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Kaltes Licht

„I found my thrill on blueberry hill“, schmachtete einst Fats Domino. Sergeant Alan Auhl findet seinen momentan auf der Blackberry Hill Farm Wrights. Die werden eines Tages durch eine Schlange in helle Aufregung versetzt. Lassen den Schlangenfänger holen und die unnütze Bodenplatte anheben, unter der sich das Vieh versteckt hat. Was da zum Vorschein kommt, ist ein Fall für die Cold Case Abteilung, für die Auhl aus dem Ruhestand geholt wurde.

Claire Pascal ist seine Partnerin. Sie empfindet so gar keinen Thrill bei dem Gedanken mit dem alten Mann an alten Fällen arbeiten zu müssen. Doch das Skelett mit den tadellosen Zähnen und der Münze in den schlaffen Klamotten sieht das anders. Die Münze ist von 2008, also können alle ungelösten Fälle davor ausgeschlossen werden. Ein Anhaltspunkt. Alan Auhl will, bevor er sich mit Claire über die Akten der letzten fünfzehn Jahre hermacht, in der Umgebung die Leute befragen. Wem gehörte das Grundstück, bevor die Wrights einzogen? Irgendwelche Auffälligkeiten, Besonderheiten?

Eine Spur scheint Donna Crowther zu sein. Sie war in der Gegend als Babysitterin bekannt. Sie und ihr Freund Sean stritten sich des Öfteren heftig. Er ist mittlerweile als vermisst gemeldet. Vom Alter könnte er den Plattenmann sein.

Die Arbeit der Cold Case Abteilung ist nervenaufreibend. Alle arbeiten gleichzeitig an mehreren Fällen. Und die Chefin ist ein echtes Herzchen. Sie fordert, treibt an, ist aber fachlich nicht zu unterschätzen. Ein erfahrener alter Hase wie Auhl tut der Moral der Truppe gut, findet die Chefin. Die jungen Beamten sehen das ein bisschen anders. Was sie nicht wissen, ist, dass Alan Auhl eine Seele von Mensch ist. Er kümmert sich um die Nachbarn, und für deren Kinder nimmt er sich jede Zeit, die er hat, wenn sie ihn brauchen. Und er ist einer, der einer Kollegin in einer persönlichen Misere gern das Bett anbietet.

Zwischendurch immer wieder Leichen. Dr. Neills dritte Frau bedroht den Doktor. Der wendet sich an Auhl. Der wiederum kennt Neill schon seit Jahren. Zwei Frauen hat der schon verschlissen, soll heißen auf höchst verdächtige Weise verloren. Frau Nummer Drei bekam als „Begrüßungsgeschenk“ von Auhl die Warnung vorsichtig zu sein mit auf den Weg. Und jetzt soll Neill das potentielle Opfer sein?

Bleibt da noch Zeit für den Mann unter der Bodenplatte? Robert Shirlow hat er geheißen. Seine Schwester hat sich nach der Berichterstattung gemeldet. Es kann nur ihr Bruder sein. Die Hintergründe der Tat jedoch lassen selbst einen so erfahrenen Schnüffler wie Alan Auhl erschaudern.

Garry Disher bringt in diesem Buch, einer Reihe, genug Stoff zu Papier, um ganze Krimibücherregale zu füllen. Alan Auhl ist der richtige Mann, um solche Fälle lösen zu können. Besonnen, hartnäckig, gewieft. So einer fehlte schon lange!

Die Cannabis-Connection

So ziemlich jeder hat eine Leiche im Keller. Bei dem Einen stinkt’s, bei Anderen zahlt die Versicherung. Den Einen stört’s, der Andere ignoriert’s. Bei Dr. Marcel Kamrath kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der überhaupt einen Keller hat, in dem er eine Leiche deponieren kann. Ein Emporkömmling ohne Beigeschmack.

So scheint es, doch dem ist nicht so! Das Abi hinter sich, mitten in Amsterdam, die Zukunft weit vor sich hergeschoben. Anfang der Achtziger – Amsterdam – und mittendrin Marcel Kamrath. Straßenschlachten mit der Polizei, Hausbesetzerszene, Drogen. Nicht nur mal so einen durchziehen. Nein, richtig professionell mit Hasch den einen oder anderen Gulden verdienen. Bis die Jugos das angestammte Revier von Knabbel und Babbel übernehmen wollen. Knabbel, das ist Marcel, Babbel ist Sander. Sander van Haag. Sein Kompagnon. Das und vieles andere mehr ist über dreißig Jahre her. Sander ist nicht mehr. War ein trauriges Ende. Und für Marcel das Ende einer zweilichtigen Laufbahn.

Nun sitzt er im Bundestag, kann schon bald auf einen Ministerposten hoffen – die Kanzlerin hatte es ihm angedeutet. Immer noch fährt er Fahrrad. Die einzige Routine findet er in der Eckkneipe bei den drei Bs: Bier, Bulette und einen Bottich mit scharfem Senf. Hier ist er nicht der geschniegelte Politprofi, sondern der Stammgast mit dem nach ihm benannten Gedeck.

Knabbel, den Namen hat er vergessen, verdrängt, gelöscht. Doch dann bleibt ihm das zweite B fast im Halse stecken. Babbel, Sander steht vor ihm. Und mit ihm die alten Zeiten. Doch anders als bei einem Wiedersehen nach Jahrzehnten unter Freunden, beschleicht Dr. Marcel Kamrath das Gefühl, dass Babbels plötzliches Auftauchen nicht ganz so spontan ist, wie es scheinen mag.

Babbel gibt ihm ein vorsintflutliches Handy, mit dem er immer erreichbar ist. Er macht Andeutungen, die Kamrath so manchen Schauer über den Rücken jagen. Kann Babbel Kamraths Aufstieg verhageln? Oh ja. Denn Babbel weiß Dinge, die einen Minister zu Fall bringen können. Doch wird er es auch tun? Und wenn ja, warum?

Hinter dem Autorenduo Hoeps / Toes verbergen sich Thomas Hoeps aus Deutschland und der holländische Gerichtsreporter Jac. Toes. Thomas Hoeps übersetzt die Kapitel seines Kollegen ins Deutsche und zusammen sind sie das perfekte  Autorenpaar für europäische Kriminalgeschichten. Zeit zum Ausruhen gönnen sie weder ihren Figuren noch dem Leser. Auf zwei Zeitebenen – Amsterdam vor mehr als drei Jahrzehnten und die Gegenwart – kreieren sie ein Schreckensszenario, das den Leser einfach nicht mehr loslässt. In einer Zeit, in der die Cannabis-Legalisierung nur noch eine Frage der Zeit erscheint, kommen dunkle Machenschaften ans Licht, die diesem Fortschritt das Licht der Erkenntnis gehörig abdunkeln.

Literarische Ostsee 2020

Für viele ist es der Inbegriff der Erholung: Am Strand ein Buch endlich mal in Ruhe und nachhaltig lesen zu können. Für einige ist ein noch höheres Gut am Meer ein Buch zu schreiben. An der malerischen Ostsee haben sich schon vor Jahrzehnten, ja sogar vor mehr als einem Jahrhundert die Dichter und Denker eingefunden, um Inspiration zu finden und diese dann zu Papier gebracht. Doch nicht nur Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann, beide immerhin Literatur-Nobelpreisträger, auch Günter Grass lebte in Lübeck an der Ostsee – da muss was ganz besonderes in der Luft liegen – ließen sich eine Brise Salzwasser um die Nase wehen, während sie Großes schufen.

Vladmir Nabokov wuchs in Sankt Petersburg auf. Und das liegt bekanntlich an der Ostsee. Dort wurden die Grundlagen gelegt für zeitlose Romane wie „Lolita“. Seine Familie musste das östliche Baltikum verlassen, London, Berlin und Frankreich waren seine Exilorte. Leider allesamt meereslos.

Jules Verne hingegen verbindet man nicht sofort mit der Ostsee. Doch Professor Otto Lidenbrock, der Held der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ hatte den Salzwassergeschmack im Munde als er zu seiner abenteuerlichen Reise aufbrach. Und ein weiterer – unbekannterer – Roman Jules Vernes spielt in einem Ostseestaat: „Ein Drama in Livland“.

Einmal kurz durch den Kalender geblättert und schon hat man die ganze Welt des Ostseeeinflusses versammelt. Im weiteren Verlauf des Jahres (ein Tag mehr, 2020 ist ein Schaltjahr) kommen einem immer wieder berühmte Namen unter, die an der Ostsee geboren wurden, ihre Romane dort spielen lassen oder an diesem Meer geschrieben wurden. Namen wie Karen Blixen aus Dänemark, deren Hauptwerk „Jenseits von Afrika“ wärme Wassertemperaturen nicht nur erahnen lässt. Oder Hans Fallada und Asta Nielsen, die auf Usedom im Sommerhaus Müller unter anderem den Ostseejünger Joachim Ringelnatz empfing.

Es ist ein bunter Reigen an prominenten und weniger bekannten Namen der Geschichte. Die Kreidefelsen auf Rügen sind ohne Caspar David Friedrich undenkbar. Siegfried Lenz und die Küste von Schleswig-Holstein bis Pommern bilden eine derart enge Verbindung, das man sich gar nicht getraut beide in zwei verschiedene Sätze zu bringen.

Alles in allem ein sehr bewegender Kalender. Alles in allem? Da war doch noch was? Ach ja, Simone de Beauvoir. Doch was hat die mit der Ostsee zu tun? In den 60er Jahren besucht sie immer wieder die Sowjetunion zusammen mit Jean-Paul Sartre. Der Abstecher nach Estland beeindruckte sie so sehr, dass sie im vierten Teil ihrer Memoiren mehr als überschwänglich davon berichtete. Und der hieß: „Alles in allem“. Joseph Roth, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka – sie genossen die Sommerfrische in schäumender Gischt, ließen den feinen Sand durch die Zehen rinnen und verewigten so manche Stunde und so manchen Ort in ihren Werken. Selbst Albert Einstein (noch ein Nobelpreisträger) konnte hier seien müden Knochen wieder auf Trab bringen. Dieser Kalender hält die kleinen grauen Zellen – nein, Agatha Christie war nie an der Ostsee – ein Jahr lang ordentlich auf Trab und lässt die Seele für wenige Momente ein wenig baumeln.

Thorbeckes Tiere und Pflanzen der Berge Kalender 2020

Tiere und Pflanzen der Berge – klingt nach Heimatidylle mit kitschigem Anstrich. Klingt aber auch nur so! Ist es ganz und gar nicht. Das Jahr grüßt mit einem Steinbock. Erhaben mit stolzem Geweih zeigt er seine Flanke und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass 2020 ganz im Zeichen nostalgischer Fauna steht. Flora folgt eine Woche später, wenn das Jahr bzw. man sich selbst im neuen Jahr eingefunden hat. Ein Potpourri farbenprächtiger Alpenpflanzen, mit dem Edelweiß, das auch im Jahr 2020 bei keiner Bergansicht fehlen darf. Doch die Pflanzen sind nicht nur hübsch anzusehen, sie sind nicht zuletzt auch nützlich. Flavonoide heißt das Zauberwort, Stoffe, die die Pflanzen, aber auch die menschliche Haut vor Schädigungen der UV-Strahlung schützen.

Die Trollblume – so erfährt aus einem der zahlreichen Texte, die die beeindruckenden Abbildungen vervollkommnen – ist eine bedeutende Blume. Ihren Namen hat sie – und da müssen jetzt alle Fantasyfans ganz stark sein – nicht von den Figuren ohne die kein echtes Fantasyabenteuer auskommt, sondern vom altdeutschen Wort troll, und das bedeutet kugelig. Sie kann entweder winzig kleine Insekten aufnehmen oder mit ihren starken Blättern nicht erwünschte Eindringlinge beiseiteschieben.

Wer schon mal in den Alpen geurlaubt hat, kennt den geistreichen Enzianschnaps. Gewöhnungsbedürftiger Geschmack – und wer weiß wie der Basisstoff dieses hochprozentigen Erlebnisses aussieht? Ende Mai ist man schlauer. Mit feinster Pinselführung werden kleinste Erhebungen und Details sichtbar gemacht. Ein Genuss für alle Sinne. Bis auf den Geruchssinn, der wird mit diesem Kalender leider nicht bedient.

Fast schon technisch wird Anfang Juli der Wacholder vorgestellt. Im Bildmittelpunkt ein Zweig mit den charakteristischen Nadeln und dichtem Fruchtstand, darunter die einzelnen Stadien der Fruchtwerdung. Zu finden ist der Wacholder dort, wo andere Bäume keinen Halt mehr und keine Nahrung finden. Und zwar von Hier bis in den Himalaya.

Im November, wenn man sich nur allzu gern zuhause verkriecht und mit sehnsuchtsvollem Blick jeden Sonnenstrahl erhaschen versucht, thront der Steinadler auf einem Felsen. Die Beute fest im Griff sondiert er die Umgebung, auf dass ihm niemand den Fang streitig macht.

So unverhohlen rein war die Natur der berge noch nie zu sehen. Ozonalarm, Smog und von Menschenhand geschaffene Einflüsse sind mit jedem Umblättern im Kalender – also jede Woche  – wie weggeblasen. Knallige Farben, dass man meint sie können nicht echt sein, machen aus jedem der 366 Tage des Jahres 2020 (es ist wieder Schaltjahr!) ein Fest für die Augen.

Berliner Geschichte Kalender 2020

Berlin nicht als historisch bedeutsame Stadt anzuerkennen, zeugt von Unwissenheit. Hier wurden bedeutende Großen ihres Faches geboren, Weltgeschichte geschrieben, rauschende Feste gefeiert. Und jedes Mal war ein Fotograf oder Maler zur Stelle, der diese bedeutenden Ereignisse festhielt. Ihre geschaffenen Zeugnisse sind es, die Geschichte erlebbar machen. Und 2020 wird ein Jahr, in dem man jede Woche diese Geschichte(n) noch einmal fast schon hautnah in Erinnerung rufen wird.

Das Jahr beginnt mit einem nicht ganz so glanzvollen Jubiläum, dass die 70er Jahre einläutete. Der Franz-Klub wurde gegründet. Sagt nicht mehr vielen etwas, hallte aber noch lange nach. Kultur war auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei schon länger zuhause. Jetzt kamen Rock und Jazz hinzu. Regimekritik zwischen den Zeilen lockte die Musikfreunde wie Systemkritiker gleichermaßen an. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 1977 zeigt die Schönhauser Allee aus einem Blickwinkel, den nicht viele genießen konnten und können.

Berlin hatte wie ganz Deutschland und Europa auch dunkle Zeit zu durchleben. Am 22. Februar 1935 kam das Aus für eines der bekanntesten Musikensembles seiner Zeit, den Comedian Harmonists. Das der Nachweis der arischen Herkunft nicht für alle Mitglieder zu erbringen war, wurde ihnen die Aufnahme in die Reichsmusikkammer verwehrt. Auf Deutsch: Auftrittsverbot! Das abgebildete Plakat sorgt heute noch (nach 85 Jahren) für große, leuchtende Augen.

Einen Massenauflauf gab es im Osten der Stadt am 19. April 1970, dem Jahr, in dem der Rock in die Kulturbrauerei einzog, an heutigen Platz der Vereinten Nationen, damals Leninplatz. Ein gigantischer Granitbrocken wurde aufgestellt. Der abgebildete hatte drei Tage später seinen hundertsten Geburtstag. Die Rede ist von Lenin. Sein „Mietvertrag“ dauerte allerdings nur reichlich zwei Jahrzehnte. 1991 wurde er geköpft, abgebaut und im Köpenicker Forst vergraben.

Von der ersten Litfasssäule (drei S!) über die Reichstagsverhüllung bis zur Geburt von Prinzessin Luise Ulrike von Preussen (muss mit zwei S auskommen, die Ärmste) ist man im Jahr 2020 bestens informiert und unterhalten über das, was Berlin bewegte. Erschütternd, propagandistisch, nachvollziehbar, so muss Geschichte gezeigt werden!

Thorbeckes historischer Fahrradkalender 2020

Jedes Jahr im Sommer wird fast ganz Europa von einem rätselhaften Fieber erfasst. Man hockt stundenlang vor der Glotze und schaut gebannt zu wie sich erwachsener Männer – mehr oder weniger stimuliert – auf ihren Drahteseln von A nach B bewegen. Reporter versuchen diese Zeit – ebenso mehr oder weniger engagiert und eloquent – mit unterhaltsamen Fakten zu untermalen. Es ist wieder Tour de France. Drei Wochen Werbung für Frankreich.

Mahr als siebzehn Mal so lang wirkt dieser Kalender. Historische Bildzeugnisse aus Zeitungen, Illustrierten, Prospekten aus allen Sparten des Radsports zeugen von der Faszination Radfahren. Wie zum Beispiel das Titelblatt des „Le Petit Journal“ vom 26. September 1891, in dem ein gewisser Charles Terront vorgestellt wurde. Er war einer der ersten Superstars der Szene. Frisch geduscht, mit frischen Trikot wurde er nach seinem Sieg des Rennens von Paris nach Brest für die Nachwelt verewigt. Er selbst begann seine Karriere auf dem Hochrad. Nach dem „Abstieg“ auf „normale“ Vehikelgröße gewann er Bahnradrennen wie Straßenrennen.

Hochräder waren nicht zu übersehen. In luftiger Höhe überschaute man die Landschaft und schaute herab auf Fußgänger. Ein riskantes Unterfangen, denn bei plötzlichem Bremsen, war der unfreiwillige, und somit verletzungsanfällige Abstieg, vorprogrammiert. Die Werbung von Columbia Bicycle zeigt aber auch die Eleganz dieses grazilen Gefährtes.

Es sind nicht nur glitzernde Bilder aus der Welt des Radfahrens, die diesen Kalender zu einem echten Highlight des Jahrs 2020 machen. Auch technische Detailzeichnungen wie von einem Patentkurbellager oder eines Dreigang-Nabengetriebes zeigen die Präzision, mit der das Produkt Fahrrad beworben wurde. Rennszenen, schon damals – so zeigt es das Titelbild des „La Domenica del Corriere“ – erregten spektakuläre Rennverläufe, wie nach einem Sturz, die besondere Aufmerksamkeit der Leser.

Ein wenig Wehmut schwingt schon mit, wenn man schon vorher ein wenig durch den Kalender blättert. Echte Kerle, die ohne Begleitfahrzeug ihr Rennen bestritten. Keine Wasserträger, die ihren Kapitänen, das Wasser reichen, weil sie ihnen aufgrund mangelnder Unterstützung aus der medizinischen Abteilung das Wasser nicht reichen können. Kein Vergleich mit dem Heute.

Diesen Kalender als nur hübsch anzusehen, ist eine gewaltige Untertreibung. Mit großen Augen erwartet man den Montag, um ein neues Histörchen aus der pedalen Welt zu erfahren. Die kurzen Texte auf jedem Blatt halten so manche vergessene Geschichte parat.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!

Goldwäsche

Erst kommt das Fressen, dann die Moral – Bertolt Brecht hat es formuliert, was viele denken … und wonach viele handeln. Der Titel dieses Buch setzt ein gesundes Maß an Neugier und Gedankenfreiheit voraus. Als vor ein paar Jahren medienwirksam die steigenden Goldpreise zu Massenverkäufen des Familiengoldes führten und die These verbreitet wurde, dass das alle paar Jahre passiert (bei den vorangegangenen Preisexplosionen las man gar nichts darüber, oder?!), war Gold auf einmal wieder in aller Munde. In reißerischen Artikel und Beiträgen wurden Menschen gefunden, die den umgekehrten Weg gingen, und sich das Gold aus dem Munde nehmen ließen, um vom Erlös was auch immer zu erwerben. Deutschland, Europa, die Welt war im Goldrausch. Kleine Läden mit Goldankaufangeboten schossen aus dem Boden wie in osteuropäischen Hauptstädten zwielichtige Wechselstuben. Da störte sich niemand an der Nationalität der Käufer. Wie Brecht schon richtig erkannte…

Das glitzernde Edelmetall ist seit jeher mit Zahlen verbunden. Das Grab von Tutenchamun enthielt 110 Kilogramm Gold. Reines Gold, ohne irgendwelche Zusätze! Die Minenstadt Rinconada in Peru, der dreckigste Ort der Welt, zählt mittlerweile über 60.000 Einwohner. Und für ein Gramm Gold bekommt nach je nach Marktlage so um die dreißig Euro.

Der Autor Markt Pieth ist Strafrechtsprofessor und hat sich in den vergangenen 25 Jahren intensiv mit Gold, seiner Gewinnung, seinem Weg in die Auslagen der Läden und an die Körper der Menschen auseinandergesetzt. War Gold einst Symbol für Macht ist es heute im arabischen und indischen Raum für Frauen beispielsweise die einzige Möglichkeit Eigentum zu erwerben und zu verwerten. Währungen sind an das Gold gebunden. Ehepaare tragen es als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Doch zwischen Abbau und Präsentation liegt ein langer, fast immer menschenverachtender Weg.

Was Rinconada zum dreckigsten Ort der Welt macht, ist die Goldgewinnung. Jeder Arbeiter schuftet vier Wochen am Stück für den Minenbetreiber. Zwei Tage hat er dann Zeit weiter zu arbeiten, dieses Mal aber für in die eigene Tasche. Die Gesteinsbrocken werden mit Quecksilber gewaschen, Arbeitsschutzmaßnahmen Fehlanzeige, die Reste werden wie der Hausmüll einfach in die Umgebung geschüttet. Es stinkt zum Himmel, leider wortwörtlich.

Internationale Standards für einen fairen Abbau und Handel sind vorhanden, aber lückenhaft. Und deren Einhaltung ist weit davon entfernt lückenlos dokumentiert zu werden. Und in diesen Lücken hat sich die ganze Branche eingenistet.

„Goldwäsche“ ist die erste Wahl für alle, die dem Glanz des Goldes nicht allzu leicht erliegen, sondern wissbegierig hinter die glänzende Fassade eines Geschäftes schauen wollen, die mehr als ein Gesicht trägt. Eine Weltreise von den Anden bis nach China, von Indien bis ans Kap der Guten Hoffnung. Mark Pieth benennt Ross und Reiter und scheut auch nicht davor ihr Geschäftsgebaren offenzulegen. Der schöne Schein trügt wie so oft im Leben, doch weitab von Klischees und wilden Spekulationen gibt dieses Buch tiefe Einblicke und bietet obendrein noch Lösungen dafür, wie aus reinem Gold sauberes Gold werden kann.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.