume. Sie will eine große Familie gründen. Und kurzfristig ihr Examen beenden. Bodybuilder Big Bill aus Santa Monica will in Frieden leben.

Doch es sind nicht nur die ewig strahlenden Gesichter, die Daniel R. Gygax in seinem Buch abbildet. Die Welt ist zwar rund, hat jedoch zwei Seiten, wie eine Medaille. Jean aus Kamerun gibt sich keinen Illusionen hin. Träume hat er keine mehr, schon lange nicht. Immer wieder wird er gezwungen seinen angestammten Siedlungsplatz, seine Heimat im Wald zu verlassen. Wut steigt in ihm auf, wenn er das Wort Träume hört.

„Was ist ihr größter Traum?“ zeigt, dass die Menschen der Welt doch nicht so verschieden sind. Solange sie träumen, sind sie am Leben. Und solange sie leben, gehen ihre Träume nicht unter.

Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller … Freunde. Daniel R. Gygax ist schon mehrmals um die ganze Welt gereist. Ob die Taschen dabei voller Geld waren, ist unerheblich. Denn er war immer voller Neugier, voller Tatendrang, manchmal ein wenig verunsichert, fast immer überrascht. Denn Daniel R. Gygax reiste (und reist immer noch) mit einem Spezialauftrag im Gepäck: Er will wissen, was die Menschen bewegt. Und dabei ist er sehr effizient. Nur eine Frage – mehr nicht. Und die lautet: Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Eine nur auf den ersten Blick simple Frage. Vertrauen, Verlässlichkeit und vor allem Glück und Liebe sind nur vier Schlagworte, die dabei oft fallen. Egal, wo auf der Welt. Ob in den Metropolen Lateinamerikas, wo Gygax mehrere Jahre lebte oder in bislang unbekannten Dörfern auf kaum bekannten Pazifikinseln. Nur eine Frage – und so viele Antworten. Wer Freundschaften pflegen kann, tut dies mit besonderer Vehemenz und Hingabe. Wer sie sucht, erklimmt erst dann eine höhere Stufe der Zufriedenheit, wenn er sie gefunden hat.

Globalisierung als Chance – nein so weit geht der Autor nicht, wenn er vom dritten Band seiner Reihe spricht. Von Ägypten und Angola über Frankreich und Griechenland, Nepal und Namibia bis nach Papua-Neuguinea und Vanuatu. Keine Reise, die man mal eben so im Reisebüro bucht. Dem eigenen Drang folgen die Welt zu erkunden und Bleibendes zu hinterlassen.

Bereits die Vorgänger „Was macht Sie glücklich?“ und „Was ist Ihr größter Traum?“ sorgten für Aufsehen. Mit dem Freundschaftsband schließt sich der Kreis der weltumspannenden Fragen und Antworten, was Menschen antreibt: Das Glück mit Freunden Träume zu verwirklichen. Das müssen keine großartigen Dinge sein. Der alltägliche Endorphinausstoß sorgt für mehr Furore im Herzen als so manches große Geschenk. Denn Glücksgefühle entstehen jede Tag aufs Neue, kommen überraschend, sind nur bedingt planbar.

Das Stimmungsbild der Befragten reicht von düster über abgeklärt bis hin zu überbordenden Aussagen. Jung und Alt, arm und reich, nachdenklich oder spontan: Freundschaften sind der Motor, der sie antreibt, die Menschen, die tagein, tagaus ihr Leben meistern. Und Daniel R. Gygax ist ihr Chronist, hält fest, was festzuhalten ist. Mit einigen steht er bis heute in Kontakt, auch nach Jahren. Denn dieses Buch hat eine lange Geschichte. Sieben Jahre Verspätung hat es nüchtern betrachtet. Doch die Zeit wurde exzellent genutzt, um mehr Interviews zu führen, interessante Menschen zu treffen und ein rundes Bild unserer runden Welt abzuliefern. In kurzen Szenen beschreibt der Autor wie er die Interviewpartner traf. Die ausdrucksstarken Portraits  erlauben es dem Leser sich ein Bild von den Menschen zu machen, die sich so offen über ihre intimsten Gedanken äußerten. Ein Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt – als Motivationshilfe oder einfach nur zum Herumblättern – und das man gern verschenkt. Vielleicht an ganz besondere Freunde…

Strand der Ertrunkenen

Fortsetzungen bergen immer die Gefahr in sich, dass sie an den Vorgänger nicht herankommen. Wenn zu dem auch noch der Vorgänger (in Domingo Villars Fall, sogar der Erstling) preisgekrönt wurde, lastet ein enormer Druck auf dem Autor, und die Erwartungen des Lesers sind sehr hoch angesetzt. Um es vorwegzunehmen: Pessimisten können beruhigt zum zweiten Fall von Leo Caldas aus Vigo im nordspanischen Galicien greifen!

Der Roman beginnt traurig mit einem Besuch im Krankenhaus. Vater und Sohn Caldas, beide aus unterschiedlichen Gründen alleinstehend, besuchen Alberto, den Bruder von Inspektor Caldas‘ Vater. Sieht nicht gut aus. Grund und Zeit genug für Domingo Villar dem Leser ein wenig aus dem Leben des Inspektors zu erzählen.

Ein bisschen Zeit miteinander verbringen, für einander da sein. Das geht nur so lange gut bis sich Caldas Assistent Rafael Estévez meldet. Die Arbeit ruft im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Leiche wurde angespült. Die Hände mit Kabelbindern verschnürt. Ertrunken. Sieht nach Selbstmord aus – viel Fischer bringen sich in dieser Ecke Spaniens auf diese Weise ums Leben. Doch die aufgeplatzten Adern im Gesicht des Toten lassen Leo Caldas an der Selbstmordtheorie zweifeln.

Abwechslung bringt nur die Radiosendung, die Leo Caldas zu einem Lokalstar werden lässt. Wo immer er auftaucht – privat oder in beruflicher Mission – wird er erkannt. Die Leute mögen ihn, ein unschätzbarer Vorteil gegenüber seinem Assistenten, der aus der Hauptstadt in die Provinz versetzt wurde. Leo Caldas vertrauen die Leute.

Der Tod des Fischers, Justo Castilo, genannt der Blonde gibt Leo Caldas immer noch Rätsel auf. Doch es gibt eine heiße Spur. Kurz vor Weihnachten des Jahres 1996 heuerte der Fischer zusammen mit zwei engen Kollegen auf einem Kutter an. Das Schiff sank und begrub mit sich auch den Kapitän. Der wiederum soll wiederauferstanden sein. Caldas ist jedoch zu sehr Realist, um an Wiederauferstehung und Ähnliches zu glauben. Zumal es keinen Beweis – vielleicht ein paar Zweifel – gibt, dass der Kapitän noch am Leben sein könnte…

Das Leben am Meer, die Eigenheiten der Menschen und eine gehörige Portion Lokalkolorit sind die Zutaten für einen echten Regionalkrimi. Jetzt kommt es auf den koch an. Domingo Villar gehört zu den Sterneköchen. Mit viel Gefühl zaubert ein Menü auf den Lesetisch, das jedem mundet. Kein Nachsalzen (mit Meersalz, naturalmente) oder nach Pfeffer fragen. „Der Strand der Ertrunkenen“ ist ein meisterhaftes Menü mit historischem Entree, sättigendem Hauptgang und einem Dessert, das einem den Lesegenuss niemals vergessen lässt.