Archiv des Autors: admin

Der Zwang

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Maler Ferdinand ist vor dem Krieg in Europa in die Schweiz geflüchtet. Hier ist er frei. Zusammen mit seiner Frau. Hier ist er Mensch. Kann sich entfalten. Doch der Brief, den er erwartet, von dem er hofft, dass er niemals kommen wird, doch er wird kommen, und Ferdinand weiß das, schwebt wie ein Damokles Schwert über ihm und seinem Glück.

In Europa bersten die Kanonen unter der Wucht ihrer Geschosse. In den Schützengräben ätzen Gase den Soldaten die Gedärme aus dem Leib. Aus der Luft fallen erstmals im großen Stil Bomben auf die, die mit den Ränkespielen der Machthaber nichts am Hut haben. Sie sind die Verlierer des Krieges, der keine Gewinner kennen wird. Millionen sind schon geflohen.

Das Warten auf den ominösen Brief treibt Ferdinand in einen goldenen Käfig. Denn eigentlich ist er gesegnet. Eine Frau, die ihn liebt. Ein ruhiges Umfeld, denn in der Schweiz schweigen die Kanonen. Kein Schießpulver in der Nase lässt die Sorgen Europas und der Welt weit weg erscheinen. Ferdinand sehnt diesen Brief herbei. Den Brief, der ihn zum patriotischen Akt mit der Hand an der Waffe verpflichtet. Er will nicht kämpfen, sieht es jedoch als seine Pflicht an es zu tun. Ein innerer Zwang lässt ihn dieses Blatt Papier zu ihm fliegen.

Sogleich macht er sich auf dem Weg zum deutschen Konsulat. Doch oh weh, das Konsulat öffnet er in ein paar Stunden. Und schon setzen sich die Zahnräder des Denkwerkes in Bewegung. Ferdinand ist sich bewusst, dass er nicht kämpfen will, dass er den Zwang besiegen muss. In seinem Oberstübchen setzt er die möglichen Gesprächsfetzen schon zusammen. Alles passt. Dem Mitarbeiter des Konsulats wird nichts anderes übrigbleiben als ihm, dem Künstler den Weg in die alte Heimat – zur Tauglichkeitsüberprüfung – zu ersparen. Dann endlich. Die Tore zum Konsulat öffnen sich. Doch das Konsulat ist nichts mehr als eine Behörde für im Ausland lebende Deutsche. Man dient dem Vaterland, in dem man die aufgestellten Regeln einhält. Kein Blick nach links und rechts. Und Ferdinand? Perplex vom scheinbaren Entgegenkommen macht sich freiwillig (!) auf den Weg nach Deutschland. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die die Freiheitsliebe ihres Gatten vermisst und nur noch Feigheit in ihm sieht. Doch Deutschland hat sich verändert. Das Ende mit Schrecken wird in seinen Augen zum Schrecken ohne Ende…

Stefan Zweig ist dem Maler Ferdinand sehr ähnlich. Auch er floh vor dem Krieg. Ein bisschen Frans Maserell schwebt in der Figur des vom Zwang geleiteten Malers mit. Die Holzschnitte von Masereel wurden eigens für die Novelle des Freundes und Wegbegleiters Zweig angefertigt. Nun sind sie in dieser stilistisch einwandfreien Ausgabe wieder vereint. Scharfkantig wie ein Granatsplitter zeichnen sie die Zeilen des Autors nach, der einen Krieg später seinem Leben ein Ende setzen sollte. Einhundert Jahre ist es her, dass Stefan Zweig eine bislang kaum beachtete Komponente des Krieges zu eindrucksvoll beschrieb. Was bewirken Worte und selbst verordneter Gehorsam mit einem Menschen? Der Grat zwischen Pflicht und Zwang ist oft ein schmaler. Den eigenen Prinzipien zu folgen ist immer verbunden mit dem richtigen Weg. Der allerdings ist mit tonnenschweren Nebenwirkungen gepflastert.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

The Street

42nd street, 5th avenue – davon ist man in der 116th street Upper Westside Manhattan so weit vom guten Leben entfernt wie die Erde von der Sonne. Besonders in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Besonders, wenn man sich seiner Hautfarbe bewusst und deren Bedeutung jeden Tag aufs Neue spüren muss.

Lutie Johnson sucht in dieser Straße ihr Glück. Nein, Illusionen hat sie schon lange keine mehr. Der Gatte untreu, die Arbeitgeber derart verblendet, dass sie meinen Lutie einen Gefallen zu tun, wenn sie ihre Kochkünste in den Himmel loben. Ein bisschen weniger Arbeit, und ein bisschen (oder besser) viel mehr Bezahlung, das wäre Anerkennung genug. Für sich und Bubb, ihren Sohn nimmt Lutie die Strapazen des Fortgehens auf sich und nimmt die Wohnung in der 116. Straße als neue Wohnung an. Bubb soll in Ruhe lernen können. Welchen Wert Bildung für Menschen wie sie hat, wird ihr nicht zuletzt klar, als sie zusehen muss wie der Hausmeister – auch nicht unbedingt eine Ausgeburt an Höflichkeit und Anmut – mühevoll ihr die Quittung für die Anzahlung der ersten Miete ausstellt.

Sie tut alles, dass Bubb so aufwachsen kann, um es einmal besser zu haben. Beseelt von dieser Vision, tritt ihr das Leben immer wieder ins Kreuz. Duldsam erträgt sie die Rückschläge. Die Straße, die 116., ist ein hartes Pflaster. Besonders für all diejenigen, die diesem Pflaster das Pflaster des Schmerzlinderns aufsetzen wollen. Lutie will Bubb vom Dreck, vom Rassenhass, von alle dem fernhalten, was ihn davon abhalten wird, ein guter Mensch zu werden. Die Schlaglöcher des Schicksals beschädigen hier nicht nur Karossen, ihre Schäden reichen tiefer.

„The Street“ ist vor über einem halben Jahrhundert erschienen. Ein Riesenerfolg, auch oder gerade wegen seiner schonungslosen Sprache. Viele hätten schon längst die Flinte ins dreckige Korn der Straße geworfen. Doch Lutie weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich lohnt aufzustehen und sich diesen Dreck immer wieder abzuschütteln. Solidarität unter den Geschundenen zu suchen, ist so gut wie zwecklos. Jeder denkt nur so weit wie er schauen kann. Wenn es jemals Visionen gab, sind sie im Dunst der Straße für immer verloren gegangen. Lutie als leuchtende Fackel, die diesen Dunst durchdringt – dafür taugt sie nur bedingt. Sie ist auch nur ein Mensch, der ein gewisses Maß an Ausgrenzung verkraftet. Ja, sie ist stärker als so mancher Preisboxer aus dem Big Apple. Doch ihre Kraft ist nicht unendlich verfügbar.

Immer noch bzw. endlich wieder verfügbar ist die Strahlkraft dieses Romans von Ann Petry. Ihr Helden – so wie Lutie Johnson und ihr Sohn Bubb –stehen nicht am Rand der Gesellschaft. Sie stehen mittendrin, weil ihr Schicksal exemplarisch für diese Gesellschaft steht.

Salzburg Salzkammergut

Das ist mal gutes Tourismusmarketing: Salzburg an der Salzach, zu Füßen des Salzkammerguts. Klingt nach einem würzigen Erlebnis. Und als Highlight eine der süßesten Verführungen.

Bleiben wir doch gleich bei den süßen Verführungen. Noch bevor man Festspiele sagen kann oder die eine oder andere Sonate von Mozart gehört hat, bringt jeder von klein auf Salzburg mit den Mozartkugeln in Verbindung. Doch Vorsicht! Es gibt tonnenweise Fälschungen! Die Echten Mozartkugeln sind in Silberfolie mit blauem Aufdruck versehen. Da der Markenname nicht geschützt ist, darf jeder ein bisschen Marzipan mit Schokolade überziehen und diese Kugeln dann Mozartkugeln nennen. Original sind selbst in Salzburg nur wenige. Wo es sie gibt, das wissen natürlich die Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba.

Hat man dieses Must Have hinter bzw. in sich, kann man sich auf die Socken machen und Salzburg genauer unter die Lupe zu nehmen. Gestärkt ist man schließlich. Und wer meint, dass mit Mozart, dem Schloss Mirabell und der Burg da oben auf dem Berg (Festung Hohensalzburg) der Stadt Genüge getan ist, irrt sich mächtig. Salzburg hat mehr zu bieten als nur einen Tag in dieser Stadt gehaltvoll zu verbringen. Es dauert allein schon ein paar Stunden, um alles zu erlesen, was man staunend erlaufen und laufend bestaunen kann. Das reicht von den Katakomben, vermutlich Gebetsräume, die in den Fels gehauen wurden, mehr als anderthalb Jahrtausende alt. Und es zieht sich durch ganz Salzburg wie der Almkanal, der wenn er das Tageslicht erreicht architektonisch ein Hingucker ist. Den Brückenschlag in die Moderne vollendet dann das gleichnamige Museum auf dem Mönchsberg. Der Glanz vergangener Tage scheint in Salzburg immer noch taghell, selbst wenn einmal Wolken den Blick nach Oben verschleiern sollten. Und wer das Wasser scheut, also das von Oben, für den haben die Autoren mindestens genauso viel Tipps die Zeit sinnvoll herumzubekommen, wie für alle, denen ein paar Regentropfen nichts ausmachen.

Das Salzkammergut erstreckt sich östlich bis südöstlich von Salzburg. Attersee und Wolfgangsee (der mit dem Weißen Rössl) sind sicherlich die bekanntesten Orte. Dachstein und Totes Gebirge sind für Wanderer und Bergsteiger ein Begriff. In Bad Ischl muss man am Traunufer flanieren wie einst die Habsburger. In Obertraun, genauer um die Koppenbrüllerhöhle herum, laufen einem die Augen über. Reißende Gewässer, wie gemalte Brücken, saftige Natur – was braucht man mehr? Darauf gibt es nur eine Antwort: Diese Reiseband. Mit viel Liebe zum Detail, einem enormen Erfahrungsschatz und dem Willen dem Leser eine Region schmackhaft zu machen, die allzu oft hinter anderen Regionen Österreichs zurückstecken muss. Salzburg als Ausgangspunkt ins Salzkammergut ist kein schlechter Anfang, um diese Region zu erkunden. Und alles ist so einfach, wenn man sich die Zeit nimmt dieses Buch als vollwertigen Reiseguide anzunehmen.

Japanbilder

Es ist noch gar nicht so lange her, dass das ferne Japan ein weiteres Mal in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Nicht zum ersten Mal: Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt schlichen sich auch stilistische Einflüsse in die Kunst. In den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts schwappte – unter anderem auch durch Alphavilles „Big in Japan“ – eine regelrechte Japanomania nach Europa, die bis heute anhält. 2020 wird diese Welle einen neuen Höhepunkt erreichen, wenn die Olympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden werden. Je nach Qualitätsanspruch wird man dann wieder mit Kuriositäten aus dem Land des Lächelns bombardiert werden oder tatsächlich etwas Substantielles über das Land erfahren.

Den Anfang macht zweifellos dieses Buch. Der unscheinbare Titel „Japanbilder“ verspricht nicht mehr und nicht weniger als persönliche Eindrücke von Michaela Weber, die ans andere Ende der Welt reiste und eine Kultur vorfand, die es vielen schwer macht sie zu verstehen. Und so wird das Lesen dieses Buches zu einer Reise vom Sofa aus in ein Land, das für die meisten ein ewiger Traum bleiben wird.

Besonders auffällig ist das ineinandergreifende Zusammenspiel von kurzen knackigen Einleitungstexten und den imposanten Abbildungen. Michaela Weber vermischt geschickt persönliche Erfahrung und Faktenwissen, die im Anschluss durch unzählige – mal größere, mal kleinere – Bilder untermalt werden.

Mit wachen Augen reist Michaela Weber durch Japan und schon bald wundert sie sich über fast gar nichts mehr. Ein Polizeimuseum in Tokio weist nicht martialisch mit Waffe oder einer staatlichen Symbolik auf sich hin, sondern mit einer niedlichen Comicfigur. Bahnhöfe und Züge sind so sauber, dass es ihr nicht nur auffällt, sondern besonders berichtenswert erscheint. Auch die Schaffner sind von außerordentlicher Freundlichkeit. Und mit den deutschen Fahrkartenkontrolleuren haben sie so gar nichts zu tun.

Michaela Weber reist durch Tokio, Osaka, Hiroshima, Kioto und die eher unbekannteren Städte Inuyama und Nara. Oft unterliegt man dem Vorurteil, dass innerhalb eines fernen Landes alles gleich sei. Dem ist natürlich nicht so. In Deutschland würde ja auch niemand auf die Idee kommen Ostfriesen und Allgäuer in einen Topf zu werfen! Mit dem Finger am Auslöser der Kamera gelingen Michaela Weber einfühlsame Schnappschüsse, die das Bild Japans im Jahr der Olympischen Spiele nachhaltig prägen werden. Alltagsszenen wie spielende Kinder, aber auch für unsere Augen fast schon verspielte Hinweisschilder stehen eng neben Preistafeln für (käufliche!) Gebete und Wünsche für ein besseres Leben. Diese Japanbilder wird man so schnell nicht vergessen, weil man sie wie ein privates Fotoalbum immer wieder ansehen will.

Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Das Jahr der Ziege

Mal eben nach Afrika bedeutet für die meisten all-inclusive in einer Lodge in Kenia zu urlauben. Kristina will Fabian folgen auf seinem Trip nach Afrika. Doch von Cocktails schlürfen im Sonnenuntergang und aus sicherer Entfernung den Elefanten beim Abendschmaus zuschauen, ist sie, sind beide mehr als weit entfernt.

Denn in Nordkamerun, in den Mandara-Bergen bei den Ouldeme geht man nicht schnell m die Ecke, um sich eine Flasche Rotwein für einen romantischen Abend zu Zweit zu holen. Hier nutzt man das, was gerade vorhanden ist. Spielzeuge kauft man nicht im Spielzeugladen, hier bastelt man sich seine Phantasie aus dem zusammen, was links und rechts des Wegesrandes liegt.

Fabian studiert Ethnologie. Kristinas spontaner Vorschlag einfach mitzukommen und ihm bei seinen Feldforschungen zu begleiten, ihn vielleicht sogar unterstützen zu können, nimmt er gelassener hin als sie es vermutete. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und so wird aus einer spontanen Idee eine Reise, von der niemand weiß wie sie verlaufen oder gar enden wird.

Die heimelige Atmosphäre der Schweiz liegt alsbald hinter Kristina und Fabian. Die sengende Hitze in dem Saheldorf ist die erste Herausforderung für Kristina. Doch die zwanglose Gastfreundschaft, das vorurteilsfreie Leben der Ouldeme ist das, was Kristina ihr Leben lang zu suchen glaubte. Wie ein Blatt im Wind lässt sie sich treiben bis auch hier in der Ferne der Alltag einzuziehen droht.

Anders als erwartet sieht der jedoch zwanglos aus. Der zwang etwas zu tun, weil es erwartet wird, existiert nicht. Hier wird vieles einfach getan, nicht weil man es muss. Dafür gibt es in der Sprache der Ouldeme nicht einmal ein Wort. Die Mandara-Berge als Paradies zu bezeichnen, ist sicherlich nicht ganz verkehrt. Doch die Definition, was in Kristinas Gesellschaft als Paradies anzusehen ist, muss sie überdenken…

Katharina Bösiger Boukar lebte sechs Jahre im Tschad und Nordkamerun. Ihr „Jahr der Ziege“ ist also mehr als pure Fiktion, es ist vielmehr ein Reisebericht mit künstlerischer Freiheit. Als Leser wird man in eine Welt gezogen, die fernab von verklärter (und realitätsfremder) Traumschiffromantik Tag für Tag funktioniert. Im Gegensatz zu den meisten Romanen, deren Autoren selbst einmal für eine Zeitlang „den Geist Afrikas“ einatmen duften, verzichtet Katharina Bösiger Boukar auf jeglichen kleingeistigen Kitsch, der den schwarzen Kontinent umweht. Die Realität als Basis einer Liebesgeschichte – und nicht nur die zwischen Kristina und Fabian – zeigt auf fast dreihundert Seiten, dass doch noch nicht alles über Afrika geschrieben wurde.

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Kalender Deutsche Geschichte 2020

Wenn ein Jahr zu Ende geht, erinnert man sich gern an das, was war. Fast schon im gleichen Atemzug schaut man voraus, freut sich auf das, was kommen wird. Das erinnert auch gern schon mal an eine Rateshow.

Und genauso beginnt auch dieser Kalender. Das Jahr 2020 beginnt auch gleich mit einem Jubiläum. Am 2. Januar 1955 – also vor 65 Jahren – wurde zum ersten Mal die Sendung „Ja oder Nein“ ausgestrahlt. Berühmt geworden ist sie sechs Jahre später unter dem Titel „Was bin ich?“. Robert Lembke wurde zu einer der Kultfiguren im TV und ist bis heute eine Marke.

Ebenfalls eine Marke, die ein Jubiläum feiert ist der DFB, der Deutsche Fußballbund. In jüngster Zeit immer mehr in der Kritik stehend, war es die Gartenkneipe „Zum Mariengraben“ in Leipzig, die als Wiege des deutschen Fußballs anzusehen ist. Die Satzung wurde am 28. Januar 1900 verabschiedet. Wenig verwunderlich, dass auch der erste Deutsche Meister aus Leipzig kam, der VfB Leipzig, der als Nachfolgeverein des 1.FC Lok Leipzig zwischenzeitlich in der ersten Bundesliga spielte, um kurz darauf in den Untiefen des Vergessens begraben wurde.

Ein deutsch-deutsches Phänomen, was ebenfalls wieder in der Kritik steht, war und ist die Sommerzeit. Die wurde gleichzeitig in Ost und West am 6. April 1980 eingeführt. Ihr wird wohl ein ähnlich kurzes Leben wie der DDR beschieden sein. Denn schon in absehbarer Zukunft muss man nicht mehr zweimal im Jahr am Räderwerk drehen. Das Bild zur Einführung der Sommerzeit ist ein echter Hingucker. Denn welcher Schlagerstar war wohl mit der Umstellung der Uhren als Werbegesicht bekannt? Die Woche Karwoche verrät es.

Von politischen Ereignissen über Naturkatastrophen bis hin zu so genannten Lustlagern bietet dieser Kalender einen bunten Über- und Rückblick auf mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Vieles ist schon wieder in Vergessenheit geraten, bei manchen ist man erstaunt, dass man sie schon wieder vergessen hat. Jede Woche wird montags mit einem Aha-Erlebnis beginnen.