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Die Geschichte des Körpers

Auf dieses Buch kann man sich einlassen. Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Dreißig kurze Stücke, die in ihrer Einzigartigkeit den Leser an den Rand des Fassbaren bringen werden. Monster bekommen hier den gleichen Raum wie Demenzkranke. Jeder ist das Produkt aus Erinnerungen und Sprache. Und Thomas Stangls Sprache ist weitreichend, laut und leise zugleich, durchdringend, aufwühlend…

Die Deutsche Schillerstiftung kam 2019 nicht herum ihm den Schillerpreis zu verleihen. Ebenso die Jury des Wortmeldungen-Preises. Der 23. Mai 2019 ist für Thomas Stangl ein doppelter Glückstag: Zum Einen erscheint sein neuestes Buch, dieses hier und zum Anderen bekommt er dafür auch gleich noch einen Preis. Besser geht’s nicht!

Das dürfte wohl auch so manchem Leser in den Sinn kommen, wenn er den sinnigen Texten folgt. Thomas Stangl gibt dem Leser den Freiraum Gedanken über und um die Heroen der Texte mit Leben zu füllen. Nicht, dass Thomas Stangl nicht schon getan hätte, nein, aber hier und da lässt er einen Krumen liegen, den der Leser aufpicken darf, um sich zu laben.

Jede Geschichte hat ihren eigenen Stil, ihren eigenen Reiz, ihre ganz eigene Wirkung. Mal verspielt wie ein Kleinkind, mal irrwitzig übermütig, in dem er die Erzähler im wilden Reigen sich abwechseln lässt.

Es macht Spaß Thomas Stangl zu folgen. Nicht immer man sofort bei den Gestalten, die auf den ersten Blick etwas völlig Normales, Alltägliches tun. Erst im Laufe der Zeilen kommt man ihrem Tun auf die Schliche. Auf den Leim geht man ihnen hingegen niemals.

Auf den ersten Blick wirkt „Die Geschichte des Körpers“ wir eine Sammlung kurzer Geschichten, die in keinem direkten Zusammenhang stehen. Erst am Ende des Buches – die reichlich einhundertzwanzig Seiten liest man trotz allem nicht „einfach mal schnell durch“ – wird das Ganze ersichtlich. Der Mensch sammelt in einem, seinem Körper sich und sein Wesen. Der Körper umschließt dies mit seiner Hülle. Thomas Stangl bricht diese Hülle auf, er kratzt an der Oberfläche bis das Innere hervorbricht ohne Wunden zu hinterlassen. Nur Erinnerungen bleiben zurück.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Kalender 2020 Art culinaire

Dieser Kalender macht jetzt schon (und bis zum 31. Dezember 2020) Appetit auf mehr! Hier kommen die größten Oliven, die prächtigsten Heidelbeeren und die saftigsten Birnen der Welt nicht auf den Tisch, sondern an die Wand. Ein lukullisches Museum, das dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr geöffnet hat. Und zwar im Großformat, dass jeden Raum in einen Genussarium verwandelt.

Es gehört zu einer guten Tischsitte, dass neben einem guten Mahl gelungene Gespräche dazugehören, um einen perfekten Abend verbringen zu können. Als amuse gueule, an Appetitmacher, als geistvolle Beilage zum Augenschmaus, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, sind die Monatsblätter mit sinnfüllenden Sprüchen großer Köpfe garniert. Denn „gute Küche ist häufig, eigentlich fast immer, einfache Küche.“ Dieser Satz aus dem Munde von Anthony Bourdain, einem Genussmenschen par excellence schmückt zwar „nur“ den Monat September in diesem Kalender, ist jedoch auch und vor allem der rote Faden, der sich beim Betrachter um die Gedanken wickelt.

So manchem wird dieser Kalender eine Anregung sein, die eigene Kochstelle in einen Hort höchster Genüsse zu verwandeln. Wenn schon so vollendete Kunst einen umgibt, kann man sich am Herd auch verwirklichen. „Art Culinaire“ mit schnöder Küchenkunst gleichzusetzen, wäre fatal. Man kann sich die Macher dieses Kalenders vorstellen, wie sie mit knurrendem Magen die zwölf Bilder arrangiert haben und sich vorstellten wie nach der Fotosession dieses kleinen Kunstwerke im Anschluss ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden.

Kalender 2020 Wasserfälle

Die Ruhe an einem rauschenden Wasserfall finden, klingt nicht unbedingt nach einem durchdachten Plan. Wenn gigantische Wassermassen über Klippen im freien Fall der Schwerkraft nachgeben, tun sie dies mit ohrenbetäubendem Lärm. Wie kann es also sein, dass Wasserfälle so eine Ruhe ausstrahlen? Es ist wohl die Gleichmäßigkeit der Geräuschkulisse. Und die Erhabenheit des Moments. Ihn festzuhalten, gelingt nicht immer.

Ganze zwölf Mal ist es wohl doch gelungen. Und zwar für diesen Kalender! Der Januar eröffnet das Jahr mit einer wuchtigen Gegensätzlichkeit. Schroffe Felsen, deren scharfen Kanten die Wassermassen noch nichts anhaben konnten. Und hindurch ein feiner Nebel aus reinstem Wasser. Gefunden in Oppland, Norwegen. Im Hintergrund verbirgt sich die Quelle dieses Naturschauspiels: Gletscher.

Weitaus beruhigender wirken da hingegen die Cascade Falls im Zion-Nationalpark in Utah. Vor der beeindruckenden Kulisse unendlicher Berge plätschert schon fast lautlos der Fluss dahin. 2020 kann dieses Naturschauspiel einen Tag länger beobachtet werden. Es ziert den Februar, der im Vierjahresrhythmus einen Extratag geschenkt bekommt.

Es folgen grüne Wochen und Monate, in denen mal mehr, mal weniger kraftvoll das kühlende Nasse über die Klippen springt, träufelt oder herabsinkt.

Wie ein Höllenschlund mit galliger Brisanz treibt der Hochsommer ein gefährliches Spiel mit dem Betrachter. Sanfte grüne Hügel, ein kleiner Wasserfall – alles im Hintergrund. Doch im vorderen Teil reißt die Erde ihr Maul auf und verschlingt jedes Molekül Wasserstoff und Sauerstoff. Den Grund dieser Hölle sieht man nicht. Aufgenommen in der Groppensteinschlucht im österreichischen Kärnten. Hier ist jeder Schritt näher an das Spektakel eine Mutprobe.

Das Jahr beschließt der Gullfoss auf Island. Fast scheint die Zeit stillzustehen. Stürzen die Wasserfälle sich noch in den Abgrund oder hat der Frost alles zum Stillstand gebracht? Man muss schon zwei Mal hinschauen, um den Fortgang zu erkennen.

Mutter Natur kann aufwühlen, aber ich gleichen Atemzug auch beruhigend wirken. Wer vor einem Wasserfall steht, kann sich zurücklehnen und dem Schauspiel aus sicherer Entfernung zuschauen. So wie bei diesem Kalender. Tag für Tag erscheinen im Großformat unendliche Wassermassen und rauschen in die Tiefe. Man selbst bekommt nicht einen Tropfen ab, ist jedoch nicht minder erstaunt über dieses naturgetreue Abbild.

Chlodwig

Na das ist ja ‘ne Überraschung! Der neue setzt sich genau neben Bert. Bert, der eigentlich Bertolt heißt, rümpft innerlich die Nase. Der soll ihn bloß in Ruhe lassen. So gestriegelt wie der aussieht … das kann nichts werden. Im Sportunterricht bekommen seine Befürchtungen neue Nahrung. Der gescheitelte Junge und ein Ball werden wohl niemals Freunde werden. Schule kann hart sein. Das sieht auch Chlodwig so.

Seine Eltern lassen es ihm an nichts fehlen. Leckere Pausenbrote, ordentliche Klamotten und eine Frisur. Bei Bert sieht alles ein bisschen unaufgeräumter aus. Das fängt auf dem Kopf an und hört bei den immer mal wieder fehlenden Pausenbroten auf.

Als Herr Wentzl, der Lehrer der beiden eine Projektarbeit ankündigt, kommt es wie es kommen musste: Bert und Chlodwig müssen zusammen sich Fragen ausdenken und auf der Straße Leute zum Thema Umweltschutz interviewen. Einhellige Meinung unter den beiden so unterschiedlichen Burschen: Muss das sein?!

Nur Mut, möchte man ihnen zurufen. Und siehe da. Es klappt. As Bert die üppig ausgestattete Wohnung von Chlodwig sieht, fallen ihm die Augen raus. Alles so sauber, so ordentlich. Beim Gegenbesuch einen Tag später geht es Chlodwig nicht anders. Alles ist so chaotisch, so lebendig. Ohne groß nachzudenken, lassen Chlodwig und Bert ihren Bauch entscheiden. Sie sind gar nicht so verschieden. Sie leben nur in unterschiedlichen Wohnungen, mit unterschiedlichen Eltern. Ihre Interessen sind die gleichen. Die Möglichkeiten, diese Interessen auszuleben, sind unterschiedlich. Aber das hält weder Bert noch Chlodwig davon ab diese zu verfolgen.

Ein wunderschön gestaltetes Kinderbuch, das mit dem Vorurteil aufräumt, dass Vorurteile aus dem Weg geräumt gehören. Es so zu machen wie Bert und Chlodwig – Vorurteil, hä, was’n das? – ist der richtige Weg. Denn wo nichts ist, kann auch nicht beseitigt werden.

Die Illustrationen von Jens Rassmus entlocken ein ums andere Mal dem Leser ein Schmunzeln. Zum Beispiel, wenn Bert vorwitzige Schwester Miezi sich nur allzu gern als Interviewte zur Verfügung stellt.

Saison der Wirbelstürme

Da liegt sie nun, friedlich, fast meint man ein Lächeln auf ihrem entstellten Gesicht erkennen zu können. Doch wie kann ein so grässlicher Mensch lächeln, kann menschliche Züge haben? Und wie kann ein Mensch lächeln, dem so übel mitgespielt wurde? Bruja, die Hexe ist tot. Kein Kinderreim! Realer Wahnsinn in La Matosa, einer Gegend in Mexico, die nur Einheimische aus Mangel an Alternativen betreten. Wer kann, haut ab. Wer es nicht kann, und das sind die meisten, muss bleiben und zusehen, dass der nächste Tag nicht der letzte sein wird. Kinder haben den Leichnam bei ihren Streifzügen durchs Zuckerrohrdickicht entdeckt. Das Entsetzen werden sie nie mehr los.

Bruja stammte aus einer alten Familie verwahrloster Hexen. Wer ein Wehwehchen hatte, kam schon immer zu ihr. Ebenso, wem es im Schritt juckte. Dem Ruf der Hexe tat das keinen Abbruch mehr. Sie stand für alle eh im Bunde mit dem Teufel, dessen Gemächt sie Nacht für Nacht ritt. Das ihres Ehemannes konnte sie nicht mehr reiten. Der war schon lange tot. Sie, die Hexe habe ihn umgebracht, um Land und Geld zu erben. Ein echtes Herzchen eben. Wer konnte, machte einen großen Bogen um sie und ihr Haus. Doch irgendwer konnte nicht anders. Irgendwer fasste sich ein Herz und tötete die Hexe, bevor sie sein Herz zu fassen bekam. Nicht sinngemäß, wortwörtlich!

Fernanda Melchor beschreibt Menschen, die durch einen Landstrich Mexicos geprägt sind. So unwirtlich die Gegend, so rau sind ihre Bewohner. Hier wird nicht lang gefackelt, hier wird gehandelt. Und das nicht immer mit sanfter Hand, oft, fast immer mit der Faust, Machete oder dem Messer. Für Schmeicheleien ist hier kein Platz.

Und Frauen haben schon mal gar nichts zu melden. Sie sind vogelfrei. Wer sie will, nimmt sie sich. Brutal und schnörkellos wird der Leser durch diesen aufrüttelnden Roman gehetzt. Das liegt nicht nur an der ungeschminkten Wortwahl, sondern auch dem besonderen Stil der Autorin. Ohne Punkt – zumindest mit nur wenigen – dafür aber mit der geballten Ladung Kommas gibt sie dem Leser kaum eine Chance durchzuatmen. Genau wie ihre Protagonisten. Wenn man also davon spricht sich in eine Geschichte vertiefen zu können, dann ist „Saison der Wirbelstürme“ das Paradebeispiel dafür.

Dafür erhält sie 2019 den Anna-Seghers-Preis und ist außerdem für den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt nominiert.

Mobbing Dick

Dick Turpin war im 18. Jahrhundert ein gefürchteter Straßenräuber, der sich mit Degen und Pistole gegen den Adel auflehnte. Dickie Greenleaf lehnt sich gegen  das Establishment (besonders das in Person seiner Eltern) auf, um schlussendlich von Tom Ripley ins Jenseits befördert zu werden. Und Dick Meier? Um die Zwanzig, lebt in Witikon, Zürich, bei seinen Eltern, Reihenhaus. Wenn das Leben eine Linie mit Ausschlägen nach Oben und Unten, für Freude und Leid, ist, dann verläuft sein Leben geradlinig, monoton. Von den Eltern kann er diese Eigenschaft nicht haben. Die sind selber so monoton, einschläfernd, rechtschaffen, langweilig, borniert, enervierend. Es ist zum Haareraufen! Dick bricht das Studium ab, heuert bei der Schweizerischen Bankanstalt an, sucht sich eine Wohnung. Sagt den Eltern nichts. Warum auch. Für ihn hat sich ja nichts verändert. Er hat zwar einen Job, doch Lebensfreude will einfach nicht bei ihm aufkommen. Er ist schnippig, aufmüpfig, spielt Streiche – nix! Dick droht in der scheinbaren Routine seiner Arbeit, zwischen Mutters permanenter Sorgenmacherei und seinem misanthropischen Vater zu ersticken. Die Gefängnismauern um ihn herum rücken immer näher und rauben ihm die letzten Lebensgeister.

Der erste Schritt ins die sauerstoffreiche Zukunft lauert in einer heruntergekommenen Gegend mit horrenden Mieten. Aber das ist der Preis, den Dick zahlen muss, um endlich so etwas wie Freiheit auf der Haut spüren zu können. Die jahrelange Gängelei hat tief in ihm einen Hass aufkeimen lassen. Und der muss nun raus! Potentielle Anwärter, die nur darauf warten Dicks Lebensgeister um sich herum schwirren zu sehen, gibt es ja zum Glück haufenweise.

Vielleicht wendet sich doch alles zum Guten. Amy, seine Schwester zieht wieder zurück ins elterliche Haus. Dass sie von Dick dafür bezahlt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Dick entscheidet sich für einen anderen Weg. Jeden Tag, wenn er im Büro in Besprechungen sitzt, mit Kollegen redet, wird ihm die Verkommenheit des Bankenwesens im Speziellen, der Welt im Allgemeinen vor Augen geführt bzw. ins Ohr geschrien. Gutes Benehmen, Scham, Ehrlichkeit – pah, wenn überhaupt, dann war das einmal! Hier wird hinter den Rücken der Leute das Fallbeil gewetzt und der Auslöser fortwährend auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Dick lässt sich davon anstecken. Das Telefon ist sein roter Knopf in die Freiheit. Ein kleiner Anruf hier, ein Anklingeln da. Ein blöder Spruch, der dem Angerufenen den Schweiß auf die Stirn treibt. Ein gewisses Gefühl von Freiheit stellt sich bei Dick ein. Befriedigung selbst etwas geschaffen zu haben. Ohne das Zutun anderer. Und ohne, dass andere ihren Vorteil daraus ziehen können. Waren es bisher Mutter, Vater und Chefs, die ihn antrieben, so treibt er nun die Herde der ihn zerpflückenden Meute vor sich her. Doch kennt er wirklich seine Grenzen und die dieses perfiden Spiels? Kann er diese Grenzen erkennen und sie auch einhalten?

Tom Zürcher schreibt genüsslich über einen jungen Mann, dessen Welt bisher auf engen Pfaden verlief. Einmal abgebogen, findet er schwer den Weg zurück. Geheimnisumwitterte Konten, ein knausriger Vater, der plötzlich in einem ganz andere Licht erscheint, eine Mutter, die endlich aufwacht, Kollegen, deren Moral so weit im Keller ist, dass wohl niemals ein Lichtstrahl diesen erhellen könnte – und aus Dick Meier wird Mobbing Dick. Der Lesegenuss des Jahres!

Willnot

Wer ist Willnot? Will er einfach nicht mehr und setzt allem ein grausames Ende? Nein, die Frage muss lauten: Was ist Willnot? Willnot liegt irgendwo im Nirgendwo der USA. Kein Redneck-Country, in dem auf alles angelegt wird, was keine Latzhose trägt. Vielmehr ein Ort, in dem man viel Zeit hat nachzudenken. Abwechslung Fehlanzeige. Bis, ja bis eines Tages in einer Grube Leichen gefunden werden. Der Arzt Lamar Hale wird gerufen, es könnte ja sein, dass es hier noch was zu tun gibt. Nicht für ihn, für ein Spezialteam von Ermittlern dafür umso mehr.

Für Lamar Hale einmal mehr Anlass nachzugrübeln, Parallelen zu ziehen, sein eigenes Leben in Abschnitten Revue passieren zu lassen. Und wie es der Zufall will, bleibt es nicht dabei. Brandon Lowndes steht unversehens vor bzw. hinter ihm. Kennt er ihn noch? Weiß er, wer er ist? Ja! Nur zu gut. Brandon war einmal Patient bei ihm. Ist nun auf der Durchreise. Oder so was in der Art. Eine seltsame Begegnung. So schnell und emotionslos sie begann, so schnell und emotionslos ist sie auch schon zu Ende. Typisch Willnot. Kaum hier, will man auch schon wieder weg.

Die Eigenartigkeiten nehmen kein Ende. Auch das FBI ist auf den unauffälligen Ort aufmerksam geworden. Das FBI in Person von Agent Theodora Odgen. Wenn irgendwo (im Nirgendwo) eine Grube mit Leichen gefunden wird, sind die Schlapphüte, die schon lange nicht mehr getragen werden, nicht weit weg. Doch Agent Ogden ist nicht an dem Massengrab interessiert. Ein Brandon Lowndes ist das Ziel ihrer Fragen. Hale antwortet pflicht- und wahrheitsgemäß, was er weiß. Brandon war Patient bei ihm, ist auf der Durchreise und wird von den meisten nun Bobby genannt. Mehr kann er ihr nicht liefern. Ist halt so, in Willnot.

Sie weiß mehr über Brandon, der nun Bobby genannt werden will. Elitekiller, gutes Auge, ruhiger Abzug. Kriegseinsatz. Und fahnenflüchtig. Hat er was mit der Grube zu tun? Nicht als Täter, sondern als … ja als was eigentlich? Brandon taucht wieder auf. Freude darüber empfindet niemand. Denn Bobby, also Brandon, liegt im Krankenhaus. Schussverletzung. In den Rücken. Und da man in Willnot ist, passiert was? Brandon verschwindet wieder. Alles mysteriös ohne dabei Geister zu beschwören. Die einzigen Geister, die hier in Unwesen treiben, sind die Geister der Vergangenheit, die den Doc und alle um ihn herum ab und zu mal piesacken. Alles nicht so dramatisch.

James Sallis beschreibt in unnachahmlicher Art und Weise einen Ort, den man schlecht einordnen kann. Soll man ihn meiden? Warum? Alles ist friedlich. Die Grube? Ja, die könnte einem schon Angst einjagen. Aber so richtig greifbar ist die Gefahr nicht. Der Schleier des Verborgenen, des noir hüllt Willnot in ein dichtes Geflecht aus Ungesehenem, Unhörbarem und unstillbarer Neugier. Je weiter man in den Roman vordringt, desto konfuser wird das ohnehin nur spärlich brennende Licht der Erkenntnis. James Sallis trat (s)ein schweres Erbe von „Driver“ an. Mit „Willnot“ ist er fulminant zurückgekehrt auf die Bühne der Autoren, die ihr Geschichte zwischen den Zeilen erzählen. Wer nicht schon auf Seite Zwei erfahren will, wer wem warum den Garaus gemacht hat, wird in „Willnot“ ein düsteres Spektakel vorfinden, das keinen Vergleich scheuen braucht. Einzigartig!

Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.