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Nächtliche Erklärungen

Manchmal passiert es, dass man sich bedanken möchte ein bestimmtes Buch lesen zu dürfen. Im Falle von „Nächtliche Erklärungen“ ist es so und Edem Awumey lässt den dankbaren Leser sogar am Entstehungsprozess teilnehmen.

Ito Baraka ist Autor. Er lebt in Kanada, in der Nähe von Ottawa. Er will schnellstmöglich sein neues Buch abschließen. Denn er wird sterben. Das müssen wir alle irgendwann einmal. Doch sein Irgendwann steht fast schon vor der Tür. Leukämie. Für sich und für seine drogensüchtige Freundin Kimi Blue will er den Roman abschließen, der sein Leben nicht mehr verändern wird.

Ito Baraka stammt aus Westafrika, aus einem Land, in dem ein Diktator mit unnachgiebiger Brutalität seiner Angst vor Machtverlust versucht der Lage Herr zu werden. Ito ist Student. Zusammen mit anderen übt er Theaterstücke ein, ist politisch aktiv. Die Prügelschergen des Regimes kommen ihnen bald auf die Schliche. Ito wird verhaftet, eingekerkert, verhört, gefoltert. Sein Zellengenosse Koli Lem gehört zu einer zweiten Sorte Gegner, die mit Vorliebe von den Diktatorensöldnern verfolgt wird. Intellektuelle und Menschen, denen man aufgrund ihres Charismas und ihrer angeblichen magischen Kräfte von Natur aus nicht trauen kann. Zumindest wenn man als Alleinherrscher ein ruhiges Leben führen möchte. Koli und Ito werden Freunde. Ito liest Koli immer wieder aus Büchern vor, denn Koli hat man das Augenlicht genommen. Wochenlang zwang man ihn ungeschützt in die Sonne zu starren.

Schon in den ersten Absätzen zieht der Autor den Leser in eine Zeit und in ein Land – es könnte Togo in den 80er Jahren sein, wo Edem Awumey geboren wurde – in dem jeder Funken von Freigeist mit äußerster Härte erstickt wird. Ito konnte fliehen. Er hat sich in Kanada ein neues Leben aufgebaut. Kein Luxusleben. Aber ein freies Leben. Er ist sogar so frei, dass er seine eigene Vergangenheit nun mit Abstand betrachtet anderen zugängig machen will und es vor allem auch kann.

Die Wucht der Worte fegen jeden eventuellen Zweifel hinweg, dass es wieder ein Buch über Folter und Flucht sein könnte, wie es schon so viele (zu viele?) gibt. Es als eindringlich zu beschreiben, würde der Wahrheit nicht annähernd gerecht werden. Ganz tief wühlt Awumey lässt Ito Baraka in seinem Leben wühlen. Das Blut gerät in Wallung, aber statt zu hassen, sieht Ito in seiner Vergangenheit mehr die Chance für einen Neubeginn. Auch wenn seine Zeit endlich ist.

Im riesigen Bücherstapel afrikanischer Literatur und Literatur über Afrika sticht „Nächtliche Erklärungen“ durch seine Schonungslosigkeit und die einzigartige Wortwahl heraus.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Kalender 2021 Wilde Tiere

Was ist (nicht nur für Kinder) das Schlimmste am Zoobesuch? Dass er einmal zu Ende ist und der Weg nach Hause das sichere Ende eines ereignisreichen Tages bedeutet. Es gab Zeiten, da wurde diese sichere Erkenntnis um ein weiteres Highlight hinausgezögert. Denn war man dann wieder in den eigenen vier Wänden, wurden diese umgehend mit einem farbenprächtigen Plakat in Übergröße verschönert. Dann strahlten buntgefiederte Papageien von der Wand, jede Schwanzfeder bei genauerem Betrachten ganz deutlich sichtbar. Oder das gefleckte Felle des Leoparden, den man einige Stunden zuvor noch in seiner arenaartigen Umgebung um dessen Geschmeidigkeit bewunderte. Der kolossale Elefant, der freundlich mit dem Kopf nickte, zwinkerte einem nun vor dem Zu-Bett-Gehen zu. Tja, diese Zeiten sind vorbei.

Nicht ganz! Das Jahr 2021 bringt diese kinderaugenleuchtenden Zeiten mit einem Umblättern zurück. Jede Woche ein neues wildes Tier, das im nostalgischen Gewand mehr als nur Wandschmuck ist. Die kurzen Infotexte lassen die Abbildungen lebendig werden, und so ganz nebenbei kann man auch noch den Wochentag ablesen wie es sich für einen Kalender gehört.

Hingucker sind und bleiben aber die wilden Tiere und ihre Darstellung, die den Forschergeist im Betrachter ein ums andere Mal befeuern.

Feinste Pinselstriche lassen das Fell der Giraffe greifbar machen, kunstvoll gesetzte Farbtupfer glänzen auf so manchem Federkleid mit der Sonne um die Wette.

Die historische Darstellung des Nashorns stammt aus einer der berühmtesten Künstlerphantasien: Albrecht Dürer. Er kannte das Rhinocerus nur aus Erzählungen, er hat nie eines gesehen. Dennoch malte er ein Exemplar so detailreich, dass es jahrhundertelang als gegeben angesehen wurde. Erst mir den menschenverachtenden Kolonialshows, einer Art Zirkus, wurde das Abbild eines der Big Five zurechtgerückt.

Doch auch kleinere „Wilde“ erstaunen den Faunafreund. So große Hirschkäfer sieht man in freier Wildbahn nicht. Die Zeichnungen sind so exakt, dass sogar kleinste Härchen zu erkennen sind. Trollige Tiere wie das Gürteltier, imposante Herrscher der Lüfte wie der Königsgeier, wendige Jäger wie die Klapperschlange zeigen das enorme Spektrum, dass Mutter Natur ihren Geschöpfen angedeihen ließ. Die Zeichnungen sind nicht einfach alt und vergilbt. Sie sind Zeugnisse ihrer Zeit und haben seit ihrer Entstehung nichts an Anziehungskraft verloren.

Sächsische Schweiz

Die Schweizer müssen doch verrückt werden! Überall, wo es Berge gibt, heißt es gleich Schweiz. Die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz sind die berühmtesten. In der Sächsischen Schweiz ist die höchste Erhebung aber gerade mal ein Achtel so hoch wie die höchste Erhebung der Alpenrepublik. Wobei es dort immer wieder Diskussionen gibt, welche denn nun diesen Titel tragen darf.

Dass die Sächsische Schweiz mit der originären Schweiz nur wenig zu tun hat, liegt aber nicht nur daran, dass kein Gipfel im vierstelligen Bereich auszumachen ist, sondern vor allem daran, dass sie wirklich einzigartig ist. Der Elbsandstein gab ihr den eigentlichen Namen, Elbsandsteingebirge. Für Kletterer ein Sinnesrausch erster Klasse. Für „normale“ Besucher ein Erholungsort, der je nach Anfahrtsweg gleich vor der Haustür liegt. Leider schafft es die Region nur bei Hochwassern regelmäßig in die Nachrichten. Wer schon einmal mit dem Zug gen Prag – oder in umgekehrter Richtung – gefahren ist, wird unmissverständlich in den Sog der Begeisterung gezogen, den die Landschaft unbestritten ausübt. Und mit der Festung Königstein gibt es hier einen Ort, der über die Landesgrenzen hinaus die Besucher in Strömen anzieht.

Doch das ist bei Weitem noch lange nicht alles, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Detlef Krell beweist detailreich, dass man hier durchaus mehrere Tage, Wochen, Monate zubringen kann ohne dass ein einziges Mal Langeweile aufkommen könnte.

Von den offensichtlichen Punkten, die man einfach gesehen haben muss, über teils verschlungene Pfade bis hin zu Orten, die man ohne grundlegende Ortskenntnisse und ohne dieses Reisebuch wahrscheinlich niemals entdecken würde, führt er ein in eine Region, die eine große Dichte an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Und um die man sie mancherorten sicherlich beneidet. Wie zum Beispiel die Gemeinde Rosenthal-Bielatal. Der Begriff Ruhefinden scheint eigens für diesen Ort erfunden. Oder die Umgebindehäuser im Weißbachtal. Der rustikale Charme lässt automatisch den Wanderschritt verlangsamen. Wen es nach so viel Erholung und Entschleunigung dann wieder in den Trubel der Stadt zieht, für den hat das Kapitel über die sächsische Landeshauptstadt so manche Überraschung im Reisegepäck.

Man kann die Sächsische Schweiz auch ohne Reisebuch erkunden. Immer der Menschenschlange folgen, sich einreihen und dann Aussichtspunkten warten bis man an der Reihe ist. Wer jedoch ungestört als Erster in der Reihe stehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Die Karten sind übersichtlich, die Tipps ausgeklügelt und sorgfältig ausgewählt.

Ich bin ein japanischer Schriftsteller

Haïti – Montreal – Sarajewo – Japan. Klingt nach einer ereignisreichen Reise. Für den Autor, der in diesem Buch mit den Tücken seines neuesten Werkes zu kämpfen hat – ist es die Reise seines Lebens.

Auf Haïti geboren, wohnt er seit Jahren in der kanadischen Metropole Montreal. Er hat sich in den Kopf gesetzt ein Buch zu schreiben. Nichts Außergewöhnliches für jemanden, der mit Bücher schreiben sein Geld verdient. Seine Stärke ist es sofort einen Titel parat zu haben: „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ – so soll es heißen. Ein bisschen Input wäre da jetzt wünschenswert und ratsam. Er macht sich auf die Suche nach Japan. Japanern. Japanerinnen?! Ein Koreaner (!) ist ihm dabei eine große Hilfe. Er solle ins Sarajewo gehen, ein Café, in dem sich Midori öfter aufhält. Sie ist Künstlerin und gerade auf dem steilen Weg nach oben. Gesagt – getan. Das ist es doch, was er suchte. Auf den Spuren von Bashô zu wandeln, seinem Lieblingsautor aus Japan, der vor Jahrhunderten lebte, ist die eine Sache. Doch ein Buch mit solch einem Titel schreiben zu wollen, erfordert Lebendiges.

Tja, wenn das mal so einfach wäre! Denn die Hofschranzen um Midori sind schwärzer als britischer Humor und die eigene Hautfarbe. Midori strahlt mit der Sonne um die Wette und ihre Gefolgschaft überbietet sich im Intrigieren. Japanische  Erfahrungen – so sehen sie aus, so hat er sich das nicht ausmalen können. Als dann auch noch eine der Damen aus dem Umfeld von Midori eine nicht gerade freiwillige Flugstunde unternimmt – der Autor ist anwesend – wird die Sache langsam brenzlig.

Das noch nicht geschriebene Buch erregt auch die Aufmerksamkeit der Behörden. Der japanischen Behörden. Der japanischen Behörden in Montreal. Sie sind – um es milde auszudrücken – nicht sonderlich erfreut, wenn jemand, der noch nie in Japan war, die Sprache nicht spricht und vor allem schon gar nicht wie ein Japaner aussieht, sich erdreistet ein Buch zu schreiben, das den Titel „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ trägt, zu veröffentlichen. Das Gerücht um das zieht einen gigantischen Tsunami nach sich. In Japan ist es mit einem Mal trendy sich im Stil des Buches zu geben. „Ich bin ein koreanischer Soldat“ ist nur ein Jugendphänomen, das die Gesellschaft im stolzen Inselstaat erschüttert. Und der Autor selbst? Er ist verwundert, dass etwas, was lediglich in der Phantasie existiert, so stark die Gemüter in Wallung bringt.

Dany Laferrière ist ein Meister des Wortes. Gewitzt, naiv, intelligent führt er sich und den Leser am Nasenring durch eine Arena, die durch kein Argument der Welt in ihren Grundfesten erschüttert werden kann. Wie ein hungriger Wolf nach Nahrung treibt er den Leser durch die Irrungen und Wirrungen des momentanen Lebens seines heldenhaften Kollegen. Japan zu kennen ist keine Grundvoraussetzung dieses Buch zu lieben. Man muss lediglich den Kopf offenhalten. Dann ist dieses Buch ein wahrer Schatz.

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Die Annonce

Was erfordert mehr Mut? Eine Kontaktanzeige aufzugeben oder sie zu beantworten? Für Paul ist es das Erste, für Annette das Zweite. Er, der Bauer aus den einsamen Höhen der Auvergne. Sie, ein paar Jahre jünger, Aushilfskassiererin aus dem äußersten Norden. Man trifft sich. Zuerst abwartend, anständig Abstand haltend auf halber Strecke. Es passt, es könnte passen.

Beide haben ihren Rucksack zu tragen. Annettes ist voller Erinnerungen, die sie abladen will. Abladen muss. Denn da ist noch Èric, ihr Sohn. Den Vater kann man getrost vergessen. Das Blut, das in beider Adern fließt, ist bei Didier, dem Erzeuger, mit allerhand Alkohol verflüssigt.

Paul hingegen hat seinen emotionalen Rucksack immer vor Augen. Zum Einen seine Schwester, die den Hof in Schuss hält. Zum Anderen sind da noch die beiden Onkel. Die grauen Eminenzen des Anwesens, die sich in ihrer brüderlichen Einsamkeit eingerichtet haben. Das ist nichts für Paul. Einmal in der Woche mit dem Auto fahren, und das als das höchste der Gefühle – neben dem Fernsehprogramm – zu erachten … non! Paul will mehr. Er will eine Frau. Das mit den Kindern bekommen, naja, das wird wohl nichts mehr.

Annette wird Teil der Viererbande auf dem Hof. Willkommenskultur – Fehlanzeige. Jede Veränderung wird erstmal misstrauisch, ja fast schon missmutig begutachtet. Annette und Pauls Schwester und deren Onkel – das ist eine Gleichung, die nie aufgehen wird. Nur Paul ist als Korrektiv, als fester Punkt das Einzige, das Annette hier bleiben lässt. Und außerdem: Was soll sie denn oben im Norden? Da ist nichts, was sie hält. Eher vieles mehr, das sie forttreibt. Und für Èric ist diese verlassene Gegend allemal besser als das gewohnte rohe Umfeld.

Marie-Hélène Lafon lässt mit einem umfangreichen Wortschatz eine zarte Beziehung erblühen, die auf den ersten Blick jedem Gärtner die Tränen in die Augen treibt. Zärtlichkeiten und Liebkosungen weichen gehorsam der Rationalität der ewigen Ruhe in diesem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Wer von „Hier ist die Welt noch in Ordnung“ spricht, kennt den Hof von Paul, seiner Schwester und seinen Onkeln noch nicht. Man arrangiert sich, mit sich und mit dem Leben. Doch idyllisch ist die Gegend nur für Besucher. Es ist harte Arbeit den Hof am Laufen zu halten. Zwist, gar Niedertracht, verdunkeln nur allzu oft die Fröhlichkeit, die dieser Landstrich so gern kundtut. Die Beziehung zwischen Paul und Annette ist kein romantisch verklärtes Happyend-Stück, das die Herzen erwärmt. Ihre Beziehung bewegt durch die Sprachgewalt ihrer geistigen Mutter. Mit Distanz mit gleichzeitigem Tiefschürfen strahlt man über das ganze Gesicht, wenn Paul und Annette sich hier ein neues Leben aufbauen wollen.

Der Felsengarten

Drei Inseln gehören zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, in der Galway Bay. Hier ist das Leben noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Nur ein paar mehr als tausend Menschen leben hier. Fischfang ernährt sie. Der Pub ist gut besucht. Als Doc oder Polizist hat man es schwer, denn Anrufe kommen stets bei Nacht. Und dann muss man raus, egal bei welchem Wetter. Wenn man dann auf eine andere Insel muss, der Sturm ein rauschendes Fest feiert, ist es mit den paradiesischen Zuständen vorbei.

McHugh ist der örtliche Doc. In seinem Haus kurieren sich die Besserverdienenden aus. So auch John Michael Flaherty. Seit einem Unfall ist er da. Was war, weiß er nicht mehr. Oder er will es nicht mehr wissen. Viel Mühe sich zu erinnern gibt er sich allerdings auch nicht. Das lässt McHugh verzweifeln. Flahertys Frau Peig besucht John Michael regelmäßig. Immer wieder das gleiche Spiel, nix Neues. McHugh gibt John Michael fast schon auf. Peig ist sich unschlüssig.

Ihr Hochzeitstag, ein Anlass, der hier auf den Inseln ab dem zehnten Jubiläum kaum noch wahrgenommen wird, ist fester Bestandteil ihres Jahresplans. Selbstverständlich besucht sie John Michael, … und genau so selbstverständlich wird McHugh wieder Fragen stellen. Wie war das damals? Nach dem Unfall? Irgendwelche Erinnerungen? Und Peig weiß nix Neues zu berichten. Genauso wie John Michael, der die Fragestunde viel öfter erleben muss. McHugh … naja der muss nun beiden die Fragen stellen … und auch er bekommt keine Antworten. Nur eine Geschichte von vielen, die in der Abgeschiedenheit der Galway Bay spielt, die in Wirklichkeit am Festland zu den Anziehungspunkten für Touristen schlechthin zählt.

Man spricht gern von Irlands rauhen Küsten. Ein besonderer Menschenschlag wohnt hier. Fortschritt bedeutet hier nicht immer das gleiche wie auf dem Festland. Veränderungen werden erstmal und für eine sehr lange Zeit misstrauisch beäugt. Und hier im scheinbaren Paradies lässt Leo Daly seine Helden die Hölle durchlaufen…

„Der Felsengarten“ ist ein ruhiges Buch, das bereits vor drei Jahrzehnten geschrieben wurde und nun endlich dank der Übersetzung von Chris Inken Soppa auf Deutsch erhältlich ist. Wenn man oft von den so genannten kleinen Büchern spricht, darf man nicht den Fehler begehen, dass dieses Buch wegen seiner äußerlichen Unscheinbarkeit dazugehört. Große Gefühle wechseln sich mit eingehenden Momentaufnahmen der schroffen Landschaft der Aran-Inseln ab.

Irland gehört seit Jahren schon zu den Top Ten der Reiseziele. Die Aran-Inseln sind immer noch ein Geheimtipp, den man, wie man in diesem immer noch aktuellen Buch wunderbar nachlesen kann, in Ehren halten sollte. Denn sonst würden solche Geschichten für immer verschwinden…

Kalender Berliner Geschichte 2021

Was haben Ely Beinhorn, Jesse Owens und Papst Johannes Paul II. gemeinsam? Im Jahr 2021 denken wir an sie an einem bestimmten Tag. Ende Juni ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Papst die deutsche Hauptstadt besuchte. Im Januar vor neunzig Jahren bestieg Ely Beinhorn ihr Flugzeug, um – nach einem kurzen Zwischenstopp im Schwarzwald – nach siebzig Stunden am Äquator ankam. Für das Jahr 1931 eine erstaunliche Leistung, als Frau eine echte Pionierarbeit zu der Zeit.

Und Jesse Owens? Klar, dass sein Jubiläum nur mit den Olympischen Spielen 1936 zu tun haben kann. Den Hundert-Meter-Lauf, den Sprint über die doppelte Strecke und den Weitsprung hatte er schon mit Olympischen Rekord vergoldet und seine eigene Zielsetzung erfolgreich gestaltet. Am 9. August 1936 setzte er seiner Legende die Krone auf als er mit der 4x100m-Staffel zum vierten Mal Gold gewann. Am Tag zuvor hatte die Staffel im Vorlauf mit glatten vierzig Sekunden den bestehenden Weltrekord egalisiert. Bei angenehmen 22 Grad spurteten Jesse Owens, Ralph Metcalfe, Foy Draper und Frank Wykoff allen andern davon und unterboten ihre Bestmarke vom Vortag noch einmal um zwei Zehntel. Gastgeber Deutschland verbesserte sich gegenüber dem Vortag zwar auch, es reichte dennoch nur für Bronze. Auf der Tribüne schäumte die Lamettafraktion.

Geschichte und geschichtliche Daten waren im Schulunterricht meist eine langweilige Sache, wenn man mit dem Gesicht zur Tafel saß. Dieser Kalender, der von Marc Lippuner mit viel Herzblut gestaltet wurde, ist das komplette Gegenteil. Ob die Eröffnung des Palastes der Republik, dem Tod am Kleinen Wannsee, einem Attentat auf Bismarck oder der Geburt einer der wenigen echten deutschen Legenden – „Berlins janze Jeschichte“ übers Jahr verteilt sichtbar, lesbar, erlebbar.

Woche für Woche bewegt die Berliner das, was in ihrer Stadt vorgeht. Vieles geht im Laufe der Jahre wieder verloren und kommt danke solch eines Kalenders nach und nach wieder ans Tageslicht. Ein Stimmungsfänger für das ganze Jahr!

Die rote Hand

Eigentlich hatte Arnolt Streich alle Voraussetzungen für ein gutes Leben: Dank der Gnade der späten Geburt den Ersten Weltkrieg verpasst, Kinderstube in den Goldenen Zwanzigern, später Fremdenlegion und nun eine Säule des deutschen Wirtschaftswunders der Fünfzigerjahre. Doch mit den Säulen ist das so eine Sache. Sie tragen die ganze Last und die Aahs und Oohs ernten die, die man trägt. Streich legt nicht viel Wert auf Lob. Schon gar nicht auf Gesellschaft anderer. Bommel, sein Boss, ist cholerisch und wenn er Streich das Gehalt zahlen soll, muss Streich nachverhandeln. Für den dicken Boss, ein Gewinnler des Wirtschaftswunders, bewacht er Garagen, drückt dort die Klinken runter und schaut, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht zu viel Unsinn anrichten. Für ihn, den Eigenbrödler genau richtig. Aber unbefriedigend.

Am Stehbüdchen bei Ali, holt er sich immer am Anfang des Monats seine Zigarre. In der Zeitung steht dieses Mal sogar was Interessantes. Ein Waffenschieber wurde ermordet. Georg Pucherts Mercedes sieht nicht mehr so aus wie vor dem Attentat. Und Puchert selbst schon gleich gar nicht. Dass Streich wie nebenbei mittgeteilt wird, dass sich ein paar Typen – keine Polente wird ihm versichert – nach ihm erkundigt haben, lässt Streich sogar vergessen Zigaretten zu kaufen. Einer der Typen könnte Drei-Finger-Diether sein. Streich hatte ihm vor einiger Zeit mal fast den Job streitig gemacht, als er einem freier, der es partout nicht unterlassen wollte ein Mädchen zu schlagen. Streich verpasste ihm zwei Hiebe und schon war Ruhe im Karton. Doch Drei-Finger-Diether sieht es nicht gern, wenn man ihm die Ausführung verleidet… Nur Gilla, das Mädchen, das sich Streich „einmal im Monat gönnt“, sah darin etwas ganz und gar Ehrenhaftes. Vielleicht hat sich aber auch jemand was zusammengesponnen, um Streich einen selbigen zu spielen..

Schön wär’s! Denn auf dem Weg zum Boxclub von Franz Jung wird Streich abgefangen. Er solle heute nicht zu Franz kommen, ließ Franz ausrichten. Ein paar Typen, sehen gefährlich aus, hatten nach Streich gefragt. Auch wenn Streich es will, Eins und Eins macht Zwei. Und er muss Augen und Ohren offenhalten. Im besten Fall könnte es Großmann sein, der er noch Geld vom Pferderennen schuldet. Im schlimmsten Fall … das kann Streich noch nicht abschätzen.

Über kurz oder lang werden die Typen in dem eleganten französischen Wagen bei ihm auf der Matte stehen. Vielleicht kann sich Streich mit ihnen arrangieren? Und etwas über die Rote Hand herausbekommen. Die kämpfen mit allen ihnen „von Oben“ zur Verfügungen gestellten Mitteln gegen die Aufständischen in Algerien, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Dafür brauchen sie Waffen. Puchert war Waffenhändler… Streich dämmert es … zuerst ein wenig, doch dann kommt die Erkenntnis. Zu spät?

Jürgen Heimbach lässt so manchen Strick vom Himmel herab. Wessen Kopf sich in die Schlinge legt, oder ob, man die Stricke als Himmelsleiter zusammenknüpft, lässt geschickt offen. Jede Seite seines preisgekrönten Romans – Friedrich-Glauser-Preis 2020 – ist ein Puzzleteil, das dem Leser immer wieder neue Perspektiven öffnet. Spannend bis zum letzten Buchstaben!